[208] 49. Wie Schau Etietsch sich seine Frau wiederholte

Es war einmal ein Mann, der hieß Schau Etietsch und wohnte im Meere an einem Orte Etietsch. Er war in vielen Dingen bewandert und ein ausgezeichneter Meister der Segelkunst. Als er heiratete, nahm er sich eine hübsche, schöne Frau, die hieß Katin Etietsch.

Eines Tages ging Schau Etietsch ans Meer zum Fischen, und seine Frau begleitete ihn. Als sie am Strande angekommen waren, verankerte Schau Etietsch das Boot und sagte zu seiner Frau, sie solle sich während der Zeit, wo er abwesend sei, davor hüten, etwa einzuschlafen oder den Arm aus dem Boot hängen zu lassen. Die Frau antwortete ihrem Manne, sie werde die Ermahnungen befolgen.

Dann tauchte Schau Etietsch im Meer unter; denn so war es seine Art zu fischen: am Tage tauchte er im Wasser unter und erschien gegen Abend wieder an der Oberfläche. Schau Etietsch war also verschwunden, und seine Frau mußte warten, bis er wiederkam. Dabei wurde sie müde; sie schlief ein, und der eine Arm hing zum Boote heraus. Da rann das Öl, mit dem sie ihren Körper gesalbt hatte, vom Arm herab, [208] und die Wellen trugen es zum König Schautelur nach Ponape. Als Schautelur das Öl bemerkte, ließ er seinen Diener, den Schaukampul, kommen und befahl ihm, die Frau zu suchen und herbeizubringen, von der das Öl herstammte. Schaukampul zog los und suchte die Frau, die er schließlich im Boote des Schau Etietsch fand. Er bemächtigte sich der Frau und trug sie nach Ponape fort, wo König Schautelur sie zu seiner Gemahlin machte.

Inzwischen war der Tag verstrichen, und Schau Etietsch erschien wieder. Als er an die Oberfläche kam, bemerkte er, daß seine Frau nicht mehr im Boote saß. Er suchte sie überall, und als er sie nirgendwo fand, ging er nach Hause und war lange Zeit tief bekümmert.

Schließlich dachte er darüber nach, wie er sich wohl ein Fahrzeug, das wir Fliegebeutel nennen, verfertigen könnte, um damit loszufahren und umherzufliegen. Eines Tages nahm er seine Axt und ging in den Wald. Er befragte alle Bäume, ob sich unter ihnen etwa das Leichtholz befände. Die Bäume antworteten aber alle nein. Da wurde Schau Etietsch ungemütlich, denn er mußte sich ja eingestehen, daß dann allerdings sein Vorhaben vergeblich sein würde. Er zog weiter, und weil er müde war, legte er sich bald zum Schlafen nieder. Nun hatte er einen Baum zu fragen vergessen, das war der Par-Baum1. Als er schlief, erschien ihm der Baum im Traum; einige Blätter flogen von ihm herunter und fielen auf den Schläfer nieder. Als Schau Etietsch nachher erwachte, sah er die Blätter; da siel ihm der Par-Baum wieder ein; er ging hin und schlug ihn um. Er fällte den Baum und konnte sich nun einen Fliegebeutel machen. Als er ihn fertig hatte, fuhr er los und flog über dem Meere hin und her, bis er schließlich Ponape fand.

Er gelangte nach der Landschaft Matolenim und flog darüber hin; da sah er, wie Schautelur mit seinen Leuten auf dem Großen Sande vor Matolenim fischte. Als er die Fischereiflotte bemerkt hatte, ließ er sich auf dem Boote von [209] Schautelur nieder. Schautelur freute sich nicht wenig über den fremden Vogel und befahl seinen Leuten, recht viele Fische herbeizutragen und sie dem fremden Vogel zu essen zu geben. Und Schautelur und seine Leute freuten sich wieder, als der Vogel die Fische verzehrte; sie wußten ja nicht, daß Schau Etietsch darin saß. Dann trugen sie ihn ans Land und brachten ihn ins Haus des Schautelur. Hier fand Schau Etietsch Katin Etietsch wieder; und weil er sie solange überall vergeblich gesucht, freute er sich sehr, daß er sie endlich gefunden hatte.

Schautelurs Leute nahmen nun den Vogel und wollten ihn unterm Dachbalken des Hauses aufhängen. Doch allemal, wenn sie ihn aufgehängt hatten, fiel er sofort wieder herab, weil er nur an einem Platze bleiben wollte, der seiner Frau recht nahe war. Schließlich hingen sie ihn auch dicht neben der Frau auf, und jetzt fiel er nicht mehr herunter. Dann aßen alle tüchtig und freuten sich über ihren Vogel aus der Fremde.

Eines Tages gingen Schautelur und seine Leute wieder hinaus, um zu fischen. Katin Etietsch und eine Frau gingen nicht mit. Die Frau hieß Litu und bediente sonst den Schautelur. Die beiden blieben also allein beim Vogel zurück. Einmal ging Litu hinaus, um Wasser zu trinken. Da nahm Schau Etietsch etwas Öl und benetzte damit die Füße seiner Frau. Katin Etietsch rieb es auseinander, roch daran und bemerkte, daß es ebenso roch wie das Öl ihres Mannes. Nun fing Schau Etietsch in seinem Fliegebeutel zu reden an und sagte: »Ich bin hier!« Jetzt wußte die Frau, daß ihr Mann da war, und sie freute sich sehr. Schau Etietsch nahm aber seine Frau, tat sie in den Fliegebeutel und flog fort.

Als Schautelur den Vogel erblickte, meinte er, er wolle Fisch essen; der Vogel ließ sich auch auf seinem Boot nieder; er befahl daher seinen Leuten, Fische herbeizubringen und dem Vogel zu essen zu geben. Als der Vogel satt war, flog er weiter. Er flog in die Höhe, bis er fast den Himmel [210] streifte. Da trat die Frau aus dem Fliegebeutel heraus und winkte dem Schautelur zu und grüßte die Leute.

Wie Schautelur sah, daß der Vogel ihm seine Frau entführte, zerbrach er sein Netz, eilte in sein Kanu, wo er sich hinlegte und starb.

Schau Etietsch brachte aber seine Frau nach Hause und war wieder vergnügt. Solch ein Fahrzeug nannte man in alten Zeiten Fliegebeutel.


Schaulik en Schokola und Nanaua en Tolakap (Märchenerzähler auf Ponape)
Schaulik en Schokola und Nanaua en Tolakap (Märchenerzähler auf Ponape)
1

Erythrina,Leichtholzbaum.

Quelle:
Hambruch, Paul: Südseemärchen. Jena: Eugen Diederich, 1916, S. 208-211.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon