[270] 66. Iwa der Meisterdieb von Oahu

[270] Im alten Hawaii war das Stehlen eine ehrliche Sache. Man pflegte es, doch mußte man auch gewisse natürliche Anlagen dafür mitbringen. Aus den Tagen von Kapitän Cook und der Entdeckung ist solch ein Häuptling bezeugt, der ausgezeichnet stehlen konnte. Als Cook die Insel Kauai auffand, kam als erster ein Häuptling namens Kapu-puu (der heilige Berg) nach den Schiffen heraus. »Da gibt es viel Eisen (hao)«, sagte er. »Ich will ›hao‹ (stehlen) das hao, denn ›hao‹ (rauben) ist mein Lebenselement« – oder wie man sich anders ausdrückt: »Plündern ist mein ganzes Leben, ist mir vertraut wie Haus und Land.« Der Häuptling wurde jedoch dabei abgefaßt; man schoß auf ihn, und er wurde getötet. Die Eingeborenen machten Kapitän Cook seinen Tod niemals zum Vorwurf; der Dieb hatte sich eben ungeschickt benommen; denn das Stehlen galt erst als Verbrechen, wenn man sich dabei abfassen ließ.

Die Geschichte von Iwa, dem Meisterdieb, ereignete sich in den Tagen, als Umi König von Hawaii war, der vierzehn Generationen vor König Kamehameha dem Ersten lebte. König Umi ist bei den Hawaiiern wohl bekannt, und viele Geschehnisse werden in seine Zeit verlegt.

Als Umi herrschte, lebte in Puna auf Hawaii ein Fischer, namens Keaau. Weit und breit war er dafür bekannt, daß er mit einer wundervollen Muschel Unmengen Fische fangen konnte. Es war eine Tigermuschel, mit der man Tintenfische angelt. Sie hatte ihren eigenen Namen und hieß Kalokuna. Wenn Keaau vom Fischfang zurückkam, war das Kanu stets voller Fische. Nach einer Weile sprach jedermann von ihm; auch Umi hörte von der wunderbaren Tigermuschel und dem Fischer.

Umi wohnte damals in Kona und fing seine Fische, wie es damals üblich war. Er schickte einen Boten zum Fischer und [271] befahl ihm, mit der Muschel nach Kona zu kommen, um einmal eine Probe von seinem Geschick abzulegen. Und der König, der frei über das Eigentum seiner Untertanen verfügen durfte, nahm dem Fischer die Muschel weg.

Keaau war darüber sehr bekümmert; er ging deshalb zu einem Manne, der auf ganz Hawaii wegen seiner Stehlkunst berühmt war, und bat ihn, ihm doch die Muschel wieder zu verschaffen. Er brachte ihm eine ganze Bootsladung von seinen Sachen mit: ein Schwein, Früchte, Kawa, schwarz-weiße und gesprenkelte Tapa – und schenkte sie dem Dieb, damit er ihm die Muschel wiederhole. Aber kein Dieb, auch die auf den andern Inseln von Hawaii, Maui oder Molokai nicht, war geschickt genug, um dies Vorhaben auszuführen. So fuhr er nach Oahu und traf dort einen Fischer, der ihn nach herkömmlichem Brauch einlud, an Land zu kommen und sein Gast zu sein. Als das Essen beendet war, fragte er nach dem Zweck der Reise. Er erzählte ihm nun, wie er seine wunderbare Muschel verloren hätte, und sagte, daß er herumreise, um den »Dieb zu finden, der mir die Muschel wieder beschafft, welche des Häuptlings starker Arm mir entwunden hat«.

Die Leute von Oahu erzählten ihm darauf von Iwa und seiner großartigen Stehlkunst. Er sollte nur mit dem Boot um Mapapo herumfahren und dann landen, alsbald würde er ein Bürschchen ohne Lendenschurz treffen. Dem sollte er ein Geschenk geben – die schönen Sachen im Boot.

Er fand den Burschen und schenkte ihm die Sachen. Sie schlachteten das Schwein und brieten es zwischen heißen Steinen. Dann aßen sie, und der Bursche fragte den Fremden, weshalb er zu ihm gekommen wäre. Der Fischer erzählte ihm von der erlittenen Unbill und bat Iwa, doch mitzufahren und ihm die Muschel wieder zu verschaffen. Iwa sagte ja; sie schliefen noch eine Nacht aus und rüsteten sich dann zur Fahrt nach Hawaii.

Bei der Abreise setzte er Keaau vorn hin; er selbst nahm hinten Platz, um zu steuern und zu paddeln. Die Paddel hieß [272] »Kapahi«, das bedeutet »Zerstreue das Wasser«. Iwa riet dem Fischer, scharf nach Land auszugucken; dann redete er zur Paddel und sagte: »Ozean und See des Iwa, ihr sollt euch vereinen!« Dann stieß er die Paddel ins Wasser, und sogleich sauste das Boot an den kleinen Inseln vor der Küste vorbei und kam nach Niihau. Von Niihau gelangte er mit vier Paddelschlägen an die Küste von Hawaii, wo Umi mit den anderen Häuptlingen fischte. Auf einem Boot hatte man eine kleine Palmblatthütte errichtet, damit der Fischer vor der Sonne beschattet wurde. Iwa fragte, ob es das Königsboot wäre; und als er Bescheid wußte, fuhr er schnell mit seinem Boot hinter eine Landspitze und schickte sich an, zu tauchen. Er sagte zu seinem Freund: »So, ich will jetzt gehen und die Tigermuschel stehlen.«

Er sprang ins Wasser und sank bis auf den Meeresgrund hinab. Dann wanderte er unter dem Meere entlang, – seine Zauberkräfte halfen ihm – und kam an die Stelle, wo der König fischte. An der Bordseite des Königsbootes hing eine Leine herab, an welcher die Muschel befestigt war. Iwa begab sich ruhig unter das Boot, ergriff die Muschel, zog sie auf den Meeresgrund herab, zerschnitt die Leine und band sie an eine der scharfkantigen Korallen fest; dann ging er wieder zu Keaau zurück, der auf ihn wartete. Unterwegs griffen ihn riesige Tintenfische und anderes Teufelsgetier an; sie versuchten, ihm die Muschel zu entwinden, doch es gelang ihm mit seinen Zaubersprüchen und der Unterstützung durch die Götter nach dem Boote zu entkommen; er kletterte wieder hinein, gab dem Fischer die Muschel und sie fuhren wieder nach Puna heim. Dort wohnte er eine Weile bei Keaau.

Als der Dieb die Leine des Umi herabzog, meinte der König, es hätte ein gewaltig großer Tintenfisch angebissen; er ließ die Leine auslaufen, damit sie nicht entzweiriß und die Muschel verloren ging; als er sie aber wieder aufholen wollte, wurde sie unten festgehalten. Nun mußten die Taucher aus dem ganzen Lande herbeikommen und ihr Heil versuchen; doch niemand vermochte auf den Meeresgrund hinabzutauchen. [273] Zehn Tage und zehn Nächte verbrachte er im Boote. Dann ließ er in ganz Hawaii nachfragen, wer das Tauchen in große Tiefen verstünde; doch alle berühmten Taucher versagten. Die Boten kamen auch an den Ort, wo sich Iwa aufhielt. Keaau befand sich auf dem Fischfang. Iwa führte den Boten an die Stelle, wo der Fischer Tintenfische trocknete und zeigte ihm den recht ansehnlichen Fang. Dann fügte Iwa hinzu: »Geh und bestelle dem König, daß die Muschel nicht an der Leine sitzt, sondern daß ein Felsen sie festhält.«

Der Bote kehrte zum König zurück und erzählte ihm, was Iwa gesagt hatte. Darauf sandte der König Eilboten, die sollten laufen und ihm den Iwa bringen. Der Bursche willigte ein, zum Umi zu kommen, und er war eher da als die abgesandten Eilboten zurück waren. Als er vorm König stand, erzählte er ihm die ganze Geschichte und sprang ins Wasser, er brach ein Stück von dem Felsen los und brachte das Stück mit der daran festsitzenden Leine mit nach oben. Da, begehrte Umi, daß Iwa wieder nach Puna zurückging und die Muschel für ihn zurückstehle. Iwa begab sich darauf in das Fischerhaus und stahl in der Nacht die Muschel – diesmal für den König.

Als Umi die Muschel wieder hatte, freute er sich sehr über die Geschicklichkeit des Diebes. Und er erinnerte sich an sein heiliges Steinbeil im Waipio-Tal; da gedachte er, den Dieb einmal auf die Probe zu stellen.

Dies heilige Steinbeil war tatsächlich Eigentum des Umi, des Sohnes von Liloa, aber es wurde ständig im Tabu Heiau (heiliger Tempel) von Pakaalana im Waipio-Tal aufbewahrt. Zwei alte Frauen bewachten das Beil. Es war in der Mitte eines Seils befestigt; das eine Ende davon war um den Hals der einen, das andere um den der anderen alten Frau geschlungen. So trugen sie die Zierbänder des heiligen Beils. Als Umi den Dieb fragte, ob er dies Beil stehlen könne, antwortete Iwa, er würde es versuchen; er wartete, bis die Sonne nahezu untergegangen war, dann lief er schnell ins Waipio-Tal; und als ob er ein Königsbote [274] war, der das Tabu über das Land verhing, rief er den Leuten zu:


»Schlaft – schlaft ob des heiligen Steinbeils des Umi!

Tabu – niemand darf das Haus verlassen!

Tabu – kein Hund darf bellen!

Tabu – kein Hahn darf krähen!

Tabu – kein Schwein darf grunzen!

Schlaft – schlaft bis das Tabu vorbei!«


Fünfmal verkündete er das Tabu; er fing damit in Puukapu bei Waimea an und begab sich dann auf den Weg nach Waipio. Als er das Tabu verhängt hatte, ging er nach der Stelle, wo die beiden Alten das Beil bewachten. Er rief wieder: »Schlaft ihr schon?« und sie antworteten: »Wir sind hier, aber wir schlafen noch nicht.« Er rief wieder: »Wo seid ihr? Ich werde jetzt das heilige Beil des Umi anfassen und dann zurückkehren und erzählen, daß meine Hand das heilige Beil des Königs berührte.«

Er ging ganz nahe heran, nahm das Beil und zog die Schlingen um die Hälse der Frauen so fest zusammen, daß sie erschraken und übereinander hinwegpurzelten. Dann schnitt er das Band durch und lief schnell über den Abgrund zurück. Die alten Frauen kamen schließlich voneinander los und schrien: »Das heilige Beil des Umi ist gestohlen worden! Der Dieb ist nach Waimea entflohen!« Die Leute verfolgten den Iwa von einem Ort zum andern, aber sie konnten ihn nicht einholen und verloren ihn schließlich gänzlich aus den Augen.

Iwa begab sich zum König und legte sich zum Schlafen nieder. Als die Leute ihn am andern Morgen schlafend sahen, erzählten sie dem König, daß Iwa gar nicht fort gewesen wäre; und wie er erwachte, wurde er vor den König befohlen, der zu ihm sagte: »Na, hast du das heilige Steinbeil nicht geholt?«

»Das mag schon recht sein,« antwortete der Gefragte, »aber hier hast du ein Beil, das ich in der vergangenen Nacht gefunden habe. Willst du es dir nicht einmal ansehen?« Der [275] König erkannte sein heiliges Beil und bewunderte die unheimliche Zauberkraft des Diebes; denn er hatte es für unmöglich gehalten, daß jemand in einer Nacht nach Waipio hin und zurück war, er wußte auch, wie schwer es hielt, an das Beil zu gelangen und obendrein den Wächtern zu entkommen.

Jetzt wollte er den Iwa nochmals auf die Probe stellen – er sollte mit den sechs besten Dieben seines Königreiches um die Wette stehlen. Er fragte Iwa, ob er es tun wolle; wer verlöre, solle den Kopf verlieren; wer gewönne, dürfte die ganze Beute behalten. Das paßte dem Diebe von Oahu: es würde einen richtigen Kampf geben – einer gegen sechs!

Der König rief seine sechs Leibdiebe und Iwa zu sich und eröffnete ihnen, daß er zwei Häuser bereit halten würde, worin sie ihre Beute unterbringen könnten. Nachts sollten sie ausziehen und stehlen, und wessen Haus am meisten gefüllt wäre, sollte Sieger sein. Die Nachricht von diesem Wettstreit machte bald im Dorfe die Runde, und jedermann schickte sich an, seine Habe zu verstecken.

Iwa legte sich zum Schlafen hin, während die sechs Männer schnell und leise unter die Leute huschten und stahlen, was sie nur stehlen konnten. Als sie Iwa schlafen sahen, tat er ihnen sehr leid, denn nun mußte er ja sterben. Gegen Morgen war ihr Haus beinahe voll und Iwa schlief noch immer. Doch die sechs Diebe waren ebenfalls sehr müde, auch hungrig geworden; sie richteten sich ein Essen her und bereiteten Kawa. Dann aßen und tranken sie, bis sie voll waren; und kurz vor dem Eintritt der Dämmerung schliefen sie ein.

Nun erhob sich Iwa; er eilte nach dem Hause, das die Diebe voll getragen hatten, und schleppte alles schleunig in sein Haus. Dann begab er sich leise zum Schlafhaus von Umi und zog ihm, um seine große Geschicklichkeit zu beweisen, vorsichtig die Tapa-Schlafdecke vom Leibe und packte sie oben auf die anderen gestohlenen Sachen. Darauf legte er sich wieder nieder und schlief ein.

[276] Der König spürte bald die Morgenkühle; ihn fröstelte, er wachte auf, er tastete nach seiner Bettdecke, aber er konnte sie nicht finden. Da fiel ihm der Wettstreit wieder ein, und als es heller Tag war, rief er die Diebe zusammen.

Sie gingen zum Hause der sechs Diebe, und als sie es öffneten, um sich die Ausbeute anzusehen, da war auch kein Stück mehr darin. Es war ganz leer. Nun gingen sie zu Iwas Haus. Als sie die Tür aufmachten, sahen sie die Tapadecke des Königs oben auf dem übrigen Diebsgut liegen. Die sechs Diebe wurden hingerichtet, und Iwa wurde von dem König hochgeehrt und zum Meisterdieb des Königreichs ernannt.

Nach einiger Zeit bekam er Heimweh nach seinem Geburtsorte; er bat Umi, ihn doch wieder zu seinen Eltern zu entlassen. Umi füllte ihm ein Doppelboot voll mit den schönsten, herrlichsten Sachen und entließ ihn nach dem herrlich begrünten Koalau auf Oahu.

Quelle:
Hambruch, Paul: Südseemärchen. Jena: Eugen Diederich, 1916, S. 270-277.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Autobiografisches aus dem besonderen Verhältnis der Autorin zu Franz Grillparzer, der sie vor ihrem großen Erfolg immerwieder zum weiteren Schreiben ermutigt hatte.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon