XII.
Thierdämonen.

[214] Wenn ein prächtiger Blitz über den Himmel hinzüngelt, dann sagen wir wohl heute noch: »Was für eine prächtige Schlange ist das!« Ebenso nennen wir die weißen Wölkchen heute noch Schafe. Aber während wir von dem Bilde augenblicklich zurückgekommen, wenn wir bestimmt denken, hatte das Bild für den Naturmenschen in der Urzeit volle Wirklichkeit. Die Menschen in den ältesten Zeiten waren gleichsam noch Neulinge auf der Welt; sie konnten sich daher die entfernten Erscheinungen in der Natur nur durch die näheren deuten und erklären. Das Wesen des Blitzes kannten sie nicht, aber sie kannten die Schlange, die sich, wie der Blitz am Himmel, so am Boden hinschlängelt und hielten daher den Blitz für eine himmlische Schlange. Wenn der Wind heulte, so war es ein Hund oder ein Wolf, wenn der Donner brüllte, so war es ein Esel, eine Kuh, die droben geschlachtet wurden. Die Wolken galten ihnen für Kühe, welche die himmlische Milch, den Regen spendeten. So bevölkerten die ältesten Menschen den Himmel mit ganz ähnlichen Wesen, wie sie sie auf der Erde sahen; nur dachten sie sich diese Wesen größer, gewaltiger. Man glaubte an diese Wesen, wie an alles Uebrige, man fieng an sie zu fürchten und zu verehren,[215] da man noch nicht unterschied, daß nur menschenartige Wesen bewußter Handlungen fähig seien. Die Menschen waren den himmlischen Kühen, d.i. den Wolken, dankbar für ihre Milch, den Regen, sie flehten zur himmlischen Schlange, sie nicht zu tödten. So entstand der Glaube an die himmlischen Thiere und die Verehrung derselben. Später aber, als der Glaube an menschenartige Götter daneben sich entwickelte, verschmolz der frühere Thierglaube damit, indem man glaubte, daß die Götter zu Zeiten sich selbst in Thiergestalt verwandelten oder ihnen irgendwie geheiligt blieben. Hatte man früher geglaubt, der Sturm sei selbst ein Wolf, der durch die Wälder heule, so ward jetzt der Wolf das heilige Thier des Sturmgottes und jagte mit ihm durch die Wälder. In noch weiterer Entwickelung aber localisirten sich die Mythen von den Thieren auf der Erde. Wenn der Glaube, der jene Mythen hervorgerufen hatte, geschwunden, resp. durch einen andern ersetzt war, so heftete sich das, was in der Tradition übrig geblieben war, an irdische Verhältnisse, es wurde in irgend einer Weise zur irdischen Geschichte. Hatte man z.B. früher nach einem Gewitter geglaubt, der Sturmgott habe die Blitzesschlangen gebändigt und fortgeführt, so erzählte man nun, es sei einmal ein Mann gewesen, der eine wunderbare Macht auf die Schlangen ausgeübt und bei seinem Tode mit sich genommen habe. Auf diese Weise müssen die Sagen von den dämonischen Thieren aufgefaßt werden. Von solchen Thierdämonen kennt Wacehrad den saň, den dreiköpfigen Drachen und den Specht, stračec.1

1

Cerberum pagani ajunt infernorum canem tria capita habentem, san. 3 tiphones, sani, p. 22. – picus, saturni filius, stračec, Sitivratov syn.

Quelle:
Grohmann, Josef Virgil: Sagen-Buch von Böhmen und Mähren. 1: Sagen aus Böhmen, Prag: Calve, 1863, S. 214-216.
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