[111] Einst lebten ein Mann und eine Frau, die obwohl sie schon fünfzehn Jahre verheiratet waren, noch immer kein Kind hatten. Wohl zwanzigmal im Tage riefen Frau und Mann: »Herr, schenke uns einen Sohn, nichts anderes als einen Sohn, selbst wenn er nur so gross wie ein Stiefel ist.«
Gott erhörte endlich ihre Bitte und schenkte ihnen nach fünfzehn Jahren und neun Monaten einen Sohn, der zwei Spannen hoch war und nicht um eine Linie grösser wurde. Deswegen hiessen ihn seine Eltern Courtebotte (Kurzstiefel).
Als er das Alter für eine Stellung hatte, wollte ihn, den Zwerg, der aber klüger und gescheiter als die andern war, niemand nehmen. Endlich fand er eine Stelle als Kuhhirte bei einem bösen und geizigen Bauern. Schlechtes Brot, schlechte Suppe, ein Strohlager, viel Schläge und wenig Lohn, das erhielt unser Däumling. Aber der Zwerg war wohlgemut und dachte sich: »Nur Geduld, auf Regen folgt Sonnenschein.«
[112] Eines Tages hütete er seine Kühe und lag unter einer Weide am Ufer der Gers. Da sah er am andern Ufer eine Frau, die kaum eine Spanne hoch, schwarz wie die Nacht und uralt war. – »Kuhhirt,« schrie sie, »hilf mir auf das andere Ufer der Gers.« – »Gerne, liebe Frau.« – Er entledigte sich seiner Kleider; es war gerade nach der Erntezeit, daher war das Wasser so nieder, dass es ihm nur bis zum Gürtel reichte. – »Liebe Frau, ihr seid herüben.« – »Danke dir, lieber Kuhhirte. Dein Dienst soll dir vergolten werden. Hier hast du eine Flöte, von der du dich nie trennen sollst. Sobald du auf ihr spielst, sind Tiere und Menschen, die dich hören, gezwungen, zu tanzen und zwar solange, bis du zu spielen aufhörst.« – »Ich danke dir, liebe Frau.« – Die Alte verschwand.
Courtebotte begann auf der Flöte zu spielen. Sofort begannen die Ochsen, Kühe und Kälber zu tanzen und kamen erst zur Ruhe, sobald er aufhörte, zu spielen. Bald danach ging, nahe einer Dornenhecke, der Friedensrichter vorbei, ein äusserst zorniger und bösartiger Mann. Courtebotte zog seine Mütze: »Guten Tag, Herr Friedensrichter.« Der gab ihm aber keine Antwort, noch griff er an den Hut. – »Herr Friedensrichter, ich habe euch anständig gegrüsst, könnt ihr nicht danken?« – Doch dieser erhob den Stock. Da spielte Courtebotte auf seiner Flöte und sogleich tanzte der Friedensrichter in die Dornenhecke hinein, wo er sich die Kleider zerriss und die Haut zerkratzte. So lange tanzte er, bis der Zwerg zu spielen aufhörte.
Courtebotte brachte sein Vieh heim. Sein Herr und dessen Familie hatten an diesem Tage eine Schmauserei; Brotsuppe, Gansbügel, gebratene Truthühner, Käse und Wein gab es. – »Lieber Herr, gebt mir auch etwas davon.« – »Schau, dass du weiter kommst, du Schlingel. Schimmlige Brotkrusten sind für dich noch zu gut. Marsch oder es setzt Hiebe.« – Courtebotte spielte auf seiner Flöte und sogleich tanzten der Bauer und seine Familie. Sie tanzten um die Bänke und die umgeworfenen Stühle, auf Tellern, Schüsseln und zerbrochenen Weinflaschen, die sie blutig schnitten. Sie tanzten und tanzten, so lange, bis er zu spielen aufhörte. Danach kehrte Courtebotte zu seinen Eltern zurück, während ihn der Friedensrichter und der Bauer bei Gericht anzeigten.
Drei Tage danach wurde der Kuhhirte zum Tode durch den Strang verurteilt. Während die rotgekleideten Richter, [113] der Priester, der Henker und dessen Knechte ihn zum Galgen führten, zersprang er beinahe vor Lachen, da er den Friedensrichter und den Bauer unter dem mitziehenden Volk sah.
Der Henker legte ihm den Strick um den Hals, doch er begann auf der Flöte zu spielen und nun tanzten alle, die Richter, der Priester, der Henker und seine Knechte und das Volk. Sie tanzten den Galgen hinauf und ihre Beine und Arme waren beim Herabtanzen beständig in Gefahr, zerbrochen zu werden. Sie tanzten so lange, bis er zu spielen aufhörte. – »Nun, liebe Leute, wollt ihr mich noch immer hängen?« – »Nein, Courtebotte, sei ruhig, dir geschieht nichts.« – »Liebe Leute, das genügt mir nicht, es müssen der Friedensrichter und der Bauer ohne Gnade gehängt werden.« – »Courtebotte, das geht nicht.«
Courtebotte spielte wieder auf seiner Flöte und sofort tanzten alle. Sie tanzten den Galgen hinauf und ihre Beine und Arme waren beim Herabtanzen beständig in Gefahr, zerbrochen zu werden. Sie tanzten so lange, bis er zu spielen aufhörte. – »Liebe Leute, ich will, dass der Friedensrichter und der Bauer ohne Gnade gehängt werden. Geht es noch immer nicht?« – »Aber ja, Courtebotte. Scharfrichter, verrichte dein Amt.« – Der Scharfrichter und seine Gesellen hängten den Friedensrichter und den Bauern. – »Und nun, liebe Leute, müsst ihr mir als Entschädigung noch tausend Pistolen geben.« – »Courtebotte, das geht nicht.«
Aber Courtebotte spielte wieder auf der Flöte und sofort tanzten alle. Sie tanzten den Galgen hinauf und hinunter und ihre Arme und Beine waren beständig in Gefahr, gebrochen zu werden. Sie tanzten solange, bis er zu spielen aufhörte. – »Liebe Leute, ihr müsst mir als Entschädigung für das erlittene Unrecht tausend Pistolen geben. Geht es noch immer nicht?« – »Wir zahlen, Courtebotte, aber wir haben das Geld nicht hier.« – »Dann lasst es holen, denn sonst spiele ich wieder auf der Flöte.« – Sie brachten das Geld und Courtebotte kehrte mit Gold beladen zu seinen Eltern zurück und lebte noch lange Jahre glücklich und zufrieden.
(Gascogne).