Von der Königin, die ihren Seneschall tötete

[109] In Ägypten lebte einst ein König, der war jung, schön und reich. Gar sehr liebte er Hunde und Falken und trieb oft mit ihnen seine Lust. Eines Tages war er zum Jagen in den Wald gegangen; als er aber die Spur eines Hirsches verfolgte, brach ein furchtbares Unwetter los. Jeder suchte sich einen Unterschlupf, und der König blieb ganz allein; er ritt in ein Unterholz und verbarg sich dort so lange, bis das Wetter sich verzogen hatte. Der König ritt nun durch den Wald und suchte seine Begleiter, aber er hörte weder Horn noch Hund und wußte nicht, welchen Weg er nehmen sollte. Schon brach die Nacht herein, da fand er einen Pfad, der, wie er glaubte, ihn zu einer Herberge führen müsse. Und wirklich, wie er aus dem Walde trat, erblickte er einen Strom und ein Schloß darüber, und er dankte Gott, der ihm den Weg gewiesen hatte. Müde klopfte er an die Pforte der Burg, die Zugbrücke wurde herabgelassen, und der Schloßherr ging dem späten Gast, den er alsbald als seinen Lehnsherrn erkannte, entgegen, um ihn zu bewillkommnen. Im Saal begrüßten ihn die Gattin und die Tochter des Ritters, eine Jungfrau von außergewöhnlicher Anmut. Als der König die Maid erblickte, wurde sein Herz bewegt, und er hielt ihre Schönheit für wertvoller als alle seine Schätze. »Wenn sie meine Liebe nicht zurückweist,« sagte er zu sich selber, »so werde ich sie zur Königin machen. So soll es sein! Ich will sie besitzen!« Das Abendessen wurde aufgetragen, und die Jungfrau, die den Funken der Liebe in ihres Herren Herzen entzündet hatte, saß dem König gegenüber. Nach einer schlaflosen Nacht trat der junge König vor den Schloßherrn und trug ihm seinen Wunsch vor. Dieser warf sich ihm zu Füßen und dankte ihm die Ehre unter Tränen; darauf wurde allsogleich die Verlobung gefeiert. Kaum war die Feier beendet, so drang das Gefolge[109] des Königs, das ihn den ganzen Tag gesucht hatte, in das Schloß, und alle freuten sich, ihn gesund zu finden.

Der König hatte einen Seneschall, der alle seine Geschäfte besorgte, aber der war ein habgieriger Mann und von niedriger Gesinnung. Sein Herr, der ihm in allem vertraute, erzählte ihm seine Verlobung mit der Tochter des Ritters. Er ließ seine Braut rufen, und als der Seneschall sie erblickte, erstaunte er über ihre Anmut und lobte gar sehr den Entschluß seines Herrn. Bald darauf nahm der König Urlaub, nachdem er zuvor seiner Liebsten versprochen hatte, er wolle über drei Tage wiederkommen, doch nur im geheimen und unter vier Augen. Da beging die Jungfrau eine Torheit, die sie viel Tränen kosten sollte, sie zeigte nämlich ihrem Geliebten, wie er heimlich in ihr Gemach gelangen könne und gab ihm den Schlüssel zu einer verborgenen Pforte. Während des Heimrittes gestand der König seinem Seneschall, was er vorhabe. Dieser tadelte ihn, daß er sich und die Jungfrau der Schande aussetzen wolle und drang so lange in ihn, bis er versprach, die Sache auf sich beruhen zu lassen und den Schlüssel seinem Seneschall überantwortete. Als der Treulose das Schlüsselein in der Hand hielt, keimte in ihm der verbrecherische Gedanke, er wolle zugreifen und das seltene Glück, das sich ihm biete, genießen. Er begab sich also zur verabredeten Zeit, geschützt vom Dunkel der Nacht, in das Schlafgemach der Ritterstochter und bestieg mit dieser, die nichts Böses ahnte, das Lager. In dieser Nacht verlor sie ihre Jungfrauschaft. Dann schlief der Schurke ein und begann zu stöhnen wie ein alter Mann. Da wunderte sich die Maid und sagte sich, daß der König ein junger Mann sei, während sie diesen groß und plump fand. Leise erhob sie sich vom Bett und entzündete eine Kerze, da erkannte sie den Schläfer und sprach: »Ich habe hier einen schlechten Freund, so will ich ihm auch eine schlechte Geliebte sein, er soll sich nicht rühmen, bei mir gelegen zu sein.« Sie ergriff das Schwert des Seneschalls und schnitt ihm damit das Herz entzwei. Alsdann holte sie ihre Base, und die beiden schleppten die Leiche hinaus und warfen[110] sie in einen wasserlosen Brunnen, in welchen sie Erde und Schutt häuften, so daß niemand ahnen konnte, was die Tiefe barg. Der König ließ im ganzen Lande seinen Seneschall suchen, aber nichts verlautete von ihm, und schließlich wurde der Tote vergessen, wie denn das Leben den Lebenden gehört.

Einer Versammlung seiner Barone und Bischöfe trug der König seinen Heiratsplan vor, und es wurde beschlossen, daß die Hochzeit bald darauf im Schlosse des Königs stattfinden solle. An diesem Tage bat die junge Königin ihre Base, sie möchte in der ersten Nacht bei dem Könige ruhen, damit dieser den Verlust ihrer Jungfrauschaft nicht bemerken solle. Diese war damit einverstanden, und als es Nacht geworden war, bestieg sie mit dem König das Brautbett. Um Mitternacht entschlummerten beide, da trat die Königin an das Bett, zupfte ihre Base an den Zehen und wollte sie wecken, um den Platz wieder mit ihr zu tauschen, aber die Treulose sprach: »Ich werde mich nicht von der Stelle rühren. Ich will den König zum Gatten haben, denn ich habe diese Ehre wohl verdient.« Die junge Königin wurde von Verzweiflung ergriffen und legte Feuer an die Bettstatt, nachdem sie zuvor ihre Base mit einem Schleier gefesselt hatte. Das Feuer fand reiche Nahrung am Stroh und verbreitete sich rasch. Sobald der König fühlte, wie die Flammen an seinen Fersen leckten, sprang er vom Lager und trachtete so sehr danach, sich zu retten, daß er seine Frau vergaß. Als er die Königin draußen gesund fand, freute er sich sehr, die andere aber verbrannte in ihrem Bett, so daß keine Spur von ihr zurückblieb.

Während der Hochzeitsfeierlichkeiten blieb die Königin still und traurig, denn in ihrem Herzen trug sie die Erinnerung an die Mordtaten, die sie begangen. Um ihre Schuld zu sühnen, ließ sie zu Ehren der Gottesmutter ein Münster bauen und setzte einen Kaplan dorthin, der der Allerseligsten Tag und Nacht dienen sollte. Gar oft hörte sie selbst unter Gebeten und Reuetränen die heilige Messe und lobte die heilige Jungfrau. Zwei Jahre lang schleppte sie ihr Geheimnis mit sich herum, endlich aber entschloß sie sich, es zu beichten. Der[111] Kaplan war ein scheinheiliger Heuchler; als sie ihr Geständnis beendet hatte, sprach er zu ihr: »Für diese Tat habt Ihr den Tod verdient; wenn der König davon erfährt, wird er Euch verbrennen lassen. Ich will Euch aber das Leben retten, wenn Ihr Euch mir hingeben wollt.« Die Frau erschrak und antwortete: »Falscher Priester! Ich suchte Buße und Trost bei dir, und du verlangst eine größere Übeltat von mir, als die ist, die ich begangen habe. Ich will lieber im Feuer verbrennen, als den Eid brechen, der mich an meinen Herren bindet.« Darauf ging der Kaplan zum König und erzählte ihm, was die Königin gebeichtet hatte. Der König ließ sogleich in dem Brunnen nachforschen, und da die Leiche des Seneschalls gefunden wurde, war auch ihr zweites Verbrechen erwiesen. Eine Versammlung der Großen des Landes trat zusammen und verurteilte die Königin zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Da betete die Frau zur Mutter des Erlösers und sprach: »Herrin, die Angst packt mich ans Herz, und aus der Tiefe meiner Not schreie ich zu dir! Du, die du Weg und Leben bist, Herrin, Freundin! ich flehe dich um Erbarmung an, erlöse mich vom Flammentod, oder wenn ich sterben muß, rette meine Seele vor Verdammnis!«

Am nächsten Tage wurde die Königin, nur mit einem Hemde bekleidet, zum Scheiterhaufen geführt, Scham und Reue erfüllte ihr Herz, aber sie vertraute auf Gottes Erbarmung. In der Nähe des Schlosses hauste, wie ein Vogel in seinem Bauer, ein mehr als hundertjähriger Einsiedler. Diesem erschien in der Nacht die Mutter Gottes und befahl ihm, er solle sich morgen in aller Frühe erheben, sich ins Schloß aufmachen und dem König entbieten, er dürfe sein Weib nicht anrühren lassen, denn er werde ein Wunder erleben, das ihm zeigen solle, daß ihr vergeben sei. Als der Einsiedler seinen Auftrag ausgerichtet hatte, ließ der König die Sünderin vor sich führen, und diese erschien mit gefesselten Händen, verbundenen Augen und aufgelösten Haaren, den weißen Leib mit einem dünnen Hemdlein bedeckt. Der fromme Klausner konnte sich der Tränen nicht enthalten, als er dies Frauenbild[112] sah; aber sobald die Königin dem heiligen Manne gegenüber trat, fielen ihr die Ketten von den Händen, und vom Himmelszelt hernieder schwebte ein Purpurmantel, der sich um ihre Schultern schlang, während ein wallender Schleier ihr Haupt bedeckte. Da wußte der König, daß sein Weib eine Freundin Gottes sei, und er dankte dem Erlöser und seiner süßen Mutter. Der falsche Priester wurde dem Scheiterhaufen überliefert, der König aber diente seiner Gattin und hielt sie treu und wert, während diese nie der Wohltat vergaß, die ihr Gott und die heilige Jungfrau hatten angedeihen lassen.

Quelle:
Tegethoff, Ernst: Französische Volksmärchen. 2 Bände. Jena: Eugen Diederichs, 1923, S. 109-113.
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