[28] 4. Die Mahlzeit des Geistlichen

[28] Leute, die sich auf solche Dinge verstehen, sagen, das stille Volk sey ein Theil jener aus dem Himmel verstoßenen Engel, die nun auf Erden festen Fuß gefaßt haben, während ein anderer Theil, größerer Sünden wegen, an einen viel schlimmern Ort noch tiefer gesunken sey. Das mag dahin gestellt bleiben.

Gegen Ende Septembers war einmal eine muntere Gesellschaft von Elfen versammelt, welche im Glanze des Mondlichtes herumtanzten und ihre wunderlichen Streiche und Sprünge machten. Der Platz lag nicht weit von Inchegila in dem westlichen Theile der Grafschaft Cork, einem armen Dörfchen, von welchem große Berge und dürre Felsen, die es umschließen, allen Wohlstand abhalten. Doch was kümmern sich Elfen, die alles, wornach sie Verlangen tragen, herbeiwünschen können, um die Armuth einer Gegend. Sie sorgen nur für einen heimlichen, unbesuchten Platz, wo sich nicht leicht jemand hin verirrt und sie in ihrer Lust stört.

Auf einem weichen grünen Rasen, nahe bei des Flusses Rand tanzten die kleinen Gesellen im Kreiß, fröhlicher als je; ihre rothen Käppchen wackelten bei jedem Sprung in dem Mondschein und doch waren diese tollen Sprünge so leicht, daß die Thautropfen unter ihren Füßen zwar zitterten, aber nicht auseinander rollten. So trieben sie ihr wildes Spiel, zogen Kreise umher, wirbelten und zappelten durch die Luft und auf und nieder tauchend erschöpften sie ihre Künste, bis endlich einer von ihnen zirpte:


»Geschwind, geschwind hör auf zu sausen,

laßt euer tolles, wildes Brausen;

ich wittre einen, der kommt heran,

ich wittre einen geistlichen Mann!«


Alsbald fuhren sie auseinander, so geschwind als möglich und steckten sich unter die grünen Blätter des Fingerhuts, denn wo ihre rothen Käppchen hervorguckten, da schienen sie nur die dunkelrothen Blütenglocken der Pflanze zu seyn. Andere verbargen sich in dem Schatten von Steinen, und Brombeergesträuch, wieder[29] andere unter das Ufer des Flusses oder sonst in eine Höhle oder Spalte.

Der Elfe hatte sich bei seiner Warnung nicht geirrt, denn auf dem Weg, den man von dem Fluß aus sehen konnte, kam Vater Horrigan auf seinem Klepper dahergeritten und indem er bedachte, daß es schon so spät wäre, entschloß er sich seiner Reise bei der ersten Hütte, zu der er gelangte, ein Ende zu machen. Er hielt demnach bei dem Hause des Dermod Leary, drückte auf die Klinke und mit den Worten: »gesegnet sey Alt und Jung!« trat er ein.

Ich brauche nicht zu sagen, daß Vater Horrigan überall, wo er eintrat, ein willkommener Gast war, denn in der ganzen Grafschaft war niemand frömmer und mehr geliebt. Nur ein Umstand bekümmerte Dermod: er hatte dem ehrwürdigen Herrn zu einer Abendmahlzeit nichts anzubieten, als ein Gericht Kartoffel, welche die alte Mutter, so nannte Dermod seine Frau, obgleich sie nicht viel über zwanzig war, in einem Topf zum Feuer gebracht hatte. Ihm fiel ein, daß er sein Netz in den Fluß gestellt hatte, aber da es erst vor kurzem geschehen war, so war wenig Hoffnung vorhanden, einen Fisch darin zu finden. »Was thuts,« dachte Dermod, »es kann nichts schaden, wenn ich mich aufmache und nachsehe; wer weiß vielleicht fängt sich ein Fisch zu dem Abendessen des Herrn, eh ich dort hinkomme.«

Dermod gieng also hinaus nach dem Flusse und fand in dem Netz einen Lachs, so schön, als je einer im Wasser geschnalzt hat. Doch als er sich näherte, um ihn herauszunehmen, ward ihm, er wußte nicht wie und von wem, das Netz aus der Hand gerissen und der Fisch weggenommen, der dahinschwamm, so vergnügt, als wenn gar nichts vorgefallen wäre.

Dermod sah betrübt die Furche an, die der Fisch im Wasser gezogen hatte und die wie ein Silberfaden im Mondlicht glänzte, dann mit einer ärgerlichen Bewegung seiner rechten Hand und mit dem Fuß auf den Boden stampfend, brummte er zornig: »ei! so möge das böse Geschick Euch treffen Tag und Nacht, wo Ihr den Fuß nur hinsetzt, um so ein armseliges Ding von einem Fisch! Ihr müßt Euch vor Euch selber schämen, wenn Ihr noch wißt, was Scham heißt, mich auf diese Art hinters Licht zu führen![30] Euch hat ein anderer geholfen! fühlte ich nicht, daß mir mit solcher Gewalt das Netz entrissen würde, als hätte es der Teufel selbst in den Klauen?«

»Das ist nicht wahr!« rief einer von den Elfen, der bei der Annäherung des Geistlichen entflohen war und jetzt zu Dermod Leary herauskam, indem ein ganzer Haufen seiner Gesellen ihm auf der Ferse folgte, »es waren bloß anderthalb Dutzend der unsrigen, die es dir wegrissen.«

Dermod starrte voll Verwunderung auf das winzige Geschöpf, das in seiner Rede fortfuhr: »sorge nicht um die Abendmahlzeit für den geistlichen Herrn, denn wenn du zurückgehen willst und ihm eine Frage von uns vorlegen, so soll er ein Essen haben, so gut, als je eins auf eine Tafel ist aufgetragen worden und das in weniger, als gar keiner Zeit.«

»Ich will mit Euch nichts zu schaffen haben,« antwortete Dermod rasch und ohne sich einen Augenblick zu besinnen; nach einer Pause fügte er hinzu: »ich sage Euch Dank für Euer Anerbieten, Herr, aber ich habe keine Lust für eine Mahlzeit mich an Euch oder eueres gleichen zu verkaufen und außerdem weiß ich, Vater Horrigan trägt zu viel Sorge für meine Seele, als daß er wünschen sollte, sie auf immer wegen irgend einer Sache, die Ihr ihm vorsetzen könnt, zu verpfänden. Darum laßts gut seyn!«

Der Kleine aber, ohne sich durch Dermods Aeußerungen abhalten zu lassen, hub wieder an: »willst du dem Geistlichen unsertwegen eine bescheidene Frage vorlegen?«

Dermod besann sich eine Zeitlang und that Recht daran, doch da er überlegte, daß eine solche bescheidene Frage ihm nicht zum Nachtheil gereichen könnte, so antwortete er: »ich sehe keinen Grund, warum ich das nicht thun sollte, aber mit eurer Mahlzeit will ich mein Lebtag nichts zu schaffen haben.«

»Wohlan,« sagte das kleine Geschöpf, während die übrigen von allen Seiten sich herzudrängten, »geh und frage den Vater Horrigan, ob unsere Seelen am jüngsten Tage begnadigt werden, gleich den Seelen guter Christen? und wenn du es gut mit uns meinst, so bringe uns alsbald seinen Ausspruch zurück.«

Dermod gieng wieder nach seiner Hütte, wo er die Kartoffeln[31] schon auf den Tisch ausgeschüttet sah. Seine Frau reichte dem Vater Horrigan die größte dar, einen schönen lachend rothen Erdapfel, rauchend wie ein Roß, das in kalter Nacht stark getrabt hat.

»Ehrwürdiger Herr,« sagte Dermod nach einigem Zaudern, »erlaubt Ihr mir wohl eine Frage?«

»Was begehrst du zu wissen?« antwortete Vater Horrigan.

»Verzeiht mir meine Freiheit, ich möchte wissen, ob die Seelen des stillen Volkes am jüngsten Tage werden begnadigt werden?«

»Wer hieß dich das fragen?« sagte der Priester und richtete seine Augen so fest auf Dermod, daß dieser davor nicht bestehen konnte.

»Ich wills Euch offenherzig bekennen,« antwortete Dermod, wie ich mein Lebelang gethan habe. Das stille Volk selbst hat mich geschickt, Euch die Frage vorzulegen; sie sind zu tausenden drunten an dem Rand des Flusses und warten auf die Antwort, die ich ihnen bringen soll.«

»Geh sogleich wieder hin,« sprach der Geistliche, »und sage ihnen, wenn sie es zu wissen wünschten, so möchten sie selbst zu mir herkommen; ich wollte ihnen auf jede Frage, die sie mir vorzulegen Lust hätten, herzlich gerne Antwort geben.«

Dermod gieng also wieder zu den Elfen zurück, die gleich um ihn herum schwärmten und wissen wollten, was der Geistliche erwidert hätte. Er trat ohne Furcht mitten unter sie und theilte ihnen die Antwort mit. Als sie aber hörten, daß sie zu dem Geistlichen selbst gehen sollten, flogen sie fort, einige hierhin, andere dorthin und rauschten an dem armen Dermod so hart und in so großer Menge vorbei, daß er ganz verwirrt wurde.

Als er nach einiger Zeit wieder zu sich selbst kam, gieng er nach seiner Hütte zurück und aß seine trockenen Kartoffeln mit dem Vater Horrigan, der wenig aus dem Vorfall machte. Aber Dermod konnte es nicht vergessen, daß der ehrwürdige Herr, dessen Worte Kraft genug hatten, die Elfen in alle Welt zu jagen, nicht ein erträgliches Gericht bei seiner Abendmahlzeit haben sollte, und der gute Lachs auf eine so ärgerliche Art ihm aus dem Netz genommen war.

Quelle:
Croker, Thomas Crofton: Irische Elfenmärchen. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1966, S. 28-32.
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