[59] 11. Der böse Schulmeister und die wandernde Königstochter.

Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten ein einziges Töchterchen, das sie sehr lieb hatten. Sie schickten es in die Schule zu einem Lehrer, zu dem auch noch viele andere Kinder gingen. Der Lehrer aber war ein böser Mann, und schlug oft die armen Kinder.

Jeden Tag nun sagte er zu ihnen: »Kinder, seid ganz ruhig und still, bis ich wiederkomme.« Dann ging er in sein Zimmer, und kam erst nach mehreren Stunden wieder heraus. Nun wurden die Kinder neugierig und eines Tages sprachen sie: »Wir wollen uns an die Thür schleichen und durchs Schlüsselloch sehen.« Die Königstochter aber fürchtete sich und wollte nicht mit. Da sprachen die Anderen: »Gehen wir Alle hin, so mußt du auch mitkommen,« und beredeten sie endlich, daß sie mitging. Da schlichen sie an die Thür und schauten durch's Schlüsselloch,[59] und sahen, daß der Lehrer mit einem Todten beschäftigt war; was er aber that, konnten sie nicht sehen, denn er näherte sich gleich der Thür, und sie liefen Alle fort und an ihre Plätze. Die Königstochter aber verlor unterwegs einen Schuh, und mußte ohne Schuh an ihren Platz. Als nun der Lehrer mit dem Schuh hereinkam, zog sie ihren Fuß unter den Rock, damit er es nicht sehen solle. Er frug aber: »Wer von euch hat einen Schuh verloren?« Da zeigten alle die anderen Kinder ihre Füße, und riefen: »Ich nicht!« und nur die arme, kleine Königstochter wollte ihren Fuß nicht zeigen. Da sprach der Lehrer: »Also bist du es gewesen, die durch das Schlüsselloch geschaut hat? Nun, warte nur, du sollst deiner Strafe nicht entgehen.« Als nun um Mittag die anderen Kinder nach Hause gingen, kam auch der Bediente, um die Königstochter abzuholen. Der Lehrer aber sprach: »Sagt nur eurer Herrschaft, die Kleine wolle gern bei mir essen; sie würde heute Abend nach Haus kommen.« Die Königstochter weinte, aber sie mußte doch dableiben. Als nun Alle fort waren, schlug der Lehrer das arme Kind und mißhandelte es ganz schrecklich. Endlich verwünschte er es noch, und sprach: »Sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage sollst du in deinem Bette zubringen, und wenn du wieder gesund wirst, so soll eine Wolke kommen und dich auf den Calvarienberg1 tragen.«

Da ging das arme Kind nach Haus, und wurde krank, so krank, daß es sich zu Bette legen mußte, und blieb viele Jahre krank und kein Arzt konnte ihm helfen. Als aber die sieben Jahr und die sieben Monate vergangen waren, fing es an etwas besser zu werden, und als noch die sieben Tage um waren, ward es ganz gesund und war zu einer wunderschönen Jung frau herangewachsen. Da sprach eines Tages die Kammerfrau zu ihr: »Es ist ein so schöner, sonniger Tag, kommen Sie mit auf die Terrasse,2 so will ich Sie frisiren.« Die Königstochter wollte nicht, aber die Kammerfrau überredete sie, auf die Terrasse zu steigen. Als sie nun oben waren, machte die Kammerfrau ihre schönen Flechten auf, und[60] wollte sie frisiren. Da merkte sie, daß sie die Haarschnur vergessen hatte, und sprach: »Ich will nur eben gehen, die Schnur holen, und komme gleich wieder.« Die Königstochter bat: »Ach, bleibe bei mir, es ist ja einerlei, du kannst mich auch ohne Schnur kämmen.« »Nein, nein,« rief die Kammerfrau, »ich will Sie hübsch frisiren, ich bin im Augenblick wieder da,« und eilte hinunter. Da kam eine Wolke, senkte sich auf die Terrasse herab, und entführte die Königstochter auf den Calvarienberg. Als nun die Kammerfrau auf die Terrasse kam, sah sie, daß ihre junge Herrin verschwunden war, und fing an zu jammern: »Ach, wäre ich doch nicht fortgegangen!« Da lief sie zur Königin, und erzählte es ihr, und das ganze Schloß kam in Aufruhr, und Alle suchten die Königstochter überall. Sie aber war und blieb verschwunden. Da waren die Eltern tief betrübt, und die Mutter sprach: »Gewiß ist mein armes Kind verwünscht worden.«

Lassen wir nun die Eltern, und sehen wir, was aus der Jungfrau geworden ist. Die Wolke trug sie also auf den Calvarienberg, und legte sie dort nieder. Es war aber ein so furchtbar steiler Berg, daß ihn gewiß noch Niemand erstiegen hatte. Da befahl sie sich dem lieben Gott, und fing an langsam den Berg hinunter zu steigen. Die Dornen und die Steine zerrissen ihre Kleider, und verwundeten ihre zarten Glieder, endlich aber kam sie doch an den Fuß des Berges. Da wanderte sie weiter und kam endlich an ein wunderschönes, großes Schloß, in das ging sie hinein, und schritt durch alle Zimmer. Sie sah keine menschliche Seele, wohl aber die schönsten Schätze, und einen Tisch, der war mit köstlichen Speisen besetzt. Im letzten Saal aber lag ein schöner Jüngling am Boden, der war wie todt, und daneben lag ein Zettel, darauf stand: »Wenn mich eine Jungfrau sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage lang mit dem Gras vom Calvarienberg reibt, so würde ich in's Leben zurückkehren, und sie soll meine Gemahlin werden.« Da dachte die Königstochter: »Ich bin ein armes Mädchen; zu meinen Eltern kann ich den Weg nicht zurückfinden, zu thun habe ich auch nicht, so will ich ein gutes Werk thun.« Da ging sie zurück, und kletterte mühsam auf[61] den Calvarienberg hinauf, und achtete es nicht, daß die Dornen ihre zarten Glieder zerrissen. Oben aber schnitt sie das Gras ab, und machte große Bündel davon, die sie den Berg hinunterwarf. Dann stieg sie selbst hinab, und kam mehr todt als lebendig unten an. Als sie sich etwas erholt hatte, fing sie an die Bündel alle in das Schloß zu tragen. Dann begab sie sich an die Arbeit, den Jüngling zu reiben, Tag und Nacht, ohne zu schlafen und ohne zu ruhen. Nur einmal am Tag erhob sie sich um etwas zu essen von den schönen Speisen.

So vergingen sieben Jahre und sieben Monate und von den sieben Tagen blieben auch nur noch drei übrig, da wurde sie so müde, daß sie kaum mehr fortfahren konnte. Da hörte sie auf der Straße eine Sklavin zum Verkauf ausbieten, und dachte: »Die könnte ich kaufen, und sie auch ein wenig reiben lassen, während ich ein paar Stunden ruhe.« Da stand sie auf und kaufte die Sklavin, die war ganz schwarz und häßlich wie die Schulden,3 und befahl ihr, den schönen Jüngling ein wenig zu reiben, während sie ruhe. Als sie sich aber hinlegte, war sie so müde, daß sie drei Tage lang in einem Stück schlief, und als sie aufwachte, waren die sieben Jahre, die sieben Monate und die sieben Tage herum, und der schöne Jüngling war erwacht, hatte die schwarze, häßliche Sklavin als seine Befreierin angesehen, und hatte ihr gesagt: »Du hast mich erlöst, du sollst auch meine Gemahlin sein.« Als nun die Königstochter erschien, frug er: »Wer ist denn das schöne Mädchen?« Da sprach die Sklavin: »Das ist meine Küchenmagd.« Also mußte die arme Königstochter in die Küche und die niedrigsten Dienste thun. In dem Schloß aber wurde es ganz lebhaft von Bedienten und Jägern und dem ganzen Gefolge eines Königs, und der schöne Jüngling, der ein verwunschener Prinz war, feierte eine glänzende Hochzeit mit der schwarzen Sklavin. Die Königstochter aber mußte in der Küche arbeiten.

Des Königs Marschall aber, da er sie sah, fand er sie so schön und gut, daß er sie von Herzen lieb gewann. Da er nun eines Tages verreisen[62] mußte, rief er sie und sprach: »Ich muß nach Rom reisen, soll ich dir etwas mitbringen?« Da sprach die Königstochter: »Bringt mir ein Messer mit und einen Geduldsstein.« Der Marschall verreiste und in Rom suchte er so lange, bis er einen Geduldsstein fand, den brachte er ihr nebst einem Messer. Nun war er aber doch neugierig, was wohl die Königstochter mit den beiden Sachen machen wolle. Also schlich er ihr nach, und sah, daß sie in ihr Zimmerchen ging, und die Thür zumachte. Als er nun durch das Schlüsselloch schaute, sah er, daß sie den Geduldsstein vor sich auf den Tisch gelegt hatte und das Messer daneben, und nun anfing zu jammern: »O Geduldsstein, höre doch an, wie es mir im Leben ergangen ist.« Da erzählte sie ihre ganze Lebensgeschichte, von der Zeit an wo sie noch in die Schule ging. Wie sie nun erzählte, fing der Stein an zu schwellen, und sie sprach: »O Geduldsstein, wenn du nun anschwillst bei der Erzählung mei ner Leiden, denke doch wie es mir zu Muthe sein muß.«

Als das der Marschall hörte, lief er eilends hin und rief den Prinzen, und bat ihn, er möge doch auch kommen, diese wunderbare Thatsache mit anzusehen. Da kam der Prinz und horchte am Schlüsselloch, und hörte, wie die Königstochter erzählte, daß sie den schönen Jüngling so viele Jahre gerieben habe, und selbst gegangen sei das Gras auf dem Calvarienberg zu holen. Dabei schwoll der Stein immer mehr an, als aber die Königstochter gar erzählte, wie sie nach aller Mühe und Arbeit von der falschen Sklavin betrogen worden sei, zersprang der Stein mit einem gewaltigen Knall. »O Geduldsstein,« rief sie, »wenn du bei der Erzählung meiner Leiden zerspringst, so will auch ich nicht länger leben,« und ergriff das Messer und wollte sich umbringen. Da sprengte der Prinz die Thür, und fiel ihr in den Arm, und sprach: »Du, und keine Andere sollst meine Gemahlin werden, und die falsche Sklavin soll sich ihr Urtheil selber sprechen.« Da ging er zur Sklavin, und sprach: »Heute wird meine Cousine zum Besuch herkommen; empfange sie gut.« Als nun die Cousine ankam, war es Niemand anders als die Königstochter, die hatte unterdessen köstliche Kleider angelegt; aber die Sklavin erkannte sie nicht.[63] Als sie nun zu Tische saßen, sprach der Prinz zur Sklavin: »Was verdient ein Mädchen, das dies und das gethan hat?« Sie aber war verblendet, und antwortete: »Der kann man nichts Besseres anthun, als daß man sie in eine Tonne mit siedendem Oel thue, und sie von einem Pferd durch die ganze Stadt schleifen lasse.« Da sprach der Prinz: »Du hast dir selbst dein Urtheil gesprochen, und es soll auch an dir vollzogen werden.« Also wurde sie in eine Tonne mit siedendem Oel gesteckt, und durch die ganze Stadt geschleift. Der Prinz aber heirathete die schöne Königstochter, die ließ es auch ihren Eltern sagen. Und da lebten sie Alle glücklich und zufrieden, wir aber haben das Nachsehen.

1

Munti Calvariu.

2

Lastrino.

3

Brutta comu i debiti.

Quelle:
Gonzenbach, Laura: Sicilianische Märchen. Leipzig: Engelmann 1870, S. LIX59-LXIV64.
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