22. Von dem Fischerssohn, den ein Teufel davontrug. (37)

[433] Ein König hatte einen Fischer, und der Fischer schrieb auf ein Papier ›Ich lebe ohne Sorgen‹, setzte seinen Namen dazu und schlug das Papier an einem Pfahl an. Der Pfahl stand an dem Weg, wo der König immer spazieren ging, und so erblickte der König das Papier und las es. Er sprach ›Ich, der König, lebe[433] mit Sorgen, er ist nur mein Fischer und lebt ohne Sorgen!‹ und er gab dem Fischer auf, einen Fisch zu fangen mit Augen von Diamant und goldnen Schuppen, und innerhalb drei Tagen sollt er den Fisch gefangen haben; denn in drei Tagen sollte beim König grosse Gesellschaft sein, und er wollte einen Fisch auftragen lassen, wie ihn von allen Königen noch keiner gesehn hätte. Da hatte denn der Fischer grosse Sorge. Er ging fischen und fischte den ganzen Tag und die ganze Nacht, aber er fing keine andern Fische, als wie sie immer waren. Den andern Tag ging er wieder hin und betete zu Gott, ehe er das Netz auswarf. Aber er fing wieder immer nur solche Fische, wie auch sonst. Am dritten Tag, wie er zum Fischfang ging, rief er den Teufel, der solle ihm helfen. Im Nu erschien auch ein Teufel und sprach ›Versprich mir, was du zu Haus nicht verlassen hast, so helf ich dir.‹ Der Fischer überlegte, dass er beim Weggehn all sein Eigentum zu Haus zurückgelassen und nichts weiter mitgenommen habe, und sagte zu dem Teufel ›Gut, ich versprech dirs‹, und der Teufel sprach ›Nach zwanzig Jahren an dem und dem Tag in dem und dem Monat werd ich mirs abholen‹, und verschwand. Jetzt warf der Fischer das Netz aus und fing denn auch einen solchen Fisch, wie ihn der König haben wollte. Er brachte ihn zum König hin, und die Verwundrung war gross, und der König sprach zu dem Fischer ›Du hattest ohne Sorgen gelebt, nun kannst du noch sorgloser leben!‹

Der Fischer ging nun heim, und da sah er, dass ihm unter der Zeit ein Sohn geboren war. Er erschrak, denn er dachte an das Versprechen, das er dem Teufel gegeben hatte, aber er sagte niemanden was davon, auch seiner Frau nicht. Das Kind gedieh und war mit drei Jahren ein gar schöner Knabe. Da bekam es eines Tags der König im Vorbeifahren zu sehn, und er ging zu dem Fischer und sagte ihm, einen so schönen Sohn habe nicht einmal er, der König, er werde das Kind zu sich nehmen. Und der König liess den Fischerssohn gut erziehen und hielt ihn wie sein eigen Kind. Nun kam der Tag heran, wo der Teufel ihn holen wollte, da ritt der Jüngling grade spazieren, und der Fischer war von Haus fortgegangen und weinte, und sie begegneten einander. Der Jüngling fragte ›Warum weinst du, Vater?‹ Der Fischer antwortete ›Das sag ich nicht.‹ Aber der Sohn sprach ›Wenn du's[434] nicht sagst, so schlag ich dir den Kopf herunter!‹ Und da erzählte ihm sein Vater, dass er ihn damals, als er den Fisch fangen wollte, dem Teufel versprochen hätte, und heute Nacht wollt ihn der Teufel holen. Der Jüngling kehrte zum Schloss zurück und erzählt' es dem König, und der König stellte rings um das Wohnhaus an Thüren und Fenstern Schildwachen auf. Am andern Morgen aber fand der König, nachdem er aufgestanden war, alle Wachen todt. Für die nächste Nacht stellte er noch mehr Wachen hin, und auch die fand er am folgenden Morgen todt. Da sprach der Fischerssohn zum König ›Es ist schade um die vielen Soldaten, die du opferst; ich werde die nächste Nacht im Freien zubringen.‹ Und am Abend ging er hinaus auf den Schlosshof und stellte sich ein Tischchen und einen Stuhl hin. Dann machte er mit dem Messer, so weit er mit der Hand reichen konnte, um sich herum einen Ritz, stellte eine Kerze auf den Tisch, nahm ein Gebetbuch zur Hand und wollte die ganze Nacht hindurch beten. Aber schon mit Abend erschienen sechs Teufel und sprachen zu ihm ›Komm nun mit, wir haben lange genug auf dich gewartet!‹ Er sah aber nicht hin und betete. Nachdem die Teufel eine Weile gewartet hatten, kamen ihrer neun und riefen ihm zu, allein er sah wieder nicht hin. Als es aber um zwölf war, da kamen sie mit Sturmesbrausen heran, zerrten den Tisch und ihn aus dem Kreis heraus, und einer packte ihn auf und trug ihn durch die Luft davon. Jetzt fiel dem Fischerssohn ein, dass in seinem Gebetbuch ein Bild mit der Kreuzigung des Herrn war, und er drehte sich nach dem Gesicht des Teufels hin und hielt ihm das Bild vor die Augen. Der Teufel rief ›Weg von mir, ich ertrag dich nicht!‹ ›So setz mich auf die Erde nieder!‹ antwortete der Fischerssohn. Aber der Teufel thats nicht, und da hielt ihm der Fischerssohn ein Bild hin, das er noch weniger ertragen konnte, und wieder schrie der Teufel ›Hinweg von mir!‹ und der Fischerssohn sprach ›So setz mich auf die Erde nieder!‹ Und der Teufel hielt es nicht länger aus und liess ihn fallen.

Als der Fischerssohn unten ankam, meinte er, er wäre jetzt auf der Erde. Aber er war grade auf eine Feueresse aufgefallen, die zu einem verwünschten Schloss gehörte. Da kroch er bis an die Hüften hinein, und dann drückte er sich zusammen und liess sich ganz hinuntergleiten. So kam er in ein Zimmer, das stockfinster[435] war, er fand aber doch die Thür und kam dann in ein zweites Zimmer, da brannte ein Licht. Und er setzte sich hin und betete. Da traten drei Jungfrauen herein, die waren kohlschwarz, und sie sprachen zu ihm ›Von wannen bist du zu uns gekommen?‹ Er erzählt' es ihnen, und darauf sprachen sie ›Wenn du drei Nächte nacheinander schwere Busse durchmachen willst, so ist dein Glück gemacht und wir sind von dieser Stätte erlöst; wenn du sie aber nicht bis zu Ende aushältst, so ist's dein und unser Verderben.‹ Der Fischerssohn war bereit, und am Abend brachten sie ihn in dem Zimmer, wo sie immer schliefen, zu Bett, und sie selbst verbargen sich. Da erschienen drei Teufel, die schmissen ihn die ganze Nacht aus einem Bett in das andre, und er gab keinen Laut von sich. Am andern Morgen, wie er aufstund, kam ein Lichtschimmer durch das Kamin, und die Jungfrauen waren im Gesicht weiss; sie baten ›Halt es noch zwei Nächte aus, so wird das ganze Schloss aus der Erde aufsteigen.‹ Die zweite Nacht erschienen noch mehr Teufel, und sie warfen ihn herum, dass am nächsten Morgen nur noch wenig Leben in ihm war. Und der Lichtschein ging jetzt schon bis zur Hälfte der Fenster, und die Jungfrauen waren abermals ein Theil weisser. Sie baten ihn: ›Halt jetzt noch die eine Nacht aus, in der wird dirs am schlimmsten gehn.‹ In der dritten Nacht erschienen neun Teufel und schmissen ihn die ganze Nacht durch auf zwölf Betten herum, und als der Hahn eben krähte, rissen sie ihn in Stücke und verschwanden. Aber jetzt war auch das Schloss ganz gehoben, und die drei Jungfrauen kamen herbei, sammelten die Stücke des Fischerssohns und legten sie zusammen und machten ihn wieder lebendig. Da sprang er auf und sagte ›Wie gut hab ich geschlafen!‹ Aber die Jungfrauen antworteten ihm ›Ja gut hast du geschlafen! dass das ganze Zimmer von deinem Blut schwimmt!‹ Und weiter sprachen sie zu ihm ›Jetzt kannst du die von uns dreien, die du am meisten magst, zur Frau haben und bist dann König über das ganze Reich.‹ Der Jüngling sprach ›Wenn ich die jüngste von euch nehme, werden mir da nicht die zwei andern böse sein?‹ Diese sagten aber ›Nein, das werden wir nicht.‹ Und da wählte er die jüngste, und sie feierten Hochzeit.

Er wollte nun gern wissen, wie es in seiner Heimat stünde, und seine Frau sagte ihm, dass es bis dahin sehr weit sei, es sei[436] das siebente Königreich. Aber sie schenkte ihm einen Ring, den brauchte man nur einmal herumzudrehen, dann war man an dem Ort, wo man sich hinwünschte. Mit dem Ring war er jetzt im Nu dort, und es war grade eine grosse Anzahl Könige bei seinem Pflegevater versammelt, die überlegten, wie der Jüngling wol seinen Tod gefunden haben möchte, und waren sehr betrübt. Da trat er unter sie und sprach ›Weinet nicht, ich lebe!‹ Und es entstund grosse Freude über seine Wiederkunft, und der König veranstaltete ein grosses Fest. Er erzählte nun auch dem König, dass er schon verheiratet sei, aber niemand wollt es ihm glauben. Da sprach er ›Wenn es euch beliebt, so wird meine Frau im Augenblick hier sein‹, und er ging hinaus, drehte den Ring um, dachte, wenn meine Frau nur hier wäre! und sie erschien. Nun hatte aber seine Frau nicht Lust lange zu bleiben, und sie wollte ihn mit heim haben, er aber wollte gern noch als Gast des Königs dableiben. Da waren beide einmal ein bischen im Freien, und er schlief ein. Und jetzt streifte sie ihm den Ring ab, weckte ihn dann und sprach zu ihm ›Leb wohl! Ich werde zu Haus sieben Jahre warten; kehrst du inner der Zeit nicht zurück, so nehm ich mir einen andern Mann.‹ Damit verschwand sie vor seinen Augen. Er bemerkte aber jetzt, dass er den Ring nicht mehr hatte, und ging traurig nach Haus.

Das siebente Jahr kam, es ging zu Ende, und der junge König war noch nicht daheim. Er wanderte durch einen grossen Wald und kam mit Einbruch der Nacht zu einem Einsiedler, sprach bei ihm ein und fragte ihn ›Weisst du nicht, wie weit ich noch nach Haus habe?‹ Der Einsiedler sprach ›Noch vierzig Meilen, und morgen will sich deine Frau mit einem andern Mann trauen lassen.‹ Danach sah der König an der Wand ein paar Stiefel, einen Hut und einen Mantel hängen, und er fragte den Klausner ›Sag, Alter, wozu brauchst du die Stiefel?‹ ›Wenn ich sie anziehe, brauch ich nur einen Schritt zu machen und bin vierzig Meilen weit.‹ ›Ei, und wozu dient dir der Hut?‹ ›Wenn ich ihn auf die andre Seite umdrehe, so bin ich im Nu da, wo ich mich hindenke.‹ ›Ei, und wozu dient dir der Mantel?‹ ›Wenn ich mich in den Mantel einhülle, so kann ich durch die Welt gehn und niemand sieht mich.‹ Der König wartete nun, bis der Alte schlief, dann zog er sich die Stiefel an, setzte den Hut auf, hängte sich den Mantel[437] um und verliess die Klause. Und er machte jetzt einen Schritt, und da war er zu Haus. Die Hochzeit war schon im Gang, und er wandelte umher, ohne dass ihn jemand sehen konnte. Jetzt kam der Bräutigam in der Hochzeitskutsche angefahren, und als er aus dem Wagen sprang, trat der König an ihn heran, schlug ihm ein Bein unter, und er fiel hin. Darauf wollte der Bräutigam nach dem Balkon gehn, wo seine Braut stand, da stellte ihm der König wieder ein Bein, und wieder fiel er zu Boden. Und wie er ihr jetzt einen Kuss geben wollte, da fiel er zum dritten Mal auf die Erde. Da sprach sie ›Ich habe sieben Jahre gewartet und werde nun noch sieben Jahre warten und werde keinen andern Mann nehmen!‹ Und sie weinte sehr. Aber jetzt warf der König den Mantel ab, und alle erkannten ihn und freuten sich, und es wurde zur Feier seiner Heimkehr ein Fest gefeiert.

Quelle:
Leskien, August/Brugman, K.: Litauische Volkslieder und Märchen. Straßburg: Karl J. Trübner, 1882, S. 433-438.
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