Vom Zimmermann, Perkun1 und dem Teufel.

[140] Ein junger Mensch, der als Zimmermann gut gelernt hatte, bekam Lust zu wandern. Als er schon einige Tage gegangen war, kam er zu einem Manne, und da dieser denselben Weg gieng, so giengen sie mit einander, damit ihnen beim Gehen die Zeit nicht so lang werde. Unterwegs gab sich jener Mensch dem Zimmermanne als Perkun zu erkennen. Als beide mit einander giengen, kamen sie am folgenden Tage noch zu einem, und der sagte, er sei der Teufel. Nun giengen sie alle drei mit einander und gelangten in einen großen Wald, in welchem viele wilde Thiere aller Art waren; sie hatten aber nichts zu eßen. Da sagte der Teufel ›Ich bin stark und geschwind, ich werde sogleich Fleisch und Brot bringen und was sonst nötig sein wird.‹ Perkun sagte »Und ich werde anfangen gewaltig zu blitzen, so daß überall ein Feuer sein wird, und zu donnern: da werden die wilden Thiere von uns fliehen.« Und der Zimmermann sagte ›Ich werde schön kochen und backen, was man bringen wird.‹ Dieser Verabredung gemäß that nun jeder das seine, und so lebten sie einige Wochen unter freiem Himmel.

Nach einiger Zeit sagte aber der Zimmermann ›Kameraden, wißt ihr was? Wir wollen uns ein schönes Häuschen bauen, in dem werden wir dann wohnen können wie die Menschen; wozu sollen wir hier kümmerlich leben wie Wilde?‹ Jenen beiden gefiel der Vorschlag sehr wol und der Zimmermann brauchte nur passende Bäume aus zu suchen, die andern beiden rißen sie sofort mit den Wurzeln aus und schleppten sie an den bestimmten Ort; und als sie meinten, sie hätten genug, da fiengen sie an zu bauen. Dem Zimmermanne lag nur ob, ab zu meßen und zu zeichnen; die andern beiden rißen dann das Überflüßige mit ihren Nägeln ab, und in kurzer Zeit stund ein ganz nettes Häuschen da, in welchem sie sich aufs Schönste einrichteten; denn der Zimmermann brauchte nur zu sagen, was noch nötig sei, und an zu ordnen, wie es sein solle, da machten es die andern beiden sogleich. Sodann machten sie aus der von Bäumen entblößten Stelle des Waldes Feld. Der Zimmermann verfertigte einen gewaltigen Pflug, an den spannte er die beiden andern an und gieng pflügen; das gieng[141] über Stock und Wurzel und Stein. Ferner verfertigte der Zimmermann eine schrecklich große Egge, und eggte wieder mit jenen beiden. So hatten sie in ein paar Tagen jene ganze Stelle in feinen Staub zerarbeitet. Als nun das Land gut bearbeitet war, muste der Teufel allerlei Gemüsesamen besorgen, die sie säten und pflanzten; am meisten aber unter allen Gemüsen pflanzten sie Rüben.

Als nun das Gemüse und vorzüglich die Rüben schön gediehen waren, da fanden sie jeden Morgen, daß tüchtig gestohlen war, und sie konnten nicht entdecken, wer den Schaden gethan habe. Da verabredeten sie sich, Nachts zu wachen. Die erste Nacht gieng der Teufel; als er Wache stund, kam der Dieb angefahren und fieng an Rüben aus zu reißen und auf einen kleinen Wagen zu laden. Schnell sprang er herbei, um den Dieb zu faßen und nach Hause zu schaffen; der Dieb aber hieb ihn so schlimm zusammen, daß er kaum das Leben behielt, und fuhr mit den Rüben davon. Früh gieng der Zimmermann mit Perkun, um nach zu sehen. Sie fanden abermals viel gestohlen und schalten den Teufel sehr. Der aber sagte, es wäre ihm am Abend nicht wol gewesen, und als das vorüber gegangen, wäre er ein wenig eingeschlummert, und da müße wol während dem der Dieb gekommen sein. Die zweite Nacht muste Perkun gehen und wachen, aber dem ergiengs eben so. Als er den Dieb faßen wollte, hieb ihn der Dieb unmenschlich und fuhr mit seinem Wägelchen voll Rüben davon. Früh fanden sie wieder, daß großer Schade angerichtet war; und als der Zimmermann dem Perkun deshalb Vorwürfe machte, sagte er, Abends habe er heftiges Zahnweh gehabt, und als das etwas nachgelaßen habe, sei er eingeschlummert; während dem habe der Dieb die Rüben gestohlen. Keiner von bei den aber sagte, daß er Schläge bekommen hatte.

Die dritte Nacht hatte der Zimmermann die Wache; da er aber ein wenig spielen konnte, nahm er seine Geige mit, setzte sich unter eine Tanne; und als der Schlaf ihn überkommen wollte, geigte er sich eins; denn er wollte durchaus wach bleiben, um zu erfahren, was das für ein Dieb sei. Gegen Mitternacht hörte er, wie der Dieb gerades Weges in die Rüben hinein fuhr und immer mit der Peitsche knallte und sagte ›Pitsch, patsch, eisernes Wägelchen, Peitschlein von Draht!‹ und so in einem fort. Dem Zimmermann kamen allerlei Gedanken, und er fieng an desto mehr zu geigen. Als der Dieb die Musik hörte, hielt er bei den Rüben an und ward still; der Zimmermann[142] aber kratzte, so sehr seine Kräfte nur vermochten, in der Meinung, er werde den Dieb damit verjagen; aber nein. Dem Dieb gefiel die Musik und er kam zu ihm hin. Und wer war es? Eine wilde unheimliche Laume, die in demselben Walde ihren Wohnsitz hatte und die niemand bewältigen konnte. Diese Laume hatte die Rüben gestohlen und den Teufel und den Perkun so schlimm zugerichtet. Nun wuste der Zimmermann recht gut, wie es jenen beiden ergangen war und daß er mit ihr sehr sanft umgehen müße. Als die Laume zum Zimmermann hin kam, sagte sie ihm guten Abend und stellte sich sehr freundlich; denn die Musik gefiel ihr sehr wol. Als sie eine Weile zugehört hatte, sagte sie zum Zimmermann ›Ei, sei doch so gut und laß mich das auch einmal versuchen!‹ Aber sie konnte gar nichts. Da nahm sie der Zimmermann bei der Hand und zeigte ihr, wie sie es machen solle; aber es gieng doch nicht, und sie wollte es sehr gerne auch so lernen. Da sagte sie zum Zimmermann, sie würde ihm sehr erkenntlich sein, wenn er sie so schön geigen lehre. Der Zimmermann sagte ›Das ist nur eine Kleinigkeit für mich; ich weiß, was dir Not thut; wenn du das thust, so wirst du es sogleich können.‹ Sie sagte, daß sie recht gerne alles thun wolle. Da sagte der Zimmermann zu ihr ›Sieh nur, wie dick deine Finger sind, und sieh meine dagegen! Du must deine Finger dünner machen laßen, dann wirst dus gleich können.‹ Sie wollte das auch thun. Da gieng der Zimmermann fort und holte seine Axt und einen Keil, suchte sich den dicksten Baumstumpf aus, machte einen Spalt und schlug den Keil so tief hinein, bis der Spalt so groß war, daß die Laume ihre Finger hinein stecken konnte. Und als sie die Finger beider Hände hinein gesteckt hatte, da zog er den Keil heraus und der Spalt schloß sich und zerdrückte ihr die Finger so arg, daß das Blut in einem fort floß und sie vor großem Schmerz zu heulen und zu bitten begann, der Zimmermann möge sie doch los laßen, sie werde nicht mehr kommen und Rüben stehlen. Der Zimmermann aber ließ sie eine tüchtige Weile in der Klemme, gieng hin und holte ihr Drahtpeitschlein und fieng an sie damit durch zu prügeln. Und als er sie jämmerlich zugerichtet hatte, holte er den Keil wieder herbei und schlug ihn in die Spalte des Baumstumpfes, so daß sie ihre Finger wieder heraus ziehen konnte. Da verschwand sie wie der Wind und ließ ihr eisernes Wägelchen und das Drahtpeitschlein zurück.

Früh kamen sie, um nach den Rüben zu sehen, und auch nicht[143] eine einzige war gestohlen. Da lachte der Zimmermann jene beiden aus und sagte ›Ihr seid mir tüchtige Männer! Stellt euch so stark und laßt euch dort von einem alten Weibe überwinden, und obendrein durchprügeln. Aber ich hab sie ausgezahlt, daß sie in ihrem ganzen Leben nicht wieder Rüben stehlen wird.‹ Da fiengen jene beiden an sich vor dem Zimmermanne zu fürchten, denn sie hielten ihn für sehr mächtig. Bisher hatten sie geglaubt, er sei ein schwacher Wicht im Vergleiche mit ihnen, von der Zeit aber hielten sie ihn in hohen Ehren, und den Garten brauchten sie nicht mehr zu bewachen, die Laume kam nicht mehr stehlen.

Als sie nun so einige Jahre da gewirtschaftet hatten, behagte es ihnen nicht mehr beisammen zu sein: es sei beßer, wenn hier nur einer wirtschafte. Sie konnten aber darüber nicht einig werden, wem das Häuschen am besten zufalle; denn jeder rühmte sich, er habe viel daran gethan. Nach langem hin und her streiten beschloßen sie es so zu machen: sie wollten sich Nacht für Nacht gegenseitig bange machen, und der, welcher ausharren werde ohne zu entfliehen, durch sein Scheuchen aber die andern fort zu jagen im Stande sein werde, dem solle das Häuschen als Eigentum verbleiben.

Die erste Nacht gieng der Teufel hinweg, um zu scheuchen. Um Mitternacht erhob sich ein starker Wind und ein mächtiges Toben, so daß das Häuschen anfieng zu beben und zu krachen; die Decken fiengen an sich auszuheben und die Wandbalken in den Wänden sich zu bewegen. Als Perkun das sah und hörte, entfloh er sogleich durchs Fenster. Der Zimmermann aber nahm sein Gesangbuch, sang und betete und blieb in der Stube, und der Teufel konnte ihm nicht bange machen, er mochte einen so argen Lärm und Sturm machen als er wollte und das Häuschen auf alle Art reißen, schütteln und drehen. Perkun hatte also die Wette verloren, und der Zimmermann gewonnen.

Die zweite Nacht gieng Perkun weg um zu scheuchen, und der Zimmermann blieb mit dem Teufel in der Stube. Als es schon ziemlich tief in der Nacht war, da stieg eine Wolke auf schwarz wie ein Sack, und entsetzlicher Donner mit Blitzen kam aus ihr, und je näher das Gewitter dem Häuschen kam, desto ärger ward das Donnern und Einschlagen, man hätte meinen sollen, der ganze Wald und das Häuschen werde in den Abgrund der Erde hineingeschlagen werden, und das Schießen der Blitze und das Knallen war so groß, daß gleich alles hätte verbrennen mögen. Als das der Teufel sah, warf er sich[144] schnell wie der Wind durchs Fenster und entfloh, denn dem Perkun traute er nicht sehr und fürchtete, daß er ihn mit einem Blitzstrahle erschöße; er wuste ja recht gut, daß Perkun die Teufel, die sich in der Welt herumtreiben, erschlage. Der Zimmermann blieb da, nahm sein Buch, sang und betete, und kümmerte sich um die Schrecknisse gar nicht, die Perkun draußen machte. So gewann er die Wette abermals und der Teufel verlor.

Die dritte Nacht nun gieng der Zimmermann bange machen und Perkun blieb mit dem Teufel in der Stube, und beide dachten ›Wie sollte der uns bange machen.‹ Aber gegen eilf Uhr gieng der Zimmermann hin, nahm jenes eiserne Wägelchen und das Drahtpeitschlein der Laume, die er, ohne jenen etwas davon zu sagen, im Walde in einem Dickicht verborgen hatte, und dachte ›Wenn ich damit ans Häuschen gefahren komme, da werden sie Furcht genug haben.‹ Er setzte sich also ins Wägelchen, nahm das Peitschlein und begann zu knallen; da lief das Wägelchen dem Hause zu. Während der Zimmermann so mit der Peitsche knallte, rief er ›Pitsch, patsch, eisernes Wägelchen, Peitschlein von Draht!‹ und so giengs in einem fort und immer näher ans Haus. Jene beiden in der Stube hörten es und dachten, das sei niemand anders, als jene Laume, die sie damals so jämmerlich zerdroschen hatte; da befiel sie eine solche Furcht, daß sie es nicht länger in der Stube aushalten konnten. Perkun entfloh, Feuer um sich herum speiend, zum Fenster hinaus, und der Teufel machte vor Angst in alle Ofenhäfen; und als er sich so schrecklich besudelt hatte, flog er durch die Decke und den Dachfirst hinaus, und von der Stunde an zeigte sich von den beiden keiner wieder in dem Häuschen. So bekam denn der Zimmermann das ganze schön eingerichtete Häuschen in seinen Besitz. Die Ofenhäfen machte er schön rein, brachte den Teufelsdreck in die Apotheke zum Verkaufe und löste viel Geld dafür. Dort lebte er noch lange Jahre in Gedeihen und Glück bis er starb, und alle Apotheker verkaufen noch bis auf diesen Tag den Teufelsdreck als Arznei.

1

Perkûnas, der Zeus der Litauer.

Quelle:
Schleicher, August: Litauische Märchen, Sprichworte, Rätsel und Lieder. Weimar: Böhlau, 1857, S. 145.
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