München und Augsburg

[440] In der Morgenfrühe des 23. Septembers 1777 fuhren Mutter und Sohn von Salzburg ab. Der Vater, der bis zum Schlusse den Abschiedsschmerz mannhaft niedergekämpft und darüber sogar vergessen hatte, dem Sohne seinen väterlichen Segen zu geben, brach hernach ganz trostlos in einem Sessel zusammen. Auch Nannerl weinte unaufhörlich und erholte sich erst gegen Abend wieder, wo sich beide durch eine Partie Piquet zu zerstreuen suchten.

Unterdessen fuhr Wolfgang in hellem Glück in den Herbstmorgen hinein. Der Salzburger Alpdruck war von seiner Seele genommen, und das half ihm auch über den Abschied von Vater und Schwester hinweg und ließ die väterlichen Ermahnungen in seiner Seele mehr denn je verblassen. Überaus bezeichnend für den leichten und kindlichen Sinn, mit dem er in die Welt hinauszog, ist sein erster Brief an den Vater, den er noch am Abend »undecima hora noctis« in Wasserburg niederschrieb1. Als das Merkwürdigste an der ganzen Reise wird darin eine »einseitige Kuh« bezeichnet, »welches wir noch niemahl gesehen haben«; auch zwei Bekannte aus Memmingen trafen sie, von denen der eine, ein Herr von Unhold, Komplimente an den Vater und »meine Schwester, die Canaglie« bestellte. Ganz am Schluß des Briefes aber gesteht Wolfgang, daß er zu Hause seine »Dekreter« vergessen habe, d.h. wohl die Diplome und Zeugnisse der italienischen Akademien, also gerade die Dokumente, auf die der Vater ganz besonderen Wert legte! Schon das mag diesem zu denken gegeben haben, trotz den vorhergehenden zu seiner Beruhigung bestimmten Worten:


Viviamo come i principi, uns geht nichts ab als der Papa; je nun, Gott wills so haben, es wird noch alles gut gehen. Ich hoffe, der Papa wird wohl auf seyn und so vergnügt wie ich; ich gebe mich ganz gut drein. Ich bin der andere Papa; ich gieb auf Alles Acht. Ich habe mir auch gleich ausgebeten die Postilione auszuzahlen, denn ich kann doch mit die Kerls besser sprechen als die Mama ... Wir bitten alle zwei, der Papa möchte Achtung geben auf seine Gesundheit ... und gedenken, daß der Mufti H: C:2 ein Schwanz, Gott aber mitleidig, barmherzig und liebreich seye.


Das nächste Ziel der Reise war München. Zwar erwartete der Vater nach der Lage der Dinge und den früheren vergeblichen Versuchen dort keinen[441] günstigen Erfolg; indessen mußte der Versuch auch hier gemacht werden. Ausgerüstet mit den genannten Diplomen konnte sich Wolfgang vor dem Kurfürsten Maximilian als einen gründlich gebildeten Komponisten ausweisen; es kam nur darauf an, daß einflußreiche Gönner ihm Gelegenheit verschafften, sich durch neue Leistungen zu bewähren.

Sie nahmen Quartier bei dem ihnen von den früheren Reisen her befreundeten, unter dem Namen des »gelehrten Wirthes« bekannten Albert3. Wolfgangs erster Gang war zum Grafen Seeau, dem Intendanten der Schauspiele4. Dieser, von seiner Entlassung schon unterrichtet, nahm ihn freundlich auf und riet ihm, sich mündlich oder schriftlich unmittelbar an den Kurfürsten zu wenden; er wußte sehr wohl, daß es in München damals an einem tüchtigen Komponisten fehlte.

Auch der Fürstbischof von Chiemsee, Graf Zeill, wurde besucht, den seine diplomatische Sendung noch immer in München festhielt. Auch er trat beim Kurfürsten warm für Mozart ein, erhielt aber nach einigen Tagen von ihm Bescheid, daß es »jetzt noch zu früh« sei. Ebenso hatte die Kurfürstin ihre Fürsprache verheißen, aber auch sie »schupfte die Achseln« und zweifelte am Erfolg.

Bestätigt wurden diese Nachrichten, als Mozart, von dem einflußreichen Violoncellisten Frz. Xav. Woschitka (geb. 1730) eingeführt, sich dem Kurfürsten bei Hofe vorstellte, als dieser eben im Begriffe war, zur Jagd zu gehen. Von dieser Unterredung berichtet er dem Vater am 30. September 1777:


Als der Churfürst an mich kam, so sagte ich: Ew. Churfürstl. Durchlaucht erlauben, daß ich mich unterthänigst zu Füßen legen und meine Dienste antragen darf. – Ja, völlig weg von Salzburg? – Völlig weg, ja, Ew. Durchlaucht. – Ja, warum denn? habt's eng z'kriegt? – Ey beyleibe, Ew. Durchlaucht, ich habe nur um eine Reise gebeten, er hat sie mir abgeschlagen, mithin war ich gezwungen, diesen Schritt zu machen, obwohlen ich schon lange im Sinne hatte wegzugehen, denn Salzburg ist kein Ort für mich, ja ganz sicher. – Mein Gott, ein junger Mensch! aber der Vater ist ja noch in Salzburg? – Ja, Ew. Churf. Durchl., er legt sich unterthänigst etc. Ich bin schon dreimal in Italien gewesen, habe drei Opern geschrieben, bin Mitglied der Akademie von Bologna, habe müssen eine Probe ausstehen, wo viele maestri 4 bis 5 Stunden gearbeitet und geschwitzet haben, ich habe es in einer Stunde verfertiget: das mag zur Zeugniß dienen, daß ich im Stande bin, in einem jeden Hofe zu dienen. Mein einziger Wunsch ist aber Ew. Churfürstl. Durchlaucht zu dienen, der selbst ein großer ... – Ja, mein liebes Kind, es ist keine Vacatur da. Mir ist leid, wenn nur eine Vacatur da wäre. – Ich versichere Ew. Durchlaucht, ich würde München gewiß Ehre machen. – Ja, das nutzt Alles nicht; es ist keine Vacatur da. – Dies sagte er gehend; nun empfahl ich mich zum höchsten Gnaden.


War damit auch alle Hoffnung auf eine Anstellung am Hofe geschwunden, so suchte Graf Seeau doch den jungen Künstler auf andere Weise an München zu fesseln. Er war nicht allein Intendant, sondern zum Teil auch Unternehmer[442] des Theaters; der Kurfürst besoldete die Kapelle und das Ballett und gab einen jährlichen Zuschuß von 9000 Gulden zu der Einnahme, welche Seeau zufiel. Dafür mußte er Oper und Schauspiel unterhalten, er engagierte die Mitglieder beider Gesellschaften, meistens geborene Münchner, die er für 8 bis 12 Gulden monatlich haben konnte5. Italienische Opern wurden nur im Karneval und bei großen Hoffesten – dann meist unentgeltlich – gegeben; neben dem Schauspiel machte man auch mit deutschen Opern einen Anfang, d.h. mit Bearbeitungen italienischer und französischer, denn deutsche Originalopern hatte man dort nicht. Von dem norddeutschen Singspiel Hillers wollte man in München so wenig wissen wie in Wien. Die Blüte des Wiener Singspiels aber begann erst im Jahre darauf. Damals hätte München mit Mozart an der Spitze Gelegenheit gehabt, die Führung in der ganzen Bewegung zu übernehmen. Denn dieser, der sich noch kurz zuvor dem Padre Martini als eifrigen Anhänger der italienischen Oper bekannt hatte, war nunmehr ganz Feuer und Flamme für die deutsche. Zum erstenmal tritt eine Seite seines Wesens hervor, die sehr häufig übersehen wird: sein deutsches Nationalgefühl, das nunmehr, wenn auch zunächst noch mit einigen Schwankungen nach der italienischen Seite hin, auch seine Kunst immer stärker beherrscht.6

Seeau fragte den Bischof von Chiemsee, ob Mozart sich durch eine kleine Beihilfe bestimmen lassen könnte, in München zu bleiben, was dieser freilich bezweifelte. Der Intendant hoffte auf einen dahingehenden Antrag Mozarts, dieser aber schildert seinen Eindruck von der deutschen Oper und von der Sängerin Kaiser höchst lebendig dem Vater (2. Oktober 1777)7:


Die erste Sängerin heißt Keiserin, ist eine Kochstochter von einem Grafen hier, ein sehr angenehmes Mädl, hübsch auf dem Theater. In der Nähe sah ich sie noch nicht. Sie ist hier geboren. Wie ich sie hörte, war es erst das dritte Mal, daß sie agierte. Sie hat eine schöne Stimm, nicht stark, doch auch nicht schwach, sehr rein, gute Intonation. Ihr Lehrmeister ist Valesi, und aus ihrem Singen kennt man, daß ihr Meister sowohl das Singen als das Singenlehren versteht. Wenn sie ein paar Takte aushält, so hab ich mich sehr verwundert, wie schön sie das Crescendo und Decrescendo macht. Den Triller schlägt sie noch langsam, und das freut mich recht, dann er wird nur desto reiner und klarer, wenn sie ihn einmal geschwinder machen will: geschwind ist er ohnehin leichter. Die Leute haben hier eine rechte Freude mit ihr – – und ich mit ihnen. Meine Mama war im Parterre; sie ging schon um halb 5 Uhr hinein, um Platz zu bekommen; ich ging aber erst um halb 7 Uhr, denn ich kann überall in die Logen gehen, ich bin ja bekannt genug. Ich war in der Loge vom Haus Branca. Ich betrachtete die Keiserin mit meinem Fernglas, und sie lockte mir öfters eine Zähre ab; ich sagte oft Brava, Bravissima; denn ich dachte immer, daß sie erst das dritte Mal auf dem Theater ist. Das Stück[443] hieß das Fischermädchen [la pescatrice], eine nach der Musik des Piccinni sehr gute Übersetzung. Originalstücke haben sie noch nicht. Eine teutsche opera seria möchten sie auch bald geben – – und man wünscht halt, daß ich sie komponierte.


Diesen Wunsch teilte auch der Professor Huber, der Mozart schon während des letzten Aufenthalts in Wien (1773) bei Mesmers gesehen und gehört hatte und bei Albert, dessen Gasthaus er abends zu besuchen pflegte, die Bekanntschaft mit ihm erneuerte. Er war Vize-Intendant des Theaters; er hatte die Arbeit, wie Mozart sich ausdrückt, »die Komödien, die man aufführen wollte, durchzulesen, zu verbessern, zu verderben, hinzuzutun, hinwegzusetzen«. Diese Korrektur mochte nötig sein, da die Direktion alles aufführte, was eingeschickt wurde, und sogar verbunden war, alle Münchner Produkte einzustudieren. Und da damals in München »fast jeder Student und Offiziant an der Autorsucht krank lag, wurden sie mit Wust überhäuft«8. Auch ihm konnte es nicht gleichgültig sein, ob ein Talent von solcher Bedeutung für das Theater gewonnen wurde oder nicht.

Andere teilten den Wunsch ebenfalls; Baron Rumling machte Wolfgang das Kompliment: »Spektakel sind meine Freude, gute Acteurs und Actrices, gute Sänger und Sängerinnen, und dann einen so braven Komponisten dazu, wie Sie!« Dazu meint Wolfgang (2. Okt. 1777): »Das ist freylich nur geredet – und reden läßt sich viel – doch hat er niemals mit mir so geredet.« Bei Graf Jos. v. Salern, dem obersten Direktor der Musik und Oper (geb. 1718)9, spielte er mehrere Tage hintereinander, »viel vom Kopf«, »dann die zwei Cassationen für die Gräfin (Lodron) und die Finalmusik mit dem Rondo auf die letzt, auswendig«10. Mozart sagte dem lebhaft beifallklatschenden Grafen, er wünschte nur, der Kurfürst wäre dabeigewesen und hätte die Stücke gehört; er getraute sich, es überhaupt mit jedem lebenden Komponisten aufzunehmen.

Auch mit früheren Bekannten und Freunden wurde der Verkehr wieder aufgenommen, so mit dem Sopranisten Consoli, dem Flötisten Becke und, trotz dem väterlichen Verbote, auch mit Mysliweczek, der damals an einer geheimen Krankheit im Spital lag. An einem Hauskonzert bei Albert traf Mozart mit einem Schüler Tartinis, Dubreil(?)11, zusammen, den er für einen guten Treffer und tüchtigen Orchestergeiger hielt. Freilich, wie der Versuch lehrte, ganz ohne Grund (6. Okt. 1777)12:


Wir machten gleich zuerst die 2 Quintetti von Haydn, allein mir war sehr leid, ich hörte ihn kaum; er war nicht im Stande 4 Täkte fortzugeigen ohne zu fehlen; er fand keine Applikatur, mit die Sospirs13 war er gar nicht gut Freund. Das Beste war, daß er sehr höflich gewesen und die Quintetti gelobt hat, sonst ... Dann[444] spielte ich das Konzert in C, in B und Es und dann das Trio von mir. Das war gar schön akkompagniert; im Adagio habe ich 6 Takt seine Rolle spielen müssen. Zu guter Letzt spielte ich die letzte Kassation aus dem B von mir, da schauete alles groß drein. Ich spielte, als wenn ich der größte Geiger in ganz Europa wäre.


Als einer der treuesten Freunde erwies sich der Wirt Albert, der zugleich ein eifriger Musikliebhaber war14. Um Wolfgang an München zu fesseln, verhieß er ihm, zehn gute Freunde zusammenzubringen, von denen jeder monatlich einen Dukaten spenden sollte, also jährlich 600 fl.; es würde leicht sein, vom Grafen Seeau Aufträge zu erhalten, so daß er auf 800 fl. Einkommen sicher rechnen könne. Wolfgang war begeistert von diesem Plane, es gelte jetzt nur, für den Anfang durchzuhalten; im November gingen die Konzerte an, die bis zum Mai fortdauerten, alle Samstag sollte eines in Alberts Saal stattfinden, und bis dahin würden auch die Fremden ankommen. Auch die Mutter war mit dem Vorschlage einverstanden, dagegen äußerte der Vater begründete Zweifel daran, daß sich diese »zehn charmanten Freunde« zusammenfinden und, wenn doch, ob sie ihr Wort auch halten würden. Käme die Sache nicht sofort ins reine, so dürfe Wolfgang unter keinen Umständen Zeit und Geld mit einer ganz unsicheren Wartezeit verschwenden.

Wolfgang freilich glaubte auch ohne einen solchen Zuschuß in München aushalten zu können. Für das Essen würden schon Albert und die anderen Freunde sorgen. Vom Grafen Seeau rechnete er auf mindestens 300 fl., er wollte sich verpflichten, alle Jahre vier deutsche Opern, teils ernster, teils heiterer Art, zu schreiben, dann bekäme er für jede eine Abendeinnahme, was allein schon 500 fl. betrage. Aber auch dieser Plan schien dem Vater zu wenig aussichtsreich und ehrenvoll. »Daß Du allein in München leben könntest«, schrieb er (6. Okt. 177715), »hat seine Richtigkeit; allein, was würde Dir dieses für eine Ehre machen, wie würde der Erzbischof darüber spotten. Das kannst Du allerort, nicht nur in München. Man muß sich nicht so klein machen und nicht so hinwerfen. Dazu ist ganz gewiß noch keine Not.« Er bestand darauf, daß sie München sobald als möglich verlassen sollten. »Die schönen Worte«, mahnt er (15. Okt. 1777)16, »Lobsprüche und Bravissimo zahlen weder Postmeister noch Wirte, so bald man nichts mehr gewinnen kann, muß man alsogleich weiter trachten«. Die guten Freunde könnten ja auch in seiner Abwesenheit zu seinem Vorteile weiterwirken. Wolfgang beurlaubte sich daher beim Grafen Seeau, wie er dem Vater erzählt (3. Okt.)17:


[445] Heut um 8 Uhr frühe war ich beim Graf Seeau, machte es ganz kurz, sagte nur: Ich bin nur da, Ew. Excellenz mich und meine Sache recht zu erklären. Es ist mir der Vorwurf gemacht worden, ich sollte in Italien reisen. Ich war 16 Monat in Italien, habe 3 Opern geschrieben, das ist genug bekannt. Was weiter vorgegangen, werden Ew. Excellenz aus diesen Papieren ersehen. Ich zeigte ihm die Diplomata. Ich zeige und sage Ew. Excellenz dieses alles nur, damit, wenn eine Rede von mir ist und mir etwa Unrecht getan würde, sich Ew. Excellenz mit Grund meiner annehmen können. Er fragte mich, ob ich jetzt in Frankreich ginge? Ich sagte, ich würde noch in Teutschland bleiben. Er verstand aber in München, und sagte, vor Freude lachend: So! hier bleiben Sie noch? Ich sagte: Nein, ich wäre gern geblieben; und die Wahrheit zu gestehen, hätte ich nur dessentwegen gern vom Churfürsten etwas gehabt, damit ich Ew. Excellenz hernach hätte mit meiner Komposition bedienen können, und ohne allen Interesse. Ich hätte mir ein Vergnügen daraus gemacht. Er rückte bey diesen Worten gar seine Schlafhauben.


Bei dieser außerordentlichen Ehre hatte es auch sein Bewenden. Der Graf war bei aller Freundlichkeit ein vorsichtiger Mann, der der großen Jugend Mozarts mißtraute und offenbar auch seine italienischen Erfolge nicht hoch genug schätzte, um eine Anstellung zu verantworten. Ein merkwürdiges Schicksal stellte nun gerade in dieser Zeit Mozart eine Vermehrung seiner italienischen Lorbeeren in Aussicht. Mysliweczek nämlich, der in München zum Karneval seinen »Ezio« und in den Fasten sein Oratorium »Abramo ed J sacco« mit großem Beifall aufgeführt hatte18 und für den nächsten Karneval nach Neapel berufen war, machte ihm Hoffnung auf einen Opernauftrag für Neapel und setzte ihm einen Brief an den Impresario Don Gaetano Santoro auf. Mozart fühlte eine unaussprechliche Begierde, »wieder einmal eine opera zu schreiben« und schrieb ganz glücklich an seinen Vater (10. Okt. 1777)19:


Ich habe doch im Karneval meine gewissen 100 Dukaten; wenn ich einmal zu Neapel geschrieben habe, so wird man mich überall suchen. Es gibt auch, wie der Papa wohl weiß, im Frühling, Sommer und Herbst da und dort eine opera buffa, die man zur Übung und um nicht müssig zu gehen, schreiben kann. Es ist wahr, man bekömmt nicht viel, aber doch etwas, und man macht sich dadurch mehr Ehre und Kredit, als wenn man 100 Konzerte in Teutschland gibt, und ich bin vergnügter, weil ich zu komponieren habe, welches doch meine einzige Freude und Passion ist. Nun, bekomme ich wo Dienste oder habe ich wo Hoffnung anzukommen, so rekommandiert mich die scrittura viel, macht Aufsehen, und noch viel schätzbarer. Doch, ich rede nur; ich rede so wie es mir ums Herz ist – – wenn ich vom Papa durch Gründe überzeuget werde, daß ich unrecht hab, nun, so werde ich mich, obwohlen ungern, drein geben; dann ich darf nur von einer opera reden hören, ich darf nur im Theater sein, Stimmen hören – – o so bin ich schon ganz außer mir.


Der Vater war durchaus nicht dawider, meinte aber, diese Angelegenheit müsse man betreiben, ohne den Hauptzweck der Reise aus den Augen zu verlieren; er setzte sich deshalb mit Mysliweczek in Verbindung, glaubte[446] indes später (25. Jan. 1778) zu bemerken, daß dieser ihm nur dann von der scrittura schreibe, die er nächstens erwarte, wenn er Gefälligkeiten von ihm verlange. In der Tat wurde nichts aus diesem Antrag. Ebensowenig glückte es dem Vater, Wolfgang einen Opernauftrag für den Himmelfahrtstag in Venedig zu verschaffen; der Impresario Michele dall' Agata (Beil. III F 2) gab ihm auf zwei Briefe nicht einmal Antwort (12. Febr. 1778).

Die künstlerischen Eindrücke, die Mozart damals in München empfing, werden sich im allgemeinen wenig von den früheren aus dem Jahre 1775 unterschieden haben; auch seine schöpferische Tätigkeit scheint so ziemlich geruht zu haben. Er selbst erwähnt gelegentlich sechs »Duette« für Violine und Klavier von dem Dresdner Hofkapellmeister Jos.Schuster (1748–1812), die »nicht übel« seien, und spricht die Absicht aus, bei längerem Aufenthalt in München ähnliche Stücke zu komponieren20. Dazu ist es freilich nicht gekommen.

Am 11. Oktober mittags verließen die Reisenden München und kamen abends nach Augsburg. Den genauen Anweisungen des Vaters gemäß (25. Sept. 1777) nahmen sie im »Lamb in der Kreuzgasse« Quartier, »wo man Mittags die Person 30 Kr. bezahlt und schöne Zimmerl sind, auch die ansehnlichsten Leute, Engelländer, Franzosen etc. einkehren«. In der Familie des Oheims Franz Aloys Mozart fanden sie freundliche und herzliche Aufnahme, und Wolfgang schloß mit dessen munterer Tochter Maria Anna Thekla eine Freundschaft, die ihn für den ungünstigen Empfang schadlos halten mußte, der ihm von anderen Seiten her in der Vaterstadt seines Vaters zuteil wurde.

Dem Wunsche des Vaters gemäß mußte ihn der Vetter sogleich zu »Ihro Gnaden« dem Herrn Stadtpfleger von Langenmantel führen, einem alten Bekannten Leopolds. Wolfgang schildert diesen Besuch bei dem steifen Stadttyrannen, seinem »gestarzten Herrn Sohn und der langhalsigten gnädigen jungen Frau und der einfältigen alten Frau« sehr drastisch, so daß der Vater an Wielands Abderiten erinnert wurde. Trotzdem führte er sich mit freiem Phantasieren und Primavista-Spielen bei ihm ein, darunter von »sehr hübschen Stücken eines gewissen Edelmann«21. Die Stelle ist wichtig als einer der wenigen brieflichen Belege für die schon vor Paris immer stärker werdende Annäherung Mozarts an die französische Klaviermusik.

Der wichtigste Augsburger Besuch Mozarts galt aber dem berühmten Orgel- und Klavierbauer Johann Andreas Stein (1728–1792), dem Schüler Gottfr. Silbermanns und Erfinder der sog. »deutschen Mechanik«. Dem Rate des Vaters gemäß führte sich Wolfgang bei ihm unter fremdem Namen und »als unwürdiger Scolar von Hrn. Sigl aus München« ein, verriet sich jedoch sehr bald durch sein Spiel. Nun war Steins Freude groß: »O, schrie er und umarmte mich, er verkreuzigte sich, machte Gesichter und war halt sehr zufrieden.«22 Nicht minder fesselten Mozart die Steinschen Pianofortes;[447] er sandte seinem Vater alsbald einen ausführlichen Bericht darüber, der nicht nur für sein Interesse, sondern namentlich auch für seine scharfe Beobachtungsgabe und Sachkenntnis bezeichnend ist (17. Okt. 177723):


Ehe ich noch vom Stein seiner Arbeit etwas gesehen habe, waren mir die Späthischen Claviere die liebsten, nun aber muß ich den Steinischen den Vorzug lassen; denn sie dämpfen noch viel besser, als die Regensburger. Wenn ich stark anschlage, ich mag den Finger liegen lassen oder aufheben, so ist halt der Ton in dem Augenblick vorbey, da ich ihn hören ließ. Ich mag an die Claves kommen, wie ich will, so wird der Ton immer gleich seyn, er wird nicht schebern, er wird nicht stärker, nicht schwächer gehen, oder gar ausbleiben; mit einem Worte, es ist alles gleich. Es ist wahr, er gibt so ein Pianoforte nicht unter 300 fl.; aber seine Mühe und Fleiß, die er anwendet, ist nicht zu bezahlen. Seine Instrumente haben besonders das vor andern eigen, daß sie mit Auslösung gemacht sind. Da gibt sich der Hunderste nicht damit ab; aber ohne Auslösung ist es halt nicht möglich, daß ein Pianoforte nicht schebere oder nachklinge. Seine Hämmerl, wenn man die Claves anspielt, fallen in dem Augenblick, da sie an die Saiten hinaufspringen, wieder herab, man mag den Clavis liegen lassen, oder auslassen. Wenn er ein solch Clavier fertig hat (wie er mir selbst sagte), so setzt er sich erst hin, und probirt allerley Passagen, Läufe und Sprünge, und schabt und arbeitet so lange, bis das Clavier alles thut; denn er arbeitet nur zum Nutzen der Musique, und nicht seines Nutzens wegen allein, sonst würde er gleich fertig seyn. Er sagt oft: Wenn ich nicht selbst ein so passionirter Liebhaber der Musik wäre, und nicht selbst etwas weniges auf dem Clavier könnte, so hätte ich gewiß schon längst die Geduld bey meiner Arbeit verloren; allein ich bin halt ein Liebhaber von Instrumenten, die den Spieler nicht ansetzen, und die dauerhaft sind. Seine Claviere sind auch wirklich von Dauer. Er steht gut davor, daß der Resonanzboden24 nicht bricht und nicht springt. Wenn er einen Resonanzboden zu einem Clavier fertig hat, so stellt er ihn in die Luft, Regen, Schnee, Sonnenhitze und allen Teufel, damit er zerspringt, und dann legt er Späne ein und leimt sie hinein, damit er recht stark und fest wird. Er ist völlig froh, wenn er springt; man ist halt hernach versichert, daß ihm nichts mehr geschieht. Er schneidet gar oft selbst hinein, und leimt ihn wieder zu, und befestigt ihn recht. Er hat drey solche Pianoforte fertig, ich habe erst heute wieder darauf gespielt ... Die Maschine, wo man mit dem Knie drückt, ist auch bey ihm besser gemacht, als bei den andern. Ich darf es kaum anrühren, so geht es schon; und sobald man das Knie nur ein wenig wegthut, so hört man nicht den mindesten Nachklang.


Mozart hat sich die neuen Instrumente nicht allein für sein eigenes Spiel zunutze gemacht, auch seine Kompositionen für Klavier tragen von jetzt an die deutlichen Spuren dieser Eindrücke. Stein aber benutzte seine Anwesenheit, um ihn über die Ausbildung seiner Tochter zu Rate zu ziehen. Denn Maria Anna Stein, geb. 1769, galt als das »Wunderkind von Augsburg«; sie hatte schon im April 1776 auf der Patrizierstube ihr erstes Konzert auf dem Flügel zu jedermanns Bewunderung gespielt, und vom Adel eine schöne Medaille erhalten25. Sie ist später die Frau des Klavierbauers Andreas Streicher, des Jugendfreundes von Schiller, geworden und spielt[448] bekanntlich als Frau Nannette Streicher später auch in Beethovens Leben eine rühmliche Rolle. Mozarts Worte über sie sind, wie alle seine Urteile über Künstler, messerscharf, aber sachlich und vor allem fruchtbar für den Gegenstand selbst und lehrreich für seine eigenen Ansichten darüber (24. Oktober 177726):


A propos wegen seinem Mädl. Wer sie spielen sieht und hört und nicht lachen muß, der muß von Stein wie ihr Vater sein. Es wird völlig gegen den Discant hinauf gesessen, beileibe nicht mitten, damit man mehr Gelegenheit hat, sich zu bewegen und Grimassen zu machen. Die Augen werden verdreht, es wird geschmutzt; wenn eine Sache zweimal kömmt, so wird sie das 2te Mal langsamer gespielt; kommt selbe 3 Mal, wieder langsamer. Der Arm muß in alle Höhe, wenn man eine Passage macht, und wie die Passage markirt wird, so muß es der Arm, nicht die Finger, und das recht mit allem Fleiß schwer und ungeschickt thun. Das schönste aber ist, daß, wenn in einer Passage (die fortfließen soll wie Oel) nothwendiger Weise die Finger gewechselt werden müssen, so braucht's nicht viel Acht zu geben, sondern wenn es Zeit ist, so läßt man aus, hebt die Hand auf und fängt ganz commod wieder an, durch das hat man auch eher Hoffnung, einen falschen Ton zu erwischen, und das macht oft einen curiosen Effect. Ich schreibe dies nur, um dem Papa einen Begriff vom Clavierspielen und Instruiren zu geben, damit der Papa seiner Zeit einen Nutzen daraus ziehen kann. Herr Stein ist völlig in seine Tochter vernarrt. Sie ist 8thalb Jahre alt; sie lernt nur noch alles auswendig. Sie kann werden, sie hat Genie; aber auf diese Art wird sie nichts, sie wird niemalen viel Geschwindigkeit bekommen, weil sie sich völlig befleißt, die Hand schwer zu machen. Sie wird das Nothwendigste und Härteste und die Hauptsache in der Musique niemalen bekommen, nämlich das Tempo, weil sie sich von Jugend auf völlig beflissen hat, nicht auf den Takt zu spielen. Herr Stein und ich haben gewiß 2 Stund mit einander über diesen Punkt gesprochen. Ich habe ihn aber schon ziemlich bekehrt. Er fragt mich jetzt in Allem um Rath. Er war in den Beecké völlig vernarrt. Nun sieht und hört er, daß ich mehr spiele als Beecké27, daß ich keine Grimassen mache und doch so expressive spiele, daß noch Keiner, nach seinem Bekenntnisse, seine Pianoforte so gut zu tractieren gewußt hat. Daß ich immer accurat im Takt bleibe, über das verwundern sie sich alle. Das tempo rubato in einem Adagio, daß die linke Hand nichts darum weiß, können sie gar nicht begreifen; bey ihnen giebt die linke Hand nach28.


Eine ziemlich schwere Sonate von Beecké spielte er vom Blatt, »miserabile al solito«, zum größten Erstaunen des Komponisten Fr. H. Graf und des Organisten Schmittbauer.

Aber nicht allein als Pianist, sondern auch als Orgel- und Violinspieler erregte er allgemeine Bewunderung.


Als ich H: Stein sagte, ich möchte gern auf seiner Orgl [in der Barfüßer Kirche] spielen, denn die Orgl seye meine Passion, so verwunderte er sich groß und sagte: Was, ein solcher Mann wie Sie, ein solcher großer Clavierist will auf einem Instrumente spielen, wo keine Douceur, kein Expression, kein Piano, noch Forte[449] statt findet, sondern immer gleich fortgehet? – Das hat alles nichts zu bedeuten. Die Orgl ist doch in meinen Augen und Ohren der König aller Instrumenten. Nu, meinetwegen, wir gingen halt mit einander. Ich merkte schon aus seinen Diskursen, so, daß er glaubte, ich würde nicht viel auf seiner Orgel machen; ich würde par Exemple völlig Claviermäßig spielen. Er erzählte mir, er hätte auch Choberten29 auf sein Verlangen auf die Orgl geführt, und es war mir schon bange (sagte er), denn Chobert sagte es allen Leuten, und die Kirche war ziemlich voll; denn ich glaubte halt, der Mensch wird voll Geist, Feuer und Geschwindigkeit seyn, und das nimmt sich nicht aus auf der Orgl, aber wie er anfing, war ich gleich anderer Meynung. Ich sagte nichts als dieß: Was glauben Sie, Hr. Stein, werde ich herumlaufen auf der Orgl? – – Ach Sie, das ist ganz was Anderes. Wir kamen auf den Chor, ich fing zu prälu dieren an, da lachte er schon; dann eine Fuge. Das glaube ich, sagte er, daß sie gern Orgl spielen, wenn man so spielt. – Vom Anfang war mir das Pedal ein wenig fremd, weil es nicht gebrochen war. Es fing C an, dann DE in einer Reihe. Bei uns aber ist D und E oben, wie hier Es und Fis. Ich kam aber gleich darein30.


Auch im Kloster St. Ulrich spielte er die Orgel, zu der die abscheuliche Stiege hinaufführte, und verkehrte öfter im Kloster zum heiligen Kreuz, wo man ihn am 19. Oktober zum Speisen einlud und unter Tafel Musik machte (24. Oktober 1777)31:


So schlecht als sie geigen, ist mir die Musique in dem Kloster doch lieber als das Orchestre von Augsburg. Ich machte eine Sinfonie, und spielte auf der Violine das Concert ex B von Vanhall mit allgemeinem Applauso. Der Hr. Dechant ist ein braver, lustiger Mann; er ist ein Vetter vom Eberlin, heißt Zeschinger, er kennt den Papa ganz gut. Auf die Nacht beym Souper spielte ich das Strasburger Concert (S. 425). Es ging wie Oel. Alles lobte den schönen reinen Ton. Hernach brachte man ein kleines Clavicord. Ich präludierte und spielte eine Sonate und die Variationen von Fischer. Dann zischerten die andern dem Hrn. Dechant ins Ohr, er solle micht erst orgelmäßig spielen hören. Ich sagte, er möchte mir ein Thema geben, er wollte nicht, aber einer aus den Geistlichen gab mir eins. Ich führte es spazieren und mitten darin (die Fuge gieng ex g minor) fing ich major an, und ganz was Scherzhaftes, aber im nämlichen Tempo, dann endlich wieder das Thema, und aber arschling; endlich fiel mir ein, ob ich das scherzhafte Wesen nicht auch zum Thema der Fuge brauchen könnte? – – Ich fragte nicht lang, sondern machte es gleich, und es ging so accurat, als wenn es ihm der Daser [Schneider in Salzburg] angemessen hätte. Der Hr. Dechant war ganz außer sich. Das ist vorbey, da nutzt nichts (sagte er), das habe ich nicht geglaubt, was ich da gehört habe, Sie sind ein ganzer Mann. Mir hat freilich mein Prälat gesagt, daß er sein Lebtag Niemand so bündig und ernsthaft die Orgl habe spielen hören. Denn er hat mich etliche Tage vorher gehört, der Dechant war aber nicht hier. Endlich brachte einer eine sonata her, die fugirt war, ich sollte sie spielen. Ich sagte aber: Meine Herren, das ist zuviel; das muß ich gestehen, die sonata werde ich nicht gleich so spielen können. Ja, das glaub ich auch (sprach der Dechant mit vielem Eifer, denn er war ganz für mich) das ist zuviel, da giebt's keinen, dem das möglich wäre. Übrigens aber, sagte ich, will ich es doch probiren. Da hörte ich aber[450] immer hinter meiner den Dechant ausrufen: O Du Erzschufti! O Du Spitzbube! o Du Du! – – Ich spielte bis 11 Uhr. Ich wurde mit lauter Fugenthemata bombardirt und gleichsam belagert.


Die Stelle ist lehrreich nicht allein für Mozarts Fertigkeit auf der Orgel und sein kontrapunktisches Können, das in den Werken der letzten beiden Jahre gegen das leichte, galante Wesen ziemlich zurückgetreten war, sondern namentlich für seine damalige Art zu improvisieren. Er phantasiert nicht blind drauflos, sondern von Anfang an schwebt ihm in großen Zügen ein dreiteiliges Stück vor. Innerhalb dieser Form aber liebt er die Überraschungen: der Mittelsatz wird im Gegensatz zum Anfang, für den die Tonart g-Moll bezeichnend ist, in Dur und »scherzhaft« gehalten, die Wiederkehr bringt das Hauptthema in der Umkehrung und fügt ihm endlich noch als letzten Trumpf den Gedanken des Mittelsatzes als Kontrapunkt bei. Es ist der alte Brauch des Improvisierens, von fremdem oder alltäglichem Gut auszugehen und von da aus die Phantasie des Hörers emporzutragen, jedoch, und das ist das echt Mozartsche, unter Wahrung einer übersichtlichen, abgerundeten Form.

Zum Danke für die gute Aufnahme im Kloster schenkte Mozart dem Prälaten Barth. Christa seine Messen in F (S.I. 6) und C (S.I. 8) und sein »Misericordias«. Wegen einer Litanei »de venerabili« verwies er die Brüder an seinen Vater, dem er (20. November 1777) die letzte »ex +Eb« (S. II 4) als passend vorschlägt.32

Im allgemeinen war Mozart freilich von der Augsburger Musik sehr wenig befriedigt, er fand sie »von Herzen schlecht« und das Orchester »zum Fraiskriegen«, weshalb er denn auch bei der Begleitung seiner Vorträge in fortwährender Angst schwebte. Zudem hatte es mit der Veranstaltung eines Konzertes seine Schwierigkeiten. Der junge Herr von Langenmantel hatte ihm zwar versprochen, »auf der Stube« eine Akademie bloß für die Herren Patricii zu veranstalten, nahm jedoch, nachdem er in einer Gesellschaft bei sich Wolfgangs Kunst nach Kräften ausgenützt hatte, die Zusage wieder zurück, da »Patricii nicht bei Cassa seien«. Auch waren die »Abderiten«, Langenmantel voran, taktlos genug, Wolfgang bei Tische mit seinem päpstlichen Ordenskreuz zu necken, was dieser schließlich grob zurückwies; das Kreuz aber scheint er von da an nicht mehr getragen zu haben. Auch in die erbitterten Streitigkeiten der beiden Konfessionen33 wurde er hineingezogen. Er hatte versprochen, das Konzert, das eine Gesellschaft von Patriziern beider Bekenntnisse wöchentlich auf der Geschlechterstube veranstaltete34, zu besuchen und vielleicht zu spielen; da es aber[451] Katholiken waren, die ihn so unwürdig behandelt hatten, wollte er nur für wenige Freunde und Kenner eine Akademie geben. Nun setzte Stein die Evangelischen in Bewegung, und diese kamen Wolfgang so artig entgegen, daß er doch in die »Bauernstub-Akademie« ging35, eine seiner Sinfonien aufführen ließ, in der er selbst mitgeigte, und ein Konzert und eine Sonate spielte. Der Vater schrieb freilich mißbilligend (20. Oktober 1777), ihn »würden sie schwerlich in ihre Bettel-Akademie gebracht haben«. Der Ertrag war denn auch danach: zwei Dukaten wurden Mozart von den begeisterten Kunstfreunden eingehändigt.

Etwas besseren Erfolg hatte das Konzert, das am 22. Oktober durch die Bemühungen seiner Freunde, namentlich des Grafen Wolfegg, zustande gekommen war.


Graf Wolfegg lief immer im Saal herum und sagte: So habe ich mein Lebtag nichts gehört. Er sagte zu mir: Ich muß Ihnen sagen, daß ich Sie niemals so spielen gehört, wie heute; ich werde es auch Ihrem Vater sagen, sobald ich nach Salzburg komme. Was meynt der Papa, was das erste war nach der Sinfonie? – Das Concert auf 3 Claviere. Herr Demmler36 spielte das erste, ich das zweyte, und Herr Stein das dritte. Dann spielte ich allein die letzte Sonate ex D fürn Dürnitz [vgl. S. 329], dann mein Concert ex B [XVI, 6], dann wieder allein ganz orglmäßig eine Fuge ex C minor, und auf einmal eine prächtige Sonate ex C major so aus dem Kopf mit einem Rondeau auf die letzt. Es war ein rechtes Getös und Lärm. Hr. Stein machte nichts als Gesichter und Grimassen vor Verwunderung; Hr. Demmler mußte beständig lachen. Das ist ein so kurioser Mensch, daß, wenn ihm etwas recht sehr gefällt, so muß er ganz entsetzlich lachen. Bey mir fing er gar zu fluchen an.37


Ein »unvergleichlicher Artikel in der Maschenbauerischen Zeitung Nr. 213«, der L. Mozarts Herz erfreute, war vielleicht von Herrn v. Zabuesnig, an dessen schönes Gedicht (Beil. III A, 3) er Wolfgang erinnert hatte. Dagegen war die Einnahme von diesem Konzert, in welchem er »seine ganze Stärke gezeigt hatte«38, nicht glänzend, 90 Gulden auf 16 Gulden 30 Kr. Unkosten. Wolfgang hatte keine Ursache, zu widerrufen, was er seinem Vater im Ärger über das Benehmen der Patrizier geschrieben hatte (16. Oktober 1777):


Das kann ich sagen, wenn nicht ein so braver Herr Vetter und Base und so liebs Bäsle da wäre, so reuete es mich soviel als ich Haare im Kopf habe, daß ich nach Augsburg bin. Nun muß ich von meiner lieben Jungfer Bäsle etwas schreiben: das spar ich mir aber auf morgen, denn man muß ganz aufgeheitert seyn, wenn man sie recht loben will, wie sie es verdienet. – Den 17 ten in der Frühe schreibe und betheure ich daß unser Bäsle schön, vernünftig, lieb, geschickt und lustig ist; und das macht, weil sie brav unter die Leute gekommen ist, sie war auch einige[452] Zeit zu München. Das ist wahr, wir zwey taugen recht zusammen, denn sie ist auch ein bischen schlimm39; wir foppen die Leute mit einander, daß es lustig ist40.


Es war eine recht harmlose, lustige Liebelei, die sich da zwischen den beiden jungen Leuten entspann. Gegen ein hingeworfenes Wort des Vaters nimmt Wolfgang die neue Freundin eifrig in Schutz (25. Oktober 1777)41, sie sei nichts weniger als ein Pfaffenschnitzl. »Gestern hat sie sich mir zu Gefallen französisch angezogen; da ist sie um 5 p. Cento schöner.« Er schenkte ihr sein Porträt in einem kleinen Medaillon, und sie mußte ihm versprechen, sich für ihn in französischer Tracht zeichnen zu lassen. Damit noch nicht zufrieden, bittet er seinen Vater, er möge ihr von den vielen Galanterien, die von den früheren Reisen her bei ihnen aufbewahrt wurden, etwas zum Andenken schicken, ein Doppeltüchel von der Mama, von ihm eine Dose, Zahnstocherbüchs oder dgl. Es gab daher nach dem fröhlichen Zusammensein einen betrübten Abschied, von dem auch Stein nebst dem erstaunlichen Lob über Wolfgangs Leistungen dem Vater berichtete42.

Unmittelbar nach der Abreise nahm der Vater nochmals Gelegenheit, dem Sohn zu dessen Namenstag (31. Oktober) ernstlich ins Gewissen zu reden.


Ich soll Dir zu Deinem Namenstage Glück wünschen. Aber was kann ich Dir itzt wünschen, was ich dir nicht immer wünsche? – – Ich wünsche Dir die Gnade Gottes, die Dich aller Ort begleite, die Dich niemals verlassen wolle, und niemals verlassen wird, wenn Du die Schuldigkeit eines wahren katholischen Christen auszuüben beflissen bist. Du kennst mich. – Ich bin kein Pedant, kein Betbruder, noch weniger ein Scheinheiliger, allein Deinem Vater wirst du wohl eine Bitte nicht abschlagen? Diese ist, daß Du für Deine Seele besorgt seyn wollest, daß Du Deinem Vater keine Beängstigung in seiner Todesstunde verursachest, damit er in jenem schweren Augenblicke sich keinen Vorwurf machen darf, als hätte er an der Sorge für Dein Seelenheil etwas vernachlässiget. Lebe wohl! Lebe glücklich! Lebe vernünftig! Ehre und schätze Deine Mutter, die in ihrem Alter nun viele Mühe hat. Liebe mich, wie ich Dich liebe als Dein wahrhaft sorgfältiger Vater.
[453]

Die Antwort des Sohnes ist in dem Tone der Ehrerbietung gehalten, die in so ernsten Angelegenheiten die Kinder den Eltern erwiesen43:


Ich küsse dem Papa die Hände, und danke gehorsamst für den Glückwunsch zu meinem Namenstag. Lebe der Papa unbesorgt; ich habe Gott immer vor Augen, ich erkenne seine Allmacht, ich fürchte seinen Zorn; ich erkenne aber auch seine Liebe, sein Mitleiden und Barmherzigkeit gegen seine Geschöpfe; er wird seine Diener niemalen verlassen. Wenn es nach seinem Willen geht, so gehet es auch nach meinem; mithin kann es nicht fehlen – ich muß glücklich und zufrieden seyn. Ich werde auch ganz gewiß mich befleißen, Ihrem Befehle und Rath, den Sie mir zu geben die Güte hatten, auf das Genaueste nachzuleben.


Am 26. Oktober reisten Mutter und Sohn über Donauwörth und Nördlingen nach Hohenaltheim, wo sich damals Fürst Kraft Ernst von Öttingen-Wallerstein auf seinem Lustschloß aufhielt. Die Musik wurde an diesem kleinen Hofe besonders eifrig gepflegt44. Berühmte Virtuosen, so der Geiger Janitsch, der Cellist Jos. Reicha und der Oboist Berwein, saßen im Orchester, das unter der Leitung des weitgereisten Ant. Rosetti, zugleich eines namhaften Instrumentalkomponisten45, »die feinsten und oft unmerklichsten Abstufungen des Tones« herausbrachte46. Auch mit dem ausgezeichneten Pianisten und fruchtbaren Komponisten Ignatz von Beecké, der damals Hauptmann in einem württembergischen Dragonerregiment und Intendant der Hofmusik war, wurden persönliche Beziehungen angeknüpft. Der Vater witterte freilich auch bei ihm Neid und Eifersucht auf Wolfgang: als ihm berichtet wurde, dieser habe auf der Violine spielend herumgetanzt und sich auch sonst närrisch benommen, habe Beecké daraus Anlaß genommen, seine Verdienste als Künstler herabzusetzen. Das stellte freilich Wolfgang ganz entschieden in Abrede, er habe sich vielmehr stets »ganz serios« benommen. Dagegen wußte er von Beecké nur Freundliches zu berichten. Er hatte ihn gut aufgenommen, ihm für den Fall, daß er nach Paris gehen wollte, allerlei Ratschläge gegeben und sich auch von ihm vorspielen lassen. Auch über Wien hatten sie sich unterhalten, und daß Kaiser Joseph ein Kenner des Satzes, aber nicht eigentlich Liebhaber der Musik sei, weshalb ihm Beecké nur Fugen und dergleichen »Kindereien« vorgespielt habe; es werde beim Kaiser im Kabinett Musik gemacht, wovor die Hunde weglaufen möchten. Sie teilten sich auch die Erfahrung mit, daß sie beide leicht Kopfweh von der Musik bekämen, Beecké bei guter, Mozart bei schlechter.

Den Hauptzeck seines Aufenthaltes, nämlich bei dem Fürsten selbst, der Wolfgang einst in Neapel zu sich geladen hatte, ein Konzert zu geben, erreichte Mozart nicht, da Kraft Ernst damals in gedrückter Stimmung war und keine Musik hören mochte. Trotzdem dauerte der Aufenthalt in Hohenaltheim eines Katarrhs der Mutter halber mehrere Tage.

Fußnoten

1 B I 59 f.


2 Hieronymus Coloredo.


3 Müller, Abschied von der Bühne S. 215.


4 Rudhart, Gesch. d. Oper zu München I, S. 134 f.


5 Müller, Abschied von der Bühne S. 219.


6 In dem unten erwähnten Briefe an den Vater schreibt er: »Ich bin hier sehr beliebt, und wie würde ich erst beliebt werden, wenn ich der teutschen Nationalbühne in der Musik empor hälfe? und das würde durch mich gewiß geschehen, denn ich war schon voll Begierde zu schreiben, als ich das teutsche Singspiel hörte.«


7 B.I. 68 f.


8 Müller a.a.O. S. 219


9 Rudhart, Gesch. der Oper zu München I 130.


10 Die Kassationen sind K.-V. 247 und 287, die Finalmusik wohl K.-V. 250. Vgl. B I 67.


11 Jahn (I4 408) macht ihn zu einem Geistlichen; Schiedermair dagegen vermutet wohl mit größerem Recht in ihm den kurf. Hofmusiker Ch. A. Dupreille (B I 72 A).


12 B I 73. Die zwei Quintette stammten wohl von Mich. Haydn. Die drei Klavierkonzerte sind K.-V. 238, 246, 271, das Trio K.-V. 254 und die Kassation K.-V. 287.


13 Kleinere Pausen.


14 Er veranstaltete z.B. ihm zu Ehren eine kleine Nachtmusik von Blasinstrumenten; ein andermal war dort im Hause »eine geistliche Hochzeit oder altum tempus ecclesiasticum. Es wurde getanzt, ich tanzte aber nur 4 Menuetts – denn es war unter so viel Frauenzimmer eine einzige, welche auf dem Takt tanzte«. B I 72.


15 B III 206. Auch Nannerl schreibt am 6. Oktober: »Dir wäre es keine Ehre, wenn Du in München bliebest ohne Dienst. Es ist Dir mehr Ehre, wenn Du einen Dienst, da Du keinen bekommen hast, bey einem andern großen Herrn suchest. Du wirst schon einen finden.« B IV 363.


16 B III 216.


17 B I 70.


18 Müller a.a.O. S. 222 f.


19 B I 77.


20 B I 73.


21 B I 80 ff.


22 B I 82.


23 B I 90 f.


24 Mozart schreibt mit seltsamer Etymologie »Raisonance-Boden«


25 Schubart, Teutsche Chronik 1776, 239. Fr. Nicolai, Reise VII 156 f.


26 B I 95 f.


27 Mozarts Überlegenheit über diesen erkannte sogar Erzbischof Hieronymus an, wenn auch nur im intimsten Kreise, wie L. Mozart am 29. Juni 1778 schreibt (B IV 44).


28 Hier zeigt sich der Schüler seines Vaters, vgl. oben S. 18.


29 Schobert.


30 B I 91 f.


31 B I 94 f.


32 Eine c-Moll-Messe, die er damals neu geschrieben haben soll und die Gathy (Revue et gaz. mus. 1856, Nr. 12, p. 90 f.) für echt hält, ist sicher unecht, vgl. Jahn I4 418 A. Abgesehen von dem unmozartschen Charakter der Komposition wäre es doch sehr auffallend, daß Mozart von diesem Auftrag dem Vater gar nichts berichtete.


33 Vgl. darüber Schubart, Selbstbiogr. 17 II, S. 15. Risbeck, Briefe über Deutschland II 55.


34 Cramer, Magazin II 126.


35 In Wolfgangs derbhumoristischem Verzeichnis der Teilnehmer (B I 89) erblickt Jahn I4 419 A. ein Seitenstück von Goethes Personenverzeichnis zu Hanswursts Hochzeit.


36 Joh. Mich. Demmler, Organist (gest. 1784).


37 B I 96.


38 Paul v. Stetten, Kunst-, Gewerbe- und Handwerksgeschichte der Reichsstadt Augsburg 1779, S. 554.


39 »Schlimm« ist ein heute noch in Österreich beliebter Ausdruck für einen Menschen, der anzügliche Neckereien liebt.


40 B I 89.


41 B 1 98.


42 Das gab diesem Veranlassung, bei dem nächsten Bölzlschießen »den traurigen Abschied von den zwey in Tränen zerfließenden Personen, des Wolfgang und des Bäsle« auf der Scheibe erscheinen zu lassen. »Die Scheibe war allerliebst«, meldete er (17. November 1777). »Eine Augsburgerin stand rechter Hand und präsentierte einem jungen Menschen, der Stiefl anhatte und reisefertig war, einen Reisebuschen, in der anderen Hand hatte sie ein erstaunlich auf dem Boden nachschleppendes Leinlach, womit sie die weinenden Augen abtrocknete. Der Chapeau hatte auch ein dergleichen Leinlach, tat das nämliche und hielt in der andern Hand seinen Hut, auf dem das Zentrum war, weil es leichter zu sehen war als auf dem Reisebusch. Oben stand geschrieben:


Adieu meine Jungfer Baas! – Adieu mein lieber Vetter!

Ich wünsch zur Reise Glück, Gesundheit, gutes Wetter;

Wir haben 14 Täg recht fröhlich hingebracht;

Das ists, was beyderseits den Abschied traurig macht.

Verhaßtes Schicksal! – – ach! – ich sah sie kaum erscheinen;

So sind sie wieder weg! – wer sollte nun nicht weinen?«


Wolfgang hat mit dem Bäsle noch nachher im Briefwechsel gestanden (s. Beil. VII).


43 Die beiden Briefe B III 230 und I 97.


44 Vgl. K.H.v. Lang, Memoiren 1842 I 56 ff. und besonders L. Schiedermair SIMG IX 83 ff.


45 O. Kaul, Einleitung zu Rosettis Ausgewählten Sinfonien DTB XII 1.


46 Schubart, Ästhetik S. 169.


Quelle:
Abert, Hermann: W. A. Mozart. Leipzig 31955/1956, S. 454.
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