Paris.

[4] Nachdem ich hier den größten Theil des ersten Tages zugebracht hatte, mich nach Büchern zu erkundigen, gieng ich des Abends am 12ten Junius nach dem Bouleward, weil sich mir sonst keine bessere Unterhaltung weder in der Comödie, noch in der Oper anbot. Das Bouleward ist ein Platz ausserhalb der Stadt, der öffentlichen Belustigungen gewidmet ist. Er ist mit Spatziergängen versehen, und mit Bäumen besetzt. Mitten durch geht ein breiter Weg für Kutschen, und zur Seiten sind Coffeehäuser und Taschenspieler, nebst andern Dingen, die zur Schau stehen.

An den Sommerabenden sind die Spatziergänge voller wohlgekleideten Leute, und der Fahrweg voll prächtiger Kutschen. Hier sah ich auch das so genannte neue Vauxhall, welches aber dem englischen so wenig ähnlich ist, als der Pallast des chinesischen Kaysers. Eben so wenig ist es Vauxhall gleich; obgleich bey dem Eingange eine kleine Rotunda mit Gallerien rundherum angelegt worden, welche gut erleuchtet und verzieret ist. Gleich dabey ist ein viereckichter Platz unter freyem Himmel, wo bey warmen Wetter getantzt wird; er kann gleichfalls erleuchtet werden, und hat Gallerien, welche zu einem Saale führen, der noch grösser ist, als der erste, von zwey Reihen Corinthischer Säulen umgeben wird, und mit Blumengehängen und Kronleuchtern geziert ist. In diesem schönen Zimmer tantzt man Menuetten, Allemanden, Cottillions und Contratänze,[5] wenn es kalt Wetter ist, welches damals recht sehr der Fall war. Dennoch fand ich hier eine grosse Menge wohlgekleideter Leute. Durch den Ramen des Platzes ward ich bewogen, mich nach einem Garten umzusehen, aber es war keiner zu finden.

In den Coffeehäusern des Bouleward, welche sehr häufig besucht werden, giebt es Musikanten und Sänger, wie die Banden in Sadlers-Well zu Londen, aber noch schlechter. Die Sängerinnen gehen hier mit einem Teller herum, und samlen etwas für ihre Arbeit ein. Ungeachtet sie hier oft Arien à l'Italienne singen; so hängt ihnen in Ansehung des Ausdrucks die Erbsünde noch eben so sehr an, als unsern englischen Sängern an dergleichen Orten.


Mittwochs den 13ten.

Den Vormittag brachte ich in der Bibliothek des Collegiums des quatre nations zu, welches Cardinal Mazarin gestiftet hat. Sie ist sehr schön. Ich sah die Catalogen nach, und fand verschiedene von den mir fehlenden Büchern.

Des Abends sah ich auf dem italiänischen Theater zwey Schauspiele, worin der Gesang das Schlechteste war. Ungeachtet die neuern französichen Componisten alles nachzuahmen wagen, was die Italiäner in diese Kunst eingeführt haben, so wird es doch schlecht vorgetragen, und die Zuhörer verstehen so wenig davon, daß es gar keinen Eindruck macht. Man hat itzt auch arie di bravura, oder feurige schwere Arien versucht, aber[6] sie werden so elend ausgeführt, daß niemand, der den wahren italiänischen Gesang gewohnt ist, ausser den Worten und der Action das Geringste davon loben wird. Eins von diesen Stücken war neu, und stellte eine comische Oper vor. Man hatte nehmlich zu französischen Worten italiänische Musik nach neu französischer Art (das ist im italiänischen Styl componirte Musik) gesetzt. Recitative waren gar nicht darin; das ganze Gespräch und der erzählende Theil ward gesprochen. Dies Stück ward so stark ausgepfiffen, als je eins. Ich bildete mir ein, daß ein französisches Parterre sein Misfallen nie so laut würde auszudrücken wagen, als bey dieser Gelegenheit geschah. Es war ein eben so starkes mit überlautem Gelächter vermischtes Geräusch, als ich je in Drurylane und Coventgarden gehört habe. Kurz, das Stück ward völlig auf englische Art verworfen, ausgenommen, daß man weder Bänke, noch den Schauspielern die Köpfe zerbrach, und beständig hisch rief, anstatt daß wir hissen. Der Verfasser des Textes hatte sich zum Glücke oder sehr weislich nicht genannt; der Componist aber, Herr dü St. Amant war sehr zu bedauren, denn er hatte eine Menge wirklich guter Musik bey schlechten Worten und für Zuschauer verschwendet, die vornemlich in den beyden letzten Akten (es waren ihrer drey) gar nicht geneigt waren, nur eine Weile ruhig zu zuhören. Doch war die Musik, ungeachtet sie mir ihren Text weit zu übertreffen schien, nicht ohne Fehler;[7] die Modulation war zu studirt, ja nicht selten unnatürlich, und that dem Gehör nie ein Genüge. Die Anfangssymphonie war hingegen recht gut gesetzt, voll reiner Harmonie, hatte eine gefällige niedliche Melodie, und viele Stellen voller Ausdruck. Der Hoboist bey diesem Theater ist vortreflich; ich habe nicht leicht einen so angenehmen Ton oder Spielart gehört. Einige Arien wären auch vortreflich gewesen, wenn sie mit wahrem itäliänischen Ausdrucke wären gesungen worden. Allein die französischen Stimmen kommen bloß aus der Kehle; auf keiner Bühne wird man hier eine Voce del petto oder ein gehöriges portamento oder Tragen der Stimme antreffen. Zwar sind verschiedene von den hiesigen Theatersängern Italiäner, aber sie sind seit ihrem Hierseyn so ausgeartet, daß ihre Vorstellung mich nimmermehr überredet hätte, sie für Italiäner zu halten. Das neue Stück enthielt verschiedene Arien, so wie man sie in der ernsthaften Oper zu hören pflegt; denn das ganze Stück war in Versen und ausserordentlich ernsthaften Inhalts, einige launigte Stellen in Calliots10 Rolle ausgenommen, welche dennoch die Zuschauer nicht abhielten, es für detestable zu erklären.


Donnerstag, den 14ten.

[8] Da dieses Fete Dieu ober Frohnleichnamstag und eines von den höchsten Festen im ganzen Jahre war, so ging ich aus, um die Proceßionen zu sehen, und die hohe Messe in der Kirche de notre Dame anzuhören. Ich hatte viele Mühe, dahin zu kommen. Keine Kutsche darf sich regen, bis alle Proceßionen, deren eine Menge in der ganzen Stadt herum schwärmet, vorbey sind. Die Strassen wodurch sie auf dem Wege zu den Kirchen kommen, sind ganz mit Tapeten, oder in Ermangelung deren mit Bettgardinen und alten Weiberröcken behangen. Die feinern Leute (les gens comme, il faut) gehen in diesen Tagen alle aus der Stadt um dem embarras des Meßgehens oder dem ennui des Haussitzens auszuweichen. So oft die Proceßion wegen des Gedränges still halten muß welches nicht selten geschieht, so singen die Priester einen Psalm, und alles Volk fällt mitten auf der Strasse, sie mag rein oder kothigt seyn, auf die Knie. Ich trug kein Bedenken, diese Ceremonie mitzumachen, um niemand anstößig zu werden, oder Aussehn zu machen. In der That beschloß ich schon, da ich ausging auf den Strassen und in der Kirche alles mit zu machen; denn sonst hatte ich da nichts zu thun. Daher sahe ich mich genöthigt einige zwanzig mahl nieder zu knien, ehe ich Notre Dame erreichte. Dieß ward mir um desto weniger beschwerlich, da ich ich sahe daß jedermann es so machte, und manche weit besser gekleidete Leute sich ganz niederwarfen, indem ich nur mit[9] einem Knie die Erde berührte. Endlich erreichte ich die Kirche, wo ich gleichfals ein Conformist war; inzwischen gieng ich hier doch fleißig ums Chor und in dem grossen Creuzgange herum, wie auch andere thaten. Ich machte meine Anmerkungen über die Orgel, den Organisten, den Choralgesang und die Motteten. Ungeachtet dieß ein sehr hohes Fest war, so begleitete die Orgel den Chor nur wenig. Sie ward nur vornehmlich dazu gebraucht, die Melodie der Gesänge vorzuspielen, ehe sie gesungen ward. Ich fragte einen jungen Abbé den ich als meinen nomenclator mitgenommen hatte, wie das hieße? C'est proser, antwortete er mir. Es scheint, als ob das englische Wort prosing von dieser ungeschickten und albernen Art des Vortrages herkäme. Die Orgel ist recht gut, allein wenn sie vollstimmig gespielet ward, war die Zurückprallung des Echo so stark, daß man nichts deutlich vernahm; jedoch konnte ich in dem Rückpositive und den Echoregistern alle Noten deutlich hören. Der Organist hatte eine feine vernünftige Manier die Orgel zu schlagen; aber seine Gedanken waren altmodig. Wenigstens schien dasjenige was er während des offertorio spielte, welches sechs bis acht Minuten währte, zu steif und regelmäßig für eine Fantasie zu seyn. Der Chor sang auch verschiedne Motteten, welche aber öfter vom Serpent als von der Orgel begleitet wurden. Ungeachtet ich beym ersten Eintritte in die französischen Kirchen das Serpent oftmals für eine Orgel gehalten habe; so[10] fand ich doch gleich, daß es bald bessere, bald schlechtere Wirkung that, als dieß Instrument. Diese Compositionen sind unsern alten Kirchenmusikern sehr ähnlich, voller Fugen und Nachahmungen: und enthalten mehr Erfindung und Arbeit, als Melodie. Ich werde täglich mehr und mehr von der Wahrheit meiner Anmerkung, daß Tallis zur Zeit der Reformation bloß englische Worte dem altencanto fermo untergelegt habe, überzeugt; und es scheint nur daß die Musik in unsern Dom-Kirchen weniger verbessert ward, als der übrige Theil der Litturgie.

Um fünf Uhr gieng ich zu dem Concert spirituel, welches die einzige an diesen hohen Festen erlaubte öffentliche Belustigung ist. Dies Concert, wird in dem grossen Saale des Louvre gehalten, und die Vocalmusik darin besteht aus einzelnen Stücken lateinischer Kirchenmusiken. Ich will die verschiedenen Stücke nennen, welche aufgeführt wurden, und offenherzig sagen, was für Wirkung sie so wohl auf mich, als das übrige Auditorium hatten, so weit nehmlich ein Zuschauer dieß entdecken konnte. Das erste Stück war eine Mottete von de la Lande Dominus regnauit, welche vornehmlich aus Chören bestund, die mit mehr Kraft als Gefühl gesungen wurden. Die ganze Musik war in dem Style der alten französischen Oper, und, das zweyte Chor ausgenommen, welches eine ziemlich neue und angenehme Wendung hatte und feurig gesetzt war, für mich ganz unausstehlig. Die Zuhörer aber gaben dem Stücke ihren[11] ganzen Beyfall, empfanden seine Schönheiten und bewunderten es so sehr als sich selbst, weil sie in einem Lande gebohren waren, das solche Meisterstücke der Setzkunst und so ausgesuchte Spieler hervorzubringen vermogte. Hierauf folgte ein Hoboenconcert von Bezozzi einem Neffen der berühmten Hoboen- und Bassonspieler dieses Nahmens zu Turin. Zur Ehre der Franzosen kann ich nicht umhin zu bemerken, daß dieß Concert grossen Beyfall erhielt. Es ist ein Schritt näher zur Reformation, wenn man anfängt das zu dulden, was eingeführt werden sollte. Dieser Virtuos hat manches in seinem Geschmacke und Ausdrucke, das wirklich vortreflich ist; aber ich glaube, er ist nicht immer gleich vollkommen. Er braucht die Doppelzunge sehr häufig, welches vielleicht öfter ein Gekreisch des Rohres verursacht, als man wünschen mögte; auch ist sein Ton nicht stark genung, wenn er ihn nicht erzwingt, welches er hier vermuthlich deswegen für nöthig hielt, weil das Zimmer groß war. Indessen machte mir sein Spiel überhaupt viel Vergnügen. Es ist schwer von dem weit ausgebreiteten Beyfalle der Franzosen Rechenschaft zu geben, oder anzunehmen, daß Leute so entgegengesetzte Dinge als Licht und Finsterniß, gleich stark billigen können. Ist die französische Musik gut, und ihr Ausdruck natürlich und gefällig, so muß die italiänische schlecht seyn; oder umgekehrt, wenn die italiänische Musik alles hat, was ein unverwöhntes, wohl geübtes Ohr wünschen kann; so läßt sich nicht[12] vermuthen, daß die französische Musik, einem solchen Ohre eben so viel Vergnügen machen werde. Die rechte Wahrheit ist, daß die Franzosen die italiänische Musik nicht leiden mögen; daß sie vorgeblich sie annehmen und bewundern; daß aber alles bloße Affectation ist. Nach diesem vollkommenen Stücke von Bezozzi schrie Mademoiselle Delcambre ein Exaudi Deus mit aller Kraft der Lunge, deren sie habhaft werden konnte, und erhielt so viel Lob, als wenn Bezozzi nichts gethan hätte. Hiernächst spielte Signor Traversa, erster Violinist des Herzogs von Carignan, ein recht gutes Concert auf der Geige; er trug manche Stellen mit Zärtlichkeit, gutem Tone und das Schwere mit leichter Ausfühung vor; aber alles das ward nicht so bewundert, als das vorhergehende Exaudi. Ja ich konnte sogar in den Gesichtern der Anwesenden und der Art wie sie zuhörten, erkennen, wie wenig sie es gefühlt hatten. Madam Philidor sang hierauf eine Mottete von ihres Mannes Composition, der tief aus Welschlands Quellen trinkt; allein ungeachtet dieß mehr als alle vorige Singstücke, gutem Gesange und guter Musik ähnlich war, so erhielt es doch nicht den feurigen Beyfall, der keinem Zweifel übrig läßt, daß es aus Herz gedrungen sey. Das ganze Concert endigte sich mit Beatus Vir einer Mottete die aus vielstimmigen Chören, mit Solos und Duetten untermischt, bestund. Der erste Alt hatte einige Zeilen Solo zu singen, welche er mit solcher Gewalt heraus schrie, als wenn er unter dem Messer an der Kehle, um Hülfe[13] riefe. Allein so betäubt ich auch davon ward, so sah ich doch deutlich an dem Lächeln der unaussprechlichen Zufriedenheit, das sich in neun und neunzig von hundert Gesichtern in der Gesellschaft zeigte, und hörte, in den lautesten Tönen des Beyfalls, welchen ein entzücktes Auditorium geben kann, daß dieß gerade das war, was ihr Herz empfand und ihre Seele liebte. C'est superbe! hallte durch das ganze Haus von einem zum andern wieder. Doch mit dem letzten Chore nahm das Concert ein Ende mit Schrecken; es übertraf an Geschrey, alles Lärm, was ich je in meinem Leben gehört hatte. Ich habe manchmahl gedacht, daß die Chöre in unsern Oratorien wohl zu laut und stark wären; doch mit diesen verglichen, sind sie eine so sanfte Musik, daß man dadurch die Heldin eines Trauerspiels in dem Schlaf singen könnte.


Freytags, den 15ten.

Als ich diesen Morgen die königliche Bibliothek besuchte, so fand ich, daß meine Reise über die Alpen unnöthig seyn würde, wenn ich mich mit den todten buchstäblichen Unterricht, so wie man ihn bloß aus Büchern erhalten kann, begnügen wollte; denn die Anzahl der hier befindlichen zu meinem Zwecke gehörigen Bücher, ist beynahe unendlich. Die Handschriften waren das erste, wornach ich mich bey dem Bibliothekär erkundigte, und ich fand, daß bloß das Verzeichniß davon vier Bände in Folio ausmachte. Diese betreffen freylich[14] nicht alle die Musik, doch ist diese Wissenschaft von dem Samlern dieser Bibliotheck gar nicht vernachläßigt worden. Die ältesten Schriften welche mit der Musik zu thun haben (die sieben griechischen Schriftsteller ausgenommen, welche Meibom herausgegeben hat) sind die Liturgien und Kirchenagenden, nemlich die Missalen, Gradualen, Breviarien, und Psalter, sowohl in griechischer als lateinischer Sprache; doch von diesen künftig, wenn ich von der Musik der vergangenen Zeiten handeln werde. Von ihrem hiesigen gegenwärtigen Zustande glaubte ich keinen bessern Unterricht erlangen zu können, als wenn ich in die Over Zaide gienge, welche diesen Abend in dem neuen Opernhause das an den Palais royal welcher dem Herzoge von Orleans gehöret, stößt oder vielmehr ein Theil davon ist. Die vormahlige Operbühne war etwa vor sechs Jahren im Feuer aufgegangen, und während der Zeit ward die Oper in dem königlichen Palaste in Louvre aufgeführt, wo noch das Concert spirituel gehalten wird.11 Die heutige Oper ward 1739 zum erstenmal gespielt; nachher in den Jahren 1745, und 1756 wieder hervorgesucht, und 1770 zum[15] viertenmahle aufgeführt. Die Franzosen nennen sie ein Ballet-heroique oder heroisches Ballet; indem die Tänze in die Fabel hineingewebt sind und einen wesentlichen Theil derselben ausmachen. Wie mir däucht, so ist in allen Stücken von dieser Art das Interesse des Drama's sehr unbeträchtlich; wenigstens gilt dieß von dem gegenwärtigen und verschiedenen von Rameau gesetzten. Die Musik der Zaide ist von Royer; und es ist ziemlich wunderbar, daß seitdem nichts besseres, nichts in einem modernern Geschmacke ist gesetzt worden; die musikalische Schreibart hat sich in dem ganzen übrigen Europa völlig verändert; und doch sind die Franzosen welche man mehr Leichtsinn und Wankelmuth zu haben beschuldigt, als ihre Nachbaren, die sind seit dreyßig oder vierzig Jahren in der Musik unveränderlich geblieben: ja man kann noch weiter gehen und kühnlich behaupten, daß sie in ihrer ernsthaften Oper seit Lülli's Zeiten, das ist, seit hundert Jahren nur wenige Veränderungen erlitten hat. Mit einem Worte, so viel und so gut die Franzosen auch über die Musik reden und schreiben können, so ist sie doch bey ihnen in Ansehung zweyer wesentlicher Dinge, der Melodie und des Ausdrucks,12 noch immer in ihrer Kindheit.

Doch wieder auf Herrn Royers Oper Zaide zu kommen, welche, was die Melodie, was Licht und[16] und Schatten, oder hervorstechende Mannigfaltigkeit und Wirkung anbetrift, elend und unter aller Kritik ist, so muß man doch zugleich gestehen, daß die Schaubühne nett und edel ist, daß die Kleidungen und Verzierungen artig, die Maschienereyen gut erfunden, und daß die Tänze vortreflich sind: allein dieß alles sind leider nur Gegenstände für die Augen, und eine Oper ist doch eigentlich zum Vergnügen des Ohres bestimmt. Ein musikalisches Drama, dessen Poesie nichts Anziehendes hat, wobey die Musik schlecht und das Singen elend ist, muß nothwendig keinesweges der Idee entsprechen, die man sich in andern Ländern von dieser Art Schauspielen gemacht hat.

Drey von den fünf vornehmsten Sängern in der Zaide hatte ich schon im Concert spirituel gehört, nemlich die Herrn Gelin und le Gros und Mademoiselle Du Bois; die andern beyden waren Herr und Frau L'Arrivee, die in ihrer Art zu singen, den ersten völlig gleich waren. Eins finde ich hier, das mich über den Mißbrauch der Geschenke der Natur unwillig macht: die Stimmen sind an und vor sich würklich gut und haben einen angenehmen Ton; man entdeckt dieß leicht, so sehr sie auch durch schlechte Methode und verderbten Ausdruck verstellt werden. Doch davon habe ich genug gesagt: nun noch ein paar Worte über ihre Komposition, und denn mag ihre Musik, wenigstens ihre Ausführung, für mich eine Zeitlang ruhen: denn sie haben einige sehr geschickte Komponisten, welche die italianische Schreibart mit[17] grossem Glücke nachahmen. Doch dieß ist, wenigstens für die gebohrnen Franzosen, vergebens; andere Nationen mögen vielleicht sich besser dabey befinden; allein man vereinige diese abscheulige unnatürliche Ausführung mit welcher Musik man will, so wird sie gleich französisch. Man kann auf die französischen Sänger das anwenden, was Dryden von Mac Flecno's Witze sagt:


Sound pass'd thro' them no longer is the fame

As food digested takes a different name.


Doch es scheint hier mit der ernsthaften Oper zu gehen, wie mit den Oratorien in England. Die Zuhörer sind der alten müde, weil sie sie so oft gehört haben. Die Schreibart ist darin vielleicht aufs höchste getrieben und erschöpft worden; und doch schmeckt ihnen kein einziger neuer Versuch, ihnen auf eine andere Weise zu gefallen. Welches Ding in der Welt, ist nicht der Veränderung unterworfen? Soll man denn der Musik, die soviel von der Einbildungkraft und vom Gefühl abhängt, das Vorrecht zuschreiben, allein unveränderlich zu bleiben? Es giebt Perioden, wobey man vielleicht wünschen mögte stille stehen zu können: allein da dieß unmöglich ist, so muß man gutwillig und mit Anstande der Nothwendigkeit nachgeben. Die Dichtkunst, die Mahlerey und die Bildhauerkunst haben ihr Wachsthum und ihre Abnahme gehabt, sind in Barbarey versunken, haben sich in der Folgezeit[18] aus derselben wieder herausgearbeitet und sind zu einer gewissen Stuffe der Vollkommenheit gelangt, von welcher sie stuffenweise und unmerklich in das tiefste Verderben wieder herabsanken; und dennoch haben diese Künste einen Grad der Höhe unter den Ueberbleibseln des Alterthums, dessen die Tonkunst sich nicht rühmen kann. Die Dichtkunst, die Bildhauerkunst und die Architektur haben ihre claßischen Meister, denen ein jeder unter den Neuern nachzuahmen strebt; und man hält den für den vortreflichsten, der diesen Mustern am nächsten kömmt. Wer aber wollte es wagen zu behaupten, daß der Tonkünstler, der wie Orpheus oder Amphion sänge oder spielte, noch itzt nach Verdienst vielen Beyfall erhalten würde? Oder wer ist kühn genug, uns zu sagen, wie diese unsterblichen Männer spielten und sangen, da nicht eine einzige Spur von ihrer Musik, wenigstens keine uns verständliche, übrig ist? So viel wir durch Vergleichung der alten und neuen Musik urtheilen können, würden wir durch die Nachahmung nichts gewinnen. Den Canto fermo der griechischen Kirche, oder das römische Rituale, die älteste Musik die vorhanden ist, nachahmen wollen, das hieße in der Wissenschaft der Klänge oder den Künsten des Geschmacks und des Ausdrucks rückwärts gehen. Es würde den Ohren, die zu der neuern Harmonie und Melodie gewöhnt sind, wenig Vergnügen machen. Kurz, es ist kein geringes Unternehmen, die Welt in ihrem Lauffe aufhalten zu wollen; vorwärts müssen wir[19] gehen, und wer zurück bleibt, verliert nur Zeit, welche er nicht ohne grosse Mühe wieder erhalten kann.

Viele der vornehmsten Männer von Genie und Geschmack haben auch in der That die Sache aufgegeben: unter welchen Diderot, D'Alembert und der Abbee Arnaud sind. Herr de la Lande und de Blainville schlagen sich auch auf die italiänische Seite; doch wie es scheint noch immer mit einiger Zurückhaltung.13 Sie halten noch immer viel von Tänzen und Auszierungen der Bühne; doch wie viele zur Musik geschickte Süjets werden sich zu Tänzen, die ins Drama eingewebt sind, schicken? Singen und Tanzen zugleich aber, wenn das eine so gut wäre wie das andere, würde die Aufmerksamkeit so sehr zerstreuen und theilen, daß es unmöglich wäre, eines von beyden zu genießen: wie wenn man von zwey köstlichen Gerichten zugleich essen, oder zweyerley schönen Wein auf einmahl trinken wollte. – eins stört des andern Wirkung Wenn die Musik wirklich gut ist, und wohl vorgetragen wird, so braucht der Zuhörer von Geschmack keine Nebenreitze, seine Aufmerksamkeit zu stärken.


Sonntags

[20] Ging ich nach St. Rocque den berühmten Balbastre Organisten dieser Kirche, wie auch zu Notre Dame und im Concert spirituel, zu hören.14 Er hatte mir die Wahl gelassen, ihn in seinem Hause zu besuchen oder zwischen drey und vier Uhr in besagter Kirche auf ihn zu warten. Ich hielt das Leztere für besser, weil ich glaubte, es würde ihm weniger Mühe machen, da er doch ohnedem in der Kirche seyn mußte; allein ich fand, daß man ihn nicht erwartete, und daß er bloß aus Höflichkeit dahin kam. Es war sehr gütig daß er mich mit auf die Orgel nahm, wo ich sowohl sehen als hören konnte. Diese Orgel ist ein erstaunend grosses Werk, und etwa vor zwanzig Jahren gebauet; sie hat vier Manuale und ein Pedal; das Hauptwerk und Rückpositiv können gekuppelt werden; das dritte Clavier ist für die Rohrwerke, und das öbere für die Echoregister. Dies Werk thut unten vortreflichen Effekt, oben aber sind die Töne unerträglich schreyend. Herr Balbastre gab sich sehr viel Mühe mich zu unterhalten; er spielte in verschiednen Stylen, indem er den Gesang des Chors begleitete. Als das Magnificat gesungen war, spielte er gleichfals einige Minuten zwischen jedem Verse, Fugen, Imitationen und[21] und allerley andere Stücke, sogar Jagdstücke und Giquen, ohne daß die Versammlung, so viel ich merken konnte, im geringsten dadurch befremdet oder beleidigt ward. Beym Prosiren fand ich, daß er den Gesang mit dem Pedale spielte, den er mit dem untern Fingern der linken Hand verdoppelte, und über diese Grundlage spielte er gelehrt und erfindungsvoll. Die Baßstimme war in Semibreven, wie unsere alten Psalmodien geschrieben. Was vom Chore ohne Orgel gesungen wurde, war mit gregorianischen Noten geschrieben.

Nach der Kirche lud Herr Balbastre mich nach seinem Hause, um einen schönen rückerischen Flügel zu sehen, den er inwendig mit eben so seinem Geschmack hatte mahlen lassen, als die schönste Kutsche oder Schnupftobacksdose, die ich irgend zu Paris gesehen habe. Auswärts sieht man die Geburt der Venus, und inwendig auf dem Deckel, die Geschichte von Rameau's berühmtester Oper, Castor und Pollux. Hier sind die Erde, die Hölle und Elysium vorgestellt worden; in dem letztern sitzt dieser berühmte Komponist selbst auf einer Nasenbank, die Leyer in der Hand; das Bildniß ist überaus ähnlich, denn ich sah Rameau im Jahre 1764. Der Ton dieses Instruments hat mehr Zärtlichkeit als Stärke; das Octävchen ist mit Ochsenleder gedämpft, aber sehr angenehm; der Anschlag ist leicht, welches von dem Befiedern kömmt, das in Frankreich immer sehr leicht geschieht.

Herr Balbastre hatte in dem nemlichen Zimmer eine sehr grosse Orgel mit einem Pedalen, dergleichen[22] einem französischen Organisten zur Uebung nöthig seyn kann; sie ist aber für ein Zimmer zu groß und stark, und die Stimmen sind so lärmend als die zu St. Roque. Inzwischen gab Herr Balbastre sich alle ersinnliche Mühe mich zu unterhalten, und ich hatte viel Ursache mit seiner Gefälligkeit sowohl, als mit seinem Spielen zufrieden zu seyn.


Montags, den 18. Julius.

Diesen Abend gieng ich nach St. Gervais, um Herrn Couperin zu hören, der ein Neffe des berühmten Hoforganisten Ludwigs des funfzehnden und des Regenten Herzogs von Orleans ist. Da es die Vigilie, oder der Abend vor dem Feste der Kirchweih war, so fand ich die Kirche sehr voll. Herrn Balbastre mit seiner Familie fand ich auch daselbst. Dieß jährliche Fest ist, wie ich merke, die rechte Zeit wo die Orgenisien ihre Talente zeigen können. Herr Couperin begleitete das Te Deum welches bloß gesungen ward, mit vieler Geschicklichkeit. Die Zwischenspiele zwischen jedem Verse waren meisterhaft. Er zeigte viele Abwechselung im Registriren und im Styl, nebst vieler Gelehrsamkeit und Kenntniß des Instruments, und Finger die an Stärke und Geläufigkeit jeder Schwierigkeit gewachsen waren. Er brachte viele nachdrückliche Gedanken mit beyden Händen oben im Discante hervor, wozu der Baß mit dem Pedal gespielt ward.[23]

Herr Balbastre machte mich nach geendigten Gottesdienste mit Herrn Couperin bekannt. Ich freute mich, daß ich zwey vorzüglich geschickte Männer von einer Profeßion, so offen und freundschaftlich mit einander umgehen sah. Herr Couperin scheint mir zwischen vierzig und funfzig zu seyn. Sein Geschmack ist nicht völlig so modern, als er vielleicht seyn könnte; allein wenn man seinem Alter, dem Geschmacke seiner Nation, etwas zu gut hält und die Veränderungen bedenkt, welche die Musik seit seiner Jugend ausser seinem Vaterlande erlitten hat, so bleibt er immer ein vortreflicher Organist, er hat eine glänzende fertige Ausübung, ist mannigfaltig in seinen Melodien, und meisterhaft in der Modulation.

Es wäre sehr zu wünschen, daß unsre Organisten in England, die Talente und gute Instrumente besitzen, dergleichen gute Gelegenheiten, wie diese jährliche Versammlung, hatten. Dieß würde Nacheiferung erwecken und das Genie anspornen; der Spieler wäre versichert, daß man ihm zuhörte und die Versammlung würde angenehm unterhalten.

Die Orgel zu St. Gervais, welche sehr gut zu seyn schien, ist fast ganz neu, und von eben dem Herrn Cliquart erbauet, von dem die in St. Rocque ist. Das Pedal begreift drey Oktaven. Der Ton des Hauptwerks ist stark, voll und angenehm, wenn man langsam spielt; aber bey geschwinden Stellen ist der Wiederhall in diesem großen Gebäude so laut, daß alles verworren und[24] undeutlich wird. Der Tonkünstler darf sich bey dem Zwischenspielen sehr weit ausbreiten; nichts ist zu glänzend oder zu ernsthaft, alle Schreibarten finden hier Statt; und obgleich Herr Couperin die wahre sanfte gebundene Manier der Orgel hat, so versuchte er doch oftmals, und zwar nicht ohne Glück, eigentliche Flügelpassagen, scharf abgestossen, in ungebunden und abgesonderten Noten.


Dienstags, den 19. Julius.

Diesen Tag brachte ich in der königlichen Bibliothek zu. Am


Mittewochen, den 20ten.

hörte ich Herren Pagin auf der Geige, in dem Hause der Frau Brillon zu Passy. Sie ist eine der größten Spielerinnen auf dem Clavicymbel. Dieß Frauenzimmer trägt nicht nur die schweresten Stücke mit grosser Genauigkeit, Geschmack und Gefühl vor, sondern spielt auch vortreflich vom Blatte weg. Ich ward davon überzeugt, da ich ihr etwas von meiner Komposition gab, das sie überaus gut wegspielte. Sie setzt auch; und war so gütig, einige von ihren eignen Sonaten, so wohl auf dem Flügel als auf dem Fortepiano zu spielen, wobey Herr Pagin sie begleitete. Ihr Fleiß und Talente sind nicht bloß auf den Flügel eingeschränkt; sie spielt verschiedne andre Instrumente,[25] und kennt die Spielart aller gebräuchlichen, welches ihr, wie sie sagte, nöthig wäre, um nicht unnatürliche oder unmögliche Sachen für dieselben zu setzen. Ausserdem zeichnet und ätzt sie sehr gut, und ist ein sehr vollkomnes und angenehmes Frauenzimmer. Verschiedene berühmte deutsche und italiänische Komponisten, die sich einige Zeit in Frankreich aufgehalten, haben dieser Dame ihre Werke zugeeignet, z.B. Schobert, und Boccherini.

Herr Pagin war ein Schüler von Tartini, und man hält ihn hier für seinen besten Lehrling; er hat viel Ausdruck und ungemeine Leichtigkeit, schwere Stellen herauszubringen; aber ich weiß nicht, ob er sich, weil das Zimmer klein war, nicht angriff, oder woher es kam, genug sein Ton war nicht stark. Er macht nun aus der Musik kein Geschäft mehr; denn er hat eine Stelle bey dem Grafen von Clermont, die ihm jährlich etwa zwey hundert und funfzig Pfund Sterling einbringt. Er hatte die Ehre in dem Concert spirituel ausgezischt zu werden, weil er es wagte im italiänischen Style zu spielen, und deswegen legte er seine Profeßion nieder.


Donnerstag.

Ich hatte die Ehre mit dem Herrn Abbee Arnaud, Mitgliede der Akademie der Inschriften und schönen Künste, Bekanntschaft zu machen.[26] Sein Umgang bestätigte das, was ich schon aus seinen Schriften geurtheilt hatte, nemlich, daß er nicht nur ein Mann von grosser Gelehrsamkeit, sondern auch von grossem Geschmacke sey. Seine Abhandlung von den griechischen Accenten ist sowohl sinnreich als gründlich; seine Gedanken über die Künste haben so viel Wahrheit und Richtigkeit, daß ein Verstand, der sich will überzeugen lassen, ihnen nicht widerstehen kann. Ich hatte die Ehre, mit diesem Manne verschiedene, die Musik der Alten betreffende Punkte zu untersuchen, und war so glücklich in einigen Meynungen bestärkt und in andern besser unterrichtet zu werden.

In der französischen Komödie fand ich diesen Abend bey der Vorstellung der Supprise de l'Amour und George Dandin viel Vergnügen. Das erstere Stück ist von Marivaux, und ward vortreflich gespielt; das letztere war von Moliere, und nichts als ein Possenspiel voller Narrentheidungen und Unanständigkeiten. Es geht diesem Stücke, wie einigen von Shakespear, der Nahme erhält es noch in Ansehen; denn es wäre sehr bald um die Ehre eines neuern Schriftstellers geschehen, der solche grobe Zoten und Unsinn hervorbrachte: jedoch muß man auch gestehen, daß hie und da selbst in den schlechtesten Stücken von Shakespear, Züge des Genie und starker komischer Witz herrschet, die unsterblich zu seyn verdienen. Preville spielte in beyden Stücken eine Bauernrolle ganz unvergleichlich; seine Laune ist immer leicht und natürlich, und ein allgemeines Lachen[27] verbreitet sich unter den Zuschauern von dem Augenblicke an, da er auf die Bühne kommt, bis er wieder abtritt. Ich habe bemerkt, daß die Anfangssymphonien und die Musik zwischen den Akten allemahl entweder deutsch oder itäliänisch sind; die Franzosen fangen an sich durchgehends ihrer eigenen Musik zu schämen, nur nicht in der ernsthaften Oper, und diese Veränderung ihrer Neigung ist, wie es scheint, durch Rousseau's vortrefliche Lettre sur la Musique françoise hervorgebracht worden.


Freytag.

Heute besuchte ich den Abbee Roußier und hatte eine lange Unterredung über die alte Musik mit ihm. Seine Abhandlung über diese Materie, welche eben herausgekommen war, hat ihm hier einen grossen Ruhm erworben. Er scheint in der Progression triple den wahren Grund aller griechischen Systeme gefunden zu haben.15 Ich übernahm es auf sein Verlangen, zwey Exemplare seiner Schrift nach Bologna mitzunehmen, das eine an den Pater Martini, das andere für das Institut.

Heute fand ich beym Mittagsessen den Abbee Arnaud; Herr Gretry und der berühmte genfische Mahler, Liotard, waren mit von der Gesellschaft. Herr Gretry der beste, und itzt der[28] modigste Komponist für die komische Oper, hat acht Jahre in Italien gelebt, und ist Verfasser der Lucile, des Tableau parlant und des Huron,16 lauter Stücke die grossen Beyfall erhalten haben. Da ich sie weder gesehn noch gehört habe, so will ich nicht bestimmen, mit wie vielem Rechte; doch nach der Beschreibung die mir Leute von gutem Geschmacke und gesundem Urtheile davon gemacht haben, erwarte ich etwas vortrefliches. Der Verfasser ist ein junger Mann, und hat ein angenehmes Ansehen und Betragen. Er bat mich, einen Brief an den Pater Martini mitzunehmen, bey dem er in Bologna studiert hat.

Es wird vielleicht nicht unrecht seyn, hier zu bemerken, daß Herr Gretry ein junger lyrischer Komponist, bey Gelegenheit einer Unterredung über die lyrischen Gedichte, welche er in Musik setzten mußte, mit mir völlig einerley Meynung war, und behauptete, daß es in Frankreich und anderwärts noch viele Dichter gäbe, die sehr schöne Verse voller Witz, Erfindung und Ausdruck der Leidenschaften machten, die sich vortreflich lesen ließen, aber sehr schlecht zur Komposition eingerichtet wären; und vielleicht mögte man sich unterstehen zu behaupten, daß unter allen geistreichen und schönen Dichtern unsrer Zeit,[29] Metastasio der beste und beynahe einzige lyrische Poet sey.17

Eine für die Musik gesetzte Arie sollte nur aus einem Gegenstande oder einer Leidenschaft bestehen, die in so wenigen und so sanften Worten, als möglich, ausgedrückt wäre. Seit der Verfeinerung der Melodie, und der Absonderung der Recitative können in einer Arie, die den Inhalt einer Scene wiederhohlt, erläutert oder mit Nachdruck beschließt, weder epigramatischer Witz, noch eine Reihe mannigfaltiger Gedanken oder lautschallende Metaphern Statt finden. Wenn der Dichter das geringste Mitleiden mit dem Komponisten oder einige Liebe zur Musik hat, wenn er wünscht auch nur einige Gelegenheit zur Symmetrie in der Melodie seiner Arien zu geben: so wiederhohle ich es, muß der Gedanke nur ein einziger und der Ausdruck so leicht und lakonisch seyn als möglich ist. In unsern Arien hingegen bringt jede Zeile einen neuen Gedanken herbey; so daß der Komponist, wenn er mehr für die Ehre des Dichters, als für seine eigene besorgt ist, bey jeder Zeile eine neues Thema anbringen oder dem Dichter zuwider arbeiten muß: beydes aber ist unerträglich.18[30]

Die Leidenschaft in einer Arie kann nur durch wiederhohlte Eindrücke aus Herz dringen; und die rührendste Musik von allen ist vermuthlich die, wo ein schöner Gedanke geschickt wiederhohlt wird, und wo man auf eine einsichtsvolle Weise zu dem Thema zurückkehret, in dem es noch immer in unserm Gedächtniß schwebt und die Nerven des Gehörs noch davon erzittern. Dieß kann zu weit getrieben werden, und geschieht ohne Zweifel oftmals, aber nicht von Männern, die wirklich Genie und Geschmack besitzen.

Den Abend vor meiner Abreise aus Paris, besuchte ich die italiänische Schaubühne, und die Operette. On nes'avise jamais de tout19 und den Huron zu hören. Der Huron ist ein unterhaltendes aus Voltärens Ingenu genommenes Drama. Die Musik von Gretry hat viel artiges und sinnreiches, völlig in den buon gusto Italiens; welches mich überzeugte, daß dieser Tonkünstler nicht umsonst acht Jahre in diesem Lande zugebracht habe. Doch konnte ich nicht umhin, zu bemerken, daß unsere jungen Komponisten in England, die ausdrücklich die italiänische Musik nachahmen wollen, weit seltener in die bloß englische Musik verfallen, als Herr Gretry in die französische; denn einige von seinen Melodien sind durchaus französisch. Allein es scheint, die Ursache[31] davon sey leicht zu finden: in Frankreich gibt es keine ächte italiänische Opern, weder ernsthafte noch komische. Daher kann man von England, wo wir beydes in seiner Vollkommenheit, in italiänischer Sprache, von Italiänern gesetzt und vorgestellt sehen, behaupten, daß es eine bessere Schule junger Komponisten sey, als Frankreich; wenigstens wird sein Geschmack, wenn er ihn schon nach dem italiänischen gebildet hat, nicht so leicht in einem Lande verderbt oder verschlimmert werden, wo man viel guten Gesang hört, als in einem andern, wovon man ohne Ungerechtigkeit behaupten kann, daß man ihn niemals auf der Bühne antrift.

10

Calliot ist mit Recht der Lieblings-Actör und Sänger in der comischen Oper zu Paris. Seine Stimme, die er nach Belieben, als Baß und als Tenor brauchen kann, ist vortreflich, und er ist in allem Betrachte ein sehr anziehender und unterhaltender Schauspieler.

11

Nach geendigter Oper hat man gewöhnlich im Sommer in dem Tuillerien eine der schönsten Aussichten. Denn weil die Oper des Abends zwischen sieben und acht Uhr aus ist, so ergießt sich die ganze Gesellschaft der Zuschauer, in völligem Putze, in die grosse Allee: totis vomit ædibus undam, und macht eine Assemblee, dergleichen man sonst nirgends in der Welt antrift.

12

Die italiänische Musik, sagt Herr D'Alembert ist eine Sprache, wovon wir noch nicht einmahl das Alphabeth haben. Melange de Litterature.

13

Voyage d'un François en Italie vom Hrn. d la Lande. Tom. VI. p. 224. und 3 B. 157. ff. S. der Volkmannischen Uebersetzung.

14

Es sind vier Organisten zu Notre Dame, die ein Vierteljahr ums andre spielen, nemlich Couperin Balbastre, D'Aauin und Foucquet.

15

Memoire sur la Musique des Anciens, Paris. 1770.

16

Seitdem hat er auch Silvain, les deux Avares 1770 und l'amitie à l'epreuve, wie auch Azor. 1771 gesetzt. Le Tableau parlant ist in Partitur heraus.

17

Unter einem lyrischen Poeten wird hier, einer der für die Musik schreibt, verstanden.

18

Dieß alles ist weitläuftiger in des seel. Advokat Krausens zu Berlin Abhandlung von der musikalischen Poesie, Berlin 1752. ausgeführt. Vergl. Des Grafen von C** Essai sur l'union de la Poesie et de la Musique. Paris 1765, und desselben Observations sur un Ouvrage nouveau, intitulé: Traité de Melodrame. Paris. 1771.

19

Die Musik ist von Moncigny und hätte nebst andern seiner Kompositionen verdient, umständlicher erwähnt zu werden.

Quelle:
Carl Burney's der Musik Doctors Tagebuch einer Musikalischen Reise. [Bd. I]: durch Frankreich und Italien, Hamburg 1772 [Nachdruck: Charles Burney: Tagebuch einer musikalischen Reise. Kassel 2003], S. 4-32.
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