V.

Krisis des Unternehmens.

[109] Delegiertenversammlung. – Erfolgloser Aufruf zur Subskription an das Publikum. – Geheimnisvolle Verstimmung des Königs. – I. Akt der ›Götterdämmerung‹ in Partitur vollendet. – Krisis des Unternehmens. – Vergeblicher Versuch, über Karlsruhe an den Kaiser zu gelangen. – Kreditgewährung seitens der Kgl. Kabinettskasse. – Einzug in Wahnfried.


›Ich will die offenen Seiten des Festspielhauses mit Brettern zuschlagen lassen, damit sich in ihm wenigstens nicht die Eulen einnisten.‹

Richard Wagner.


Ein Schreiben an Feustel vom 28. Oktober enthält das Programm dieser Zusammenkunft und zeigt deutlich, wie alles, bis zu den äußeren Modalitäten, immer ausschließlich aus seinem Kopfe hervorging, wie er alles klar überschaute und wie sehr er gewohnt war, auch das Geringste selbst anzuordnen und es andererseits mit den Freunden zu vereinbaren. ›Mit dem Bürgermeister kam ich heute überein,1 für Freitag früh einen Anschlag am Bahnhof besorgen zu lassen, welcher den ankommenden Delegierten anzeige, daß


1) Nachmittag um 3 Uhr Versammlung im Theaterbau.

2) abends 6 Uhr Versammlung im Rathaus beliebt sei.


Da wir vermutlich nicht viele Personen sein werden, hätte ich Lust die Herren nach der Sitzung etwa 8 Uhr – zu einem Abendessen einzuladen. Wo schlagen Sie mir vor dies zu tun? Ich möchte die »Sonne« – aber welches Lokal dort? Ich nehme an, daß wir alle zusammen (mit Verwaltungsrat) nicht über 20 Personen sein werden. – Nun noch eins! Heinrich Brockhaus, Bruder meiner beiden Schwäger, ist morgen Abend bei uns. Sie erzeigten mir eine große Freundschaft, wenn Sie gleichfalls uns diesen Abend schenken wollten; vielleicht brächten Sie auch diesen Herrn (Chef der Buchhandlung) zu etwas. Lassen Sie mich doch wissen, ob Sie so freundlich sein wollen; vielleicht sage ich es dann noch einem unserer Vertrauten.‹

[109] Der hier genannte Schwager ist dem Leser, aus des Meisters bisheriger Lebensbeschreibung, nur durch den einen Zug bekannt, daß er es gewesen war, der 1819, bei Wagners plötzlichem Abgang von Dresden, seine kostbare, schöne, für seine Bedürfnisse sorgfältig ausgewählte Bibliothek als ›Pfand‹ für eine ältere Schuld sich anzueignen wußte.2 Einige Zeit hindurch hatte der Meister sich noch mit der Hoffnung auf ihre ›Auslösung‹ getragen3; als aber immer neue Katastrophen seines Daseins ihn bald hierhin, bald dorthin verschlugen, gab er den Gedanken daran auf, vollends in der letzten Zeit, wo die verlorenen Bücher zum Teil ersetzt waren und er sich bei dem Gedanken beruhigt hatte, wenigstens jene alte Schuld dadurch als getilgt betrachten zu können. Nichtsdestoweniger war er gerade jetzt, durch den von uns erwähnten, zugleich boshaften und unwahren Artikel des Konversations-Lexikons (S. 76) ›nicht sehr gut auf diese Linie zu sprechen.‹ Vielleicht war dies mit ein Grund des angekündigten Besuchs, der in der Tat zu dem bezeichneten Termin stattgefunden hat, und dessen sich auch Malwida von Meysenbug noch in ihren späteren Aufzeichnungen entsinnt.4 Sie berichtet von den Gesprächen dieses Abends, Brockhaus habe unter anderem davon erzählt, ›wie die Werke Schopenhauers lange Jahre als unverkaufbar bei ihm unter dem Dach auf dem Boden gelegen und daß er nahe daran gewesen sei, sie als Makulatur zu verbrachen, als plötzlich Schopenhauers Stern aufging‹.5 Wieviel zu dem ›Aufgehen dieses Sternes‹ der Meister selbst durch seine rastlose Propaganda mit beigetragen, dessen entsinnt sich der Leser wohl aber auch aus unserem Bericht über frühere Zeiten.6

So kam der letzte Oktobertag heran und mit ihm eine Anzahl ›Delegierter‹ aus verschiedenen deutschen und außerdeutschen Städten.7 Unter allen uns zugänglichen Berichten über diese Versammlung hat der, freilich (als bloßer Privatbrief) in übermäßig studentischem Ton gehaltene, Nietzsches die meiste Färbung. Er ist an den abwesenden Gersdorff gerichtet und vergegenwärtigt diesem freundschaftlich die – völlig programmäßig verlaufenen – Hauptvorgänge des Tages. ›In Bayreuth war etwa ein Dutzend Menschen zusammengekommen8; [110] von Bekannten nenne ich Dir den »Börsencourier«-Davidson, das würdige Paar Batz und Voltz, dann Baligand und, um gleich die besten zu nennen: (Adolf) Stern aus Dresden und Graf Dumoulin aus Regensburg Wer fehlte aber trotz aller Versprechungen? Fritzsch9, der sich wieder hinter Wolken verbirgt und dessen Beruhigungsbriefe uns jetzt nur noch mehr beunruhigen. Der eigentliche Festtag hatte jenes vom Stiftungsfest (dem Tage der Grundsteinlegung) her Dir wohlbekannte naßkalte Regenwetter10, so daß wieder einmal, bei dem Besuch unserer Bundeshütte, der stattlich geschmückte Patron einen neuen Hut zum Opfer bringen mußte Wohlgemerkt: am Tage vorher und nachher war der Himmel wundervoll hell und blau! Nach der Besichtigung in Dreck, Nebel und Dunkelheit war die Hauptsitzung im Rathaussaal, in der mein »Mahnruf« von seiten der Delegierten artig, aber bestimmt abgelehnt wurde11; ich selbst protestierte gegen eine Umarbeitung und empfahl Prof. Stern für die schnelle Anfertigung eines neuen Schriftstückes.12 Dagegen wurde Heckels vortrefflicher Vorschlag approbiert, bei sämtlichen (3946) deutschen Buch-, Kunst- und Musikalienhändlern Sammelstätten zu errichten, Listen zur Einzeichnung auszulegen etc. Die ganze Sitzung war ein wunderlicher Akt, halb erhaben, halb sehr realistisch; aber doch in seiner Gesamtwirkung stark genug, um alle die Lotterieprojekte und dergleichen, die im (Hinter)grunde der Versammlung waren, verstummen zu machen. Den Abend beschloß ein sehr gelungenes, behagliches und harmloses Bankett in der »Sonne«, an dem auch Frau Wagner und Fräulein von Meysenbug als die einzigen Frauen teilnahmen. Ich hatte den Ehrenplatz zwischen beiden und bekam [111] deshalb nach einer italienischen Oper den Namen »Sargino, der Zögling der Liebe«. Sonnabend (1. November) früh war Schlußsitzung bei Feustel, in welcher der Entwurf Sterns akzeptiert wurde Du wirst ihn lesen, denn er wird eine große Publizität erlangen. Nachmittags sahen wir uns bei schönster Abendsonne noch einmal das Theater an; die Kinder (Siegfried und Geschwister) waren auch dabei; ich kletterte nach der Mitte der Fürstenloge. Der Bau sieht viel schöner und proportionierter aus, als wir etwa nach den Plänen vermuten. Es ist nicht möglich, ihn ohne Bewegung an einem klaren Herbsttag zu sehen. Nun haben wir ein Haus, und das ist jetzt unser Wahrzeichen.‹13

Das ›Haus als Wahrzeichen‹! Als ein ›in die deutsche Welt hineinragendes Mahnzeichen‹ hatte es soeben der Meister am Schluß seiner Schrift über das Bühnenfestspielhaus bezeichnet, und das ›kleine, abgelegene, unbeachtete Bayreuth‹ mit eben diesem Hause als den ›zum Lokal gewordenen Begriff‹. Von diesem ›Hause‹ geht denn auch der Sternsche ›Bericht und Aufruf‹ aus, und wenn er nicht als Meisterstück schlechtweg zu betrachten war, so fehlte ihm, in Betracht der schwierigen Aufgabe, in seiner ungespreizten schlichten Natürlichkeit doch nicht viel dazu. ›Das Bühnenfestspielhaus zu Bayreuth,‹ heißt es darin, ›ist seit der Grundsteinlegung am 22. Mai vorigen Jahres ununterbrochen fortgeschritten und im Rohbau vollendet. Auch im Innern ist zu erkennen, daß sich bei diesem Bau die höchste Einfachheit mit vollkommener Würde verbindet, daß hier ein Theater entsteht, welches nur dem einen Zweck: ein großes Kunstwerk anzuhören, zu schauen, zu genießen, aber diesem einen Zweck auch mit höchster Vollkommenheit entspricht. Dabei halten wir für unsere Pflicht, hervorzuheben, daß hier mit mäßigen Mitteln das Außerordentlichste geleistet, und daß der große Entwurf des Meisters mit einer Folgerichtigkeit und Sparsamkeit, einer gewissenhaften Umsicht und Einsicht durchgeführt wird, die ihres Gleichen suchen. Wir betrachten es als Ehrenpflicht des deutschen Volkes, seinem berühmtesten lebenden Künstler nach seinen vorangegangenen Leistungen und Wirkungen die Mittel zur Durchführung seines größten künstlerischen Gedankens, an den er sein Leben gesetzt, nicht zu versagen; wir betrachten es ferner als Ehrenpflicht aller, die sich Freunde echter Kunst nennen, zum Gelingen der Bayreuther Aufführungen durch die Tat beizutragen, und hegen das Vertrauen, daß es nur dieses Mahnrufes bedürfe, um unserer Sache zahlreiche neue Freunde in allen Kreisen zu gewinnen! – Man wähne nicht, die entscheidende Bemühung und Mitwirkung bis kurz vor den Aufführungen verschieben zu können; jetzt und als bald muß das Entscheidende geschehen.‹ Dem, von sämtlichen Delegierten unterzeichneten Schriftstück, dessen Hauptgedanken wir im Vorstehenden auszugsweise wiedergegeben haben14, lagen noch zwei Listen bei: die eine davon vermittelte [112] den Beitritt zu den Wagner-Vereinen, durch die andere wurde eine freie Subskription eröffnet und allen, welche in irgend einer Weise das große künstlerische Unternehmen bereitwillig fördern wollten, volle Gelegenheit dazu geboten ›Die Sammelstätten bei den deutschen Buchhändlern allerorts mögen Schatzkammern werden – diesen Wunsch wünsche ich Tag und Nacht,‹ schreibt Nietzsche bald darauf an Rhode, nicht ohne hinzuzufügen. ›Offen gestanden, Wagner, Frau Wagner und ich sind mehr von der Wirkung meines Mahnrufs überzeugt‹ (!!).15 Nein, an dem Texte des Aufrufs lag es nicht, und die wohlgesinnten ›Delegirten‹ wußten wohl, was sie taten, als sie wenigstens der gemeinverständlicheren Vorlage den Vorzug gaben. Die Wirkungslosigkeit des erneuten Appells war vielmehr einzig in der Beschaffenheit der deutschen Öffentlichkeit begründet; kein Zauberer oder Hexenmeister hätte diese durch einen bloßen An- oder Aufruf irgendwelcher Art aus ihrer lethargischen Gleichgültigkeit aufrütteln können. Dazu ist es über jeden Zweifel gewiß, daß die ganze Angelegenheit bereits in der allerersten Instanz gescheitert und gar nicht erst bis an das eigentliche ›Publikum‹ gelangt ist. Die Buch- und Musikalienhändler jener Jahre waren von den heutigen nicht verschieden und haben die ihnen übersandten Exemplare des Aufrufs nicht besser behandelt, als andere ihnen täglich zugehende rein geschäftliche Anzeigen und Prospekte. Nicht besser, vielmehr noch erheblich schlechter, weil damit auch nicht das mindeste ›Geschäft‹ zu machen war; wogegen doch noch jedes andere Anzeigeblatt wenigstens den Verkauf des darin angepriesenen Buches nach sich ziehen konnte. Nur so erklärt sich das völlig negative Ergebnis. Von den nahezu 4000 Buch- und Musikalienhändlern, an wel che der Aufruf erging, wurde nicht ein einziger auch nur dazu bestimmt, für seine eigene Person einem Wagner-Verein als Mitglied beizutreten; die Subskriptionslisten blieben im strengsten Sinn des Worts ›Geschäftsgeheimnis‹, und der literarische und musikalische Handel und Wandel ging darüber hinweg seinen eigenen gewohnten Weg. Einzig in der kleinen Universitätsstadt Göttingen16 zeichneten einige Studenten ein paar nämlich sechs – Taler. Das war der Gesamtertrag der ›nationalen Subskription‹ für das notleidende Bayreuther Werk!

Für den Gang unserer Erzählung ist dies Resultat eine starke Vorausnahme, [113] weshalb wir von demselben zum Beginn des Monats November zurückkehren. Ein Brief des guten Pusinelli aus Dresden zeigte dessen lebhaft besorgtes Mitgefühl mit dem Stand der Dinge, und es ist rührend zu sehen, wie Wagner dem alten Freunde wenigstens in bezug auf seine Person und sein redliches Wollen beruhigend zuspricht ›Keinen Menschen,‹ schreibt er ihm am 7. November, ›klage ich an, für mich und mein Werk keine tätige Sympathie zu finden. Aus dem Hin- und Herreden von Solchen, welche keinen Sinn für die Sache haben, war kein Rat für das Gedeihen einer Uuternehmung zu entnehmen, für welche man ein Herz nur dadurch gewinnen kann, daß man sich genau von dem Geist, in dem sie geführt wird, unterrichtet Wer nun hier war, hat gesehen, durch welche ausgesuchte Sparsamkeit mit den geringen, uns zu Gebote gestellten Mitteln Großartiges geschaffen ist; er hat ferner in aller Kürze erfahren, daß wir um kein Haar breit von unserm ursprünglichen Anschlage abgehen, daß die Kosten für Bühneneinrichtung, Dekorationen und Personal genau bestimmt sind etc. Dies wußten auch diejenigen bereits, welche uns bisher ihr Vertrauen bedingungslos zugewendet haben. Nichts von alledem betrifft aber Dich: das siehst Du doch klar! Von Dir brauche ich nicht einmal zu fordern, daß Du selbst hier zusähest: ich habe nie an Dir bemerkt, daß Du mir für die Bezeugung Deiner Sympathie Bedingungen stelltest. Aber – kommen solltest Du doch einmal! Ich weiß warum.‹ – Am 9. November beging Liszt in Pest, unter den begeisterten Huldigungen aller Stände seines Vaterlands sein fünfzigjähriges Künstlerjubiläum. Von überall her, aus Berlin, Wien, Weimar liefen Festgrüße aller Art an ihn ein. Der Meister begrüßte ihn dazu, zugleich im Namen seiner Gemahlin, mit den vielsagenden Versen:


Dem Neid der Welt des Dankes Huld entringen –

vergeb'ne Müh', der Mancher müd' erlag!

Muß sich der Genius der Welt entschwingen,

dem Fluge nur die Liebe folgen mag:

Dich liebt Dein Volk, – ihm sollt' es auch gelingen,

würdig zu feiern Deiner Ehren Tag.

Was heut' ein Volk an Huld Dir will erzeigen,

durch Liebe ist's auch uns'ren Herzen eigen.


Der Sternsche Aufruf wurde in Mannheim gedruckt, und gelangte von dort aus zur Versendung. Auch an 81 Hof- und Stadttheater versandte der Mannheimer Wagner-Verein in der Folge ein Rundschreiben mit der Anregung und Bitte, Aufführungen zum Besten des Bayreuther Unternehmens zu veranstalten; drei von den auf diese Art angerufenen Theaterdirektionen antworteten im abschläglichen Sinn, die übrigen beachteten die Aufforderung überhaupt nicht. Über all diese Versuche von seiner Seite berichtete Heckel dem Meister um die Mitte November und erhielt am 19 die Antwort: [114] ›Nehmen Sie meinen gerührtesten Dank für das, was Sie tun; Sie können sich sagen, daß, führen die von Ihnen eingeschlagenen Wege und Bemühungen nicht zum Ziel, nichts anderes – Ehrenvolles – dazu verhelfen würde. Jetzt reife ich morgen nach München, um zu sehen, ob noch Hoffnung auf ein Einschreiten des Königs ist. Im schlimmeren Falle ist das Einhalten des Jahres 1875 noch möglich, sobald dieser Winter gute Früchte trägt. Kann ich im Frühjahr mit Brandt und Hoffmann definitiv abschließen, so haben diese dann – früheren Erklärungen nach – immer noch Zeit fertig zu werden. Somit – hoffen wir denn! Auf dem von Ihnen mit energischer Umsicht beschrittenen Weg lernen wir am Ende doch noch verborgene Kräfte des deutschen Wesens kennen: hierauf kommt es an, fast mehr als auf das Gelingen der Unternehmung selbst.‹17

Unter allen Umständen handelte es sich, gerade bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge, um einen entscheidenden Schritt zur Überwindung des augenblicklichen Stillstandes, der Stockung aller und jeder Zuflüsse von außen her. Namhafte Summen, die z.B. in Wien schon sicher gezeichnet waren, gingen nicht ein: war es doch die Periode der entsetzlichen ›Krache‹, des unvermeidlichen Ausgangs jener ›Gründungen‹, der unmittelbaren Folge des großen Krieges. Der Milliardensegen des Frankfurter Friedens war, dank einer der unbesonnensten Wirtschaften, von den unerhörtesten Wirkungen auf die gesamte Volkswohlfahrt gewesen: er hatte das auf den Schlachtfeldern glücklich geeinigte Volk wehrlos in die Hände der spekulierenden Judenschaft geworfen; Gründertum und Börsenschwindel schlimmster Art den Nationalwohlstand im Lauf eines einzigen Jahres so verflüchtigt, daß nur die pilzartig aufgeschossenen Glückspielpaläste des undeutschen Börsenreichtums noch an den Siegesrausch erinnerten Geldkrisen in Berlin, wie in Wien, fügten dem kaum begonnenen Bayreuther Werke die ärgste Schädigung zu. Unmöglich konnten sich der Meister und seine beratenden Freunde über die Erfolge der eingeleiteten ›Subskription‹ irgend welchen täuschenden Vorstellungen hingeben. Die einzige Hilfe aus der Not war demnach in dem Unternehmen selbst zu finden: es um jeden Preis bis zu dem Punkt seiner wirklichen Ausführung, womöglich noch im Jahr 1875, zu fördern, um dann mit Sicherheit aus dem Ertrag der vorauszusetzenden Teilnahme für das außerordentliche Kunstereignis auch die Deckung der aufgewendeten Kosten zu erwarten. Dieser Meinung waren die Freunde vom ›Verwaltungsrat‹, vor allen Feustel, der in unerschütterlich ruhigem Mut dem Meister darin kräftiger als alle ›Wagner-Vereine‹ zusammengenommen zur Seite stand. Nach seiner, von dem Meister geteilten Ansicht, bedurfte es nur einer genügenden Garantie von einflußreicher Seite, um durch nötig werdende Anleihen sich der Mittel zur ununterbrochenen [115] Fortführung des Begonnenen zu versichern. Bereits hatte sich nun Wagner in diesem Sinn an seinen königlichen Freund und Beschützer gewandt, dem diese Aufgabe recht eigentlich zukam, war aber seltsamerweise ohne Antwort auf sein dringendes Anliegen geblieben. Des Monarchen gleichmäßig begeisterter guter Wille zugunsten des auch ihm am Herzen liegenden großen künstlerischen Reformationswerkes konnte nicht in Zweifel gezogen werden; wir wissen aber zur Genüge, wie sehr sein Wollen ihm von jeher durch des Meisters Gegner an seinem eigenen Hofe durchkreuzt wurde. Vollends seit seiner Bayreuther Niederlassung waren diese unablässig bestrebt, jeden seiner Schritte dem königlichen Gönner und Freunde in einem gehässigen Licht darzustellen; davon hatte er vom ersten Augenblick dieser Übersiedelung an reichliche Proben gehabt. Irgend etwas derartiges mußte auch jetzt im Spiel sein, um des Königs auffällige Zurückhaltung zu erklären. Ein Mißverständnis oder eine Entstellung irgend welcher Art, die sich auf brieflichem Wege nicht erledigen ließ. Dies war der Sinn und Zweck der, in dem zitierten Brief an Heckel bereits angekündigten Reise des Meisters nach München, die er am 20. November in Begleitung Feustels unternahm, um in persönlicher Aussprache mit dem bewährten und wohlgesinnten Kabinettssekretär Rat Düfflipp über den geheimnisvollen Grund seines Schweigens auf die noch kürzlich an ihn ergangene Anfrage sich Aufklärung zu verschaffen.

Vormittags um 11 Uhr abgereist, traf er um 7 Uhr in Feustels Gesellschaft in München ein, wo er den Rest des Tages mit Peter Cornelius verbrachte und auch seinen alten Diener Franz Mrazek wiedersah ›Abend mit Peter verplaudert, Franz unübertrefflich‹ lautet sein eigener telegraphischer Bericht. Am folgenden Tage, Freitag, den 21., gab es vormittags und nachmittags eingehende Konferenzen mit dem Kabinettssekretär, der ihn auf das zuvorkommendste empfing, und sich ihm mündlich über die vielen Sonderbarkeiten des Königs ausließ, die ja dem Meister nichts Neues mehr waren, sondern ihn bereits in der Ferne, wohin sie gerüchtweise drangen, teilnehmend beängstigt hatten. Er gehe gar nicht mehr ins Freie, speise um 7 Uhr abends zu Mittag, und verkehre mit niemand als dem Stallmeister; dazu habe er täglich neue Einfälle, die ihm nicht auszureden seien. Doch schien das Gesamtresultat der Verhandlungen insofern ein befriedigendes, als ihm Hoffnungen auf den Entschluß Sr. Majestät, die gewünschte Garantie zu übernehmen, erweckt wurden. Somit war der Zweck der Reise erreicht, und er konnte am folgenden Morgen, früh um 7 Uhr, mit neuer Hoffnung die Heimreise nach Bayreuth antreten, wo er um 3 Uhr nachmittags nach zweitägiger Abwesenheit wieder anlangte.

Betrübend war für ihn und seine Gemahlin die Wahrnehmung, daß der gemeinsamen Freundin Malwida der selbstgewählte Aufenthalt im nordischen Klima gar nicht wohl zu bekommen schien. Da sie sich in der von ihr eingenommenen [116] Mietwohnung elend fühlte, wurde sie eingeladen, ganz in des Meisters Haus überzusiedeln Hatte sie schon bis dahin mit ihm und den Seinen in regelmäßiger täglicher Verbindung gestanden, so wurde sie nun als Hausgenossin vollends zur Teilnehmerin aller gemeinsamen Leiden und Freuden Gegen Ende des Monats (28. November) fanden sich der treffliche Darmstädter Maschinist Karl Brandt und der, mit der Ausführung der Dekorationsskizzen betraute Wiener Maler Josef Hoffmann zu einer Konferenz zusammen. Über diese, unter des Meisters Augen stattgefundene Besprechung liegt ein Bericht vor, den Malwida v. Meysenbug am 1. Dezember in seinem Auftrag an Heckel nach Mannheim richtete. ›Wir haben,‹ heißt es darin, ›die Herren Brandt und Hoffmann hier gehabt, und letzterer hat seine Skizzen zu den Dekorationen für den Ring des Nibelungen vorgelegt Sie haben den Meister im höchsten Grad befriedigt und freudig überrascht: denn sie sind Werke eines wahren Künstlers, der mit tiefem Verständnis die Dichtung erfaßt hat und ihr den würdigen Hintergrund geben wird, auf den Wagner rechnete. Wo noch kleine Meinungsverschiedenheiten stattfanden und der Autor, um seiner poetischen Intention willen, vom bildenden Künstler ein Opfer der einen oder anderen malerischen Absicht fordern mußte, da wurde dieses auf das liebenswürdigste gebracht, und man hatte hier ein Vorspiel dessen, was einst beim ›Kunstwerk der Zukunft‹ sich verwirklichen soll: das Zusammenwirken aller Künste zu dem einen vollendeten Ganzen, ohne anspruchsvolles Hervortreten der einen oder der anderen. Das schönste Verständnis wurde erzielt, und man kam überein, die Arbeiten im Januar zu beginnen, zunächst in Darmstadt, unter Brandts Mitwirkung die Modelle zu fertigen und im März oder April hier in Bayreuth die Malerei der Dekorationen in Arbeit zu nehmen, zu welchem Zweck Herr Hoffmann hierher übersiedeln wird.‹18 Von kleineren Ereignissen wäre hier noch der Besuch des Freiherrn v. Gersdorff zu erwähnen, der von einer italienischen Reise zurückkehrend und zunächst von Basel kommend, zwei Tage in Bayreuth Station machte, um den Verkehr des verehrten Meisters zu genießen Ebenfalls fällt in diese Periode ein seltsamer Vorgang, durch welchen der König, auf dessen zögernde Zusage immer noch die einzige Hoffnung sich richtete, sich auf eine ganz unerwartete Weise in Erinnerung brachte. Er ließ nämlich, ohne ein Wort von der Garantie, ihrer Gewährung oder Nichtgewährung zu erwähnen, durch Düfflipp die Anfrage an ihn richten, ob ihm mit der Verleihung des Maximiliansordens ein Gefallen geschehen würde? Welches die wahre Gesinnung Richard Wagners gegen alle Ordensauszeichnungen und seine Ansicht über den Wert derselben war, das brauchen wir dem Leser nicht erst auseinanderzusetzen; aber auch der König konnte es wissen. Nun hatte er aber, wie wir uns entsinnen, diesen ihm jetzt aufs neue [117] angetragenen Orden bereits einmal ausgeschlagen; damals war dies infolge eines, durch Pfistermeisters zweideutiges Verhalten19 verursachten Mißverständnisses geschehen; eine nochmalige Ablehnung war ohne eine empfindliche Kränkung des Ordenskapitels nicht möglich. Er mußte daher, wohl oder übel, das Unvermeidliche über sich ergehen, die Insignien dieser Auszeichnung durch den Bayreuther Regierungspräsidenten im Namen des Königs sich überreichen lassen, und sich außerdem noch in einem ganz offiziell gehaltenen, von allem persönlichen und insbesondere auch seiner großen Sache absehenden Schreiben an den König (26. Dezember) für die ihm zuteil gewordene Ehre bedanken.

Dies waren die äußeren Umstände und Verhältnisse, unter denen die am 3. Mai dieses Jahres angefangene Partitur des ersten Aktes der ›Götterdämmerung‹ am Weihnachtstag, Mittwoch den 24. Dezember 1873, zur Vollendung gelangte. Ein sorgenvolleres Weihnachtsfest hatte er in den letzten Jahren selten gehabt. Über das häusliche Leben im Dammalleehause berichtet inzwischen dessen tägliche intime Teilnehmerin Malwida in ihren Erinnerungen: ›Die Abende, wo gemeinschaftliche Lektüre uns vereinte, waren Stunden seltensten Genusses, weil jedes Werk, was vorgenommen wurde, durch seine Kommentare und Bemerkungen erhöhten Wert erhielt. Eine Zeitlang waren es die spanischen Dichter, die er vorlas und deren zauberische Anmut uns entzückte, so wie die tiefe Glut der Empfindung mich an die Bilder Zurbarans erinnerte. Diese Glut der Innerlichkeit, die in dem spanischen Maler sich zum düsteren Fanatismus steigert, fand ich in Calderon poetisch verklärt wieder, während mich in Lope de Vega und anderen mehr das seine vornehme, blumenreiche Spiel anzog, wenn es gleich manches unserer Kultur Fremdes enthält. Unvergleichlich schön aber war es, wenn Wagner Shakespeare vorlas20; es schien, als verstünde man den großen Dramatiker nun erst ganz, und ich sagte einmal im Scherz zu ihm: er habe seinen Beruf verfehlt, er hätte Schauspieler werden müssen, um Shakespeare zu spielen und die gewaltige Größe des Genius den Menschen voll zum Verständnis zu bringen.21 [118] Das schöne, wahrhaft ideale Zusammenleben wurde aber leider auf meiner Seite in einer Weise gestört, die keinen Widerspruch zuließ. Meine Gesundheit, seit so vielen Jahren an südliche Winter gewohnt, konnte den nordischen, noch dazu in dem kalten Klima von Bayreuth besonders rauhen Winter nicht mehr ertragen. Ein heftiges Kopfleiden stellte sich ein und, als ich nach München ging, um einen dortigen Arzt zu befragen, verordnete er mir, auf der Stelle nach Italien zurückzukehren. Er drängte so, daß mir nicht einmal Zeit blieb, noch einmal nach Bayreuth zu gehen und von den Freunden Abschied zu nehmen, was mir aber auch zu schmerzlich gewesen wäre, wie ich auch wohl wußte, daß dieser gewaltsame Aufbruch ebenfalls in ihrem Leben ein trüber Augenblick gewesen sein würde. So zog ich Anfang Januar wieder über die Alpen zurück.‹22 Noch vor Jahresschluß erfreute der treffliche, immer sich gleichbleibende Hans Richter den Meister durch seinen mehrtägigen Besuch. Er brachte diesmal einen schönen, hochgewachsenen stattlichen Mann mit sich, denDr. jur. Franz Glatz aus Ungarn, mit einer zwar wenig durchgebildeten, aber mächtigen Tenorstimme, dazu unabhängig und zu keinem gewöhnlichen Theaterengagement geneigt. Da er sich auch sonst als ein gebildeter Mann erwies, war die Hoffnung nicht unberechtigt, vielleicht in ihm den zukünftigen Darsteller des ›Siegfried‹ gefunden zu haben.

Um so verderblicher wirkte auf das gesamte Befinden der Meisters die immer noch fortdauernde Ungewißheit, in welcher der königliche Freund ihn ließ, von dem man andererseits so manche sonderbare Dinge vernahm, über seine Luxusbauten und kostspieligen Privatvorstellungen wertloser Theaterstücke Unruhige, schlaflose Nächte und mancherlei Unwohlsein lösten sich ab; es gab Tage, an denen seine Spannkraft zu erliegen und die eingetretene Krisis des [119] Unternehmens mit ihren gehäuften Sorgen und Spannungen ihn zu erdrücken drohte. Das neue Jahr 1874 brachte demnach mit seinem Eintritt fast nur Trübes.23 Malwidas Krankheit und ihre Abreise, ein Besuch Professor Overbecks aus Basel, der über Nietzsches Gesundheit nicht eben Erfreuliches meldete, trugen auch nicht zur Erheiterung der Stimmung bei. Am 6. Januar duldete es ihn nicht länger in diesen zehrenden Zweifeln der Erwartung; er telegraphierte an Düfflipp um ein entscheidendes Ja oder Nein. Noch am gleichen Tage traf die prompte Antwort ein: der König verweigere die Garantie. Gewiß mag die nackte nüchterne Gewißheit des Unbegreiflichen ihn für einen Moment der Fassung beraubt haben, die er nur in seinem unbeugsamen Stolze wiederfand. Am 7. Januar richtete er an Brandt die kurze Anfrage. ›Können Sie noch für 1875 fertig werden, wenn Sie die definitiven Aufträge erst ultimo März erhalten? Gehen Sie, ich bitte, recht wohlgesinnt mit sich zu Rate und lassen Sie mich freundliche Antwort wissen.‹ Von dem gleichen Tage ist aber auch das Telegramm an Heckel datiert: ›Erbitte dringend Ihren Besuch zu wichtiger Besprechung; genauestes Einverständnis zwischen uns unerläßlich. Pflichtschuldig Richard Wagner.‹

Bereits war Heckel durch Feustel brieflich darin eingeweiht, daß die Hoffnung auf eine finanzielle Garantie seitens des Königs von Bayern als gescheitert zu betrachten sei. Es bestehe eine Verstimmung des Königs gegen den Meister, deren Ursache er brieflich nicht mitteilen könne. Er ahnte daher bei Empfang des Telegrammes nichts Gutes, machte sich aber sofort auf den Weg. Am Bahnhof erwartete ihn Feustel; er hatte – nach Heckels Erzählung – ›alle Hoffnung verloren‹. Doch weihte er ihn immerhin in ein ihm schon bei jenem Münchener Besuche im November v. J. durch Düfflipp anvertrautes und bisher beharrlich gewahrtes wunderliches Geheimnis ein. Er habe mit seinem Ehrenwort versprechen müssen, es dem Meister nicht mitzuteilen; nun sage er es nicht ihm, aber Heckel, und verpflichte diesen nicht zum Schweigen. Man kann den Grund dieser königlichen Verstimmung nicht erfahren, ohne mit tiefer Bitterkeit dadurch erfüllt zu werden, daß neben allen traurig ernsten Verhältnissen, mit denen Richard Wagner bei seinem großen Reformationswerk zu ringen hatte, auch noch derartige, bis zum Lächerlichen wesenlose Nichtigkeiten im Hinterhalt auf ihn lauerten. Mitten in der [120] Zeit seines heftigen Ringens und Kämpfens und während er sich mühsam die Muße zur letzten Vollendung seiner ›Götterdämmerung‹ zu wahren suchte, war ihm im Lauf dieses Sommers die in lateinischer Sprache gedichtete Kaiserhymne eines ›deutschen Dichters‹ (Macte Imperator) mit der Aufforderung zu ihrer Komposition übermittelt worden! Es hätte keinen Zweck, hier den rühmlichst bekannten Namen Felix Dahns verschweigen zu wollen, da dieser selbst an der ganzen Angelegenheit persönlich unbeteiligt zu sein scheint. Unter keinen Umständen hätte Wagner einer derartigen Zumutung nachgegeben, – auch wenn es nicht die allerungünstigste Zeit dafür gewesen wäre! Seinen ›Kaisermarsch‹ hatte er – zur rechten Zeit – gedichtet und mithin keinen Grund sich zu wiederholen, am wenigsten auf einen fremden Text, und noch dazu in einer spezifisch akademischen, durch und durch undeutschen Form. Dennoch war es ein Unrecht, ihn nicht gleichzeitig deutlichst wissen zu lassen, daß der König selbst in einer schwachen Stunde diesen Wunsch geäußert, daß die Zusendung mit seinem Wissen und gleichsam im Auftrag des Monarchen geschehen sei, bei welchem Dahn (so wird uns berichtet) damals Zutritt hatte, dem er sein Gedicht vorgelegt und dadurch den ›Wunsch‹ veranlaßt habe: Wagner solle es komponieren! (Späterhin ist es wirklich komponiert worden, aber, wie sich's gebührte, durch – Franz Lachner!) Er hätte dann ebenfalls abgelehnt, aber natürlich in entsprechend anderer Form. Vor allem würde er sich dann an den König selbst haben wenden können, und dieser würde ihn verstanden haben. Nun hatten die Münchener Herren, denen Zwischenträgereien immer ein willkommenes Element waren, das leichteste Spiel von der Welt: so springe der Übermut des verwöhnten Künstlers mit königlichen Wünschen um und dergleichen. Dies der tief geheimnisvolle Grund der allerhöchsten ›Ungna de‹, wie er Feustel ›auf Ehrenwort‹ unter dem Siegel höchster Verschwiegenheit mitgeteilt worden war.

Über sein Zusammentreffen mit Wagner an jenem 8. Januar berichtet Heckel selbst, wie folgt: ›Während ich sonst (bei ihm) nur einer schaffensfreudigen Heiterkeit begegnete, fand ich jetzt tiefste Niedergeschlagenheit. Er beabsichtigte in einem »Offenen Brief«, den er an mich richten wollte, zu erklären, daß das Unternehmen gescheitert sei, und daß bessere Zeiten abgewartet werden müßten, um den Bau fortzusetzen. Er sagte: »Ich will die noch offenen Seiten des Festspielhauses mit Brettern zuschlagen lassen, damit sich doch wenigstens die Eulen nicht darin einnisten, bis an demselben wieder weitergebaut werden kann.«24 Ich erwiderte ihm sofort: »Lieber Meister, so weit[121] sind wir noch nicht – das darf nicht sein!« Seine Bayreuther, Freunde, hatten alle Hoffnung verloren, ich nicht. Und ich bin heute stolz darauf, daß es mir möglich war, von neuem sein Vertrauen und seine Zuversicht zu erwecken, obwohl ich nur Pläne und Vorschläge, keine Aussichten bieten konnte. Von größter Wichtigkeit war es, daß mir Feustel bei meiner Ankunft mündlich, die Ursache der Verstimmung des Königs mitgeteilt hatte. Da er sein Ehrenwort gegeben hatte, Wagner keine Mitteilung zu machen, so konnte ich diesem nur ein Ende des Fadens in die Hand geben, dessen Entwirrung jedoch zu neuen Hoffnungen führte.‹25 – In diesen Sachverhalt griff – immer nach Heckels Bericht – noch etwas anderes mit ein, um einen glücklichen Ausgang der bestehenden Spannung herbeizuführen Heckel hatte sich dazu erbötig erklärt, die Vermittelung seines speziellen Landesherrn, des Großherzogs von Baden, bei Kaiser Wilhelm für den Zweck zu gewinnen, daß die Festspiele als eine, ›Lustralfeier‹ des Frankfurter Friedens von Reichswegen eine nationale Förderung erführen. Der Gedanke selbst war dem Meister zuerst in den schwersten Tagen der Sorge (26. Dezember) gekommen, ohne daß die Art und Weise der Anknüpfung für ihre Ausführung sich ihm noch völlig geklärt hätte. Heckels Anerbieten gab den Ausschlag, und dieser erhielt demgemäß, bald nach seiner Rückkehr, ein vom 16. Januar datiertes, schön geschriebenes, vier Quartseiten langes Schreiben in Sachen des ›Lustralfeier‹- Projektes, welches sich in seinen Erinnerungen dem vollen Wortlaut nach abgedruckt findet, dem wir im folgenden aber doch wenigstens einige Hauptabschnitte entnehmen.

Es wird darin zunächst auf die Notwendigkeit des hilfreichen Eintretens einer entscheidenden Macht hingewiesen. ›Wenn ich hiermit an das »Reich« denke, so ist Ihnen nicht unbekannt geblieben, daß ich bisher stets vor dem Gedanken, meine Unternehmung und den ihr zugrunde liegenden Kultur-Willensakt von den Abgeordneten unseres Reichstages diskutiert zu sehen, zurückschreckte, weil ich unter diesen nicht einen einzigen herauszufinden wüßte, welcher, der schmählichen Verunglimpfung meines Vorhabens durch die gänzlich unwissende, herrschende große und kleine Presse gegenüber, die richtige Bedeutung desselben überzeugend darlegen und vertreten könnte. Hingegen bin ich nun auf den Gedanken gekommen, unserem siegreichen Kaiser selbst die ersten Aufführungen meines Werkes zu einer Lustralfeier des im Jahre 1871 abgeschlossenen ruhmreichen Friedens mit Frankreich anzubieten; ich sollte vermeinen, daß mit der Annahme meines Anerbietens dann zugleich auch die Anerkennung eines wichtigen deutschen Kulturgedankens ausgesprochen sein dürfte Hierüber sich kräftig und überredend zu äußern, kann aber nicht mir [122] zukommen; ich muß durchaus unter den Freunden meiner Kunst, unter den Gönnern meiner Unternehmung, die Fürsprecher suchen, um die Vermittelung einer entscheidenden Hilfe auf dem von mir bezeichneten Wege anzugehen. In diesem, sowie in jedem Sinne, gereicht es mir zur schönen Ermutigung, Sie, lieber geehrter Freund, für die Wahl eines ersten Fürsprechers an Ihren eigenen Landesfürsten, den von mir so hoch verehrten Herrn Großherzog von Baden, verweisen zu können. Es kann mir nicht zustehen, für die Beschreitung dieses Weges, wenn sie von dem Herrn Großherzog beschlossen werden sollte, nähere Maßnahmen anzugeben, da es sich denn wohl von selbst verstehen würde, daß die Mitwirkung seiner Kaiserl. und Kgl. Hoheit des Kronprinzen des Deutschen Reiches als die allerwirksamste sofort von meinem durchlauchtigsten Gönner in das Auge gefaßt werden dürfte. Nur würde ich mir erlauben, auch die Herren Großherzöge von Sachsen-Weimar und Mecklenburg, sowie den Herrn Herzog von Dessau, welche sich bereits im persönlich geneigten Sinne an meinem Unternehmen beteiligten, als vermutlich zu einer Mitwirkung gestimmt aufzuführen Wollte ich nun genau bezeichnen, welches Resultat ich mir als das, alle Bestrebungen und Wünsche krönende Ergebnis einer so mächtigen Bemühung für mein Unternehmen vorstelle, so wäre dies der hierdurch zu erwirkende Auftrag des deutschen Kaisers an mich, gegen die hierfür zu gewährende Unterstützung von Einhunderttausend Talern, also des Dritteiles der Gesamtkosten derselben, drei vollständige Aufführungen meines Bühnenfestspieles »Der Ring der Nibelungen« auf dem eigens hierzu erbauten Festtheater zu Bayreuth, zur ersten Lustralfeier des mit Frankreich abgeschlossenen Friedens, im Sommer des Jahres 1876 zu veranstalten.‹

In dem vorstehenden, in seinen allgemeinen Zügen, gleichsam im groben Umriß, auszugsweise wiedergegebenen Schreiben ist u.a. die zum allerersten Male mit Bestimmtheit uns entgegentretende Jahreszahl ›1876‹, mithin die Hinausschiebung des Ganzen um ein weiteres Jahr, bemerkenswert. Heckel zögerte nicht, den ganzen ausführlichen Brief mit einem Begleitschreiben seinerseits an das Geheime Kabinett des Großherzogs von Baden einzusenden, indem er zugleich um eine persönliche Audienz sich bewarb. Der Großherzog war, wie dem Leser aus allen früheren Epochen von Wagners Leben (seit dem Jahre 1857) bekannt, dem Meister und seiner Kunst allezeit sehr gewogen. Besonders das Mannheimer Wagner-Konzert vom 20. Dezember 187126 hatte neuerdings bei ihm große Eindrücke hinterlassen, sodaß von seinem Wohlwollen die gewünschte Förderung bestimmt zu erwarten war. Dennoch veranlaßte die Ungunst gewisser parteipolitischer Verhältnisse eine Ablehnung des Gesuches.27 Berlin steckte eben zu tief in seinem ›Kulturkampf‹; man müsse fürchten, sich [123] einen Refus zu holen. ›Der Großherzog mußte, nach eingehender Prüfung aller hier in Betracht kommenden Verhältnisse die Überzeugung gewinnen, daß durch Seine Empfehlung das nicht erreicht werden würde, was Herr Richard Wagner zu erlangen hoffe, weil zur Zeit, wie Ew. Hochwohlgeboren zugeben werden, andere hochwichtige und tiefgreifende Fragen alles in Anspruch nehmen, so daß man für die Angelegenheit nur einer sehr beschränkten Teilnahme gewärtig sein könnte. Eine Empfehlung aber eintreten zu lassen, ohne jede Aussicht auf entsprechenden Erfolg, dies glaubte Se. Kgl. Hoheit in richtiger Wertschätzung der Aufgaben, welche sich Herr Richard Wagner gestellt hat, nicht unternehmen zu sollen.‹

Somit war denn wiederum eine vergebliche Bemühung mehr erfolgt, die sich der geschlossenen Reihe aller ihr vorausgegangenen anfügte. Dennoch möchten wir hier einer subjektiven Auffassung Heckels Raum geben, die er zwar in seiner eigenen schriftlichen Darstellung nicht verlautbart, dennoch aber seinerzeit uns mündlich ausführlichst kundgegeben und begründet hat. Das Schreiben des Meisters, vom 16. Januar datiert, war am 17. in seinen Händen, am 18. mit seinem Begleitbrief in der großherzoglichen Kanzlei. Bei der hier gebräuchlichen, höchst präzisen Geschäftserledigung hatte er bereits am 20. oder 21. die Einladung zu der von ihm nachgesuchten Audienz erwartet; dagegen verstrich – wider alle Gewohnheit – eine volle Woche, und wiederum eine volle Woche, bis endlich – am 2. oder 3. Februar – die ablehnende Antwort eintraf. Er begründete nun darauf seine unmaßgebliche Privatmeinung, das Schreiben des Meisters dürfte in der vierzehntägigen Zwischenzeit nach Berlin gegangen, vielleicht sogar von dort aus ein Wink nach München erfolgt sein. Hierzu müßte das gesamte Verhältnis von Berlin und München zu Bayreuth in Betracht gezogen werden; der König habe, als bevorzugter Gönner und Beschützer des Meisters, auf jeden fremden Eingriff mit einer gewissen, sehr begreiflichen Eifersucht geblickt, Berlin wiederum in dieser Beziehung die höchste Vorsicht und Rücksicht gegen den König geübt und sich nicht in dessen Unternehmungen gemischt, – eine Haltung, die ihm freilich keine Opfer kostete!28 So möchte denn auch im gegebenen Fall irgendwelche Einwirkung, vertrauliche Mitteilung oder Kundgebung von Kabinett zu Kabinett mit wirksam [124] gewesen sein, um der, auf so nichtiger Grundlage beruhenden ›Ungnade‹ den letzten Rest zu geben und den guten Ausgang zu beschleunigen. Wir enthalten uns in dieser Angelegenheit jeder eigenen Meinungsäußerung. Insofern jedoch zur Feststellung von Wirkung und Ursache Daten mit in das Spiel kommen, sprechen dieselben keineswegs für die im Vorstehenden wiedergegebene diplomatische Hypothese, da vielmehr um die gleiche Zeit, da Heckel in Mannheim noch ›wartete‹, die Sache in München (d.h. vielmehr auf Hohenschwangau) bereits entschieden war. Wagner hatte nicht unterlassen, bald nach jener Zusammenkunft vom 8. Januar in aufklärendem Sinne an den König zu schreiben, an welchem Tage, ist uns nicht bekannt. Aber ein Passus aus einem an Schott gerichteten Briefe vom 22. Januar lautet bezeichnend genug: ›Gott wird das Weitere in dieser Angelegenheit beschließen, täglich erwarte ich entscheidende Nachrichten.‹ Und bereits vom 25. Januar 1874 (also mitten in der ›Wartezeit‹ Heckels, während dieser noch der Einladung zur Audienz in Karlsruhe entgegensah) ist die Antwort des Königs an den Meister datiert, aus Hohenschwangau: ›Nein, nein und wieder nein! So soll es nicht enden! Es muß da geholfen werden!‹ Das war der alte, kraftvoll enthusiastische Ton, der auch nicht entfernt den Eindruck hervorruft, als könnte irgendwelche Kabinettspolitik an dieser – rein inneren – Angelegenheit zwischen dem königlichen und dem künstlerischen Freunde einen Anteil gehabt haben. Mochte wohl infolge allzulanger Entbehrung des Verkehrs, von Zeit zu Zeit ein finsterer Dämon des Truges und der Täuschung sich zwischen den Meister und seinen königlichen Jünger stellen, so war sich ersterer doch allendlich immer der sieghaften Macht über das Gemüt des letzteren bewußt Wohl zog sich die völlige vertragsmäßige Regelung der Angelegenheit noch über einen vollen Monat hin, bis in den Anfang des März; doch schon am 3. Februar konnte der Meister in einem Briefe an Schott als Nachtrag die ›gute Notiz‹ hinzufügen, daß ›ganz neuerdings der König von Bayern sich geneigt zeigt, für mein großes Bayreuther Unternehmen die Garantie zu übernehmen‹, und wenige Tage später (am 9. Februar) entsandte er auch dem treuen Mannheimer Freunde in wenigen Zeilen, aber im heitersten Tone, die frohe Botschaft: ›Mit Sr. Majestät ist die Sache in Ordnung: das Unternehmen, an dem Sie so herrlich ernsten Anteil nehmen, ist gesichert. Näheres alsbald!‹ Und in betreff des Karlsruher Versuches: ›ich wußte, daß das Alles vergeblich sein würde!‹ – –

Die gute heitere Gemütsverfassung dieses Briefes zeigt sich auch in dem, vom gleichen Tage (9. Februar) an Schott geschriebenen, hoffnungsvollen Worten: ›Zähe Gesundheit und ein hohes Alter mit frischem Geiste hat das Schicksal mir zuversichtlich vorbehalten, damit doch einmal Einer das durchsetze und erlebe, wozu man in Deutschland zweier Menschenalter bedarf. Außerdem habe ich einen Sohn noch zu einem tüchtigen Kerl zu machen. Nun lassen [125] Sie mich Ihnen, wertester Freund, zum Beispiel dienen und halten Sie mit mir kräftig Schritt!‹ – Allerdings war es wohl unmöglich, daß die gleiche glückliche Stimmung lange anhalten sollte. Er brauchte nur um sich zu blicken, um wahrzunehmen, wie weit und in welchem Maße die so leicht zu vermeidenden, unerhörten und widersinnigen Hemmnisse und Beunruhigungen des letzten Halbjahrs ihn zurückgebracht hatten: 1) an dem letzten Rest seiner Arbeit an der ›Götterdämme rung‹, 2) in der Verhinderung rechtzeitiger Abschlüsse,29 3) in bezug auf die Fühlung mit dem zuvor ins Auge gefaßten Personale, in dessen Gewinnung er, nach soviel Zeitverlust und Vergeudung kostbarster Kräfte, ›ganz von vorn wieder anzufangen hatte.‹ Ein ganzes Jahr seiner Wirksamkeit und – im höheren Sinn – seines Daseins war ihm dadurch wieder verloren, ein neues Jahr zu den vielen, vielen verlorenen seines Lebens! ›Mich soll es um so mehr freuen‹, schreibt er daher an Heckel bei genauerer Mitteilung und Darlegung, ›wenn Ihnen, lieber Freund, dies alles wahre Freude macht, als ich leider wenig mehr von dieser Freude genieße. Ich bin durch alles Vorangehende so sehr ermüdet und zernagt, daß der Erfolg mich endlich ziemlich kalt, und nur meiner Pflichten eingedenk findet.‹

In diesem Sinne fiel es ihm denn z.B. an sich durchaus nicht leicht, nun definitiv von dem für die Aufführung zuletzt angesetzten Jahr 1875 abzugehen, und den in jenem Schriftstück über die geplante ›Lustralfeier‹ zuerst genannten neuen Termin des Jahrs 1876 schließlich bestimmt ins Auge zu fassen. So ließ er z.B. Heckel im Laufe des Februar noch brieflich mitteilen, daß bei den Bestellungen noch das Jahr 1875 in Aussicht genommen sei.30 Nur wenn die Arbeiten bis dahin nicht zu beendigen wären, würde der Termin geändert werden. Die Bayreuther Freunde, Feustel und Muncker, hielten in ihren Wünschen und Meinungen, so weit diese in Betracht kamen, ebenfalls an dem Jahr 1875 fest. Die Unterzeichnung des Vertrages durch den König erfolgte Anfang März, unmittelbar darauf hatte der Meister das Dokument in der Hand. Es gewährte dem Unternehmen einen Kredit von 100000 Talern aus der königlichen Kabinettskasse, um damit die Kosten der Bühneneinrichtung, Dekorationen und Gasherstellung für jetzt bestreiten zu können; während der Dauer des Kredits sollten alle eingehenden Patronatgelder der königlichen Kabinettskasse zugeschrieben werden, bis zur Tilgung der gemachten Vorschüsse. Bis zu diesem Termin sollten die bezeichneten Anschaffungen ›Eigentum des königlichen Hofsekretariates‹ bleiben. Es handelte sich demnach keineswegs um einen Zuschuß, sondern bloß um eine Beseitigung der verhängnisvollen Stockung. Das Unternehmen war dadurch nur eben in den Stand gesetzt vorwärts zu [126] gehen, blieb aber in Wahrheit durch die Teilnahme des Publikums erst zu ermöglichen. Daher denn der Meister in einem Briefe an Heckel vom 5. März diesem für seine Mitteilungen an die Öffentlichkeit alle Behutsamkeit und Vorsicht empfahl, um, ›die Leute nicht glauben zu machen, daß nun nichts mehr zu tun sei.‹ Am besten erschien es ihm, einfach nur das rein Tatsächliche zu berichten: daß mit dem Maler Hoffmann in Wien, sowie mit dem Hoftheatermaschinisten Brandt soeben die bestimmtesten Verträge für die Herstellung der Dekorationen und der Bühneneinrichtung in möglichst kurzer Zeit (bis zum Sommer 1875) abgeschlossen worden seien. Die Ausführung der Hoffmannschen Skizzen war mit Zustimmung, ja auf Wunsch desselben, den Hoftheatermalern Gebrüder Brückner in Koburg übertragen, deren Leistungsfähigkeit und Pünktlichkeit der Meister selbst damals noch nicht kannte,31 die aber von da ab bis auf heute sich gleichmäßig bewährt und im Laufe der Zeiten sämtliche in Bayreuth zur Aufführung gelangten Werke nach der dekorativen Seite hin ausgestattet haben.32

Ein bedeutungsvoller Doppelbrief, an Muncker und Feustel zugleich gerichtet, vom 7. März abends, bringt die Notwendigkeit einer Verschiebung der Festspiele zum Jahr 1876 mit ernster Motivierung klar und deutlich zum Ausdruck. Er glaubte hierüber bei ihrer letzten Zusammenkunft sich bereits deutlich genug geäußert zu haben, hält es aber doch für gut, es noch einmal schriftlich zu wiederholen. ›So ernstlich ich die Sache jetzt wieder in das Auge zu fassen mich gehalten fühle, desto mehr habe ich den Schaden zu ermessen, welchen uns die Verzögerung des Abschlusses für eine finanzielle (Garantie) gebracht hat. So konnte ich z.B. bis jetzt keinem der Sänger sagen: »Geht für diesen Sommer keine Gastspiele ein, um euch mir zur Verfügung zu stellen«, so daß ich nun froh sein muß, wenn ich wenigstens einige derselben werde bewegen können, neben ihren anderweitigen Verpflichtungen sich auch mir nur für wenige Tage zur Verfügung zu stellen Glauben Sie mir, es ist ganz unmöglich, das ungeheuere vierteilige Werk, von welchem jeder einzelne Teil [127] bei den größten Theatern vierteljahrlange Vorbereitungen erfordert, in der jetzt mir noch gelassenen Zeit von heute an bis übers Jahr zur Aufführung zu bringen. Dies ist das eine. Das andere ist aber die von Ihnen vorgeschlagene und gewünschte Betreibung der Geldmittel durch meine persönliche Tätigkeit. Vorausgesagt, es könnte mir wirklich gelingen, durch stetes Herumreisen und Konzertgeben bedeutende Fonds zusammenzubringen, so beschwert mich die Nötigung, Ihnen zu erklären, daß ich solche Anstrengungen nicht aushalte, weswegen ich eben für die Aufführungen unserer Festspiele mich bereits mit einem, statt meiner fungierenden, Dirigenten vorsehen mußte, wie ich dies in vergangener Zeit zu meiner Schonung bereits in München nötig hatte. Ich fühle mehr als jeder von Ihnen, meine hochgeehrten Freunde, daß die letzte Gewährleistung für das Zustandekommen unserer großen Unternehmung in der Aufrechterhaltung meiner physischen und geistigen Lebenskräfte liegt, weil niemand wie ich die Aufgabe ermessen kann, welche ich mir persönlich, mir hiermit gestellt habe.‹33

Hatte er aber doch andererseits gerade durch seine vorigjährigen Versuche in jener Hinsicht die deutliche Erfahrung gewonnen, daß alle diese aufreibenden Bemühungen um persönliche Anregung keineswegs die den Anstrengungen entsprechende Erfolge gehabt hatten. ›Wogegen es eben aus diesen Erfahrungen mir deutlich geworden ist, daß nicht die im voraus gepredigte Idee, sondern nur die Tatsache der bevorstehenden außerordentlichen Leistungen die – vielleicht neugierige Teilnahme erwecken wird, welche uns schließlich die nötigen Fonds zuwendet.‹ Diese Teilnahme konnte, wenn andererseits die Tatsache der wirklich ermöglichten Aufführungen feststand, durch eine Verzögerung des Gegenstandes dieser Neugier sich nur vermehren; ja sie konnte sich durch die, im Sommer 1875 bereits selbst mit Dekorationen etc. abzuhaltenden Proben, selbst zu einer dem Unternehmen sehr förderlichen Ungeduld steigern. Um so entschiedener war seine Abneigung gegen ein vorläufiges Herausreißen einzelner Bruchstücke aus seinen Partituren durch Konzertaufführungen; ja, in empfindlichster Weise berührten ihn die von so vielen Seiten her unaufhörlich an ihn gelangenden Bewerbungen um Überlassung solcher Fragmente insbesondere aus der ›Walküre‹. Ihnen hatte er bereits am 16. Februar 1874 in einer ›Notgedrungenen Erklärung‹ öffentlich ein für allemal geantwortet. ›Da diese Ansprüche nur von Freunden meiner Musik und solchen, welche die von mir beabsichtigten Aufführungen meines ganzen Werkes nach Kräften zu fördern sich vereinigt haben, erhoben werden, bekümmert es mich ganz im besonderen, daß ich gerade ihnen erst die Gründe auseinandersetzen soll, aus denen es mir widerwärtig sein muß, die mit so ausdauernder Geduld von mir vorbereitete Aufführung dieses Werkes in ihrer [128] Wirkung im voraus benachteiligen zu sollen. Könnten meine Freunde auf dem Wege der Zerstückelung durch Vorführungen in Konzerten und Theatern gerade dieses Werk sich aneignen, so bedürfte es der großen Mühe nicht, welche ich mir für die Herstellung einer einzigen verständlichen Aufführung desselben gebe. Das Problem einer solchen Aufführung habe ich aber eben selbst erst noch zu lösen, da namentlich der seltsame Erfolg der von mir unbeeinflußten Theateraufführungen der »Walküre« in München mir bewiesen, wie unrichtig bisher mein Werk verstanden worden ist; denn wäre es richtig verstanden worden, so würde es niemand jetzt nur beikommen können, von mir die Überlassung solcher Bruchstücke zu Konzertzwecken zu verlangen, während dies denjenigen sehr leicht erscheinen muß, wel che bis jetzt eben nur an wenigen (wie es heißt: dort »geglückten«) Einzelheiten Gefallen finden konnten. Ich hoffe, nach dieser Erklärung keinen meiner Freunde und Gönner zu beleidigen, wenn ich ihren persönlich mir zugehenden Aufforderungen nicht besonders antworte.‹34

Dagegen begannen mit dem Monat März die Korrespondenzen mit den mitwirkenden Künstlern, in erster Reihe mit Niemann, Betz, Karl Hill und Emil Scaria. ›An Männern wird mir's nicht fehlen, – von Frauenzimmern habe ich nicht viel aufzuweisen,‹ meldete er an Heckel, unterm 17. April. Am schwierigsten war es noch mit der Partie des ›Siegfried‹, als Mittelpunkt des Ganzen neben Wotan, bestellt Diener hatte sich als unverwendbar erwiesen; auf den durch Hans Richter empfohlenen Glatz war noch in keiner Weise zu bauen: an Unger (zurzeit in Mannheim engagiert) wurde einstweilen höchstens für Loge gedacht. ›Mit Anfang Mai,‹ heißt es in demselben Briefe, ›erwarte ich Richter (aus Pest) für vier Monate. Der Sommer wird das alles klar machen: für jetzt habe ich den Winter noch etwas in den Gliedern!!‹ Im Sommer sollte sich Richter denn auch von der Verwendbarkeit Ungers überzeugen, indem er selbst nach Mannheim ginge Einstweilen lag ihm alles daran, die von ihm auserwählten künstlerischen Kräfte im Laufe dieses Sommers einzeln oder vereinigt zu eindringenden Vorstudien der ihnen zugewiesenen Rollen in Bayreuth zum Besuch bei sich zu sehen. ›Ich habe Ihnen,‹ schreibt er beispielsweise (8. März) an Karl Hill, ›die in jedem Betreff schwierigste Rolle, für deren glückliche Besetzung ich zuvor die allergrößte Sorge trug, nämlich die des, von dämonisch leidenschaftlicher Tragik erfüllten »Alberich« bestimmt. Kamm möchte ich aber, daß Sie mit dieser, durch drei Stücke (das Rheingold, Siegfried und die Götterdämmerung) gehenden Partie sich im voraus bekannt zu machen sich bemühten, weil ich es vorziehen muß, diese erste Bekanntschaft Ihnen durch mich selbst zu verschaffen, da nur ich hierzu [129] mich befähigt erachten kann. Doch wünsche ich, daß Sie die Dichtung zuvor sich genauer aneigneten.‹ Den nachdrücklichen Schluß auch dieses Briefes bildet die Einladung zu einem achttägigen Besuch während des Sommers, ohne bestimmte Zeitangabe, da ihm nicht so sehr an einem Zusammentreffen der studierenden Künstler, als überhaupt an diesen Studien unter seiner Leitung gelegen war. Auch in einem an Betz gerichteten, hinsichtlich der darin gemachten Mitteilungen ausdrücklich zugleich für Niemann bestimmten Schreiben (vom 2. April) heißt es bezüglich dieses Punktes: ›In diesem Sommer erwarte ich Sie demnach nur – nach Ihrer Bequemlichkeit – zu dem ersten Durchgehen der Partie am Klavier, das heißt zur Grundsteinlegung des Studiums.‹

Bereits gegen Ende Februar d. J. war auch ein neues Stück der ›Unzeitgemäßen Betrachtungen‹ des streitbaren Baseler Freundes erschienen: ›Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben.‹ Sie richtete sich gegen das gefahrdrohende Überwuchern einer einseitig unkünstlerischen, bloß erkenntnistheoretischen Bildung. Die Kultur könne nur aus dem Leben heraus wachsen und blühen, während sie bei den heutigen Deutschen wie eine papierene Blume aufgesteckt werde. Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart heraus lasse sich das Vergangene deuten; wer nicht Einiges größer und höher erlebt habe, werde auch nichts Großes aus der Vergangenheit zu deuten wissen. Wie die erste ›unzeitgemäße‹ sich polemisch gegen David Strauß wandte, so wird als der Typus der zu bekämpfenden ›historischen‹ Betrachtungsweise hier der Philosoph des Unbewußten, Eduard v. Hartmann, mit seinem ›Weltprozeß‹ hingestellt. Nicht am Ende könne das Ziel der Menschheit liegen, sondern in ihren höchsten Exemplaren. Nicht die Massen, sondern die großen Einzelnen bilden den Strom des Werdens; diese leben zeitlos-gleichzeitig, ein Riese ruft dem andern im hohen Geistergespräche zu, durch die öden Zwischenräume der Zeiten (Schopenhauer). Die Aufgabe der Geschichte sei es, zwischen ihnen die Mittlerin zu sein, und so immer wieder zur Erzeugung des Großen Anlaß zu geben. Was helfe es dagegen dem, noch kenntnis- und erfahrungslosen jungen Menschen, durch die Jahrtausende gepeitscht zu werden? Das Übermaß kritischhistorischer Betrachtungsweise lähme und blende den modernen Menschen für die Wahrnehmung des Großen. Als Heilmittel werden die Kulturelemente des Unhistorischen und des Überhistorischen: die Kunst und die Religion genannt. Man kann nicht leugnen, daß es sich dabei um Erfahrungen handelte, die nur in der Nähe des Genius geschöpft werden konnten: es sind ›Bayreuthische‹ Gedanken. Mit Recht konnte ihm Frau Wagner daraufhin schreiben, ihm sei ›an dem Leiden des Genies in unserer Welt die Erleuchtung der ganzen Zustände geworden‹, ›ein Gesamturteil über unsere heutige Kulturwelt durch das Mit-Leiden mit dem Genie ermöglicht.‹ Ingleichem hoffnungsvoll lauten die eigenen Worte des Meisters. ›In aller Kürze hätte ich Ihnen [130] nur das Eine zuzurufen, daß ich einen schönen Stolz empfinde, nun nichts mehr zu sagen zu haben, und Ihnen alles Weitere überlassen zu können.‹ Derselbe Brief enthält außerdem noch die Einladung zu baldigem Besuch: ›Im Mai ist unser Haus fertig, Ihr Zimmer steht dann bereit. Ich hoffe, Sie ruhen noch noch einmal hier aus, es ist in der Nähe gebirgig genug!‹ Und wiederum am 9. Juni, kurz vor dem Beginn der Studien dieses Sommers: ›O Freund! warum kommen Sie nicht zu uns? Ich finde für alles einen Ausweg – oder: wie Sie's nennen wollen. Nur nicht so abgesondert! Ich kann Ihnen dann nichts sein. Ihr Zimmer ist bereit‹. Aber alle Einladungen zu Hohem und Höchsten waren für diesmal wieder vergeblich; Nietzsche kam erst im späten August (er hatte, so heißt es, in seinen Ferien die dritte Unzeitgemäße fertig zu machen).

Inzwischen war der Bau seines Hauses so weit vorgerückt, daß es nur noch des letzten ornamentalen Abschlusses bedurfte und er, um die Mitte April die Stätte seiner letzten Rast beziehen oder doch den Umzug vorbereiten konnte. ›Wir sind jetzt,‹ schreibt er am 17., ›mit der Einrichtung unseres Hauses und dem bevorstehenden Umzuge belästigt Meine Frau anhaltend leidend, und ich guter Dinge wartend und die üblen dahinnehmend‹.35 Auch dieser Privatbau hatte ihm in seinem ganzen Verlauf so vielerlei Sorgen bereitet, daß er diesem Hause, bei dessen Errichtung es fast täglich Mißverständnisse seiner Absichten, Differenzen mit der Bauleitung und den Ausführenden gegeben hatte, während des Baues den scherzhaften Namen ›Ärgersheim‹ beilegte; und insofern Feustel, als sein Vermögensverwalter und überhaupt als Freund, zu manchen Konferenzen mit dem Erbauer des Hauses, dem Herrn Wölfel, hinzugezogen war, schreibt er diesem einmal in dem ihm so eigenen, scherzenden Ton: ›Zu Ihrem Trost für die Zukunft kann ich Ihnen nur versprechen, daß ich mir nie, selbst auch in Bayreuth nicht, wieder ein Haus bauen lassen werde.‹36 Dafür war aber auch der Bau schon gleich bei dem ersten Entwurf von des Meisters Hand in der Anordnung sämtlicher Räumlichkeiten auf das Genaueste von ihm durchdacht, und die Ausführung desselben hatte, unter seiner beständigen Anwesenheit bei fast täglichen Besuchen (S. 90), unter seinen Augen stattgefunden. Und wie die innere Anlage, den Bedürfnissen des Hausherrn und seiner Familie entsprechend, von größter vornehmer Einfachheit war, so hielt sich auch die äußere Ausschmückung von jeder wohlfeilen Überladung mit architektonischem Modeaufputz fern. Einen Anlaß zu sinnreich bedeutungsvollem Schmuck bot einzig der große leere Raum an der Fassade des Vorbaus über der Eingangstür. Er sollte durch eine Sgrafitto-Malerei ausgefüllt werden; für diesen Zweck hatte er sich mit dem ihm seit länger wohlbekannten [131] Dresdener Historienmaler aus der Schnorrschen Schule, Robert Krauße37, ins Einvernehmen gesetzt, der sich bereits durch mehrere Sgrafittoausführungen rühmlichst bekannt und mit der eigentlichen Technik dieser, aus der Renaissanceperiode stammenden Dekorationsweise besonders vertraut gemacht hatte. Als Gegenstand der bildlich-allegorischen Darstellung war ihm Folgendes bezeichnet. Der deutsche Mythus, in der Gestalt Wotans als Wanderer, im weiten Mantel, den breitkrempigen Hut tief über das fehlende eine Auge herabgezogen und von seinen beiden Raben umschwebt, zieht suchend durch die Welt. Er trägt die Züge Ludwig Schnorrs von Carolsfeld. Er begegnet den Gestalten der Tragödie, mit den Zügen der Schröder-Devrient, und der Musik, mit den Zügen der einzig teueren Genossin seines Lebens und seines Werkes; letztere führt ihm, in der Gestalt des Knaben Siegfried mit dem selbstgeschmiedeten Schwert, das ›Kunstwerk der Zukunft‹ zu, mit den Zügen des kleinen Siegfried Wagner. Unterhalb des Gemäldes, dessen Ausführung erst in den Herbst fiel, so daß einstweilen bloß der freie Raum dafür offenstand, befand sich die rötliche Marmortafel mit dem Namen des Hauses ›Wahnfried‹, die sich durch zwei gleiche Tafeln auf den zurücktretenden Teilen der Front zu der Inschrift ergänzte: ›Hier, wo mein Wähnen Frieden fand, Wahnfried sei dieses Haus von mir benannt.‹

Das Innere umfaßte im Parterre nur wenige Räume. Wem sich die Haustür öffnete38, der trat – wie noch heute der Besucher von Wahnfried – aus dem Vestibül zunächst in eine geräumige Halle, welche die Höhe des ganzen Hauses hatte und ihr Licht von oben her empfing. Da sie vorherrschend als Musikraum gedacht war, blieb darin alles Weihe an Vorhängen und Teppichen möglichst vermieden, sogar der Fußboden war durch Steinfliesen gebildet. In der Höhe des oberen Stocks eine, zu den Wohn- und Schlafräumen führende umlaufende Galerie, unterhalb derselben ein Fries von Aquarellen aus dem ›Ring des Nibelungen‹, einem Geschenk des Königs nach den Originalen in Fresko im sogenannten Theatinergang der königlichen Residenz in München. Hier fanden ringsum auch die Zumbuschschen Statuetten der Heldengestalten [132] des Meisters Aufstellung; ebenfalls ein königliches Geschenk, hatten sie bereits in Triebschen das dortige Speisezimmer geschmückt39 und ihr weißer Marmor hob sich wirksam von dem feurigen pompejanischen Braunrot der Hallenwände ab. Dagegen waren die umlaufenden Wände der oberen Gallerie himmelblau gehalten, auf Malwidas Empfehlung, welche diese dem Auge wohltuende Farbenzusammenstellung auf ihren Reisen in Griechenland beobachtet hatte. Noch heute wird ihrer in Wahnfried bei diesem Anblick gedacht, da sich ihre Empfehlung vorzüglich bewährte. Aus der Halle führten nach drei Richtungen hin Flügeltüren: geradeaus in den Saal, links in das Empfangszimmer der Hausherrin, rechts ins gastliche Speisegemach. Zu beiden Seiten der mittleren Tür, deren Flügel zum Saal sich öffneten, nahmen auf den gleichen dunklen Marmorsockeln, wie die Statuetten, die beiden Kietzschen Büsten des Meisters und seiner hochgesinnten Lebensgefährtin, ihren Platz ein. Hell und freundlich war der angrenzende Saal. Er erhielt sein Licht durch einen, dem Eingang gegenüberliegenden, halbrunden Fenstervorbau, dessen Decke den Wohnräumen im oberen Stock als Balkon diente. Durch die hohen Fenster fiel der Blick in die Gartenanlagen hinter dem Hause, die rückseitig an den königlichen Hofgarten grenzten. Für die Einrichtung des prächtigen Raumes, als gastlichem Mittelpunkt des ganzen Hauses, war das einzige Gesetz eine freie, behagliche Ungezwungenheit. Der Eindruck seiner vollen Größe war durch die sinnreiche Aufstellung von Diwans und Lehnsesseln abgeschwächt, die in gewissem Abstand von den Wänden, innerhalb des großen Raumes einen kleineren Teil als freigehaltene Mitte abgrenzten. An den Wänden selbst umlaufende Bücherschränke, gefüllt mit den kostbaren Schätzen der Literatur aller Zeiten und Völker: der imponierenden Mannigfaltigkeit des Wissensstoffes entsprechend, den der hier waltende Genius beherrschte. Der Vielseitigkeit seines beweglichen Geistes, der durchdringenden Schärfe seines Urteils gemäß, ist hier noch heute der Inbegriff menschlicher Weisheit aller Jahrtausende geborgen: von den alten Indern werden wir darin noch heute durch eine kostbare Sammlung der Griechen und Römer zu den großen Italienern der Renaissance, den Spaniern, Engländern und Franzosen geleitet: eine umfassendere Kollektion der altfranzösischen, insonderheit aber altnordischen, alt- und mittelhochdeutschen Literatur gibt es überhaupt selten. Dazu alle Hilfsmittel philologischer Erudition; auf dem Gebiet deutscher Sprach- und Altertumsforschung waren vorzüglich die Arbeiten Jakob Grimms vertreten. Daran sich schließend eine reiche historische und philosophische Literatur: die Werke großer Denker aller Zeiten, von den Veden bis zu Plato, von Parazelsus und Jakob Böhme bis zu Kant und Schopenhauer. Die Vollzähligkeit der Tonschöpfungen Palestrinas, Bachs, Beethovens, Glucks und Mozarts in[133] kostbaren Partituren bedarf nicht erst der Hervorhebung. Eine Reihe von, zum größten Teil schon aus Triebschen stammenden Ölgemälden hatte über der längs drei Wänden sich hinziehenden Bibliothek ihren Platz gefunden: über der Eingangstür ein herrlicher Beethovenkopf, eine Kopie des im Härtelschen Besitz in Leipzig befindlichen Originales von Waldmüller, auf beiden Seiten desselben die Porträts von Schiller und Goethe, sämtliche Arbeiten von Robert Krauße, auf Bestellung des Meisters nach hervorragenden Originalen ausgeführt. Das Bildnis König Ludwigs auf der einen Seitenwand war damals von den Porträts der Mutter des Meisters auf der einen, seines Stiefvaters Ludwig Geyer auf der anderen Seite umgeben; auf der anderen Seite befanden sich drei charaktervolle Meisterwerke Franz Lenbachs: das Porträt von Frau Wagner (gegenüber dem Bilde des Königs), inmitten der Lenbachschen Bildnisse des Meisters und Franz Liszts. Den Abschluß des Saales zur Halbrotunde hin bilden an erhabener Stelle einander gegenüber die Büsten Ludwig Schnorrs und der Schröder-Devrient. Über dem Bechsteinschen Flügel leuchtete dem Beschauer späterhin (damals noch nicht) die hohe Denkerstirn Schopenhauers entgegen, jenes Meisterwerk Franz Lenbachs, dessen wir schon bei früherer Gelegenheit gedachten.40 Im oberen Stock belegen waren die Räume für den Familienbedarf, sowie das eigentliche Arbeitszimmer, in welchem nun auch die Partitur der ›Götterdämmerung‹ nach so vielen Unterbrechungen der lästigsten und betrübendsten Art ihrem Abschluß entgegensah.

Eine eigentümliche Erfahrung hatte er während der Begründung seines neuen Heims an den Bayreuther Regierungsbehörden gemacht und dabei wiederum ersehen müssen, in wie auffallender Weise diese unter dem Einfluß seiner Münchener Gegner standen. Am meisten entzückt hatte ihn bei der Wahl des Grundstückes für sein Haus, wie wir uns entsinnen41, der direkte Anschluß an den, von schönen alten Bäumen beschatteten Hofgarten, in welchen aus den angrenzenden Grundstücken Eingangstüren führten, so daß er mit Sicherheit annehmen durfte, daß dieses jedem anderen Anwohner des Parkes zugestandene Recht auch ihm eingeräumt werden dürfte. Man muß sich dabei vergegenwärtigen, daß die Gartenanlagen von Wahnfried damals noch nicht so üppig aufgeschossen waren, wie heute, und demgemäß zurzeit noch wenig Schatten boten. Nun war es sonderbar genug, daß all diese benachbarten [134] Türen gerade im Frühjahr des vergangenen Jahres, während sein Hausbau sich der Vollendung näherte, auf Verordnung der Bayreuther Regierungsbehörde plötzlich geschlossen werden sollten! Es war nicht schwer zu erkennen, wem der Streich galt, und daß er von denselben dunklen Mächten ausging, die seit seiner ersten Übersiedelung nach München an ihm ihre Kraft erprobt, und im Großen wie im Kleinen auch fürderhin seine Pläne zu durchkreuzen suchten. Als nun der König ihn im Mai 1873, wie wohl auch sonst um diese Zeit, um die Mitteilung eines ›Geburtstagswunsches‹ ersuchte, erwiderte ihm der Meister: er habe keinen weiteren Wunsch, als die Erlaubnis, aus seinem Garten eine Durchgangstür in den königlichen Schloßgarten brechen zu dürfen, um sich nach der Arbeit in den schattigen Alleen zu erfrischen. Die Genehmigung dieses Wunsches erfolgte sofort, ›und nun,‹ erzählte Wagner selbst, ›war ich drinnen und die anderen draußen.‹42

Über den Verlauf der diesjährigen Geburtstagsfeier lassen wir, in Ermangelung besonderer anderweitiger Nachrichten, ein Bayreuther Lokalblatt berichten.43 ›Gestern beging Herr Richard Wagner sein Geburtsfest, wozu ihm nicht nur (briefliche und telegraphische) Gratulationen von nah und fern dargebracht wurden, sondern sich auch namhafte Verehrer (Gräfin Marie Dönhoff, Hans Richter, Gersdorff und Frau v. Meyendorff aus Weimar) eingefunden hatten, um dem Meister persönlich Glück zu wünschen und ihm den Tribut ihrer Verehrung zu zollen Mittags spielte die Militärkapelle des Infanterieregiments im Hofgarten Wagnersche Weisen, denen der Meister von seinem Balkon aus zuhörte. Abends um 9 Uhr brachten ihm der Liederkranz mit der Kapelle des Chevauxlegersregiments eine Serenade, bei welcher der erstere Chöre, und die letztere instrumentale Partieen aus seinen Tonwerken zum Vortrag brachten. Während die Sänger unter den Klängen des »Tannhäuser«-Marsches sich aufstellten, begab sich der Dirigent der Gesellschaft, Herr Lehrer Hofmann, mit seinem Gehilfen zu dem Gefeierten, um ihm im Namen der Sänger zu seinem Wiegenfeste zu gratulieren Nach dem Vortrag des Pilgerchors aus dem Tannhäuser erschien Herr Wagner selbst unter den Sängern, dankte denselben für die ihm durch sie gewordene Auszeichnung und drückte zugleich seine Anerkennung ihrer richtigen Auffassung und Wiedergabe dieses Chores aus, welche Anerkennung er alsbald damit konstatierte, daß er die Direktion derselben selbst übernahm, um ihn nochmals zu Gehör zu bringen. Dabei kreisten unter den Pilgern Pokale perlenden Weins und hoben die Stimmung zu jener Begeisterung, in welcher die Seele sich frei fühlt von allen Kleinlichkeiten. Diese geleitete auch die Sänger zurück und wird ihnen diesen Abend noch noch lange in die Erinnerung prägen.‹ In solchen Fällen nahm [135] der Meister gern den guten Willen für die Tat, besonders wenn es sich, wie hier, um eine freundliche Überraschung handelte. Als er jedoch im folgenden Jahr (1875) seinen Geburtstag durch ein ›Gartenfest‹ feierte44 und ›die musikalischen Vereine von Bayreuth ihm anboten, sie möchten dabei einige Kompositionen im Freien vortragen, nahm er dies dankbar an, stellte aber die Bedingung, daß sie keine »Wagnersche Musik« spielen möchten‹45

Wie zum Abschluß der schweren Erlebnisse im Laufe dieses letzten Jahres betrafen ihn noch zwei bedeutsame Todesfälle. Am 8. Mai verlor er seinen alten Freund und Verleger Franz Schott, dem er noch vor kurzem (S. 125/26) so herzliche Worte in bezug auf seine Gesundheit zugerufen. In einem entscheidenden Augenblick seines Lebens hatte er einst den so schwer ringenden Meister im Stich gelassen46; und doch hatte dieser guten Grund, ihm sein damaliges Verhalten nicht nachzutragen und sein unerwartet plötzliches Dahinscheiden – im noch nicht vollendeten 63 Lebensjahr – aufrichtig zu beklagen. Auch die Nachricht von dem Tode des trefflichen Pfarrers Tschudi in Luzern, der daselbst seine Trauung vollzogen47, ging ihm nahe, als ein dahingeschwundenes Stück der Triebschener Vergangenheit; er hatte die Beziehung zu dem ehrwürdigen Manne nicht aufgegeben und alljährlich zur Wiederkehr des Trauungstages der Luzerner Kirche durch ihn eine Zuwendung gemacht. Am meisten aber mußte ihn der jähe Verlust einer seiner liebenswürdigsten, geistig hochstehendsten und bewährtesten Gönnerinnen. Frau Marie Muchanoff (Kalergis-Nesselrode) schmerzen. Die Nachricht traf sofort nach ihrem Heimgange telegraphisch durch ihren Gatten, Herrn v. Muchanoff, ein: da es gerade der Abend des Geburtstages war, wurde sie ihm und den mitfeiernden Freunden durch seine Gattin vorenthalten und erst am nächstfolgenden Tage zur Kenntnis gebracht. Wir wissen, wie diese ungewöhnliche Frau, Liszt seit länger befreundet, dem Meister bei ihrer ersten Begegnung weniger sympathisch48, späterhin durch einen edlen Antrieb in der Pariser schweren Zeit aus freien Stücken sich ihm genähert hatte, um ihm den Druck einer schweren Last zu erleichtern49; wie sie an seiner Rückberufung nach Deutschland, an der Aufhebung seines mehr als zwölfjährigen Exils nicht unbeteiligt gewesen war50; wie sie eine der ersten war, deren anhaltendem Inte resse er den großen äußeren Umschwung in seinem Leben freudig verkündigte51; wie sie in entscheidungsschweren Zeiten auf Triebschen sein Gast gewesen52; wie sie ihre weitreichenden gesellschaftlichen Beziehungen dem Bayreuther Werk stets zur Verfügung gestellt hatte, um demselben in Deutschland und außerhalb Deutschlands neue Gönner zuzuführen; [136] wie sie Tausig in der Verlassenheit seiner letzten schweren Krankheit die aufopferndste Pflege zuwandte.53 Ja, wenn jemandem ›seine Werke nach folgen‹, so konnte es getrost von ihr gesagt werden. Durch ihr opferwilliges, tätiges und wirkendes Dasein, war sie dem Meister und seiner edlen Gattin recht nahegetreten, und er mußte es demnach als eine ganz besondere Fügung betrachten, daß bei den wiederholten Verzögerungen in der Verwirklichung seines großen Vorhabens gerade ihr es nicht beschieden sein sollte, die Vollendung des von ihr geförderten Werkes mit zu erleben.

Fußnoten

1 Vgl. den hierauf bezüglichen Brief an Muncker vom 30. Oktober (Bayr. Bl. 1900, S. 199) in welchem die Tagesordnung nur soweit modifiziert ist, daß der gemeinschaftliche Besuch des Theaterbaues auf 4 Uhr Nachmittag angesetzt ist.


2 Band II des vorlieg. Werkes, S. 408.


3 Ebenda, S. 408/9.


4 M. v. Meysenbug, ›Der Lebensabend einer Idealistin‹ (als Nachtrag zu ihren ›Memoiren‹).


5 Die Ungenauigkeiten dieses Passus korrigiert sich der Leser wohl selbst: es handelte sich nicht um ›die Werke Schopenhauers‹, sondern bloß um das Hauptwerk. ›Die Welt als Wille und Vorstellung‹; dieses aber ist in seiner ersten Ausgabe vom Jahre 1818 bekanntermaßen tatsächlich zum großen Teil makuliert worden und hat erst seit seinem Neuerscheinen im Jahre 1841 ganz allmählich Eingang gefunden!


6 Vgl. Band III (II2) des vorlieg. Wertes, S. 104/7, Band IV (III1) S. 26 u.s.w.


7 In alphabetischer Folge: Bayreuth, Berlin, Cöln, Darmstadt, Dresden, Graz, Leipzig, Mainz, Mannheim, München, Prag, Regensburg, Weimar, Wien; außerdem waren vertreten der unter Liszts Auspizien stehende ›Allgemeine deutsche Musikverein‹, der ›Akademische Wagner-Verein‹, die deutschen Wagner-Vereine zu Brüssel, London, New-York und St. Petersburg.


8 Hier folgt im Original noch der, sachlich mißverständliche Zusatz: ›lauter Vereinsdelegierte, ich der einzige Patron an sich.‹ Baligand, Graf Dumoulin, vor allem Heckel, auch George Davidson (von den anderen ist es uns nicht näher bekannt) waren natürlich ebenso gut Patrone für ihre eigene Person und außerdem Vereinsdelegierte, Baligand sogar Besitzer von zwei Patronatscheinen, wogegen Nietzsche bloß einfacher Patron war.


9 E. W. Fritzsch, der verdiente Herausgeber des ›Musikal. Wochenblattes‹ und Verleger der ›Gesammelten Schriften und Dichtungen‹, zugleich der Nietzscheschen Schriften.


10 Im Original heißt es ›Sauwetter‹.


11 Zum Verständnis dieser Erwähnung diene die Notiz, daß dem jungen Freunde die Aufgabe eines ›Aufrufes‹ zugunsten des Bayreuther Wertes an das große Publikum zugefallen war, für den ihm der populäre Ton aus tausend inneren Gründen nicht zu Gebote stand. Auch Rohde, hierfür von ihm angerufen, mußte bekennen, gerade dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Der schließlich doch mit Not zustande gebrachte ›Mahnruf an die Deutschen‹ lag an jenem 31. Oktober bereits sauber gedruckt vor – er selbst hatte den Druck von einigen hundert Probeexemplaren auf schönem dicken Papier bei Bonfantini in Basel herstellen lassen – der Leser kann ihn in der Försterschen Nietzsche-Biographie II, S. 219/23 in vollem Umfange nachlesen; aber er wird dadurch nur das Urteil des stets aufrichtigen Freundes RohdeA1 bestätigt finden.


12 Im Original: ›eines neuen Fabrikats‹.


13 Nietzsche, Briefe I, S. 253/55 (um einige Sätze verkürzt).


14 In seinem vollen Wortlaut abgedruckt findet sich der Sternsche ›Bericht und Aufruf‹ in der noch heute volles Interesse beanspruchenden Schrift. ›Die Bühnenfestspiele in Bayreuth. Authentischer Beitrag zur Geschichte ihrer Entstehung‹ von Karl Heckel (Leipzig, E. W. Fritzsch, 1891) S. 35/37.


15 Die Angabe der Nietzsche-Biographie (II, S. 218), der Meister habe sich zugunsten des Nietzscheschen ›Mahnrufes‹ so ereifert, daß er mit dem Fuße gestampft hätte, als er von dessen Verwerfung gehört, Nietzsche habe ihn erst ›liebevoll beruhigen‹ müssen – ist denn doch mit äußerster Vorsicht aufzufassen!


16 Nicht in Gießen, wie es in der eben genannten Schrift von K. Heckel (›Die Bühnenfestspiele in Bayreuth‹, S. 38 versehentlich beißt.) Die unrichtige Angabe, zu deren Berichtigung uns eine briefliche Mitteilung E. Heckels veranlaßt, ist aber von dort aus in zahlreiche andere Bücher und Schriften übergegangen.


17 Briefe Richard Wagners an Emil Heckel, S. 70/71.


18 Briefe R. Wagners an E. Heckel, S. 71/72


19 Vgl. Band IV (III1), des vorliegenden Werkes, S. 443/44.


20 In den Tagen von Gersdorffs Anwesenheit (S. 117) wurde Shakespeares ›Heinrich IV‹ und am folgenden Abend Calderons ›Arzt seiner Ehre‹ in der oben geschilderten Weise von ihm vorgetragen.


21 An einem dieser Abende, der noch in den September fiel, war auch Kietz noch anwesend und berichtet darüber wie folgt: ›Nach dem Abendessen holte er den »Hamlet« und las die erste Hälfte; nie werde ich diesen Abend vergessen. Ich hörte ihn zum ersten Male eine Dichtung von Shakespeare vorlesen: er las ohne alles Pathos, aber hinreißend und stilvoll in der Wirkung. An gewissen Stellen machte er eine längere Pause, um sich über das Gelesene auszusprechen. – An einem andern Tage wurde Nachmittags, mit Seidl und Zumpe am Klavier, der Schluß der, »Götterdämmerung« vorgenommen. Wagner sang den Hagen, Siegfried, Gutrune und Brünnhilde in höchster Begeisterung – es war wundervoll und überwältigend. Er hatte sich aber so angestrengt, daß er sich vollständig umziehen mußte. Die Musiker entfernten sich darauf. Ich mußte dableiben, außer mir war noch Frl. v. Meysenbug zugegen. Nach Tisch sollte Wagner lesen. Frau Cosima sagte: »Richard, Du wolltest uns doch den Hamlet zu Ende lesen.« – »Ach nein«, entgegnete er »das kann ich heute nicht, die beiden letzten Akte greifen mich zu sehr an – was nehmen wir nur?« Er suchte nach einem spanischen Dichter und Werken von Felix Dahn. Plötzlich sagte er: »Halt, ich weiß es.« Als er wieder aus seiner Bibliothek trat, hatte er ein Buch in Quartformat in der Hand.A2 Es war das Buch, ein Geschenk seiner Frau, in welches er den Entwurf zum, »Parsifal« geschrieben. Wagner las – ich bin überzeugt, daß es das Schönste ist, was je gedichtet. Und wie las er die Dichtung vor! Man sah alles plastisch vor Augen und wurde von tiefstem Leid ergriffen: es ist etwas Unsagbares! Als er geendet, saßen wir alle stumm, da niemand vor Ergriffenheit eines Wortes fähig war. Da stand Wagner auf, öffnete den Flügel und spielte, um uns gleichsam aus dem Banne zu lösen, den – »Jungfernkranz«! Aber so zart, mit einer solchen Innigkeit und Lieblichkeit, daß es mir klang, als wären noch neue Harmonieen mit einverwebt. Dann sagte er: »Sehen Sie, Kietz, ich kann nicht nur dichten, ich kann auch den Jungfernkranz spielen.«‹ (Kietz, Erinnerungen, S. 190/94, verkürzt.)


22 M. v. Meysenbug, Lebensabend einer Idealistin, S. 3/5, verkürzt.


23 Der Tod seines einstigen Dieners Franz Mrazek in München gehört auch dazu. Dieser war keineswegs ein Mensch ohne Fehler und Schwächen gewesen – die gute Vreneli hatte an Zartgefühl und Sorgsamkeit weit höher gestanden – dennoch bewahrte ihm Wagner stets ein gutes Gedenken. Nun traf von ihm aus München die Nachricht ein, er habe – im rüstigen Alter von 46 Jahren – mit einem schweren Nierenleiden zu ringen, bereits sei die Wassersucht hinzugetreten. Sofort telegraphierte ihm der Meister die tröstenden Worte: ›Geduld, alter Freund, Gott wird schon helfen!‹ – es war aber bereits zu spät: Mrazek starb am folgenden Tage (16. Januar).


24 Damit stand im Zusammenhang, daß er im Begriff war, die an Brandt und Hoffmann ergangenen Bestellungen zurükzunehmen. Dementsprechend heißt es in einem, von Heckel auszugsweise mitgeteilten Briefe an Hoffmann: ›Was mich wieder hiervon (von der Abbestellung) zurückhielt, war, daß vertraulich mir mitgeteilt wurde, der Grund der momentanen Verstimmung des Königs gegen mich sei, daß ihm etwas berichtet worden, was er mir übel genommen habe. Über die, sehr störige, Veranlassung konnte ich nun den König sofort zu meinen Gunsten aufklären‹ u.s.w.


25 E. Heckel, Erinnerungen (unter dem Titel ›Briefe R. Wagners an E. Heckel‹), S. 74/75.


26 Band IV (III1), des vorliegenden Werkes, S. 380/86.


27 Das offizielle Schreiben darüber ist wiederum in seinem ganzen Wortlaut in dem Heckelschen Erinnerungsbuche (›Briefe R. Wagners an E. Heckel‹) S. 80/81 mitabgedruckt.


28 Vgl. die durch Heinrich v. Poschinger in seinem mehrgenannten Aufsatze über ›Bismarck und Wagner‹ angeführten Worte des Reichskanzlers: ›Auch weiß ich wahrlich nicht, ob der König von Bayern nicht gefunden hätte, daß wir, wenn wir von Berlin aus Wagners Bestrebungen fördern, in seine Jagd gründe einbrechen wollten!‹ – Im Herbst des Vorjahres (13./14. September) hatte der preußische Kronprinz in Bayreuth einen Besuch gemacht und die ganze Stadt für ihn geflaggt und illuminiert, selbst das Festspielhaus strahlte von seinem einsamen Hügel weithin sichtbar in rotem Götterdämmerungslichte; aber der hohe Gast nahm davon nicht Notiz, sondern begnügte sich mit Kirche, Schlössern und Opernhaus und entschuldigte sich bei den Behörden ganz offen mit der Rücksichtnahme auf die Eifersucht des Königs, wenn er noch mehr hier besehen würde!


29 Nach Feustels bestimmter Aussage hätte man ohne diese äußeren Bedrängnisse und bei rechtzeitig vorhandenen Mitteln um 30000 Gulden wohlfeiler bauen können.


30 Dabei verblieb es denn auch wirklich, schon wegen der im Sommer 1875 abzuhaltenden Vorproben.


31 Brief an Feustel vom 17. Juni 1874.


32 Vgl. die Notiz der (Münchener) Allg. Zeitung vom 14. März 1906: ›Am heutigen Tage feiert in Koburg der Altmeister Wagnerscher Dekorationen, Hofrat Professor Max Brückner, seinen 70. Geburtstag in Rüstigkeit und Frische. Professor M. Brückner blickt auf eine langjährige Tätigkeit zu rück, ihm und seinem jüngeren Bruder, Professor Gotthold Brückner, war es vergönnt, dem Meister von Bayreuth, als dieser unter schwierigsten Kämpfen sein Werk in Bayreuth werden hieß, mit treuem Rat und unermüdlicher Tat zur Seite zu stehen, wofür dem überlebenden Professor Max Brückner besonders warme freundschaftliche Anerkennung des Meisters zuteil wurde. Man darf nur einmal in das Heim des Künstlers blicken, um davon reiche sinnige Beweise zu sehen Frau Wagner hat diese freundlichen Beziehungen bis auf den heutigen Tag treulich aufrecht erhalten und weiß die Künstlerhand zu schätzen, aber vor allem auch die unwandelbare Treue des Künstlers, der dem Hause Wahnfried die tiefste Pietät bewahrt. Möchte dem genialen Künstler noch manches Jahr freudiger Schaffenskraft gegönnt sein.‹


33 Siehe das vollständige Schreiben in den ›Bayreuther Blättern‹, 1903, S. 190/92.


34 Obige ›Notgedrungene Erklärung‹ erschien im ›Musikal. Wochenblatt‹ vom 20. Februar 1874, und ging daraus durch Abdruck in einige Zeitungen über.


35 Briefe R. Wagners an E. Heckel, S. 85.


36 Brief vom 20. Januar 1873 (Abends), ›Bayreuther Blätter‹, Jahrg. 1903, S. 190.


37 Erster Besuch desselben behufs einer Besprechung dieser Aufgabe am 13. September 1873, während der Anwesenheit des Kronprinzen in Bayreuth (S. 124 Anm.), wobei es zu einem recht heiteren Mittagessen im Hause des Meisters mit Krauße und Kietz kam.


38 Die beiden in Glasmalerei ausgeführten Wappenbilder über der Eingangstür sind keine traditionellen Familienwappen, sondern der eigenen sinnreichen Wahl und Erfindung des Erbauers entsprungen. Das eine ist das Hauswappen von Triebschen bei Luzern, welches dem Meister im vorgerückten Alter die erste, wahrhaft heimische Häuslichkeit bot und deren segenbringendes Symbol daher von ihm bei der Übersiedelung nach Bayreuth dahin mit übergeführt wurde. Das andere, der Geier mit dem Sternbild des ›Wagens‹, dem Siebengestirn im blauen Schilde, als glückverheißendem Himmelszeichen, ist zugleich der symbolische Ausdruck unvergänglicher Dankbarkeit Wagners für seinen Stiefvater Geyer, der sich nach des Vaters Tode liebevoll der verwaisten Familie annahm.


39 Band IV (III1) des vorliegenden Werkes, S. 292.


40 Band IV (III1) des vorliegenden Werkes, S. 284/85. Leider ist uns dort, auf Grund einer irrigen Angabe Prof. Ludwig Schemanns, das bedauerliche Versehen begegnet, sowohl das Bildnis als auch den darauf bezüglichen Brief Wagners in das Jahr 1868 zu verlegen; nach einem vollständigen datierten Abdruck des Wagnerschen Schreibens im Berliner Tageblatt (18. Mai 1904) trägt dieser Brief vielmehr das Datum: ›Bayreuth, 13. Januar 1875‹, und ist demgemäß das kostbare Gemälde nicht für das Triebschener Asyl, sondern erst für Wahnfried geschaffen worden.


41 Band IV (III1) des vorlieg Wertes, S. 348/49


42 Gustav Kietz, Erinnerungen, S. 147/48 und Heckel, S. 85.


43 Bayreuther Tagblatt vom 23. Mai 1874.


44 Vgl. Briefe an Heckel, S. 97.


45 Dr. Franz Muncker, Deutsche Zeitung 1883, Nr. 4043 vom 6. April.


46 Band III (II2) des vorliegenden Werkes, S. 389, 393/94.


47 Band IV (III1), S. 331.


48 Band III (II2), S. 29, 31.


49 Ebendaselbst, S. 265/66.


50 Ebenda, S. 273 Anm.


51 Band IV (III1), S. 7.


52 Ebendaselbst, S. 305.


53 Band IV (III1), S. 364.


A1 Nach Rohdes Urteil war das Schriftstück zwar allen Freunden der Sache aus dem Herzen gesprochen, für die Lauen aber mehr ein – tausendmal verdienter – Fußtritt als eine Lockung: ›Du hast die schwierigste, mir eigentlich unmöglich erscheinende Aufgaben, die Kanaille, ohne sie geradezu liebreich zu kitzeln, denn doch zu zu irgend einer Tätigkeit zu überreden, zu sehr aus den Augen gesetzt‹ (Briefwechsel Nietzsche-Rohde, S. 422)


A2 Die näheren Angaben, welche der Erzähler, a.a.O. über die äußere Beschaffenheit dieses Bandes macht (in Samt gebunden mit silbernen Sternen – dem Sternbild des Wagners!), treffen nicht zu und beruhen offenbar auf der Verwechselung mit einer derartigen Mappe, die er im Hause des Meisters gesehen.


Quelle:
Glasenapp, Carl Friedrich: Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern. Band 5, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905, S. 109-138.
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