[239] Teilnahme an der Vivisektionsbewegung. – Besuch Liszts. – Arbeit an der Partitur. – ›Ring‹-Aufführungen in München und Besuche französischer Verehrer. – Besuch Ernst v. Webers. – ›Offenes Schreiben‹ an Herrn Ernst v. Weber. – Friedrich Schön. – Auswärtige Aufführungen. – Heinrich von Stein. – Frau Feustels Krankheit und Tod. – Gesichtsrose: erster Ausbruch. – Besuch Gersdorfs. – Gesichtsrose: zweiter Ausbruch. – Nach Neapel.
Wer zur Abwendung willkürlich verlängerter Leiden eines anderen Antriebes bedarf, als den des reinen Mitleidens, der kann sich nie wahrhaft berechtigt gefühlt haben, der Tierquälerei von seiten eines Nebenmenschen Einhalt zu tun.
Richard Wagner.
Noch einen, in den vorstehenden Darlegungen ganz übergangenen Gegenstand, dessen bedrückende Einwirkungen auf Herz und Gemüt sich durch den ganzen verflossenen Sommer zogen, haben wir hier nachzutragen. Wir erinnern uns des bedeutenden Momentes, in welchem eine der Person und dem Hause des Meisters innig vertraute Freundin, deren zarte menschliche Empfindung sich bei tausend Anlässen bewährt, in einer Art Zerstreutheit und eigentümlichen, von fremdartig ›wissenschaftlichen‹ Regungen aus der materialistischen Schule beeinflußten Verirrung ihres empfänglichen Geistes, ihm gegenüber die blutige Praxis des sog. ›vivisektorischen‹ Experimentes in Schutz zu nehmen wagte und dadurch seine innerste Empörung heraufbeschwor (S. 145). Hatte ja doch bereits Schopenhauer sich mit einer, nichts zu wünschen übrig lassenden Bestimmtheit gegen diese Praxis ausgesprochen und gerade durch diese seine Stellungnahme zur leidenden Tierwelt die Empfindung Wagners von vornherein für sich gewonnen.1 Nichtsdestoweniger war, in diesem jüdisch-liberalen Zeitalter, der ›Fortschritt‹ einer rein materialistischen Weltanschauung [240] im Gebiete der Wissenschaften, denen der Künstler bereits in ›Publikum und Popularität‹ bei Betrachtung unserer akademischen Bildung den Krieg erklärt hatte, an den beliebtesten und angesehensten physiologischen Instituten Deutschlands auf der abschüssigen Bahn des Experimentes an lebenden Tieren Schritt für Schritt immer weiter gegangen und ganze Fabriken eigens für die Herrichtung raffiniertester Folterinstrumente in Holz und Metall zum Gebrauche der wissenschaftlichen ›Forschung‹ in ununterbrochener geheimnisvoller Tätigkeit, ohne daß das Gewissen des Publikums dadurch erregt worden wäre, da die Berichte über diese Forschungen ausschließlich in unzugänglich entlegenen Fachzeitschriften erschienen Wo aber doch etwas von diesen blutigen Exzessen an eine weitere Öffentlichkeit drang, geschah es einzig unter dem Gesichtspunkte des herrschenden Dogmas, unter anpreisender Belobigung des erfinderischen Menschengeistes und marktschreierischem Hinweis auf die angeblich dadurch besiegten Krankheiten und gelinderten Leiden. Der hierin sich kundgebende Wahn hatte schon wiederholt in des Meisters Kreise den Gegenstand des Gespräches gebildet, als die dagegen gerichtete Bewegung, von einigen wenigen Mittelpunkten ausgehend, bestimmtere Gestalt annahm und an sein Mitgefühl und seine Tatkraft sich wandte.
Es war gegen Ende Juli, daß eine Dame aus Wiesbaden zugleich mit der Übersendung einer antivivisektorischen Schrift sich brieflich an ihn wandte und ihn in ehrerbietiger Form dazu aufforderte, gegen die herrschende Roheit der – vorwiegend jüdischen – Ärzte einzuschreiten, unter deren Händen die Grausamkeiten der wissenschaftlichen Tierfolter eine immer abschreckendere Ausdehnung gewännen. Tief empört, rief er aus: wenn er ein junger Mann wäre, wurde er nicht ruhen und rasten, als bis er eine umfassende Agitation gegen diese Barbarei zustande gebracht hätte. An das Mitleid mit den Tieren wäre eine Religion anzuknüpfen: von Mensch zu Mensch sei dies schon schwieriger; sie seien so boshaft, ein jeder von ihnen wisse sich zu wehren, und die erhabene Lehre des Christentums sei schwer auf sie anzuwenden. Bei den geduldigen stillen Wesen aber, da ließe sich beginnen; und wer gegen Tiere mitleidig wäre, würde gewiß auch gegen Menschen nicht hart sein. Bald darauf brachte die Post einen, zunächst an Frau Wagner gerichteten Aufruf an die deutschen Frauen, gegen die Schrecknisse der Vivisektion einzutreten, und es wurde eine darauf bezügliche Versammlung der Tierschutzvereine in Gotha angekündigt. Seine nächste Absicht war, sich persönlich an dieser letzteren zu beteiligen; da aber gerade in diesen Tagen die Erkrankung seines Kindes eintrat und sein eigenes Wohlsein der Schonung und Pflege bedurfte, er auch soeben erst – nach mehrmonatiger Unterbrechung – die Arbeit an seinem großen Werke wieder aufgenommen hatte, wollte er ›etwas aufsetzen‹, um seine Stellung in dieser Angelegenheit kundzugeben und sich auf der Versammlung vertreten lassen. ›Er kranke an der Vivisektion‹, äußerte er wiederholt, [241] und dies zwar im buchstäblichsten Sinne, denn der Gedanke daran verdarb ihm seine, ohnehin schon schlechten Nächte. Er ärgerte sich über die, bei ihm sonst so beliebten, Münchener ›Fliegenden Blätter‹, da sie die so furchtbare Angelegenheit in das Gemütliche zu ziehen versuchten und die Bestrebungen der Tierschutzvereine verhöhnten. Als am 8. August abends die jungen Freunde Wolzogen und Rubinstein in Wahnfried weilten, kam das Gespräch auf Goethes ›Faust‹ und speziell auf die ›klassische Walpurgisnacht‹, die er für das ›Originellste und künstlerisch Vollendetste‹ erklärte, was der Dichter in seinem großen Werke geschaffen habe, eine völlig eigenartige Wiederbelebung des klassischen Altertums in freiester Form und genial gesehener szenischer Lebendigkeit, in einer Sprache, die zugleich auf das feinste künstlerisch gebildet und dabei doch ganz populär sei: ›alles dramatisch darin, für die Bühne gedacht mit Vergessen aller Bühnen, und in Ermangelung einer wirklich populären Kunst, wie die Griechen sie hatten, eine Popularität für Gebildete von ihm geschaffen‹.2 Im übrigen aber fanden sie den Meister wider seine Gewohnheit schweigsam: sein Geist war durch die Frage eingenommen und er noch immer nicht mit sich darüber einig, auf welche Weise er am wirksamsten an der Bewegung teilnehmen könnte. Wenige Tage darauf (11. August) wandte er sich, im Bestreben nach einem Anschluß an das schon Bestehende, mit folgendem Schreiben an den Vorstand des Dresdener Tierschutzvereins:
Die geehrte Direktion des Tierschutzvereins in Dresden erlaubt sich der Unterzeichnete um gefl. Mittei lung der Statuten und sonstigen Berichte desselben über dessen Wirksamkeit und Tendenz, sowie um die nähere Angabe der in das Auge gefaßten Agitations-Mittel zur Unterdrückung der medizinischen Vivisektion von Tieren, zu ersuchen, da er gesonnen ist, mit seiner ganzen Familie nach äußersten Kräften dem Verein seinen Anteil zu widmen. Hochachtungsvoll
Richard Wagner.
Auch erachtete er es für förderlich, dem in Bayreuth bestehenden Tierschutzverein förmlich als Mitglied beizutreten. So meldet er es tags darauf, in seinem vom 14. August datierten Schreiben an Ernst von Weber, dem Begründer und Vorsitzenden des Dresdener Vereins zur Bekämpfung der Vivisektion und Verfasser der Broschüre über die ›Folterkammern der Wissenschaft‹, indem er darin ausdrücklich auf diesen Punkt und insbesondere auf seinen Sohn zu sprechen kommt. ›Ihre so wichtige Schrift‹, heißt es darin, ›war mir bereits zugekommen und gestehe ich Ihnen meine Schwäche, daß ich bisher noch nicht den Mut hatte, sie näher zu durchlesen, da mich schon der erste Anblick übermäßig ergriff. Dem moralischen Leiden gegenüber habe ich mehr Mut gewonnen.‹ Er erwähnt dann seinen eben erfolgten Beitritt zum Bayreuther Tierschutzverein mit der Hinzufügung: ›Ich achtete bisher die [242] Tätigkeit solcher Vereine, bedauerte aber immer noch, ihren instruktiven Verkehr mit dem Publikum hauptsächlich auf die Demonstration des Nutzens der Tiere, sowie der Unnützlichkeit ihrer Verfolgung sich stützen zu sehen. Mag es nützlich sein, auf diese Weise zum herzlosen Volke zu reden, so vermeinte ich doch, daß etwas weiter vorzuschreiten sehr an der Zeit sei und einzig das Mitleiden als Grundlage einer letzten Veredelung des Christentums anzurufen. Das große Wort des Brahmanen »Tat twam asi« (»Das bist Du«) zu allernächst bei dem Hinweis auf die Tiere dem Menschen zuzurufen, ist notwendig, – wenn es auch in unserer alttestamentarisch-verjudeten Welt schwer eingänglich zu machen sein wird. Allein, hier müßte angefangen werden, – denn mit dem Gebote der Menschenliebe wird es – besonders den Herren Vivisektoren gegenüber – immer bedenklicher und schwerer.‹3 In diesen Worten war zugleich das Programm und der ethische Gesichtspunkt für eine Behandlung der Vivisektionsfrage in den ›Bayreuther Blättern‹ ausgesprochen, deren bevorstehende Aufgabe er mit Wolzogen bei einem Nachmittagsbesuche desselben (6. Sept.) eingehend erörterte.
Aus den ersten Augusttagen haben wir noch einen Besuch Heckels zu erwähnen, den er mit Bezug auf seine tüchtige Gesinnung, wie sie in den Mannheimer Aufführungen noch einmal in vollem Glanz sich entfaltet hatte, den Seinigen als ›Götz von Berlichingen als Theaterdirektor‹ vorstellte. Gegen Abend wurde mit ihm eine Fahrt nach Eremitage gemacht, unter Lindendüften das abendliche Mahl im Freien eingenommen und dann im Mondschein die Rückfahrt angetreten. Liszt, der seinen Besuch bereits für Ende Juli in Aussicht genommen hatte,4 war durch ein rheumatisches Leiden, das er sich beim Sondershausener Musikfest zugezogen, länger als erwartet, in Weimar und Wilhelmstal zurückgehalten worden und traf schließlich erst am 21. August ein, mitten in die bereits geschilderte Periode der Erkrankung der jüngsten Tochter am Scharlach und die wiederaufgenommene Arbeit am ›Parsifal‹, dessen Orchesterskizze Liszt mit großer Freude erblickte. ›Die Instrumentation des Parsifal‹, schreibt er darüber an die Fürstin, ›wird eine leichte Sache sein; denn sie ist in den Skizzen und ihren Kopien reichlichst im voraus bezeichnet. Man kann das Werk deshalb bereits als vollendet betrachten, bis auf die Ausführung in Partitur, mit der es keine Eile hat. Den kommenden Winter, von Mitte Januar bis Ende April, wird Wagner mit Frau und Kindern in Neapel verbringen.‹5 In den Unterhaltungen beider Meister nahm die Antivivisektionsbewegung eine hervorragende Stelle ein. Wiederholt ließ sich Liszt [243] auch wieder am Klavier vernehmen; einmal begleitete er auch den Meister mit seiner Gattin bei einem ihrer regelmäßigen Besuche ihrer auslogierten Kinder auf dem Riedelsberg (S. 238). Als einer mit dieser Anwesenheit Liszts zusammenfallenden Episode mag hier des kurzen Bayreuther Aufenthaltes eines begabten jungen Grazer Musikers, Dr. Wilhelm Kienzl, gedacht werden, der soeben in Wien seine Studien absolviert und bei Hanslick sein Rigorosum bestanden hatte. Das hinderte ihn, wie so manche andere Studierende des Wiener Konservatoriums, nicht, ein aufrichtiger begeisterter Verehrer und Bewunderer Wagners zu sein, wie er sich denn zeitlebens als getreuer Bayreuther bewährt und der literarischen Welt ein schönes von reiner Begeisterung diktiertes Buch über den Meister geschenkt6 hat. Gleich an seinem ersten in Wahnfried verbrachten Abende neckte ihn Wagner, wie er es in solchen Fällen gern zu tun pflegte und wie es bald darauf auch der junge Mottl sich gefallen lassen mußte, mit seinem ›Opernkomponieren‹ und speziell seiner Oper ›Urvasi‹. Seine später aufgeschriebenen, persönlichen Erinnerungen an sein damaliges Verweilen in Bayreuth erweisen sich allerdings bei näherer Prüfung als nicht in jedem Punkte ganz zuverlässig. Von einer, nach seinem Bericht, am 25. August zur Feier des königlichen Geburtstages stattgefundenen größeren Gesellschaft, zu welcher sich ›eine sehr gewählte Schar von Künstlern, Grafen und Fürsten männlichen und weiblichen Geschlechtes (!?), an ihrer Spitze Richard Wagner und Franz Liszt, in Wahnfried versammelt‹ haben sollte, mit Vorträgen Liszts und ›glänzendem Büffet‹,7 also ungefähr wie in den rauschenden Festspieltagen, – wissen wir kein Wort und möchten die Tatsache deshalb kurzweg bezweifeln. Auch nicht von irgendwelchen Künstlern, Fürsten und Grafen, die mit ihren Gemahlinnen damals in Bayreuth geweilt hätten. Von Festfeiern war man damals weit entfernt: da außerdem dieser Tag zugleich derjenige der allerintimsten Feier, nämlich der Hochzeitstag des Meisters war und gleichzeitig Krankheit im Hause, so bleibt uns nur übrig, in dieser Angabe einen Gedächtnisirrtum oder eine Verwechselung seitens des Erzählers zu vermuten. Mit dem ›Huldigungsmarsch,‹ zu vier Händen von Liszt und Joseph Rubinstein gespielt, mag es seine Richtigkeit gehabt haben. Dagegen vernehmen wir aus derselben Quelle von einer intimen Feier des Goethetages (28. August), an welchem sich der ›ganz kleine Bayreuther Bekanntenkreis‹ des Meisters nachmittags in Wolzogens Garten beim Bier zusammengefunden hätte, woran sich dann ein nicht minder intimer Abend in Wahnfried anschloß. ›Der Vollmond blickte durch die offenen Glastüren herein, die Springquelle rauschte zauberisch: da setzte sich Franz Liszt aus [244] eigenem Antrieb an den Flügel und spielte, nein: dichtete vor uns – zum Andenken Goethes – seine gewaltige »Faust«-Symphonie. Der vom matten Lampenlicht und blassen Vollmond beschienene Greis zauberte eine ganze Phantasiewelt in die Seele des Hörers. Alle waren stumm vor Ergriffenheit; auch Wagner schien tief bewegt.‹ Eine sehr überflüssige kleine Disharmonie entstand an eben diesen Tagen (25. und 28. August) nach den eigenen Angaben Kienzls durch dessen allzu lebhafte Parteinahme gegen den Schumannartikel Rubinsteins und ihre leicht vermeidliche provozierende Kundgebung Begreiflicherweise hatte es Wagner nicht gern, wenn ganz unerfahrene junge Leute, nachdem sie kaum das Konservatorium absolviert, anstatt von ihm etwas lernen zu wollen, ihre fertig mitgebrachten, aus ganz anderen Quellen geschöpften musikalischen Zu- und Abneigungen, das unreife Ergebnis eines schülerhaften Eklektizismus, in irgendwelcher Weise auffallend zur Schau trugen. Wer der Welt einen ›Ring‹ und ›Tristan‹ geschenkt, und soeben einen ›Parsifal‹ schuf, mußte es doch wohl selbst am besten wissen, was ihm bei diesem Schaffen verwandt und förderlich, und was hingegen ihm unverwandt und seinem ganzen Wesen durchaus entgegengesetzt war. ›Tröster hat es gar wenige in der Welt gegeben, Beethoven, Mozart, Bach, Weber – das, was ich die Original-Melodiker nenne‹, das war seine häufig wiederkehrende Klage.8 Den empfindlichsten Punkt traf damals, anläßlich jenes Rubinsteinschen Artikels, der blutjunge Grazer Musiker, indem er seiner bisherigen musikästhetischen Kenntnis und Erfahrung zuliebe, der undankbaren Aufgabe sich unterzog, gerade Schumann gegen Liszt und Wagner ›in Schutz zu nehmen‹! Er berichtet darüber nachmals selbst in heiterer Weise, wenn auch nicht ganz ohne Ungerechtigkeit gegen Rubinsteins Verdienste und sogar mit einer etwas kleinlichen Unterstellung,9 über die drastische Zurechtweisung, die ihm damals als ›Schumannianer‹ sowohl von Liszts als auch von Wagners Seite zuteil geworden sei.10 Tags darauf, am 29., wurde für Liszt der zweite Akt des [245] ›Parsifal‹ durchgenommen; zu dessen immer neuer Ergriffenheit. ›Die Verkleinerer von Wagners unermeßlichem Genius‹, schreibt er der Fürstin, ›werden die Rolle der Schlange in Lafontaines Fabel spielen, die sich an der eisernen Feile ihre Zähne ausbeißt.‹ Über seine weiteren Pläne äußert er sich: ›Am nächsten Sonntag, 31. August, werde ich Daniela, eine große und sehr intelligente junge Dame von achtzehn Jahren (grande et fort intelligente personne de 18 ans), nach München begleiten, wo sie eine Freundin ihrer Kinderzeit besuchen will.‹ So geschah es; Großvater und Enkelin brachen an dem bezeichneten Tage gemeinsam auf, um einen Tag in München zusammen zu verweilen; von da ging Liszt nach Rom, Daniela zu den Triebschener Freunden Bassenheims.11 Es war ein trüber regnerischer Tag, als der Meister und seine Gemahlin die Abreisenden zum Bahnhof geleiteten; nach Kienzl habe Liszt, dem der Abschied von Wahnfried und Bayreuth immer schwer fiel, da er hier seine eigentliche Heimat hatte, – Tränen in den Augen gehabt; Wagner aber, der nicht leicht äußere Zeichen der Rührung aufkommen ließ und Liszts scheinbare Anhänglichkeit an Rom niemals gern sah (S. 135), ihm vom Bahnsteig aus im Tone gemütlicher Beschwichtigung die scherzhaften Worte nachgerufen: ›geh', du alter Römling!‹ Er begab sich, mit gewohnter strenger Zeiteinteilung, unmittelbar vom Bahnhof aus mit seiner Gattin in gedankenvollem Schweigen zum Riedelsberg, um die Kinder nach fast dreiwöchigem Aufenthalt daselbst wieder abzuholen und sie fürs erste noch auf kurze Zeit in nächster Nähe im Gasthof zur ›Sonne‹ unterzubringen, bis mit den üblichen Bädern und sonstigen Vorsichtsmaßregeln jede Spur einer Ansteckungsmöglichkeit aus dem Wege geräumt war.
Seit dem 7. August war er wieder mit altgewohnter Arbeit beschäftigt, indem er zunächst die Linien zu seiner Partitur zog. In die Orchesterskizze, welche Liszt während seines Besuches zu sehen bekam, waren bereits alle Instrumente eingetragen Sie enthielt gleichsam in nuce das vollständige Skelett der Partitur, auf zwei bis drei, mitunter auch mehr Systeme verteilt, deren Ränder mit geheimnisvollen Zeichen und Zahlenreihen – nur dem Kundigen verständlich – bedeckt waren. Sie galten nicht bloß den Details der Orchestration, sondern auch der Einteilung der Partitur, deren genaue Berechnung den Meister instand setzte, im voraus das ganze Werk zu paginieren und Seite für Seite mit genau abgemessenen Taktlinien zu durchziehen, ehe er sich [246] anschickte, die im Kopf bereits fertige Partitur niederzuschreiben.12 In diesem Sinne war das ›Liniieren‹ seiner Partitur zugleich schon ihre eigentliche Ausarbeitung, nicht bloß der erste Schritt dazu, er richtete sie so genau mit Angabe der Instrumente ein, daß er behauptete, ein anderer könne danach die Partitur schreiben. Er bediente sich dazu eines schönen dreißigreihigen Pariser Partiturpapiers und einer von ihm seit Jahren, und bis zuletzt, benutzten violetten Tinte mit dem bekannten metallischen Glanz an den dicker aufgetragenen Federzügen; verschrieb sich (in der Regel) niemals und machte auch keinen ›Klecks‹, empfand vielmehr jedesmal einigen Verdruß, wenn eines oder das andere wirklich einmal vorkam und der Bogen makuliert werden mußte.13 ›Kein Raum durfte unbenützt bleiben, jede Seite wurde untersucht, ob sie sich nicht etwa teilen ließ, zweifach, wenn möglich dreifach, um keine Linien zu verschwenden, eine Arbeit, die sonst dem Stecher überlassen bleibt. Und der Grund dieser eigentümlichen Sparsamkeit? War es das Bedürfnis, die Übersicht über die auseinanderliegenden Instrumentengruppen zu erleichtern? Nennen wir es lieber den Geist der Ordnung, die Selbstzucht der Schöpfertätigkeit, die Konsequenz der Arbeitsmethode, die den Künstler bestimmte, mit eigener Hand den Schacht auszumessen und das Fundament abzuzirkeln, auf dem sich der Wunderbau der Gralsburg erhob. Daher die edle Architektur der Linien; daher das ruhige Maß in der Anwendung der Mittel, keine Note zu viel und keine zu wenig; daher auch die Klarheit und Durchsichtigkeit der Stimmführung und die Eurhythmie der Bewegung, die wir in dem letzten Werk Richard Wagners bewundern.‹ ›Er könne jetzt die Partitur diktieren, so genau wisse er alles‹, sagte er selbst. ›Wie er sich das vorbereite, diese letzte Freude an seinem Werk! Denn wenn er es niedergeschrieben, sei die Freude vorbei; dann begännen Klavierarrangement, Herausgabe, gar die Aufführung!‹
Am 23. August, noch während Liszts Anwesenheit, begann er die eigentliche Instrumentation, doch unterbrach er sich bald Anfang September nahm er in den Vormittagstunden die Arbeit wieder auf, nachdem er zuvor in Haugs ›altem Testament‹ gelesen. Sein Auge war etwas angegriffen und er arbeitete deshalb in einem anderen Gemach, als in seinem gewohnten Schreibezimmer, weil ihm das einfallende Licht hier günstiger war. Scherzhaft beklagte er sich darüber, wie das jetzt langsam ginge und wie rasch es voriges Jahr gegangen sei. Es war um diese Zeit, daß er die lange gesuchte Veränderung im Vorspiel fand (S. 191); eines Nachmittags auch den richtigen Schluß des ganzen Werkes, wie er ihn nun endgültig festsetzte.14 Er habe sich, sagte er, wohl [247] dreißig bis vierzigmal das Ganze im Kopf vorgehalten, bis er es so angeordnet. Auch sonst nahm er noch hier und da bei der Durchsicht der Komposition kleine Veränderungen vor. In dem Passus: ›nun such' ich ihn von Welt zu Welt‹ war ihm eine Sequenz nicht recht und er ruhte nicht, bis sie genau seinem Wunsch entsprach. Auch kam es vor, daß, wenn er gerade nachmittags arbeiten wollte, eine alltägliche Störung, wie sie sonst in liebevollster Sorgfalt mit Argusaugen von ihm abgewehrt wurde, mitten in die produktive Stimmung hineintrat. Er habe eigentlich instrumentieren wollen, berichtete er dann hinterher, da sei Rubinstein gekommen und er mit ihm zu Angermann gegangen. ›Jeden Augenblick‹, sagte er ein anderes Mal, ›flögen ihm musikalische Themen an, die ihm dann entfielen, weil er sie nicht benutzte. Zuweilen wünschte er, nur Musiker zu sein, und keine Nebengedanken zu haben.‹ Und doch waren diese ›Nebengedanken‹ in seinem rastlos schaffenden Geiste nicht abzuwehren. Er wolle noch zwei Arbeiten für die ›Bayreuther Blätter‹ schreiben: über den Charakter der symphonischen Musik und eine ›große Arbeit‹ über die ›Affinitäten der Religion und der Kunst‹; es gingen ihm da gar zu merkwürdige Sachen durch den Kopf. Der beabsichtigte Aufsatz über den Charakter der symphonischen Musik fällt zum großen Teil mit dem von uns schon im vorigen Kapitel erwähnten, damals noch nicht aufgezeichneten: ›über die Anwendung der Musik auf das Drama‹ zusammen; zum Teil liegen die darin unausgeführt gebliebenen Gedanken auch einzelnen späteren Rubinsteinschen Aufsätzen (›Symphonie und Drama‹) zugrunde. Wie die ihm beständig zufliegenden musikalischen Themen, stellten sich von jeher auch kleinere dramatische Konzeptionen ein, zu deren Aufzeichnung es wegen anderweitiger Inanspruchnahme nicht kam. So sprach er einmal beim Nachmittagskaffee von dem Mangel an Freiheit, welcher jetzt so empfindlich vorherrsche, so daß z.B. sein aristophanischer Scherz, die ›Kapitulation‹15 von niemand begriffen worden sei. Aristophanes, wenn er wiederkäme, würde man gar nicht verstehen. Er habe Lust für die ›Bayreuther Blätter‹ eine Komödie zu schreiben, wo er alle mit Namen auftreten ließe: Porges, Rubinstein, Wolzogen, Liszt, Lothar Bucher – alles unschuldig, aber ›voll Unsinn‹, – worunter er den heiter satirischen Ausdruck derselben Ideen verstand, die er sonst im erhabenen Ernst vorzutragen und doch auch in seinen tiefernstesten Aufsätzen, wie um diesen Ernst zu zügeln, mit den ungezwungensten Wendungen seines Humors zu vereinigen wußte.
In der zweiten Hälfte des August nahmen weitere auswärtige Aufführungen des ›Ringes‹ ihren Anfang. Den Reigen eröffnete München am 23. 24. 26. und 28. August, mit einer Wiederholung am 19. 20. 22. und 23. September und – als Privataudition für den König – am 3. 4. 5. 7. November; dazwischen schaltete sich Wien mit einer erneuten Gesamtaufführung am 15. 16. [248] 17. 19. September ein. Wie schon in früheren Zeiten, zogen auch jetzt die Münchener Aufführungen, insbesondere der zweite Zyklus, zahlreiche Besucher von außen heran, namentlich französische Kunstfreunde, von denen dann einige auf der Durchreise nach München oder bei ihrer Heimkehr den Umweg über Bayreuth machten, um dem Schöpfer des Werkes ihre Huldigungen darzubringen. Wir nennen unter diesen zunächst einen Pariser juge d'instruction Mr. Antoine Lascoux,16 bekanntlich bis zu seinem, vor einigen Jahren erfolgten Tode einer der getreuesten und tatkräftigsten, in seiner Gesinnung zuverlässigsten Pariser Anhänger der Bayreuther Sache. Der Meister hatte viel Gefallen an dem unerschütterlichen Ernst dieses Mannes, mit dem er seinen, in fließendem Französisch gegebenen Gedanken über die Bedeutung und Bestimmung des ›Parsifal‹ folgte, und als er erfuhr, daß sein Gast außer seiner Gemahlin auch noch einen, im Knabenalter stehenden Sohn auf die Reise nach München mitgenommen, lud er zum folgenden Mittag auch diesen mit nach Wahnfried ein. Für Lascoux spielte Rubinstein auf des Meisters Anordnung das Vorspiel zu ›Parsifal‹, das er in seiner erhabenen Schönheit auf diese Weise zum erstenmal kennen lernte. Auf der Rückkehr vom zweiten Münchener Zyklus erschien der, ebenfalls in Paris domizilierende spanische Maler Egusquiza, ein nicht unangenehmer lebhafter Mann, der sich selbst ›froid et paresseux‹ nannte, dennoch aber die Reise nach München nicht gescheut hatte, um das große Werk kennen zu lernen, das er schon im voraus seit lange studiert, und der bestimmt von sich erklärte, nur Beethovensche und Wagnersche Musik zu lieben. Endlich wäre hier noch Graf Louis de Fourcaud, damals Redakteur des ›Gaulois‹, zu nennen, der gegen Ende Oktober vergeblich nach München gereist war, um ›Tristan und Isolde‹ zu sehen und später ausführlich über diesen seinen ersten Besuch in Wahnfried berichtet hat.17 An seiner physischen Erscheinung fiel dem Meister auf, daß er, obgleich einer alten Familie entstammend, doch von Natur klein und unansehnlich war, wie man dies im deutschen Adel gewiß nur selten finden würde. Doch gefiel ihm gleich bei der Begrüßung der Blick seines Auges, in dem ein ›begeistertes Aufsaugen‹ gelegen habe und die Fähigkeit, seiner Empfindung einen lebendigen und würdigen Ausdruck zu geben. Er suchte ihm auseinanderzusetzen, erstens daß er keine ›rancune‹ gegen die Franzosen wegen des Pariser ›Tannhäuser‹ habe, zweitens, daß seine Werke in Frankreich nicht aufzuführen seien und demnach seine französischen Freunde, wollten sie diese kennen lernen, wohl nach Deutschland kommen müßten, und spielte ihm endlich selbst auf seine unvergleichliche Weise das Vorspiel zu ›Parsifal‹. ›Ich glaube noch in diesem Augenblick die seinen Schriftzüge seines Partiturentwurfes vor Augen zu haben, die ich während [249] seines Spiels verfolgen durfte‹,18 erzählt Fourcaud. Als er am folgenden Tage in Wahnfried seinen Abschiedsbesuch machte, versäumte er darüber den Zug, der ihn nach Paris zurückführen sollte. Er blieb nun zu Tisch und überraschte den Meister durch seine höchst mannigfachen improvisierten Fragen, wie z.B.: ›Maître, aimez-vous Raphaël?‹ Auf die weitere Frage, welches seiner Werke ihm das liebste sei, erwiderte Wagner: er wisse es nicht; den ›Parsifal‹ könnte er vielleicht nennen, weil er diesen unter den günstigsten Umständen geschrieben. Als der Gast auf seine altgallische Abstammung Gewicht legte, gab er dem Meister dadurch Veranlassung, ihm – im Anschluß an die von ihm hochgehaltenen Holtzmannschen Forschungen19 – in lebhafter Darlegung auseinanderzusetzen, die alten Kelten seien ihrer Abstammung nach ebenfalls Germanen gewesen. ›Ich brauche nur die Augen zu schließen, um ihn zu sehen, wie ich ihn damals sah‹, berichtet Fourcaud, ›das schwarze Sammetbarett auf dem ergrauten Haar, den feingeschnittenen mächtigen Kopf, den lebhaften, feurigen Blick, im Ausdruck wechselnd, wie ein sprühender Funkenherd. Sein ganzer Körper war durch die Nerven beherrscht und barg in sich eine Elektrizität, die sich seinem Hörer mitteilte. Ich sehe ihn noch auf seinem Stuhle unruhig werden, sich erheben, beim Sprechen auf und abgehen; ich höre ihn noch sich ergießen, sich zurückhalten, ungeduldig werden, in Lachen ausbrechen, ernste Gedanken mit scherzhaften Wendungen unterbrechen, von einer frappanten Anekdote zu großen Gedanken überspringen. Er verbreitete sich nicht in anhaltenden Entwickelungen über einen und denselben Gegenstand; er berührte alles, warf hier und da einen charakteristischen Zug hin, überging ausführliche Erläuterungen des Gesagten und ergötzte sich in tausend Einfällen. Wie bei allen spontanen, kraftvollen Naturen, war Heiterkeit der Grundzug seines Wesens,20 und bei allem ausgesprochenen Idealismus überwog in ihm die Unmittelbarkeit der Anschauung, und seine fünf Sinne waren die besten Freunde seines Kopfes.‹
Gleichzeitig mit dem Lascouxschen Paar war aber auch Ernst von Weber, der tapfere Vorkämpfer im Gebiete des Antivivisektionismus, sein Gast gewesen und hatte sogar noch einen Abend mit den Franzosen gemeinschaftlich verbracht, zu dem auch Wolzogen herüberzitiert wurde und, da der Meister bereits durch den französischen Besuch ziemlich ermüdet war, Rubinstein (wie bereits erwähnt) das ›Parsifal‹-Vorspiel und im Anschluß daran das zweite seiner ›Tonbilder‹ aus der ›Walküre‹ zu Gehör brachte. Die Franzosen reisten ab, Herr von Weber blieb; und nachdem der Meister vormittags an seiner Partitur gearbeitet, kam es abends zu sehr ernsten Gesprächen, nicht allein über die Vivisektionsangelegenheit, sondern auch über das, vom Deutschen Reiche so sehr vernachlässigte [250] Koloniewesen. Der Gast, durch seinen dreijährigen Aufenthalt in Afrika mit den dortigen Verhältnissen sehr wohl vertraut, rühmte u.a. die, erst kürzlich durch die englische Übermacht aus ihren Sitzen verdrängten holländischen Boërs als ein arbeitsames, nüchternes, zugleich tapferes und friedfertiges Volk und erregte das lebhafte Interesse der Kinder durch den Anblick einiger, von ihm selbst ausgegrabener Diamanten und in durchsichtigen Bernsteinstücken wohlerhaltener Insekten. Auch nach seiner Abreise blieb der ausgezeichnete Mann durch die von ihm mitgebrachten und zurückgelassenen Schriften fortwirkend, wenngleich der Einblick in die Einzelheiten der Vivisektionsgreuel nicht eben zum Wohlbefinden beitrug. Doch nahm der Meister u.a. mit großer Teilnahme Notiz von der Schrift ›Die Verteidiger der Vivisektion und das Laienpublikum‹ und erfreute sich der geistvollen Sprache und der Gesinnung ihres Verfassers, wobei uns nicht gegenwärtig ist, ob er schon damals das aus taktischen Gründen gewählte Pseudonym eines, Dr. E. G. Hammer' durchschaut und in diesem, wie in ›Jatros‹, eine und dieselbe Stimme erkannt habe. Die Stimme nämlich des trefflichsten, feingebildetsten Bundesgenossen Webers in dem von ihm aufgenommenen Kampfe, des edlen Ernst Grysanowski,21 dessen eingehende Fachkenntnis (als Dr phil. und med.) und glänzende Geisteswaffen es ihm gestatteten, in diesen ersten schweren Anfängen des immer noch fortdauernden Kampfes nicht bloß unter seinem eigenen Namen, sondern gleichzeitig noch unter den beiden genannten Pseudonymen sich literarisch zu betätigen, weil ihm daran gelegen war, den Kampf von der Person ab möglichst auf die Sache und seine stichhaltigen Beweismittel zu deren Gunsten zu lenken. Dank der Feinheit und Schlagfertigkeit seiner Argumentationen und der Fähigkeit, in dieser ernsten, ja grauenvollen Sache, wo es darauf ankam, selbst dem Witz und der Ironie ihre Rechte zu wahren, erwiesen sich diese tiefdurchdachten, wahrhaft klassischen Schriften dauernd als ein stattliches Rüstzeug in dieser, zum größten Teil auf bloß literarischem Wege – dem langsamsten von allen! – geführten Bekämpfung. In seinem bald darauf an Ernst von Weber gerichteten offenen Schreiben hebt Wagner unter den aufklärenden Zeugnissen für die Grauenhaftigkeit jener wissenschaftlichen Stümperei der Vivisektion die Schriften mehrerer praktischer Ärzte als ›zugleich in edelstem deutschem Stile abgefaßt und schon hierdurch sich auszeichnend‹ hervor. Gewiß waren damit recht eigentlich die Grysanowskischen Broschüren, die Jatros- und die Hammer-Broschüre gemeint.22 Unter den ihm von Ernst von Weber zurückgelassenen [251] Büchern und Schriften befand sich auch das große illustrierte Werk des von aller Welt gefeierten berühmten französischen Physiologen und Vivisektors Claude Bernard. Der Blick, den er bei der Durchsicht dieser Dokumente notgedrungen in die wahrhaft entsetzenerregenden Scheußlichkeiten der, in sämtlichen physiologischen Instituten der Welt zur skrupellosesten Gewohnheit gewordenen vivisektorischen Praxis warf, die für den Gewinn ihrer meist nur täuschenden und eingebildeten, auf anderen Wegen mit weit größerer Sicherheit wirklich zu erlangenden Kenntnisse keinen Frevel an der Natur mehr scheute, war in hohem Grade empörend und deprimierend zugleich und beherrschte seine ganze Stimmung und Seelenverfassung. Der bloße Name des blutigen Schreckgespenstes der ›Vivisektion‹ mit allen damit verknüpften abscheu- und ekelerregenden Vorstellungen willkürlich verursachter Höllenqualen an den zuckenden Leibern lebend gepeinigter, verstümmelter, zerschnittener, verbrühter, zu wochenlangen Martern aufbewahrter, treuer Hunde und anderer schuldloser Wesen, bedeutete für alle, die sich dem furchtbaren Eindruck der Weberschen Enthüllungen nicht achselzuckend feige entzogen, das Durchschauertwerden von einer tiefen inneren Erschütterung, der nichts Ähnliches verglichen werden kann: es wären denn die endlich abgetanen Schrecknisse der unter kirchlichem Schutze vollzogenen Inquisition oder der grauenvollen Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts. Von der hocherhobenen Fackel eines edlen Menschenfreundes war der erste grelle Lichtschein in einen der abgelegensten, der öffentlichen Beachtung entzogensten, nächtig finsteren Winkel unserer gleißenden, für ihre schreckenvollen Ausschreitungen einzig an die traurigsten Schwächen der Selbsterhaltung um jeden Preis appellierenden modernen Zivilisation gefallen. Die Aufdeckung der, unter dem Deckmantel und mißbrauchten Namen ›wissenschaftlicher Forschung‹ unter staatlichem Schutze, zum angeblichen Heile der ›leidenden Menschheit‹ verübten, entehrendsten Verbrechen an wehrlos gemarterten, hochorganisierten Mitgeschöpfen war ein Appell an jedes unverdorbene natürlich menschliche Gefühl: – wie viel mehr an das feinfühlige, mitleiderfüllte, von jeher mehr unter fremdem, als unter eigenem Schmerz zu leiden geneigte, weit offene Herz des großen Künstlers und Denkers!
Wo war hier nur anzufangen, um diesen wissensstolzen Experimentatoren und ihren gedankenlosen Bewunderern eine bessere Erkenntnis beizubringen? ›Sie trauen mir zu‹, so begann er seinen offenen Brief an Ernst von Weber, ›auch durch mein Wort der neuerdings durch Sie so energisch angeregten Unternehmung gegen die Vivisektion behilflich werden zu können, und ziehen hierbei wohl die vielleicht nicht allzugeringe Anzahl von Freunden in Betracht, welche das Gefallen an meiner Kunst mir zuführte. Lasse ich mich durch Ihr kräftiges Beispiel zu einem Versuche, Ihrem Wunsche zu entsprechen, unbedingt hinreißen, so dürfte weniger mein Vertrauen in meine Kraft mich bestimmen Ihnen nachzueifern, als vielmehr ein dunkles Gefühl von der Notwendigkeit [252] mich antreiben, auch auf diesem, dem ästhetischen Interesse scheinbar abliegenden Gebiete den Charakter der künstlerischen Einwirkung zu erforschen, welche von vielen Seiten her bis jetzt mir zugesprochen worden ist.‹ So entstand in den Tagen vom 20. September ab das tiefgreifende, zu so weitreichender Berühmtheit gelangte ›Offene Schreiben an Herrn Ernst von Weber, den Verfasser der Schrift »die Folterkammern der Wissenschaft«‹. Mehr als Hunderte und Tausende von Broschüren und Flugblättern hat dieser offene Brief Richard Wagners dazu gedient, den edel menschlichen Gedanken der hochgesinnten Führer dieser Schilderhebung gegen die grauenvollste Ausschreitung des ›wissenschaftlichen‹ Fanatismus weiterzutragen und ihn da mit einem Schlage zur Herzens- und Gewissenssache zu machen, wohin er sonst später und langsamer, womöglich gar nicht gedrungen wäre. Denn auch hier verleugnete die deutsche Publizistik einer edlen Sache gegenüber ihren Charakter nicht: was ihr an Waffen witzelnder Verhöhnung, devoter Schleppenträgerei der angegriffenen ›Autoritäten‹, vor allem aber des einschläfernden Ablenkens der öffentlichen Aufmerksamkeit und eines feigen, gewissenlosen Sekretierens zur Verfügung stand, damit rückte sie für die beleidigte ›Wissenschaft‹ ins Feld. Ein unvergleichliches Gegengewicht gegen diese unwürdigen Waffen und die erprobte Meisterschaft ihrer Führung durch die Beherrscher unserer Öffentlichkeit ward nun aber die volle Wucht des vielangefochtenen und geschmähten, doch aber andererseits hochangesehenen und vielverehrten Namens, dessen gefürchteter Träger in rückhaltlosem Freimut mit seiner ganzen Autorität für die Sache der Menschlichkeit in die Schranken trat. Und wie das Gute jederzeit als edelsten Lohn den Keim zu neuen guten Taten in sich schließt, so sollte auch hier der erhobene flammende Protest des Künstlers gegen die widernatürlichste Blüte, die schreckenvollste, empörendste Konsequenz einer längst von ihm in der Nichtigkeit ihres äußeren Glanzes durchschauten, unkünstlerischen wie unmenschlichen Kultur in seinem schaffenden Geiste zu fruchtbaren Gedanken weiterwirken! War es doch unter eben diesen Eindrücken, daß die Gedanken zu ›Religion und Kunst‹ sich in ihm immer bestimmter konzentrierten und, wie wir es bereits vorwegnahmen, er im voraus von den ›merkwürdigen Sachen‹ sprach, welche ihm ›über die Affinitäten der Religion und der Kunst durch den Kopf gingen‹ (S. 247), und kann demnach der offene Brief über die Vivisektion, wenn auch der Zeit nach seiner späteren Hauptarbeit vorausgehend, als eine der wichtigsten ›Ausführungen‹ zu seiner großen Hauptarbeit gelten, in deren Fortsetzung ihn erst der Tod unterbrach.
Der durch Ernst von Weber und Richard Wagner aufgenommene Kampf ist auch heute noch nicht zu seinem Abschluß gelangt; aber das Gewissen der lebenden Zeitgenossen aller Länder ist ein für allemal dadurch aufgestachelt und kann vor Erreichung des Zieles nicht wieder zur Ruhe gelangen. Dieses Ziel ist kein anderes, als die völlige Abschaffung der wissenschaftlichen Tierquälerei [253] in allen, zunächst den europäischen, Kulturstaaten. Bereits in der ersten Periode dieses Kampfes zeigte sich deutlich, daß vorzugsweise die romanischen Völker, und unter diesen die Italiener und Franzosen, von auffallender Teilnahmlosigkeit waren und die auch dort erhobenen Aufrufe wirkungslos verhallten,23 während bei den Völkern germanischer Rasse, insbesondere den Engländern, Dänen, Schweden und Norwegern, der Boden für die ausgestreute Saat der Menschlichkeit bei weitem günstiger, ja die Bewegung in England der deutschen bereits vorausgeeilt war und mit größeren Mitteln betrieben wurde. Aber wissenschaftliches Strebertum, ungesunde Experimentiersucht und starres Festhalten an einer längst antiquierten Methode auf der einen Seite, Vorurteil, Gewohnheit und Trägheit auf der anderen sind mächtige Gegner, deren Einfluß nur allmählich gebrochen werden kann, und den größten Reformatoren im Reiche des Geistes ist es nicht gelungen, etwa auf dem Wege eines Staatsstreiches oder durch ›Blut und Eisen‹ mit einem Schlage an ihr Ziel zu gelangen, wie im Gebiete bloßer politischer Umwälzungen. Wir müssen uns deshalb noch bis zum heutigen Tage an der Einwirkung auf das öffentliche Gewissen genügen lassen, wie sie der von Ernst von Weber begründete ›Internationale Verein zur Bekämpfung der wissenschaftlichen Tierfolter‹ in Dresden, gegenwärtig die ›Deutsche Hauptstelle‹ des erst später entstandenen ›Weltbundes zum Schutze der Tiere und gegen die Vivisektion‹, zu ihrer Aufgabe gemacht hat.24 Wie aber Richard [254] Wagner durch seine Teilnahme an dieser einschneidenden sittlichen Frage weiterhin zu den von ihm in ›Religion und Kunst‹ ausgesprochenen Gedanken gedrängt wurde, so wird auch die Vivisektion erst von dem Augenblick an in unserem öffentlichen Bewußtsein ihren stützenden Grund und Boden verlieren, wenn jene Gedanken, sei es durch welche Kanäle es wolle, ein Gemeingut mindestens des deutschen Volkes geworden sind und seine ganze Weltanschauung durchdrungen haben werden. In unseren Tagen war es noch möglich, daß ein, in seiner guten Gesinnung unbezweifelbares biographisches Haus- und Familienbuch über den Schöpfer des ›Parsifal‹, dessen Verfasser noch dazu ein hochangesehener protestantischer Geistlicher ist,25 sich, mit bedauernden Entschuldigungen über die gegen die Vivisektion gerichteten ›heftigen Worte‹ Wagners, dahin aussprechen konnte, daß er ›mit dem ungerechten Zorne des Künstlers auf die reine Wissenschaft (!!!) herabgesehen‹ und es versucht habe, ›der Naturwissenschaft Wege zu wehren, die sie bei ihrem Wahrheitssuchen (!!) zu gehen für nötig halte‹.26 Es ist aber nicht mehr möglich und statthaft, als ein christlicher Prediger und erklärter Verehrer Wagners in diesem entscheidenden Punkte einer Halbheit sich schuldig zu machen, ein Vierteljahrhundert nach dem Tode des Meisters und zu einer Zeit, wo selbst unsere Geistlichkeit – sei es auch auf Anregung der Tierschutzvereine – sich darauf besinnt, daß sie wenigstens einmal im Jahre (am 4. Sonntag nach Trinitatis, auf Grund des Paulinischen Römerbriefes 8, 19–21 von der ›seufzenden, ihrer Erlösung harrenden Kreatur‹) ihre Predigt zum Ausdruck einer christlichen Gesinnung auch gegen die uns umgebende Tierwelt zu machen hat,27 in Übereinstimmung mit Gurnemanz' Worten:
[255] ›Ihn selbst am Kreuze kann sie nicht erschauen:
da blickt sie zum erlösten Menschen auf;
der fühlt sich frei von Sünden-Angst und Grauen,
durch Gottes Liebesopfer rein und heil:
das merkt nun Halm und Blume auf den Auen,
daß heut' des Menschen Fuß sie nicht zertritt,
doch wohl, wie Gott in himmlischer Geduld
sich sein' erbarmt' und für ihn litt,
der Mensch auch heut' in frommer Huld
sie schont mit sanftem Schritt.
Das dankt dann alle Kreatur, was all da blüht und bald erstirbt,
da die entsündigte Natur heut' ihren Unschuldstag erwirbt‹
Denn: ›durch den Sühnungstod eines sündenlosen göttlichen Wesens, das die ungeheure Schuld alles dieses Daseins selbst auf sich nahm, durfte sich alles, was atmet und lebt, erlöst wissen, sobald er als Beispiel und Vorbild zur Nachahmung begriffen wurde‹.28 ›An Gott glaube ich nicht‹, rief er um diese Zeit der Abfassung seines offenen Briefes (20. Sept. 1879) einem vulgär-dogmatischen Theismus gegenüber aus, ›aber an das Göttliche, welches sich im sündenlosen Jesus geoffenbart. Ich glaube an das Göttliche, das ein einziges, niemals wiederkehrendes Mal in vollster Naivetät und reinster Schönheit das Menschliche durchbrochen und uns den Weg der Erlösung gezeigt hat. Dieser Weg aber geht in den Tod: und Christus hat uns das Vorbild gegeben, schön zu sterben, wozu auch ein schönes Leben führt.‹29 In jenem offenen Briefe fährt er dann mit dem Hinweis auf alle die Märtyrer und Heiligen fort, die es ›unwiderstehlich zu freiwilligem Leiden hinriß, um im Quelle des Mitleidens bis zur Vernichtung jedes Weltenwahnes zu schwelgen‹. Wie aber ein echtes religiöses Gefühl, durch die Kraft dieses umfassenden Mitleidens, immer auch die stumme ›Kreatur‹ mit umfasse, das lehrt er uns aus dem Geiste der Volksanschauung, die im Bilde von Sage und Legende den Heiligen oder den im Walde zurückgezogenen Einsiedler stets von Tieren und Pflanzen umgeben zeigt. ›Legenden berichten uns, wie diesen Heiligen vertrauensvoll sich Tiere zugesellten, – vielleicht nicht nur um des Schutzes willen, dessen sie hier versichert waren, sondern auch durch einen tiefen Antrieb des als möglich entkeimenden Mitleids gedrängt: hier waren Wunden, endlich wohl auch die freundlich schützende Hand zu lecken. In diesen Sagen, wie von der Rehkuh der Genovefa und so vielen Ähnlichen, liegt wohl ein Sinn, der über das alte Testament hinausreicht.‹30
[256] Die Lehre von der ›entsündigten Natur‹, die den Erlöser am Kreuze zwar nicht selbst erschauen, dafür aber zu dem ›erlösten Menschen‹ aufblicken darf, wie sie, durch die dramatische Gebärde, den stummen Aufblick Kundrys, so seelenvoll verstärkt, der dritte Akt des ›Parsifal‹ uns einprägt, – sie muß erst noch aus dem Weihefestspiel von Bayreuth tief in die Seelen seiner Hörer dringen, um ein Zeugnis dafür abzulegen, daß das Kunstwerk des größten deutschen Meisters mit seiner mächtigen Stimme nicht doch zu tauben Ohren und blöden Herzen gesprochen hat. ›Hört ihr den Ruf? Nun danket Gott, daß ihr berufen ihn zu hören!‹ so klingt es mahnend zu uns: wann werden wir durch diesen Ruf in geschlossener Gesamtheit uns zu Taten und Gesinnungen angefeuert fühlen, die eines großen reichbegabten Volkes würdig, zu der von dem Künstler verlangten geistig sittlichen Neugeburt führen, in welcher auch jene ausschweifenden Frevel einer mißleiteten ›Wissenschaft‹ nicht mehr möglich sind? Zu Taten und Gesinnungen, die den Geist des Kunstwerkes mit schöpferisch-erneuernder Kraft in die Adern seines öffentlichen Kulturlebens einströmen lassen? ›Weißt du, was du sah'st?‹ Mit jeder der nun bald einhundertundfünfzig ›Parsifal‹-Aufführungen zu Bayreuth ist diese Frage nicht bloß an den törig reinen Helden, sondern an jeden ihrer Anwohner und Hörer gerichtet worden. Und welche Erwiderung ist ihr zuteil geworden? Wenn man noch heutigentages den Unterredungen eines großen Teiles der auf dem Festspielhügel zusammengeströmten bunten Menge lauscht, die sich fast ausschließlich auf allerlei ästhetische Beurteilungen dessen bezieht, wie dieser oder jener Darsteller und ›Sänger‹ die ihm zuerteilte Rolle gespielt und gesungen habe, könnte man über den Ausfall dieses Widerhalles zu recht zweifelvollen Gedanken angeleitet werden. Und doch ist die Saat nicht überall auf dürren und steinigen Boden gefallen; Taten und Gesinnungen sind bereits heute, wenn auch noch, blicken wir auf das Ganze, in verschwindend geringem Maße, durch das Kunstwerk erweckt und angeregt worden. ›Ja, ich gestehe‹, so hören wir den Meister selber sagen, ›daß ich jene andere, der unsrigen etwa entgegenkommende Tat nicht eher erwarten zu dürfen glaube, als bis die Gedanken, welche ich mit dem »Kunstwerk der Zukunft« verbinde, ihrem ganzen Umfange nach beachtet, verstanden und gewürdigt worden sind!‹31
Einstweilen war, wie wir gesehen haben, die ursprünglich für das Jahr 1880 angesetzt gewesene erstmalige Aufführung des ›Weihefestspiels‹ und die damit verbundene Begründung des, auf periodische Wiederkehr der Aufführungen abgesehenen Festspielunternehmens, notgedrungen vertagt worden. In welchem Maße dies mit den eigenen Neigungen des Meisters zusammenfiel, das ging die damalige Öffentlichkeit nichts an und sie wußte nichts [257] davon! Jedenfalls war es nicht seine, sondern ihre Schuld, wenn er durch ihre Vernachlässigung in die üble Lage geraten konnte, sein noch unvollendetes Werk durch einen Kontraktpunkt, der gar nicht hätte entstehen sollen, an die fremdeste aller vorhandenen Mächte, an eines unserer ›Hoftheater‹ verpfändet sah, wenn auch an das Hoftheater seines Königs. Daß die Kluft zwischen dem Bestehenden und dem von ihm Gewollten nicht mit den ›Geldsäcken‹ etwaiger begüterter Patrone ausgefüllt werden könne, – wem war dies tiefer und deutlicher bewußt als dem, die ganze Tiefe und Weite dieses Abstandes klar ermessenden Künstler, wenn er andererseits doch seine Freunde allerorten nur immer erst noch um die Beschaffung der nötigen Mittel zur Ermöglichung des nächsten entscheidenden Schrittes auf der betretenen Bahn bemüht sah? Ihm und seinen künstlerischen Genossen lag es ob, dereinst jenen gewaltigen Schritt mit der szenischen Darstellung auch des ›Parsifal‹ zu tun; – daß seinen Freunden und Gönnern die Gewinnung der hierfür unerläßlichen materiellen Grundlage noch so wenig hatte glücken können: darin lag das beschämende Urteil über die Mitwelt, innerhalb deren sie ihre Vertreterpflicht auszuüben hatten. Was, außer den bescheidenen Mitgliedsbeiträgen der wenigen tausend Vereinsangehörigen, für die dauernde Sicherung der Festspiel-Institution tatsächlich geschehen war, das beschränkte sich auf einige vereinzelte Beispiele ohne genügende Beachtung und Nachfolge. Das eine dieser Beispiele hatte Hans von Bülow mit einer anstrengenden Konzerttournee in den verschiedenen Hauptstädten Deutschlands zugunsten des Festspielfonds gegeben: der Ertrag belief sich insgesamt auf 40000 Mark. Wie traurig belehrend war es doch für den gänzlichen Mangel an Verständnis der erhabenen Absicht eines einsam wollenden Gewaltigen, daß aus der fast erdrückenden Menge gepriesener Virtuosen und Virtuosinnen, der Heroen und Heroinnen unserer Konzertsäle, auch nicht ein einziger sich zur Nachahmung dieses Vorbildes berufen fand. Wäre eine schönere, größere Aufgabe für ein einmütiges Zusammenleben deutscher Künstler und Kunstanstalten zu denken gewesen, solange Bayreuth noch der Hilfe bedurfte? – Das andere Beispiel war aus anderer Sphäre, unmittelbar aus den Kreisen begüterter Kunstfreunde und Patrone, Industriellen und Kapitalisten, gegeben: wie vereinzelt zeigte sich aber auch hier das Aufleuchten einer Gesinnung, die sich in werktätiger Hilfe zu bewähren trachtete! Als ein wahrer, seiner Pflicht bewußter ›Patron‹ bewies sich aus diesen Kreisen nur ein einziger vermögender Freund durch eine namhafte persönliche Stiftung: wie viele Männer und Frauen wären nicht imstande gewesen, seinem großmütigen Vorgange Folge zu leisten? Seiner dankenswerten Tat verlieh der junge Fabrikant Friedrich Schön in Worms (S. 213) erst das wahre Gewicht, indem er ihr das erläuternde Wort folgen ließ: ein von ihm im Verein mit mehreren Genossen erlassener ›Aufruf‹ vereinigte in seinen warmen Worten alle Vorzüge einer beredten, eindringlich[258] überzeugenden Abfassung mit denen der, durch ein gegebenes Beispiel manifestierten Gesinnung seines hochherzigen Urhebers. Es wäre gewiß zuviel, eine gänzliche Wirkungslosigkeit dieses von Herzen kommenden Mahnrufes behaupten zu wollen. Ohne Zweifel waren einige, gerade jetzt, in der kurzen Zeit bis zum Jahresschluß 1879 eingehende, ansehnlichere ›Fondsspenden‹ mit als ein Erfolg seiner Kundgebung zu betrachten. Und doch lag auch hier, wie noch bei jedem Schritt im Interesse der Bayreuther Sache, das Mißverhältnis zwischen der edlen Kraft der bewegenden Triebfeder solcher Versuche und der dadurch erzeugten Wirkung allzu greifbar vor Augen.
Mit der Entstehung des ebenerwähnten ›Aufrufes‹ verhielt es sich folgendermaßen. Nachdem, wie wir uns erinnern (S. 213), im Mai dieses Jahres Friedrich Schön mit seiner Spende zugunsten des Schulgedankens den Anfang gemacht, meldete er in der zweiten Hälfte des September zum ersten Male seinen persönlichen Besuch im Hause des Meisters an und ward bald darauf bei seinem wirklichen Eintreffen (22. September) herzlich willkommen geheißen. Der Eindruck seiner Persönlichkeit war ein durchaus gewinnender; es tat dem Meister wohl, aus der Unterhaltung mit ihm u.a. Näheres und Erfreuliches über das Verhältnis eines deutschen Fabrikbesitzers zu seinen Arbeitern zu erfahren, und er empfahl ihm die Lektüre der Carlyleschen Ausführungen über die bezüglichen Verhältnisse in England (S. 195/96) zu eifrigem Studium. Bald nach der ersten Begrüßung entfernte sich der Gast, um sogleich mit Wolzogen über Ziele und Mittel der beabsichtigten Agitation nach außen zu beraten Abends ließ Wagner ihm zu Ehren durch Rubinstein das Triebschener ›Idyll‹ vortragen, dessen Klänge die Hörenden wie mit Zauberfäden umspannen: ›So intim!‹ rief der Meister unwillkürlich dazu aus. ›Eine Absurdität, das in einem Konzertsaal aufzuführen!‹ Nach einer ziemlich schlechten Nacht arbeitete er anderen Tages am Vormittag noch an seinem ›offenen Brief‹, wobei, wie er sagte, auch die Form ihn interessiere. Zu Mittag empfing er mit dem neuen jungen Freunde auch die treuesten beständigen Mitarbeiter an seinem Werke, Feustel und Adolf Groß, und es wurde dabei dankbar und heiter der Anfänge der gegenwärtigen Situation gedacht, leider auch politisiert, wobei es dem Meister schwer fiel, die Lobreden seiner Freunde auf den Berliner Frieden zu ertragen. Nachmittags nahm ihm, während er sich erholungshalber zurückzog, seine Frau den Verkehr mit dem werten Gaste ab; sie fuhr mit ihm und Wolzogen nach dem Festspielhause, wo sie jedoch der Meister, nachdem er sich durch eine kurze Ruhe erfrischt, bald wieder einholte. Er freute sich an dem Bau, wie an dessen treuem Wächter, dem mächtigen Neufundländer Faf (Fafner), der neben allem sonst angestellten Personal dessen bester Hüter war, und gedachte u.a. des armen Stadtgärtners Helmrich (S. 237), der auch hier die Anlagen geschaffen. Auf dem Rückwege verweilte man bei dem in den letzten Jahren entstandenen neuen Bahnhof. Noch [259] während der ersten Festspiele hatte man sich, für den gewaltigen Andrang von außen, mit dem alten engen Bahnhof begnügen müssen, der jetzt als ein bloßes Nebengebäude für Post- und Telegraphenzwecke dient.32 Inzwischen hatte die Stadt Bayreuth, ihrer Pflichten als Festspielstadt eingedenk, den stattlichen großen neuen Bahnhof errichtet, der noch heutigentages seinen Zwecken entspricht. Man ließ sich daselbst zu einem Glase Bier nieder und der Meister erfreute sich lebhaft des nunmehr gewonnenen, stattlicheren, durch den unmittelbaren Anblick des mächtigen Theatergebäudes imposanten Eintrittes in die Stadt. Wie heftig hätte es seinen Unwillen erregt, hätte er es damals vorausahnen können, daß späterhin ebendieselben Väter der Stadt, zur Hebung der Industrie ihres Ortes, es zulassen würden, daß zwischen Bahnhof und Festspielhaus, in viel zu großer Nähe des letzteren, eine weitläufige Porzellanfabrik mit ihren Schornsteinen und ausgedehnten Nebengebäuden sich lagerte! Bis zum Abend hatte Herr Schön gemeinschaftlich mit Wolzogen so ziemlich alles Nötige für eine Agitation nach außen und eine Petition an den Reichstag entworfen. ›Welch eine große Ehre für mich‹, rief Wagner späterhin humoristisch aus, als dieser Aufruf ihm (als gedruckte Beilage zu den ›Bayreuther Blättern‹) zu Gesichte kam, ›wenn es nicht gelingt! Und eine Qual, wenn es glückt; denn dies kann nur auf Mißverständnissen beruhen!‹ Dennoch legte er diesen, für heilsam und dienlich gehaltenen Schritten nichts in den Weg und erfreute sich des Eifers, mit dem sie ins Werk gesetzt wurden, vor allem auch des noch jugendlichen Alters seines neuen Freundes und der weiten Zukunft, die ihm demzufolge für die Betätigung seiner guten Gesinnungen zu Gebote stand. Inmitten des anregungsreichen letzten Abends trat er selbst an den Flügel, nahm an demselben Platz und entlockte ihm mit Zaubergewalt die Klänge des ›Parsifal‹-Vorspieles, das er eine ›Vorre de‹ nannte, wie die Vorrede zu einer Predigt, wobei die Themen einfach nebeneinander gelegt sind. Um den Begriff einer ›Schule‹, wie sie ihm vorschwebte, recht illustrativ zu erläutern, hatte er schon abends zuvor, nach dem ›Idyll‹, mancherlei belehrende Proben des Atemholens beim Gesange zum besten gegeben, um zu zeigen, wie unsere heutigen Sänger es machen, und wie hingegen ihrerzeit eine Meisterin des Bühnengesanges, wie die Schröder-Devrient. Und doch empfand er vor dem Gedanken einer solchen ›Schul‹-Veranstaltung, da so viele andere Pflichten vor ihm lagen, eher eine Scheu, als eine unbedenkliche Freude darüber. ›Meine »Schule«‹, so hatte er noch kurz vor dem Eintreffen Schöns ausgerufen, ›meine »Schule« sind Aufführungen! Aufführungen‹, fügte er dann im Hinblick auf die augenblickliche[260] Lage der Dinge lachend hinzu, ›Aufführungen, die ich nicht mache; Aufführungen, die – andere machen und wo ich nicht hinsehe!‹
Nichtsdestoweniger bereitete es ihm Augenblicke des Vergnügens, der Genugtuung, wenn er, wie am 29. September, durch ein Telegramm August Wilhelmjs von einer, tags zuvor, in Wiesbaden stattgefundenen, durch den Eifer des Kgl. Hofkapellmeisters Wilhelm Jahn wohlgeglückten, unverkürzten Aufführung der ›Meistersinger‹ mit ›unerhörtem Erfolge‹ vernahm: der Dirigent und die Darsteller seien nach den Aktschlüssen wiederholt demonstrativ gerufen worden; wogegen es nun wieder mehr nach den herrschenden Operngewohnheiten klang, daß ihm bei derselben Gelegenheit als der Gipfelpunkt des Beifalls mehrere ›Dacapos‹ bei offener Szene gemeldet wurden!! Sofort entsandte er ein anerkennendes, direkt an Jahn adressiertes Gegentelegramm: ›herzlichen Glückwunsch zur schön verwirklichten Aufführung der »Meistersinger«, dieses schwierigen, nur durch großen Fleiß und Eifer zu Erfolg zu bringenden Werkes‹. Da ihn in eben diesen Tagen der Abschluß seines ›offenen Briefes‹ an E. v. Weber beschäftigte, kam er erst einige Tage später (10. Oktober 1879) dazu, dieser telegraphischen Beglückwünschung noch eine briefliche Aufmunterung des trefflichen Künstlers nachfolgen zu lassen, zugleich mit der Erklärung, weshalb es ihm nicht möglich sei, eine der Wiederholungen dieses Werkes durch seine persönliche Anwesenheit auszuzeichnen: ›Lieber Herr Jahn! seien Sie – als alter Bekannter – mir nicht bös, daß ich anscheinend von Ihrer schönen Tat der Aufführung der »Meistersinger« nicht die entsprechende Notiz nehme! Bereits im dritten Jahre habe ich nun Bayreuth nicht mehr verlassen; nichts konnte mich aus der mir nötigen Ruhe herauslocken. Nun hätte ich gerne meinen Kindern Ihre »Meistersinger« zu hören gegeben: allein auch das muß ich mir für die allernächste Zeit wenigstens versagen. Nun seien Sie aber über mich getrost! Ich freue mich Ihrer herzlichst und begrüße die Wiesbadener »Meistersinger« als ein gutes, mir sehr wohltätiges Anzeichen. Grüßen Sie Ihre »Meistersinger«-Genossen von mir und danken Sie ihnen für ihren guten Willen und schönen Erfolg mit dem sehr, sehr schwierigen Werke, welches nur Liebe, nicht aber sogenannte »Gerechtigkeit« zum Gelingen bringen kann.‹ Ingleichen hatte er sich bereits unterm 5. September gegen Direktor Jauner vernehmen lassen müssen, der immer wieder in seine alten Bemühungen zurückfiel, durch erneute Einladungen ihn zu einem Besuch von Wien zu bewegen, so vor allem neuerdings wieder zu einer abermaligen Gesamtaufführung des ›Ringes‹, in den Tagen vom 15. bis 19. September. ›Sie Unermüdlicher!‹ redet er ihn in dem erwähnten Briefe an, ›muß ich Ihnen immer wieder auf Ihre freundlichen Einladungen ausweichend antworten, da Sie den richtigen Grund meines Davonbleibens – wohl verstehen – aber, wie es scheint, nicht zugeben wollen? Sie haben doch sonst Phantasie; können oder wollen Sie sich die Ergebnisse eines erneuten Besuches von mir [261] in Wien nicht ausmalen? Ich dächte, wir hätten doch genug davon das letzte Mal erfahren!‹33 Und in bezug auf die Gesamtaufführung des ›Ringes‹: ›Das ist ja ganz vortrefflich, daß Sie zuzeiten Gesamtaufführungen mei ner Nibelungenstücke geben; noch besser wäre es allerdings gewesen, wenn Sie die Stücke nur durch solch eine Gesamtaufführung zuerst eingeführt hätten. Jetzt aber denke ich, wäre es doch geraten, die Stücke auch einzeln, und zwar immer dasjenige, welches Sie schön besetzen können, dem Publikum vorzuführen und auf diese Weise auch dem eigentlichen Repertoire einzufügen. Alle Teufel! Wenn Sie im ganzen Jahre zwei- oder dreimal nur den ganzen Zyklus geben wollen, so prägen sich die Sachen nie ein, und am Ende habe auch ich nichts Rechtes davon. Da Jäger nun einmal im »Siegfried« entschieden bei Ihnen gefallen hat, so behalten Sie ihn doch für diese Teile und geben Sie sie dann und wann! Allen Respekt vor dem Schweden,34 aber – besser wie er wird Jäger ganz gewiß auch als Siegmund sein.‹ Und in diesem Zusammenhang fügen wir gleich auch noch den erst vom 30. Oktober datierten Brief an den Intendanten des herzogl. Hoftheaters zu Braunschweig35 mit ein, in welchem er diesem seinen Dank für die freundliche Mitteilung des guten Erfolges der ›Götterdämmerung‹ (erste Aufführung am 26. Oktober 1879) ausspricht, nachdem ihm bereits sein alter Züricher Bekannter, Franz Abt,36 telegraphisch die erste Meldung darüber gemacht hatte.37 ›Was es Ihnen, hochgeehrter Herr, eingegeben hat, so sehr ausnahmsweise das Wagnis einer vollständigen Aufführung des »Ringes des Nibelungen« zu Ihrer Aufgabe sich zu machen, bleibt mir immer noch bewundernswert. Wahrhaft freut es mich, daß ich Ihren geneigten Versicherungen entnehmen darf, daß Sie Ihr Wagnis nicht bereuen, sondern in dem Gelingen desselben eine schöne Genugtuung finden können. Somit bleibt es wiederum betätigt, daß geistige Willens-Anstrengung über jeden materiellen Widerstand zu siegen vermag. Ich glaube, es gibt viele, welche in der Tat des Braunschweiger Hoftheaters ein edel ermutigendes Zeichen für die Zukunft des deutschen Theaters überhaupt ersehen werden. Wollen Sie Freund Abt, sowie allen unter seiner Leitung zu so schönem Gelingen Mitwirkenden meine herzlichste Anerkennung und Dankbarkeit gütigst zur Kenntnis bringen.‹
Über die Entstehung des ›Offenen Briefes an Herrn Ernst von Weber‹ werden wir am besten durch die vorliegenden Privatbriefe an diesen letzteren unterrichtet. Sie fiel in die Tage vom 20. September ab, er schrieb nie mehr als eine Seite am Tage, weil, wie er sagte, er sich viel Mühe mit der Ausarbeitung [262] gebe; er suche ›knapp in einem Satze zu geben, was, wenn er es als einen besonderen Absatz für sich behandeln würde, den Faden des Hauptgedankens verlieren ließe‹.38 ›Nur dürfe die Klarheit des Satzbaues nicht darunter leiden, und dies bedinge Arbeit‹ Nachmittags oder auch abends fuhr er dabei mit dem Liniieren seiner Partitur fort, und ließ darin nur ausnahmsweise eine Unterbrechung eintreten. Den bereits begonnenen dritten Artikel in der von uns (S. 218) erwähnten Folge technisch-künstlerischer Aufsätze ›Über die Anwendung der Musik auf das Drama‹ hatte er, nachdem er die einleitenden Betrachtungen über Mozart und Beethoven (wonach das, was bei Mozart Beschränkung, bei Beethoven vielmehr Bedingung seines Schaffens gewesen sei) niedergeschrieben, zugunsten der drängenderen Aufgabe unterbrochen. Am 1. Oktober meldet er Herrn von Weber, er sei mit dem Konzept seines ›offenen Schreibens‹ an ihn fertig, und arbeite das Geschriebene jetzt noch einmal für den Druck durch;39 bald darauf trat der kleine, für seine Ausführungen günstige Zufall ein, daß er die Freude hatte, seinen lange verlegt gewesenen und von ihm vermißten Plutarch wiederzufinden. Mit Entzücken las er abermals in der Abhandlung ›über die Vernunft der Land- und Seetiere‹, und zitierte in der Unterhaltung viele herrliche Stellen daraus; die ganze, so ungemein fesselnde Abhandlung wurde zu allgemeinem Genuß zur gemeinschaftlichen Lektüre an zwei aufeinanderfolgenden Abenden gemacht und bedeutsame Erwägungen über das Verhältnis der Völker des Altertums zu den Tieren – der ganze Mittelabschnitt! – seinem ›offenen Brief‹ nachträglich eingefügt. Die Schwierigkeit seiner Aufgabe lag nach seinen eigenen Worten darin, nicht zu weit zu gehen, nicht zu vieles anzuführen, denn der Stoff sei unendlich und man könnte einen ganzen Band darüber allein schreiben. Am 5. Oktober meldete er Herrn von Weber, er gebe seinen ›offenen Brief‹ heute hier zum Druck und werde die Abdrücke nach dessen Vorschlag (2000 Exemplare zur Gratisverteilung und 1000 für den Buchhandel) besorgen lassen. ›Die Kosten der 2000 Exemplare (oder auch – wenn Sie es wünschen – 3000) übernehme ich, versteht sich, selbst für mich‹, schreibt er am 10. Oktober.40 Am 19. Oktober entsandte er einen Revisionsabzug des Schriftstückes für die ›Bayreuther Blätter‹, und begleitete ihn mit den nachstehenden Reflexionen: ›Mit bestem Dank für Ihre letzten gütigen Mitteilungen erlaube ich mir zugleich meine Ansicht darüber auszudrücken, daß ich ganz unbedingt die Massenpetition für einzig zweckmäßig halte. Auf andere Weise, befürchte ich, gelangen wir nur zu einem schwächlichen Resultate,[263] während die vollständige Exstirpation des bekämpften Scheusales unser rechtes Ziel sein muß. Um dies zu erreichen, gehört es sich, daß unsere Gegner, sowie die etwa unschlüssigen Staatsbehörden Furcht bekommen. Schon jetzt schadet es nicht, daß z.B. die Juden fürchten lernen, während sie bisher täglich frecher wurden. Ebenso müssen die Herren Vivisektoren Furcht bekommen, recht gemeine Lebens- Furcht, d.h. sie müssen das Volk mit Prügeln und Knütteln vor sich zu sehen glauben. Schwierigkeiten und Kosten dürfen uns nicht abschrecken, wogegen ein jeder, kräftig ermahnt, dazu beizutragen sich getrieben fühlen muß. Vielleicht nützt gerade in diesem Sinne mein Aufsatz, weil er einen weiten Atem hat und an diesem – unserem natürlichen Gefühle so naheliegenden – Mißbrauche der öffentlichen Sittlichkeit die Gefahr nachweist, der wir auf dem bisherigen Wege unaufhaltsam verfallen.‹41
Das Volk mit Prügeln und Knütteln! Wirklich vernahm man eben damals von einem ähnlichen Vorgange der öffentlichen Empörung, auf welchen der Schluß des ›offenen Briefes‹ als auf eine beachtenswerte Tatsache hinweist. ›Während Staat und Kirche sich den Kopf darüber zerbrechen, ob auf unsere Vorstellungen einzugehen und nicht dagegen der Zorn der etwa beleidigten »Wissenschaft« zu fürchten sei, erfahren wir, daß der gewaltsame Einbruch in solch ein Vivisektions-Operatorium zu Leipzig, sowie die hierbei vollführten schnellen Tötungen der für wochenlange Martern aufbewahrten und ausgespannten zerschnittenen Tiere, wohl auch eine tüchtige Tracht Prügel an den sorgsamen Abwärter der scheußlichen Marterräume, einem rohen Ausbruche subversiver sozialistischer Umtriebe gegen das Eigentumsrecht zugeschrieben worden ist. Wer möchte nun aber nicht Sozialist werden, wenn er erleben sollte, daß wir von Staat und Reich mit unserem Vorgehen gegen die Fortdauer der Vivisektion, und mit der Forderung der unbedingten Abschaffung derselben, abgewiesen würden? – Aber nur von der unbedingten Abschaffung, nicht von »tunlichster Beschränkung« derselben unter Staatsaufsicht dürfte die Rede sein können, und es dürfte hierfür unter »Staatsaufsicht« nur die Assistenz eines gehörig instruierten Gensdarmen bei jeder physiologischen Konferenz der betreffenden Herren Professoren mit ihren »Zuschauern« verstanden werden. Denn unser Schluß im Betreff der Menschenwürde sei dahin gefaßt, daß diese genau erst auf dem Punkte sich dokumentiere, wo der Mensch vom Tiere sich durch das Mitleid auch mit dem Tiere zu unterscheiden vermag, da wir vom Tiere andererseits selbst das Mitleiden mit dem Menschen erlernen können, sobald dieses vernünftig und menschenwürdig behandelt wird.‹42
[264] Sein Eintreten für diese, dem unverdorbenen Gefühl so unmittelbar erfaßbare und nahestehende, wie andererseits dem Gesichtskreise unseres versteiften und verknöcherten akademischen Bildungswesens und der hierdurch geknickten und gebrochenen ursprünglichen menschlichen Empfindung so weltenfern entlegene Frage setzte ihn in mannigfache Beziehungen zu bisher unbekannten Gleichgesinnten. Aus Straubing bei München erhielt er schon auf die erste Nachricht von seinem Eintreten für die Sache hin durch den dortigen Tierschutzverein eine Zusendung mit vertrauensvoller Bezeigung der Ehrerbietung und dankbaren Ergebenheit, und da gerade der junge Felix Mottl, der eine ›Agnes Bernauer‹ komponiert hatte, von Wien her sich eingefunden,43 schenkte er diesem, mit humoristischer Bezugnahme auf seine Oper,44 eine der ihm zugegangenen Broschüren. Den Herren in Straubing aber dankte er in einem sehr ernsthaften anerkennenden Schreiben. Von einem Dr. W. Gützlaff in Elbing traf ein Brief mit der Zusendung eines schönen Buches ›Schopenhauer über die Tiere‹45 ein, das er nicht allein selbst mit Befriedigung durchlas, sondern auch weiter zur Beachtung empfahl. Nichtsdestoweniger war die ganze Angelegenheit nicht dazu angetan, seinem Wohlsein irgend etwas hinzuzufügen. Einige Notizen über den Hohn, mit welchem die Ärzte die Bewegung gegen die Vivisektion behandelten, erregten ihn tief, ja brachten ihn ganz außer sich, so daß er erklärte, er wäre imstande sich ganz in dieselbe hineinzuwerfen und ›Sozialist‹ zu werden. Über den Sozialismus an sich äußerte er sich dabei: man möge doch nur nicht glauben, daß die hier wirkenden Kräfte durch Theorien und Organisationen zu lenken seien; wäre dies der Fall, so wäre an ihnen nichts. Auf die Ethik aber könne man wirken, und das menschliche Gemüt auf die gewaltsamen Dinge vorbereiten, die da kommen müßten. Es erfreute ihn zu hören, daß die konservative Partei des Reichstages sich der Bewegung gegen die Vivisektion annehmen wolle. Mit Herrn von Weber gab es noch viel briefliches Hin und Her,46 und gern verstand sich der Meister dazu, um der etwaigen ›Frommen‹ willen, die sich der Sache geneigt zeigen könnten, eine gewisse von ihm in seinem ›Offenen Schreiben‹ von ihm gebrauchte Wendung, wenigstens für die 4000 zu gleichen Teilen für den Buchhandel und zur Gratisverteilung bestimmten Exemplare zu ändern. Er hatte nämlich bei einem Überblick über die einzelnen Fakultäten von der[265] Kenntnis ›göttlicher Unerforschlichkeiten‹ gesprochen, mit welchen die theologische Wissenschaft die Seelsorger unserer Gemeinden ausstatte, und Herr von Weber statt dieses ironischen Ausdruckes das Wort ›Geheimnisse‹ gewünscht. ›Also keine »Unerforschlichkeiten« mehr, sondern nur noch »Geheimnisse«,‹ erwiderte ihm Wagner in einem Briefe vom 24. Oktober. ›Außer in den »Bayreuther Blättern«, welche schon gedruckt sind.‹47 Gerade im Laufe des Monats September, während der Krankheitsperiode seiner Tochter, hatte er sich in seiner Lektüre noch mit der Einleitung zu ›Philo von Alexandrien‹ von Gfrörer beschäftigt (dessen ›Geschichte des Urchristentums‹ ihm bereits von früher her wert und vertraut war), in welcher ihn die Darstellung des Unterschiedes der protestantischen und katholischen Kirche vortrefflich dünkte. ›Wenn der Protestantismus populär, durchaus untheologisch geblieben wäre‹, rief er aus, ›so wäre er lebensfähig geblieben; sein Unheil war die Theologie.‹48 Den ›Philo von Alexandrien‹ aber legte er einige Wochen später ganz zur Seite: er würde ihn nicht zu Ende lesen, alle Subtilitäten der Kirche stammten von da her. Vor diesen ›Subtilitäten‹, um derentwillen einst die Scheiterhaufen geschürt und die Ketzerverfolgungen angeordnet waren und die noch heute in jedem Augenblick unsichtbare starre Scheidewände zwischen den Bekennern des christlichen Glaubens ziehen, mußte der Schöpfer des ›Parsifal‹ unwillkürlich zurückschaudern: sie wiesen ihm nackt und schroff das volle Gegenteil dessen, was er in seinem erhabenen Vermächtnis seinem Volke zu sagen hatte. Einen ähnlichen Gegensatz hatte Carlyle im Sinne, wenn er innerhalb all unseres [266] Kirchenwesens die sichtbare von der unsichtbaren Kirche unterschied: getrennt von der letzteren, sei die erstere bloß ein leeres Gebäude, wenn auch vergoldet und mit alten Votivgeschenken bedeckt, nutzlos und gefährlich durch ihre Unreinheit. ›Ihre Geschichte zu schreiben, wäre weniger wichtig als ihren Untergang zu befördern.‹49 Und wiederum, wenn Luther mit begeisterten Worten die hohe Kunst der ›Theologia‹ rühmt und preist und nach ihr keine Kunst, die mit der ›Musik‹ zu vergleichen sei, ›dieweil sie allein nach der Theologie dasjenige tut, was sonst die Theologie allein tut, nämlich, daß sie Ruhe und einen fröhlichen Mut macht‹: so ist darin der Gedanke Wagners von der innigen Affinität der Musik und der Religion schon im voraus aus einem vollen deutschen Herzen ausgesprochen. Bekanntlich darf man bei Luther zu keiner Zeit vergessen, daß unter seiner ›Theologia‹ nicht unsere moderne Universitätswissenschaft zu verstehen ist; daß ihm der uns allen heute so geläufige Ausdruck ›Religion‹ noch nicht zur Verfügung stand;50 wofür er denn nach den beiden Hauptrichtungen des Begriffes, der subjektiven und der objektiven, die Bezeichnungen ›Glaube‹ und ›Theologie‹ einsetzt. Sehr richtig erkannte deshalb der Meister die ›Theologie‹ im bald um sich greifenden modernen Sinne als das eigentliche ›Unheil‹ des Protestantismus, und die ›Subtilitäten‹ der Kirche als das Unheil des christlichen Glaubens, an welchen dieser erstarrt und zugrunde gegangen, aus einer Sache des Gemütes zu einer Sache des dogmatisierenden Verstandes geworden sei. Dagegen las er den Kindern Auszüge aus einem amerikanischen Buche über die Tiere vor, ganz herrliche Züge, die sie lebhaft fesselten und erfreuten. Auch beschäftigte ihn der ›Adler‹-Chor in Aeschylus' ›Agamemnon‹, und er sprach den Wunsch aus, daß Wolzogen über diesen tiefen mythischen Zug eine eigene Arbeit für die ›Bayreuther Blätter‹ verfasse. Die Adler, sagte er, seien die Siegverkünder des Zeus, sie zerfleischen die ›trächtige Häsin‹; dafür fordere Artemis das Leben der Königstochter. Sie trete als Beschützerin der Tiere und des Friedens gegen den Kriegsgott auf und erinnere damit an die Fürstin von Rudolstadt mit ihrem entschlossenen ›Fürstenblut für Ochsenblut‹. Ein ganzes Buch könnte man über diesen wunderbaren Gesang schreiben, der alles enthielte, was man Religion nennen könnte. Eine sehr gute Rede des Pfarrers Stöcker über das Judentum bewirkte eine allgemeine Erbauung an den kräftigen Worten dieses wahrhaften deutschen Volksmannes, und er war sich mit Genugtuung dessen bewußt, daß in solchen entscheidenden Dingen die aufgewandte [267] Kraft trotz aller feindseligen Gegenwirkung doch nicht ganz vergeblich gewesen sei und sein eigener Aufsatz über das Judentum51 der eigentliche Anfang und Ausgangspunkt dieses ganzen Kampfes.
In bezug auf das ihn umgebende häusliche Leben von Wahnfried haben wir wohl die Erkrankung seines Kindes und alle damit verbundenen Sorgen und Unruhen erwähnt, noch nicht aber den Eintritt der völligen Genesung; ebenso die Abreise der ältesten Tochter des Hauses (S. 245), noch nicht aber deren am 3. Oktober erfolgte Heimkehr und ihre Abholung vom Bahnhof, zu welcher sich um elf Uhr abends der Meister mit der ganzen Familie in heiterster Stimmung eingefunden hatte, nachdem man zuvor im ratternden und klappernden ›Omnibus‹ durch die stillen Straßen von Bayreuth gefahren war Groß war die allgemeine Freude, das wochenlang entbehrte Familienglied wieder in der Mitte der Ihrigen zu wissen, und beide freudigen Anlässe, Genesung und Heimkehr, wurden tags darauf mit eintretender Dunkelheit durch ein brillantes Willkomm-Feuerwerk im Garten von Wahnfried gefeiert. Im Anschluß daran spielte dann Rubinstein das F dur-Quartett von Beethoven, und der Meister, auf dessen Wunsch diese Wahl erfolgt war, erklärte, daß er es beinahe lieber so am Klavier höre, wo er die Tempi angeben könne, als von den ›Fitschlern‹ im Konzertsaal, die er nicht leiden könne. Seine Hauptsorge blieb immer noch die Erziehung seines Sohnes. Eine Anzahl Bayreuther Knaben, Lateinschüler, war einmal für Siegfried in Wahnfried zu Tische geladen. Das Gespräch kam auf die Aufgaben, die ihnen beim Examen gestellt waren, und man mußte über das Mechanische dieser Anforderungen erschrecken. ›Im besten Falle, könnte man den Leuten sagen, taugen Eure Erziehungsanstalten für die wenig Begabten; ein feinfühlendes, phantasievolles, zartorganisiertes Wesen ist bei Euch verloren‹, sprach sich Wagner darüber aus. Wo aber für ein solches Wesen den passenden Erzieher zum häuslichen Unterricht finden? Und als gelegentlich des Besuches von Friedrich Schön Frau Wagner mit ihm nachmittags zum Festspielhause fuhr (S. 258), kam die Rede auf das gleiche Thema, und die edle Frau teilte dem werten Gast ihre Gedanken darüber mit. Sie faßten sich in das Axiom zusammen: nicht eine bestimmte Laufbahn im Auge haben, sondern aus dem Zögling einen unabhängigen, tüchtigen Menschen machen. Ob es ihnen wirklich gegönnt sein würde, ihren Sohn nach ihrem Sinne zu erziehen? Auf diese einst von ihr ausgesprochene Sorge erwiderte Wagner mit den Worten: ›wir müssen auf ein Wunder warten‹.
Das lang ersehnte ›Wunder‹ stand vor der Tür. Durch Vermittelung Malwidas. Der ersten Ankündigung desselben haben wir schon mit beigewohnt (S. 139/40). Sie selbst berichtet in ihren Lebenserinnerungen ausführlich über [268] den weiteren Verlauf dieses Eintrittes Heinrichs von Stein in den Kreis des Hauses Wahnfried, wohin der Trieb seiner genialen, erziehungsfreudigen Natur ihn führte und dem er von nun an, seit der ersten persönlichen Berührung mit der unwiderstehlichen Persönlichkeit des Meisters, in unverbrüchlicher Hingabe anhing. Bevor wir auf diese Erinnerungen Malwidas eingehen, wird es am Platze sein, uns aus einer anderen Quelle52 über die Vorgeschichte des jungen Mannes des näheren zu unterrichten. Am 12. Februar 1857 aus uralt fränkischem, reichsfreiherrlichem Geschlechte geboren, war er von seinen Eltern in großer Frömmigkeit erzogen und hatte schon in jungen Jahren den Vorsatz gefaßt, durch Ergreifen des geistlichen Berufes zur Erziehung der Menschheit beizutragen. ›In der Zeit seiner Konfirmation kamen dem forschend Denkenden Zweifel und bald nachher wandte er sich von dem Gedanken, Theologe zu werden, ab und der Philosophie zu. Vor vollendetem 18. Jahre war er mit dem Gymnasium fertig und bezog die Universität. Er wurde von da ab einer der Menschen, die mit dem heißesten Bemühen nach der Wahrheit suchen, weil ihnen diese Wahrheit in den Formeln und Dogmen der Kirche nicht rein genug enthalten ist. Er war in seinen glücklichsten Stunden ernsthaft – er konnte fröhlich sein mit Menschen, die ihn verstanden, aber eine Neckerei war ihm unangenehm; war sie etwas derb, so verstimmte sie ihn ganz. Er haßte jede Quälerei, jedes Wehetun – er wollte und konnte nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Mit achtzehn Jahren war er die Idealgestalt eines deutschen Jünglings aus edlem Geschlecht Riesengroß und schlank gewachsen, trug er sich aufrecht wie eine Tanne. Sein volles frisches Gesicht mit blühender Farbe, blondem Haar, kleinem Schnurrbart und großen hellblauen Augen hätte eher den Soldaten als den Gelehrten in ihm vermuten lassen. Nach Ablauf der Universitätsjahre (in Heidelberg, Halle, Berlin) ging er auf Reisen; er wollte Welt und Menschen kennen lernen, ehe er sein Militärjahr abdiente und sich einen festen Wirkungskreis schuf.‹53 So kam er nach Rom, wo er, im Instituto archeologico germanico wohnhaft, unter anderen persönlichen Beziehungen, zunächst zu seinen dortigen Hausgenossen, in der Folge auch diejenige zu Malwida anknüpfte, die für sein ferneres Leben so entscheidend werden sollte. ›Noch ganz jung, nach eben beendeter Universitätszeit, hoch und schlank gewachsen, hellblond, verriet sein Äußeres, sowie auch sein etwas steifes, zurückhaltendes Wesen ganz den Nordländer. Er wurde aber mitteilsam, als ich [269] ihn bat, mir etwas von der sog. Wirklichkeitsphilosophie des Philosophen Dühring mitzuteilen, als dessen Schüler er sich mir vorgestellt hatte. Nun hielt er mir kleine Vorträge über die auf-und absteigende Welle, unter welchem Bilde Dühring das Leben auffasse, und versuchte mir den Idealismus des Realismus nachzuweisen, welchem Axiom er sein erstes Buch geweiht habe, das jetzt im Druck begriffen sei.54 Alle Ideen oder Annahmen des Transszendenten waren streng aus den Anschauungen des jungen Realisten ausgeschlossen; aber ich mußte oft im stillen lächeln, wenn ich den reinen Idealismus sah, der aus der ganzen Natur des Jünglings sprach, während er seinen Positivismus verteidigte.‹55 ›Unter sei nen kleinen Erlebnissen in Rom, die er mir mitteilte, war auch ein Besuch bei der mir wohlwollend zugetanen Fürstin Carolyne Wittgenstein, welche ihn nach seinem politischen Glaubensbekenntnis gefragt. Er hatte sehr aufrichtig seine Hinneigung zum Sozialismus bekannt, worauf sie ihm versicherte, daß es das höchste Interesse des Sozialismus sei, sich mit der Kirche zu verbinden; zusammen würden sie der um sich greifenden Immoralität steuern und das Leben der modernen Gesellschaft reinigen und erneuern. Nichts lag Stein ferner als solch ein Bündnis.‹56 ›Er war eine so edle, von höchstem Adel der Gesinnung durchdrungene Natur, daß er zunächst schon das erste Erfordernis eines Erziehers besaß, durch sein Beispiel alles Gute zu lehren; und unter dem Einfluß des ausgezeichneten Kreises, in den er nunmehr eintrat, wurde er das, was er von Natur war: ein vollkommener Idealist und dann ein so verständnisvoller, begeisterter Anhänger Wagners wie wenige.‹57
So war der junge Doktor der Philosophie beschaffen, der – im Anschluß an die vorjährigen ersten Anknüpfungen (S. 139/40) – Ende September 1879 seinen Besuch in Wahnfried anmeldete, um zu sehen, ob er und Siegfried nun zusammengehörten. ›Sie werden uns‹, antwortete ihm der Meister, ›zu jeder Zeit, am liebsten allerdings recht bald, willkommen sein. Wir bitten Sie bei uns abzusteigen und so lange zu verweilen als es Ihnen gefällt.‹ Und als der blonde stattliche Mann, so völlig verschieden von all seinen Vorgängern, trockenen und dürftigen Seminarzöglingen, am 20. Oktober nun wirklich die [270] Schwelle des Hauses überschritt, ein ganzer Deutscher, sehr ernst, aber dabei freundlich und vertrauensvoll, bestand von keiner Seite her der leiseste Zweifel über seine fernere Zugehörigkeit zur Familie. Das einzige vorläufig Befremdende, ja Erschreckende war, in ihm einen erklärten Dühringianer und Gegner des Christentums zu finden; allein auch hier beruhigte der, schon von anderer Seite beobachtete, deutlich wahrnehmbare Gegensatz zwischen dem von außen Angeflogenen und Angebildeten und der kernhaft deutschen, vornehm großen Natur. Selbst die, den in Wahnfried herrschenden entgegengesetztesten Meinungen und Äußerungen kamen so schlicht und edel heraus, daß sich darauf sogleich das sichere Vorgefühl begründete, er werde sich in der neuen Umgebung bald heimisch fühlen und den mitgebrachten modernen Wust gänzlich fallen lassen Gleich am ersten Abend war Wolzogen zu seiner Bewillkommnung mit eingeladen und setzte ihm der Meister seine Gedanken über Universitäten und Universitätsstudium auseinander. Mit Verwunderung und Heiterkeit wurde das plötzliche Dasein des neuen Elementes von ihm empfunden, und er entsandte bereits anderen Tages ein humoristisch belobigendes Telegramm an die freundschaftliche Vermittlerin, statt einer Namensunterschrift bloß mit der Unterzeichnung ›Stimme aus den Wolken‹ versehen. In der Erfassung seiner Aufgabe zeigte sich der junge Erzieher von wahrhaft rührendem Eifer – ›Sie sind rein des Teufels!‹ rief ihm Wagner zu, indem er den stetig Ernsthaften zur Heiterkeit aufmunterte. An Liszts Geburtstag, dem 22. Oktober, fand die erste regelmäßige Lehrstunde statt: die Elemente der Geometrie und – Hobeln bei einem Schreiner. Die ›Wanderjahre‹ mit ihren Erziehungsideen schienen hier verwirklicht, und man durfte sich, den Stümpereien der bisherigen Hauslehrer gegenüber, wie im Traume fühlen; so fest und sicher wurde überall zugegriffen. Bei einer Besprechung der sozialen Frage sprach der junge Freund seine Hoffnung aus, sie auf gütlichem Wege gelöst zu sehen; der Meister hingegen meinte, es könne dabei nur konvulsivisch hergehen. Auf den Gedanken einer Ausbildung seines Zöglings in der Chirurgie eingehend, äußerte Stein den Wunsch, daß in dem neu zu errichtenden Studienhause58 auch das Innere des Menschen mit all seinen Organen in plastischen Nachbildungen gezeigt sein sollte. ›Später‹, erwiderte der Meister, ›zuerst müsse ihm die Freude an der Erscheinung gegönnt bleiben, an dem schönen nackten Menschen, wie ihn die Griechen dargestellt; erst wenn der Dämon sich in ihm rege, wäre es Zeit, ihm das Innere dieser Erscheinung zu zeigen.‹ In den Nachmittagsstunden erfreute er sich daran, seinen regelmäßigen Gang zu Angermann nun gemeinschaftlich mit zweien Jüngern, Wolzogen und Stein, [271] zu machen, und der abendliche Kreis fand eine willkommene Erweiterung und einen regen Teilnehmer an der gemeinsamen Lektüre nebst daran geknüpfter Unterhaltung.
Man hatte kurz zuvor Platos ›Kriton‹ gelesen und der Meister diese Verherrlichung des Staates wenig zusagend gefunden; dieser Dialog gehöre nicht zu den ausgezeichnetsten. Im übrigen hatte Shakespeares ›Othello‹ und ›Hamlet‹, und der melancholische Jacques in ›Wie es euch gefällt‹, mit seiner zarten Empfindung für Natur und Tierwelt das wechselnde Objekt dieser Unterredungen gebildet, und er dann selbst an zwei Abenden die fünf Akte von ›Was ihr wollt‹ vorgetragen. Er sprach sein Bedauern aus, daß der Dichter am Schluß den Übergang der Liebe des Herzogs von Olivia auf Viola nicht eingehender, mit etwas mehr Worten, geschildert. Mit dem Lustspiel, meinte er, habe es immer einen Haken, und der glückliche Schluß sei etwas vom Zaun gebrochen. Er hatte indes diese letzte Szene so wundervoll gelesen, eine so geheimnisvolle Empfindung in die Worte des Herzogs gelegt, mit so bedeutungsvollem Blick Viola angeredet, daß man wohl begriff, wie mit der Entdeckung, daß Viola ein Weib sei, seine Seele von der Liebe zu diesem Wesen überflutet und sein bisheriges Gefühl für Olivia ein verschollener Traum sei. In die darauf folgende, für die Jugend von Wahnfried bestimmte, ergreifende Vorlesung des ›Coriolan‹ war gerade Stein mitten hineingekommen, und erlebte noch an drei Abenden nacheinander fast den vollen Vortrag des Stückes, als den Gegenstand eines unaufhörlichen, immer wieder neu angeknüpften Gespräches des Staunens und der Bewunderung. Ein schönes Oktoberwetter veranlaßte bald darauf einen gemeinsam unternommenen Nachmittags-Spaziergang nach Eremitage. Die Familie mit dem jungen Erzieher begab sich voraus; der Meister selbst kam im offenen Sommerwagen nach: ein heiteres Wandeln im Park mit seinem buntgefärbten Herbstlaub, den gelben Buchenblättern und dem roten Weinlaub am Pavillon, ein klarer Himmel über allem, schließlich Einkehr in die Wirtschaft und eine, das Ganze krönende heitere Heimfahrt zu neun Personen, mit immer wieder ausbrechender Fröhlichkeit aller, war wohl dazu angetan, den gleichmäßigen Ernst des neuen Mitgliedes der Gesellschaft zu brechen und es selbst zur Heiterkeit mit fortzureißen. Seltsamerweise mußte es sich nun fügen, daß der Gast gerade zum Abschluß dieses schönen Tages zu Hause die Nachricht von dem soeben in Berlin erfolgten Tode des bisherigen Leitsternes seines jungen Lebens, Dr. Dühring, vorfand. War auch die Nachricht eine irrtümliche, so stand er doch volle vierzehn Tage, bis der Irrtum sich aufklärte, unter ihrem Eindruck, und der Meister sprach anläßlich des grausamen Zwischenfalles das Wort: ›das Leben sei so unschicklich und füge die Dinge so roh‹. Er schenkte dem jungen Freunde das neuerschienene Buch Dührings über Robert Mayer59 mit [272] einer kleinen Widmung und ließ sich beim Kaffee durch ihn das von diesem Gelehrten entdeckte neue Gesetz und seine Anwendung erklären. Als Stein die Ansicht aussprach, daß in solchem Falle die Anwendung etwas verhältnismäßig ganz Nebensächliches, Unbedeutendes, die Freude an der Entdeckung davon ganz unabhängig sei, verglich er diese Freude mit derjenigen, welche man an der Kunst habe, erging sich dann aber doch zugleich über das Eigentümliche aller physikalischen Wahrheiten, ›gegen welche sich nichts sagen ließe, die uns aber auch nichts zu sagen haben‹, und wies auf die Idealität einer philosophischen Weltanschauung hin. Er leugne nicht die Vortrefflichkeit dieser Dinge als wissenschaftliche Methode; doch käme es auf die Seele an, und für die Ethik ergebe sich dabei nicht das geringste; würde nun auch noch die Anwendung geringgeschätzt, so bliebe in seinen Augen nur die bloße müßige Spielerei noch übrig. Er habe gerade das Beiblatt des ›Orbis pictus‹ heute angesehen und gelesen: die Nebelflecke und die rätselhaften Protuberanzen der Sonne hätten ihm viel zu denken gegeben. Vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus sei das Ganze ein bloßes Feuerwerk, rief er aus, und alles so barbarisch gewaltsam und dabei so sicher bestimmten mathematischen Gesetzen unterworfen. ›Und wie kommt unsere Erde uns dabei vor, wie ein reiner Quark!‹ Wie herrlich sei es dagegen von dem Philosophen gewesen, die Idealität zur Basis aller Naturanschauung zu machen! ›Höre denn vor allem‹, schrieb Stein bald darauf seinem Bruder, ›daß es sehr, sehr schön hier ist. Wagner ist viel großartiger und bedeutender, reicher in all seinen Gesprächen, als man vermutet und als man mir gesagt hatte. Das freilich, was schließlich entscheiden muß, bleibt die eigene Arbeit hier, also auch die Arbeit mit dem kleinen Siegfried.‹60
Wir hörten einmal Heinrich von Stein in späteren Zeiten61 nach einer seiner eigenen, mit so ungemein anschauungsreichen Bildern und Vergleichungen aus dem Gebiete der Natur reich durchwirkten und durchwobenen Berliner akademischen Vorlesungen über Ästhetik sich dahin äußern, wie befriedigt er sich fühle, gleich im Anbeginn seiner Studien durch die naturwissenschaftliche Schule gegangen zu sein und seine spätere ästhetische und philosophische Ausbildung auf ihrem Untergrunde errichtet zu haben. Wenn andere Ästhetiker es für gut befänden, ihre abstrakten Darlegungen durch ähnliche Bilder und Gleichnisse zu beleben oder naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Tatsachen als Belege heranzuziehen, fühle man immer ihre Unsicherheit auf einem Gebiete durch, in welchem sie nicht heimisch seien. Das ihm damals noch anhaftende Zuviel an realistischer Auffassung wurde unter den bildenden Händen des Meisters und in mannigfachen Unterredungen mit ihm, dem er sich gern [273] und willig hingab, teils abgestreift, teils durch neue Erfahrungen, neue Anschauungen auf anderen Gebieten ergänzt und der Wert und die Bedeutung des Subjektiven, der Idee ihm erschlossen. Als einmal über Tische die Rede auf Goethes Farbenlehre kam, die er, seinem bisherigen akademischen Bildungsstande gemäß für ›weit überflügelt‹ erklärte, ward ihm aus Wagners Munde die Weisung: ›Mir kommt es auf den geistvollen Mann an, der etwas sieht, nicht auf so und so viele gelehrte Entdeckungen!‹ Einmal beim Nachmittagskaffee streifte die Sonne das Portrait Beethovens und veranlaßte ihn zu dem Ausspruch: ›bei Goethe sei alles recht eigentlich auf das Sehen eingerichtet gewesen, für den Musiker gebe es kein Sehen, keine Außenwelt, er sei ein wildes Wesen. Wenn Schopenhauer von den großen Augen des Genies gesprochen, habe er wohl zumeist an Goethe, gewiß gar nicht an den Musiker gedacht‹. Und wieviel hat nicht Stein, der sich später so eingehend über die ›Ästhetik unserer Klassiker‹ vernehmen ließ,62 in den Unterredungen mit Wagner vom Standpunkte des Künstlers über diese gelernt und erfahren! Keineswegs immer im ausschließlichen Ton einseitiger Bewunderung, der Wagner auch den von ihm geschätztesten Großen gegenüber gar nicht eigen war. So berichtet uns Schemann den Ausspruch über Goethe, der einen ›mit seinem ewigen Abschweifen in den Dilettantismus manchmal ärgern könne‹: er habe in der vollkräftigen Mitte seines Lebens zu nichts eigentlich Großem, Bedeutendem sich erhoben, habe gar oft nicht gewußt, was beginnen; immer wieder habe Schiller ihn aufrütteln müssen, wie der Briefwechsel lehre. Nach der ersten Periode bringe eigentlich erst der zweite ›Faust‹ wieder den ganzen großen Goethe; dazwischen liege wohl viel Schönheit, aber – ›was lag daran, ob »Hermann und Dorothea« geschrieben wurde oder nicht? Da war Schiller anders! Der wußte, daß keine Zeit zu verlieren war!‹63 Ganz so hat sich damals in wiederholten Unterredungen Wagner gegen Stein geäußert. So selten könne man an dem Leben eines großen Mannes Freude haben: ›nur Shakespeare lobe ich mir! Hält's zu Hause nicht aus, läuft fort, wird Schauspieler, schreibt seine Stücke, kriegt das Theater satt, kehrt heim, schreibt »Othello« und »Sturm« und stirbt.‹ Dagegen nun Goethes Leben in Weimar: nachdem er schon ›Wer ther‹ und ›Götz‹ gedichtet, den ›Faust‹ entworfen, nun Schlittenpartien in Verse setzen, Claudine von Villabella u. dgl., und dann die antike Form suchen! ›Ein Glück, daß er zum »Faust« wiederkehrte!‹ – Anläßlich des Tischbeinschen Schillerportraits im Saale von Wahnfried wurde einmal viel von Schiller gesprochen, wobei Wagner den Einfluß Goethes auf ihn bedauerte, dem auch die jetzige Gestaltung des ›Wallenstein‹ sich verdanke. [274] Er sprach von der vortrefflichen Idee, ein Bild des Dreißigjährigen Krieges zu geben, und daß Goethe und Schiller an Bernhard von Weimar als Stoff gedacht, aber daß die erste Frage dann immer war: wie, und in welchen Versen? Jamben – oder was? ›Am lebendigen Kunstwerke hat es in Deutschland so sehr gefehlt. Es ist, als ob Goethe und Schiller etwas ganz anderes als Künstler, als ob sie Philosophen, Gelehrte o. dgl. gewesen seien und sich dann und wann gefragt hätten: könnte man im Deutschen nicht auch dichten?‹ Wenn Goethe den ›Faust‹ nicht vollendet und die ›Wahlverwandtschaften‹ geschrieben hätte, so wüßte man nicht, woran man mit ihm wäre. Gern stellte er die ›zahmen Xenien‹ daneben: ›Das und der »Faust«, – das sei Goethe! Ein enormes Genie blitze in diesen Versen auf, eine griechische Freiheit, und dabei etwas durchaus Germanisches!‹ Ein Lieblingsspruch von ihm war darin das lebensfreudige: ›Johannisfeuer sei unverwehrt‹ usw. Über seine bewunderungsvolle Freude an der ›klassischen Walpurgisnacht‹ haben wir schon an anderem Orte (S. 241) gesprochen. Zu Erörterungen über ästhetische Fragen gab das Buch Karl Ritters, seines einstigen Schülers: ›Theorie des Trauerspiels‹,64 Veranlassung. Es sei gescheit gemacht, sagte er davon, mit vielem Verstand und in gutem Stile abgefaßt, aber ein Winden und Wenden, ein Nichts-Sehen, Sich-nicht-fragen, wann und unter welchen Umständen große Tragödien entstanden seien; Nicht-sehen, daß Goethe und Schiller immer Suchende waren. Im weiteren Verlauf geriet er aber doch mehr und mehr in Erstaunen über die Korruptheit dieser Vermischung von gescheiten Einfällen und Absurditäten. Es sei, als ob das Gespenst seiner Kunst sich dieser Art Literaten durch alle Künsteleien hindurch zeigte und sie dann, um ihm aus dem Wege zu gehen, in die Bêtise, die verschrobene Albernheit verfielen! Soz. Bau der Stelle (S. 32 des Büchleins), wo Ritter von Nietzsches Geburt der Tragödie sagt, es müsse ein ›Witz‹ sein, wenn dieser die von ihm empfohlene künstliche Zurücktreibung der Tragödie in ihren lyrischen Mutterleib ausdrücklich gar eine Geburt nenne. ›Nur um das Eine nicht zuzugeben, werden sie dumm!‹ rief er aus. Er knüpfte daran die Erzählung dieses ganzen merkwürdigen Verhältnisses, welches er in seinem schließlichen Ausgang dahin beurteilte, daß der junge Mann sich von ihm abgewendet habe, um seine ›Unabhängigkeit‹ zu wahren. Nun sei es doch eine seltsame Idee, derartige Probleme in der Theorie rein mit der Vernunft lösen zu wollen, und nachdem er – seit ihrem letzten Scheiden in Venedig65 – zwanzig Jahre in Italien gelebt, sich jetzt mit deutschen Theaterangelegenheiten zu befassen! Aber es interessiere ihn als Lebenserfahrung.
Seine Arbeit an der Partitur war inzwischen stetig vorgeschritten und auch durch die Abfassung des mehrerwähnten, nach Erledigung des ›offenen [275] Schreibens an E. v. Weber‹ wiederaufgenommenen Aufsatzes ›über die Anwendung der Musik auf das Drama‹ nicht unterbrochen worden, da er sie in solchem Fall in den Nachmittagsstunden vornahm. Mitte Oktober kam Kapellmeister Levi zu einem seiner wiederholten kurzen Besuche von München herüber. Bei einer demnächst bevorstehenden Separatvorstellung des ›Ringes‹ für den König sollte Jäger als Gast den Siegfried singen, und es wurde der erste Akt des Werkes mit ihm durchgegangen. Bei dem anschließenden abendlichen Zusammensein war viel vom König und seinen Exzentrizitäten die Rede; auch – im Anschluß an seinen soeben entstandenen Aufsatz – über den Nachwuchs an jungen Musikern, die mit seinen Mitteln, aber ohne seine besonnene Beherrschung derselben sich an dramatische Kompositionen machten. ›Wenn mir jemand‹, sagte der Meister, ›eine neu komponierte Oper in Partitur zur Beurteilung vorlegt, so kann mir das gar nichts sagen. In den Künsten der Harmonisierung, der übermäßigen Dreiklänge, der Instrumentation und der allgemeinen Schablone moderner Komposition ist man jetzt so weit, daß man vorher wissen kann, man wird nicht gerade auf besondere Roheiten und Dummheiten stoßen. Aber nach dem Textbuche frage ich; daran erkenne ich, ob der Mensch Sinn für dramatische Poesie hat, und kann danach auch wohl absehen, ob er für dramatische Musik begabt ist, wenn es ihm gelang, für seinen Text den rechten musikalischen Ausdruck zu finden, was freilich in den wenigsten Fällen geschehen ist.‹66 Anderen Tages um 12 Uhr wurde der zweite Akt des ›Siegfried‹ vorgenommen; wie er hierbei das ›hier lieg' auch du, dunkler Wurm‹ aus eigener Empfindung vorsang, zeigte sich die Gestalt Siegfrieds dämonisch überwältigend groß – übermenschlich! Und bei der Stelle von der ›Rehhindin‹ und dem ›Menschenweib‹ dünkte den Zuhörern zugleich der Zusammenhang des Menschen mit der Tierwelt und seine Überlegenheit über sie ergreifend kundgetan. Um 5 Uhr sollte der dritte Akt folgen, doch war es schließlich für alle zuviel: der Meister war angegriffen, der gute Kapellmeister völlig krank, Jäger etwas erschöpft, – so daß sich, nachdem einmal Liszt dieses milde Beruhigungsmittel eingeführt, das beabsichtigte Studium in einen ruhig heiteren Familienwhist auflöste. Levi blieb noch einige Tage; doch kam es an weiteren Studien nur noch (18. Oktober) zum ersten Akte der ›Götterdämmerung‹. Als dann noch nach dem Abendbrot das C dur-Quartett von Beethoven (Op. 59, Nr. 3) zum Vortrag kam, wollte es durchaus keine Freude machen; vielmehr schien es, daß, nachdem man dramatische Musik gehört, die andere nicht zu ihrem Recht gelange. ›Dies ist nicht Beethoven‹, sagte er, ›sondern echter Hellmesberger. Das ist noch die kalte Musik des Sonatenstils, wobei es auf virtuose Fertigkeit in der Ausführung der Fiorituren ankam.‹ Es war ihm stets ein trauriges Zeichen für das [276] deutsche Publikum, daß es imstande sei, soviel Grundverschiedenes, Echtes und Unechtes, dicht nebeneinander mit gleicher Andacht und Begier auf sich wirken zu lassen. ›Es ist unglaublich, was der Deutsche alles für schön hält, wenn er's im »Abonnement« hören kann67!‹
Das war noch vor dem Eintreffen Steins, aber auch in der Folge kam es zu mancherlei musikalischen Vorträgen. Seit dem 25. Oktober war ›Don Quixote‹ die tägliche Labung in den Abendstunden; nach der ersten Heimkehr des Helden bewunderte es der Meister, daß Cervantes das Gespräch mit dem Bauer nicht dialogisch wiedergebe, sondern bloß erzähle: ›die wußten‹, rief er aus, ›was als Epos, was als Drama zu behandeln sei‹. Mit vielem Gelächter und unsäglicher Freude, die Allgegenwart des Dichters in allen kleinen Zügen zu verfolgen, wurde die Lektüre fortgesetzt, insofern ein wenig prüfend, als sich so manches nicht eignete, vor weiblichen Zuhörerinnen vorgetragen zu werden: doch las er in den meisten Fällen mit göttlicher Ruhe gleichmäßig fort, und die Damen hielten sich tapfer. Er bewunderte die künstlerische Ökonomie des Ganzen, und wie sparsam er in den Abenteuern gewesen sei, so daß sie immer wirkten. Bei der erhabenen Rede an den alten weinenden Sträfling lenkten sich die Gedanken unwillkürlich auf den Platonischen ›Staat‹. Nach der Szene mit den Sträflingen stand der Meister von seinem Sitze auf, trat an den Flügel und spielte das Thema Siegmunds: ›das sei der germanische Don Quixote‹. Ein anderes Mal, nachdem man Don Quixote in den Bergen verlassen, forderte er Rubinstein auf, eine Fuge von Bach zu spielen, dieser wählte zur größten Freude aller die H moll-Fuge für Orgel. ›Das sind elementare Planetenkräfte, physisch belebt!‹ rief er nach ihrer Anhörung aus. ›Bach ist der Musiker kat' exochen!‹ Er spielte hierauf noch selbst das Präludium in Es moll, und sprach dann davon, wieviel Weibliches in diesen gewaltigen Werken sei, rührend Klagendes. Wieder einmal ließ er Jäger ›durch die Wälder, durch die Auen‹ singen und begleitete ihn so mächtig ausdrucksvoll, daß Webers Genius voll und ganz auf die Zuhörer wirkte. Als darauf Rubinstein das Vorspiel zu den ›Meistersingern‹ zum besten gab, stand er selbst am Flügel, um bei den Forti den Deckel des Flügels zu öffnen, bei den Pianostellen ihn wieder zu schließen. Dann setzte er sich zu Rubinstein an den Flügel, um gemeinschaftlich mit ihm den Kaisermarsch zu spielen. ›Ein wunderbarer Abend!‹ teilte sich Stein darüber brieflich an seinen Bruder mit. ›Meistersinger und Kaisermarsch! Wagner so gut und [277] froh! Ich weiß, daß Du verstehst, wieviel Allerbestes für mich hier ist!‹68 So war denn auch der Meister darauf bedacht, seinen neuen Jünger in den ›Ring des Nibelungen‹ nach Möglichkeit einzuführen und schickte ihn zu den eben (3. bis 7. November) in München stattfindenden Aufführungen, in denen Jäger den ›Siegfried‹ sang. Da diese Aufführungen, wie soeben erwähnt, Separataufführungen für den König, vor sonst leerem Hause waren, wandte er sich in dieser Angelegenheit an Herrn von Bürkel, der ihm alsbald die Erfüllung seines Wunsches meldete: sehr gern habe der König Herrn von Stein den Zutritt zu den Separataufführungen gewährt. Als Stein am folgenden Sonntag (9. November) um die Kaffeestunde nach Bayreuth heimkehrte, fand er Freiherrn von Gersdorff vor, der als seltener, aber immer gern gesehener Gast ein paar Tage früher eingetroffen war und in täglichem Verkehr volle vier Wochen (vom 5. November bis zum 4. Dezember) in Bayreuth zubrachte.
Vieles trug sich in diesen Wochen zu, Heiteres und Trauervolles, Erhebendes und Niederdrückendes. Des Meisters eigenes Befinden war durch die Unmöglichkeit einer Durchführung der von ihm für den Sommer beabsichtigten Kur, sowie durch die ihm, infolge seiner Beschäftigung mit der traurigen Vivisektionsfrage aufgedrängten Eindrücke stark benachteiligt; so sehr er sich auch durch die ihm eigene, durch nichts niederzudrückende Elastizität darüber zu erheben wußte. Dazu war schon früh eine solche Kälte eingetreten, daß man sich bereits gegen Ende September fragte, ob man schon heizen solle? Üble Nächte mit wilden Träumen, ohne nachweisliche Diätfehler, wirkten ermüdend und beunruhigend; so daß er sich aus freien Stücken zu einer Diätveränderung entschloß und den sonst gern von ihm genossenen abendlichen Grog aufgab Beängstigende Gerüchte über den Gesundheitszustand von Frau Feustel gingen ihm und dem ganzen Hause nahe, weil alles die gute Frau liebte; und er ließ sich über ihr Befinden durch Dr. Landgraf Bülletins geben. Ursprünglich hatten sich bloß die Erscheinungen eines Magenkatarrhs gezeigt, allein bald stieg das Fieber zu einer Höhe, die den dringenden Verdacht erregen mußte, daß man es mit einem typhösen Krankheitsprozesse zu tun habe, den zu überstehen die Körperbeschaffenheit der Patientin sehr ungünstige Chancen bot. Am 11. November trat das gefürchtete Ereignis ein, und die beste, ja einzige Freundin in Bayreuth, die wir an früherer Stelle (S. 149) als die eigentliche Seele seiner ersten Beziehungen zu Bayreuth bezeichneten, wurde – nach 32 jähriger reichgesegneter, glücklicher Ehe – ihrem Gatten und dessen Freunden entrissen. Bereits tags zuvor aber hatten sich bei ihm selbst, durch Ansammlung aller vorausgegangenen und fortdauernden Irritationen, die ersten Spuren der Gesichtsrose eingestellt, [278] die von jetzt ab in kurz aufeinanderfolgenden Intervallen wiederkehrend, ihn mit gleicher Hartnäckigkeit, wie einst in Zürich69 verfolgte. Trotz seiner eigenen Krankheit hatte er Frau Feustel noch einen letzten Besuch machen wollen, und als man ihm sagte, sie sei bewußtlos, die Antwort gegeben: ›ich würde sie schon zu Bewußtsein bringen‹. – – – –
Die Erkrankung begann, ganz wie in seiner Kindheit und dann wieder im Jahre 1855 zu 56, mit einer Anschwellung und Rötung der Nase und einem von hier ausgehenden Druck auf das Gehirn. Dr. Landgraf ordnete Dämpfe von Eibischtee an, die ihm den Kopf ein wenig befreiten. Die folgenden Nächte waren nicht schlecht zu nennen; doch verschlimmerte sich der Zustand zusehends, und er wurde viel von Kopfschmerzen geplagt. Damit die Dämpfe ihm nicht zu heftig in