XIII.

Der Gedanke von Bayreuth.

[303] Des Königs Befehl zur Aufführung der ›Walküre‹. – Komposition der ›Götterdämmerung‹ begonnen. – ›Über das Dirigieren‹. – Neue Verstimmungen von München her. – Äußere Vorgänge: die ›Meistersinger‹ in Dresden, Wien, Berlin; Hans Richter in Brüssel. – Der Gedanke von Bayreuth. – Französische Kriegserklärung. – Trauung und Taufe.


Spielt nur, ihr Nebelzwerge mit dem Ringe

wohl dien' er euch zu eurer Torheit Sold;

doch habet acht: euch wird der Reif zur Schlinge;

ihr kennt den Fluch: seht ob er Schächern hold!

Der Fluch, er will, daß nie das Werk gelinge,

als dem der furchtlos wahrt des Rheines Gold;

doch euer ängstlich Spiel mit Leim und Pappe

bedeckt gar bald des Niblungs Nebelkappe!

Richard Wagner.


Das Traurigste war, daß der einmal betretene Abweg den, vom Schicksal selbst erkorenen und berufenen, hohen Schirmherrn der Kunst Richard Wagners ganz folgerecht noch um einen ferneren Schritt von seiner wahren erhabenen Aufgabe ablockte. Unmittelbar nach der von ihm – gegen den Willen des Meisters – durchgesetzten unglücklichen Einzelaufführung des ›Rheingold‹ erfolgte sein Befehl, nunmehr in gleicher Weise auch die ›Walküre‹ in Angriff zu nehmen und ›in möglichster Vollendung und tunlichst kurzer Zeit zur Aufführung zu bringen.‹ Kaum konnte er sich von seiner wahren Aufgabe noch weiter verirren, von jener Aufgabe, die – Hand in Hand mit dem schöpferischen Genius – zunächst nur in geduldigem Abwarten, und sodann, im gegebenen rechten Moment, in königlicher Tatkraft und Unerschütterlichkeit zu lösen war. Allein kein Romandichter hätte, aus berufsmäßiger Gewohnheit seiner Phantasie die Zügel schießen lassend, im Ersinnen immer neuer, unerwarteter Peripetien erfinderischer sein können als es – Wagner gegenüber – die Wirklichkeit selber war. Von allen nur irgend erdenklichen Prüfungen und Widerständen blieb dem nach höchsten Zielen Ringenden, dem Reformator [304] der deutschen Kunst, auch nicht eine einzige Prüfung erspart. Selbst diejenige nicht, deren Ursprung in einer allzu heftigen, unbezähmbaren Begeisterung und Liebe für sein Schaffen begründet lag. Durch solche rücksichtslose weitere Verfolgung seiner persönlichen Neigungen wandte sich die enthusiastische Ergebenheit des Beschützers gegen den von ihm Beschützten. Sein jugendlicher Drang nach vorzeitiger sichtbarer Verkörperung des künstlerischen Ideales trieb ihn gewaltsam dazu an, dieses Ideal in den Staub der gemeinen Alltäglichkeit herabzuziehen und die schon bestehende Kluft zwischen sich und dem Meister, zur Befriedigung aller Verständnislosen und Übelwollenden, auf die empfindlichste Weise noch weiter aufzureißen. Es bedarf nicht der besonderen Hervorhebung, welche tief einschneidenden Schmerzen dem Schöpfer des Nibelungenwerkes dadurch auferlegt wurden. Des einen durfte er dabei tröstlich sich bewußt sein: wenn dereinst seine große künstlerische Tat zur Wirklichkeit wurde, so bedeutete sie den Beginn einer völlig neuen Epoche der Kunst; und was ihn jetzt grämte, das mußte dann – in dem reinen Morgenlicht dieser Tat – erblassen und verbleichen, und in seiner Nichtigkeit dem Vergessen aller kommenden Zeiten anheimfallen. Daß sie aber, und in nicht mehr zu ferner Frist, zur Wirklichkeit werden mußte, das war ihm nun innig gewiß; von dem Augenblick an, da ihm endlich, im rein menschlich persönlichen Sinne, ein lange ersehntes, schwer errungenes ›neues Leben‹ angebrochen und der leuchtende Stern einer heldenhaften hohen Liebe ihm aufgegangen war. – – –

Zwischen dem kurzen Münchener Aufenthalt des Meisters zu Beginn des September und der unglücklichen ›Rheingold‹-Aufführung lagen kaum drei Wochen. Sie waren, im Anschluß an den vorausgegangenen schönen Sommer, durch mancherlei Besuche aus gefüllt. Die edle Frau, welcher er seine Kriegserklärung gegen das ›Judentum‹ gewidmet, da er ihr die nötige Unabhängigkeit der Gesinnung zutrauen durfte, Frau Marie Muchanoff-Kalergis (S. 268), ferner die Familie Hermann Brockhaus, aus der nächsten Umgebung Bassenheims, sodann sein Verleger Franz Schott mit Gemahlin, nachmals Graf Villiers und das Mendèssche Paar, eine begabte junge französische Komponistin Augusta Holmès, die Verfasserin des einzigen gesinnungsvollen Artikels der französischen Presse über die ›Rheingold‹-Angelegenheit,1 zuletzt Prinz Georg von Preußen waren in dieser erregungsvollen Periode die Gäste von Triebschen; Frau von Muchanoff sogar zu wiederholten Malen, so daß beiden Teilen der Abschied schwer fiel. Es mußte ihm wohltun, in solcher Zeit ergebene Freunde um sich zu sehen; ihre Teilnahme war ihm von Wert, ja das eigentlich einzig Wertvolle in seinen Beziehungen zur Mitwelt. Auf der Grundlage solcher Teilnahme durfte er, selbst wenn sein König ihn verließ, [305] sein großes Lebenswerk doch noch zu errichten hoffen. Am 21. September besuchte ihn auch Johann Herbeck, der Nachfolger Essers in der Wiener Hofkapellmeisterschaft, um über die endlich bevorstehende Wiener Aufführung der ›Meistersinger‹ mit ihm mündliche Rücksprache zu pflegen. Er benahm sich vertrauenerweckend und ehrerbietig; trotzdem hatte der Meister genug zu tun, um ihm von Hause aus den Kopf zurechtzurücken und ihn vor dem unseligen Prinzip zu bewahren: ›von vornherein auf Kürzungen auszugehen‹. Denn dies Verlangen war es in der Tat, was ihm, unter dem beschönigenden Namen ›praktischer Vorschläge‹, auch hier wieder entgegentrat. ›Ich beschwöre Sie, gerade diese Gelegenheit zur Grundlegung eines guten Stiles nicht unbenützt vorübergehen zu lassen‹, ruft er daher Herbeck noch wenige Wochen später (12. Oktober) in einer tief beredten brieflichen Mitteilung zu.2 Von äußeren Ereignissen fielen in diese Zeit der Tod seiner unvergeßlichen alten Freundin Frau Julie Ritter (Mitte Sept. in Pisa); demnächst auch die Feuersbrunst, welche – ebenfalls am 21. September – das Dresdener Opernhaus in Schutt und Asche legte, in dessen Räumen einst sein ›Rienzi‹ und ›Tannhäuser‹ ihre Laufbahn begonnen hatten. Schlimmer war es, unter Rietz' Leitung, in demselben Hause den ›Meistersingern‹ ergangen, – worauf wir im Lauf dieses Kapitels noch zurückkommen werden.

Im Oktober trat endlich wieder völlige Stille um ihn ein. Doch fand er sich nicht in der Stimmung, die am 25. August (S. 296) aufgenommene letzte Arbeit an der Partitur des ›Siegfried‹ bis zu ihrer Vollendung fortzusetzen Gewiß waren die Münchener Ereignisse nicht ohne Einfluß auf diese Entscheidung geblieben. Für wen sollte er, unter den augenblicklichen Umständen, diese abschließende letzte Arbeit ausführen? Ja, wenn er sie mit ungetrübter Freude und Genugtuung in die Hände seines Königs hätte niederlegen dürfen!3 Für sich selbst konnte er sein großes Werk in der vorliegenden Gestalt als abgeschlossen betrachten und die bloße Nacharbeit der letzten Ausführung, da diese Fertigstellung jetzt für ihn nichts Verlockendes hatte, einer andern Zeit vorbehalten. Vielmehr drängte es ihn zur Inangriffnahme der Komposition des letzten Werkes, der ›Götterdämmerung‹, überzugehen Sie beschäftigte ihn, den ganzen Winter auf 1870 hindurch, in anhaltendem Schaffen: am 11. Januar ward die Orchesterskizze des ersten Aktes begonnen und am 2. Juli vollendet.4 In einem (ein halbes Jahr später geschriebenen) Brief an Klindworth heißt es darüber einfach: ›In der Instrumentation des dritten Aktes von »Siegfried« habe ich mich, der[306] Komposition der »Götterdämmerung« zulieb, unterbrechen müssen, weil es mir durchaus unmöglich, meine Aufmerksamkeit gleichzeitig auf beide Arbeiten zu wenden. Von Anfang Juni an darf ich mich aber für einige Zeit – nach der Vollendung des ganzen I. Aktes (mit Vorspiel) – unterbrechen, und dann arbeite ich rasch hintereinander die Partitur des III. »Siegfried« – Aktes aus.‹5 Daneben entstand, in dem gleichen Monat Oktober, die Abhandlung ›Über das Dirigieren‹. Wenn wir zuvor, bei Betrachtung der Schrift über das ›Judentum‹, wegen des an ihrem Schluß enthaltenen Glaubensbekenntnisses in bezug auf das Wesen der deutschen Musik, diesen Aufsatz als die Grundlage einer Neuschöpfung im Gebiete der musikalischen Ästhetik bezeichnen konnten, so haben wir in der Abhandlung ›Über das Dirigieren‹ den ersten Ausbau dieser Neuschöpfung, zunächst nach der technisch praktischen Seite, vor uns. Der Meister redet hier zu seinen Schülern und Jüngern am Dirigentenpult. Was im Zusammenhange jener Schrift kaum nur hatte angedeutet werden können, die Einsicht in die tiefen Schäden des herrschenden musikalischen Vortrages, findet hier seine eingehende, kunst- und kulturgeschichtlich bedeutsame Erörterung, unter steter Herbeiziehung der treffendsten Beispiele und Belege. Ohne direkte aufreizende Wiederholung der dort gewählten Bezeichnung für die undeutsche Verkümmerung der öffentlichen Musikzustände, werden hier die hervorragendsten Gebrechen aufgedeckt, an denen die herrschende Dirigierkunst krankte, und die ›elegante‹ Verflüchtigung der Nuancen, die schwächliche Scheu vor jedem großartigem Zuge, jedem leidenschaftlichen Ergusse, im wesentlichen auf den Typus Mendelssohns und seiner zierlichen Epigonen zurückgeführt. ›Der Deutsche ist eckig und ungelenk, wenn er sich manierlich geben will: aber er ist erhaben und allen überlegen, wenn er in das Feuer gerät. Das sollen wir nun jenen zuliebe zurückhalten?‹ In ihrer ganzen Durchführung erweist sich die Schrift als ein vollendetes Meisterstück seines literarischen Stiles, von keiner andern übertroffen an Wärme, Kraft, Energie, betrachtender Tiefe und seiner überlegener Ironie. Ein ›wahrhaft goldenes Büchlein‹ nennt es daher Bülow, der es sich sogleich nach Erscheinen in mehreren Exemplaren nach Florenz bestellt hatte, wohin er inzwischen übergesiedelt war. ›Alles Gold – wundervoll – wenn es auch Perfall und Wüllner nicht sonderlich behagen wird.‹6

Und während – der Natur der Sache nach – die erste Sammlung zu der großen Arbeit an der musikalischen Gestaltung der ›Götterdämmerung‹, mit ihrer alles beherrschenden und bewältigenden Grundstimmung des Erhabenen, in tiefes Schweigen sich hüllt, können wir dagegen von Schritt zu Schritt [307] verfolgen, wie der Meister das Erscheinen seiner neuen Schrift in den einzelnen Phasen ihres Hervortretens an die Öffentlichkeit berät, auf eine zuverlässige Korrektheit des Druckes bedacht ist, antreibt und bei mancherlei Lässigkeit und Verzögerung dazwischen – sehr berechtigterweise – die Geduld verliert. Sie war nämlich zunächst ›in alter Anhänglichkeit‹ für die, ehemals Brendelsche, ›Neue Zeitschrift für Musik‹ bestimmt, an deren Herausgeber (C. F. Kahnt) bereits am 3. November die erste Manuskript-Rate abgeht. ›Der Aufsatz hat praktische Bedeutung, und man soll etwas daraus lernen‹, heißt es in dem Begleitschreiben. Er bittet ›allerernstlichst um eine genaue Korrektur, mit völliger Beibehaltung meiner Orthographie und Interpunktation‹. Drei Wochen später ersieht er zu seinem Verdruß, daß ›auch die neueste Nummer der Zeitschrift seinen Artikel noch nicht bringt‹. ›Können Sie denn, da nun einmal eine sichere Korrektur bei Ihnen unmöglich erscheint, nicht wenigstens für eine schnellere Herstellung des Korrekturabsatzes sorgen?‹ Nun beginnt das Erscheinen der einzelnen Abschnitte in der Zeitschrift; aber der geschäftskundige Herausgeber weiß es einzurichten, daß sie sich, um seinen Abonnenten eine Lockspeise zu bieten, nach Möglichkeit in den neuen Jahrgang hinein erstrecke, so daß noch am 2. Februar der Meister ihn zu mahnen hat: ›mir liegt an der baldigen Beendigung und dem Erscheinen der Broschüre, und ersuche ich Sie deshalb, doch recht eifrig hinter dem Drucke her sein zu wollen‹. Ein Schreiben vom 9. betrifft den Druck der Separatausgabe; vier Wochen später (9. März) macht er eigens darauf aufmerksam, daß dieselbe ›nicht verschämt, sondern mit sehr ausgedehnter Ankündigung zur Verbreitung gebracht werden solle‹. Endlich, um den 25. März, erfolgt die Herausgabe; am 26. übersendet er ein Exemplar an Frau Wille: ›Sie wird manches darin interessieren; vielleicht aber erregt manches darin – wenn wohl auch nicht bei Ihnen – so doch anderswo in Zürich7 ein kleines Ärgernis, weswegen ich das Büchelchen nach anderer Seite hin zurückhalte.‹8 Die gesamten Erfahrungen, welche er bei dieser Gelegenheit aufs neue mit deutschen Verlegern machte, waren aber doch in jeder Hinsicht so unerfreuliche, daß er in der Folge sich darauf angewiesen sah, einen für diese Aufgabe passenden Geschäftsmann eigens zu suchen, ja gewissermaßen sich selbst erst zu schaffen. ›Ich mußte mir einen kleinen Leipziger Anfänger im Musikhandel‹ ›E. W. Fritzsch in Leipzig, herausgreifen, um einen willigen und zugleich nicht schamlos betrügenden9[308] Verleger für meine Schriften zu haben‹, teilt er sich darüber drei Jahre später mit.10

Der gleichen stillen Herbst- und Winterzeit auf 1870 gehört nun aber auch der zunehmend vertrauliche Verkehr mit Nietzsche an, dessen wir – vorausgreifend – schon zuvor gedachten. Dieser Verkehr und die daraus gewonnene beiderseitige Befriedigung bewegte sich noch volle drei Jahre hindurch, ohne bemerkbare Störungen, in aufsteigender Linie: der junge Baseler Professor hört auf, als Fremder bloß zu ›interessieren‹; er wird ein Bekannter und Vertrauter, er bestätigt die von ihm gehegten Erwartungen, er berechtigt zu ferneren guten Hoffnungen, er wird selbst ein ›Triebschener‹. Die Herzlichkeit, mit welcher das Haus des Meisters dem Jünger sich auftut, führt allmählich zu einer ›tiefen und engen Freundschaft‹, und es gab ›köstliche Tage und Stunden weltentrückten Zusammenseins‹. ›Man trug alle großen und kleinen Leiden und Freuden getreulich mit einander, man litt gemeinsam unter den verfrühten Aufführungen des »Rheingold« und der »Walküre« in München, unter all den indiskreten Veröffentlichungen und boshaften Angriffen gegen den Meister. Man freute sich aber auch von ganzer Seele am Fortschreiten seiner großen Arbeit: der »Götterdämmerung«; man teilte sich gegenseitig die einfachen Vorkommnisse des täglichen Lebens mit, vorzüglich die reizenden Geschichten, welche die liebliche, drollige Kinderschar in Triebschen ausführte und die den Erwachsenen großes Vergnügen bereiteten.‹ So lesen wir in der Lebensbeschreibung Nietzsches durch seine Schwester.11 Als das Weihnachtsfest herannahte, fiel ihm die schöne, familiäre Aufgabe zu, in Basel einige Einkäufe für die Weihnachtsbescherung zu machen: nicht nur Dürersche Stiche, Antiquitäten und Kunstsachen, sondern auch Puppen, Puppentheater und anderes Kinderspielzeug. Frau Cosima habe sich immer ganz beschämt geäußert, wenn sie mit solchen Bitten an ihn herantrat: ›sie finde den Mut dazu allein dadurch, daß sie ganz zu vergessen suche, daß er Professor, Doktor und Philologe sei, und sich nur seiner 25 Jahre erinnere‹. Im übrigen machte sie es ihm, aus Rücksicht auf sein unpraktisches Wesen, sehr bequem: er solle in den Läden nur Zettel mit den ausführlichen Beschreibungen abgeben. Aber so leicht habe er es – aus eigener Freude an der Sache – nicht genommen: ›er warf nicht nur prüfende Blicke auf die Kunstgegenstände, Bücher und andere Sachen, die er verstand, sondern auch auf das Kinderspielzeug. Er hat z.B. bei den Figuren des Puppentheaters auszusetzen, daß der König zu wenig echt aussehe, und der Teufel nicht so schwarz sei, als es wünschenswert wäre; auch entwickelt er eine eigene Meinung über das Gewand eines Weihnachtsengels‹ usw. Er verlebte das Weihnachtsfest 1869 [309] auf die glücklichste Weise in Triebschen. ›Das alte trauliche Landhaus verwandelte sich in den Festtagen in ein liebliches Weihnachtsmärchen, in dem die beseligten Kinder mit Wonne und die Erwachsenen mit rührender Wehmut Raum und Zeit vergaßen. Man beschenkte sich gegenseitig mit allerlei Schönem und Sinnigem und was dem Herzen besonders wertvoll war; z.B. erhielt mein Bruder von Frau Cosima eine wunderschöne Ausgabe des Montaigne.‹ Mit ungleich wichtigeren Angelegenheiten als Weihnachtsgaben, heißt es dann weiter, sei aber der junge Freund vom Meister selber betraut worden: die Autobiographie, nach seinen Diktaten im Lauf der letzten Jahre (S. 198) niedergeschrieben, sollte damals, um die einzige Handschrift vor dem Untergang zu bewahren, in der sehr geringen Anzahl von sechs Exemplaren als Manuskript gedruckt werden. ›Wagner legte die ganze Angelegenheit vertrauensvoll in die Hände meines Bruders, der in Basel den Druck vermittelte; im Anfang las er sogar alle Korrekturen mit‹ usw.12

Gewiß ist, daß aus des Meisters Briefen während dieses Winters übereinstimmend der Ausdruck der Befriedigung, der freudigen Sicherheit einer endlich errungenen festen Begründung seines Daseins sich kundgibt. Unter diesen Äußerungen stellen wir die wenigen, aber vielsagenden Worte voran, die er am 3. Dezember an Louis Köhler in Königsberg richtete, nachdem sich dieser in dortigen ›Meistersinger‹-Angelegenheiten an ihn gewandt und ihm seine Wünsche für eine ungestörte Produktivität dargebracht hatte. ›Haben Sie Dank für Ihren freundlichen Brief, sowie für Ihren Glückwunsch, welcher sich mir im vollständigsten Sinne bereits erfüllt hat. Siegfried ist vollendet. Ich beginne die Götterdämmerung. Angelegentlich hoffe ich auf ein hohes Alter mit großer Produktivität.‹13 Ganz im gleichen Sinne äußert er sich in einem ausführlichen betrachtungsvollen Briefe an Pusinelli (12. Januar 1870), dem wir im vorstehenden bereits einige bedeutende Stellen entnahmen, – und zwar, dem alten ärztlichen Freunde gegenüber, auch über sein physisches Wohlergehen. ›Was meine Gesundheit betrifft, so erscheine ich – namentlich den Sachkennern – als ein zu langem Leben und Wirken bestimmtes Exemplar einer besonderen Menschengattung. Sehr empfindlich und reizbar, schnell fiebernd und transpirierend, werde ich doch eigentlich nie krank und erhole mich vom Übelbefinden so schnell, daß ich ausgelacht werde. Bald habe ich mein 57. Lebensjahr vollbracht, und ich darf erkennen, daß mir eben nur die Ruhe fehlte, um meine Kraft erst jetzt noch in ihrer lautersten Wirksamkeit zu bewähren.‹ Ist es nicht bei diesen Worten, als hätten wir den Schreibenden selbst vor Augen, als sähen wir die lichten Sonnenstrahlen eines klaren Wintermorgens in sein Zimmer fallen, während rings umher die Landschaft mit ihren winterlich bereisten Pappeln unter stiller weißer Schneedecke liegt? [310] Soll doch Triebschen nach der eigenen Versicherung seiner Bewohner im Winter fast noch traulicher als im Frühlings- und Sommerschmucke gewesen sein! Und es ist kein vorübergehendes Gefühl der Beglückung, der Schaffensfreude, das sich in diesen Äußerungen ausspricht; die Vorstellungen eines ›langen Lebens‹ und ›hohen Alters‹ kehren darin wieder und geben ein reines, helles Spiegelbild seines Seelenzustandes, seit das Dasein für ihn einen ganz neuen Wert erhalten hat. ›Ich muß wünschen, es zu einem hohen Alter zu bringen, da meine Lebenspflichten sich unendlich gesteigert haben‹, heißt es in einem Briefe an Wesendonck vom 5. Januar. ›Die »Götterdämmerung« ist begonnen; nach einiger Ruhe und Sammlung soll dann »Parzival« folgen, während manches andere in mir sich hoffnungsvoll für ferneres Schaffen gestaltet.‹ Mit dem gleichen Briefe übersendet er dem gleichen Empfänger den ersten fertig gedruckten Probebogen der Autobiographie aus der Baseler Druckerei. ›In unsäglich bewegten Zeiten‹, fügt er hinzu, ›gab es mir seit ungefähr vier Jahren einen trostreichen Anhalt, mein vollständiges Leben zu diktieren.‹ Und so gewinnt nun auch das weit hinter ihm liegende Vergangene durch eine beglückte Gegenwart einen neuen Sinn, und es erfreut ihn, seine Häuslichkeit mit so mancherlei Erinnerungsvollem aus früher Jugendzeit auszuschmücken. ›Gar manches aus dieser Vergangenheit hat sich jetzt bei mir angesammelt, was achtungslos weithin zerstreut war. So besitze ich jetzt die recht guten Ölporträts meiner Mutter, meines Oheims und meines Stiefvaters: von dem zweiten habe ich mühsam seine gedruckten Schriften, von dem letzteren Briefe und ein sehr hübsches Lustspiel aufgetrieben.‹14 Diesen Bestrebungen reihten sich gleichzeitig auch diejenigen an, welche sich auf die Wiederauffindung vernachlässigter und abhanden gekommener älterer eigener Arbeiten oder Entwürfe bezogen und von nun an bei gegebenem Anlaß immer fortgesetzt wurden; so z.B. des Opernentwurfes ›der Sarazenin‹.15 So deutet alles darauf hin, daß nach dem Gefühle des Meisters der ›Hafen‹ wirklich erreicht war, daß er sich nun endlich im Besitz einer schwer errungenen Heimat fühlte. Um so trauriger ist es wahrzunehmen, wie – während auf der einen Seite alle zureichenden Bedingungen für ein ruhiges Schaffen gewonnen waren – von der andern die ernstlichsten Trübungen diese tief befriedigte Seelenheiterkeit wieder zu stören drohten!

Wieder gingen diese Trübungen und Störungen von München aus; auf [311] ihren Grund und ihre Beschaffenheit haben wir bereits im Eingang dieses Abschnittes hingewiesen. Der königliche Befehl war gegeben; dem ›Rheingold‹, das in so unglückseliger Weise die Bühne der Kgl. Hofoper überschritten, sollte die ›Walküre‹ nachfolgen. In wahre ernstliche Verlegenheit fand sich dadurch der wohlgesinnte Kabinetssekretär Hofrat v. Düfflipp versetzt, der sehr wohl einen annähernden Begriff davon hatte, was man dem Meister schuldig sei, und dem daher die ihm zugewiesene Vermittlerrolle nicht leicht fiel. Wir folgen in der Darlegung der Angelegenheit wiederum seinen eigenen Angaben in einem Briefe an Bülow.16 Wir erfahren daraus zunächst, daß durch die Rheingold-Vorgänge die Korrespondenz zwischen dem König und Wagner unterbrochen und die Vorbereitungen zur ›Walküre‹ getroffen worden seien, ohne dem Meister darüber Nachricht zu geben! ›Es war dies‹, fährt das Düfflippsche Referat fort, ›für mich in mancher Beziehung sehr peinlich, allein ich mußte die Dinge geschehen lassen und hatte nur zum Troste, daß solche wenigstens einigermaßen durch die Umstände gerechtfertigt (?!) erscheinen müssen. Später nahm der König Gelegenheit, Herrn Wagner direkt hiervon in Kenntnis zu setzen, und nun lief ein Brief aus Triebschen ein, in welchem die Bedingungen enthalten waren, die der Verfasser des Werkes bezüglich der Aufführung desselben stellen zu müssen glaubte. In der Hauptsache wurde verlangt, daß ein Allerhöchster Befehl erlassen werde, welcher Herrn Wagner nach München berufe und mit nötiger Vollmacht ausrüste, um die Proben usw. der Walküre persönlich zu leiten, und daß inzwischen der Intendant, Herr Baron v. Perfall, zu beurlauben wäre.‹ ›Ich habe nicht verfehlt, das ganze Schreiben dem Könige wörtlich vorzutragen, in der Hoffnung, nunmehr einen empfänglicheren Boden für den Austrag der Sache zu finden, sah mich aber wiederholt getäuscht, indem ich wieder nichts erreichen konnte und mich zuletzt noch als den Advokaten Richard Wagners (!) bezeichnet hören mußte. Auf meine Erklärung, daß es ganz unmöglich sei, aus Triebschen andere Vorschläge zu erhalten, wurde mir der Auftrag erteilt, mich um Rat an Herrn von Bülow nach Florenz zu wenden.‹ Nun hatte der Meister allerdings auch gebeten, daß wenigstens die Aufführung der ›Walküre‹ für nächstes Jahr verschoben werden möchte; allein trotz der wärmsten Fürsprache von Düfflipps Seite war der König unerschütterlich auf dem gegebenen Befehle stehen geblieben. ›Ich hatte nun‹, fährt ersterer fort, ›die unangenehme Aufgabe, Herrn Wagner hiervon zu verständigen und um andere und zwar akzeptable Vorschläge dringend zu ersuchen. Auf meinen desfallsigen Brief hat mir Frau v. Bülow-Liszt geantwortet, daß der Meister keine anderen Vorschläge zu machen imstande sei und insbesondere keinen Dirigenten bezeichnen könne, da diejenigen Personen, [312] welche sein Vertrauen hätten, aus München verdrängt worden wären.17 Zwischen den Zeilen ist durchzulesen, daß wir eben uns selbst helfen müßten und den Meister in Ruhe lassen sollten, wenn seinen Bedingungen nicht Gehör gegeben oder mit der Aufführung nicht zugewartet werden wollte, bis die Ordnung seiner Verhältnisse jeden Anstoß aus dem Wege geräumt haben würde. Ich versuchte nun neuerdings, Se. Kgl. Majestät für den Aufschub günstig zu stimmen, allein wieder vergebens; und so ist gar nicht abzusehen, wie wir uns aus dieser Kalamität anständig heraushelfen können, wenn nicht von irgend welcher Seite die rettende Hand geboten wird.‹

Alle diese Verhandlungen fallen in die Zeit von Mitte Januar bis in die zweite Hälfte des Februar. Wie schmerzlich verstimmend sie wirkten, wie sie von neuem alles aufwühlten, was durch sorgsame Liebe von dem Schaffenden fernzuhalten war, wie sehr sie sein Wohlbefinden schädigten, seine Arbeitsfreudigkeit untergruben, das alles ist leicht zu vergegenwärtigen. Die heitere Stimmung, die ihn noch kurz zuvor erfüllt hatte, so daß er über ›Götterdämmerung‹ und ›Parzival‹ hinaus noch zu weiterem schöpferischem Dichten und Trachten sich beseelt gefühlt, – war aufs neue gefährdet. Ganz wie im vorigen Jahre bei der Komposition des ›Siegfried‹, die mitten im herrlichsten Gedeihen durch die Münchener ›Rheingold‹-Zumutungen so plötzlich unterbrochen wurde (S. 279)! ›Wir waren so trübgemut, daß wir selbst nicht mehr Abends lasen‹, heißt es in einer gleichzeitigen Nachricht der edlen Genossin des Meisters an Nietzsche. Dieser hatte soeben in einem, in Basel gehaltenen öffentlichen Vortrag über ›Sokrates und die griechische Tragödie‹ (1. Februar) den Verfall der letzteren aus jenem didaktisch-rationalistischen Element hergeleitet, dessen Anfänge nicht erst bei Euripides, sondern schon bei Sophokles, ja bei Äschylus sich nachweisen ließen (so daß demnach die griechische Tragödie bereits auf ihrer glänzendsten Höhe den Keim des Unterganges in sich getragen habe),18 und das Manuskript, eine Vorstudie zu seiner [313] späteren Schrift über die ›Geburt der Tragödie‹ nach Triebschen eingesandt. Die Zusendung dieses Vortrages und die Beschäftigung damit wird in den soeben erwähnten Zeilen als die Ursache einer Wendung der Stimmung zum Besseren bezeichnet. ›Die Wallfahrt, die wir durch Sie zu den schönsten Zeiten der Menschheit unternehmen mußten, hat so wohltätig auf uns gewirkt, daß am andern Morgen der Meister seinen Siegfried mit Begleitung der kecksten und übermütigsten Violinfigur auf dem Rhein sein heiteres Thema blasen ließ, welches vernehmend die Rheintöchter freudig hoffend breit und stark ihr Motiv erklingen lassen‹ Aber auch Wagners eigene Worte bei dem gleichen Anlaß lenken wieder zur Hoffnung und Heiterkeit ein. ›Wenn ich, so recht vom Unmut zernagt, schließlich doch immer wieder auf meine Arbeit zurückkomme, muß ich wohl öfters besonders guter Laune werden, weil ich es wirklich kaum begreifen kann und darüber dann lachen muß. Die Erkenntnis des Grundes hiervon geht mir dann auch wohl blitzartig auf; nur fühle ich dann sogleich, daß, wollte ich ihr nachhängen, um sie ganz in das »sokratische Wissen« umzusetzen, ich grenzenlos viel Zeit haben und nichts Besseres vorhaben müßte: denn – das Wissen solcher Gründe anderen begreiflich zu machen, erfordert mindestens die Verzichtleistung auf alles Schaffen. Da ist nun aber Teilung der Arbeit gut. Sie könnten mir viel, ja ein ganzes Halbteil meiner Bestimmung abnehmen. Und dabei gingen Sie vielleicht ganz Ihrer Bestimmung nach.‹ Es folgt nun eine wundervolle Ausführung über Philologie und Musik, durch welche der Adressat – ganz so wie er ging und stand, als ›Philologe‹ – die Weihen eines Jüngers des großen Reformators empfängt, um aus eben diesem seinem Stande heraus an dessen Kulturwerke sich zu beteiligen.19 ›Nun zeigen Sie denn, zu was die Philologie da ist, und helfen Sie mir die große »Renaissance« zustande bringen, in welcher Platon den Homer umarmt, und Homer, von Platons Ideen erfüllt, nun erst recht der allergrößte Homer wird. – Das sind so Gedanken, die mir ankommen, aber hoffnungsvoll, seit ich Sie liebgewonnen habe. Seien [314] Sie also nicht unsicher über den Eindruck, den mir Ihre Arbeit gemacht; er hat mir einen tiefen, ernstlichen Wunsch erweckt. Den werden Sie verstehen: denn wenn er nicht Ihr eigener ist, werden Sie ihn nicht erfüllen können.‹20 Man spürt es, als der Meister diesen Brief schrieb, fühlte er sich nicht alleinstehend; er empfindet es ahnungsvoll voraus, daß ihm Mitarbeiter an seinem umfassenden Lebenswerke, Fortführer und Weiterdenker seines großen deutschen Kulturgedankens erstehen müßten. So vergegenwärtigt er uns, und läßt es uns fast schmerzlich empfinden, was gerade aus diesem unter seinen Jüngern bei gesunder Entwickelung – ohne das allzufrühe Dazwischentreten einer mörderisch vernichtenden, sein ganzes Wesen bösartig in das Gegenteil verkehrenden Krankheit – hätte werden können!

Die äußeren Vorgänge dieses Frühjahrs (1870) sind so reichhaltig, daß es für uns notwendig ist, unsere Erzählung behufs eines weiteren Überblickes zu unterbrechen, um so mehr, als diese Unterbrechung uns nur scheinbar aufhält, um uns dem Ziele tatsächlich um einen Schritt näher zu bringen. Und so mögen wir sie denn mit dem Nachtrag einer kleinen Einzelheit eröffnen. Am 6. Januar nämlich hatte – in Dresden – Tichatschek sein vierzigjähriges Jubiläum als Sänger begangen. Rechtzeitig von dem Bevorstehen dieser seltenen Jubelfeier in Kenntnis gesetzt, entsandte der Meister dem außerordentlichen, stets bewährt gefundenen Freunde seinen telegraphischen Gruß und Glückwunsch in Gestalt folgender heiterer Reime:


Vierzig Jahre brav gesungen, manchen Ehrenkranz errungen,

Wachtelschlag und Peitschenkuall kühn entgegnend überall,

aller Tenoristen Schreck, preis' ich meinen Tichatschek!


Vor Jahr und Tag waren nun in eben diesem Dresden die ›Meistersinger‹ (21. Januar 1869) erstmalig über die Szene geschritten; es war dies sogar nach München die erste deutsche Bühne gewesen, welche ihnen ihre Pforten erschloß, und Tichatschek hatte, wie wir uns entsinnen (S. 251), wenn auch nicht als Mitwirkender, das Seinige zum Gelingen beigetragen. Leider aber war Rietz nicht der Mann, um einer durch Wagner gestellten Aufgabe auch nur annähernd gerecht zu werden! ›Äußerlich nahm sich alles sehr hübsch aus‹, bemerkt daher der Meister über diese Aufführungen, ›ein ungemein erregtes Publikum, zum Schluß sogar lohnender Hervorruf des Kapellmeisters, zu welchem mein eigener Landesvater applaudierend an die Logenbrüstung zurückkehrt. Nur nachträglich die ungemein fatalen Berichte über stattgehabte und immer neu eingeführte Kürzungen, Striche und Abänderungen, während ich immer nur den Eindruck einer vollkommen unverkürzten, aber allerdings auch vollkommen korrekten Aufführung in München dagegen abzuwägen habe, und [315] somit unmöglich dazu gelangen kann, den Verstümmlern recht zu geben.‹21 Dann war der Brand des Dresdener Theaters (S. 306) dazwischen getreten und hatte diesen verständnislosen Eigenmächtigkeiten vorläufig ein Ziel gesetzt. ›Rietz hat Euch das Theater abgebrannt, um die Meistersinger nicht mehr dirigieren zu müssen – Gott sei Lob!‹ scherzt der Meister darüber in seinem Briefe an Pussinelli vom 12. Januar. Inzwischen waren der Reihe nach die Aufführungen in Karlsruhe und Mannheim (5. Februar und 5. März 1869) auf einander gefolgt; in der zweiten Hälfte des Jahres machte Weimar (28. November) die erste Bekanntschaft des neuen Werkes, um es, gleich den genannten Städten, dauernd auf dem Repertoir zu erhalten. Hannover und Wien (26. und 27. Februar 1870) waren die nächsten Orte. Wie es mit der Korrektheit speziell der Wiener Aufführung, unter Herbeck, bestellt war, ward bereits (S. 306) von uns beachtet; trotzdem bieten gerade diese Wiener und die ihr folgende, ebenfalls lang verzögerte Berliner Vorstellung der ›Meistersinger‹ zu charakteristische Momente für die zeitgeschichtliche Umgebung, um sie hier so in Kürze zu übergehen.

In der Morgenfrühe des 28. Februar traf eine, um 1/24 Uhr in der österreichischen Kaiserstadt aufgegebene, ausführliche Depesche Herbecks ein, worin ihm dieser über den enthusiastischen positiven Erfolg seines Werkes und die Besiegung der heftigen Opposition nach dem zweiten Akte berichtete: schließlich glänzender Sieg mit fünfmaligem Hervorruf aller Beteiligten. ›Dritter Akt: weihevollste Stimmung, fortdauernder Enthusiasmus bis zum Schlusse, unzählige Hervorrufe‹, hieß es weiter in diesem Bericht. Nun, in der Tat, am Wiener Publikum hatte es nie gefehlt; es verstand sich mit seinen kritischen Beckmessern abzufinden. Sofort erfolgte die telegraphische Antwort: ›Herzlichen Dank und Anerkennung den Meistern und Lehrbuben! gratuliere zu Ihrem eigenen Erfolge.‹ Nur kamen auch hier wieder, ganz wie in Dresden, die ›nachträglichen‹ Berichte von so vielen Übelständen, Kürzungen und Entstellungen22 und es knüpfte sich demgemäß an diese Aufführung ein [316] ziemlich erregter Brief- und Depeschenwechsel mit dem Dirigenten, welcher den Meister stark in Anspruch nahm und ihm manchen Verdruß bereitete.23 Nicht anders war es gleichzeitig in Berlin bestellt, wo trotz aller guten Gesinnung des Kapellmeisters Eckert die Intendanz sich, durch beständiges Hinausschieben, eine unverzeihlich nachlässige Behandlung des Werkes zuschulden kommen ließ. ›Es tut mir leid‹, hatte demgemäß Wagner bereits im Herbst (23. November 1869) an Eckert geschrieben, ›in betreff des Berliner Hoftheaters doch immer nur empörende Erfahrungen zu machen.‹ Nicht gering waren seine Besorgnisse auch bezüglich Niemanns, von dem er seit den abschreckenden Pariser ›Tannhäuser‹-Erfahrungen nichts weiteres vernommen, als daß er ›den Lohengrin ohne Striche nicht singen könne‹ (S. 208)! ›Mögen alle guten Geister‹, heißt es daher in einem vertraulichen Schreiben vom 1. März, ›Herrn Niemann in acht nehmen; ich habe von ihm das Unglaublichste erfahren, und bin daher vor großen Störungen seinerseits sehr besorgt. Wie er mit der Stimmlage des Walther zurechtkommen will, begreife ich nicht, und sehe üblen Anmaßungen seinerseits entgegen.‹24 Am 1. April kam es endlich zu der langverzögerten ersten Aufführung, eine organisierte Opposition war dabei niederzukämpfen. Gerade in Berlin waren die Nachwehen des Kampfes über das ›Judentum‹ von besonders heftiger Natur, in diesem – ›Spree-Athen des alten und des norddeutschen Bundes, wo das Haus Israel keine bescheidene Minorität bildet, sondern das große Wort zu führen liebt, wo Meyerbeer und Mendelssohn Generalmusikdirektoren waren und jetzt das Gerücht absichtlich verbreitet wurde, nunmehr solle Wagner zum Generalmusikdirektor ernannt werden‹.25 Die schmähsüchtige Berliner Presse schrie sich die Kehle heiser, sog. ›gebildete‹ Blätter gerieten in Erbitterung über Text und Musik, und nannten das Ganze eine Farce und Gesangsposse.26 In den höchsten Kreisen dagegen zeigte sich Teilnahme für das Werk. Hatten die Interessen des Meisters in der preußischen Residenz in früherer Zeit besonders durch eine ältere persönliche Freundin, Alwine Frommann, die Vorleserin der Kaiserin Augusta, eine Förderung in diesen Kreisen gefunden,27 so bildete von jetzt ab die Gemahlin des Kgl. Hausministers, Freifrau Marie v. Schlei nitz, [317] durch ihren begeisterten Eifer für des Meisters Kunst, die Stütze aller seiner Unternehmungen, zunächst soweit sie Berlin betrafen. Wir haben diese außerordentliche Frau bereits bei früherer Gelegenheit, als Fräulein Marie v. Buch, kennen gelernt;28 ihrem geistigen und moralischen Einfluß war nicht zu widerstehen, und sie hat ihre hohe gesellschaftliche Stellung mit Umsicht, rastlos und unermüdet, mit der Überlegenheit eines vornehmen Charakters, gegen alles israelitisch-demokratische Getriebe dazu verwendet, um der Sache Wagners zum Siege zu verhelfen. Der König wohnte, durch ihren Einfluß bestimmt, in Person den letzten beiden Generalproben unter Eckerts Leitung bei; auch bei der ersten Vorstellung war der gesamte königliche Hof, nebst seinen fürstlichen Gästen aus Baden und Weimar, zugegen. Im ganzen Hause war kein Platz leer geblieben. Doch vermochte selbst die Anwesenheit der hohen Herrschaften die Ausbrüche der Parteiwut nicht zu hindern. Namentlich im zweiten Akt bot der Zuschauerraum Szenen, welche an die Pariser Aufführung des ›Tannhäuser‹ erinnern konnten: von Beckmessers Ständchen und der Musik während der Prügelszene war bei dem lärmenden Hader im Publikum, dem Zischen, Pfeifen, Stampfen, Schreien und Toben im Zuschauerraum nichts zu hören. Dem dritten Aufzug gelang es, die Leidenschaften beträchtlich zu beschwichtigen, und alle Oppositionsversuche mußten schließlich in den Wogen des Beifalls untergehen. Das Resultat der, durch Indisposition einzelner Kräfte (Betz und Mallinger) verzögerten zweiten Aufführung war ein abermaliger erbitterter Kampf der Zischer und der Klatscher. Bereits bei der dritten Vorstellung ging es jedoch recht ruhig und anständig her.29 Die vierte Wiederholung fand, abermals in Gegenwart des Kgl. Hofes, vor ganz ausverkauftem Hause unter großem Beifall statt, und zwar ganz ohne Störung. In allen Kreisen der Stadt sprach sich mehr und mehr Überdruß und Unbehagen aus über das rohe Treiben einer Kritik, die für Wagner gerade aus Anlaß der ›Meistersinger‹ keine anderen Äußerungen fand als Beschimpfungen und Nörgeleien. Als ein günstiges Zeichen durfte es betrachtet werden, daß die [318] Wiederaufnahme des Werkes in der neuen Saison zugleich auch die erste Vorstellung war, welche das Opernhaus ganz erfüllte.30 – Im Zusammenhang dieses allgemeinen Überblickes über die Wirkungen der ›Meistersinger‹ auf den deutschen Bühnen darf denn schließlich auch das kleine Weimar nicht vergessen werden. Der Erstaufführung des Werkes, am 28. November 1869 (während Berlin noch hinhielt und zögerte!), ward bereits gedacht. Ein erfreulicher Umschwung hatte sich hier, seit dem Abgange Franz Dingelstedts, geltend gemacht. Die verderbliche Gegenströmung, die hier so verheerende Erfolge gehabt und – vor allem – die Vertreibung Liszts von der Stätte seines Wirkens herbeigeführt hatte,31 war nunmehr, in Dingelstedts Person, auf Wien abgelenkt; an seiner Stelle war Baron von Loën als einsichtsvoller Bühnenleiter darauf bedacht, die vorgefundenen Trümmer zu ordnen, die Kräfte zu erneuern und zu konzentrieren und in die verlassenen Bahnen wieder einzulenken. Ein schöner und bedeutungsvoller Versuch waren die sog. ›Mustervorstellungen‹ Wagnerscher Werke im Sommer 1870, zu deren Veranstaltung die besten Künstler aus ganz Deutschland zusammenberufen waren, um an vier Abenden (vom 19. bis 29. Juni) den ›fliegenden Holländer‹, ›Tannhäuser‹, ›Lohengrin‹ und die ›Meistersinger‹ in sorgfältigen Aufführungen einem, zum Teil aus weiter Ferne versammelten internationalen Zuhörerkreise vorzuführen.32

Diesen andeutenden Überblick über auswärtige Ereignisse dürfen wir aber doch nicht abschließen, ohne einen dazu gehörigen Vorgang zu erwähnen, welcher der Berliner ›Meistersinger‹-Aufführung der Zeit nach noch vorangegangen war: die erste Aufführung des ›Lohengrin‹ in Brüssel unter der Leitung Hans Richters. Die Administration des dortigen Théâtre de la Monnaie, in dessen [319] Räumen zehn Jahre zuvor der verbannte Meister selbst am Dirigentenpulte gestanden,33 hatte nämlich, auf Betreiben des ausgezeichneten Musikers und Pianisten Prof. Louis Brassin einen glücklichen Gedanken gefaßt. Sie ließ an Hans Richter, der sich soeben zur Erholung von seinen Münchener ›Rheingold‹-Erfahrungen und zur Kenntnisnahme französischer Theater- und Musikzustände in Paris aufhielt, die Einladung ergehen: die Gesamtleitung einer projektierten ›Lohengrin‹-Aufführung mit den dazu erforderlichen Proben für Soli, Chöre und Orchester, ganz nach seinen Intentionen, ohne Striche oder sonstige Verunstaltungen, zu übernehmen. Richter zögerte keinen Augenblick, dem Rufe Folge zu leisten und ›das Banner hochzuhalten‹, dem er mit ganzer Seele ergeben war. Es gelang ihm, durch Brassin unterstützt, am 23. März in der belgischen Hauptstadt eine erste Aufführung ins Werk zu setzen, die ein vollkommener Sieg zu nennen war. Er mußte am Schlusse der Vorstellung von der Bühne aus die rauschenden Huldigungen eines begeisterten Publikums entgegennehmen; die Königin berief ihn in ihre Loge, um ihm persönlich ihre Befriedigung auszusprechen. Eine ganze Anzahl französischer Verehrer des Meisters waren dazu von Paris nach Brüssel geeilt. Die Absicht der Direktion, mit dem gesamten Personale nach Paris zu gehen, um dort im Gesamtgastspiel einige Vorstellungen des ›Lohengrin‹ zu veranstalten, blieb unausgeführt; dafür erlebte die Oper an Ort und Stelle bis zum Mai, unter gleichmäßiger Teilnahme des Publikums, nicht weniger als 23 Wiederholungen. Wie sehr den Meister – nicht um seinet-, sondern um des jungen Freundes willen – der bedeutsame Vorgang erfreute, das beweist ein am 25. März an Richter adressierter Brief, den dieser mit Autorisation des Absenders der Öffentlichkeit übergab. Mit Beziehung auf die Münchener ›Rheingold‹-Vorgänge heißt es darin: ›Auf deutscher Erde hatte sich keine einzige Stimme der Verteidigung Ihres mutvollen Verhaltens gefunden; ein unfähiger Vorgesetzter, neidische Kollegen, voll Begierde und Ungeduld, Ihre Stelle zu erhaschen, vereinigten sich eiligst in dem Wehegeschrei eines von Ihnen begangenen (!?) Majestätsverbrechens, und ein indolentes Publikum ließ es ruhig hingehen. Möge der Triumph, den Sie nun in französischer Sprache errungen, Sie entschädigen für die traurigen Erfahrungen in unserem eigenen Vaterlande!‹

Vergeblich waren inzwischen alle Bemühungen der Münchener Intendanz, wie auch des Kgl. Kabinetssekretärs gewesen, sich eines Dirigenten für die ›Walküre‹ zu versichern. Bülow hatte abgelehnt, nach seiner festen Überzeugung wäre für ihn eine Rückkehr nach München gleichbedeutend mit ›Selbstmord‹ gewesen! Mit welcher verbindlichen, den Schreiber wie den Adressaten gleich ehrenden Offenheit und einfachen Größe er gleichwohl diesen seinen [320] negativen Bescheid zum Ausdruck brachte,34 darüber berichtete Düfflipp in hoher Anerkennung nach Triebschen: Herr v. Bülow habe ihm – wenn gleich ablehnend – doch in einer solch freundschaftlichen und eingehenden Weise erwidert, daß er ihm wirklich ›zu größtem Danke verpflichtet sei‹. Bülow hatte an seiner Statt Klindworth empfohlen; und Düfflipp hatte auch bereits, wie er später Klindworth erzählte, die Feder in Händen, um ihm nach Moskau (wo dieser sich damals aufhielt) zu schreiben. Nur die gegründete Besorgnis hielt ihn im letzten Augenblick davon zurück: ihn für die Zumutung, ein Werk des Meisters ohne dessen Mithilfe zur Aufführung zu bringen, unzugänglich zu befinden. An ein persönliches Befassen Wagners mit dieser Aufgabe war nach den, im Verlauf zweier Jahre an der Münchener Hoftheaterintendanz gemachten Erfahrungen nicht zu denken; auch hatte ja diese Intendanz andererseits alle Dispositionen für die Aufführung bereits von sich aus getroffen, welche einzig und allein von ihm hätten ausgehen müssen, wenn seine Mitwirkung einen Sinn haben sollte. Anstatt nun die Unmöglichkeit solcher persönlichen Mitwirkung durch Hinwegräumung ihrer Gründe – in erster Linie eine zeitweilige Beurlaubung Perfalls – zu beseitigen, fuhr man jedoch in München fort, nach Auskunftsmitteln zu suchen, in der Hoffnung, doch vielleicht noch einen skrupellosen Dirigenten zu finden. Für einen solchen wurde seitens der Intendanz, in wenig schmeichelhafter Annahme von seinem Zartgefühl, Kapellmeister Hermann Levi in Karlsruhe gehalten. Dieser war gern zur Übernahme der Direktion bereit, doch stellte er die Bedingung, daß der Komponist selbst damit einverstanden sei, und wandte sich gleichzeitig brieflich nach Triebschen. Er empfing umgehend die Auskunft. ›Ich habe nichts dawider, wenn Sie mein Werk dirigieren, vorausgesetzt, daß die Übereinkunft in diesem Bezug einzig zwischen Ihnen und der Münchener Intendanz vorgeht, ich selbst aber in gar keiner Weise dabei in Anspruch genommen werde.‹35 Das war für Levi zu wenig. Nicht ohne Grund haben wir ihn bei seiner einzigen bisherigen Erwähnung (S. 266 Anm.) mit dem einen bezeichnenden Worte eines ›ehrliebenden‹, d.h. in diesem Falle sein- und zartfühlenden,[321] Künstlers charakterisiert Er bedauerte aufrichtig, auf die für ihn ebenso ehrenvolle, als interessante und verlockende Aufgabe verzichten zu müssen, und trat freiwillig davon zurück Wagner hat ihm diese taktvolle Haltung nie vergessen Inzwischen war von so vielen Seiten her die Anfrage hinsichtlich seiner Stellung zu der beabsichtigten Münchener Aufführung an ihn gelangt, daß er sich dazu gedrängt fühlte, sie ein für allemal zu beantworten. Der letzte unter diesen Anfragenden war der pensionierte Wiener Kapellmeister Esser gewesen, an ihn richtete er demgemäß (16. Mai) ein Schreiben, zu dessen Veröffentlichung er ihn ermächtigte. ›Ob die in Aussicht genommene Aufführung der »Walküre« noch ermöglicht werden wird, ist zur Zeit mir so unbekannt, als es mir schwer fällt, zu erraten, ob sie im Falle der Ermöglichung glücken könne. Wie dem aber immer auch sei, so bleibt schon der Wunsch, welcher jene Aufführungen hervorruft, für mich verehrungswürdig und zugleich ein beglückendes Zeichen für die lebensvolle Ausdauer der über alles großherzigen Teilnahme, welcher ich nicht nur die Ermöglichung der Vollendung meines Werkes, sondern sicher dereinst auch der edelsten Aufführung derselben zu verdanken habe. ... Ich darf keinen Zweifel hegen, daß es mir nicht ermöglicht werde, den »Ring des Nibelungen« dereinst ganz in der Weise zur Aufführung zu bringen, wie ich diese als unerläßlich hierfür in meinem Vorwort zur Herausgabe der Dichtung desselben genau bezeichnet habe. Im Laufe des nächsten Jahres hoffe ich mit dieser so angreifenden Arbeit der musikalischen Ausführung auch des letzten Teiles zum Abschlusse zu gelangen und meinerseits dürfte dann der Aufführung des Ganzen im Jahre 1872 nichts mehr im Wege stehen.‹

Da dieser Brief, durch seine sofortige Veröffentlichung in der Wiener ›Neuen freien Presse‹ alsbald den Rundgang durch alle Zeitungen antrat, durfte er als eine Art Manifest angesehen werden. Der Zeitpunkt der Verwirklichung des großen Unternehmens war damit – zum mindesten was den Schöpfer des Werkes anbetraf – sicher festgestellt; über den Ort, an welchem der dafür bestimmte Theaterbau errichtet werden sollte, verlautet darin keine Silbe. Daß es aber München nicht sein konnte, daß die bayerische Hauptstadt jedes Anrecht auf eine führende Stelle in der deutschen Kunst für immer verscherzt hatte, darüber konnte kein Kenner der Sachlage sich die Augen verschließen. Des Meisters tief begründete Abneigung gegen diese Stadt der Intrigue und des Jesuitismus kam dabei gar nicht in Betracht. Er hatte ihr ja diese Abneigung nicht von sich aus entgegengebracht, sondern sie war ihm durch die Tatsachen, die schmerzlichsten Erfahrungen aufgedrängt worden. Rufen wir uns die einzelnen, bereits im Laufe unserer Darstellung beachteten Momente zu einem übersichtlichen Gesamtbilde zurück. Gleich im Beginn der neuen Ära seiner Regierung, für welche der König sich auf seiner Winterreise durch die fränkischen Provinzen so angelegentlich um das Vertrauen und [322] die Zuneigung seines Volkes beworben,36 gedachte er, alsbald nach der Entlassung Pfordtens und Berufung Hohenlohes, in einer ganzen Reihe tatkräftiger Reformen in der Wehrverfassung, im Unterrichtswesen usw.37 ›auch die große Reform im Gebiete der Kunst in einem Zuge mit durchzuführen. Das plastisch ausgeführte Modell Sempers zum Festspielhausbau gelangte damals in die Hände des Monarchen,38 aber kaum war ihm eine rechte Freude daran vergönnt: die Bevölkerung erhob sich dagegen wie ein Mann und die Weisheit der »Sachverständigen« (!) erklärte, daß mit dem ersten Stein dieses Baues, der Grundstein zu einer Ruine gelegt sein würde‹.39 Nicht leicht fiel es ihm, im Herbst desselben Jahres – zugleich mit der Nachricht von der Aufhebung seiner Verlobung – dem Meister die Notwendigkeit einer Verschiebung des Theaterbaues auf das kommende Jahr (1868) anzukündigen.40 ›Semper wird allerdings recht unangenehm dadurch berührt sein‹, hatte er damals in richtigem Vorgefühl hinzugefügt; es mußte ihm peinlich fallen, diesem gegenüber ohne seine Schuld gewissermaßen bloßgestellt zu sein.41 Aber auch in den nächstfolgenden Jahren war die Sache um keinen wesentlichen Schritt gefördert: die Mittel der Zivilliste schienen zur Verwirklichung des Planes nicht hinzureichen und der Münchener blieb ungeneigt, aus der Landeskasse Summen für ›großartige Universaltheaterpläne‹ zu bewilligen.42 Der König war durch die Verständnislosigkeit und den Widerstand der Münchener Stadtbehörde aufs tiefste verletzt. Die tragische Unmöglichkeit, hier eine Verständigung zu erzielen, bildete einen Hauptgrund seiner verstärkten Abneigung gegen die eigene Residenz. Hier liegt denn auch der psychologische Schlüssel dazu, wie der tief verstimmte, in so entscheidenden Hoffnungen Getäuschte auf den Fehlgriff geriet: wenn ihm die Ausführung seines größeren Planes durch sein eigenes Volk mißgönnt würde, durch Einzelaufführung der Teile des großen Werkes sich eine rücksichtslose Befriedigung zu verschaffen. Lag hierin von seiner Seite fast schon ein Aufgeben seiner wahren Mission, der Ausführung seines eigentlichen deutschen Kulturwerkes, so war doch auf eben dem Punkte, wo die Energie des königlichen Freundes im Kampf gegen tausend Hemmnisse zu erlahmen schien, der Willenskraft des Reformators die größte Aufgabe zuerteilt. Zwar nicht den deutschen Theatern, wohl aber der Macht seiner eigenen Schöpfungen, die sich den Zutritt auf diesen Boden erzwungen und dort trotz mangelhafter, verstümmelter und entgeistigter Reproduktion an [323] dauernd ihren unzerstörbaren Einfluß ausgeübt hatten, hoffte er endlich es verdanken zu können, die Zahl seiner Freunde, Verehrer und Bewunderer so weit gemehrt zu sehen, daß er von ihnen eine verständnisvolle Förderung seiner höchsten Absichten erwarten durfte. Er ›erfand den Gedanken von Bayreuth‹. In dem Lande seines königlichen Schutzherrn wollte er mit ihrer Hilfe sein Theater errichten, nun aber nicht mehr mitten im Brennpunkt des blinden Parteientaumels der Residenz: ein von allen feindseligen Elementen fernabliegender, jungfräulich unberührter Boden sollte erst durch den besonderen Charakter seiner Kunst zu einer ganz neuen Bedeutung erhoben werden, jene hauptstädtischen Interessenkreise und Bevölkerungselemente aber, die sich seinem reformatorischen Lebenswerk mit gewaltsamer Heftigkeit widersetzt, von nun an in keine weiteren Beängstigungen mehr über die bedrohte ›bayerische Landeskasse‹ geraten.

Als ein solcher, den erwähnten Erfordernissen entsprechender Ort bot sich seinem umschauenden Blick die kleine, ehemals markgräfliche Residenz Bayreuth in Oberfranken dar, deren Lage im Herzen Deutschlands und doch abseits vom breiten Strom des Touristenverkehrs, deren vorwiegend protestantischer Charakter und sonstige durch Größe und Bewohnerzahl bedingte Verhältnisse sie in jeder Hinsicht für seine Zwecke geeignet erscheinen ließen. Den Theaterbau hoffte er durch freiwillige Beisteuern seiner begüterten Freunde errichten, für die Aufführungen selbst auf die Ergebenheit und Opferwilligkeit seiner Sänger und Musiker rechnen zu dürfen Es ist uns nicht möglich, mit buchstäblicher Genauigkeit den Zeitpunkt festzustellen, zu welchem der hiermit bezeichnete Gedanke in dem Geiste des Meisters sich erstmalig zu lokalisieren begann. Persönliche Eindrücke von der Örtlichkeit hatte er nur aus sehr früher Zeit: als zweiundzwanzigjähriger Magdeburger Musikdirektor hatte er auf einer sommerlichen Engagementsreise im Interesse der Magdeburger Direktion43 als Durchreisender das Städtchen berührt und es seitdem nicht wiedergesehen. Von der Existenz des alten markgräflichen Opernhauses war ihm damals nichts bekannt geworden, und er war daher angenehm überrascht, als er, etwa zu Anfang März 1870, zu seiner Orientierung im Konversationslexikon den Artikel ›Bayreuth‹ nachschlagend, ein prachtvolles altes Opernhaus aus der Rokokozeit mit sehr großer Bühne darin erwähnt fand, weil er die Möglichkeit in Betracht zog, es etwa für seine Zwecke benutzen zu können. Von hier an behielt er den Ort fest im Auge, er kehrt in seinen Unterhaltungen wieder; und noch im Herbst desselben Jahres läßt er sich durch seinen Luzerner Buchhändler Notizen über die alte Markgrafenstadt besorgen. Das ist alles, was wir über die ersten Anfänge des ›Bayreuther Gedankens‹ in Erfahrung zu bringen vermochten. In der Tat [324] war ja das bestimmte Lokal dieses Gedankens, das so zu sagen Geographische daran, begreiflicherweise mehr ein bloßes Akzidens; das Wesentliche desselben aber die Befreiung und Loslösung der Kunst von allem großstädtischen Getriebe; die ideelle und moralische Unabhängigkeit der Festspielinstitution von Presse und Hoftheaterintendanzen, von der Depravierung des modernen Opernluxus und seinen zersetzenden Gewohnheiten; die Möglichkeit einer völligen Isolierung seiner Künstler und seines Publikums zur Hervorbringung und zur Aufnahme des Außerordentlichen. Aber er behielt es sich vor, den von ihm dazu aus der Ferne erwählten Ort demnächst einer genaueren Besichtigung zu unterziehen.

Während er unter solchem Vorausblicken in eine nicht mehr zu ferne Zukunft mit dem Abschluß des ersten Aktes der ›Götterdämmerung‹ beschäftigt war, trat die Außenwelt für ihn zurück, außer insoweit sie mit ihren mannigfachen Belästigungen sich ihm aufdrängte. ›Gott weiß, wie es mit der Walküre in München geht‹, erwiderte er am 5. Juni auf eine bezügliche Anfrage Essers. ›Gegen mich schämt man sich, mir Nachrichten darüber zukommen zu lassen. Es ist dies einmal ein unerhört sonderbares Verhältnis, wie es nur mir begegnen konnte.‹ Von den Weimarer ›Musteraufführungen‹ aus (S. 319) erfuhr er durch den Grafen Villiers die Absicht der französischen Freunde, sich zur ›Walküre‹ nach München zu begeben. ›Ainsi vous allez‹, schrieb er ihm, ›avec vos amis admirer comment on s'amuse avec des oeuvres viriles!‹44 Von Wien aus gelangte an ihn die Aufforderung zur Mitwirkung an der im Dezember zu begehenden Zentenarfeier von Beethovens Geburt: ihm wurde seitens des dafür konstituierten Komitees die Leitung der neunten Symphonie bei dieser Festfeier angetragen. Er vermochte es nicht einmal über sich, das an ihn ergangene offizielle Schreiben einer schriftlichen Antwort zu würdigen: eine solche Wirkung hatten zwei Namen, die unter demselben standen, und von denen sich insbesondere der eine im Laufe der Jahre immer tiefer in seiner allergründlichsten Verachtung befestigt hatte. Ein Name, dessen sonderbar unverdiente Autorität nur in einer Zeit begreiflich war, die einen Wagner besaß und nichts mit ihm anzufangen wußte. Da sein Verhalten kein Geheimnis blieb, erschien es zweckmäßig, demselben durch eine öffentliche Notiz eine andere Deutung zu geben; als habe er die Einladung ›unter dankbarer Anerkennung des ihn ehrenden Auftrages‹ abgelehnt. Gerade gegen diese Deutung aber protestierte die Wahrheitsliebe des Meisters als gegen einen wunderlichen Euphemismus: ›er habe der an ihn ergangenen[325] Aufforderung gar nicht geantwortet, und zwar aus Gründen, die er dem sehr ehrenwerten Aussteller des im Namen jenes Komitees an ihn gelangten Schreibens durch einen Freund in Wien mündlich habe mitteilen lassen.‹45 Auch damit hatten die Wiener noch nicht genug, so daß er noch einmal in derselben Angelegenheit an Herrn Nikolaus Dumba, als stellvertretenden Präses des Beethoven-Komitees sich zu äußern hatte, – diesmal aber unmißverständlich. ›Auf Ihre besondere Anfrage vom 24. Juni d. J.‹, heißt es in dieser Erwiderung, ›tut es mir leid, Sie auch schriftlich damit bekannt machen zu müssen, daß ich Geschriebenes oder Gedrucktes, welches von den Namen Hanslick oder Schelle unterzeichnet ist, als für mich nicht vorhanden betrachte; die Einladung eines Komitees, so ehrenwerte Namen es in sich schließen möge, kommt bei mir, sobald jene beiden Namen darunter sich befinden, notwendig in die Kategorie des nicht für mich Vorhandenen.‹46 – Abwehr des Gemeinen! Dies war der moralische Selbstschutz, der ihn einzig befähigte, seinem großen Ziele in einer Zeit zu leben, deren Beethovenfeiern zu dirigieren es ihm an Harmlosigkeit gebrach. Er wußte aber auch, daß seine eigene Beethovenfeier nicht mehr fern war, und daß dies keine Gelegenheitsfeier sein würde, die ihren Existenzgrund zu allerletzt im Kalender findet.

In die Mitte des Sommers (11. bis 13. Juni?) fällt ein gemeinsamer Besuch, den Nietzsche zugleich mit seinem hervorragendsten, vorzüglich beanlagten Studiengenossen und Freunde Erwin Rohde in Triebschen machte.47 Letzterer kehrte damals von einer vierzehnmonatlichen Erholungs- und Studienreise aus Italien zurück, die ihn über Florenz, Rom, Neapel und Sorrent bis nach Sizilien geführt hatte; der Besuch in Triebschen aber war für ihn der ›krönende Abschluß der ganzen Reise‹.48 Rohde hat von diesem Tage an nicht mehr bloß dem hochverehrten Künstler und Meister, sondern auch dem ›großen Menschen‹ Wagner, den er nun zum ersten Male das Glück hatte von Angesicht kennen zu lernen, ›in ganz persönlicher Hingabe angehangen‹,49 weshalb denn der spätere Abfall des gemeinschaftlichen Freundes doppelt tragisch erschütternd auf ihn wirken mußte. In einem, an Nietzsche gerichteten Triebschener Briefe heißt es über diese Begegnung: ›uns sind diese Tage in sehr guter Erinnerung geblieben; der Meister hat an Ihrem Freund großes Wohlgefallen; [326] sein männlicher Ernst, seine bedeutende Teilnahme, und die wirkliche Freundlichkeit, die seine strengen Züge bisweilen durchleuchtete, war ihm durchaus sympathisch. Wird er nach Freiburg befördert, so kommen Sie immer zu zweien nach Triebschen; denn »zwei-einig geht der Mensch zu best«, sagt unsere Auktorität.‹50 Leider ward ihm die Fixierung in solcher erwünschten Nähe, und aller damit verbundene trauliche Verkehr, nicht vergönnt; vielmehr wurde der so geist- und charaktervolle Mann zunächst als Privatdozent in das fern entlegene Kiel verschlagen.

Am 25. Juni wurde Hans Richter wieder nach Triebschen berufen, um die Partitur des dritten Altes ›Siegfried‹ kopieren zu helfen. Von dem gleichen Tage datiert ist einer der schönsten Briefe an die vortreffliche Freundin Frau Wille, der, unter Zusammenfassung so manches uns schon Bekannten, so viel Bedeutendes – Rückblickendes und Vorausschauendes – enthält, daß wir ihn an dieser Stelle, wenn auch nicht in seinem vollen Wortlaut, so doch in seinem Hauptinhalt reproduzieren. Betrifft er doch den entscheidenden Vorgang im Leben des Meisters, seine bevorstehende kirchliche und bürgerliche Vereinigung mit der hochgesinnten Frau an seiner Seite, nachdem endlich die quälenden Umständlichkeiten ihrer Scheidung soeben ihrer ersehnten völligen Erledigung entgegengingen. Der Brief der Züricher Freundin enthielt eine Einladung beider nach ihrem Landsitz Mariafeld, die Antwort handelt daher vorherrschend von Besuch und Gegenbesuch. ›Gewiß werden wir kommen, denn Sie sollen die ersten sein, denen wir uns als Vermählte vorstellen. In diesen Stand zu gelangen, hat es eine große Geduld gekostet: was seit Jahren unerläßlich war, sollte sich erst unter Leiden jeder Art zur Lösung bringen. Seit ich Sie zuletzt in München sah,51 habe ich mein Asyl nicht verlassen. So behalfen wir uns denn ohne »Welt«, der wir uns gänzlich entzogen hatten. Da hat sich denn Echtes bewährt, und rührender als der Gewinn neuer Freunde war uns die Treue alter. Meine Schwester, Ottilie Brockhaus, besuchte uns bereits im vorigen Spätsommer mit ihrer Familie (S. 296): ich hätte Sie gern dabei gewünscht. Nun hören Sie: mögen Sie es gerecht und sinnvoll finden, daß wir Ihrer Einladung erst nachkommen, wenn ich Ihnen die Mutter meines Sohnes auch als meine angetraute Gattin zuführen kann. Dies ist nun endlich nicht mehr fern und wir hoffen noch vor dem Fallen des Laubes in Mariafeld einzuschreiten. Aber nun bewähren Sie Ihre treue Freundschaft, und kehren Sie mit den vortrefflichen Ihrigen recht, recht bald zuvor noch bei uns auf Triebschen ein. Haben Sie Enkel, so bringen Sie die auch mit; hier treffen Sie eine zahlreiche Jugend, welche sich um ihre Mutter und zugleich Erzieherin und Lehrerin schart. Außerdem vielleicht sonst noch manches, was Ihnen Freude macht.‹

[327] Am 2. Juli war der erste Akt der Orchesterskizze der ›Götterdämmerung‹ vollendet, und der Meister fühlte sich dringend einer Erfrischung bedürftig. So unternahm er denn mit den Seinen einen Ausflug, ohne für die kurze Zeit einen bestimmten Aufenthaltsort für die Nachsendung von Briefen zu hinterlassen. Genau in dieser Zeit traf eine Nachricht Klindworths ein, der, um einen wichtigen Auftrag Bülows zu überbringen,52 seinen Besuch ankündigte, und unmittelbar darauf auch Klindworth in Person. Er begab sich nach Triebschen, fand aber den Horst leer, den Adler ausgeflogen. Vergeblich wartete er eine Woche in Luzern. Als er eben unverrichteter Sache wieder abreisen wollte, kam – Hans Richter in sein Hotel: von ihm er fahren, Wagner befinde sich auf dem Pilatus, und auf seinen Vorschlag eingehen, den Meister dort oben aufzusuchen, war eins. Bereits sei es Abend gewesen, als sie sich auf den Weg gemacht. Gegen zwei Uhr wären sie in den unteren Gasthof gelangt und, nach kurzer Rast ihre nächtliche Tour wieder aufnehmend, früh um fünf an ihr Ziel gekommen, wo sie an dem weniger als mittelmäßigen Klavier des Gasthofs mit den wuchtigen Klängen des ›Meistersinger‹-Vorspiels sich als frühzeitige Gäste zu melden getrauten. Sehr bald sei, als er den Besuch erkannt, der humoristische Zorn Wagners über die Störung seiner Morgenruhe verraucht herzlichst habe er sich über die Nachtexpedition gefreut und die Freunde mit ihm einige schöne Tage verbracht. Über seine Unterredungen mit dem Meister erstattet Klindworth bald darauf Bülow einen ausführlichen brieflichen Bericht: ›Wagner ist äußerst dezidiert, daß er nie und nimmer wieder seinen Fuß nach München setzen wird; eben deshalb wünscht er um so mehr, mich dort am Theater zu haben, auf den er sich verlassen kann. Eine Gesamtaufführung der Nibelungen soll nicht in München stattfinden; er hat einen anderen großartigen Plan dafür im Auge, ich aber soll dann nach dem gegebenen Muster eine spätere in München ins Werk setzen. D(üfflipp) hofft allerdings, nach der Trauung in Luzern, Wagner zu veranlassen, München wieder zu besuchen; darin aber täuscht er sich gewiß. Wagner ist sehr bös und schwört, lieber alles fahren zu lassen, sich mit dem Könige gänzlich zu verfeinden, Triebschen aufzugeben, eher denn daß er je mit dem Münchener Theater sich wieder befassen werde.‹ ›Wagner wünscht sehr, daß ich für München gewonnen werde, und da er nach den gemachten Erfahrungen die Partitur des »Siegfried« keinesfalls in die Hände des Königs abliefern wird, auch erwartet, daß man seinen dringenden [328] Mahnungen zuwider künftig noch Aufführungen der »Walküre« wiederholen wird,53 so wäre eine Schwierigkeit gelöst, die von vornherein meine Stellung höchst peinlich, ja unhaltbar machen würde, eingeklemmt zwischen dem Befehl des Königs und dem Verbote Wagners. Später wird meine Anstellung sich vielleicht leichter machen‹

Vom Pilatus aus, wo Klindworth den Meister und die Seinen in dem ›strahlenden Glück jenes Sommermorgens‹ angetroffen, war er inzwischen mit der ganzen Familie nach Triebschen zurückgekehrt: da trat – am 15. Juli – wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel, der große Wendepunkt des Jahres 1870 ein: die französische Kriegserklärung. Seltsamerweise gerade in Gegenwart der uns bereits bekannten französischen Freunde, die sich, nachdem sie genugsam in Weimarer und Münchener ›Musteraufführungen‹ geschwelgt, zum Schluß nach Triebschen begeben hatten und nun, wegen der voraussichtlichen Grenzsperre, unter so ernsten Verhältnissen in die Heimat zurückeilen mußten. Auch die Tage von Klindworths Verweilen waren unter solchen Umständen gezählt. Die Ereignisse folgten nun einander dicht auf dem Fuß König Ludwig erklärte, mitten zwischen ›Rheingold‹ und ›Walküre‹ (am 14. und 17. Juli), der Bundesfall mit Preußen sei gegeben und ordnete ohne Verzug die Mobilisierung des bayerischen Heeres an. Von überall her strömte weithin im deutschen Vaterlande alles zu den Waffen. Wenn jedes deutsche Gemüt in diesen erregten Tagen in jener Mischung von ernster Sorge und erhebender Vorahnung einer gewaltigen Entscheidung erbebte, die einem großen Ereignis vorausgeht, wie sollte nicht das Herz des Künstlers, in jeder Faser mit dem Genius seines Volkes innig verwachsen, in gewissestem Vorgefühl die ungeheuere Tragweite des bevorstehenden Kampfes ermessen?54 Lange genug hatte er die Erschlaffung dieses Volkes unter der zersetzenden Vorherrschaft einer undeutschen Zivilisation und Kunstübung beklagen, ja fast an der Annahme verzweifeln müssen, daß es sich je aus dieser [329] Selbstentfremdung und Verweichlichung retten werde. Ein erhebendes Bewußtsein wurde, im Hinblick auf dieses einmütige Sichaufraffen in Nord und Süd des Vaterlandes in ihm wach und bezeugte ihm tröstlich, daß er sich nun doch auch diesen lebenden Deutschen, und nicht bloß ihren großen Vorfahren in vergangenen Jahrhunderten, verwandt fühlen dürfe. ›Begraben durft' ich manchen Schmerz, der lange mir genagt das Herz, das Leid, das mich besessen, blickt' ich auf Deutschlands Schmach dahin!‹ Nicht ahnungsvoller können sich die ihm durch diesen entschlossenen Ernst, diese opfermutige Kampfesbereitschaft erweckten Empfindungen aussprechen, als in dem herrlichen Gedicht ›Zum 25. August 1870‹ an seinen königlichen Freund und Schirmherrn, das mit den Worten beginnt: ›Gesprochen ist das Königswort, dem Deutschland neu erstanden‹, und mit der Verkündigung schließt. ›Von Wotan bangend ausgesandt, sein Rabe gute Kund' ihm fand: es strahlt der Menschheit Morgen; nun dämm're auf, du Göttertag!

Kaum drei Wochen nach der Kriegserklärung war es inzwischen zu dem ersten Treffen von Weißenburg, sodann – 6. August – zu der Schlacht bei Wörth gekommen, in welcher Mac Mahon auf das Haupt geschlagen und gegen zehntausend Gefangene gemacht waren Nietzsche hatte sich, da er auf Grund seiner schweizerischen Staatsangehörigkeit verpflichtet worden war, keine Waffen zu tragen, als Krankenpfleger anmelden lassen und war Mitte August nach Leipzig abgegangen, um sich durch die sanitären Behörden dahin senden zu lassen, wo er Verwundeten hilfreich sein konnte, auch wohl direkt auf das Schlachtfeld, wo ihm zu kämpfen verwehrt war. Dann kamen (vom 14. August ab) die Belagerung von Straßburg, die furchtbaren Kämpfe von Mars la Tour und Gravelotte. Um die Zeit von Gravelotte und der Schlachten vor Metz tauchte eines Tages, ganz von patriotischem Eifer glühend, Friedrich Pecht in Triebschen auf. Er kam von Zürich, wo er Semper besucht hatte, und berichtete von dem widerwärtigen Eindruck, den die offene Parteinahme der Schweizer für die Franzosen, gegen ihre germanischen Stammesbrüder, auf ihn gemacht.55 Zwei seiner leiblichen Vettern, die ihn in Frauenfeld am Bahnhof erwartet, hätten nach den glänzenden Siegen der letzten Tage ihn mit der naiven Zumutung empfangen: ›Ihr Deutsche könntet jetzt auch aufhören.‹56 [330] ›Nach Tische‹, so erzählt Pecht, ›begleitete mich Wagner in die Stadt zurück, um sich da in meinem Gasthof gleich die neuesten Nachrichten über den Krieg zu verschaffen, wo wir dann richtig wieder in Streit mit den ganz toll gewordenen Schweizern gerieten. Daß jetzt das deutsche Reich in alter Majestät wieder aufsteigen müsse, das unterlag bei uns natürlich keinem Zweifel. Gerade das Auftauchen eines so mächtigen Nachbars war es aber, was die Schweizer so beunruhigte: sie hatten da eine Empfindung wie Deserteure, die leicht wieder eingefangen werden könnten. Außerdem ging speziell den Luzernern auch noch die ganze Saison verloren, da kein Mensch zu reisen wagte, was ihre Stimmung natürlich nicht verbesserte.‹

Der gleiche Augusttag, zu welchem, als dem fünfundzwanzigsten Geburtstag seines königlichen Beschützers, der Meister diesem letzteren sein zuvor erwähntes herrliches Gedicht übersandt hatte, war nun aber von ihm noch für eine andere Feier auserkoren. Wie er in stolz erhobener Hoffnung die ersten großen Erschütterungen des ausgebrochenen Krieges als den Anbruch eines neuen Daseinmorgens für sein Volk, ja für die Menschheit begrüßte, so ward dieselbe ernste Stunde, in der Stille von Luzern, ein neuer Abschnitt auch für sein eigenes Leben. Am Donnerstag den 25. August fand in der protestantischen Kirche daselbst, nach vorausgegangenem öffentlichen Aufgebot, durch den Pfarrer Tschudi die Trauung Richard Wagners mit Cosima Liszt, geschiedenen Frau von Bülow statt, in alleiniger Anwesenheit der beiden Zeugen Hans Richter und der altbewährten Freundin, der ›Idealistin‹ Malwida v. Meysenbug. Nur an die vertrautesten Freunde wurden nach vollzogener Handlung Vermählungsanzeigen geschickt; von dem einzigen, den er bei dieser Gelegenheit eines besonderen Briefes würdigte, werden wir später zu sprechen haben (S. 367). – Es gibt kein Bündnis, welches jedem Deutschen heiliger zu sein hätte. Noch ist keines in größerer Selbstlosigkeit, mit höheren, überpersönlichen Zielen geschlossen worden, und keines – so schwer erkämpft. Es vereinigte den großen Heimatlosen, den die Torheit und Lieblosigkeit der Mitlebenden rastlos von Ort zu Ort, von Unternehmen zu Unternehmen getrieben, dem sie auch die Huld seines Königs mißgönnt und ihn in eine neue Verbannung geschickt, – nun vor Gott und Welt mit der Edlen, die, fern aller kleinen und unwürdigen Menschenfurcht, wie die rettende Himmelsmacht der Liebe in sein Leben getreten war. ›Sie hat‹, sagt der Meister von ihr, ›jeder Schmach getrotzt und jede Verdammung über sich genommen.‹57 Und hätte keine andere Stimme ihrem Herzen gesagt, welch hehren Entschluß sie damit gefaßt, so wäre ihr dies schon durch jene traurige, aber von jedem Hochgesinnten als Genugtuung zu empfindende Erfahrung bestätigt worden, daß die Gemeinheit nicht davor zurückschreckte, die heiligste Tat der Treue mit [331] ihrem unreinen Atem zu beflecken. Von ihr aber bleibt, was gering und niedrig, in stillschweigendem Einverständnis verschont; nur das Große verletzt sie, ihm galt daher von je ihr ohnmächtiger Aufschrei. Auch hat es seitens der hohen Frau keines anderen Mittels bedurft, als der stillwirkenden Macht dieser Treue über den Tod hinaus, um die Gemeinheit zu besiegen und Schmach und Verdammung in Ehrfurcht und Bewunderung umzuwandeln. – Und noch eine weitere stille Familienfeier auf Triebschen schloß sich an die soeben erwähnte, zu welcher von Zürich her Dr. Wille und Gemahlin, von jenseit des Sees der Graf und die Gräfin Bassenheim herübergekommen waren. Es war die Taufe des ›wunderbar schönen und kräftigen Sohnes, den ich kühn »Siegfried« nennen durfte‹, wie es in dem erwähnten Briefe an Frau Wille in heller Vaterfreude von ihm heißt, – mit dem Zusatz: ›der gedeiht nun mit meinem Werke, und gibt mir ein neues langes Leben, das endlich einen Sinn gefunden hat‹.58 ›Es war an einem Sonntag, am 4. September‹,59 erzählt Frau Wille, ›als wir die Fahrt nach Triebschen unternahmen. Auf dem Züricher Bahnhof war alles in lebendigster Erregung, denn eben war die Kunde von dem Siege bei Sedan gekommen, und daß der Kaiser von Frankreich sich als Gefangener dem Könige von Preußen ergeben habe. Das große Ereignis erfüllte meinen Mann mit höchster Freude, und ich teilte seine Gefühle; aber nach Frauenart war ich doch während der Eisenbahnfahrt nach Luzern mit dem nächsten beschäftigt: ich gedachte der Schmerzensepisode, in welcher Wagner vor sechs Jahren in Mariafeld mir in Freundschaft nahegetreten war, und des raschen Umschwunges seines Schicksals. Tief und treu durch Jahre des Kampfes und des Ausharrens hatte sich seine Liebe für die hochgeartete, opfermutige Frau bewährt, die er jetzt mit Stolz und Freude die Seinige nannte Geist, Phantasie und die Poesie ihrer Seele befähigten sie, ihm als verständnisvolle Begleiterin auf jede Höhe zu folgen, auf welche sein Genius strebte‹.60 Der Täufling mit ›der hohen Stirn und dem klaren Auge‹ aber empfing die verheißungsvollen Namen: Helferich Siegfried Richard Wagner. Während der heiligen Handlung entlud sich, eben im Momente des Segens, ein Gewitter mit Blitzen und Donnerschlägen. ›Ich liebe diese Zeichen des Himmels‹, sagt der Meister davon in einem am folgenden Tage (5. September) datierten Brief an eine entfernte Taufpatin.61

Und zwischen diesen beiden nahe aneinandergerückten bedeutungsvollen [332] Feiern in der Mitte – der alle Welt erschütternde 1. September, der Tag von Sedan, mit der fast unglaublichen, überall mit hellem Glockengeläute begrüßten Siegeskunde. Ganz wie einst seine eigene früheste Kindheit, Geburt und Taufe, von dem Schlachtendonner des Befreiungskampfes begleitet gewesen war. Die Siege der deutschen Waffen waren nun nicht mehr aufzuhalten: auf Sedan folgte die Belagerung von Paris, und am 30. November beantragte König Ludwig mitten aus dem Staate heraus, in welchem der deutschen Einheit durch das Gebahren der altbayerischen und ultramontanen Partei die anscheinend unübersteiglichsten Hindernisse in den Weg gelegt waren, durch sein Rundschreiben an die deutschen Fürsten und Regierungen der deutschen Städte die Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserreiches, mit der Aufforderung die neue deutsche Kaiserkrone dem preußischen Könige darzubringen. Der Göttertag schien im Anbruch begriffen; seine ersten Strahlen verjagten das Dunkel und vergoldeten weithin das Firmament. Alle Kundgebungen Wagners aus jener Zeit beweisen, wie dieses Ausleuchten des deutschen Geistes auch ihn mit Wärme erfüllte. Das ›Königswort, dem Deutschland neu erstanden‹, – wen sollte es auch inniger berühren, als den Schöpfer des Nibelungenringes, dessen bitterstes Leiden von je die Undeutschheit der Deutschen gewesen, der sein ganzes Leben hindurch unermüdlich auf die künstlerische Neugeburt seines Volkes gearbeitet, und dem nun als Vorbotin der Erfüllung seiner heißen Wünsche die große nationale Erhebung zu staatlicher Einigung entgegentrat? Von einer Überschätzung der Symptome war er in seinem ernsten Sinne, nach allen Erfahrungen seines Lebens weit entfernt. ›Ich gestehe, daß, wenn ich Moltke und das deutsche Heer nicht vor mir sähe, ich gar, gar nichts erkennen würde, was mir Hoffnung machen könnte.‹ Nun aber gab es doch dieses Eine, um ihm ›Hoffnung zu machen‹, und angesichts seines großen, ungeheueren Vorhabens wollte er diesmal noch hoffen.

Fußnoten

1 Im ›Siècle‹ vom 7. September 1869.


2 Nichtsdestoweniger war gerade diese Wiener Aufführung schließlich eine der abscheulichst zusammengestrichenen nach dem Textbuch 17 Seiten!!


3 Noch in einem Briefe Klindworths an Bülow vom 31. Juli 1870 ist es klar ausgesprochen, daß Wagner ›nach den gemachten Erfahrungen die Partitur des Siegfried keinesfalls in die Hände des Königs abliefern werde‹ (Vgl. S. 328 dieses Bandes).


4 Bleistiftskizze: 9. Jan. bis 5. Juni 1870.


5 An Klindworth, 26. April 1870. Abgedruckt in der ›Festgabe des Wagner-Vereins Berlin zur Feier des 25 jährigen Bestehens der Bayreuther Festspiele‹ (Berlin, P. Thelen 1901, S. 9/10.)


6 H. v. Bülow, Briefe IV, S. 399.


7 Anspielung auf Wesendonck (Seite 277 dieses Bandes)!


8 Vgl. Briefe an Otto Wesendonck, S. 96: ›»Über das Dirigieren« habe ich Ihnen nicht geschickt, weil das »Judentum« Ihren Widerwillen erregt hatte, und ich fürchten mußte, auch bei jenen Aufsätzen Ihnen nicht ganz recht getan zu haben. Aber Sie haben ein Recht, nur Angenehmes von mir zu erfahren; somit ist es meine Pflicht, behutsam zu sein.‹


9 Dieser Ausdruck in seiner ganz allgemeinen Fassung geht nicht direkt auf den zuletzt genannten Verleger C. F. Kahnt, sondern bezieht sich auf andere, viel peinlichere Erfahrungen, über die sich der Meister u.a. in einem undatierten, an seinen Bevollmächtigten Batz gerichteten Briefe ausspricht.


10 ›Bayreuther Blätter‹ 1903, S. 89.


11 Nietzsches Leben, Band II, S. 18/19.


12 Nietzsches Leben II, S. 19/20.


13 Bayreuther Blätter 1895, S. 3.


14 In einem Schreiben vom 27. Februar 1870 sagt er dem uns schon bekannten Dresdener Maler Robert Krausse (S. 285 Anm.) seinen Dank für die Herbeischaffung eines Almanachs, in welchem das obenerwähnte Lustspiel seines Stiefvaters (›Der bethlehemitische Kindermord‹) enthalten war. Vgl. E. Kastner, Briefe Richard Wagners an seine Zeitgenossen (Berlin 1897) Nr. 1017.


15 Vgl. Band I S. 358/59, Band II S. 16. Eine an R. Pohl gerichtete Erkundigung nach dem Verbleib dieses Manuskriptes – vom 10. März 1869 – befindet sich in Pohls Nachlaß. Vgl. E. Kastner, Briefe R. Wagners usw. Nr. 979


16 H. v. Bülow, Briefe IV, S. 365/66.


17 Über die Dirigentenfrage enthält derselbe (an Bülow gerichtete) Brief noch die folgenden charakteristischen Reflexionen, welche zugleich den heftigen Eigensinn des Königs traurig beleuchten: ›Nochmals nach Wüllner zu greifen widerstrebt meinem Gefühle; denn ich achte Herrn Wagner als Schöpfer des deutschen Musikdramas zu hoch, als daß ich nochmals mithelfen möchte, eines seiner größten Werke von einem Manne dirigieren zu lassen, dem er einmal nicht das notwendige Vertrauen schenkt. ... Der König aber sagt, daß eben Wagner selbst an allen diesen Unannehmlichkeiten die Schuld trage (!) und deshalb auch die Folgen leiden müsse. Wagner sei Ursache, daß Sie in die Notwendigkeit versetzt waren, Ihre Entlassung zu nehmen, Wagner habe durch seine Leidenschaftlichkeit Richter zu Ungehörigkeiten (!) getrieben usw. Für diese Sünden Wagners (!!) aber wolle der König nicht büßen und bestehe daher darauf, die Aufführung baldigst möglich zu machen‹ usw. (Bülows Briefe, IV, S. 366/67).


18 Die gleiche Erkenntnis hatte übrigens Wagner bereits im dritten Teil von ›Oper und Drama‹ ausgesprochen: ›Unbestreitbar bewegt sich der ganze Verlauf ihrer Dramen (der griechischen Tragödiendichter) aus dem Schoße der Lyrik zur Verstandesreflexion. Nur zeigt uns ein tieferer Blick, daß der tragische Dichter seiner Absicht nach minder unverhohlen und redlich war, wenn er sie in das lyrische Gewand einkleidete, als da, wo er sie unumwunden nur noch in der gesprochenen Rede ausdrückte, und in dieser didaktischen Rechtschaffenheit, aber künstlerischen Unredlichkeit, liegt der schnelle Verfall der griechischen Tragödie begründet. Euripides hatte unter der Geißel des aristophanischen Spottes blutig für diese plump von ihm aufgedeckte Lüge zu büßen. Daß dann die immer didaktisch-absichtlichere Dichtkunst zur staatspraktischen Rhetorik und endlich gar zur Literaturprosa werden mußte, war die äußerste, aber ganz natürliche Konsequenz‹ usw. (Ges. Schr. IV, S. 181).


19 Der Raum gestattet es uns nicht, sie hier zu reproduzieren und wir müssen den Leser deshalb einstweilen darauf verweisen, sie aus der (leider so oberflächlich trivialen, immer von der Geistesgröße Wagners durch Zwischenbetrachtungen ablenkenden und aus falscher Pietät gegen den Bruder das Bild des Meisters durchgängig entstellenden) Umrahmung des Buches heraus sich anzueignen, in dem jener Brief zuerst an das Licht getreten ist.


20 E. Förster-Nietzsche, das Leben Fr. Nietzsches, Bd. II, S. 23/24.


21 ›Von teilnehmendster Seite‹, fährt daher Wagner an derselben Stelle fort ›wurde ich ersucht, für Dresden doch ja den Schluß der Oper aufzuopfern und »streichen« lassen zu wollen, weil er gar zu niederdrückend wirke‹ (da der Dirigent den Sänger des Hans Sachs in den steifsten 4/4 Takt einspannte). ›Ich weigerte mich dagegen. Bald verstummten die Klagen. Endlich erfuhr ich auch den Grund hiervon: der Herr Kapellmeister war für den eigensinnigen Komponisten eingetreten und hatte die Schlußapostrophe aus eigenem Ermessen gestrichen‹ (›Über das Dirigieren‹, Ges. Schr. VIII, S. 405).


22 So las man in den ›Signalen‹ vom 11. März: ›Über die Aufführungen der »Meistersinger« in Wien vernimmt man seltsame Dinge: die Sänger sollen so deutlich ausgesprochen haben, daß die Textworte für das Publikum durchweg unverständlich waren; von den Strichen in der Partitur berichten Kenner allerlei Haarsträubendes. Statt der komischen Laute erhielt Beckmesser eine zärtliche Guitarre, der Nachtwächter anstatt des Hornes eine Posaune als Hilfsinstrument und dergleichen schöne Dinge mehr.‹ Einer der schärfsten Kritiker dieser Aufführung war Herbecks unmittelbarer Amtsvorgänger: H. Esser.


23 Vgl. den ›Briefwechsel zwischen Wagner und Herbeck‹ im Anhang des Buches: ›Johann Herbeck, ein Lebensbild, von seinem Sohne Ludwig‹ (Wien, Gutmann 1885).


24 Brieflich an Ludwig Eberle, damals dritten Kapellmeister an der Berliner Hofoper, dessen gute Dirigentenfähigkeiten er bereits vor längerer Zeit in Zürich unter erschwerenden Verhältnissen kennen gelernt und der sich kürzlich noch in München bewährt hatte (vgl. über ihn Bülows Briefe IV, S. 302. 365).


25 ›Signale für die musik. Welt‹ v. 28. April 1870.


26 Der Theaterdirektor Franz Wallner, welcher im Feuilleton der Wiener ›Presse‹ über die Berliner Aufführung berichtete, sprach seine Bereitschaft aus: ›für die Oper, Mignon, von Ambroise Thomas auf Wagners »Meistersinger« gern zu verzichten und dazu noch den »fliegenden Holländer« mit in den Kauf zu geben‹.


27 Band III des vorliegenden Werkes, S. 57. 108


28 Band III, S. 440/41. Wir benutzen diese Gelegenheit der ersten Wieder Erwämung dieser edlen Gönnerin, um eine an jener Stelle mit unterlaufene Ungenauigkeit zu berichtigen. Es heißt daselbst, sie habe im J. 1860, um die Zeit der drei großen Konzerte im italienischen Theater, den Meister noch nicht persönlich kennen gelernt; vielmehr hatte sie sogar – durch Bülows Vermittelung – einmal mit ihm zu Mittag gespeist Es war somit die a.a.O. erwähnte Begegnung im Breslauer Konzertsaal nur die Erneuerung einer bereits gemachten Bekanntschaft.


29 ›Die Judenfreunde scheinen sich ausgetobt zu haben, diese Opposition war ihnen auf die Dauer doch zu kostspielig. Schwache Oppositionsversuche wurden niedergeklatscht und Wagner kann die Beruhigung fassen, nunmehr auch vom norddeutschen Bunde anerkannt zu sein. Die Berliner Lokalpresse wollte an der ganzen Oper kein gutes Haar lassen und aus Verzweiflung über Text und Musik schier sich selbst das Haar zerraufen. Aber man merkte die Absicht, und ließ sich – nicht verstimmen‹ (Signale).


30 Es klang gut und würdig, wenn damals die ›Vossische Zeitung‹ (G. Engel), allerdings unter dem Eindrucke weltgeschichtlicher Begebenheiten, an diese Aufführung die Betrachtung knüpfte: ›In einer Stunde, da die deutsche Nation sich selbst gefunden hat, wird sie auch geistig sich auf ihr wahres Wesen besinnen. Der Einfluß von Paris hat uns zu sehr daran gewöhnt, von der Bühne nur äußerliche Zerstreuung und groben sinnlichen Reiz zu verlangen; um das Theater auf seinen idealen Höhepunkt zu erheben, muß eine gründliche Abrechnung mit französischem Wesen gehalten werden. Hoffentlich wird der politischen auch eine geistige folgen und die unheiligen Ausdünstungen der heiligen Stadt werden au ihre ursprüngliche Quelle zurückgelenkt werden.‹


31 Band III des vorliegenden Werkes S. 166


32 Unter den anwesenden Gästen nahm Liszt die erste Stelle ein, demnächst die Damen Frau v. Muchanoff, Frau v. Schleinitz, Gräfin Dönhoff, Karl Tausig; aus Paris Saint-Saëns, Ed. Schüré, Villiers und das Mendèsche Paar, aus Belgien Louis Brassin und der feurige Van der Straeten, aus Mailand der geistvolle Kritiker Dr. Filippi, ferne Mme. Viardot und der russische Dichter Turgenjew, von fürstlichen Herrschaften u.a. der Kaise von Rußland, der Großfürst Wladimir usw. usw. Erinnerungsblätter an diese Aufführungen bilden die Broschüren von Hermann Uhde, ›Weimars künstlerische Glanztage‹ (Leipzig, Kahn 1870) und Filippo Filippis ›Musikal. Reise in das Reich der Zukunft‹ (deutsch v. Furchheim)


33 Band III, Seite 251/53.


34 Das prächtige Schreiben, vom 8. März aus Florenz datiert, ist in seinem ganzen Umfang in Bülows Briefen IV, S. 369/74 nachzulesen!


35 Im übrigen enthält dasselbe Schreiben die folgende ernste und eingehende Darlegung der Sachlage: ›Ich bin mir jeden Augenblick eingedenk, daß ich ohne die von der Gnade dieser königlichen Huld mir erwiesenen unermeßlichen Wohltaten vielleicht bereits gänzlich verschollen wäre und von niemand mehr beachtet sein würde, am allerwenigsten vom deutschen Volke und seinen Theater-Direktionen. Demnach habe ich mich auch zu der Erklärung bewogen gefunden, falls der Wille Sr. Majestät hierauf verharre, nichts gegen eine Aufführung meines Werkes unter allen Umständen einwenden zu wollen, – wenn gleich ich, da diese Aufführung zu meinem großen Bedauern öffentlich stattfinden soll, weiß, daß ich hierdurch eines meiner schwierigsten und problematischsten Werke den allergrößten Widerwärtigkeiten in bezug auf unverständige Beurteilung und gänzlich unklare Wirkung aussetze‹(Luzern, 27. April 1870).


36 S. 195/96 des vorliegenden Bandes.


37 S. 202/03 dieses Bandes.


38 S. 198/99.


39 S. 301 Anm.


40 S. 220.


41 Bekanntlich faßte Semper die Sache seinerseits nicht eben mit Handschuhen an; er beschritt den Prozeßweg und verklagte den König auf Bezahlung seiner zweijährigen Vorarbeiten für das Festspielhaus, wodurch er mit Wagner völlig auseinanderkam. Es mußten erst Jahre vergehen, bis es endlich dem Maler Lenbach – infolge seiner innigen Beziehungen zu beiden Teilen – gelang, eine Aussöhnung zwischen den beiden alten Freunden, Semper und Wagner, herbeizuführen.


42 S. 301 dieses vorliegenden Bandes.


43 Band I des vorliegenden Werkes, S. 212.


44 Ein noch viel entschiedeneres, mündlich gesprochenes Wort der Bitterkeit und des tiefen Unmuts wird uns durch denselben Zeugen – Villiers – überliefert: ›Je regarderai comme ennemis ceux qui auront encouragé ce massacre par leur présence‹, sagte er zu seinen Pariser Freunden in Triebschen ›(La vie moderne‹, Juniheft 1885).


45 ›Signale für die musikal. Welt‹ 1870, Nr. 34, S. 531.


46 ›Hat die K. K. Universität und das ehrenwerte Journalisten-Gremium‹ (fährt der Brief fort) ›die beiden genannten Persönlichkeiten zu ihren Repräsentanten gewählt, so wird beiderseits wohl nicht gedacht worden sein, daß eine Einladung an mich ernstlich gemeint sein sollte; da ich aber von gewissen Seiten her keinen Spaß mehr verstehe, so bitte ich Ew. Wohlgeboren, mich also in der Unmöglichkeit zu erkennen, die an mich ergangene Aufforderung zu beantworten.‹ (Abgedruckt in der Wiener ›Presse‹ vom 19. Juli 1870).


47 O. Crusius, Erwin Rohde, ein biographischer Versuch (Tübingen und Leipzig, Mohr 1902).


48 A.a.O. S. 38.


49 Ebenda.


50 Briefwechsel zwischen Nietzsche und Rohde, S. 204.


51 1868 zu den ›Meistersingern‹.


52 Bülow war im Juni von Florenz nach Berlin gegangen, um die endlos hinausgezogene Scheidungsangelegenheit durch seine persönliche Intervention zum Ziele zu bringen. ›So viel steht fest‹, berichtet er brieflich an seine Mutter, ›bevor die Sache nicht erledigt ist, verlasse ich Berlin nicht. Ein »neues« Mal herzukommen – nein! Definitiver Abschied fürs Leben von diesem Orte‹ (Bülow, Briefe IV, S. 416).


53 Die erste Münchener Aufführung hatte am 26. Juni stattgefunden, Wiederholung am 29. Juni.A1Totzumachen ist die »Walküre« eben nicht‹, schreibt Klindworth in demselben Briefe an Bülow (vom 31. Juli 1870), ›und der Größe und Eindrucksfähigkeit des Werkes ist allein der Sukzeß zuzuschreiben, der ihm in so hohem Grade zuteil wird. Berlin, Wien, Karlsruhe – alle wollen sie sogleich haben; aber Wagner wird diesen unzeitgemäßen Gelüsten einen Riegel vorzuschieben wissen. Mit dem »Rheingold« geht's noch immer hundsmäßig schlecht, Du solltest nur sehen, wie das Ganze jämmerlich und unverständlich gegeben wird. Es sieht in München recht traurig aus: Theater und Musikschule verfallen total – alles seufzt nach Dir‹ (Bülow, Briefe IV, S. 428).


54 Während der französische Chauvinismus in seinem Taumelwahn in den Ruf ausbrach: ›à Berlin!‹, treffen wir dagegen in Bülows damaligen Briefen aus der preußischen Hauptstadt das volle Gefühl der Siegeszuversicht: ›Hier ist man allgemein des begründeten Glaubens, daß das Kriegstheater jenseits des Rheines spielen wird. Die Tüchtigkeit der preußischen Organisation ist bewundernswert.‹ ›Preußen ist wundervoll organisiert, Bismarck wahrhaftige Vorsehung in allem; ich zweifle nicht, daß, um die Sache ins reine zu bringen, keinesfalls mehr Wochen erforderlich sein werden, als 1866 Tage nötig waren‹ (Briefe IV, S. 423. 424/22).


55 In Pechts Erinnerungen heißt es: ›Natürlich stieg jetzt, wo die ersten Nachrichten von der Schlacht bei Gravelotte anlangten, die Spannung aufs höchste und war um so unangenehmer, als man in der Schweiz fast nur die erlogenen Berichte der Franzosen zu hören bekam. Daß sie nicht gesiegt hatten, war indeß doch ziemlich deutlich‹ (Pecht, a.m. Leben II, S. 232)


56 Vgl. in dem Gedicht ›an das deutsche Heer‹ die ›ärgerlichen Demokraten‹: ›Laßt uns Paris, wo sich's so hübsch verschwört, und seid zufrieden mit der Schlacht bei Wörth!


57 In dem S. 327 erwähnten Brief an Frau Wille vom 25. Juni 1870.


58 Brief an Frau Wille vom 25. Juni 1870.


59 Irrtümlich gibt die Erzählerin den 3. September an, vermutlich bestimmt durch die Erinnerung an den noch ganz frischen Eindruck der von ihr erwähnten politischen Nachrichten!


60 E. Wille, Erinnerungen S. 157, 59.


61Au moment de la bénédiction un orage nous envoya des éclairs et des coups de tonnerre bruyants. Il parait que les coups de foudre joueront leur rôle dans la vie de ce terrible garçon. Mais j'aime ces augures du ciel, tandis que je prends en aversion ces coups terrestres qui nous ont privés de votre assistance‹ (J. Gautier, R. Wagner S. 40).


A1 Von hier ab in Verbindung mit dem ›Rheingold‹ am 7. 10. Juli, 14. 17. Juli, 20. 22. Juli; dann einmal allein (ohne ›Rheingold‹) am 3. Nov. 1870; dann wieder mit dem ›Rheingold‹ am 20. 25. September, 28. 1. Oktober 1871, 16. 19. März 1872; ›Walküre‹ allein 10. Mai 1873, 11. Februar, 3. Mai 1874.

Quelle:
Glasenapp, Carl Friedrich: Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern. Band 4, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905, S. 303-333.
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