IV.

Die vier ›Tristan‹-Aufführungen.

[76] Plötzliche Erkrankung von Frau Schnorr. – Wechselangelegenheit am ersten Tristantage. – Fremden-Andrang von außen her. – Unerwarteter Aufschub der Aufführung von Woche zu Woche und allgemeine Enttäuschung und Erregung. – Erste, zweite, dritte Aufführung. – Auf Wunsch des Königs noch eine vierte Vorstellung. – Privataudition des Königs.


Mit der Erkenntnis der unsäglichen Bedeutung Schnorrs für mein eigenes Kunstschaffen trat ein neuer Hoffnungs- Frühling in mein Leben.

Richard Wagner.


So stand man dicht an der Schwelle des großen Ereignisses der ersten öffentlichen Aufführung des – so lange als unausführbar verschrienen – Werkes. Zwischen zwei völligen Ruhetagen für alle Beteiligten war, für Sonnabend den 13. Mai, noch eine ›geheime‹ Generalprobe aller drei Akte angesetzt. Die Sänger sollten dabei, zur Vermeidung jeder Überanstrengung, bloß mezza voce singen. Von dieser unscheinbaren letzten Probe soll – nach der Angabe der Frau Schnorr – die ebenso verhängnisvolle als unerwartete Wendung der Dinge ihren Ausgang genommen haben. Die Sängerin der Isolde erkältete sich dabei und – ›hart am Ziel‹ – war die weithin angekündigte Aufführung wieder in Frage gestellt. Es war dies für den Meister nach allem Vorausgegangenen eine der schwersten Prüfungen. Die von den Vorbereitungen eines so außerordentlichen Unternehmens ein für allemal unzertrennlichen Aufregungen und Anspannungen sollten also noch immer nicht zu einer beruhigenden Lösung kommen und die dunklen Mächte einer neiderfüllten Opposition einen erneuten Spielraum für ihr Treiben gewinnen.

Der für die Aufführung bestimmte Termin, Montag der 15. Mai, brach an Er brachte, außer der enttäuschenden Nachricht von Isoldens Unwohlsein, [77] noch einen Vorfall von so charakteristisch ausgesuchter Böswilligkeit der Münchener Gegnerschaft, daß wir in der Tat keine Ursache haben, das Faktum in einer wahrheitsgetreuen Lebensbeschreibung Wagners zu unterdrücken, sondern es vielmehr an dieser Stelle genau so wiedergeben, wie es uns seiner Zeit durch einen zuverlässigen Zeugen mitgeteilt worden ist.1 Wir müssen uns dazu, aus der Periode der Pariser Konzertunternehmung von 1860, jenes Darlehens erinnern, welches dem ringenden Künstler, in schwerer Bedrängnis, durch Vermittelung der treuen Freundin Malwida seitens einer sehr begüterten englischen Dame (Mme Schwabe) zuteil geworden war. Es handelte sich dabei um ein paar tausend Franks, eine Art von Abschlagsanzahlung auf die zu seinen Gunsten im Werke befindliche Subskription zur Deckung der Konzertunkosten; die Rückzahlung sollte aus den Erträgnissen jener Subskription erfolgen.2 Da die letztere Angelegenheit sich aber monatelang hinschleppte und schließlich resultatlos im Sande verlief,3 hatte er der Darleiherin schließlich, um die empfangene Summe nicht ohne weiteres als ein Geschenk zu betrachten, an Zahlungsstatt einen Schuldschein in Wechselform auf ein Jahr ausgestellt. Dies war keineswegs auf ihr Verlangen, sondern durchaus freiwillig, aus eigenem Antriebe seinerseits geschehen, da er ja – aus der bevorstehenden ›Tannhäuser‹-Aufführung unter kaiserlichem Schutze – auf bedeutende Einnahmen rechnen durfte.4 Statt dessen fiel nun der Ablauf der angenommenen Zahlungsfrist gerade in die Periode des völligen Zusammenbruches aller seiner Pariser Hoffnungen, und an eine Einlösung der eingegangenen Verpflichtung war nicht zu denken. In der Folge, so berichtet unser Gewährsmann, sei er nun durch den Sekretär jener Dame an die Fälligkeit des Papieres gemahnt worden und habe ihr daraufhin auch sogleich geschrieben; die höfliche Antwort sei gewesen, die Sache habe durchaus keine Eile und der Sekretär habe nicht in ihrem Auftrag, sondern rein geschäftsmäßig von sich aus gehandelt. Gleichwohl war das Papier – auf welche Weise, ist bisher unaufgeklärt – in fremde Hände übergegangen und eigens, um dem Meister einen Streich zu spielen, von seinen Münchener Gegnern5 angekauft und für den Tag der ›Tristan‹-Vorstellung aufbewahrt werden, um ihm Verlegenheiten zu bereiten und, wenn irgend möglich, in skandalöser Weise seine persönliche Teilnahme an der ersten Aufführung zu verhindern. Tatsächlich sei ihm das betreffende Akzept, ohne jede vorausgegangene Ankündigung, an jenem Montag den 15. Mai [78] präsentiert worden, unter Androhung sofortiger Verhaftung im Nichtzahlungsfalle, – man habe ihm, fügte der Erzähler (A. Ritter) hinzu, kaum Zeit gelassen, ein Billet an den König zu schreiben, um die Sache sogleich in Ordnung zu bringen. Dem Inhaber des Papiers war ersichtlich mehr an dem Skandal, als an der Einlösung gelegen.

Indem wir diese uns verbürgte Erzählung in ihren hier wiedergegebenen Einzelheiten auf sich beruhen lassen, wollen wir hier von uns aus lediglich konstatieren, daß die beiden, vom ›Tristan-Tage‹ datierten Briefe des Königs an Wagner allerdings auf eine besonders bittere und schmerzliche Erfahrung hinweisen, welche dieser soeben von menschlicher Bosheit und Niedertracht gemacht. Der erste dieser Briefe weiß noch nichts von der bevorstehenden großen Enttäuschung, er ist noch voll begeisterter Erwartung des Abends, eine Folge sehnsüchtig enthusiastischer Ausrufe, mündend in die Bitte um Auskunft: aus welchem ›tief geheimnisvollen Grund‹ der Freund bei aller Freude betrübt und von Qualen gepeinigt sei? ›O ich sehe wohl‹, heißt es dann in dem zweiten, ›daß Ihre Leiden tief begründet sind! Sie sagen mir, geliebter Freund, Sie hätten tief in die Herzen der Menschen geblickt, ihre Bosheit und Verdorbenheit darin erschaut; o ich glaube Ihnen, begreife wohl, daß Augenblicke des Unmutes gegen das Menschengeschlecht bei Ihnen eintreten, doch wollen wir bedenken (nicht wahr, Geliebter?), daß es doch viele edle Menschen gibt, für welche zu leben und zu schaffen es wahre Freude ist. Und doch sagen Sie, Sie taugen nicht für diese Welt! Verzweifeln Sie nicht, Ihr Treuer beschwört Sie, fassen Sie Mut: die Liebe hilft alles tragen und dulden, sie führt endlich zum Sieg!‹ Mit dieser schönen Wendung zum Guten, aus reinem liebevollem Jünglingsgemüte dem Meister zum Troste gesprochen, beschließen auch wir den Bericht über diese Episode; von der feindseligen Gesinnung, wie sie ihm auf diesem unglücklichen, neidverseuchten Münchener Boden immer wieder entgegentrat, hatte er dadurch ein neues – wenn auch nicht das letzte! – Beispiel erhalten. Sie mit Geduld zu ertragen, bis sie sich etwa einmal innerlich selbst aufgezehrt haben würde, dazu bedurfte es allerdings so außerordentlicher Bekundungen einer tröstenden und versöhnenden Liebe, deren zartsinnige Spendung, – als einzig mögliches Antidot gegen das zerstörende Gift des Hasses – ihrem königlichen Urheber zu ewigem Ruhme gereicht!

Bereits im Laufe der letzten Probenwoche war der Fremdenzudrang in München ein merklicher gewesen. Außer den speziellen Freunden und Verehrern des Meisters und seiner Kunst, die dem künstlerischen Ereignis beiwohnen wollten und darnach ihre Reisepläne eingeteilt hatten, waren aus aller Welt Enden die unvermeidlichen Vertreter der ›Presse‹ und sogenannten ›Kritik‹ zusammengeströmt, aus dem Norden und Süden Deutschlands, aus Österreich wie aus dem Auslande, aus Wien, Weimar, Karlsruhe, Dresden, Berlin, wie aus [79] Pesth, Paris und von jenseit des Kanals. Eine bunte und zahlreiche Gesellschaft besetzte überall die Gasthöfe. Wir nennen unter ihnen aus London den trefflichen Klindworth, von Paris aus Gasperini, seinen dortigen treuen Hausarzt und literarischen Vorkämpfer; von Wien aus Dr. Friedrich Uhl, den Redakteur des ›Botschafter‹, und den jungen Heinrich Porges; den Regierungsrat Franz Müller aus Weimar, der sich durch mehrere interessante Schriften über Wagners Werke rühmlich hervorgetan; dazu den alten, Freund August Röckel aus, Frankfurt a. M., Alexander Ritter aus Würzburg nebst Gemahlin, Geheimrat Dr. Gille aus Jena, Kapellmeister Seifriz aus Löwenberg, Felix Dräseke, Joachim Raff, Leopold Damrosch, C. F. Weitzman, Eduard Lassen, den jungen begabten Tonkünstler Adolf Jensen aus Königsberg i. Pr., einen Schüler des braven Louis Köhler, der mit ihm gemeinschaftlich die Reise nach der Isarstadt unternommen usw. usw. Beide Letztgenannten trafen bereits am Sonnabend den 13 in München ein, gerade wie Richard Pohl. ›Leider war‹, so erzählt letzterer, ›die erste Aufführung schon vorüber!‹ Mit dieser Nachricht empfing uns zu unserem Erstaunen Hans von Bülow. Die Generalprobe im Kostüm, bei beleuchtetem Hause, in Anwesenheit mehrerer hundert Eingeladenen war in der Tat als erste Aufführung zu betrachten Sie soll in allen Teilen so musterhaft gewesen sein, daß wir alle mit verzeihlichem Neid den Bericht jener Glücklichen anhörten, welche ihr Stern bereits am 11. Mai hierhergeführt. Zu anregendem und mannigfachem Verkehr bot sich hinreichende Gelegenheit. ›Am Vormittag war der Sammelpunkt bei Bülow, am Nachmittag in Wagners reizender Villa.‹ Den Brennpunkt dieses Verkehrs bildete naturgemäß das eigene gastliche Haus des Künstlers, der auch in München die (bereits in Paris eingeführte) Sitte, seine Freunde an einem bestimmten Tage der Woche um sich zu versammeln, mit der ihm eigenen Freude am geselligen Umgang mit Gleichgesinnten fortsetzte. Hiervon hielt ihn auch sein damaliger – in der Tat ›leidender‹! – Gesundheitszustand nicht ab, welcher niemand entging, der in jenen denkwürdigen Mai- und Junitagen das hohe Glück hatte mit dem Meister zu verkehren und ihn damals angegriffener, ja den Ewigjungen geradezu gealterter aussehend fand, als nach langen Jahren in Bayreuth.

Noch bis zum späten Sonntag-Abend hatte keiner eine Ahnung von dem bevorstehenden Umschwung der Dinge; allseitig war man vielmehr in der freudig gespanntesten Erwartung des Kommenden. ›Um 5 Uhr‹, so erzählt Jensen, ›ging's zu Wagner, der uns (Jensen und Köhler) in liebenswürdigster Weise empfing Er wohnt in einer reizenden Villa in der Brienner Straße und hat einen wunderschönen Garten, in dem wir Kaffee tranken und Zigarren bekamen. Wir fanden viele interessante Leute dort: Alexander Ritter nebst Frau, liebenswürdige prächtige Menschen, den talentvollen Heinrich [80] Porges aus Wien, Wagners intimsten Jugendfreund August Röckel, einen Menschen von tiefem Gemüt und eminenten Kenntnissen, der mit Wagner die Revolutionszeit in Dresden durchmachte und 13 Jahre im Zuchthause zubringen mußte, Dr. Uhl, den Redakteur des Wiener »Botschafter«, eine höchst umgängliche Natur, Regierungsrat Müller aus Weimar und andere, deren Namen ich nicht genau kenne. Bülow und Frau waren natürlich auch da; Ersterer stellte mich der letzteren sogleich vor – sie ist eine ausgezeichnet geistvolle Frau von warmer Empfindung und freundlichstem Wesen‹6 Von demselben ›geselligen Zusammensein mit Wagner und vielen anderen in dessen Garten‹ erwähnt Köhler, er habe dabei nur ›einen unsichtbaren – betarnkappten – Stenographen vermißt‹, so sehr sei ein jedes von Wagner gesprochene Wort von Interesse gewesen. Und er habe viel und eifrig gesprochen, über ein deutsches Repertoire für eine deutsche Opern-Musterbühne, über die Errichtung seines Nibelungentheaters u.a.m.. Über vieles, das ihm damals von des Meisters Worten noch unklar geblieben, sei ihm erst ein Jahrzehnt später, in Bayreuth, ein helles Licht aufgegangen!7 Von Wagners Villa aus habe dann Jensen, so berichtet er selbst, ›ziemlich gegen Abend‹ noch einen Besuch bei Schnorrs gemacht: sie seien ihm mit großer Wärme entgegengekommen und er der einzige gewesen, der an diesem Abende von ihnen empfangen worden wäre. ›Während ich noch da war, kam – Wagner, ohne zu klopfen, wie denn überhaupt ein brüderliches Verhältnis zwischen ihm und Schnorr existiert. Ich ging, nachdem ich etwa eine Stunde dort gewesen, da ich annehmen konnte, daß Schnorrs der morgenden Aufführung wegen alle Sammlung nötig hätten, und verbrachte den Abend im Hotel zu den, vier Jahreszeiten mit Porges, Ritter und Röckel.‹8

Die Bestürzung, die verstörten Mienen, mit welchen tags darauf in letzter Stunde, als alles im Begriff war, sich ins Hoftheater zu begeben, die Absage der Vorstellung aufgenommen wurde, wird uns in den gleichen Privatbriefen recht drastisch geschildert Welche großen Unannehmlichkeiten und bitteren Verstimmungen gerade dieser Tag ganz wider Erwarten dem Meister gebracht, hat uns oben bereits beschäftigt; doch bleibt uns noch ein Zug zu erwähnen übrig, da sich für ihn in Wahrheit auf diesen einen Tag von überall her alles irgend erdenkliche Aufregende und schwer zu Ertragende anzusammeln schien! Er empfing nämlich zu allem andern an dem gleichen Nachmittag von Dresden aus die telegraphische Nachricht, daß seine Frau sterbenskrank darniederliege Ihr altes Herzleiden hatte durch gewisse krampfartige Erscheinungen zu einer akuten Verschlimmerung ihres Zustandes geführt. Weitere Depeschen meldeten die eingetretene Besserung: die Gefahr [81] sei vorüber. Wie eigen verhängnisvoll hätte es sich aber getroffen, wenn diese beunruhigenden Nachrichten gerade mitten in die erste Aufführung her Angereisten bedauerlich genug. So hatte sich Klindworth aus seinen Londoner Pflichten nur für eine Woche frei machen können und mußte daher, da für die nächsten acht Tage keine Aussicht vorhanden war, am Dienstag den 16. abreisen, ebenso Lassen aus Weimar, den Wagner ›an München zu fesseln hoffte‹,9 Köhler, Seifriz und Weitzmann. Letztere wollten sich, bei strömendem Regen und in verzweifeltem Humor, vor der Heimfahrt wenigstens noch einen Ausflug nach Salzburg und Berchtesgaden gönnen. Die Zurückbleibenden, schreibt A. Jensen, hatten es besser. Sie waren alle für den Nachmittag zu dem Meister eingeladen, der es bei solchen Gelegenheiten sich nicht nehmen ließ, durch unwiderstehlich liebenswürdige Gastlichkeit die in seinem Hause verbrachten Stunden für jeden einzelnen zu unvergeßlichen Erinnerungen zu gestalten. Bülow ließ sich am Klavier vernehmen, Wagner ›sang uns sein Schusterlied aus den Meistersingern mit köstlich ironischem Humor‹ und ›machte allerhand Dummheiten‹ – d.h. er wußte auf die ihm eigene, durchaus unnachahmliche Weise durch launig übermütige Neckereien und Scherze die ungeheure Kluft zwischen sich und seinem jedesmaligen Gegenüber bis zum Gefühle des traulichsten Behagens zu überbrücken.10 ›Frau von Bülow redete mir zu, unbedingt zu bleiben, da die Aufführung am Mittwoch nächster Woche doch jedenfalls stattfinden könnte, bat mich, sie nach Belieben zu besuchen und hob her vor, daß ein häufiges Zusammensein mit dem Meister für mich doch auch von Wert sein müßte. Wagner zog mich auf einen Sessel neben sich und sagte: »Na, nun kommen Sie einmal! Können Sie hier bleiben? Sind Sie durch irgend welche Verpflichtungen gebunden, in Königsberg an einem bestimmten Tage einzutreffen?«‹ Und von demselben Dienstag Abend heißt es dann in derselben Erzählung weiter: ›Abends, wo wir alle, Wagner mit, in den »vier Jahreszeiten« waren, sagte er in seiner freundlichen, bezaubernden Weise: »Kinder, Ihr müßt Euch einbilden, alle krank geworden zu sein, wir gründen hier ein großartiges Hospital; Ihr mußt hier bleiben, Ihr werdet mich doch nicht verlassen; den Arzt haben wir hier zur [82] Stelle, der Euch beurlaubt«, und darauf zum Redakteur Gasperini gewendet, der gleichzeitig Arzt ist und ihn in seinem Nervenfieber in Paris ausgezeichnet behandelt hat.11 »Monsieur le médecin, il faut que Vous donniez des certificats de maladie.«‹ Auch wurde an diesem Abende für den folgenden Tag eine gemeinsame Photographie verabredet, die auch wirklich als großes Gruppenbild ›Richard Wagner und seine Freunde‹ am Vormittage des 17. Mai beim Hofphotographen J. Albert zur Ausführung gelangte. Inmitten des Bildes hat der Meister mit Dr. Gille und Franz Müller an einem Tische Platz genommen; zu seiner Rechten sitzt Röckel; zu seinen Füßen ist sein treuer Hund Pohl12 gelagert, dessen Namensgleichheit mit dem geistvollen literarischen Vorkämpfer Wagners zu mancherlei Scherzen Veranlassung gab; im Hintergrunde und zu beiden Seiten gruppieren sich Gasperini, Bülow, Jensen, Dräseke, A Ritter, Uhl, Richard Pohl, Damrosch, Porges und die beiden Ungarn H. v. Rosti und Michael Moszonyi. Dagegen vermißt man auf diesem, in seiner Art geschichtlich bedeutenden Bilde nicht bloß die bereits als abgereist Erwähnten, Klindworth, Lassen, Köhler usw., sondern auch noch so manchen anderen, z.B. – Peter Cornelius. Dieser hatte nämlich infolge von allerlei Mißverständnissen, an deren Entstehung er selbst die Schuld trug, die jedoch darum nicht zum Brüche zu führen brauchten, seit mehreren Wochen München verlassen und weder gegen Wagner noch gegen Bülow etwas von sich hören lassen!13 Unter den Gründen der damals zwischen dem Meister und Cornelius obwaltenden Verstimmung nennt Bülow eine dem Könige gegenüber verletzte Rücksicht gegen Wagner. ›Deine uns allen überaus befremdliche Teilnahmlosigkeit während des wichtigsten künstlerischen Ereignisses dieses Jahrhunderts‹, schreibt ihm Bülow nach der Aufführung, ›hat Wagner schmerzlich betroffen, weit mehr als er es gegen uns, geschweige gegen Dich aussprechen wird. Deine Abwesenheit war sehr ungemütlich und um so unerklärlicher, als der »Tristan« mit dem ›Cid‹ nicht karamboliert hat14 und auch Dein Brautstandsglück unter einer Exkursion nach München nicht im geringsten hätte leiden können.‹15 Schwerer zu ertragen und von schmerzlicherer, tieferer Tragik war die Lücke, welche durch das Entferntsein des größten, geliebtesten Freundes in den umgebenden Kreis gerissen wurde, unter den gleichen ›römischen‹ Einflüssen, welche ihn einst im entscheidenden Augenblicke [83] von Zürich (und Venedig), dann vom Pariser ›Tannhäuser‹ fernhielten. Nicht mit einer Silbe hat sich Wagner je darüber geäußert, was er bei dieser Lücke empfinden mußte. Auch fehlten die biederen Züricher Freunde, unter deren Augen einst der ›Tristan‹ entstanden war: Semper, Herwegh, Frau Wille, Wesendoncks! Rückblickend spricht daher Wagner von den Ereignissen dieses Sommers als von einem Höhepunkt seines Lebens, einem ›schönen Höhepunkt, und doch verbittert durch – Abwesenheiten! – Wirklich: verbittert!‹ Und fährt dann speziell mit Bezug auf die Züricher fort: ›Wie kleinlich kommt Ihr mir alle vor, die Ihr dieser – Aufregung auswichet!‹16

Zum 22. Mai, dem zweiundfünfzigsten Geburtstag des Meisters, sandte ihm der König brieflich seine innigen Wünsche; er war kürzlich an den Starnberger See gezogen, um an der herrlichen Maienluft in Berg seine in der letzten Zeit durch Überanstrengung etwas leidend gewordene Gesundheit zu kräftigen und von dort aus den bevorstehenden Aufführungen beizuwohnen. Im Hinblick darauf hatte er seinem, den Starnberger See befahrenden Dampfboote, statt seiner bisherigen Namensaufschrift, den Namen ›Tristan‹ verliehen, den es nun für allezeit beibehielt.17 Wenige Tage später, gleichsam zur Nachfeier des Geburtsfestes, beschied er den großen Freund zu sich nach Schloß Berg und überreichte ihm beim Empfange ein Rosenbukett, das er ihm aus der Fälle üppiger Rosenpracht seines Gartens eigenhändig geschnitten. Er erfreute sich lebhaft der inzwischen eingetroffenen, ungeduldig von ihm erwarteten Semperschen Pläne für den provisorisch zu errichtenden Theaterbau im Münchener Glaspalast (S. 37, 73). ›Hoffentlich lassen die Pläne für den monumentalen Bau der Zukunft nicht zu lange auf sich warten! – Alles muß erfüllt werden; ich lasse nicht nach! Der kühnste Traum muß verwirklicht werden!‹ – Eifrig beriet er in Gemeinschaft mit dem Meister dessen Projekt einer neu zu begründenden Zeitung zur Unterstützung ihrer gemeinsamen Kunstbestrebungen. Als Redakteur wurde in erster Linie ein gewisser Dr. Grandauer in Aussicht genommen, der sich in vertrauenerweckender Weise Wagner zu nähern gewußt, späterhin aber, eingeschüchtert [84] durch die gegen diesen gerichteten Intriguen, so völlig in das Dunkel zurücktritt, daß wir nichts Näheres über ihn in Erfahrung gebracht haben, außer daß er ein geborener Bayer und dem Meister ehrlich ergeben war.18 Im Betreff der sehnlich erwarteten ersten Aufführung des ›Tristan‹ war wegen fortdauernder Ungewißheit des Gesundheitszustandes der Hauptsängerin noch keine Gewißheit zu erlangen. In Übereinstimmung mit den glühenden Wünschen des Königs beantragte Wagner am 25. bei Schnorr ›kurz und gut‹ den folgenden Plan. Am Sonntag den 28. sollte – mit Mitterwurzer und Schnorr – der ›fliegende Holländer‹ gegeben werden, am Donnerstag, den 1. Juni, ebenfalls mit Schnorr und Mitterwurzer, der ›Tannhäuser‹, am Montag darauf, 5. Juni, aber ›Tristan‹ folgen. ›Hiermit kehrt Bestimmtheit und Ruhe ein Deine Frau wird nicht genesen, als wenn sie die Ruhe hat, welche ihr diese Anordnung gibt. Ich bitte Dich, diesen Entwurf, als von mir ausgehend und mit Dir vereinbart, der Intendanz vorzulegen und die nötigen Vorbereitungen zu verabreden.‹ Schnorrs antworteten durch die Tat: sie verließen München ganz und – begaben sich aus zehn Tage nach Reichenhall! Damit war alles wieder in völliger Ungewißheit.

Für niemand war dieser erneute Aufschub verhängnisvoller als für Schnorr selbst, der für seine Person physisch und geistig zur großen Tat völlig bereit war. Auf ihn konnte jede Verzögerung nur nachteilig wirken. Mit jeder neuen Woche vermehrte sich für ihn die Irritation der gespannten Erwartung, und verminderte sich die im ursprünglichen Plan mit veranschlagte Zeit ruhiger Ausspannung, der Erholung nach der Tat und vor seinem Wiedereintritt in seinen Dresdener Dienst.

Die seltsamen Reflexe aller einzelnen Phasen der Tristan-Vorbereitungen in der Öffentlichkeit Isar-Athens bis in ihre Einzelheiten zu verfolgen, kann nicht unsere Aufgabe sein. Der Aufschub der angekündigten Vorstellungen bot den in München privatisierenden Journalisten und auf Kosten ihrer Redaktionen dahin entsandten musikalischen Delegierten der deutschen Bundesstaaten unwillkommene Ferien und zeitigte Federstudien von sehr wenig harmloser Haltung und Färbung. Wiederum gingen die Gerüchte von Land zu Land, die Aufführung von ›Tristan und Isolde‹ sei einem ›Mordversuch auf die Primadonna‹ gleichzuachten, und die ›Oper‹ werde daher bleiben, was sie bisher gewesen, nämlich – ›Zukunftsmusik‹. Besonders [85] Wiener Blätter ließen sich solche schöne Dinge schreiben, um gewissen dortigen Kritikern einen letzten kurzen Triumph zu gönnen. – Allerdings war es auch wieder gerade eine Wiener Zeitung, der offizielle ›Botschafter‹, welcher die ausgezeichnete, nach allen Regeln der Journalistik, sogar des, ›Feuilletons‹ abgefaßte, und daher eine weitgehende Wirkung verbürgende, Folge von Artikeln Richard Pohls: ›Eine Tristanfahrt‹ brachte, welche dem Verfasser die herzlichste Anerkennung Bülows eintrug. ›Was hast Du nicht alles hineingepackt in den Artikel, und wie geschickt, machtvoll und scharf dabei! Welche Genugtuung, dies alles einmal gedruckt zu lesen in einer anständigen politischen Zeitung!‹ Dagegen erlabte sich der ›süddeutsche Humor‹ des echten Münchener Bürgers an anderen Dingen; die feindliche Stimmung beutete die bangen Wochen des Harrens zu parodistischen Possen aus.19 All diese äußeren Vorgänge, als einer zu entlegenen Sphäre angehörig, nahmen des Meisters Aufmerksamkeit nicht erheblich in Anspruch. Sogar gegen den allzu witzigen Ton der Pohlschen Artikel habe er, nach Bülow, einige Bedenken geäußert, – ›worauf wir (so schreibt Bülow an den Verfasser dieser Artikel) ihm entgegneten, daß, wenn Du eine andere, als die übliche giocose Feuilletonistenmanier angewendet, das frivole Lesergesindel eben nur hinein geblickt, aber nicht durch gelesen haben würde. Das sah er ein, freute sich über die Variationen des Themas, Unmöglichkeit. usw.‹20 Wohl aber standen mit dem Aufsehen, welches das rein künstlerische Ereignis so weit über die beteiligten Kreise hinaus verbreitete, Belästigungen ganz anderer Art in engster Verbindung. Es ist unglaublich, wie vielen Beunruhigungen er in seinem eigenen Hause ausgesetzt war. Seine Liberalität im Empfang von Fremden, die er, trotz ungezählter Enttäuschungen, je ›berühmter‹ sein Name wurde, in fast steigendem Maße und um so grundsätzlicher beobachtete (S. 48 Anm.), war schon während seines Aufenthaltes in der Schweiz, sodann in Paris, so oft von bloßer Neugier ausgenutzt worden. Noch mehr geschah dies in München. Man gewöhnte sich daran, seine Wohnung und Person als eine Sehenswürdigkeit der Isarstadt zu betrachten, und unter dem Vorgeben eines besonderen Interesses drängten sich gänzlich unbekannte Personen in seine [86] Nähe. Mit wahrer Schamlosigkeit erzählt der berüchtigte Verfasser der ›Voyage dans le pays des milliards‹, wie er – zur Zeit der Tristanproben – an einem schönen Frühlingsnachmittag bei einem Spaziergange vor den Propyläen von einem Münchener Universitätsprofessor (?) die freundliche Aufforderung: ›Si nous allions voir Wagner?‹ erhalten und sie mit einem ›Je le veux bien!‹ beantwortet habe.21 Wer durch irgend welche, noch so gesuchte Beziehung ein entferntes Anrecht zu haben vermeinte, ihn in seiner häuslichen Ruhe zu stören, zögerte keinen Augenblick, es auszuüben Es meldeten sich bei ihm Personen, die ihn vor zwanzig oder dreißig Jahren zuletzt gesehen und seitdem jede Verbindung mit ihm abgebrochen, ja sich feindselig gegen ihn benommen hatten. Durch eine jahrzehntelange Entfremdung stand ihm z.B. der Berliner Oberhofkapellmeister Heinrich Dorn, Rigaschen Angedenkens, die verkörperte Unfähigkeit auf dem verantwortlichen Platze des musikalischen Leiters eines der ersten deutschen Kunstinstitute, gewiß nicht näher als der Franzose Victor Tissot. Dennoch nahm er nicht Anstand, als ›alter Bekannter des berühmt gewordenen Meisters‹ in den engen Kreis zu dringen, der sich eben um diesen versammelt, oder – seinem eigenen Ausdruck zufolge – ›unangemeldet hereinzufallen‹. Auch die langmütigste Geduld hätte solchen Attacken interesseloser Neugier erliegen müssen, und gewiß gehörten dieselben für Wagner nicht zu den geringsten Prüfungen der Tristantage. Und doch ward ihm für diese Opfer wenig Dank Wer nicht vorgelassen ward oder ihn nicht zu Hause traf, schrieb darüber gewiß ebenso ein, Feuilleton, als wem es gelang, in das Heiligtum zu dringen.22 Je schmählicher sich bei dieser Gelegenheit wieder die deutsche Presse gegen den gänzlich unverstandenen Künstler benahm, desto ernsthafter trat an ihn und die Seinigen die Aufgabe heran, für die Vertretung seines großen reformatorischen Kunstgedankens ein eigenes bedeutendes Organ ins Leben zu rufen. Im Vertrauen teilt sich Bülow über das Programm desselben bereits unterm 2. Juni an R. Pohl mit, wie folgt. ›Charakter des Blattes: didaktisch, kritisch, polemisch, keine Korrespondenzen, außer in wenig Ausnahmefällen, kein Anzeiger, kein sogenanntes Intelligenzblatt, – ungeheure Vornehmheit.‹ Als Zeitpunkt der Eröffnung wird, unter günstigen Umständen, vielleicht schon der 1. Oktober des laufenden Jahres angenommen: die Hauptsache sei ›bayrisch Kurant‹ [87] und das müsse erst ›aus geheimen Fonds bewilligt werden‹. ›All diese Tage‹, fügt er hinzu, ist übrigens bei Wagner nichts anderes verhandelt worden.23

Von Schnorrs war inzwischen aus Reichenhall keine Nachricht eingetroffen, nichts zu vernehmen gewesen. Es war, nach den eigenen Worten des jungen Sangeshelden, für ihn, inmitten aller sommerlich lachenden Naturumgebung, ›eine schreckliche, eine schaurige Zeit, da man fürchten mußte, Malvina würde gerade mit ihrem Schnupfen fertig, wenn ich mit einem anfange! Denn das war mein Gedanke Tag und Nacht!‹24 Wegen ihres Schweigens vermuteten Wagner und die Seinen, sie würden versprochenermaßen am Samstag den 3. Juni zurückkehren und alles bei der letzten Verabredung bleiben Statt dessen erfuhr der Meister an eben diesem Samstag von der Intendanz, die Aufführung sei, durch eine soeben erfolgte Depesche Schnorrs, von dem letztvereinbarten Termin abermals um fast eine Woche hinaus gerückt. Als Ursache dieser erneuten Verschiebung erkannte er deutlich die übertriebene Ängstlichkeit der jungen Freunde hinsichtlich der Vollkommenheit ihrer Leistungen, und brachte ihnen diese Ansicht, nach kurzer Verständigung in einem schnellen Depeschenwechsel,25 in einem Ermutigungsbriefe vom Pfingstsonntag, 4. Juni, zum Ausdruck, der in seinem unwiderstehlichen Humor ein ganz eigenartiges Beispiel für die gleichsam magische Ausströmung des Persönlichen ist, die in seinen Briefen so oft den trennenden Raum aufzuheben scheint, so daß der Empfänger seine unmittelbare Gegenwart fühlte und den Stimmton des Entfernten zu vernehmen glaubte. ›Beste Kinder!‹ so lautet dieser Brief, ›Daniel in der Löwengrube kann sich unmöglich schlechter befunden haben, als ich in der Grube ohne Löwen. Daniel wurde nicht gefressen, mir aber wurde nicht gebrüllt. Hört, dort in der Reichenhaller Wüste scheint Ihr auch nicht besonders zu gedeihen! Kommt in meinen Löwengarten, das Kampfspiel zu erwarten, darinnen nichts als Pfauen26 unsanglich sind zu schauen. Allen Respekt vor Eurer diätetischen Weisheit; die Erfahrung sagt aber, so lange wir täglich – ohne Angst – zusammen waren, kam keine unlöwenhafte Erscheinung auf. Seitdem Ihr vor- [88] und rücksichtig wurdet, Euch ein- und abschlosset, verlor Daniel seine Macht. Ich glaube, Ihr solltet kommen, mit uns wieder speisen und teufeln, und – glaubt nochmals – diese Geschichte ist nicht mit den Schleimhäuten, sondern einzig durch eine Verrücktheit zustande zu bringen. Aber so ist's, seit der Ankunft der Frau Kurwenal27 ist mir alle Macht entwunden worden; dort Nuancen – hier Nuancen, nirgends Avancen! Seid viel naiver: überlaßt die absolute ästhetische Vollendung dem heiligen Anton, – bleibt fehlerhaft, und Gott der Allgütige wird Euch segnen, wenn gleich Ihr nie ergründen werdet, was ich mit Antonio sagen will, denn es ist reiner Unsinn, bloß zum Mutmachen.28 Also, liebste Menschen, Mut! Schön – Mut! Ich bitte mir dagegen eine Lumperei aus, nichts wie Gewißheit – Flieht Damroschs29 Umstrickungen: werft Euch lieber auf Dräs(ekes) Seite; – dieser ist viel blühender in betreff des Teints. Der ist bei mir. – Solltet Ihr Spuren von zusammenhängendem Räsonnement bei mir finden, so erklärt Euch, wie es dazu kam. – Und nun: armes aux bras! Ohne den Tristan ist nichts, und alles hat ein Ende – Mit Tristan – alles! – Jetzt auf – und wacker gebrüllt! Hier ist Euer Platz! Adieu! Von Herzen Euer Löwenhüter (im Pfauengarten)!‹

Bereits sammelten sich auch wieder die Hörer des Werkes; andere, wie Röckel, Porges, Gasperini, Dräseke, hatten die ganze Zeit hindurch tapfer ausgehalten. Nach mehr als Jahresfrist bekam dabei Wagner auch Tausig mit seiner kürzlich ihm vermählten jungen Frau, einer Ungarin, zu sehen.30 Ein Teil der Abgereisten fand sich allmählich wieder zusammen,31 der Fremdenzufluß mehrte sich von Tag zu Tage. Als Dorn am Pfingstmontag seinen oben erwähnten, höchst überraschenden Besuch ausführte, fand er den Meister soeben beschäftigt, einem kleinen Zuhörerkreise aus der, wie wir uns erinnern, erst kürzlich wieder in seinen Besitz gelangten Partitur, die neue Venusberg-Musik vorzuspielen. Er erwähnt unter den Anwesenden, außer Frau von Bülow, einen ›älteren Engländer, dessen Namen er vergessen habe‹, und einen jüngeren Mann, der sich bei seinem Eindringen, unter, ›stummem Schütteln seiner [89] Löwenmähne‹ bald entfernt hätte. Zu solchem verwunderten Kopfschütteln gab allerdings die unglaubliche Aufrichtigkeit reichlichen Anlaß, mit welcher der Berliner Kapellmeister durch unbefangene Mitteilung seiner näheren und ferneren Wünsche und Absichten sein Innerstes aufdeckte. Man stelle sich vor: er erbat sich den Eintritt zur Generalprobe des ›Tristan‹ mit der eigenartigen Begründung, er könne die Aufführung nicht abwarten, weil er im Begriff sei nach Paris zu gehen, um daselbst einer Vorstellung der ›Afrikanerin‹ beizuwohnen! Tristan und – der Manzanillobaum in einem Atem, unmittelbar nacheinander! ›Zu der am Donnerstag bevorstehenden Generalprobe schrieb er mir‹, so erzählt Dorn, ›bereitwillig die Einlaßkarte für zwei Personen, – dagegenfand er es absonderlich, daß jemand nach Paris reiste, um eine Meyerbeersche Oper zu hören‹... Noch viel absonderlicher muß uns allerdings die unerhörte Dreistigkeit erscheinen, mit welcher dieser Mann es wagte, nach der notorischen Stellung, die er sich während eines ganzen Jahrzehnts zu Wagners Werken gegeben, den Meister ungefragt und unangemeldet in seiner eigenen Wohnung zu belästigen!

Am Dienstag früh kündigte ein freudiges Telegramm Schnorrs: ›Isolde kommt, Isolde naht mit Tristan heute nachmittag‹ das Eintreffen der, seit zehn Tagen fast verschollenen Freunde an; am Donnerstag von 10 bis 2 Uhr vormittags fand dann die Generalprobe des ersten und zweiten, am Freitag des dritten Aktes statt, am Sonnabend den 10. Juni endlich die so lang erwartete erste Aufführung. Das schon längst für alle drei Abende ausverkaufte Haus war überfüllt, wiewohl nicht ausschließlich von wohlgesinnten Elementen. Daß es sich um ein Ereignis von kunstgeschichtlicher Bedeutung handle, entging auch dem verstocktesten Inhaber der ersten Sperrsitze nicht, über dessen Haupte noch immer, wie ein Damoklesschwert, die verhängnisvolle Signatur des Bülowschen Kraftausdruckes schwebte. Um auf den oberen Galerien einen allzugroßen Zudrang der gegen den Tondichter und sein Werk so vielfach bearbeiteten und aufgehetzten Bevölkerung zu vermeiden und die Vorstellung somit vor möglichen Störungen zu schützen, waren seitens der Intendanz besondere Maßregeln getroffen.32 Mit Unrecht und gewiß nicht im Sinne Wagners, der sehr wohl wußte, daß seine unversöhnlichsten Feinde vielmehr in den ersten Logenrängen und vor allem in der sog. ›Galerie noble‹ zu suchen waren! So umfaßten denn auch diese Ränge, wie nicht minder das Kopf an Kopf dicht besetzte Parkett – trotz des ansehnlichen Fremdenzuflusses – der Zahl nach vorwiegend einheimisches Münchener Publikum. Bei alledem bewirkte das unwillkürliche Bewußtsein von der Bedeutung des Vorganges, [90] daß die gespannte Erwartung sich in andachtsvoller Stille äußerte, bis zu dem Moment, wo mit dem Schlage 6 Uhr der König die große Loge betrat und das unterdrückte Rauschen der Stimmen in den Einklang begeisterter Zurufe überging. Dreimal wiederholte Trompetenfanfaren und Paukenwirbel begleiteten den freudigen Ausruf des Dankes, den die Versammlung dem jugendlichen Monarchen für die durch seine Munifizenz ermöglichte Feier dieses ›Kunstfestes‹ zollte. Der zwanzigjährige Monarch erschien allein, bürgerlich gekleidet, in der mit Vergoldungen überladenen großen Königsloge gerade gegenüber der Bühne. ›In diesem Augenblick (sagt ein Augenzeuge) erstrahlte er in einer geradezu wunderbaren Schönheit. Seine seinen jugendlichen Züge, seine gewölbte Stirn, von braunen Locken umwallt, der sanfte Glanz seiner großen dunkelblauen Augen, seine ganze Gestalt atmeten eine ruhige Erhebung und die reinste Begeisterung. Rauschende Fanfaren, wiederholte Hochrufe begrüßten ihn; aber die Augen in seinen Traum versenkt, schien er die ihm zujubelnde Menge gar nicht zu sehen.‹33 Dann löste sich alles in lautloses Schweigen. Bülow erhob den Dirigentenstab, das Vorspiel begann. Den Violoncellen entströmte langsam jener sehnsüchtige Hauch, dem die Rohrinstrumente mit schachtendem Gegenrufe erwidern, bis sich Sehnen, Schmachten und Drängen in fortflutender Steigerung zur tragischen Höhe einer glühenden Leidenschaft auftürmen.

Die Aufführung war, wie nicht anders zu erwarten, in allen Teilen vollendet; über Bülows Leitung war das Orchester selbst des Lobes voll und die Art, wie die beiden Hauptdarsteller ihre gewaltigen Aufgaben lösten, verknüpfte ihre Namen für immer mit der Geschichte des Werkes. Der edle Sänger hatte in seiner gesamten Darstellung nichts von einem Schauspieler, der eine studierte ›Rolle‹ darstellt: er war in jedem Ton, in jeder Bewegung der Held selbst vom Scheitel bis zur Sohle, der verkörperte, fleischgewordene Tristan Seine hohe Gestalt, sein schönes braungelocktes Haupt ließen seinen etwas starken Leibesumfang fast vergessen; Gebärde, Haltung, Mienenspiel vereinigten ihren ausdrucksvollen Zauber mit dem wunderbaren Reiz seines zugleich weichen und vollen Organs. Die Aufnahme des Ganzen war eine warme, hochbegeisterte. Der gewohnten Sitte entgegen, nach welcher in Anwesenheit des Königs und des Hofes dem Künstlerpersonale keinerlei Beifallsbezeigungen zuteil werden, enthielt sich das Publikum nicht, bereits nach dem ersten Akte das Schnorrsche Paar lebhaft hervorzurufen; zweimal hob und senkte sich der Vorhang, zweimal erreichte der Beifall bei ihrem Erscheinen seinen rauschenden Höhepunkt. Derselbe zweimalige Hervorruf nach dem zweiten Aufzuge. Als gegen elf Uhr der Vorhang zum letzten Mal sich senkte, brach das ganze Haus, aus tiefer Ergriffenheit zu sich kommend, in einen nicht [91] enden wollenden enthusiastischen Jubel aus, an welchem auch der König von seiner Loge aus applaudierend sich beteiligte. Alle Mitwirkenden mußten sich noch einmal zeigen, dem immer mehr anschwellenden Applaus und Rufen seines Namens endlich auch der Meister selbst Gehör geben und auf der Bühne erscheinen Sein Antlitz war bleich und erregt. Er verneigte sich mit ernstem Gesichtsausdruck vor dem Publikum; dann wandte er sich zu den beiden Interpreten seines Werkes und schüttelte ihnen zu wiederholten Malen die Hände, wie um ihnen den besten Teil des Erfolges zuzuwenden.34 ›Die Wirkung war eine immense‹, schreibt tags darauf Schnorr an seinen Vater, ›eine vom ersten bis zum letzten Akt sich unablässig steigernde. Nach jedem Akt wurden wir zweimal stürmisch gerufen, nach dem letzten Akt führten wir Wagner in unserer Mitte. Der Augenblick, als wir Hand in Hand mit dem geliebten Meister dastanden, nach geschehener Tat, nach Besiegung aller der Schwierigkeiten und Hindernisse, welche immer als unüberwindlich dargestellt worden waren, als wir selige Tränen weinten – dieser Augenblick wird in unserem Gedächtnisse frisch und stärkend leben, bis alles Denken ein Ende hat. Neben dem höchsten Glück empfinden wir aber auch eine tüchtige Portion Stolz; ich werde heute öfters stolpern, das weiß ich, denn mein Blick wird sich auf die gemeine Erde nicht so leicht bald wieder senken. Wir haben etwas vollbracht, was uns so bald niemand nachmacht; wir haben es endlich erreicht, das große, große Ziel.‹

Eigentümlich berührt diesen beredten Zeugnissen gegenüber die persönliche Erinnerung Richard Pohls an die Nachfeier dieser ersten Vorstellung, die – noch in vorgerückter Nachtstunde – im ›Bayrischen Hof‹ die Getreuen, und insbesondere die von überall her angereisten Festgäste aus den deutschen Musikerkreisen, um den Meister versammelte. Er behauptet nämlich, auf dieser Gesellschaft habe – seltsam es zu sagen! – eine ›gedrückte Stimmung‹ gelegen: die einen waren sich über den Eindruck noch nicht klar, die anderen wollten nicht mit ihrer Meinung hervortreten, kurz: ›Niemand konnte die rechten Worte finden, um den Meister recht nach Verdienst aus vollem Herzen zu feiern.‹35 ›Richard Wagner litt unter dem Drucke dieser gepreßten Stimmung, und so erfreute es ihn denn sichtlich, als ich, der zuletzt Eintretende, der von dem verlegenen Schweigen der anderen nichts wußte, in vollem Entzücken ihm dankte‹ Ganz abgesehen von dem bloß relativen Wert solcher subjektiven Eindrücke, wie der hier mitgeteilten, vergegenwärtigen uns diese Pohlschen Angaben doch immerhin etwas, von Wagner bereits bei früheren Anlässen[92] deutlich Empfundenes: wie wenig nämlich diese ganze Gruppe von Tonkünstlern der sog. ›neudeutschen‹ Schule oder Musikrichtung, die in der musikalischen Öffentlichkeit Deutschlands als seine ›Parteigenossen‹ galten und sich selbst als solche bekannten, in Wahrheit innerlich mit ihm und seiner Kunst gemein hatten. Mit einem Worte: die ungeheuer einsame Stellung des großen Reformators unter seinen scheinbaren engeren Kunstgenossen. Über ihren Kreis hinaus hatte er doch immer wieder an das große allgemeine Publikum zu appellieren, um der unbekannten starren Masse den, Funken der Begeisterung zu entschlagen und aus ihr heraus sich neue begeisterte, Freunde zu gewinnen. Selbst ein so sein gebildeter Musiker und dem Genius in wahrer persönlicher Anhänglichkeit und Verehrung ergebener, liebenswürdiger Mensch und erprobter Freund, wie Gasperini, bekannte von sich: der erste Eindruck des ›Tristan‹ auf ihn sei ein ›zerschmetternder‹ gewesen, der sich erst im Nachgenusse zu einem ruhigen verklärt habe, und in seinem ausgezeichneten, bahnbrechenden Buche über Wagner36 finden sich im einzelnen die gewagtesten Aussprüche über Dichtung und Musik des Werkes, unter dessen überwältigendem Eindrucke es entstanden ist. Mochte es sich nun aber um junge deutsche Musiker der Weimarischen Schule oder um den Zögling der eigentümlichen Pariser Zivilisation handeln; überall waren es die Erscheinungsformen der modernen Kunstwelt mit ihren Voreingenommenheiten und fertig mitgebrachten Voraussetzungen, welche die ihr Angehörigen in ihrem starken Banne befangen hielten; ihn hatte das Kunstwerk erst mit seiner Allgewalt zu durchbrechen. Dagegen studierte eben damals an der Münchener Universität ein junger Franzose von elsässischer Herkunft (›Alsacien de naissance et Français de coeur‹), der bisher von dem Meister nichts gehört hatte als den, auf dem Klavier gespielten, Pilgerchor aus dem ›Tannhäuser.‹ Aber eine geheime Neigung, die er ›zu dem Manne gefaßt, der die Geister erschütterte und die Welt von unten zu oberst kehrte‹, trieb ihn in die Tristan-Aufführung. Das unerwartete Eintauchen in das Wagnersche Orchester habe ihm den Atem versetzt, gänzlich unvorbereitet sei er mitten in seine extremste Kompositionsweise, seinen kühnsten Versuch hineingeraten. ›Mir war, als wäre ich bei rasendem Sturm in ein Schiff geworfen, das ich in allen, Fugen krachen hörte: alle meine Sinne waren mir erschüttert, zerschlagen von den Wogen und Windstößen, vom Meeresschaum geblendet und von dem Getöse betäubt.‹ Aber bald sei das vorüber gewesen, und er habe etwas ganz Neues und Überraschendes erlebt: sein Blick drang in das Innerste der Persönlichkeiten auf der Bühne, sie erhielten für ihn eine vollkommene Transparenz. ›Ich [93] war in jene vollkommene Kunsttäuschung geraten, welche ein völliges dem Leben, welches sich von der Bühne aus mitteilt. Diese Verzauberung dauerte bis zum Schlusse der Vorstellung.‹ Der junge Mann, dessen Seelenzustand bei der ersten Aufführung uns durch ihn selbst in späteren Jahren in der vorstehenden Weise geschildert wird, war Edouard Schüre, nachmals einer der geistvollsten und bedeutendsten französischen Freunde des Meisters und seiner Kunst.

Seinen königlichen Freund, der sogleich abends nach Schluß der Vorstellung im Extrazuge nach Schloß Berg zurückgekehrt war, hatte Wagner in den beiden Zwischentagen nicht gesehen und gesprochen; aber ein Schreiben desselben brachte ihm am 12. dessen Dank in voller enthusiastischer Überschwänglichkeit zum Ausdruck ›Erhabener göttlicher Freund!‹ so heißt sein schöner Wortlaut, ›kaum kann ich den morgigen Abend erwarten, so sehne ich mich schon jetzt nach der zweiten Vorstellung. Sie schrieben an Pfistermeister, Sie hofften, daß meine Liebe zu Ihrem Werke durch die in der Tat etwas mangelhafte Auffassung der Rolle des Kurwenal von seiten Mitterwurzers nicht nachlassen möge! – Geliebter, wie können Sie nur diesen Gedanken in sich aufkommen lassen?‹ Und in bezug auf Schnorrs heißt es weiter darin: ›Mein Freund, wollen Sie die Güte haben, dem trefflichen Künstlerpaar zu sagen, daß seine Leistung mich entzückt und begeistert hat; meinen herzlichen Dank, wollen Sie ihn den beiden künden?‹ Durch solch innige Sympathiebezeigung, ein so rückhaltloses Aufgehen in das Werk, über dessen Gelingen er wie ein Schutzgeist wachte, reihte sich dieser herrliche König unmittelbar in den engsten, vertrautesten Freundeskreis ein, der sich um den Künstler scharte, und dem – in gleicher Intimität – sonst nur noch Bülows und die unvergleichlichen Darsteller gehörten. Es war daher ein schöner Gedanke Wagners, sich der ihm übertragenen Dankespflicht auf die Weise zu entledigen, daß er ihnen als Morgengruß zum Dienstag den 13. Juni, dem ›zweiten Tristantage‹, das königliche Schreiben direkt in ihr Hotel übermittelte. ›An die Löwen von St. Tristan, Marienbad‹ lautete die Aufschrift auf dem Couvert, über die wenigen Begleitzeilen setzte er die Worte:


›Besser als ich

sorgt Er für Euch! –‹


Darunter die vier Zeilen: ›Guten Morgen, liebe edle Löwen! Wollen wir noch einmal in die Wüste brüllen? Am Ende hören wir doch nur uns selbst. Denn auch Parzival‹ (der Name des Königs im engsten Freundeskreise!) ›gehört zu uns. Von Herzen Euer Richard.‹ Und auf der Rückseite desselben Blattes: ›Parzivals Brief ist das einzige würdige Geschenk, das ich Euch anbieten kann. Nehmt ihn, er ist Euer.‹

Die abendliche Vorstellung gestaltete sich in ihrem ganzen Verlauf zu [94] einem wahren Triumph für die siegende Kraft des Werkes. Auch diese zweite Aufführung fand in Anwesenheit des Königs37 und vor dichtbesetztem Hause statt. Nur die Ranglogen zeigten einige Lücken. Der Schluß des ersten Aktes hinterließ einen außerordentlichen Eindruck. Gasperini bekennt, er habe nie in einem Theater eine ähnliche Erregung gesehen. Das Publikum habe sich ›in Masse erhoben, um in begeisterten Beifallsausbrüchen den Schöpfer des Werkes hervorzurufen.‹38 Wie ein Platzregen brach unmittelbar nach dem letzten Tone der, in der atemlosen Stille der fast anderthalbstündigen gespanntesten Teilnahme angesammelte Beifalllos, und nachdem das edle Schnorrsche Sängerpaar zweimal erschienen, konzentrierten sich sämtliche Rufe mit stürmischem Klatschen auf den Namen ›Wagner‹... Der äußere Beifall nach dem zweiten Akte war, wie das wohl stets und überall sein wird, nur ein gemäßigter; die hier erzeugte Grundstimmung gestattet dem Zuschauer ein derartiges Hervorplatzen mit seiner Empfindung nicht. Nach dem dritten Akt aber ließ sich der Sturm der Erregung nicht bannen und ruhte nicht eher mit seinem ›dröhnenden Beifallsgetöse‹, als bis der Meister mit seinen Sängern dreimal auf der Bühne erschienen war 3 In den Bulletins, die der junge Sängerheld am Morgen nach der Aufführung an die Seinigen nach Dresden richtete, gedenkt er jedesmal mit Genugtuung des errungenen Sieges. ›Die zweite Aufführung‹, schreibt er in der Frühe des 14. Juni an seinen Vater, ›war von noch größerem Erfolg als die erste. Nach dem letzten Akt wurden wir mit Wagner viermal hintereinander hervorgerufen. Wer denkt jetzt noch an die schrecklichen vier Wochen, während Malvina unwohl war... Jetzt ist alles verscheucht, und die Sonne des Glücks scheint in unseren Herzen.‹

Dieses schöne Gefühl des Glückes und der tiefsten Befriedigung charakterisiert jede briefliche Äußerung Schnorrs aus diesen wundervollen Tagen.39 Hatte ihn die Sorge für das Gelingen vor den Vorstellungen stets in Aufregung erhalten, so trat nach jedem neuen guten Erfolge sofort wieder die heiterste und kräftigste Stimmung und Haltung bei ihm ein. Die Aussicht[95] darauf, seinen reinsten künstlerischen Idealen ungeteilt seine Kräfte widmen, aus dem Frondienste des gemeinen Theaters für alle Zeit ausscheiden zu dürfen, erfüllte sein Inneres mit freudigster Hoffnung, sie bot ihm die ersehnte Erlösung aus unerträglich quälenden und entwürdigenden Verhältnissen. ›Mich hat wahre hohe Begeisterung, jugendlich ideale Anschauung an das Theater geführt‹, heißt es in einer seiner handschriftlichen Aufzeichnungen aus den ›Tristan‹-Tagen.40 ›Unverloschen sind in mir jene Gefühle, aber wohl sank in der Wirklichkeit in ein elendes Nichts hinab, was ich zu finden hoffte. So hat mich ein Widerwille erfaßt gegen den Standpunkt unserer Theater, ein Widerwille, der mich so erfüllt, daß mein Lebensglück zu erlöschen drohte. Darf ich der lockenden Aussicht, welche mir geboten ist, folgen, dann kann ich nicht mehr gezwungen werden, den bunten Rock des heutigen Opernsängers gleich einem Spaßmacher zu tragen. Nein, ganz aufgehen kann ich in der Pflege meines Ideales, der deutschen Musik.‹

Die dritte Aufführung am Montag d. 19. Juni übertraf die beiden ihr vorausgegangenen sowohl an künstlerischer Vollendung, als auch hinsichtlich ihrer begeisterten Aufnahme. Der äußere Verlauf der Vorgänge war der gleiche: das Haus in allen Teilen gefüllt, reicher Beifall nach allen Akten, am Schluß dreimaliger tosender Hervorruf des Meisters mit dem edlen darstellenden Künstlerpaar. ›Wir sind alle wie im Traum über das merkwürdig vollständige Gelingen‹, schreibt Bülow an J. Raff, ›namentlich über die steigende Teilnahme des Publikums Es ist der größte Erfolg, den je irgendwo die erste Aufführung eines Wagnerschen Werkes erstritten!‹ Eine fernere Wiederholung war von Wagners Seite nicht beabsichtigt. In ihm hatte sich, während er den stattgehabten Vorstellungen beiwohnte, das anfängliche ehrerbietige Staunen über die Leistung des Freundes bis zu einer Empfindung gesteigert, die es ihm fast als ein Frevel erscheinen ließ: ›diese ungeheure Tat als eine wiederholt zu fordernde etwa in das Münchener Opernrepertoire eingereiht wissen zu sollen.‹ In diesem Sinne sprach er denn auch den Mitgliedern der Hofkapelle, zum Schlusse der Aufführungen, in einem vom 19. Juni datierten, als Zirkular gedruckten Schriftstücke, für ihre aufopfernden unvergleichlichen Leistungen in herzbewegender Weise seinen Dank aus. ›Meine geehrten Herren und werten Freunde!‹ so lautet diese Ansprache. ›Es ist mir unmöglich, mit der heutigen dritten – vorläufig letzten – Aufführung des »Tristan« von Ihnen zu scheiden, ohne noch ein letztes Wort des Dankes an Sie zu richten. Wahrlich, ein erhebenderes Gefühl, als dasjenige, welches ich in meinen Beziehungen zu Ihnen empfinde, kann nie einen Künstler beseelt haben. Die Mutter, die sich ihres mit Schmerzen geborenen Kindes erfreut, kann nicht die entzückende Befriedigung fühlen, die [96] mich durchdringt, wenn ich meine so lange stumm vor mir gelegene Partitur jetzt in solch einem warmen und seelenvoll innigen Klangleben vor meinem Ohre sich bewegen höre, wie Sie mir dies durch Ihre wunderbar schöne Leistung bewirkt haben !... Die Stunden unserer gemeinschaftlichen Übungen haften in meiner Erinnerung als die freundlichsten und ermutigendsten meines Lebens; die Tage und Jahre, die wir vielleicht noch gemeinschaftlich verleben werden, sollen Zeugen für die edle Bedeutung jener Stunden der Annäherung sein. So lange ich atme, wird es eine innige Angelegenheit meines Herzens sein, Ihnen zu beweisen, wie sehr ich Sie liebe und von welchem Danke ich für Sie erfüllt bin!‹ Von gleicher tiefer Befriedigung zeugt auch ein, am Tage nach der Aufführung (dem 20. Juni), an das Schnorrsche Paar gerichteter Brief: ›Meine lieben teuren Freunde! So! nun ruht Euch aus! Das Unvergleichliche ist getan. Und sollte wirklich einst der eigentümlichsten deutschesten Kunst die Frucht reifen, die ich in meinem Geiste trage, und deren Tiefe und Schönheit alles überragen müßte, was je Nationen zu ihrem Ruhme erschufen, so seid gewiß, daß Ihr Lieben der Welt unvergeßlich werdet; denn von Eurer Tat ging der Frühling aus, der meinem Werke Wärme, meinem Triebe Kraft und Lichtgab! – Und nun – Ruhe! Ihr habt ein Recht, fortan zu schweigen, wenn Euch dies gefällt Was Ihr zutage brachtet, muß unvergänglich wirken!‹ –

Da die große Tat vollbracht war, zerstreuten sich sämtliche Mitwirkende nach allen Richtungen, um nach den gemeinsamen Anstrengungen der wohlverdienten Erholung zu pflegen. Bülow begab sich nach Baden-Baden; Schnorrs gingen nach dem lieblichen Tegernsee, wohin ihnen Wagner folgte und einige Tage mit ihnen zubrachte Es war eine nur allzukurze Frist, die dem Sänger bis zu seinem Wiedereintritt in den Dresdener Dienst noch übrig blieb; bereits für den 28. Juni war im Kgl. sächsischen Hoftheater eine Probe angesetzt, zu welcher auf sein Erscheinen gerechnet wurde. Als einzige Erlösung aus diesem Frondienste winkte ihm die ersehnte Übersiedelung nach München. ›So können wir uns nicht leben‹, heißt es in dem oben zitierten Briefe Wagners an die Freunde, ›wir treiben, blühen und gedeihen zusammen, eines durch das andere! Innig vertraut, wirken wir als eines!‹ Wie mit der Erkenntnis der Bedeutung Schnorrs für sein Kunstschaffen ›ein neuer Hoffnungsfrühling in sein Leben getreten war‹, so war es für den zart und edel begabten Kunstjünger die höchste Zeit, sich aus der Sklaverei des Opernsängertums loszureißen. ›Nun sollte Schnorr der Unsere werden‹, heißt es daher in Wagners Erinnerungen. Die Gründung einer königlichen Schule für Musik und dramatische Kunst war beschlossen. Die Rücksichten, welche die Schwierigkeit der Loslösung des Künstlers aus seinen Dresdener Verpflichtungen auferlegte, führten uns auf den besonderen Charakter der Stellung, welche wir von uns aus dem Sänger zu bieten hatten, um [97] ein für allemal solch eine Stellung zu einer würdigen zu machen. Schnorr sollte gänzlich vom Theater ausscheiden, und dagegen als Lehrer unserer Schule nur in besonderen, der Bestätigung unseres Lehrzweckes entsprechenden, außerordentlichen theatralischen Aufführungen mitzuwirken haben. Die Leiden, welche der junge, tief beseelte, edel ernst begabte Künstler in der Stellung eines »Opernsängers«, in der Unterworfenheit unter einen, gegen widerspenstige Kulissenhelden erfundenen Theaterkodex, im Gehorsam gegen die Anordnungen ungebildeter und dünkelhafter Fachchefs zu erdulden hatte, waren gewiß nicht gering anzuschlagen... Hier lag der geheime Wurm verborgen, der an der heiteren Lebenskraft des künstlerischen Menschen zehrte Mir ging dies immer deutlicher auf, als ich zu meinem Erstaunen die leidenschaftliche, ja ingrimmige Heftigkeit bemerkte, mit welcher er im Theaterverkehr Ungebührlichkeiten entgegentrat, wie sie eben in diesem, aus bureaukratischer Borniertheit und komödiantischer Gewissenlosigkeit gemischten, Verkehre stets vorfallen und von den Betroffenen gar nicht empfunden werden Einst klagte er mir: ›Ach! nicht mein Handeln und Singen greift mich im »Tristan« an, aber der Ärger dazwischen. Mein ruhiges Daliegen am Boden nach der großen schweißtreibenden Erhitzung der vorangehenden Aufregung, – das ist mir tödlich; denn trotz aller Bemühungen habe ich es nicht erreichen können, daß man das Theater hierbei gegen den fürchterlichen Luftzug abschließe, welcher nun eiskalt über mich Regungslosen dahinzieht und mich zu Tod erkältet, während die Herren hinter den Kulissen den neuesten Stadtklatsch aushecken! Da wir keine Spuren katarrhalischer Erkältung an ihm wahrnahmen, meinte er düster, solche Erkältungen zögen ihm andere, gefährlichere Folgen zu.‹41 Mit bitterem Groll vernahm er zunächst die aus Dresden ihm zukommenden drängenden Aufforderungen, zum bestimmten Tage in seinen Theaterdienst zurückzukehren. ›Für den 28. Juni ist in Dresden angesetzt: »Faust« von Gounod!!! Mit diesem Mißklang schließe ich – jedes Scheiden klingt ja schlecht, – da vollends, wo solche Schandharmonien mit durchschlüpfen‹, heißt es in einem seiner Briefe.42 Wiederum galt es – und diesmal in unmittelbarer Folge sogleich nach dem erhabenen Ernst überragender, außerordentlicher Kunstleistungen! – den ›bunten Rock des Spaßmachers‹ anzulegen.

Wider alles Erwarten kam dem jungen Künstler am 23. in die Stille seines Aufenthaltes in Tegernsee – Wagner war eben wieder nach München abgereist – eine Depesche Pfistermeisters aus Starnberg mit folgendem Wortlaut zu: ›Se. Majestät der König wünschen dringend, daß, Tristan. in acht bis zehn Tagen nochmals gegeben werde, und werden wegen Ihres[98] Urlaubes an Se. Maj den König von Sachsen schreiben.‹ Nach allem Vorausgegangenen ist es seltsam befremdend, aus den Erinnerungen der Frau Schnorr zu erfahren, daß diese Überraschung ihrem Gatten keine willkommene gewesen sein solle. Leider bieten diese Rückerinnerungen aus später Zeit (1883) in dieser Beziehung bloße psychologische Rätsel, ohne eine entfernte Andeutung ihrer etwaigen Lösung. ›Das Telegramm versetzte meinen Mann‹, so erzählt sie, ›in die furchtbarste Aufregung, der gegenüber ich ganz ratlos blieb, da sie mir an dem sonst so gleichmütigen Manne ganz neu war. Auf meine besorgte Frage, ob er sich unwohl fühle, antwortete er mit der Gegenfrage: »und Du?« – »Ich bin heiser, aber sollte, wider Erwarten, das Übel sich heben und, vor allen Dingen, Du Dich frei fühlen: warum sollen wir das Wagnis nicht ein viertes Mal bestehen? Um so größer die Ehre!« Was er mir hierauf erwiderte, gehört nicht hierher (?!) – es berührte mich um so unheimlicher, als ich ihn zum ersten Male – nicht verstand.‹ – Inzwischen hatte der König alles Nötige für die Beurlaubung des Sängers veranlaßt,43 Bülow war eiligst, nach einer Woche Aufenthalt daselbst, von Baden-Baden wieder zurückgekehrt und, vom 27. Juni aus München datiert, traf denn auch noch ein eigenes Einladungsschreiben des Meisters in Tegernsee ein, übersprudelnd von guter Laune und freudiger Tatenlust. ›Mein vielgeliebtes Hummelpaar!‹ so beginnt es, Wer A sagt, muß auch B sagen! – Ich glaube, Ihr werdet für Samstag Ernst machen müssen. Der König wütet nach dieser letzten Aufführung und fürchtet, je mehr es sich damit hinausschiebt, – wieder neue Belästigungen zu erhalten Er hat sich also um eine vierzehntägige Verlängerung Eures Urlaubes (nach Dresden) gewandt: er möchte nämlich gar zu gern nach dem ›Tristan‹ auch noch den ›fliegenden Holländer‹ und dann zum Schluß eine Privataufführung im Residenztheater von Fragmenten aus allen meinen Werken – als letzten Hautgout – haben; dabei habe ich Lust, das letzte Bruchstück der ›Meistersinger. mit dem D- undF-dur-Gesang des Walther mit d'ran zu bringen. – Also Arbeit vollauf! Folgt mit gutem Beispiel nach: gebt die Hypochondrie auf, man hat gar nichts davon. Wie viel schöner ist es dagegen, sich in die Wüste zu stürzen und harmlose Wanderer brüllend aufzufressen! –‹

[99] Dieser aufmunternde Zuruf bedeutete natürlich keinen Wandel in Wagners Gesinnung : nicht ihm war an einer nochmaligen Wiederholung gelegen. Wie aber konnte er sie seinem wundervollen königlichen Herrn und Freunde versagen, wenn es diesen aus begeistertem Herzen danach verlangte? ›Da ich nun einmal auf den sogenannten »Erfolg« nicht eigentlich achte, waren mir alle von nun an so geltenden Experimente vor dem Publikum nur störend und herabwürdigend.‹44 Aber der königliche Schatz- und Schirmherr war berechtigt, eine Wiederholung zu wünschen, zu befehlen. So ging sie denn am Sonnabend den 1. Juli, als vierte und letzte Aufführung, bei aufgehobenem Abonnement und dennoch überfülltem Hause vonstatten. ›Die vierte Aufführung von »Tristan und Isolde«‹, meldet ein gleichzeitiger Bericht, ›erhielt wo möglich noch größeren Beifall als die früheren Vorstellungen Sämtliche Darsteller, Herr und Frau v. Schnorr, Frl. Deinet und Herr Mitterwurzer, wurden nach jedem Akte zwei- und dreimal gerufen; ein wahrer Sturm des Beifalls erhob sich am Schlusse, bis auch der Komponist sich wiederholt dem applaudierenden und zurufenden Publikum zeigte. Die Logen waren nicht weniger enthusiasmiert als Parkett und Parterre. Wie in allen früheren Vorstellungen war das Haus dicht gefüllt,45 und viele Fremde und Einheimische konnten nicht mehr Zutritt erlangen, obwohl mitunter, wie wir uns überzeugt haben, das Zehnfache des Preises geboten wurde. Der vollständige Erfolg der Oper ist außer aller Frage, der Sieg Wagners vollständiger, als er selbst geahnt, als seine Freunde je erwartet haben mochten. König Ludwig II. war wieder, Abends 6 Uhr, von Berg hierhergekommen; der erwartete König von Sachsen war im Theater nicht zu ersehen.‹46 Rein künstlerisch bezeichnet Bülow diese Vorstellung als die allergelungenste,47 ›schön wie der schönste Dichtertraum.‹48 Auch Mitterwurzer als Kurwenal sei dabei ›zum ersten Male wieder unser alter Dresdener Liebling‹ gewesen; und Frau Schnorr sagt in ihren Erinnerungen kurz und gut: ›es war die vollendetste Aufführung, und wir – was selten vorkam – mit uns zufrieden.‹ Dagegen berichtet Wagner von sich: ›In der vierten Aufführung erfaßte mich – im letzten Akte – das Gefühl des Frevels dieser unerhörten Leistung; ich rief: dies ist die letzte Aufführung des Tristan und nie wieder darf er gegeben werden.‹ Es war nach dem Liebesfluche Tristans, daß er sich zu dieser bestimmten Erklärung an seine Umgebung gedrängt fühlte;49 auf den gleichen Entschluß deuten aber bereits seine am Vorabend (30. Juni) an Schnorrs gerichteten Zeilen.50

[100] Um jedes Mißverständnis dieser wiederholt und entschieden getanen Äußerungen des Meisters abzuwehren, sei hier ausdrücklich hervorgehoben, daß die Empfindung, von welcher sie diktiert waren, nichts mit einer etwaigen Besorgnis vor einer physischen Überanstrengung oder Erschöpfung des Sängers gemein hatte. ›Die Besorgnis der Aufopferung der physischen Kräfte meines Freundes‹, sagt Wagner selbst, ›war durch die Erfahrung vollkommen zum Schweigen gebracht. In Wahrheit wurde nie, während oder nach den Vorstellungen, die mindeste Schwächung seines Organes, noch eine körperliche Erschöpfung an ihm wahrgenommen‹ Sehr schön und zutreffend sprach sich in dieser Beziehung Schnorrs Dresdener Kollege und getreuer Kurwenal, Anton Mitterwurzer, aus: ›wer so wie Schnorr im vollständigsten Sinne Meister seiner Aufgabe gewesen sei, konnte nie seine physischen Kräfte übernehmen, indem auch die Verwendung dieser in die geistige Bewältigung der ganzen Aufgabe siegreich mit eingeschlossen sei.‹ Es waren ganz andere, durchaus innerliche Grunde, von rein künstlerischer Natur, um derentwillen dem Meister eine Reihe von Wiederholungen des außerordentlichen Werkes, womöglich eine Einfügung in das stehende Repertoire der Münchener Oper nicht bloß zwecklos, sondern, störend und herabwürdigend erscheinen mußte. ›Mit der Aufführung des »Tristan« war, wie mit dem Werke selbst, ein zu gewaltiger, fast verzweiflungsvoller Vorsprung in das erst zu gewinnende Neue hinüber geschehen Klüfte und Abgründe gähnten dazwischen. Sie mußten erst sorgsam ausgefüllt werden, um zu uns Einsamstehenden nach jener Höhe hinüber der unentbehrlichen Genossenschaft den Weg zu bahnen. Mit der Erkenntnis der unsäglichen Bedeutung Schnorrs für mein eigenes Kunstschaffen war das unmittelbare Band gefunden, welches mein Wirken befruchtend mit der Gegenwart verbinden sollte... Die Begründung eines deutschen Stiles in dem Vortrage und der Darstellung der Werke des deutschen Geistes, sie ward unsere Losung. Und da ich diese ermutigende Hoffnung auf ein großes allmähliges Gedeihen in mich aufnahm, erklärte ich mich nun gegen jede sobaldige Wiederholung des Tristan.‹

Es war ein ergreifender, herzerhebender Moment, als am Schlusse dieser vierten Aufführung, mitten unter dem endlos rauschenden Beifallssturme der erregten Zuhörerschaft, die tiefe Rührung wechselseitiger Dankbarkeit den Schöpfer des Werkes und das edle Künstlerpaar auf offener Bühne, unter den Augen des königlichen Beschützers zu gegenseitiger Umarmung drängte! Der Meister selbst in seinem, eben erst abgeschlossenen 52 Lebensjahre, – [101] auf der vollen reifen Höhe seiner Schaffenskraft gerade noch rechtzeitig vor dem Untergange bewahrt! Der Sänger am Vorabend seines 29. Geburtstages, den er am folgenden Tage (2. Juli) beging, – seine ganze künstlerische Zukunft vor ihm ausgebreitet, – welch eine Zukunft! Im Dienste echtester auserlesener deutscher Kunst, als nächster Teilnehmer des reformatorischen Werkes eines aus ganzer Seele verehrten Meisters, unter dem Schutze eines herrlichen Königs! Meister, Sänger und Herrscher, ein jeder einzig in seiner Art, für einander geschaffen und in wechselseitiger Liebe einander ergänzend, bildeten hier einen unvergleichlich bedeutungsvollen Bund. Und wie viel war dabei, zur Verwirklichung höchster Ideale, dem edlen Sänger und Darsteller zugewiesen, wie viel war von seinen reichen Gaben, seinem geistigen Verständnis, seiner begeisterten Hingebung an die ihm gestellten Aufgaben zu hoffen, zu erwarten! ›Die Unerschöpflichkeit einer wahrhaft genialen Begabung war uns aus unseren Erfahrungen an dem Stimmorgan Schnorrs so recht begreiflich klar geworden Dieses Organ, voll, weich und glänzend, machte, sobald es zum unmittelbaren Werkzeuge der Lösung einer geistig vollkommen bewältigten Aufgabe zu dienen hatte, auf uns eben jenen Eindruck der wirklichen Unerschöpflichkeit. Was kein Gesanglehrer der Welt lehren kann, fanden wir einzig an dem Beispiele der Lösung solcher Aufgaben zu erlernen möglich‹ Kein Gesanglehrer der Welt, mit seinen Methoden und Ansichten über Stimmbildung und Gesangskunst, konnte ihm den Wert eines solchen einzig dastehenden, großen künstlerischen Beispieles ersetzen. Aus der Erfolglosigkeit der Bemühungen des redlichen Schnitt, dessen praktische Kenntnis und Erfahrung als Stimmbildner er seit langen Jahren zu schätzen wußte, war dies deutlich zu ersehen. ›Lieber Freund‹, hatte ihm Wagner in gegebenem Anlaß in eben diesen Tagen (3. Juli) auseinanderzusetzen gehabt, ›nicht an die Richtigkeit Deiner Methode und Ansichten, sondern an Deine Befähigung, diese durch die richtige Art der Behandlung Deiner Schüler auf diese anzuwenden, hatte ich bisher mit Bangigkeit zu denken, und Du beweisest mir wieder von neuem, wie gerechtfertigt meine Sorge ist. – Mein, Freund, – recht haben ist gar nichts wert, sobald man nicht auch das Rechte durchführen kann. Die Tat, die Tat, und nichts als die Tat! – Bring' mir einen Deiner Schüler, dem es Dir gelungen ist alles das zu lehren, was Du weißt und der andern zum Vorbild dienen kann, so hast Du einzig gewonnen. Du weißt, warum dies schwer ist, klagst nur mit Stümpern und Lummpen zu tun zu haben: – während dem bringen mir die Schnorrs den Tristan zustande, und zwar mit einer Wirkung, von der keines sich etwas geträumt hatte! Nun, wahrlich, ich dächte doch, das wäre etwas! –‹ Hier war für strebende Kunstgenossen das fördernde, einzig beweisführende Beispiel gegeben, durch welches das gewollte Neue, Unerhörte sichtbar und hörbar vor den Augen und Ohren aller sich [102] mächtig verwirklichte. ›Hier war zu lehren und zu lernen; das Allbezweifelte, Verspottete und Begeiferte, nun war es zur unleugbaren Kunsttat zu machen.‹51

›Und dieser wunderbare König!‹ ruft Bülow gelegentlich eines Rückblickes auf die vier Aufführungen aus. ›Zu jeder Aufführung Extrazug, hin und zurück von Starnberg; während der Zwischenakte sprechen ihn die Minister, froh, seiner einmal habhaft zu werden. Auf der Eisenbahn letzten Sonnabend‹ (es kann nur der 1. Juli, der Tag der letzten Vorstellung gemeint sein, und zwar die Fahrt zur Stadt in die Aufführung!), gibt er plötzlich das Notsignal. Großer Schrecken – man hält an: Majestät finden es im Coupé zu heiß, sehnen sich nach freier Luft und steigen zum Heizer auf die Lokomotive, mit welchem Sie sich die Fahrzeit über lebhaft zu unterhalten geruhen. Nach der Aufführung waren Sie so ergriffen, daß, als der Sekretär beim Einsteigen in die Equipage den früheren Platz wieder aufsuchte, ihm mit den Worten ›ich will allein sein‹ die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde – NB. es war ein Hundewetter, und die Münchener Droschken lagen schon im Bett. Dergleichen Amüsantes ließe sich vielerlei erzählen. ›Den Genuß an den Aufführungen störte ihm nur das allgemeine, oft recht plump aufdringliche Hinstarren all der tausend Augen seiner guten Münchener in die Hofloge bei seinem Erscheinen und wiederum beim Fallen des Vorhanges Ja, wäre aus diesen tausend gaffenden Augen nur ein Strahl von wahrhaft liebevoller Begeisterung für das Große, von dankbarem Verständnis für sein erhabenes Ideal zu ihm gedrungen!52 Der Glanz und das Geräusch eines dicht gefüllten Theatersaales verdarb ihm die Einbildung; er liebte die Aufführungen, in denen er sich als alleiniger Zuschauer den Eindrücken hingeben konnte. Er freute sich demnach auf das bevorstehende Reservatkonzert in dem dunklen und fast leeren Saale des kleinen Residenztheaters, in welchem auserwählte Bruchstücke aus den Werken des Meisters zur Anhörung gelangen sollten. Am schönsten war seine bei jedem Anlaß bekundete Dankbarkeit und Bewunderung für Schnorrs außerordentliche, ungeheuere Leistung und die bescheidene Abwehr jeder ihm persönlich dargebrachten Dankeshuldigung, Warum mich loben und preisen?‹ heißt es in einem seiner Briefe an Wagner. ›Er vollbrachte die Tat! Er ist das Wunder der Welt, was bin ich ohne Ihn!?‹

Bereits am 3. Juli, zwei Tage nach der letzten ›Tristan‹-Aufführung, begannen [103] in Wagners Hause in den Nachmittagsstunden von 6 Uhr ab, die Ensembleproben zu den Fragmenten aus ›Rheingold‹ und den ›Meistersingern‹. Gleichzeitig gingen am Vormittag die Vorbereitungen zur Aufführung des ›fliegenden Holländers‹ vonstatten. Leider war Mitterwurzer schon abgereist, so daß er die Rolle des ›bleichen Seemannes‹ dem einheimischen Sänger überlassen mußte; dafür übernahm Schnorr die Partie des Erik, und die ganze Vorstellung, von Bülow gründlichst revidiert und dirigiert, errang am Sonntag den 9. Juli, zur großen Befriedigung des Dirigenten, einen ›kolossalen Erfolg.‹53 In betreff Schnorrs folgen wir im nachstehenden ganz den eigenen Erinnerungen Wagners ›Seine Reizbarkeit‹, heißt es da, ›nahm in den letzten Tagen seines Münchener Aufenthaltes eine immer finsterere Färbung an. Er trat schließlich noch im »fliegenden Holländer« als »Erik« auf, und führte diese schwierige episodische Partie zu unserer höchsten Bewunderung durch. Ja, wirkliches Grausen erregte uns die seltsam düstere Heftigkeit, welche er, andererseits ganz meinem ihm darüber mitgeteilten Wunsche gemäß, in dem Leiden dieses unglücklich liebenden jungen nordischen Jägers wie ein verzehrendes dunkles Feuer aufschlagen ließ. Nur in kurzen Andeutungen gab er mir an diesem Abend eine tiefe Verstimmung über alles, was ihn umgab, zu erkennen. Auch schienen ihm plötzlich Zweifel über die Verwirklichung unserer beglückenden Pläne und Entwürfe anzukommen. Er schien nicht begreifen zu können, wie aus dieser nüchternen, ja tückisch feindselig uns auflauernden Umgebung unseres Wirkens ein ernstlich gemeintes Heil für dieses erwachsen sollte.‹

›Aus dieser, endlich auch von mir geteilten, düster bangen Verstimmung befreite uns noch der letzte herrliche Abend unseres Zusammenseins. Der König hatte eine Privataudition im Residenztheater‹ (12. Juli), ›und hierbei die Ausführung von Bruchstücken aus meinen verschiedenen Werken befohlen.54 Von »Tannhäuser«, »Lohengrin«, »Tristan«, dem »Rheingold«, der »Walküre«, »Siegfried« und endlich den »Meistersingern« ward je ein charakteristisches Stück von Sängern und dem vollen Orchester unter meiner persönlichen Leitung vorgetragen.‹ Außer dem König, der in seiner düsteren Loge unsichtbar war, befanden sich noch zwanzig bis dreißig Zuhörer im Saale, sämtlich von Wagner eingeladen, die sich für die Hofloge unsichtbar placieren mußten. [104] ›Ich hatte das Glück‹, erzählt Schüré in seinen Erinnerungen, ›mich unter diesen Bevorzugten zu befinden. Mit Mühe entdeckte man im Hintergrunde der untersten Logen einige Damen, die sich ganz zusammengeduckt hatten, und unter dem Balkon verbarg sich eine Gruppe von Herren, die nur mit halber Stimme flüsterten. Nur wenige Lampen erhellten das Orchester, das auf der Bühne aufgestellt war Aufrecht auf einem hohen Aufbau, wie auf einem Felsen, stand Richard Wagner und dirigierte auswendig Erst unergründliche Tiefen; dann beschwor seine stolze Gebärde die prickelnden Lockungen des Venusberges, dann die ätherischen Klänge von Montsalvat und das schmetternde Heldenmotiv Lohengrins herauf Er entfesselte den Sturm über den Göttern von Walhall und beschwichtigte ihn durch den süßen Sang der Rheintöchter. Der Saal des Residenztheaters mit seinen wunderbaren Holzschnitzereien in Rokoko, völlig leer und in grünliches Halbdunkel getaucht, nahm unter diesen fremdartigen Klängen einen ganz phantastischen Anblick an und schien bald eine unterseeische Grotte, bald ein verzauberter Wald zu sein, aus welchem heraus die tausend Stimmen der Natur und der Sage klangen‹55 Bülow hebt unter den einzelnen Bestandteilen des Programmes die Schlußszene des ›Rheingold‹ hervor, sodann die Schmiedelieder aus ›Siegfried‹, sieghaft gesungen von Schnorr, und Fragmente aus der ›Walküre‹; ferner aus den ›Meistersingern‹ das Vorspiel, Pogners Anrede und die große Szene mit Walther aus der zweiten Hälfte des ersten Aktes, unglaublich schön und klar ausgeführt und in jeder Beziehung, so wohl nach der humoristischen wie nach der lyrischen Seite hin, zu unwiderstehlicher Wirkung gelangend.56 Schnorr sang nacheinander den Heldensang Siegfrieds beim Schwertschmieden, Siegmunds Frühlings- und Liebesgesang und den Walther von Stolzing: ›seine silberhelle Stimme, weich und voll wie eine Glocke, vermittelte die mächtigen Schwingungen der Jugend und alles Feuer des Lebens. Ein bloßer Sänger ist nicht solchen Ausdruckes fähig; es war in ihm etwas von einem Helden und einem Gottbegeisterten. Er lebte in seinem Traum, er strahlte von Hoffnung. Sie waren da alle drei zum letzten Male vereinigt, der große Zauberer, der begeisterte Darsteller und der völlig bezauberte König.‹57 Wir beschließen die Schilderung dieses wunderbaren Abends, indem wir die oben unterbrochene eigene Erzählung des Meisters wieder aufnehmen, Schnorr, welcher hier zum ersten Male manches Reue von mir hörte, außerdem ›Siegmunds Liebeslied‹, ›Siegfrieds Schmiedelieder‹, den [105] ›Loge‹ im Rheingoldbruchstück, endlich den ›Walther von Stolzing‹, in dem den ›Meistersingern‹ entnommenen größeren Fragmente mit hinreißender Kraft und Schönheit sang, fühlte sich wie aller Qual des Daseins entrückt, als er nun noch von einer halbstündigen Unterredung, zu welcher ihn der ganz allein unserer Aufführung zuhörende König eingeladen hatte, zurückkam und mich stürmisch umarmte. ›Gott, wie danke ich diesem Abende!‹ rief er aus. ›Ja, nun weiß ich es, was Deinen Glauben stärkt! O, zwischen diesem göttlichen Könige und Dir, da muß auch ich ja wohl noch zu etwas Herrlichem gedeihen!‹ – – Nun galt es denn wieder, kein ernstes Wort mehr zu sprechen. Wir nahmen mit Bülows gemeinschaftlich in einem Hotel noch den Tee; ruhige Heiterkeit, freundlicher Glaube, sichere Hoffnung drückten sich in unserer, fast nur noch scherzhaften Unterhaltung aus. ›Nun denn!‹ hieß es, ›morgen noch einmal in den garstigen Mummenschanz! Bald dann nun für immer befreit! Unser allernächst bevorstehendes Wiedersehen war uns so gewiß, daß wir es fast für überflüssig und nur ungeeignet hielten, erst Abschied zu nehmen. Wir trennten uns auf der Straße wie beim gewöhnlichen Gutenachtsagen; am anderen Morgen reiste der, Freund still nach Dresden ab.‹58

›Mein herrlicher Sänger verließ uns jubelnd, froh und selig vor Stolz und Wohlgefühl‹, heißt es in einer brieflichen Nachricht Wagners.59 Er selbst war, wenn auch stark angegriffen durch die vorausgegangenen Anstrengungen und Aufregungen, doch nicht minder freudigen Mutes und voll von Plänen, die zur Erfüllung drängten. Eine vortreffliche Acquisition hatte er an seinem mehrgenannten jungen Freunde Heinrich Porges gemacht, der zunächst auf seine Einladung als ›Tristan‹-Gast in München erschienen war und sich nun, wiederum auf Wagners direkte Veranlassung, mit seiner jungen, Frau ganz in München etablierte. Er wünschte ihn zu seinem Privatsekretär zu machen, da er der Beihilfe eines solchen bei dem Andrang vielseitiger Ansprüche in hohem Grade benötigt war. Da das bisherige Konservatorium demnächst geschlossen und an Stelle desselben die von Wagner projektierte Musikschule eröffnet werden sollte, konnte er leicht an dieser Anstalt (entweder als Bibliothekar, oder als Klavierlehrer an den Elementarklassen), oder auch an dem unter der Redaktion des Dr. Grandauer neu zu begründenden Journal (S. 84), eine passende Stellung finden; seine verständige Ergebenheit und solide Befähigung empfahl ihn für eine mehrfache Verwendung. ›Einstweilen‹, so schreibt Bülow am 13. Juli, ›freut es mich, daß Wagner sich wieder straffer fühlt und fleißig am zweiten Akte des »Siegfried« [106] instrumentiert, dessen dritten Akt er bis Ende des Jahres wenigstens skizziert zu haben hofft.‹

Die Übersiedelung Schnorrs nach München, die Errichtung der geplanten Musikschule auf der Grundlage von Wagners Entwurf, die Begründung eines weithin wirkenden Organes zur klärenden Durchführung seiner reformatorischen Ideen, die Vollendung und Ausführung der noch nicht vollendeten Teile des großen Nibelungenwerkes und die gleichzeitige Erbauung des dafür bestimmten Festspielhauses auf dem Isarhügel durch Semper – alles, alles bereitete sich nun vor. Nach jeder Richtung hin war das große schöpferische Reformwerk umsichtig und sorglich in Angriff genommen, unter der Ägide eines idealgesinnten, kunstbegeisterten jungen Monarchen, unter der Mitwirkung so auserlesener, verständnisvoller, feurig ergebener Hilfskräfte, wie Bülow und Schnorr. So nahe dem hohen Ziel hatte der ringende Meister noch nie gestanden Immer wieder war es in seiner bisherigen drangvollen Laufbahn vor ihm zurückgewichen, wenn er es bereits mit Händen zu ergreifen vermeinte, in Dresden, in Zürich, in Weimar, in Karlsruhe – kostbare, unersetzliche Lebensjahre waren darüber verstrichen. Nun endlich, immer noch auf der vollen Höhe seiner ungebrochenen Kraft, schien es sich ihm zuzuneigen; in seinen großen Umrissen zeichnete es sich hell und scharf in vollster Nähe vor ihm ab, und das erhebende Bewußtsein des Gelingens einer ersten freien Kunsttat, eines ›beweisführenden Beispieles‹ für das Gewollte, schien zu seiner einsamen Höhe die Brücke zu schlagen. Aber der unversöhnliche Dämon seines Schicksals blieb dem großen Ringer gegenüber nicht müßig. Noch einmal rüstete er sich zu vernichtenden Schlägen.

Fußnoten

1 Dieser Gewährsmann ist der Neffe des Meisters, Alexander Ritter der Gatte von Alberts Tochter Franziska, der sich dem Verfasser bei Erzählung des Vorfalles für jede Einzelheit desselben verbürgte.


2 Band III, S. 256.


3 Ebendaselbst.


4 Die einzelnen Phasen dieser Angelegenheit sind in den Briefen an M. v. Meysenbug (Cosmopolis) August 1896, S 558. 500, wenngleich durch einige Auslassungen verschleiert, andeutungsweise zu verfolgen.


5 Unser Gewährsmann nannte hier einen ganz bestimmten, in der Kunstwelt berühmten Namen, den wir an dieser Stelle zu reproduzieren unterlassen!


6 Brief Adolf Jensens an seine Frau vom 17. Mai 1865 in La Mara, Musiker-Briefe II, S. 352 ff.


7 L. Köhler, Allg. Musikztg. 1878, Nr. 21, S. 182.


8 A. Jensen, a. a. O.


9 Bülows Briefe, IV, S. 39.


10 Mit dieser Fähigkeit hängt seine unerschöpfliche Erfindungsgabe für charakteristische Scherz- und Kosenamen zusammen, mit denen er die Personen seiner Umgebung, statt mit ihren sonstigen bürgerlichen Namen zu benennen pflegte. Nach den Erinnerungen der Frau Schnorr habe er z.B. sie und ihren Mann, während der Arbeit Löwen genannt, im geselligen täglichen Verkehr aber ›weiche, mollige Tierchen mit gemütlichem Gesumm, die personifizierten Hummeln‹. So heißen sie auch in seinen an sie gerichteten Briefen: entweder ›sein vielgeliebtes Hummelpaar‹ und Frau Schnorr die ›Hummelkönigin‹, oder wiederum ›bayrische Löwen‹, ›liebe edle Löwen‹, ›Löwen von St. Tristan‹, und dem entsprechend nennt er sich ihnen gegenüber gern den ›Löwenhüter‹ oder ›Löwenbändiger‹.


11 Band III, S. 282/83.


12 Band III, S. 484, Anm. 450. 464.


13 Vgl. die darauf bezüglichen Erwähnungen in Bülows freundschaftlicher Korrespondenz: ›Noch Eines – von Peter kein Sterbenswörtchen! Was hat das zu bedeuten?‹ – ›Cornelius Stillschweigen Wagner gegenüber ist wirklich recht befremdlich‹ – – ›Von Cornelius kein Wort, er scheint nun definitiv nicht wiederkommen zu wollen‹ (Bülow, Briefe IV, S. 41. 42. 45 ff).


14 Die erste Weimarer Aufführung des ›Cid‹ war allerdings recht ungeschickterweise auf den 20. Mai 1865 angesetzt; wäre die Verzögerung des Tristan nicht eingetreten, so hätten beide Aufführungen (›Cid‹ und ›Tristan‹) gleichzeitig stattgefunden!


15 Bülow, Briefe IV, S. 47.


16 An Frau Wille, 26. Sept. 65.


17 ›Bisweilen besucht König Ludwig von Schloß Berg aus mittelst des niedlichen Dampfers »Tristan« auch die, den schönen Parkanlagen längs dem Ufer schräg gegenüber liegende »Roseninsel«, eine der liebsten Schöpfungen Maximilians, die, von Gebüsch und hohen Bäumen eingerammt, jeden Einblick in ihr Inneres verwehrt. Dies geschieht nur in der späteren Nachmittagszeit; Mahlzeiten werden daselbst nur veranstaltet, wenn der König, was selten der Fallist, hohe Gäste mitbringt. Wenn das Dampfschiff dem Gestade, auf welchem Starnberg in Abstufungen hinansteigt, den Rücken wendet und den Bergen in lockender Ferne entgegenrauscht, hat man volle Freiheit, dem Zuge der Berglinien zu folgen, von der breiten Benediktenwand an zum schroffgezackten Karwendel, über Heimgarten und Herzogstand bis zu der das felsige Wettersteingebirge abschließenden Zugspitze, – ein einsamer, riesiger Thron, welcher des ihn bewältigenden Fürsten zu harren scheint.‹ (Gartenlaube 1871, Nr. 39).


18 Bülow nennt ihn (Briefe IV, 254) einen ›sehr vorsichtigen und kühlen, aber wissenschaftlich und musikalisch ausgezeichnet gebildeten Korrespondenten‹; er rühmt seine treffliche Revision und Korrektur des ›Oberon‹-Textes und machte sich in Gemeinschaft mit ihm an eine Bearbeitung von Isouards reizender ›Joconda‹ (IV, 268). ›Dr. Grandauer, später Opernregisseur, ein scharfer, boshaft amüsanter Kritiker‹, so erwähnt ihn noch in der Allg. Zeitung v. 15. März 1902 ein Aufsatz von R. Braun-Artaria.


19 Im Schweigerschen Isarstadt-Theater gelangte am 27. Mai, zum allerersten und oft verschobenen Male zur Aufführung: ›Tristanderl und Süßholde‹, mit Musik von H. Rauchenecker. Programm und Zettel waren mit Anspielungen gespickt.A1


20 Bülows Briefe, IV, S. 37.


21 Tissot, Les Prussiens en Allemagne, Paris 1876, S. 197.


22 Durch seine Pariser Erfahrungen (Band III, S. 282/83) nicht abgeschreckt, fehlte z.B. auch der Direktor des Wallnertheaters nicht unter diesen Münchener Besuchern. Diesmal mit Gruß und Auftrag von Albert Wagner in Berlin, dem älteren Bruder des Meisters, ausgerüstet, klopfte er kühn an die Tür des Hauses vor den Propyläen. Ein besonderer Unstern vereitelte auch diesmal seine Absicht. ›Wagner kümmerte sich nicht mehr um mich, als ob ihm seine brüderliche Liebe einen kollektierenden Vagabunden zugeschickt hätte‹, äußerte sich seine Entrüstung über die nochmalige Nichtbegegnung in nicht eben gewählten Ausdrücken.


23 Bülow, Briefe, Band IV, S. 38.


24 Schnorr brieflich an seinen Vater, 14. Juni 1865.


25 Dieser Depeschenwechsel ging am Samstag d. 3. Juni vor sich. Auf Schnorrs Telegramm an die Intendanz erfolgte Wagners Abmahnung: Neue Verschiebung, wenn nötig, unnütz, weil aussichtslos; wenn nicht nötig, sehr schädlich, weil Glauben zerstörend. ›Der frische, flotte Ton von Schnorrs Erwiderung (er habe den späteren Termin gewählt, weil nur Bestimmtheit jetzt am Platze sei) veranlaßte dann den Meister, statt aller Worte, mit der freudigen Weise des Hirten beim Anblick des nahenden Schiffes: gg gde cde gde cde gef def gfe def zu antworten; der, unmusikalische Telegraph‹ nahm aber diese Depesche nicht an, er vermutete dahinter eine staatsgefährliche Mitteilung in Chiffrenschrift!


26 Im Garten der Villa in der Briennerstraße gab es ein Paar stolze Pfauen, – ein prächtiges Geschenk des königlichen Freundes an Wagner zu dessen letztem Geburtstag (S. 84).


27 Die Frau Mitterwurzers, der den Kurwenal sang.


28 Bei Veröffentlichung dieses Briefes fügt Frau Schnorr dieser Stelle die sonderbare Bemerkung hinzu, sie hätten, keinen Augenblick an Mutlosigkeit gelitten (!); aber sie wird durch die eigenen Äußerungen Schnorrs aus jener Zeit (siehe die oben angeführten Worte an seinen Vater) widerlegt. Allerdings war diese seine ›Mutlosigkeit‹ (hauptsächlich in bezug auf seine Frau!) nur die Wirkung der zartsinnigsten Liebe zu seiner Aufgabe!


29 Der treffliche Damrosch auch in Reichenhall?


30 Vgl. Bülow an Pohl (2. Juni): ›Daß Tausigs hier, habe ich wohl schon gemeldet... Tausig spielt wunderschön Klavier, vielleicht schöner als je. Dagegen hat sein unheimliches Wesen zugenommen, obgleich äußerlich weit mehr Ruhe als früher.‹


31 Vgl. Schnorr an Jensen (12. Juni): ›Geblieben waren die ganze Zeit: Dräseke, Porges, Damrosch, Gasperini, Tausig, Pohl, Kapellmeister Taubert, Neswadba, Kalliwoda, Pruckner, Seydel usw. usw.; letztere sind teilweise zum zweiten Male gekommen.‹


32 Vgl. den Bericht der Augsburger ›Allg. Zeitung‹: ›Das Parkett und sämtliche Logenränge waren überfüllt von einem aufs höchste gespannten Publikum, das Parterre und die Galerien jedoch nur schwach besetzt, da ganze Scharen Einlaßheischender einfach zurückgewiesen wurden.‹


33 Ed. Schüré, Erinnerungen an R. Wagner, S. 22.


34 Vgl. Schüré, Erinnerungen, S 29.


35 Bereits in den Zwischenakten will Pohl dieselbe Beobachtung gemacht haben: ›Noch sind mir die ernsten Mienen, das bedeutungsvolle Schweigen in lebhafter Erinnerung, womit selbst Musiker, wie Tausig, Lassen, Damrosch sich im Foyer des Münchener Hoftheaters begrüßten. Das war kein auflodernder Enthusiasmus, kein Zeichen eines vollen, überwältigenden Eindruckes, wie wir ihm neun Jahre später in Bayreuth, bei den Nibelungen, allerorten begegneten, sondern es war ein Achtungserfolg, ein respektvolles Beugen vor dem noch Unverstandenen‹ (R. Pohl, Mus. Wochenbl. 1884, S. 564).


36 La nouvelle Allemagne musicale: Richard Wagner. Par A. de Gasperini. Étude publiée par le Ménestrel, Paris, Heugel et Cie, 1866.


37 Wir heben diese ›Anwesenheit des Königs‹ auf Grund der gleichzeitigen BerichteA2 hervor, weil unter den mancherlei tendenziösen Unrichtigkeiten, mit denen Frau Schnorr i. J. 1883 die Veröffentlichung ihrer Wagner-Briefe glossierend ausgestattet hat, auch die unwahre Behauptung sich findet, der König sei bei der zweiten Aufführung nicht zugegen gewesen!!


38 Gasperini a. a. O., S. 168: ›Le public s'était levé en masse pour acclamer l'auteur avec des transports de joie et d'enthousiasme dont je n'aurais jamais cru capables ces pacifiques buveurs de bière. Je n'ai pas vu, au théâtre, d'emotion pareille...‹


39 Vgl. zu obiger Schilderung Nohl, Neues Skizzenbuch, S. 159. – 4 Vgl. z.B. auch seinen Brief an A. Jensen vom 12. Juni (Allg. Musikztg. 1889, S. 151).


40 Mitgeteilt durch H. Hettner, ›Kleine Schriften‹, Braunschweig 1884.


41 ›Meine Erinnerungen an Ludwig Schnorr von Carolsfeld‹, Ges. Schr. VIII, S. 237. 238. 239.


42 An A. Jensen, vgl. S. 95, Anm. 4. (Allgem. Musikzeitung 1889, S. 151.)


43 Mit Humor berichtet Bülow über den geglückten Erfolg dieser Bemühungen. ›Eine drollige Szene bezüglich Schnorrs hat sich kürzlich in Dresden ereignet Ludwig II. hatte an Vetter Johann so drängend geschrieben, daß der letztere eiligst seine Einwilligung in die Urlaubsverlängerung zurücktelegraphieren mußte. Bayern frißt ja Sachsen, wenn's darauf ankommt. Johann schien sich aber seiner Willfährigkeit zu schämen und verschwieg dieselbe seinem Intendanten. Am 28. Juni Morgens ist alles zur Probe von »Faust« versammelt, nur der »primo uomo« fehlt. Könneritz sendet verzweiflungsvoll überallhin, ob einer Schnorr gesehen. Vom Vater erfährt er endlich, daß Ludwig III. noch bei Ludwig II. weile Wütend stürzt er zum Johann, sich kräftig zu beschweren; da erfährt er denn – was er nicht weiß, und flucht seitdem auf alte mittelstaatlichen Kronenträger‹ (Bülow, Briefe IV, S. 44).


44 Briefl. an Frau Wille, 26. Sept. 65.


45 Nach Bülows brieflicher Erwähnung wiederum mit Ausnahme der Logenränge! (Bülow, Briefe IV, 43)


46 Nürnberger Korrespondent von und für Deutschland, Morgenblatt v. Montag d. 3. Juli 1886, Nr. 336.


47 Briefe IV, S. 43. 50.


48 Ebenda, S. 53. 54.


49 Brieflich an Frau Wille, 26. Sept. 1865 und Ges. Schr. VIII, S. 234.


50 Hier ihr herzlicher Wortlaut: ›Herrn L. Schnorr von Carolsfeld, Marienbad. Die Hummeln im Begriff ihrer Transformation in Löwen seien gegrüßt!!! Ich komme wirklich nicht aus, bin belagert und schrecklich erkältet. – Kinder, macht keine Streiche! – Ich sehe Euch morgen früh! Noch einmal – und – wenn's sein sollnie wieder! Mir recht! – Aber dieses eine Mal – noch gehörig! – Wotan segne Euch! – Aus einem großen Doppelherzen – schönsten Gruß – Euer Richard. Den 30. Juni 1865.‹


51 Bülow, briefl. an J. Raff, 13. Juli 1865 (Briefe IV, S. 50/51).


52 Wir haben in unserer Erzählung keinen Raum dafür gehabt, darauf einzugehen, wie trotz aller glänzenden Aufnahmen des neuen Werkes die öffentliche Kritik sich darüber aussprach. Eine solche Betrachtung würde einer eigenen ›Geschichte der Werke Wagners in der deutschen Kunstöffentlichkeit‹ angehören, einem Buche mit fast lauter schwarzen Blättern! ›Das Gedicht ist in jeder Beziehung eine Absurdität, die Musik mit Ausnahme einiger Partien das raffinierte Gebräu einer abgelebten, krankhaften Phantasie,‹ – Urteile, wie das vorstehende aus der Wiener ›Presse‹ (Ed. Schelle) wurden in München, wie überall, mit Behagen gelesen und nachgedruckt, und speziell die Münchener Witzblätter mit ihren widrigen Karrikaturen des ›großen Komponisten Rumorhäuser‹ zerrten – im direkten Solde der Königl. Kabinetskasse! – das Erhabene in den Schmutz ihres gemeinen platten Hofbräuhauswitzes,A3 – ohne jede allgemeine Empörung oder Mißbilligung seitens ihrer Leser!


53 Bülow, Briefe IV, S. 43. 50.


54 Vgl. Bülows briefliche Erwähnungen vom 13. Juli: ›Die Wagnersaison ist mit dem gestrigen Abend beendet. Auf Befehl des Königs war noch ein großes geheimes Konzert im Residenztheater – ohne Publikum – zwanzig bis dreißig Wagnerfreunde abgerechnet‹ usw. (Bülow, Briefe IV, S. 49.)


55 Vgl. dazu Pechts Erwähnung über den Gesamteindruck der Vorführung, wonach dieselbe, in dem verdunkelten, gespenstisch stillen Raum, dessen Riesengröße (??) man nur ahnte, mit fast dämonischer Gewalt gewirkt habe, um so mehr als Wagner selbst dirigierte (Pecht, II, S. 136.)


56 Bülow, Briefe IV, S. 49.


57 Schüre, Erinnerungen an Richard Wagner, S. 44/45 der deutschen Ausgabe.


58 ›Schnorrs reisen heute Mittag nach Dresden zurück. Er hatte gestern eine dreiviertelstündige Audienz beim Könige, der uns dreien in liebenswürdigster Weise eigenhändige Dankbillette adressiert hat. Was weiter, nun das ist eben Zukunft‹ (Bülows Briefe IV, S 15).


59 An Frau Wille, 26. Sept. 65.


A1 Der Theaterzettel zeigte an: ›Die Handlung spielt in der Vorzeit und ist in der Gegenwart zu allem reif; teils zu Lande, weshalb auch der Text bald zu schlüpfrig und bald zu trocken ist. Textbücher werden keine ausgegeben, weil der Text hier doch nicht so recht verstanden wird. 2) Für dieses Stück sind nur drei Vorstellungen angesetzt; wenn es das Publikum aushaltet und die Schauspieler nicht umbringt, wird man nach sehen, was noch weiters geschieht; vorderhand wurden einmal die Preise erhöht, damit das Stück mehr an Wert gewinnt. 3) Auswärtige Bestellungen auf Logen und Sperrsitze werden aus der alten und neuen Welt angenommen. 4) Aller Anfang ist schwer, mit dem Ende wird es leichter gehen. 5) Besonders zu bemerken ist, daß die 30. Sperrsitze in erster Reihe bleiben der freie Eintritt aber für alle, selbst für die Freunde des Verfassers, aufgehoben ist, weil, was man umsonst kriegt, nicht viel wert ist.‹


A2 So z.B. in den ›Signalen‹ v. 22. Juni: ›Auch die zweite Aufführung von »Tristan und Isolde« am 13. Juni gestaltete sich in ihrem äußeren Verlauf zu einem wahrhaften Triumphe für den Komponisten indem Richard Wagner am Schlusse der Vorstellung, welcher der König wieder von Anfang bis zu Ende beiwohnte, von dem mit Ausnahme der Ranglogen dich besetzten Hause dreimal stürmisch hervorgerufen wurde usw.‹


A3 Vgl. z.B. nur den Münchener ›Punsch‹ vom 26. Februar (›Morgenstündchen eines neudeutschen Komponisten‹), 2. Juli (›Die neue Epoche‹), 3. Dezember (›Morgengebet eines bescheidenen Mannes‹) usw. usw.

Quelle:
Glasenapp, Carl Friedrich: Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern. Band 4, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905, S. 76-107.
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