Belege, Nachträge und Ergänzungen.

[523] (Zu Seite 12: Sehr zustatten kam Reißiger bei der heimlichen Bekämpfung seines Kollegen die fruchtbare Lokalberichterstattung eines gewissen G. Schladebach, mit ihrer konsequenten Herabsetzung Wagners zu seinen Gunsten.) Als einziges Beispiel der perfid-persönlichen Kritik, welcher das Wirken und Schaffen des Künstlers während seiner ganzen Dresdener Periode gleichmäßig ausgesetzt blieb, geben wir im Folgenden, ungefähr um ein Drittel verkürzt, eine Schladebachsche Besprechung des ›Liebesmahls der Apostel‹: »Der Name des Komponisten ist wohl der Mehrzahl unserer Leser nicht ganz fremd, denn man hat ja, als vor etwa drei Jahren sein ›Rienzi‹ und sein ›Fliegender Holländer‹ auf der Dresdener Bühne zuerst in Szene ging, kein Mittel verabsäumt, diesen Namen nicht nur bekannt zu machen, sondern ihn als des neuen, seit lange sehnsüchtig erwarteten Opern-Messias bis zu den Sternen zu erheben, und es sind damals wirklich Zeichen und Wunder geschehen, nämlich das – als kalt nicht mit Unrecht verrufene – Dresdener Publikum hat sich dabei zu einem erklecklichen Enthusiasmus hinaufgeschraubt oder – hinaufschrauben lassen. Und dieser Enthusiasmus hält wenigstens teilweise noch bedeutend vor, war also ein Schutzmittel gegen ein gesundes, unbestochenes Urteil. Daß aber ein also gemachter Ruhm, ein durch kurzsichtige Vettern und schmeichlerische Freunde um Rücksichten und Verhältnisse willen, vermöge aller möglichen, nur nicht künstlerischen, Mittel im Fluge aufgeführtes Genialitätsgebäude ohne feste Grundlage der Zeit nicht lange trotzen könne – daß ein in der angedeuteten Weise erregter Enthusiasmus, einem Strohfeuer gleich, bald erlösche und dann einer um so unangenehmeren Nüchternheit Platz mache: das hat auch hier sich wieder bewährt. Wir sind weit davon entfernt, dem Komponisten Geistreichigkeit der Idee, ein gewisses poetisches Talent und tüchtiges Studium alles dessen, was im modernen Sinne des Wortes Effekt macht, absprechen zu wollen. Aber ein wirklich spezifisch musikalisches Talent besitzt er nicht, und wo dem minder Kundigen eins oder das andere musikalisch neu erscheint, da ist es entweder Nachahmung Berliozscher Manier (doch ohne dessen Ursprünglichkeit), oder es ist absichtlich gesucht, barock und wird dadurch leicht widrig und unangenehm. W.'s Erfindungskraft ist schwach. Tiefe des Gefühls, Wahrheit der Empfindung mangelt ihm in hohem Grade. Das läßt sich in Rücksicht auf Melodie und Harmonie leicht beweisen. Im Bezug auf erstere mangelt fast durchaus die Gesundheit und Frische, abgesehen davon, daß der Komponist sich in den Hauptmelodien seiner einzelnen Werke bis zur Manier wiederholt, was man keineswegs mit dem Prädikate ›eigentümlicher Stil‹ belegen darf. In Rücksicht auf Harmonie aber wird niemand behaupten wollen, daß eine gänzlich unmotivierte, barocke und nur um des gesuchten Effekts willen angewendete Modulation, ein plan-, halt- und gehaltloses Schweifen durch alle Tonarten, oder ein fortwährendes bis zum Ekel abspannendes und ermüdendes Arbeiten mit Nonenakkorden Kraft der Erfindung, Tiefe der Empfindung, geläuterten Geschmack oder auch nur technische Gewandtheit bekunde, welche letztere in so hohem Grade sich vermissen läßt, daß die ärgsten Härten und Fehler gegen den reinen Satz nicht selten sich nachweisen lassen. Es ist schon von anderer (?) Seite her und nicht etwa von einem Pedanten mit Recht gerügt worden, daß Herr Richard Wagner,[523] Königl. sächs. Kapellmeister, nicht einmal musikalisch orthographisch zu schreiben verstehe (freilich, was soll ein Genie mit solchen Schulfuchsereien sich abgeben!), und gewiß, könnte sein ›unvergeßlicher Lehrer‹, dessen ›Witwe‹ diese biblische Szene gewidmet ist, dieselbe hören, er wendete sich im Grabe um!« (Hier folgt die Aufzählung einer langen Akkordfolge.) ›Wer so viele Mittel verbraucht (später auch noch eine wahrhaft erdrückende Instrumentenmasse, die unverständigen Zuhörern freilich imponiert, und darauf ist's ja am Ende doch nur abgesehen!), der erweckt wahrlich kein sonderlich günstiges Vorurteil für seine Befähigung, der dokumentiert eine innere Armut, fast möchten wir sagen: Armseligkeit, die auch durch die glänzenden Flitter eines königlichen Purpurmantels ihre Blößen nicht zu verdecken imstande ist. Daß der Komponist vom Gesange und dessen Prinzipien ganz und gar nichts, also auch für denselben nicht zu schreiben versteht, und am allerwenigsten für den Männergesang, davon liegt hier ein unumstößlicher Beweis vor – er behandelt die Singstimme wie irgendein Instrument, und da er auch für diese nicht selten sehr schwer, wenn nicht gänzlich unausführbar zu schreiben pflegt, so läßt sich daraus abstrahieren, wie die Gesangstimmen von ihm in naturwidrigster Weise angestrengt werden. Wir können keinem Vereine, dessen Mitglieder sich nicht geradehin mutwillig Stimmen, Brust und Lungen ruinieren wollen, zum Einstudieren einer Wagnerschen Komposition raten, abgesehen davon, daß die vorliegende biblische Szene, die einem großen Opernfinale außerordentlich ähnlich sieht und des Komponisten Unfähigkeit zum Schreiben im strengsten Stile überall glänzend dokumentiert, eine Chormasse erfordert, die nur bei dem Zusammentritt einer großen Zahl von Männergesangvereinen zu gewinnen ist. Schon aus diesem äußeren Grunde hätte das Werk ungedruckt bleiben können, und wäre der Komponist (er ist zugleich Dichter des übrigens sehr gelungenen Textes) nicht Kgl. sächs. Kapellmeister, so würde das höchst wahrscheinlich auch geschehen sein. Mit Bedauern haben wir hier eine Warnungstafel aufgestellt. Das Werk ist schon vor einiger Zeit erschienen, und wir hätten es jedenfalls gänzlich mit Stillschweigen übergangen, wenn wir nicht fürchten zu müssen geglaubt hätten, der berühmt gemachte Name des Komponisten werde vielleicht manchen Verein verleiten, das Werk zu studieren, da natürlich die in näheren Kreisen schon zu ziemlicher Anerkennung gelangte Wahrheit, daß Herr Kapellmeister W. nicht seinem angeblich eminenten musikalischen Talente seinen Ruf verdanke, sondern daß dabei unglaublich viel, durch sogenannte Freunde und Lobhudler zum Schaden des Künstlers genährte, Selbstvergötterung und eitle Anmaßung mit unterlaufe – da diese Wahrheit noch nicht so allgemein durchgedrungen ist, weil der Komponist keine Anstrengung, kein Opfer scheut, um in mancherlei Journalartikeln gelobhudelt zu werden. Dieser Ruhm vergeht freilich schnell wie Seifenblasen. Solches Trachten liegt dem wahren Künstler fern, und ist seiner geradehin unwürdig. Aber eben deshalb muß die Wahrheit um so entschiedener in der Kritik auftreten, um jenem kunstschänderischen, feilen Treiben allmählich ein Ende zu machen, oder doch in den einzelnen geeigneten Fällen dem düpierten Publikum zur Klarheit darüber zu verhelfen. Dr. J(ulius) S(chladebach).‹ (Enthalten in: Teutonia, literarisch-kritische Blätter für den deutschen Männergesang, redigiert von J. Otto und Dr. J. Schladebach in Dresden, 1846, S. 60ff.)


(Zu Seite 51: Zu Rietschels begabtesten Schülern gehörte der junge Bildhauer Gustav Kietz, seit den ersten ›Rienzi‹- und ›Holländer‹-Tagen Wagners ständiger Hausgast, teils um seines Bruders willen, teils weil der junge Mann selbst in seiner großen Bescheidenheit und Strebsamkeit dem Meister lieb und wert geworden war.) ›Wagner war nun‹, so erzählte Gustav Kietz seinen Angehörigen mündlich über diese persönlichen Beziehungen, »von der Waisenhausstraße fortgezogen; hier und da besuchte ich ihn, wagte es aber nicht allzu häufig, da ich ihn zu stören fürchtete. Da sagte er einmal: ›Das ist nichts, lieber Herr Kietz, wir müssen wenigstens einen Tag in der Woche festsetzen, an welchem Sie zu [524] Tisch zu uns kommen; können Sie es dann noch öfter, namentlich Sonntags, ermöglichen, wo wir auch immer etwas Gutes zu essen haben, so freut es uns um so mehr.‹ Von dieser Zeit an war ich wenigstens einmal in der Woche bei Wagner zu Tisch, bis zum Mai 1849. Ich habe mich bei ihm und seiner lieben Frau unendlich wohl gefühlt; sie taten für mich eltern- und heimatlosen Menschen, was sie nur tun konnten, damit ich mich wohl fühlen solle. Er nahm sich meiner besonders in geistiger Beziehung an, ging auf meine Fragen ein, regte mich nach allen Seiten hin an, lieh mir Werke aus seiner Bibliothek; kurz, ich bin ihm zeitlebens dankbar gewesen für das, was er mir in meiner Jugend war. Die in seinem Hause verlebten Stunden sind die schönsten meiner Jugendzeit; er wurde immer herzlicher im Umgang, war immer anregend und voll heiter sprudelnden Humors. Auch bezüglich des ›Guten‹ taten sie Beide ihr Bestes. ›Kietz muß dick werden, Frau,‹ mit diesen Worten legte er mir immer die größten und besten Bissen auf den Teller, und das Gefühl der Übersättigung war das einzig Unbehagliche, was ich oft bei ihnen durchlebte. Es war mitunter noch eine Schwester von Frau Minna (Natalie) und seine Nichte Johanna Wagner mit bei Tisch, welche letztere mich stets ihren ›Ganymed‹ nannte. Frau Wagner war eine sympathische Erscheinung, voll herzlicher Güte und Liebenswürdigkeit, wenn sie auch später seinem rücksichtslosen, keine Opfer scheuenden Vorwärtsgehen fremd gegenüberstand. Ihr ging nach allen Nöten, Sorgen und Kämpfen die gesicherte Stellung des Kgl. Kapellmeisters über alles; er hingegen war nie und gegen niemand so rücksichtslos als gegen sich selbst. Höchst komisch waren die musikalischen Vorführungen, wenn er auf dem Klavier spielte und seine Frau ihn mit der Klarinette begleitete, die sie sehr gut mit dem Munde nachzuahmen verstand. Oft, wenn ich vor Tisch hinkam, war Wagner noch im Wohnzimmer mit Rasieren beschäftigt, – er sang dabei allerlei leichte Opernmelodien: ›wenn mir dein Auge strahlet‹ usw., oder er rief plötzlich durch die Tür: ›Kietz, wir haben immer noch keine Kinder!‹ Zärtlich geliebte Hausgenossen waren Peps, eine Art Wachtelhund, und Papo, der Papagei (S. 118), der nicht im Käfig, sondern frei auf Stengeln sich seines Daseins freute, und den ich für mein Leben gern neckte, bis sich ihm die Federn sträubten. War Wagner noch nicht fertig, wenn die Suppe aufgetragen wurde, so sagte Frau Minna: ›Papchen, rufe den Herrn.‹ Dann rief der Papagei: ›Richard! Freiheit! Santo spirito!‹, worauf der Meister immer amüsiert erschien. Während des Essens ahmte Papo den Ton einer quietschenden Tür so täuschend nach, daß ich zu Wagners größtem Gaudium jedesmal wieder mich anführen ließ und mich nach dem Eintretenden umsah. Sein erster Gang im Zimmer war stets zum Vogel: er bückte den Kopf, und der Papagei steckte den Kopf tief zwischen den weiten Hemdkragen und Wagners Hals und liebkoste seinen Herrn. Sobald ich aber in Papchens Nähe kam, sträubten sich ihm alle Federn zum nicht geringen Erstaunen Wagners, der von meiner Lust zum Necken nichts wußte.«1 »Von den Proben zur neunten Symphonie kam er stets ganz erschöpft zu Tisch, mußte sich vollständig umkleiden und hatte während des Essens seine seidene Mütze bis an die Ohren über den ganzen Kopf gezogen, um sich vor Erkältung zu schützen. Glücklicherweise hatte er nur einige Schritte bis zu seiner Wohnung, denn er wohnte auf der Ostra-Allee, und die Proben fanden im alten Opernhause statt (bestehend aus zwei großen Sälen, in denen eine ganz ideal schöne Akustik war). Nach einer solchen Probe frug ich ihn einmal: ›ob denn Beethoven in dieser Symphonie nicht [525] einen ganz bestimmten Gedanken habe aussprechen wollen? ich hätte immer das Gefühl, als wolle er ein Gewisses sagen‹. Da stand er gleich auf, ging in sein Zimmer und brachte seine damals ganz neu gedruckte Erläuterung zur neunten Symphonie, die er mir mit den Worten schenkte: ›Hier lesen Sie, vielleicht befriedigt Sie das.‹ Die kleine Schrift wurde von mir und meinen Freunden mit großer Begeisterung studiert. Unsere lieben Kritiker freilich hatten nichts Eiligeres zu tun, als in allen Blättern vor dem Kaufen und Studieren dieser Broschüre zu warnen! Ganz interessant aber ist es, daß dieselben Kritiker (z.B. C. Banck), welche damals vor der Broschüre warnten, sie im Jahre 1858, als die ›Neunte‹ seit den vierziger Jahren zum erstenmal wie der unter Krebs aufgeführt werden sollte, dem Publikum als zum Verständnis des Werkes wesentlich beitragend empfahlen: Keiner sei, wie Wagner, in die Tiefen der Beethovenschen Schöpfung eingedrungen.« (Nach den mündlichen Erzählungen Gustav Kietz' aufgezeichnet von seiner Tochter Frau Prof. Elisabeth Geisberg, geb. Kietz.)


(Zu Seite 134: Dr. Hermann Franck, aus Breslau, damals vorübergehend in Dresden, in Paris mit Liszt und Chopin befreundet, während seiner Dresdener Jahre dem Freundeskreis der Eltern Hans von Bülows angehörig.) Bei Gelegenheit eines späteren Zusammentreffens mit ihm in Berlin äußert sich der junge Bülow ausführlich über ihn (in einem Briefe an seine Mutter vom 24. Mai 1850) und gibt dabei ein sehr lebendiges Bild von seiner Persönlichkeit: »Dr. Franck, der sich Dir vielmals empfehlen läßt, begegnete ich neulich auf der Straße, nachdem ich ihn zweimal vergeblich aufgesucht. Er lud mich ein, ihn des Abends zu besuchen, wo er stets allein sei, und mit ihm Tee zu trinken. Dies tat ich denn und habe mich sehr gut unterhalten. Er ist sehr liebenswürdig und hat eine gewisse behagliche Originalität; man kann namentlich aus seinem Urteil viel lernen. Merkwürdig ist sein ganz einsames Leben; ich möchte nur wissen, womit er sich eigentlich beschäftigt; ich vermute fast: er schreibt. Musik hört er gar nicht, musiziert ebensowenig. Er sagte mir: ›es vergehen nicht zwei Tage, wo ich mir nicht die schönste, beste Musik in meiner Phantasie mit völliger Befriedigung reproduzieren kann. Ich habe viel und gut gehört, und die Erinnerung daran ist mir lebendig geblieben‹. In die italienische Oper sei er diesen Winter einmal gegangen, um den ›Don Juan‹ zu hören; jede Note sei ein Verbrechen gewesen, und falls er Pulver und Kartätschen bei der Hand gehabt, würde er die ganze Bude in die Luft gesprengt haben. Radikal ist er, wie es scheint, jedoch nur wie ein bloß praktischer und höchst besonnener Mann. Seinen Irrtum über die, wie er gehört hatte, ›radikale‹ Gesinnung Frau von L(üttichau)s habe ich ihm benommen und ihm gesagt, die zurückgetretene märzliche Schwärmerei für die deutsche Einheit habe sich in bloßes Wohlgefallen an Preußen und Verachtung gegen die kleine sächsische Misère aufgelöst. Er bat mich zuletzt, ihn bei Gelegenheit wieder zu besuchen, was ich natürlich auch tun werde.« (Hans v. Bülows Briefe, I, S. 209–10. Leipzig, Breitkopf und Härtel, 1895.)


(Zu Seite 135: Unter den zahlreichen Berichten der musikalischen Fachblätter, der illustrierten und nicht illustrierten Unterhaltungsjournale, die nach allen Richtungen hin den neuesten Vorgang der Dresdener Hofbühne signalisierten, ist als besonders merkwürdig des wahrhaft kümmerlichen Referates der Neuen Zeitschrift für Musik zu gedenken, dem dieses Blatt zwei volle Nummern widmete.) Es ist zu bezeichnend für die Stellung, welche die damalige Kritik dem Tannhäuser gegenüber einnahm, um nicht seinem Hauptinhalte nach von uns berücksichtigt zu werden. Nach kurzer Angabe des Inhaltes heißt es: ›Die Mängel der Dichtung springen von selbst in das Auge. Von einer Exposition ist nicht die Rede.‹ Folgt der Beweis: ›Tannhäuser ist zu Anfang der Oper im Venusberg. Die Vorrede im Textbuch belehrt uns, daß nur diejenigen der Verlockung ausgesetzt waren, in deren [526] Herzen wilde sinnliche Lust keimte. Abgesehen von der Schlüpfrigkeit (!) ist es ganz unbegreiflich, wie dies bei dem Tannhäuser der Fall sein konnte, der doch, wie man später erfährt, die heilige Elisabeth, hier in die Nichte des Landgrafen verwandelt, liebte und durch ihre Gegenliebe geläutert und vor bösen Versuchungen bewahrt sein mußte. Elisabeth scheint er aber ganz vergessen zu haben, während er sich doch des frohen Glockengeläutes usw. erinnerte. Um sich der Macht der Venus zu entziehen, sagt er: Mein Heil ruht in Maria! Unwillkürlich sieht man auf den Zettel, um zu erfahren, wer diese Maria ist (!) ... Der Name der heiligen Elisabeth, als der seiner Geliebten, hätte seinem Gedächtnisse wohl näherliegen können, welche überdies, wie sich nachher ergibt, wirklich sein Seelenheil vermittelt.‹ Mit unverbrüchlicher Konfusion wird auch im ferneren Verlaufe der kritischen Ergießung die Auffassung festgehalten, als sei Elisabeth als ›Heilige‹ geboren und werde dies nicht erst durch ihren Opfertod für das Heil des Geliebten. ›Sobald Elisabeth genannt wird, ist er heftig ergriffen, erklärt ihr im zweiten Akt seine Liebe, gleich darauf beim Wettgesange vergißt er sie und singt der Göttin der Liebe ein Loblied. Nach Elisabeths Fürbitte sinkt er wieder reuevoll zusammen und pilgert nach Rom. Nachdem seine Hoffnungen daselbst fehlgeschlagen, weiß er sich alsbald zu trösten, indem er die Venus wieder aufsucht. Wolframs Ermahnungen zur Gottesfurcht sind vergebens: da nennt er Elisabeth, die man eben erst gesehen hat, die aber einstweilen plötzlich gestorben ist und schon bestattet wird. Tannhäuser sinkt ebenfalls zusammen und stirbt mit den Worten: Heilige Elisabeth, bitte für mich! Das ist der Hauptcharakter der Oper, um den sich alles dreht und für den man sich interessieren soll. Elisabeth ist teils eine Heilige, die sich im zweiten Akte selbst als ein Werkzeug des Höchsten kundtut, teils eine verliebte und verzagte Jungfrau‹ (die durch das furchtbare Vergehen des Geliebten im Verlaufe des Stückes gewaltsam sich vollziehende Entwickelung des anfänglich fast noch kindlichen Mädchencharakters zur opfermutigen Heiligen, ist durch eine kühne Antizipation ganz übersehen), ›welche um den Tod bittet und stirbt, da ihr Alles, Tannhäuser, nicht zurückkehrt, und erregt daher ebenfalls keine Teilnahme (!) ... Soviel über die Dichtung, woraus sich der gänzliche Mangel an Charakterzeichnung ergibt ... hinsichtlich der Musik müssen wir anerkennen, daß Herr Wagner in Einzelheiten von seinen Verirrungen zurückgekommen ist, die ihn die höchste Wirkung in einer sinnbetäubenden geräuschvollen Instrumentation suchen ließen . ... In der Schreibart selbst ist er entweder noch nicht mit sich einig, oder es ist ein Mangel an Erfindung, welcher das Meiste gesucht und schwülstig, ja geradezu der Schönheit zuwider erscheinen läßt. Mehr das Ergebnis emsigen Nachdenkens, als feuriger Begeisterung, läßt die Musik größtenteils kalt und gleichgültig, wenn man auch die häufig angewendete Tonmalerei der Situation angemessen findet.‹ Der dritte Akt kommt am schlimmsten fort: ›Elisabeths Gebet ist viel zu lang‹ (trotz der Kürzung!) ›und Tannhäusers endlose Szene ist der Situation angemessen, aber peinlich und abspannend, so daß man sich nach dem Ende sehnt. Der Gesang der Pilger, welche schuldbeladen von dannen zogen und entsühnt und beglückt zurückkehren, ist zu gesucht (!?), außerdem ist es verfehlt, daß sie, obgleich mit anderen Worten, mit denselben klagenden Tönen zurückkehren, die nur ihrer Stimmung bei der Abreise angemessen waren.‹ Als wenn nicht gerade darin das Bewundernswerte läge, daß die Melodie des Pilgergesanges mit der vollen Inbrunst christlicher Sehnsucht eine ernste Feierlichkeit verbindet, dazu berufen, sich mit ihrer ganzen Pracht, wie ein erhabener Triumphbogen, sowohl über den Schluß der Ouvertüre, wie der ganzen Tondichtung zu wölben! ›In der Ouvertüre ist der Pilgergesang vorherrschend, hie und da von einem unheimlichen Geschwirr der Violinen und hohen Saiteninstrumente unterbrochen, welches sich auf die Szenen im Venusberge bezieht, berührt also nur untergeordnete Elemente (!); übrigens ist sie unverständlich und entbehrt ebenso der eigentlichen Grundfarbe, wie das ganze Sujet.[527] Diese meisterhafte Beurteilung der Tannhäuserouvertüre übertrifft an Unklarheit der Auffassung und der Verfasser derselben, an hartnäckiger Unfähigkeit zum Verständnisse einem so organisch gegliederten Tonbilde gegenüber alles, was eine Kritik an Ungerechtigkeit und Gewissenlosigkeit, ein Zuhörer an mangelhaftem Verständnis leisten kann! Eines Banck oder Schladebach in jedem Satz und Wort durchaus würdig, bekundet diese glorreiche ›Kritik‹ auf das deutlichste, wie man – im Reißigerschen Kreise über das neue Werk des Meisters dachte! Und nun stand sie inmitten eines der angesehensten musikalischen Organe Deutschlands und verbreitete sich behaglich über zwei ausgeschlagene Wochennummern derselben.


(Zu Seite 156/57: Kurzbündige enthusiastische Ergüsse im ›Dresdener Anzeiger‹ als Hinweisungen auf die bevorstehende Aufführung der neunten Symphonie.) Die nachstehende wörtliche Mitteilung dieser Notizen erfolgt auf Grund einer uns durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Dr. Dinger mitgeteilten Kopie. 1) Nr. 83 des ›Dresdener Anzeigers‹, Dienstag, den 24. März 1846 (Beilage): ›Beethovens neunte Symphonie. Allen Verehrern des wundervollen Meisters Beethoven steht in Kürze ein seltener Genuß bevor, wenn mit diesem fast zu sinnlichen Worte die erhabene Wirkung bezeichnet werden kann, von welcher bei würdigster Ausführung und erlangtem edelsten Verständnisse sein letztes derartiges Werk, die neunte Symphonie mit Schlußchor über Schillers Ode: »an die Freude« sein muß. Dadurch, daß die Kapelle gerade dieses Werk zur Aufführung in ihrem diesjährigen sog. Palmsonntag-Konzert gewählt hat, scheint dieser vortreffliche und reiche Verein von Künstlern beurkunden zu wollen, bis zu welcher Höhe seine Leistungen sich zu erheben vermögen; denn wie diese Symphonie unbestreitbar die Krone des Beethovenschen Geistes ist, enthält sie ebenso unleugbar auch die schwierigste Aufgabe für die Ausführung; bei dem würdigen Geiste aber, der diesen großen Palmsonntag-Konzert-Aufführungen bisher stets innegewohnt hat, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß diese Aufgabe gewiß eine vollkommene Lösung erhalten werde. – Endlich darf also auch das größere Publikum Dresdens hoffen, dieses tiefsinnigste und riesenhafteste Werk des Meisters sich erschlossen zu sehen, dessen übrige Symphonien bereits zu einer edlen Popularität gelangt sind, während dieses Werk bisher noch in die Ferne eines geheimnisvollen, wunderbaren Rätsels entrückt blieb, zu dessen erhebender Lösung es aber gewiß nur einer vollkommen geeigneten Gelegenheit und eines kräftigen, mutigen Sinnes für die erhabenste und edelste Richtung der Kunst bedarf, die sich nirgends mit sprechenderer Überzeugung offenbart hat, als in dieser letzten Symphonie Beethovens, zu welcher alle seine früheren Schöpfungen der Art uns wie die Skizzen und Vorarbeiten erscheinen, durch welche es dem Meister eben nur möglich werden konnte, sich zur Konzeption dieses Werkes emporzuarbeiten. O höret und staunet!‹ – 2) Nr. 90 von Dienstag, dem 31. März 1846 (1. Beilage): ›Würde es nicht gut sein, wenn – wenigstens versuchsweise – irgend etwas geschähe, um auch dem größeren Publikum das Verständnis der letzten Symphonie Beethovens, deren Aufführung wir in diesen Tagen entgegensehen, näher zu rücken? Wir erinnern hierbei an die wunderlichsten Mißverständnisse und sonderbarsten Deutungen, denen dieses Werk so verschiedentlich ausgesetzt war, so daß schon vom Umherlaufen der darauf beruhenden Gerüchte zu fürchten stünde, nicht daß sich das Publikum zu jener bevorstehenden Aufführung etwa nicht zahlreich genug einfinden möchte (dagegen bürgt der Ruf der Wunderbarkeit und Seltsamkeit dieser letzten großen Schöpfung des Meisters, von dem ja manche behaupten, er habe diese Symphonie im halben Wahnsinn geschrieben!!) – sondern, daß ein wahrscheinlich nicht geringer Teil desselben bei einer ersten und nur einmaligen Anhörung dieser Tondichtung dadurch in Befangenheit und Verwirrung versetzt werde, und ihm somit ein wahrhafter Genuß entgehe. Öfter gebotene Gelegenheit zur Anhörung solcher Werke würde allerdings das geeignete Mittel zur Verbreitung ihres Verständnisses sein; leider aber kommt diese Vergünstigung meist nur [528] Musikstücken zugut, die bei ihrer fast übertriebenen Begreiflichkeit und Leichtverständlichkeit ihrer gar nicht bedürfen! Gg.‹ – 3) Nr. 92 v. Donnerstag, dem 2. April 1846 (Beilage): ›Es war einmal ein Mann, der fühlte sich gedrängt, alles was er dachte und empfand, in der Sprache der Töne, wie sie ihm durch große Meister überliefert war, auszudrücken: in dieser Sprache zu reden, war sein innigstes Bedürfnis, sie zu vernehmen, sein einzigstes Glück auf Erden; denn sonst war er arm an Gut und Freude, und die Leute ärgerten ihn sehr, wie gut und liebend er auch gegen alle Welt gesinnt war. Nun sollte ihm aber sein einzigstes Glück geraubt werden, – er wurde taub und durfte seine eigene, herrliche Sprache nicht mehr vernehmen! Ach, da kam er nahe daran, sich der Sprache selbst auch berauben zu wollen: sein guter Geist hielt ihn zurück; – er fuhr fort, auch was er nun empfinden mußte, in Tönen auszusprechen; – aber ungewöhnlich und wunderbar sollten nun seine Empfindungen werden; – wie die Leute von ihm dachten und fühlten, mußte ihm fremd und gleichgültig sein: er hatte sich nur noch mit seinem Innern zu beraten und in die tiefsten Tiefen des Grundes aller Leidenschaft und Sehnsucht sich zu versenken! In welch' wunderbarer Welt ward er nun heimisch! Da durfte er sehen und – hören; denn hier bedarf es keines sinnlichen Gehöres, um zu vernehmen: Schaffen und Genießen ist da Eines. – Diese Welt aber war, ach! die Welt der Einsamkeit: wie kann ein kindlich liebevolles Herz für immer ihr angehören wollen? Der arme Mann richtet sein Auge auf die Welt, die ihn umgibt, – auf die Natur, in der er einst voll süßen Entzückens schwelgte, auf die Menschen, denen er sich doch noch so verwandt fühlt! Eine ungeheuere Sehnsucht erfaßt, drängt und treibt ihn, der Welt wieder anzugehören und ihre Wonnen, ihre Freuden wieder genießen zu dürfen. – Wenn Ihr ihm nun begegnet, dem armen Mann, der Euch so verlangend anruft, wollt Ihr ihm fremd ausweichen, wenn Ihr zu Eurer Verwunderung seine Sprache nicht sogleich zu verstehen glauben solltet, wenn sie Euch so seltsam, ungewohnt klingt, daß Ihr Euch fragt: Was will der Mann? O, nehmt ihn auf, schließt ihn an Euer Herz, höret staunend die Wunder seiner Sprache, in deren neugewonnenem Reichtume Ihr bald nie gehörtes Herrliches und Erhabenes erfahren werdet, – denn dieser Mann ist Beethoven, und die Sprache, in der er Euch anredet, sind die Töne seiner letzten Symphonie, in der der Wunderbare all seine Leiden, Sehnsucht und Freuden zu einem Kunstwerke gestaltete, wie es noch nie da war!‹


(Zu Seite 179: War es etwas wie die täuschende Vorahnung eines schnellen Todes, was ihn bei solchen Anlässen übermannte? Kein Zweifel dann, daß diese Ahnung das Ergebnis eines tiefen Todesverlangens und schmerzlichen Lebensüberdrusses war, der unter den niederdrückenden Verhältnissen dieses Dresdener Daseins sich seiner bemeisterte.) ›Wagner ist seit längerer Zeit leidend‹, schreibt Ferdinand Heine ein Vierteljahr darauf an den gemeinsamen Freund Ernst Kietz in Paris. »Einerseits strengt er seinen Geist zu sehr an; andererseits streuen seine Feinde und Neider ihm so viele Dornen unter die spärlichen und doch so hochverdienten Lorbeeren, daß er schon jetzt an Geist und Körper wund zu werden beginnt. Ich fürchte, es wird ihm gehen, wie schon manchem wahrhaft großen Genie: er wird seinen Triumph und seine volle Würdigung nicht mehr erleben. Es geht alles zu tief bei ihm und zehrt seine Lebensgeister rasch auf! – Was hilft's ihm, daß neun Zehntel der Dresdener für seinen ›Rienzi‹ und seinen göttlichen ›Tannhäuser‹ ganz begeistert sind? Die Blätter reißen ihn herunter, andere Bühnen urteilen darnach und seine Werke kommen anderwärts nicht zur Aufführung – bis er tot ist und man sich darum reißen wird! – Ich bin überzeugt, daß er nicht alt wird! Freilich muß er sich mit anderen trösten, denen es nicht besser ging, aber solch ein Trost bleibt immer ein leidiger« (Oktober 1846). Vgl. Gustav Kietz, Erinnerungen an Richard Wagner, Dresden 1905 (2. Aufl. 1907), S. 59/60.


[529] (Zu Seite 186: In Text und Musik finden sich im ersten Entwurfe des ›Lohengrin‹ noch mancherlei Abweichungen von der späteren Ausführung; selbst an mancherlei Paralipomena fehlt es nicht.) In dem Liepmannsohnschen Autographen-Katalog vom 18. November 1895, S. 109 findet sich die genaue Beschreibung eines Textbuches zu ›Lohengrin‹ von 48 Seiten 4°, zwar von fremder Hand geschrieben, aber mit eigenhändigen Korrekturen Wagners und einem vollständigen Titelblatt von des Meisters Hand. ›Diese erste Bearbeitung enthält über einhundertsechzig Verse mehr als die definitive, wohingegen die letztere etwa 60 Verse enthält, die in der ersten fehlen. Außerdem sind etwa 50 Verse mit Abänderungen, teils stilistischer, teils inhaltlicher Art, in die zweite Bearbeitung übergegangen. Die Ausarbeitung der Szenarien, denen ja Wagner stets eine so große Wichtigkeit beilegte, ist zum großen Teil revidiert, zum Teil von der ersten Bearbeitung völlig abweichend.‹ – Eine bei weitem wichtigere Entdeckung ist seither gemacht worden, durch Wiederauffindung der ersten vollständigen Niederschrift der Dichtung von des Meisters eigener Hand, mit dem Schlußdatum des 27. November 1845. Das Manuskript hat viele Wanderungen aus der Hand eines Besitzers in die des andern durchgemacht. Wagner hatte es seinerzeit dem jungen Freunde Karl Ritter geschenkt, von diesem ging es in den Besitz des Klaviervirtuosen Rudolf Wehner über; nach dessen Tode (Oktober 1857) gelangte es in die Hände des Dresdener Hofopernsängers Fritz Weiß. Dieser schenkte es im Juli 1868 seinem Freunde Wilhelm Trinius (zuletzt in Wiesbaden), und im Besitz der Triniusschen Erben befindet der Schatz sich noch heute. In einer Mappe verwahrt, liegt das Manuskript auf der Berliner Reichsbank. Dem Herrn Dr. Paul Trinius (Berlin) verdankte der Gewährsmann des ›Berliner Tageblattes‹ (Dr. Leopold Schmidt) einen Einblick in dasselbe, über welches er sodann in der Nr. 8 des ›Zeitgeist‹ (Beiblatt der genannten Zeitung) vom 22. Februar 1904 einen eingehenden Bericht veröffentlicht hat. Ausführliche Zitate geben einen entfernten Begriff von dem Inhalt der 100 Verse, um welche diese älteste Niederschrift reicher ist, als die nachmalige definitive Fassung. Eine vollständige, womöglich faksimilierte Veröffentlichung (nach Art der schönen Schottschen Ausgabe der ›Meistersinger‹-Dichtung) würde von allerhöchstem Interesse für alle Verehrer des Meisters sein. Ihr hoher Wert liegt darin, daß sie die erste, bisher völlig unbekannte Redaktion der herrlichen Dichtung darbietet. Einstweilen sind einige der Hervorhebung besonders werte Einzelheiten im Anhang zu Richard Wagners ›Gedichten‹ (Berlin, Grotesche Buchhandlung) S. 157/59 reproduziert.


(Zu Seite 207, Anm.: Merkwürdigerweise hat es übrigens Hanslick bis zu seinem Lebensende für vorteilhaft gehalten, seine eigene jüdische Herkunft konsequent und nachdrücklich zu verleugnen.) Wagner hatte, im Zusammenhang seiner Schrift über das ›Judentum in der Musik‹ von der ›zierlich verdeckten jüdischen Abkunft‹ des Verfassers der Broschüre über das ›Musikalisch-Schöne‹ gesprochen, und Hanslick diese Behauptung – wenn auch wohlweislich erst nach des Meisters Tode! – als eine ›unglaublich kindische‹ bezeichnet. ›Mein Vater und seine sämtlichen Vorfahren, soweit man sie verfolgen kann, waren erzkatholische Bauernsöhne‹ (Hanslick, Mein Leben II, S. 10). ›Nach solcher energischen Abweisung‹, bemerkt dazu Dr. R. Batka, ›glaubte man vielfach selbst in Wagnerianerkreisen über diesen Fall als einen, dem Meister in der Hitze des Kampfes passierten, Irrtum hinwegschweigen zu müssen. Denn wer hätte vermutet, daß Herr Hanslick väterlicherseits allerdings ein Nachkomme katholischer Bauern, mütterlicherseits aber ein Enkel des Prager Bankiers Salomon Abraham Kisch gewesen ist, dessen schöne Tochter Lotte erst zum Christentum übertrat, als sie 1823 den Bibliothekbeamten Joseph Hanslick heiratete! – Ihr Sohn Eduard hat also, statt als freisinniger Mann seinen großen Gegner mit der Erklärung abzuwehren, daß die Richtigkeit oder Irrigkeit einer ästhetischen Ansicht von der Abstammung dessen, der [530] sie hegt, ganz unabhängig sei, vielmehr die Religion und Abkunft der eigenen Mutter glatt verleugnet und die dahinführenden Spuren auch in seinen Lebenserinnerungen sorgsam verwischt!‹ (Mus Wochenblatt 1908, S. 370.)


(Zu Seite 275: Das lebendige Echo, das die stürmischen Wiener Vorgänge in dem feurig erregten Innern des Künstlers wachriefen, gelangte in einem Gedichte zum Ausdruck, das unter der Aufschrift ›Gruß aus Sachsen an die Wiener‹ mit voller Namensunterschrift des Autors als poetische Beilage zur ›Allgemeinen Österreichischen Zeitung‹ vom 1. Juni 1848 erschien.) Nach dem erneuten Abdruck, den es in des Freiherrn von Helfert Sammelwerk ›Der Wiener Parnaß i.J. 1848‹ (Wien 1882) gefunden, ist dieses Gedicht – zugleich als erstes Dokument in der Reihe schriftlicher Zeugnisse seiner geistigen Beteiligung an der stürmischen Bewegung jener Tage – in die gesammelten ›Gedichte‹ Richard Wagners (Berlin, Grotesche Buchhandlung, 1905) aufgenommen worden. Dies geschah in der Annahme, daß der durch den Herausgeber jenes ›Wiener Parnasses‹ wiedergegebene Text ›ohne Schad' und Bruch‹, d.h. im vorliegenden Falle: ohne Abweichung und Auslassung, der Originalfassung des Gedichtes entspräche. Hier liegt indes für die eifrige ›Wagner-Forschung‹ unserer Tage2 noch ein Problem verborgen, auf dessen Vorhandensein wir an dieser Stelle bloß hindeuten möchten. Anläßlich der öffentlichen Besprechungen der ›Gedichte‹ Richard Wagners traten nämlich an zwei verschiedenen Stellen noch zwei im Helfertschen Abdruck fehlende Strophen zutage, und es ist sehr ungewiß, ob sie die einzigen fehlenden sind! Setzen wir zunächst den Anfang jenes Gedichtes hierher.


Gruß aus Sachsen an die Wiener.3

Jetzt ist mein Herz der Sorgen frei, nicht darf ich nun mehr zagen:

Daß Deutschland ganz gerettet sei, darf freudig ich jetzt sagen.

Was von uns selbst wir Schlimmes dachten, das hat sich nun gekehrt:

die unsre Ehr' zu Schanden brachten, die habt ihr nun belehrt.


Aus Frankreich scholl der Freiheitsruf: wir haben ihn nachgesprochen:

die Bande,4 die uns Knechtschaft schuf, sie werd' von uns zerbrochen.

Dem Sturme konnte Keiner wehren, und was er traf, das fiel:

die uns gekränkt der Freiheit Ehren, die fanden schnell ihr Ziel.


Das war im Anfang Lobes wert; uns trieb die Tat des Franken,

in unsrer Hand das Freiheitsschwert, ihm hatten wir's zu danken.

Nun galt es: deutsche Weise zeigen, vollenden unsern Sieg,

nicht eher mit dem Ruf zu schweigen, bis ganz der Feind auch schwieg.


Diesem Zusammenhang gehört dann möglicherweise – vielleicht zwischen Strophe 1 und 2 einzuschalten? – die eine der neuaufgefundenen, unzweifelhaft echten Strophen an:


Ihr habt der Freiheit Art erkannt! Nicht halb wird sie gewonnen!

Ist uns ihr kleinstes Glied5 entwandt, schnell ist sie ganz zerronnen!

Dies kleinste Glied ist unsre Ehre – ehrlos ist, wer es läßt!

Mit hellen Waffen, guter Wehre drum hieltet ihr es fest.


[531] Die andere, bei dieser Gelegenheit vorgebrachte, unzweifelhaft echte Strophe ist ihrem pointierten Schlußsatz gemäß deutlich als Schlußstrophe zu erkennen; denn daß der durch Freiherrn von Helfert vorgebrachte Text an sich ein Torso ist, steht wohl außer Diskussion. Diese Schlußstrophe hat den Wortlaut:


Die Lehre habt ihr jetzt bewährt, ihr treuen Wiener Helden,

und ihrer hohen Tugend Wert laßt nun von uns euch melden:

Stellt wer uns je das Schmachgebot: ›nun werdet wieder Diener!‹

Dem sei dann mit dem Schwur gedroht: ›Wir machen's wie die Wiener!


Sicher aber scheint es zu sein, daß wenigstens noch eine vorausgehende Strophe fehlt. Denn es widerspricht dem ebenso feurigen als in streng logischem Aufbau und Gedankengang angelegten großzügigen Gedicht, daß sich die ersten Worte dieser Schlußstrophe auf eine ›Lehre‹ beziehen, die im vorausgehenden keineswegs gegeben ist. Die vorausgehende, einstweilen letzte Strophe (man vergleiche die ›Gedichte‹ Richard Wagners, S. 15) handelt vielmehr von einer ›Frage‹, einer ›Entscheidungsfrage‹, nämlich:


Jetzt gilt es der Entscheidungsfrage die Antwort nicht zuschulden:

Wie weit der deutsche Mut uns trage? Ob handeln wir, ob dulden?


Die Strophe, welche von einer ›Lehre‹ handelt, kann sich an diese letztangeführte nicht schließen; eine Strophe fehlt dazwischen gewiß, vielleicht aber auch mehr als eine.

Wie ist Licht in diese Dunkelheit zu schaffen? Wo und in wessen Besitz existiert noch heute das vollständige Gedicht, sei es in der Originalhandschrift oder in Gestalt eines Originaldruckes? Unsere durch einen liebenswürdigen Vermittler angestellten Nachforschungen im Jahrgang 1848 der ›Allgemeinen österr. Zeitung‹ in der K.K. Hofbibliothek zu Wien waren gänzlich erfolglos: der ganze übrige Jahrgang war vorhanden, das Wichtigste aber, jene poetische Beilage, vor dem Einbinden durch einen unbekannten Liebhaber angeeignet worden. Und doch muß das Original noch vorhanden sein, wie könnten sonst einzelne Strophen daraus anonymen unwissenden Lohnschreibern6 zugänglich sein?


(Zu Seite 279: Der Aufsatz führte die Überschrift: ›Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen usw.‹ und war unterzeichnet: ›Ein Mitglied des Vaterlandsvereines.‹) Obgleich das nachstehend mitgeteilte damalige politische Glaubensbekenntnis des Künstlers bereits mehrfach zum Abdruck gelangt ist, veranlaßt uns dennoch eine besonders geschätzte Aufforderung dazu, es als ein hervorragendes biographisches Dokument auch an dieser Stelle nochmals in vollem Umfang zu reproduzieren:


Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtume gegenüber?

Laßt uns über diese Frage vollkommen klar werden und daher zunächst genau erörtern, was der Kern republikanischer Bestrebungen sei.

Glaubt Ihr im Ernst, wenn wir von unserem jetzigen Standpunkte aus noch weiter vorwärtsschreiten wollen, müßten wir mit Allernächstem schon an der offenen königslosen [532] Republik ankommen? Glaubt Ihr dies, oder wollt Ihr es den Ängstlichen nur weismachen? Seid Ihr kenntnislos oder seid Ihr böswillig?

Ich will Euch sagen: wohin unsere allerdings ›republikanischen‹ Bestrebungen zielen: – Unsere Bestrebungen für das Wohl Aller gehen dahin, die sogenannten Errungenschaften der letzten Vergangenheit nicht an sich schon als das Ziel, sondern als einen Anfang erkannt zu wissen.

Das Ziel fest ins Auge gefaßt, wollen wir daher zunächst den Untergang auch des letzten Schimmers von Aristokratismus; sind unsere Herren vom Adel keine Feudalherren mehr, die uns knechten und schinden konnten, wie sie Lust hatten, so sollen sie, um alles Ärgernis zu verwischen, auch den letzten Nest einer Auszeichnung aufgeben, die ihnen an einem hitzigen Tage leicht zu einem Nes sus-Gewande werden könnte, das sie bis auf die Knochen verbrennt, wenn sie es nicht beizeiten weit von sich geworfen haben würden. Gedenkt Ihr dabei Eurer Stammesahnen und haltet Ihr es für unfromm, Euch der Vorzüge zu begeben, die Ihr von ihnen ererbtet, so bedenkt, daß auch wir unserer Ahnen uns erinnern müssen, deren Taten, so gute auch von ihnen vollbracht wurden, von uns zwar nicht in Familienarchiven aufgezeichnet sind, deren Leiden, Hörigkeit, Druck und Knechtschaft aller Art aber in dem großen, unleugbaren Archive der Geschichte des letzten Jahrtausends mit blutiger Tinte eingeschrieben stehen. Vergesset Eure Ahnen, werfet jeden Titel, jede mindeste Auszeichnung von Euch, so versprechen wir Euch, großmütig zu sein und die Erinnerung unserer Ahnen auch gänzlich aus unserem Gedächtnis zu streichen, damit wir fortan Kinder eines Vaters, Brüder einer Familie seien! Höret die Mahnung, erfüllet sie froh und aus freien Stücken, denn sie ist unabweislich, und Christus sagt: ›Ärgert dich ein Glied, so reiß' es aus: es ist besser, daß es verderbe, als daß der ganze Leib zur Hölle fahre!‹ – Und noch Eines! Verzichtet ein für allemal auf die ausschließliche Ehre, unserm Fürsten zunächst stehen zu wollen, bittet ihn, Euch des ganzen Wustes unnützer Hofämter, Ehren und Rechte zu überheben, die heutzutage einen Hof zum Gegenstande unmutiger Betrachtung machen; seid nicht mehr Kammerjunker und Kammerherren, die unseren König ›ihren König‹ nennen, nehmt von ihm jene Heiducken und bunten Lakaien, die frivolen Auswüchse einer schlimmen Zeit, der Zeit, da alle Fürsten der Welt es dem französischen Ludwig XIV. nachahmen zu müssen glaubten. Tretet frei zurück von diesem Hofe, dem Hofe der müßigen Adelsversorgung, damit er ein Hof des ganzen, frohen, glücklichen Volkes werde, wo jedes Glied dieses Volkes in freudiger Vertretung seinem Fürsten zulächle und ihm sage, daß er der erste eines freien, gesegneten Volkes sei. – Darum, so wollen wir weiter: keine erste Kammer mehr! Es gibt nur ein Volk, nicht ein erstes und zweites, somit kann und soll es daher auch nur ein Haus der Volksvertretung geben, und dieses Haus sei ein edles, schlichtes Gebäude, ein hochgewölbtes Dach auf starken, schlanken Säulen: wie würdet Ihr dies Gebäude verstümmeln, wolltet Ihr eine triviale Wand quer durchziehen, daß Ihr statt eines großen Saales zwei enge Kammern hättet!

Weiter wollen wir die Zuerteilung des unbedingten Stimm- und Wahlrechts an jeden volljährigen, im Lande geborenen Menschen: je ärmer, je hilfsbedürftiger er ist, desto natürlicher ist sein Anspruch auf Beteiligung an der Abfassung der Gesetze, die ihn fortan gegen Armut und Dürftigkeit schützen sollen.

Und weiter wollen wir in unseren ›republikanischen‹ Bestrebungen: eine allgemeine große Volkswehr, nicht ein stehendes Heer, und eine liegende Kommunalgarde: was Ihr vorbereitet, soll weder eine Verminderung des einen, noch eine bloße Erweiterung des anderen sein, sondern eine neue Schöpfung, die nach und nach in das Leben tretend, Heer und Kommunalgarde untergehen lassen in der einen großen, zweckmäßig hergestellten, jeden Standesunterschied vernichtenden Volkswehr.

Sind so alle bisher neidisch und feindlich geschiedenen Stände in den einen großen [533] Stand des freien Volkes vereinigt, zu dem Alles gehört, was auf dem lieben deutschen Boden von Gott menschlichen Atem empfing, – glaubt Ihr, daß wir dann am Ziele seien? Nein, dann wollen wir erst recht anfangen! Denn dann gilt es, die Frage nach dem Grunde alles Elends in unserem jetzigen gesellschaftlichen Zustande fest und tatkräftig in das Auge zu fassen, – es gilt zu entscheiden, ob der Mensch, diese Krone der Schöpfung, ob seine hohen geistigen, seine so künstlerisch regsamen leiblichen Fähigkeiten und Kräfte von Gott bestimmt sein sollen, dem starresten, unregsamsten Produkte der Natur, dem bleichen Metall, in knechtischer Leibeigenschaft untertänig zu sein?

Es wird zu erörtern sein, ob diesem geprägten Stoffe die Eigenschaft zuzuerkennen sei, den König der Natur, das Ebenbild Gottes, sich dienst- und zinspflichtig zu machen – ob dem Gelde die Kraft zu lassen sei, den schönen freien Willen des Menschen zur widerlichsten Leidenschaft, zu Geiz, Wucher und Gaunergelüste zu verkrüppeln? Dies wird der große Befreiungskampf der tief entwürdigten leidenden Menschheit sein: er wird nicht einen Tropfen Blutes, nicht eine Träne, ja nicht eine Entbehrung kosten: nur eine Überzeugung werden wir zu gewinnen haben, sie wird sich uns unabweislich aufdrängen: die Überzeugung, daß es das höchste Glück, das vollendetste Wohlergehen Aller herbeiführen muß, wenn so viele tätige Menschen, als nur irgend der Erdboden ernähren kann, auf ihm sich vereinigen, um in wohlgegliederten Vereinen durch ihre verschiedenen mannigfaltigsten Fähigkeiten, im Austausch ihrer Tätigkeit sich gegenseitig zu bereichern und zu beglücken. Wir werden erkennen, daß es der sündhafteste Zustand in einer menschlichen Gesellschaft ist, wenn die Tätigkeit Einzelner entschieden gehemmt ist, wenn die vorhandenen Kräfte sich nicht frei rühren und nicht vollkommen sich verwenden können, so lange – dies ist die einzige Bedingung – der Erdboden zu ihrer Nahrung ausreicht. Wir werden erkennen, daß die menschliche Gesellschaft durch die Tätigkeit ihrer Glieder, nicht aber durch die vermeinte Tätigkeit des Geldes erhalten wird: wir werden den Grundsatz in klarer Überzeugung feststellen, – Gott wird uns erleuchten, das richtige Gesetz zu finden, durch das dieser Grundsatz in das Leben geführt wird, und wie ein böser nächtlicher Alp wird dieser dämonische Begriff des Geldes von uns weichen mit all seinem scheußlichen Gefolge von öffentlichem und heimlichem Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen. Das wird die volle Emanzipation des Menschengeschlechtes, das wird die Erfüllung der reinen Christuslehre sein, die sie uns neidisch verbergen hinter prunkenden Dogmen, einst erfunden, um die rohe Welt einfältiger Barbaren zu binden und für eine Entwickelung vorzubereiten, deren höherer Vollendung wir nun mit klarem Bewußtsein zuschreiten sollen. Oder wittert Ihr hierin etwa Lehren des Kommunismus? Seid Ihr töricht oder böswillig genug, die notwendige Erlösung des Menschengeschlechts von der plumpesten und entsittlichendsten Knechtschaft gemeinster Materie als gleichbedeutend mit der Ausführung der abgeschmacktesten und sinnlosesten Lehre, der des Kommunismus, zu erklären? Wollt Ihr nicht erkennen, daß in dieser Lehre der mathematisch gleichen Verteilung des Gutes und Erwerbes eben nur ein gedankenloser Versuch zur Lösung jener allerdings gefühlten Aufgabe gemacht worden ist, der sich in seiner reinen Unmöglichkeit selbst das Urteil der Totgeborenheit spricht? Wollt Ihr damit aber die Aufgabe selbst als verwerflich und unsinnig, wie jene Lehre es in Wahrheit ist, ebenfalls verschreien? Hütet Euch! Das Ergebnis von dreiunddreißig Jahren ungestörten Friedens zeigt Euch jetzt die menschliche Gesellschaft in einem Zustande von Zerrüttung und Verarmung, daß Ihr am Ende dieser Jahre rings um Euch die entsetzlichen Gestalten des bleichen Hungers erblickt! Seht Euch vor, ehe es zu spät ist! Spendet nicht Almosen, sondern erkennt das Recht, das von Gott verliehene Menschenrecht, sonst dürstet Ihr wohl den Tag erleben, wo die gewaltsam verhöhnte Natur zu einem rohen Kampfe sich ermannt, dessen wildes Siegesgeschrei wirklich jener Kommunismus wäre, und wenn in [534] der Unmöglichkeit des Bestandes seiner Grundsätze auch nur die kürzeste Dauer seiner Herrschaft verbürgt läge, so würde diese kurze Herrschaft doch hinreichend gewesen sein, alle Errungenschaften einer 200jährigen Zivilisation auf vielleicht lange Zeit spurlos auszurotten. Glaubt Ihr, ich drohe? Nein, ich warne!

Sind wir nun in unseren republikanischen Bestrebungen soweit gelangt, auch diese wichtigste aller Fragen zum Glück und Wohlergehen der staatlichen Gesellschaft zu lösen, sind wir in die Rechte freier Menschenwürde vollständig eingetreten: werden wir nun am Ziele unseres tätigen Strebens angelangt sein? Nein! Nun soll es erst recht beginnen! Sind wir durch die gesetzkräftige Lösung der letzten Emanzipationsfrage zur vollkommenen Wiedergeburt der menschlichen Gesellschaft gelangt, geht aus ihr ein freies, allseitig zu voller Tätigkeit erzogenes neues Geschlecht hervor, so haben wir nun erst die Kräfte gewonnen, an die höchsten Aufgaben der Zivilisation zu schreiten, das ist: Betätigung, Verbreitung derselben. Nun wollen wir in Schiffen über das Meer fahren, da und dort ein junges Deutschland gründen, es mit den Ergebnissen unseres Ringens und Strebens befruchten, die edelsten, gottähnlichsten Kinder zeugen und erziehen: wir wollen es besser machen als die Spanier, denen die neue Welt ein pfäffisches Schlächterhaus, anders als die Engländer, denen sie ein Krämerkasten wurde. Wir wollen es deutsch und herrlich machen: vom Aufgang bis zum Niedergang soll die Sonne ein schönes, freies Deutschland sehen, und an den Grenzen der Tochterlande soll, wie an denen des Mutterlandes, kein zertretenes unfreies Volk wohnen, die Strahlen deutscher Freiheit und deutscher Milde sollen den Kosaken und Franzosen, den Buschmann und Chinesen erwärmen und verklären.

Seht Ihr, hier hat unser republikanisches Streben kein Ziel und Ende, rastlos dringt es weiter von Jahrhundert zu Jahrhundert zur Beglückung des ganzen großen Menschengeschlechtes! Ist dies ein Traum, ein Utopien? Es ist es, sobald wir darüber nur hin- und hersprechen, kleingläubig und selbstsüchtig die Möglichkeit abwägen und leugnen: es ist es nicht, sobald wir froh und mutig handeln, sobald jeder Tag eine neue gute Tat des Fortschrittes von uns sieht.

Aber, fragt Ihr nun: willst Du dies Alles mit dem Königtum erreichen? – Nicht einen Augenblick habe ich sein Bestehen aus dem Auge verlieren müssen, – hieltet Ihr es aber für unmöglich, so sprächet Ihr selbst sein Todes-Urteil aus! Müßt Ihr es aber für möglich erkennen, wie ich es für mehr als möglich erkenne, nun: so wäre die Republik ja das Rechte, und wir dürfen nur fordern, daß der König der erste und allerechteste Republikaner sein sollte. Und ist Einer mehr berufen, der wahreste, getreueste Republikaner zu sein als gerade der Fürst? Res publica heißt: die Volkssache. Welcher Einzelne kann mehr dazu bestimmt sein als der Fürst, mit seinem ganzen Fühlen, Sinnen und Trachten lediglich nur der Volkssache anzugehören? Was sollte ihn, bei gewonnener Überzeugung von seinem herrlichen Berufe, bewegen können, sich selbst zu verkleinern und nur einem besonderen kleineren Teile des Volkes angehören zu wollen? Empfinde Jeder von uns noch so warm für das allgemeine Beste, ein so reiner Republikaner wie der Fürst kann er nie werden, denn seine Sorgen teilen sich nie, sie können nur dem Einen, dem Ganzen angehören, während jeder von uns, der Alltäglichkeit gegenüber, seine Sorgen organisch zu verteilen hat. – Und worin bestände das Opfer, das der Fürst zu bringen hätte, um dem erkannten, unsäglich schönen Berufe zu entsprechen? Sollte es ihm als Opfer gelten, in den freien Bürgern des Staates nicht mehr seine ›Untertanen‹ zu erblicken? Durch die Tat unserer Gesetze ist diese Vorstellung bereits aufgehoben, und der diese Gesetze bestätigte, erfüllt ihren Sinn mit solcher Treue, daß der Ausspruch des Aufhörens der Untertänigkeit ihm als kein Opfer mehr erscheinen würde. Müßte es ihm als ein Opfer gelten, wenn er jenen Rest eines müßigen Hofprunkes mit seinen längst überlebten Ehren, Titeln und Orden von sich wiese? Wie klein dächten wir von dem schlichtesten, wahrhaftigsten [535] Fürsten unserer Zeit, wenn wir die Erfüllung solchen Wunsches ihm als ein Opfer anrechnen wollten, sobald wir mit Sicherheit annehmen dürfen, daß selbst ein wirkliches Opfer gern von ihm gebracht werden würde, wenn er er führe, daß es der Hinwegräumung eines Hindernisses der freien Ausströmung der Volksliebe gelte?

Was nun berechtigt uns, so tief in die Seele dieses seltenen Fürsten zu greifen, Überzeugungen von ihm auszusprechen, wie wir von manchem uns ganz gleich stehenden Bürger es zu tun vielleicht nicht für klug halten müßten? – Es ist der Geist unserer Zeit, es ist die noch nie dagewesene Lage der Dinge, wie sie die Gegenwart zutage gefördert hat, die den Schlichtesten mit Prophetenblick begabt. Der Drang zur Entscheidung ist da: zwei Feldlager sind unter den zivilisierten Nationen Europas aufgeschlagen: hier ertönt es: Republik! dort Monarchie! Wollt Ihr leugnen, daß es sich jetzt um eine entschiedene Lösung dieser Frage handle, daß sich in ihr Alles fasse und begreife, was die menschliche Gesellschaft bis in ihre tiefsten Wurzeln erregt? Wollt Ihr den Geist dieser gotterfüllten Zeit verkennen, behaupten: das sei alle schon dagewesen und werde sich nach einem verflogenen Rausche wieder gestalten wie es war? Nun, dann hätte Euch Gott mit Blindheit für alle Ewigkeit geschlagen! Nein, in dieser Zeit erkennen wir auch die Notwendigkeit der Entscheidung: was Lüge ist, kann nicht bestehen, und die Monarchie, d.h. die Alleinherrschaft ist eine Lüge, sie ist es durch den Konstitutionalismus geworden. Nun wirft sich der an aller Aussöhnung Verzweifelnde kühn und trotzig der vollen Republik in die Arme, der noch Hoffende lenkt sein Auge zum letzten Male prüfend nach den Spitzen des Bestehenden hin. Er erkennt, daß, gilt der Kampf der Monarchie, dieser nur in besonderen Fällen gegen die Person des Fürsten, in allen Fällen aber gegen die Partei geführt wird, die eigennützig oder selbstgefällig den Fürsten auf den Schild erhebt, unter dessen Schatten sie ihren besonderen Vorteil des Gewinnes oder der Eitelkeit verficht. Diese Partei ist also die zu besiegende: soll der Kampf ein blutiger sein? Er muß es sein, er muß Partei und Fürsten zu gleicher Zeit treffen, wenn kein Mittel der Versöhnung bleibt. Als dieses Mittel erfassen wir aber den Fürsten selbst: ist er der echte, freie Vater seines Volkes, so kann er mit einem einzigen hochherzigen Entschluß den Frieden pflanzen, wo Krieg sonst nur unvermeidlich erscheint. Nun suchen wir auf den Thronen Europas den Fürsten, den Gott erkoren haben soll, das hohe schöne Werk zu vollziehen: was erblicken wir? Welch verblendetes, tief entartetes Geschlecht, unfähig zu jedem hohen Beruf! Welchen Anblick gewährt uns Spanien, Portugal, Neapel? Welcher Schmerz erfüllt uns beim Hinblick auf die deutschen Lande Hannover, Hessen, Bayern – ach! schließen wir die Reihe! Gott sprach sein Urteil über die Schlechten und Schwachen: ihre Schwäche wuchs von Glied zu Glied. Wir wenden den Blick ab aus der Ferne, in unserer Heimat schlagen wir ihn von neuem auf: Da sehen wir den Fürsten, den sein Volk liebet, nicht im Sinne altherkömmlicher Stammesanhänglichkeit, nein! in reiner Liebe zu ihm selbst, zu seinem eigensten Ich: Wir lieben ihn, weil er ist, wie er ist, wir lieben seine reine Tugend, seine hohe Ehrenhaftigkeit, seinen Biedersinn, seine Milde. Nun rufe ich aus vollem Herzen laut und freudig:


Das ist der Mann der Vorsehung!


Will Preußen die Erhaltung einer Monarchie, so ist es dem Begriffe des Preußentums zulieb: ein eitler Begriff, der bald erblaßt sein wird! Will Österreich sich seinen Fürsten erhalten, so erkennt es in dessen Dynastie das einzige Mittel des Bestandes einer unnatürlich zusammengeworfenen Länder-Masse: ein unmöglicher Bestand, der nächstens zerfallen wird! – Will aber der Sachse das Königtum, so leitet ihn zu allernächst die reine Liebe zu seinem Fürsten, das glückliche Bewußtsein, diesen Besten sein zu nennen: hier ist es nicht ein kalter, staatskluger Begriff, – es ist die volle warme Überzeugung, der Liebe. Und diese Liebe, sie soll entscheiden, sie kann nicht nur für jetzt, sie kann ein für [536] allemal entscheiden! Von diesem unsäglich wichtigen Gedanken erfüllt, rufe ich nun in mutiger Begeisterung aus: Wir sind Republikaner, wir sind durch die Errungenschaften unserer Zeit dicht daran, die Republik zu haben: aber Täuschung und Ärgernis aller Art heftet sich noch an diesen Namen, – sie seien gelöst mit einem Worte unseres Fürsten! Nicht wir wollen die Republik ausrufen, nein! Dieser Fürst, der edelste, der würdigste König, er spreche es aus:


Ich erkläre Sachsen zu einem Freistaate.


Das erste Gesetz dieses Freistaates, das ihm die schönste Sicherung seines Bestehens gebe, sei:

Die höchste vollziehende Gewalt ruht in dem Königshause Wettin und geht in ihm von Geschlecht zu Geschlecht nach dem Rechte der Erstgeburt fort.

Der Eid, den wir diesem Staate und diesem Gesetze schwören, er wird nie gebrochen werden: nicht weil wir ihn geschworen (wie viele Eide werden nicht in gedankenloser Anstellungsfreude geschworen!), sondern weil wir ihn mit der Überzeugung geschworen, daß durch jene Erklärung, jenes Gesetz, eine neue Zeit unvergänglichen Glückes begründet wurde, das nicht allein auf Sachsen, nein! auf Deutschland, auf Europa die wohltätigste, entscheidendste Mitteilung auszuüben vermag. Der dies in so kühner Begeisterung aussprach, glaubt mit unumstößlicher Überzeugung, dem Eide, den er auch seinem Könige schwur, nie treuer gewesen zu sein, als heute, da er dies niederschrieb.

Würde hierdurch nun der Untergang der Monarchie herbeigeführt? Ja! Aber es würde damit die Emanzipation des Königtums ausgesprochen. Täuschet Euch nicht, Ihr, die Ihr die ›konstitutionelle Monarchie auf der breitesten demokratischen Grundlage‹ wollt. Ihr seid, was die letztere (die Grundlage) betrifft, entweder unredlich, oder, ist es Euch mit ihr Ernst, so martert Ihr die künstlich von Euch gepflegte Monarchie langsam zu Tode. Jeder Schritt vorwärts auf dieser demokratischen Grundlage ist eine neue Bewältigung der Macht des Monarchen, nämlich: des Alleinherrschers; das Prinzip selbst ist die vollständigste Verhöhnung der Monarchie, die eben nur im wirklichen Alleinherrschertum gedacht werden kann; jeder Fortschritt im Konstitutionalismus ist eine Demütigung für den Herrscher, denn er ist ein Mißtrauensvotum gegen den Monarchen. Wie soll hier Liebe und Vertrauen gedeihen in diesem beständigen und oft so unwürdig ausgebeuteten Kampfe zwischen zwei vollkommen entgegengesetzten Prinzipien? Schmach und Kränkung verbittern dem Monarchen, als solchem, das Dasein: erlösen wir ihn daher aus diesem unglücklichen Halb-Leben; lassen wir den Monarchismus ganz enden, da die Alleinherrschaft durch die Volksherrschaft (Demokratie) eben unmöglich gemacht ist, aber emanzipieren wir dagegen in seiner vollsten, eigentümlichen Bedeutung das Königtum! An der Spitze des Freistaates (der Republik) wird der erbliche König eben das sein, was er seiner edelsten Bedeutung nach sein soll: der Erste des Volkes, der Freieste der Freien! Würde dies nicht zugleich die schönste deutsche Auslegung des Ausspruches Christus' sein: ›Der Höchste unter Euch soll der Knecht Aller sein?‹ Denn indem er der Freiheit Aller dient, erhöht er in sich den Begriff der Freiheit selbst zum höchsten, gotterfüllten Bewußtsein. – Je weiter wir in der Aufsuchung der Bedeutung des Königtums in den germanischen Nationen zurückgehen, je inniger wird sie sich dieser neu gewonnenen, als einer eigentlich nur wiederhergestellten anschließen; der Kreislauf der geschichtlichen Entwickelung des Königtums wird an seinem Ziele, bei sich selbst wieder angelangt sein, und als die weiteste Verirrung von diesem Ziele werden wir den Monarchismus, diesen fremdartigen, undeutschen Begriff, anzusehen haben.

Sollen wir zu dem hier ausgesprochenen sehnlichen Wunsche in Form einer Petition Unterschriften sammeln? Ich bin gewiß, Hunderttausende würden unterzeichnen, denn sein [537] Inhalt bietet die Versöhnung aller streitenden Parteien, wenigstens aller Derjenigen in ihnen, die es redlich meinen. Aber nur ein einziger Namenszug kann hier der rechte und entscheidende sein: der des geliebten Fürsten, dem wir mit brünstiger Überzeugung ein schöneres Los, eine seligere Stellung wünschen, als sie ihm jetzt zuteil ist.

Ein Mitglied des Vaterlandsvereines.

Dresden, am 14. Juni 1848.


(Zu Seite 343: Unter dem unmittelbaren Eindruck des ungeheueren Beethovenschen Werkes – Palmsonntag-Aufführung der IX. Symphonie 1849 – ist der flammende Aufsatz ›Die Revolution‹ abgefaßt, der gerade 8 Tage später ohne Namensnennung des Autors als Leitartikel in den ›Volksblättern‹ erschien.) Der Aufsatz ist weder durch eine Namensunterschrift des Autors, noch durch eine vorliegende Originalhandschrift beglaubigt; dennoch hegen wir aus inneren Gründen nicht den mindesten Zweifel an seiner Echtheit. Zuerst erkannt und reproduziert hat ihn Dr. Dinger (Richard Wagners geistige Entwickelung, Seite 233ff.). Als biographisches Dokument erscheint er uns so bezeichnend, daß wir demselben an dieser Stelle den Raum nicht versagen wollten:


Die Revolution.

Sehen wir hinaus über die Länder und Völker, so erkennen wir überall durch ganz Europa das Gären einer gewaltigen Bewegung, deren erste Schwingungen uns bereits erfaßt haben, deren volle Wucht bald über uns hereinzubrechen droht. Wie ein ungeheurer Vulkan erscheint uns Europa, aus dessen Innerem ein beständig wachsendes, beängstigendes Gebrause ertönt, aus dessen Krater dunkle, gewitterschwangere Rauchsäulen hoch zum Himmel emporsteigen und, Alles rings mit Nacht bedeckend, sich über die Erde lagern, während bereits einzelne Lavaströme, die harte Kruste durchbrechend, als feurige Vorboten, Alles zerstörend sich ins Tal hinabwälzen.

Eine übernatürliche Kraft scheint unsern Weltteil erfassen, aus dem alten Geleise herausheben und in eine neue Bahn schleudern zu wollen.

Ja, wir erkennen es, die alte Welt, sie geht in Trümmer, eine neue wird aus ihr erstehen, denn die erhabene Göttin Revolution, sie kommt daher gebraust auf den Flügeln der Stürme, das hehre Haupt von Blitzen umstrahlt, das Schwert in der Rechten, die Fackel in der Linken, das Auge so finster, so strafend, so kalt, und doch, welche Glut der reinsten Liebe, welche Fülle des Glückes strahlt. Dem daraus entgegen, der es wagt, mit festem Blicke hineinzuschauen in dies dunkle Auge! Sie kommt daher gebraust, die ewig verjüngende Mutter der Menschheit, vernichtend und beseligend fährt sie dahin über die Erde, und vor ihr her saust der Sturm und rüttelt so gewaltig an allem voll Menschen Gefügten, daß mächtige Wolken des Staubes verfinsternd die Lüste erfüllen, und wohin ihr mächtiger Fuß tritt, da stürzt in Trümmer das in eitlem Wahne für Jahrtausende Erbaute, und der Saum ihres Gewandes streift die letzten Überreste hinweg! Doch hinter ihr, da eröffnet sich uns, von lieblichen Sonnenstrahlen erhellt, ein nie geahntes Paradies des Glückes, und wo ihr Fuß vernichtend geweilt, da entsprossen duftende Blumen dem Boden, und frohlockende Jubelgesänge der befreiten Menschheit erfüllen die noch vom Kampfgetöse erregten Lüfte!

Nun blickt hier unten um Euch her. Da seht Ihr den Einen, den mächtigsten Fürsten, wie er mit ängstlich klopfendem Herzen, mit stockendem Atem dennoch eine ruhige, kalte Miene zu erheucheln und sich selbst und Andern wegzuleugnen sucht, was er doch klar erkennt als unabwendbar. Da seht Ihr den Anderen, mit dem von allen Lastern durchfurchten ledernen Antlitz, wie er mit emsiger Tätigkeit all seine kleinen Gaunerkünste, die ihm so manches Titelchen, so manches Ordenskreuzlein eingebracht, auskramt und spielen läßt, wie er mit diplomatisch-lächelnder, geheimnisvoller Miene den ängstlich zum Riechfläschchen greifenden Dämchen und den zähneklappernden Junkerchen Beruhigung einzuflößen sucht durch die [538] halboffizielle Mitteilung: daß höchstgestellte Personen dieser fremdartigen Erscheinung bereits ihre Aufmerksamkeit zu widmen geruhten, daß Kuriere mit Kabinettsbefehlen nach verschiedenen Seiten abgegangen, daß selbst das Gutachten des weisen Regierungskünstlers Metternich von London unterwegs sei, daß die betreffenden Behörden rings umher Instruktionen erhalten haben und somit der hochgeborenen Gesellschaft die interessante Überraschung vorbereitet wird, beim nächsten Hofballe diese gefürchtete Landstreicherin Revolution – natürlich in eisernem Käfig mit Ketten beladen – in genauen Augenschein nehmen zu können. – Dort seht Ihr den Dritten, wie er spekulierend das Nahen der Erscheinung beobachtet, auf die Börse läuft, bemißt und berechnet das Steigen und Fallen der Papierchen, und schachert und feilscht, und immer noch ein Prozentchen zu erhalten strebt, bis mit einem Male sein ganzer Plunder in die Lüste zerstäubt. Da seht Ihr hinter dem verstaubten Aktentische eines der eingetrockneten, verrosteten Räder unserer jetzigen Staatsmaschine kauern, wie es seine alte, abgestumpfte Feder über das Papier kratzen läßt und fort und fort den alten Haufen der papierenen Weltordnung zu vermehren strebt. Wie getrocknete Pflanzen liegen zwischen diesen Stößen von Dokumenten und Verträgen die Herzen der lebendigen Menschheit und verdorren zu Staub in diesen modernen Folterkammern. Dort herrscht gewaltige Emsigkeit, denn das über die Länder gesponnene Netz ist an manchen Stellen zerrissen, und die überraschten Kreuzspinnen, sie drehen und weben neue Fäden durcheinander, um das Gelockerte wieder zu festigen. Dort dringt kein Strahl des Lichtes hinein, dort herrscht ewige Nacht und Finsternis, und in Nacht und Finsternis wird das Ganze spurlos versinken. – Von jener Seite aber, da klingt helle kriegerische Musik, es blitzen Schwerter und Bajonette, schwere Kanonen rasseln herbei, und dicht gedrängt wälzen sich die langen Reihen der Heere heran. Die tapfere Heldenschar, sie ist ausgezogen, den Strauß zu bestehen mit der Revolution. Der Feldherr läßt marschieren rechts und links und stellt dahin die Jäger, dorthin die Reiterei, und verteilt nach weisem Plane die langen Heeressäulen und die zerschmetternde Artillerie; und die Revolution, das Haupt hoch in den Wolken, kommt herangeschritten, – und sie sehen sie nicht und warten auf den Feind; und sie steht schon in ihrer Mitte, – und sie sehen sie nicht, und warten auf den Feind; und sie hat sie erfaßt mit ihrem gewaltigen Sturmwirbel und aufgelöst die Reihen und zerstäubt die künstlich erstohlene Kraft, – und der Feldherr, er sitzt da, auf die Landkarte schauend und berechnend, von welcher Seite der Feind wohl zu erwarten und wie stark er sei, und wann er kommen werde! – Dort aber seht Ihr ein ängstlich bekümmertes Gesicht: ein ehrlicher, fleißiger Bürger ist's. Er hat gestrebt und gewirkt sein Lebelang, er hat redlich gesorgt für das Wohl Aller, soweit seine Kraft reichte; keine Träne, kein Unrecht haftet an dem Scherflein, welches seine nützliche Tätigkeit erworben, ihm zum Unterhalt im schwachen Alter, den Seinen zum Eintritt in das freudlose Leben. Wohl fühlt er das Nahen des Sturmes, wohl erkennt er, daß keine Kraft ihm zu wehren vermag, doch jammert sein Herz, blickt er zurück auf sein kummervolles Dasein, dessen einzige Frucht nun der Vernichtung geweiht ist. Nicht verdammen dürfen wir ihn, klammert er sich ängstlich an seinen Schatz, sträubt er im blinden Eifer sich mit allen Kräften erfolglos gegen das Hereinbrechende. Du Unglücklicher! erhebe das Auge, blicke auf dorthin, wo auf den Hügeln Tausende und Tausende versammelt, voll freudiger Spannung der neuen Sonne entgegenharren! Betrachte sie, es sind Deine Brüder, Deine Schwestern, es sind die Scharen jener Armen, jener Elenden, die bisher vom Leben nichts gekannt als das Leiden, die Fremdlinge waren auf dieser Erde der Freude; sie Alle erwarten die Revolution, die Dich ängstigt, als ihre Erlöserin aus dieser Welt des Jammers, als die Schöpferin einer neuen, für Alle beglückenden Welt! Sieh' hin, dort strömen Scharen heraus aus den Fabriken; sie haben geschafft und erzeugt die herrlichsten Stoffe – sie selbst und ihre Kinder sind nackt, sie frieren und hungern, denn nicht ihnen gehört die Frucht ihrer Arbeit, dem Reichen und Mächtigen gehört sie, der die Menschen und die Erde sein eigen nennt [539] Sieh, dort ziehen sie heran, von den Dörfern und Gehöften; sie haben die Erde bebaut und zum freundlichen Garten umgeschaffen, und Fülle der Früchte, genügend für Alle, die da leben, lohnte ihr Mühen, – doch sie sind arm und nackt und hungern, denn nicht ihnen und den Andern, die da bedürftig sind, gehört der Segen der Erde; allein dem Reichen und Mächtigen gehört er, der die Menschen und die Erde sein eigen nennt. Sie Alle, die Hunderttausende, die Millionen, sie lagern auf den Höhen und blicken hinaus in die Ferne, wo die wachsende Wolke das Nahen der befreienden Revolution verkündet, und sie Alle, denen Nichts zu bedauern bleibt, denen man selbst die Söhne raubt, um sie zu tapfern Kerkermeistern ihrer Väter zu erziehen, deren Töchter mit Schande beladen die Straßen der Städte durchwandeln, ein Opfer der niedrigen Lüste des Reichen und Mächtigen, sie Alle mit den bleichen, gramdurchfurchten Gesichtern, den von Hunger und Frost verzehrten Gliedern, sie Alle, die nie die Freude kannten, sie lagern dort auf den Höhen, und bebend vor wonnevoller Erwartung schauen sie mit angestrengtem Blicke der nahenden Erscheinung entgegen, und lauschen in lautloser Entzückung dem Brausen des anschwellenden Sturmes, der ihrem Ohre entgegenträgt den Gruß der Revolution:

»Ich bin das ewig verjüngende, das ewig schaffende Leben! wo ich nicht bin, da ist der Tod! Ich bin der Traum, der Trost, die Hoffnung des Leidenden! Ich vernichte, was besteht, und wohin ich wandle, da entquillt neues Leben dem toten Gestein. Ich komme zu Euch, um zu zerbrechen alle Ketten, die Euch bedrücken, um Euch zu erlösen aus der Umarmung des Todes und ein junges Leben durch Eure Glieder zu ergießen. Alles, was besteht, muß untergehen, das ist das ewige Gesetz der Natur, das ist die Bedingung des Lebens, und ich, die ewig Zerstörende, vollführe das Gesetz und schaffe das ewig junge Leben. Ich will zerstören von Grund aus die Ordnung der Dinge, in der Ihr lebt, denn sie ist entsprossen der Sünde, ihre Blüte ist das Elend und ihre Frucht das Verbrechen; die Saat aber ist gereift, und der Schnitter bin ich. Ich will zerstören jeden Wahn, der Gewalt hat über den Menschen. Ich will zerstören die Herrschaft des Einen über die Andern, der Toten über die Lebendigen, des Stoffes über den Geist; ich will zerbrechen die Gewalt der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigentums. Der eigne Wille sei der Herr des Menschen, die eigne Lust sein einzig Gesetz, die eigne Kraft sein ganzes Eigentum, denn das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn Er. Vernichtet sei der Wahn, der Einem Gewalt gibt über Millionen, der Millionen untertan macht dem Willen eines Einzigen, der Wahn, der da lehrt: der Eine habe die Kraft, die Andern alle zu beglücken. Das Gleiche darf nicht herrschen über das Gleiche, das Gleiche hat nicht höhere Kraft denn das Gleiche, und da Ihr Alle gleich, so will ich zerstören jegliche Herrschaft des Einen über den Andern.

Vernichtet sei der Wahn, der dem Tode Gewalt gibt über das Leben, der Vergangenheit über die Zukunft. Das Gesetz der Toten, das ist ihr eigen Gesetz, es teilt ihr Los und stirbt mit ihnen, es darf nicht herrschen über das Leben. Das Leben ist sich selbst sein Gesetz. Und weil das Gesetz für die Lebendigen ist und nicht für die Toten, und weil Ihr lebendig seid und Keiner ist, der über Euch wäre, so seid Ihr selbst das Gesetz, so ist Euer eigner freier Wille das einzige höchste Gesetz, und ich will zerstören die Herrschaft des Todes über das Leben.

Vernichtet sei der Wahn, der den Menschen untertan macht seinem eignen Werke, dem Eigentume. Das höchste Gut des Menschen ist seine schaffende Kraft, das ist der Quell, dem ewig alles Glück entspringt, und nicht im Erzeugten, im Erzeugen selbst, im Betätigen Eurer Kraft liegt Euer wahrer höchster Genuß. Des Menschen Werk, es ist leblos, das Lebendige darf sich nicht dem Leblosen verbinden, darf sich nicht ihm untertan machen. Darum sei vernichtet der Wahn, der den Genuß beschränkt, die freie Kraft hemmt, der das Eigentum schafft außer dem Menschen und ihn zum Knecht macht seines eigenen Werkes.

[540] Blickt hin, Ihr Unglücklichen, auf jene gesegneten Fluren, die Ihr jetzt als Knechte, als Fremdlinge durchstreift. Frei sollt Ihr auf ihnen wandeln, frei vom Joche der Lebendigen, frei von den Fesseln der Toten. Was die Natur geschaffen, die Menschen bebaut und zu fruchttragenden Gärten umgewandelt, es gehört den Menschen, den Bedürftigen, und Keiner darf kommen und sagen: ›Mir allein gehört dies Alles, und ihr Andern alle seid nur Gäste, die ich dulde, solange es mir gefällt und sie mir zinsen, und die ich verjage, sobald mich die Lust treibt. Mir gehört, was die Natur geschaffen, der Mensch gewirkt und der Lebendige bedarf!‹ Vernichtet sei diese Lüge, nur dem Bedürfnisse allein gehört, was es befriedigt, und im Überfluß bietet solches die Natur und Eure eigene Kraft. Seht dort die Häuser in den Städten und Alles, was den Menschen vergnügt und erfreut, woran Ihr als Fremdlinge vorüberwandeln müßt; des Menschen Geist und Kraft hat es geschaffen, und darum gehört es den Menschen, den Lebendigen, und nicht Einer darf da kommen und sagen: ›Mir gehört Alles, was die Menschen geschaffen mit ihrem Fleiße. Ich allein habe ein Recht daran, und die Anderen genießen nur, soweit es mir beliebt und sie mir zinsen!‹ Zerstört sei diese Lüge mit den andern: denn was der Menschheit Kraft geschaffen, das gehört der Menschheit zum freien unbeschränkten Genusse, wie alles Andere auch, was da ist auf Erden.

Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt, denn sie macht aus allen nur Unglückliche. Zerstören will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sklaven von Wenigen und diese Wenigen zu Sklaven ihrer eignen Macht, ihres eignen Reichtums macht. Zerstören will ich diese Ordnung der Dinge, die den Genuß trennt von der Arbeit, die aus der Arbeit eine Last, aus dem Genusse ein Laster macht, die einen Menschen elend macht durch den Mangel und den andern durch den Überfluß. Zerstören will ich diese Ordnung der Dinge, welche die Kräfte der Menschen verzehrt im Dienste der Herrschaft des Toten, des leblosen Stoffes, welche die Hälfte der Menschen in Tatlosigkeit oder nutzloser Tätigkeit erhält, die Hunderttausend zwingt, ihre kräftige Jugend in geschäftigem Müßiggange als Soldaten, Beamte, Spekulanten und Geldfabrikanten der Erhaltung dieser verworfenen Zustände zu weihen, während die andere Hälfte durch übermäßige Anstrengung ihrer Kräfte und Aufopferung jedes Lebensgenusses das ganze Schandgebäude erhalten muß. Zerstören bis auf die Erinnerung daran will ich jede Spur dieser wahnwitzigen Ordnung der Dinge, die zusammengefügt ist aus Gewalt, Lüge, Sorge, Heuchelei, Not, Jammer, Leiden, Tränen, Betrug und Verbrechen, und der nur selten zuweilen ein Strom unreiner Lust, fast nie aber ein Strahl reiner Freude entquillt. Zerstört sei Alles, was Euch bedrückt und leiden macht, und aus den Trümmern dieser alten Welt erstehe eine neue, voll nie geahnten Glückes. Nicht Haß, nicht Neid, nicht Mißgunst und Feindschaft sei fortan unter Euch, als Brüder sollt ihr alle, die Ihr da lebt, Euch erkennen, und frei, frei im Wollen, frei im Tun, frei im Genießen, sollt Ihr den Wert des Lebens erkennen. Darum auf, Ihr Völker der Erde! auf, Ihr Klagenden, Ihr Gedrückten, Ihr Armen! Auf auch Ihr anderen, die Ihr mit eitlem Glanze der Macht und des Reichtums vergeblich die innere Trostlosigkeit Eures Herzens zu umkleiden strebt! Auf! folgt in buntem Gemische meiner Spur, denn keinen Unterschied weiß ich zu machen unter denen, so mir folgen. Nur zwei Völker noch gibt es von jetzt an: das Eine, welches mir folgt, das Andere, welches mir widerstrebt. Das Eine führe ich zum Glücke, über das Andere schreite ich zermalmend hinweg, denn ich bin die Revolution, ich bin das ewig schaffende Leben, ich bin der einige Gott, den alle Wesen erkennen, der Alles, was ist, umfaßt, belebt und beglückt!«

Und seht, die Scharen auf den Hügeln, sie liegen lautlos auf den Knien, sie lauschen in stummer Verzückung, und wie der sonnverbrannte Boden die kühlenden Tropfen des [541] Regens, so saugt ihr vom heißen Jammer verdorrtes Herz die Laute des brausenden Sturmes ein, und neues Leben quillt durch ihre Adern. Näher und näher wälzt sich der Sturm, auf seinen Flügeln die Revolution; weit öffnen sich die wieder erweckten Herzen der zum Leben Erwachten, und siegreich zieht ein die Revolution in ihr Gehirn, in ihr Gebein, ihr Fleisch, und erfüllt sie ganz und gar. In göttlicher Verzückung springen sie auf von der Erde, nicht die Armen, die Hungernden, die vom Elende Gebeugten sind sie mehr, stolz erhebt sich ihre Gestalt, Begeisterung strahlt von ihrem veredelten Antlitz, ein leuchtender Glanz entströmt ihrem Auge, und mit dem himmelerschütternden Rufe: ›ich bin ein Mensch!‹ stürzen sich die Millionen, die lebendige Revolution, der Mensch gewordene Gott, hinab in die Täler und Ebenen, und verkünden der ganzen Welt das neue Evangelium des Glückes!


(Zu Seite 372/73: Es war Röckel beschieden, in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai in die Hände eines umherstreifenden Reitertrupps zu fallen; damit war sein Schicksal besiegelt.) Röckel selbst berichtet über diese seine Gefangennahme, wie folgt: »Am 7. Mai gegen 11 Uhr nachts ging die Meldung ein, daß auf einem Dorf in der Nähe des Plauenschen Grundes ein starker Zuzug eingetroffen sei, der auf sicheren Wegen in die Stadt geführt zu werden begehre. Einer meiner Freunde übernahm diesen Dienst; da er jedoch der Gegend nicht ganz kundig war, ich sie aber auf meinen Spaziergängen öfter durchstreift hatte, so begleitete ich ihn. Es handelte sich nämlich darum, die zwischen der Stadt und jenem Dorfe liegenden sehr stark besetzten Pulvermagazine zu umgehen. Wir begaben uns auf den Weg; allein in der, durch einen starken Regen noch vermehrten Dunkelheit der Nacht verfehlten wir die Richtung, und bei der Ungewißheit über die Aufstellung der militärischen Vorposten war die größte Vorsicht geraten. Ein Bergmann, der uns begegnete und die Wege zu kennen behauptete, zeigte sich willig uns zu führen. Er, der ganz unverdächtig schien, sollte in einiger Entfernung vorausgehen und durch ein Zeichen vor etwaiger Gefahr warnen. So schritten wir schweigend dahin, als etwa nach einer Viertelstunde der Bergmann sein Liedchen anstimmte und gleich darauf in seiner Richtung ein: ›Halt! Wer da?‹ erscholl. Wir blieben stehen und warteten, ob unser Führer zurückkommen würde; da dies nicht geschah, hielten wir ihn für gefangen – wie es auch der Fall war – und schlugen eine andere Richtung ein. Diese führte uns der Elbe zu, an deren Ufer wir in einer Dorfschenke noch Licht sahen. Um Aufschluß über unsern Weg zu erlangen, traten wir ein. Nur einige der Hausbewohner waren anwesend, unter ihnen eine hochbejahrte Greisin und ein junger Mann, der, sobald er unsere Absicht erfahren hatte, sich zum Führer erbot. Man stärkte uns liebevoll mit Speise und Trank, und als wir mit einem warmen Händedruck von den braven Leuten Abschied genommen, sprach die alte Sibylle die bedeutungsvollen Worte: ›Ich leuchte Euch nicht, denn Euer Weg führt in die Nacht.‹ Kaum fünf Minuten später, und ihre Weissagung hatte sich erfüllt; die Nacht des Kerkers lag vor mir. – Wir waren in der Dunkelheit kaum einige hundert Schritte gegangen, als plötzlich wieder, und zwar diesmal ganz dicht vor uns, ein doppeltes: ›Halt! Wer da?‹ erscholl, Reiter auf uns heransprengten und ihre Karabiner abfeuerten. Überrascht flohen wir, kamen auseinander, und ich war nicht weit noch, als ich in einen Feldgraben fiel. Mich hier für den Augenblick sicher wähnend, wollte ich abwarten, bis der Lärm sich beruhigt habe und zugleich überlegen, nach welcher Seite hin ich wohl mich wenden müsse, als die auf das Schießen mit Fackeln herbeigeeilten Soldaten immer näher kamen und mich umringten. Die Reiter hatten mich wahrscheinlich fallen sehen, verwundet geglaubt und die Verfolger dahin gewiesen. Ich gab mich gefangen; mein Freund und der Führer waren entkommen. – Obwohl unbewaffnet, von Keinem erkannt, und somit noch gar nicht einmal als Feind, sondern nur als schlichter Wanderer zu betrachten, wurde ich doch im Beisein der Offiziere [542] und unbehindert durch sie, auf dem ganzen Wege nach dem Pulvermagazin von den einen gedrosselt und ins Gesicht geschlagen, von den anderen mit zahlreichen Kolbenstößen bedacht.

In der Umwallung der Magazine angekommen, stieß man mich zunächst in ein großes Zimmer, wo sich bereits einige fünfzig Gefangene befinden mochten, unter ihnen auch unser Bergmann. Bei der Ankunft waren mir die Taschen geleert worden – Hut und Brille hatte ich schon früher unter den Fäusten der Soldaten verloren – und infolge der bei mir gefundenen Papiere wurde ich bald vor den kommandierenden Oberst gebracht.7 Auch hier, wo nur Offiziere gegenwärtig waren, entblödeten sich die Jüngeren nicht in Gegenwart ihres Vorgesetzten das Verhalten der rohen Soldaten nachzuahmen und den Gebundenen zur Zielscheibe ihrer Kraftübungen zu machen, bis endlich der Oberst sie freundlich zur Ruhe ermahnte. Da indessen mein Name hier schon bekannt war, so mochte dies unwürdige Gebahren mehr nur den Zweck haben, die begeisterte Loyalität der Herren Offiziere darzutun. Eins der bei mir gefundenen Papiere schien große Unruhe zu erwecken. Ich hatte nämlich unter anderem auch einmal begonnen, die zu einem Ausfall nötigen Anordnungen kurz aufzuzeichnen, war jedoch nach wenigen Zeilen unterbrochen worden und hatte das Blatt zu mir gesteckt. Über diesen Plan, das Wo und Wann der Ausführung, verlangte der Oberst vollständigen Aufschluß und drohte widrigenfalls mit dem Äußersten, mußte sich jedoch zuletzt mit dieser Erklärung jener Notiz zufrieden geben. Ich wurde wieder abgeführt, und zwar nach einer kleinen Kammer, die zur Aufbewahrung von Holz und Kohlen diente. Ein junger Leutnant bewährte zum Schluß noch seine Tapferkeit, indem er meine auf den Rücken gebundenen Hände mit Aufwand aller Kraft so fest schnürte, daß mir die Stricke tief in das Fleisch schnitten und die Adern zum Zerspringen anschwollen. So wurde ich in den finstern Raum gestoßen und eingeschlossen. Gänzlich erschöpft von den Anstrengungen der beiden letzten Tage, versank ich bald in tiefen Schlaf. Früh am Morgen öffnete sich die Türe, und ich nebst einigen anderen Gefangenen wurde vor das Haus geführt, wo eine Reiterschar bereit stand, uns weiter zu geleiten. Ein alter Hauptmann errötete fast vor Scham, als ich ihm meine dunkel angeschwollenen Hände zeigte; er knüpfte selbst die Stricke auf und befahl, mir die Hände vorn und nicht fester als nötig zu binden. Auch an die Arme wurden mir Stricke befestigt, deren Enden die beiden Reiter zu meinen Seiten hielten, und nachdem ich noch mit dem Turnerhut eines der zurückgebliebenen Gefangenen versehen worden, zogen wir ab, der Elbe zu. Die Reiter, welche mich zu führen hatten, schienen lebhafter mit mir zu sympathisieren, als es ihren Vorgesetzten hätte bemerklich werden dürfen. Sie kannten mich, erleichterten mir das schwierige Gehen und zeitweilige Laufen zwischen den Pferden so weit möglich, und flüsterten mir zuweilen ein Wort der Hoffnung auf bessere Zeiten und endlichen Sieg des Rechtes zu. Es war dies meine erste Berührung mit Männern, die im Augenblick der brennenden Entscheidung dennoch keinen Anstand nahmen, ihre Kräfte dem Dienste einer, von ihrem eigenen Gewissen verdammten Sache zu widmen, statt – mit kaum mehr Gefahr, als ihnen so auch drohte – mannhaft für das erkannte Recht einzustehen. Später freilich sollte ich noch oft Gelegenheit finden zu ernsten Betrachtungen über diesen gründlich demoralisierenden Einfluß unseres ganzen jetzigen Staatswesens auf alle, die irgendwie in Abhängigkeit von ihm geraten.

Am Strande harrte unser ein von preußischem Militär besetztes Dampfboot, das die Gefangenen aufnahm. Die Empfehlung besonderer Gefährlichkeit, welche mir der Führer [543] unserer Eskorte bei der Ablieferung mitgab, reizte einige preußische Unteroffiziere, mir die Pflicht des unbedingten Gehorsam jedes Sachsen gegen seinen König in ihrer Weise begreiflich zu machen, und mein Bart hatte sich infolge dieser Methode, gute Untertanen zu ziehen, schon ziemlich gelichtet,8 als endlich ein Offizier diesem Treiben ein Ende machte. Einer schmerzlichen Klage des Letzteren über die Menge des vergossenen Blutes und den Fall so vieler teuerer Freunde glaubte ich entnehmen zu müssen, daß die preußischen Truppen bereits stark gelitten hatten. Die späteren offiziellen Angaben über den so unbedeutenden Verlust des Militärs an Toten und Verwundeten waren jedoch mit dieser unwillkürlichen Äußerung gar nicht in Einklang zu bringen.

Das Schiff zog in einiger Entfernung an meiner Wohnung vorüber, aus deren Fenstern mein armes geängstigtes Weib ihm ahnungsvoll nachblickte, während die Kleinen über das Glitzern der mich umringenden Helme jubelten. Am jenseitigen Ufer wurden wir ausgeschifft und zunächst auf das Neustädter Rathaus geführt, von wo man mich jedoch ohne Weilen nach dem festen Wachtgebäude am Leipziger Tor brachte. Hier verblieb ich in meinen durchnäßten Kleidern mit noch zwei oder drei Anderen mehrere Tage in einem engen dunkeln Raum. Die quälende Ungewißheit über den Stand der Dinge und die Verzweiflung über meine erzwungene Untätigkeit ließen mich das augenblickliche Ungemach und die schwere Gefahr meiner Lage vergessen. Nicht wirken, nicht helfen zu können, jetzt, wo es das Höchste galt, war ja bitterer als Alles, was mir drohen konnte. Das Feuer währte den ganzen Tag und tief in die Nacht hinein ununterbrochen fort; auch wollte mir scheinen, als sei die Artillerie stärker am Kampfe beteiligt. Der Morgen des 9. Mai dagegen brachte eine Bangen erregende Veränderung: die Sonne mußte bereits hoch stehen, und immer noch herrschte eine nur von wenig vereinzelten Schüssen unterbrochene Ruhe, wie sie bisher nur auf kurze Stunden in der Nacht eingetreten war. Was sollte das bedeuten? War die Erhebung schon besiegt? Unmöglich! War ein Waffenstillstand abgeschlossen? Meine fieberhafte Spannung wurde schier unerträglich. Da plötzlich erzitterte das ganze Haus vor den rasch sich folgenden Donnerschlägen des schwersten Geschützes, dann kamen mehrere Pelotonsalven und das zerstreute Büchsenknallen der Volksstreiter und wieder tiefe Stille. Die Kanonen schwiegen fortan, nur dann und wann fielen einzelne Flintenschüsse. – Der Kampf war unzweifelhaft zu Ende.«


(Zu Seite 388: Wagners ›Steckbrief‹.) Am 17. Mai 1849, Nr. 137 des Dresdener ›Anzeigers‹, erschien der Steckbrief Gottfried Sempers (›mittler Größe, einige 40 Jahre alt, fahle Gesichtsfarbe‹). Zwei Tage später, am 19. Mai, Nr. 139 des ›Anzeigers‹, findet sich folgender in Chamberlains großem illustriertem Wagner-Buche auf S. 53 in Faksimiledruck aus dem ›Dresdener Journal‹ reproduzierter


Steckbrief.

Der unten etwas näher bezeichnete Königliche Kapellmeister


Richard Wagner von hier


ist wegen wesentlicher Teilnahme an der in hiesiger Stadt stattgefundenen aufrührerischen Bewegung zur Untersuchung zu ziehen, zur Zeit aber nicht zu erlangen gewesen. Es werden daher alle Polizeibehörden auf denselben aufmerksam [544] gemacht und ersucht, Wagner im Betretungsfalle zu verhaften und davon schleunigst Nachricht zu erteilen.

Dresden, den 16. Mai 1840.

Die Stadt-Polizei-Deputation.

von Oppell.

Wagner ist 37–38 Jahre alt (falsch!), mittlerer Statur, hat braunes Haar und trägt eine Brille.


Ein im Entwurf vorhandenes ausführliches ›Signalement‹, das (nach Oppenheim) einen damaligen Rat B. zum Verfasser hatte, ist wenigstens damals und an den nächstfolgenden Terminen (14., 20., 28. Juni) nicht zum Abdruck gelangt:


Wagner ist 37–38 Jahre alt, mittlerer Statur, hat braunes Haar, freie Stirn; Augenbrauen: braun; Auge: graublau; Nase und Mund: proportioniert; Kinn: rund, und trägt eine Brille. Besondere Kennzeichen: in der Bewegung und im Sprechen rasch und schnell. Kleidung: Oberrock von dunkelgrünem Buckskin, Beinkleider von schwarzem Tuche, Weste von Sammet; seidenes Halstuch, ordinären Filzhut und Stiefel.


Die mildere Fassung, auf welche sich Wagners Ausruf: ›nun, so kann jeder aussehen!‹ (S. 393) bezieht, scheint von der damaligen Polizeidirektion absichtlich gewählt worden zu sein. Ein damals in Dresden ungemein beliebter Komiker des Hoftheaters und Verfasser banaler Zauberpossen9 machte – nach Dinger – öffentlich seine Glossen darüber. Wagner selbst aber widmete in der ersten Ausgabe von ›Oper und Drama‹ (1851) dieser seltsamen Lebenserfahrung die nachstehende Bemerkung:


›Die Individualität, die uns der Staat läßt, wird uns heute durch das Signalement eines polizeilichen Reisepasses bescheinigt – wenn wir staatsgetreu, oder durch das eines Steckbriefes – wenn wir staatsungetreu sind.‹ (Vgl. ›Wagner-Lexikon‹ von C. Fr. Glasenapp und H. von Stein, Stuttgart, Cotta, S. 748 s.v. ›Staatsbürger‹.)


Endlich treffen wir noch im Juni 1853 im ›Allgemeinen Polizei-Anzeiger‹ unter der Rubrik ›Politisch gefährliche Individuen‹ die vom Kgl. Sächs. Staatsministerium ausgehende offizielle


Bekanntmachung.

Wagner, Richard, ehemaliger Kapellmeister in Dresden, einer der hervorragendsten Anhänger der Umsturzpartei (!), welcher wegen Teilnahme an der Revolution in Dresden im Mai 1849 steckbrieflich verfolgt wird, soll, dem Vernehmen nach, beabsichtigen, sich von Zürich aus, woselbst er sich gegenwärtig aufhält, nach Deutschland zu begeben. Behufs seiner Habhaftwerdung wird ein Porträt Wagners, der im Betretungsfalle zu verhaften und an das Königliche Stadtgericht zu Dresden abzuliefern sein dürfte, hier beigefügt.‹


(Zu Seite 399: Reaktionärer Verleumdungsklatsch: ›neulich ist mir – so höre ich! – sogar vorgeworfen worden, das Dresdener alte Opernhaus mit noch einem Andern in Brand gesteckt zu haben!‹) Dieselbe Beschuldigung wurde noch nach langen Jahren gegen den, aus seiner Gefangenschaft entlassenen Röckel erhoben; in einer öffentlichen Gegenerklärung wies dieser den feigen Verleumder unter genauem Nachweis der Unmöglichkeit seiner Behauptung so kräftig zurück, daß er den Vorwurf der Lüge und leichtfertigen Nachrede [545] nicht von sich abzuschütteln vermochte. Den gleichen Vorwurf eines sehr bemerkenswerten Mangels an Wahrheitsliebe hat sich leider in seinen – nach Wagners Tode herausgegebenen! – Memoiren (›Aus drei Vierteljahrhunderten‹) der einflußreichste politische Gegner des Meisters, Graf Beust, zugezogen. Mit erstaunlicher Leichtfertigkeit gibt er darin ein Geschichtchen zum besten, wonach er Wagner gelegentlich einer Begegnung im Jahre 1862 dessen Bemerkung, seine Beteiligung am Dresdener Aufstande sei nur ein Mißverständnis gewesen, mit der Frage beantwortet habe: ›Sollten Sie nicht wissen, daß sich bei den Akten ein von Ihnen geschriebenes Blatt befindet, worin Sie sich der, glücklicherweise ohne ernste Folgen gebliebenen Brandlegung im Prinzenpalais rühmen?‹ Das gleiche Histörchen erzählte Herr von Beust schon vor der Publikation seiner Memoiren in Dresden und Wien jedermann! In dem gleichen Zusammenhang seines angeblichen Geschichtswerkes fügte derselbe hochgestellte Herr in seinem blinden Haß gegen seinen einstigen Zeitgenossen an der Leipziger Universität noch die weitere, nicht minder unwahre Behauptung hinzu: ›Wagner sei um dieser seiner Beteiligung am Dresdener Aufstande willen (Brandstiftung im Prinzenpalais!) incontumaciam zum Tode verurteilt worden‹. Nun, Herrn Dr. Hugo Dinger sind seitens der sächsischen Regierung sämtliche auf Wagner bezüglichen Aktenstücke zum Zwecke historischer Feststellung des Tatbestandes bereitwillig zur Verfügung gestellt worden: von einem Blatte oder Zettel mit dem vom Grafen Beust angegebenen Inhalt fand sich keine Spur! Nicht minder hat die an sich sinnlose, einem rechtskundigen Staatsmann wenig geziemende Behauptung eines über einen Abwesenden gefällten Todesurteils (!) durch eine amtliche Zuschrift des Kgl. Stadtgerichtes zu Dresden an Dr. Hugo Dinger ihre Widerlegung gefunden und ist damit ebenfalls als eine willkürlich aus der Luft gegriffene leichtfertige Erfindung aus dem Kopfe des Herrn von Beust gebrandmarkt worden. ›Gegen den gewesenen Kapellmeister Richard Wagner sei wegen seiner Verwickelung in den Dresdener Aufstand ein Urteil niemals erlassen,‹ so lautete diese bündige amtliche Erklärung. Zieht man nun in Betracht, daß der Künstler die Leiden und Entsagungen eines dreizehnjährigen Exils fast ausschließlich dem einsichtslosen Starrsinn seines einflußreichen Gegners auf dem Ministerstuhle, des Grafen Beust, zu verdanken hat, so erhält allerdings die im Hinblick auf ihr beiderseitiges Gesamtwirken von Chamberlain gezogene, stolze Parallele zwischen beiden Männern eine ganz hervorragende Bedeutung. Nach Konstatierung des fundamentalen, unüberbrückbaren Antagonismus zwischen der künstlerischen und der politischen Geistesanlage schreibt der genannte Autor10 dem Künstler dennoch in einem weiteren Sinne politischen Blick zu, jenen Instinkt des Mannes, dessen Herz im Einklange mit dem Herzen seines ganzen Volks schlägt, dazu noch mit der erhöhten Lebhaftigkeit des sanguinisch-schöpferischen Temperamentes. »Um uns hierüber Klarheit zu verschaffen, dazu eignet sich ganz besonders diese Gegenüberstellung: welchen von Beiden hat (nach Wagners Worten) ›die Zeit und sein Leben entschuldigt‹, den Staatsmann Beust oder den Künstler Wagner? Graf Beust war ein hervorragender Staatsmann, und daß er den verschiedenen Monarchen, denen er nacheinander zu dienen die Ehre hatte, treu und nach bestem Wissen und Gewissen gedient hat, wird niemand bezweifeln. Ich frage aber: wen hat die Zeit und das Leben gerechtfertigt? Den Mann, der nie das Vertrauen auf den deutschen Geist verlor; den Mann, der ›Pariser Gloiren‹ verschmähte, weil er sich als den ›germanischesten aller germanischen Künstler‹ erkannte; den Mann, der in der Verbannung für Deutschlands unvergänglichen Ruhm arbeitete; der, als er – unfreiwillig – noch einmal im Leben in eine gewisse Berührung mit der Politik geriet (in München), einzig Deutschlands wahre Größe im Auge hatte und lieber seine ganze Zukunft noch einmal aufs Spiel setzte, als daß er die heilige Sache seines Volkes verraten hätte; den Verfasser des Gedichtes [546] ›An das deutsche Heer vor Paris‹ und des ›Heil, Kaiser Wilhelm!‹; den Mann, der dem ›ungeheuren Mute‹ des gewaltigen deutschen Staatsmannes, Bismarck, zujauchzte (IX, 381); den Mann, der erst dann der deutschen Kunst einen Tempel errichten mochte, als das deutsche Volk ›in seines Heeres Taten das Lied vom Siege-Fried gedichtet‹? – Oder aber jenen anderen Mann, der viele von Deutschlands besten Söhnen, Männer, die später im Staatsdienste oder sonstwie ihre große Begabung bewährten, jahrelang im Kerker schmachten ließ; den Mann, der die deutsche Kunst aus Deutschland verbannte und es duldete, daß ein Napoleon sie beschützte, während er selber einzig dem Welschen seine Gunst bezeugte; den Mann, der sich wie ein Verzweifelter der Entwickelung Deutschlands zu einem mächtigen, weltgebietenden Staat entgegenstemmte; der von einer Niederlage zur andern schritt; der, als das heilige Reich deutscher Nation wie ein Phönix aus seiner Asche erstand, sich grollend, haßerfüllt, in jenen entlegenen Teil zurückzog, welcher von Deutschland abgefallen, die Beute der Slaven und Magyaren geworden war, und der von diesem Renegatenwinkel aus, durch ohnmächtiges Rachegelüste verleitet, das Andenken der großen Deutschen, welche dem Geiste ihres Volkes vertraut hatten, durch die Verbreitung unwahrer Beschuldigungen zu trüben versuchte? Ich frage, welchen von diesen Beiden hat das Leben entschuldigt? die Zeit gerechtfertigt? – Die Frage stellen, heißt sie beantworten.«

Fußnoten

1 Ausführlicheres über diesen Liebling des Meisters erzählt F. Flinzer in einer Jugendschrift aus den 70er Jahren: »Der berühmte Komponist Richard Wagner hatte einen Papagei, der außerordentlich viele Wörter und ganze Sätze sprach, und zwar sehr deutlich. Außerdem pfiff er Stückchen von ziemlicher Länge aus verschiedenen Opern und Volksliedern und machte noch andere interessante Sachen. Wenn er sah, daß die Leute mit den Gläsern anstoßen wollten, machte er schon vorher den Klang der Gläser nach; nahm jemand das Taschentuch, so schnäuzte und räusperte er sich. Wenn er eine Unart gemacht hatte, flog er hoch oben auf die Vorhangstange und rief: ›Komm, komm herauf!‹ Saß er im Käfig, und dieser wurde gereinigt, so machte er seine Bemerkungen darüber: ›Schöne Stube bekommen.‹ Gab man ihm Konfekt, so freute er sich über das: ›schön' Suckerbrot‹ usw.«


2 Ihr Hauptorgan bildet zurzeit das von L. Frankenstein herausgegebene vortreffliche ›Wagner-Jahrbuch‹.


3 Im Originaldruck, achtzeilige Strophe, indem die obigen Langzeilen in je zwei Verse zerlegt sind.


4Bande‹ f. sg., im Sinne von ›Kette, Fessel‹, auch sonst zuweilen bei Wagner, z.B. ›Ada, die Bande ist gelöst; unsterblich bleibst Du, wie zuvor‹ (Die Feen, 2. Akt).


5 Vgl. hierzu ›des Leibes kleinstes Glied‹ in der Lohengrin-Dichtung, Akt II, Szene 1.


6 Wir würden uns vor einer so harten Bezeichnung billig in acht nehmen, wenn sie jener ungenannte Mitarbeiter des vielgenannten ›Berliner Tageblattes‹ durch seine Kenntnis- und Kritiklosigkeit nicht förmlich herausforderte: 1) hält er das von ihm mitgeteilte Fragment für ein besonderes Gedicht für sich (!); 2) kennzeichnet er sich moralisch durch die Insinuation, es sei bei Herausgabe der ›Gedichte‹ absichtlich unterschlagen worden; 3) stellt er seinem achtzeiligen Fragment – in offenbarem Heißhunger nach einem leichtverdienten Feuilleton-Honorar – noch ein umfangreiches, längst als unecht erkanntes, angebliches Gedicht Richard Wagners, in welchem tatsächlich nicht ein Vers, nicht ein Wort, nicht eine Wendung von Wagner herrührt (›Scheuen Blickes durch die Gassen‹ usw.) als ebenfalls bei Herausgabe der Gedichte ›übersehen‹ zur Seite!! Siehe ›Berliner Tageblatt‹ Nr. 492 vom 27. September 1904 unter der Überschrift: »Zwei ›vergessene‹ Gedichte Richard Wagners.«


7 Vgl. die Dresdener Korrespondenz der Augsburger Allg. Zeitung vom 16. Mai, S. 2099: ›Auch Röckel, früher Musikdirektor der Kgl. Kapelle, befindet sich unter den Verhafteten; unter seinen Papieren sollen sich die wichtigsten Ausschlüsse über eine weit verzweigte Verschwörung befunden haben.‹ Das angebliche Beweisstück für das Vorhandensein dieser weitverzweigten Verschwörung zur Vertreibung aller Fürsten und Republikanisierung Deutschlands war aber – nach Röckels späteren Aufschlüssen – nur und einzig der von uns S. 355 zitierte Brief Wagner an ihn vom 2. Mai.


8 Vgl. die Korrespondenz der Augsburger Allg. Zeitung vom 22. Mai 1849, S. 2347, die eine andeutende Schilderung der von den Soldaten verübten Brutalitäten enthält: ›Ferner ist es geschehen, daß Gefangene während des Transportes arg mißhandelt worden sind: dem Musikdirektor Röckel – er hatte in einem Flugblatt an seine militärischen Brüder ihnen warnend zugerufen, daß sie wegen Festhaltens am Fahneneide dereinst vor Gottes Richterstuhl zur Rechenschaft gezogen werden würden! – soll sein starker Bart ausgerauft worden sein.‹


9 Gustav Räder. Wagner nennt ihn einen ›gemeinen Hanswurst‹, Briefe an Fischer, S. 296.


10 Chamberlain, Richard Wagner. München, Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft, 1896, S. 114/15.

Quelle:
Glasenapp, Carl Friedrich: Das Leben Richard Wagners in 6 Büchern. Band 2, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905, S. 523-547.
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