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Salzb: den 28t May 1778


Mein liebes Weib, und lieber Sohn!


Den 25ten erhielt ich euer schreiben vom 14t unterdessen werdet ihr mein den 11t dieses abgeschickte verhoffentlich erhalten haben. ich bin ohnendlich erfreuet, daß ihr euch beyde wohl und gesund befindet, und daß die Sachen diese Jahrszeit gut gehen. ihr därft euch nur erinnern, was ich immer von Paris geschrieben, und wie ich immer getrieben dahin zu reisen; nur gedult, es wird schon noch besser gehen –. Neuigkeit! Ceccarelli ist den 18 in der Nacht mit der[25] ordinari Post nach Ital: abgereiset, und wird den 1tNovemb: wieder hier seyn. Er hat ein Decret auf 3 Jahr angenohmen mit jährl: 800 fl und 20 Duggatten heraus und 20 Duggatten hinein oder zurückreise. er hat desswegen sein Quartier beym Peruckenmacher Peter Rosentretter im fechtmeister Hause behalten, und zahlt monatl: das halbe geld. Da er sich hier erst etliche schöne kleider machen lassen; so war sein Coffre zu klein und er ließ seine meisten Arien einen grossen Stoß hier bey uns. Er war so ein grosser Freund zum Pimmperl wie bullinger: und ich hab in meinem Leben keinen so aufrichtigen guten welschen, will nicht sagen Castraten gekannt, wie diesen. Die ganze Statt freuet sich, daß er wiederkommt; – Nun bauet man wirklich hinter des Erzbischof Loge beym Theater im garten, wo die Säulen sind, zimmer, oben zum spielen; und was unten? – – Bäder! – ja, ja Bäder. wie die Haydnischen Kayser in Rom bey den theatern auch zu zeiten Bäder hatten. und wie in Pozzoli zu Neapl i bagni di Nerone. lachet! – bald bald werden wir nach St. Sebastian kommen. – Da wir eben von Narren reden, so muß euch sagen, daß die Auer Sandl den 23 abends wieder nach Hause gekommen und nun, so lange es dauert, recht gar gescheid ist. Nun etwas vernünftiges! Das ganze Mirabell wird mit Wetterstangen verpallisadirt, und auf allen 4 Ecken des Daches sind kleine gerüste aufgeführt, wo Kreuzweis die Wetterleiter-Drath hin und her, und dann in den Stattgraben geführt werden, da mögen die Änten und Fische in eine grosse Angst und schröcken gerathen. Ich möchte rathen, man sollte auch die Residenz wohl verwahren und der Fürst sollte immer Wetterableiter über sich haben, damit die bösen wünsche und flüche des Publikums wegen der neuen Steuereinrichtung nicht ihre Wirkung thun. Einer, der sich in diesem Stücke hauptsächlich hat brauchen lassen; der, wie man sagt, vieles in vorschlag gebracht, und als Fürst: Commissarius gar auf die Pfleggerichter wirklich herumgereiset und alle Bauern und andere Güther untersucht ist schon in die Ewigkeit gegangen; und wer ist dieser? Der Lodr: Verwalter Wenzl Hafner. Er bekam vor etwa 3 wochen einen blauen fleck mit einiger [26] Empfindung auf der Seite des fusses, wo man die schlüssl im Hosensack trägt. Er glaubte die schlüssl hätten ihn gedrückt, und der Bader günther glaubte es mit ihm, er schmierte sich mit Saifengeist: – allein es kam ins Knie, und der Doctor gabBatzeln x: x: und brav Medicinen. Er ließ sich immer im Sessl in die Kirche tragen. Kurz! Der blaue fleck war schon ein zeichen des innerlichen Brand, die Sache brach in zeit 2 täge auf einmal aus, und er starb ehe mañs glaubte den 23t in der Frühe, da er den 22t abends versehen wurde. Den 25 ging mit dem Begräbnisse. Nun weiß ich doch endlich auch wie der gräfin von Lodron das Weinen ansteht, und daß sie auch weinen kann, denn sie weinte am fenster ganz erstaunlich, als man den Verwalter durch den Bogen trug. ich hätte nicht geglaubt das er um 2 bis 3 Jahr jünger war als ich. er war erst 55 Jahr alt. ie nun! stirbt der fux so gilts den balg – lebt er lang, so wird er alt! – Die leute haben halt ihre Einbildung; das böse volk sagte, der neue Steuerfueß wäre ihn in den fueß gefahren. Er starb aber an einer art von Herzwassersucht, und innerlichem Brand. – Weil wir eben vom Sterben reden, so muß euch sagen, daß der Wachtmeister Cleßin Knab auch Tod ist. er bekamm verstopfung, einen grossen Bauch, Barisani wand alle Mühe an, aber vergebends. – So gieng auch die Hilber Sepperl Cammerjungf: in die Ewigkeit. Sie bekamm ein hitziges fieber, wurde ins Spittal gebracht, blieb immer in hitzen meistens närrisch und starb den 23t. – Nun will etwas erzehlen, welches nicht weit vom Todt ist. In der Nacht vom 20t und 21t wurde ich durch etwas aufgeweckt ohne zu wissen, was es war: schlief aber gleich wieder ein. Morgens sagte mir die Tresel beym aufwecken, daß, als sie um 1 Uhr in der Nacht auf dem Abtritt war, sie auf einmahl einen erschröcklichen schlag, als hätte der Donner eingeschlagen, gehört hätte, und daß sich der abtritt erschitterte. Da sie nun dann gleich darauf einen lauten Seufzer, oder was es war gehört hätte, so wäre ihr eine so erschröckliche furcht gekommen, daß sie ins zimmer gelaufen und ins Beth verschlossen. – Da sie nun in der Frühe in die Kirche gegangen, hatte sie das Elend nicht nur gehört, sondern gesehen, daß nämlich [27] unter dem gebäude, wo itzt der grenier wohnt und ehemals der Hauptmann Freytag war, ein theil des Bergs vom Capuzinerberg eingefallen, den hintern Theil des Hechtenwirtshauses und etwas der 2 benachtbarten Häuser zusammengeschlagen. zum glücke hörte das Mensch bey den Kindern erstaunlich Sand rieseln. Sie weckte den wirth auf, – dieser lief zu den hinten schlafenden Hiendlmannern, diese sprangen aus ihren bettern, das Mensch nahm die 2 kleinen Kinder auf den arm, und weckte den etwas grössern Bueben, da sie ihn aber nicht erwecken konnte, so lief sie mit den Kindern davon, um so dann auch den Bueben zu hohlen: allein, sie war Kaum weg, geschahe der fall. zum glück hatte sich eine erschröckl: menge Sand voraus heruntergeschoben, so daß die Mauer hinausfiel, und der Bueb mit dem Bettstättl bis in Keller hinunter geschoben wurde. Er schrie um hilfe. man kam mit lichtern in den Keller; da Kroch der Bueb aus dem schutt und Staub hervor, da die erschröcklichsten Steine hinter dem schutt und Maltersand angeleint waren, und die zerbrochenen Stücke des Bettstattl da und dort herausschaueten. Es wurde also, gott Lob, kein Mensch getödet. aber wegen des Seufzer, den die tresel gehört? – also gleich wird er kommen. zum voraus muß erzehlen, daß der h: zahlmeister das Stöckl der seel: freut. Kuefstein bey Loreto gekauft. Nun, wie reimt sich dieß zum Seufzer? – recht gut! – der zahlmeister bauet eine anderen Stiege. der schneider Joseph war nun dienstlos, und muste aus dem Hauß wegen dem Bauen. – Nur gedult, itzt wird der Seufzer bald kommen. um nun dem Joseph einen Platz zu verschaffen, bis ihm etwas vorkommt, so nahm ich ihn in das erste Stübl unterm Dach. itzt Kommen wir dem Seufzer immer näher! Eben diese Nacht kam er späther nach Hause und konnte nicht ins Hauß. er schlich herum, und klopfte endlich bey der Seidenspinner Catherl, da machte ihm dann die Nañdl die Haußthür auf. itzt konnte er aber oben nicht herein, weil die Stiegenthür zu war, und wir nicht wussten, daß er nicht zu hause war. er setzte sich also unter die Laterne auf die Stiege, und schlief ein. der schlag erweckte ihn, und da hat er oder gegametzt, geseufzt oder gefarzt. Er hatte aber das Herz nicht [28] sich zu melden, wie er ein furchtsammer demüthiger Mensch ist, und brachte also die Nacht auf der Stiege zu bis er in die erste Messe fortgehen konnte. wir wurden es auch nicht gewust haben, wenn wir nicht von der Nandl gehört hätten, daß sie ihn nach 11 uhr ins Haus eingelassen hätte. weiter! Die Trivial und Normalschule war bisher zum grösten verdrusse des Hagenauerischen hauses in dem Sailerwirthshauß, welche daß Wirtshauß aufgegeben. Nun hat zum vergnügen der ganzen Nachbarschaft, der wirth im milchgässl Eschenbacher das Sailerwirthshauß um 12000 fl gekauft; die schulen müssen nun heraus; aber wohin? – Der Magistrat muß sie sammt den schulmeistern ins Kronhaus nehmen; und auch immer jährlich 500 fl zum Comoedienhauß zahlen, damit auch was itzt gebauet wird, wieder hereinkommt. Dem Wolfg: muß sagen, daß der englische Sprachmeister schwarz, der in München, wie wir da waren durchgegangen, hier ist. er hat bis 15 Scolarn, die meisten zahlen eine Carolin oder Louisd'or das Monat. Darunter sind Czernin, Peterman, Kynburg, Althan, Wolfegg,Sigerl Lodron, Lerbach xx: Bullinger und Wishofer haben eine Stund mit einander um 6 uhr in der frühe für 9 fl. voila le bonheur des Frippons! – bis man es in München erfährt. Kirsinger ist sein Protector, ob sie gleich alle wissen, was in München vorgegangen, indem es Mr Schneid der Secretaire vom Perusa allen erzehlt hat. Er geht ganz verwegen herum, als wäre er der ehrlichste kerl. er hat sogar mit gr: Wolfegg beym Dom Probst gespeiset. alles aus Begierde englisch zu lernen! Der berühmte Carl Besozzi2 war hier; er bließ 2 mahl bey Hofe, allzeit 2 Concert, alles von seiner Composition, die, ob sie gleich ein wenig in den ältern Styl fällt, sehr ordentlich und gut ist, und in gewisser art etwas von der Manier unseres Haydn3 hat. Seine Hautbois aber ist in der That das, was man auf diesem Instrument nur immer hören kann; ich fand ihn ganz anders, als dortmals, da ich ihn in Wieñ hörte. Kurz! er hat alles! Die Deutlichkeit und reinste Intonation in den geschwindesten laufenden [29] und springenden Passagen ist nicht zu beschreiben, sonderheitlich zeichnet er sich in der aushaltung aus, wo er mit einer unbegreiflichen Athemlänge anwachsend und abnehmend aushält, ohne auch nur im geringsten in der reinen Intonation zu wanken. Diese messa di voce kam mir aber schier zu oft, und machte mir die nämliche traurige Wirkung, wie die Töne des glasinstrumentes oder der Harmonica, dann es war fast die nämliche Klangart. h: Besozzi empfehlt sich Dir. er ist noch in Sächs: Diensten, geht nur nach Turin, weil er dort das Burgerrecht vom König bekommen hat. sonst könnte er nicht Erbe seiner 2 vettern, dern einer, der Fagotist: gestorben ist, seyn, denn er ist in Neapl gebohren. Ich hab dich ihm auf das aufrichtigste empfohlen. habe ihm auch Complim: an Abbate Gasparini xx: aufgegeben. Der Erzb: gab ihm 20 Duggatten. Der Erzbischof von Ollmütz4 ist den 17t geweiht worden. hättest Du in Manheim nicht so viel für andere Leute zu thun gehabt, so hättest Du Deine Messe aus machen und mir schicken können. es war vom Brunetti bey der Musik immer ein geplauder, wer denn die Consecrations Messe machen sollte, und er glaubte es dahin zu bringen, daß Haydn vom Erzbischof einen Befehl bekommen sollte: allein der Erzbischof gab keine Antwort, und auch gr: Czernin und Starnberg, an den sich Brunetti und die Haydin wanden, gaben ihnen gar keine antwort. ich machte des Wolfg: Meße mit dem Orgl Solo. Das kyrie aber aus der Spaur Messe; ließ sie schreiben, und bekamm die 6 Duccatten richtig. Da nun am Ende der olmützer-Fürst auch 30 Duggatten extra für die gesellschaft Musiken und die Serenata hergab, so schickte der Erzbischof solche mir, um die austheilung zu machen. Ich machte eine schriftliche austheilung, schickte sie dem Erzb: zur approbation, und damit er sehen konnte, daß ich mich nicht auf die Lista gesetzt hatte, um mich vor aller Nachrede sicher zu stellen, und theilte es dann aus. NB den Abbate Varesco hat er aus derLista weggestrichen. von ollmütz war der Leibmedicus Wolf mit da, für dessen Töchterl damals der Wolfg: eine arie in Ollmütz Componiert hat. Der dermalige Ceremoniarius kannte uns auch und[30] hinterließ mir die addreß an Mr: Hay. welcher nach der hand Dechant zu Cremsir geworden, und itzt infulierter Probst zu Nicklspurg ist, beym Kays: Hof alles gilt, und vermuthlich noch bischof werden wird. Der Domdechant in Brünn gr: Corinsky ist Bischof und der Baron Post Domdechant in Brünn worden. h: Canonicus von Grimm aber ist leyder, wegen vielen schulden in üblen Umständen. Der erste Husaren Durchmarsch war den 17 May, der 2te den 20te, der 3te den 22ten, der 4te den 24t. alle haben Paradiert, dann war Rasttag, und den ganzen Tag, sonderheitl: abends die halbe Statt draussen auf der Riedenburg; Mann spricht hier wie in Paris noch immer von der Hofnung zum frieden, da unterdessen die erstaunlichsten anstalten zum Krieg gemacht werden; eben so ist es zwischen Frankreich und Engelland, zwischen Russland und dem Türken. Eines hängt am andern. Der König von Preussen wünschet vorhero einen richtig gestellten frieden zwischen der Porten und Russland, um sich dann der Russischen Hilfe desto eher versichern zu können. Die Türken wollen abwarten, bis Russland sich für Preussen erkläret, und bis Preussen den Kayser angreift, um alsdann mit mehrerer Sicherheit die Russen anpacken zu können, die so dann nicht nur einen theil truppen bey Preussen haben, sondern auch vom Preussen nicht können unterstüzt werden. Preussen möchte und muß trachten in ein fremdes Land einzudringen, um geld, Lebensmittel und Recroutz zu erobern, denn wenn er gleich itzt für ein paar Compagnien genug paares geld hat, so hat er für die zukunft keinen Credit, in Holland und genua ist ihm der Kayser zuvorgekommen und schon vielle Millionen negociert; Preussen kam zu späth, und um dem Preussischen anverlangen auszuweichen hat genua und Holland unter der Hand dem Haus öfter: schon in der Stille geld angetragen. Enggelland kann dem Preussen kein geld dermahlen geb: Preussen hat also im Anhaltischen die truppen von Wesel x: und die von Magdeburg x: zusammgezogen, dazu sollen 30000 M Sachsen Stoffen, die Soll Prinz HeinrichCommandieren, und dan damit durch francken und die obere Pfalz in Bayern eindringen, und was Öster: in Besitz genommen, wieder weg nehmen, [31] dabey aber seiner armee am fremdem grund und Boden geld, Recruten und Lebensmittl verschaffen: allein, das will nun auch nicht recht gehen. Man hat den Braten gerochen. Im Straubingischen x: ist ein StarkesCorps eingerückt, Eger stark besetzt worden, inbreznice 6000 Mann einmarschiert und bis Aussig ein Cordon gezogen, wo der general Lobkowiz mit einem Corps stehet. Will Preussen durch die obere Pfalz einbrechen; so bleibt ihm die Vestung Eger und ihre Besatzung im Rücken. die übrigen ostereicher fallen in Sachsen ein, ein theil vereiniget sich und gehen ihm nach und schneiden ihm den Rückweg ab. Er müsste also um sein Vorhaben auszuführen, vorher Eger belagern oder gar wegnehmen. – Der König stehet mit seiner Hauptarmee bey glatz, – der Kayser bey Königsgratz. Die Preussen Campieren wirkl: im Lager. Die Öster: aber Cantonieren noch in Dörffern und ortschaften, und ist nicht einmal noch ein Lager ausgesteckt, welches den König verwirret, da die öster: so enge liegen, daß sie also gleich zusammrücken und hingehen können, wohin sie wollen. Die Waldungen sind verhackt, daß keine Seele durch kann. So stehen die öster: – sind im Besitz, und erwarten, wer ihnen etwas nehmen will. – Sie werden niemals angreiffen. Die Bederseitigen Vor – Posten stehen nur 3 Stund von einander. kurz! Die Lage der öst: ist so; daß sie einenCordon, so zu sagen von Eger bis zu ihren Besitzungen in Pohlen gezogen haben. von Hungarn kommt alle Zufuhr, und der Hungarische Adl hat sich erkärt, daß er, wenns erforderlich ist, NB der ganze Adl aufsitzen und mit ihren Leuten auf ihre aigne Kösten zu felde gehen will. – Es freuet uns daß euch wohl geht! wir sind gott Lob gesund. Ich glaube daß ich es schon einmal geschrieben habe, daß es vorträglicher seyn würde bey Zeiten darauf zu denken euch selbst zu kochen; man erspart sehr vieles. Mein lieber Sohn! ich bitte Dich suche die Freundschaft des Duc de Guines5 zu erhalten und sich bei ihm in Credit zu setzen, ich habe ihn oft in Zeitungen gelesen, er gilt alles am Königl: [32] Hofe, da itzt die Königin schwanger ist, so werden dann bey der geburth grosse Festivitäten seyn, da könntest zu etwas zu thun bekommen, so dein glück machen könnte. Da in solchen fällen wird alles geschehen was die Königin nur verlangt. Du schreibst, heute habe ich der Madsse des Herzogs die 4te Lection gegeben, und du willst, daß [sie] schon selbst gedanken aufschreiben soll, – meinst Du alle Leute haben dein genie? – – es wird schon kommen! sie hat ein gut gedächtniß. eh bien! laß sie stehlen – oder höflich, applicieren, – von anfang thut es nichts bis das Courage kommt. mit Variationen hast Du einen guten weeg genohmen, nur fortgefahren! – wenn Mr: Le Duc nur etwas kleines von seiner Mslle Tochter höret, wird er ausser sich seyn; das ist wirklich eine glückliche Bekanntschaft! – Wegen der opera, die du schreiben sollst, hab dir letzlich schon meine Erinnerungen gemacht. Ich wiederhohle Dir zu sagen, die Matereie wohl zu überlegen, die Poesie mit B: grimm durchzulesen, und wegen Expression der affecten mit Novere dich zu verstehen, dem geschmack der Nation im gesange zu folgen, welches deine modulation und deine Stimmensetzung alsdan erhöben und von andern unterscheiden wird. – Rudolph hat dir die organisten Stelle in Versailles angetragen? – steht es bey ihm? – – er will dir dazu verhelfen! Das must du nicht so gleich wegwerffen. Du must überlegen, daß die 83 Louisd'or in 6 Monat verdient sind. – daß dir ein halb jahr zu andern verdiensten übrig bleibt. – daß es vermuthlich ein ewiger Dienst ist, du magst krank oder gesund seyn. Daß du ihn allzeit wieder verlassen kannst. Daß du am Hofe bist, folglich in den augen täglich des Königs und der Königin, und dadurch Deinem glück näher. – Daß du bey abgang eine der zween Capellmstr Stellen erhalten kannst, – daß du seiner zeit, wenn Succession da seyn sollte Claviermeister der königl: jungen Herrschaften seyn würdest, das sehr einträglich wäre. Daß dich niemand hinderte fürs Theater undConcert Spirituel xx: etwas zu schreiben, Musik gravieren zu lassen und den gemachten [33] grossen Bekanntschaften zu dedicieren, da in Versailles viele der Minister sich aufhalten, wenigst im Sommer. – daß Versailles selbst eine kleine Statt ist oder wenigst viele ansehnliche bewohner hat, wo alles falles ein oder andre Scolar oder Scolarin sich finden würde – und endlich ist das der sicherste weeg sich der Protection der Königin zu versichern, und sich beliebt zu machen. lese dieses dem hl: B: v grimm, und höre seine Meinung. übrigens würde ich 100 sachen, die euch schreiben will vergessen, wenn ich nicht einen Bogen Papier hergericht hätte, wo ich, so oft etwas geschieht, oder mir einfällt, daß ich euch schreiben will, solches also gleich mit einem paar Worte Notierte. schreibe ich euch nun, so nehme den Bogen her, und schreibe die Neuigkeiten; und dann lese euern letzten Brief, und antworte. Das könntet ihr wohl auch so machen. Was ich euch schreibe, streiche auf dem Bogen aus, damit ich das übrige ein andersmal schreiben kann, was noch da stehet: und du mein liebes Weib must sein die zeilen recht eng aneinander schreiben. Du siehst ja wie ichs mache. unser lieber Wolfg: soll nach und nach, wenn er gute Claviersachen findet, etwas sammeln, und uns mit dem Postwagen schicken. wir brauchen es für die Scolarn. Mit guter gelegenheit!

Wo ist denn euer quartier in welcher gegend? ich finde die Rue groschenet nicht. ich suche immer um das Palais Royale herum, weil dort das theater ist.

Die adlgasserischen sind alle noch beysamm. – Die victorel Kommt alle wochen 3 mahl zum Frisur-Coffée; die Nannerl geht alle Doñerstag zum andretter.Cornet ist hier. – wir sind 2 mahl schon auf dem wahl im Berkansky Compagnie gartl gewesen. Freul: von schiedenhofen und Cronach nannerl, sind schon vorm neuen jahr ausgeblieben. Schiedenhofen und seine Frau haben uns vor 12 tägen visite gemacht. Die Nachrichten von den Moden waren der Nannerl recht lieb zu hören, sie kisst die Hände und bedankt sich. sie lasst itzt eine Leinwand machen, die tresel hat ihr braf spinnen müssen, die Fr: Hagenauerin geht ihr an die hand. – Hagenauer: andrett: möll: arco: Bullinger, Sallerl, Mitzerl, Deibl x: x: [34] Ferrari, Ferlendi x: die tresel und der Pimperl, alles empf: sich. absonderlich gr: Khünburg, und Lehrbach. wir Küssen euchmillion-mahl und bin der alte.

Mzt

Fußnoten

1 Antwort auf Wolfgangs Brief vom 14. Mai.


2 Sohn des Antonio Besozzi (vgl. den Brief vom 29. Januar 1778).


3 Michael Haydn.


4 Graf Colloredo, ein Verwandter des Salzburger Erzbischofs.


5 Früherer Gesandter in London, der bei der KöniginMarie Antoinette in besonderem Ansehen stand.


Quelle:
Die Briefe W. A. Mozarts und seiner Familie. 5 Bände, Band 4. München/ Leipzig 1914, S. 35.
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