Zwanzigstes Kapitel.

Beethoven in Wien. Studien bei Haydn und Albrechtsberger.

Es würde sicherlich sehr unterhaltend sein, wenn wir die Ankunft Ludwig van Beethovens in Wien gleichsam mit glänzendem Trompetenschalle ankündigen und unserer Phantasie in einer poetischen und glänzenden Schilderung seines Eintreffens daselbst ihren freien Lauf lassen wollten. Leider fehlen zu einer solchen Art der Beschreibung alle Anhaltspunkte, und die völlige Verborgenheit des Ereignisses zwingt uns, die Geschichte so zu schreiben, wie sie in Wirklichkeit war, und nicht wie wir sie gerne haben möchten. Die Tatsachen sind einfach. Gleich der großen Zahl von Studierenden und anderen jungen Leuten, welche jährlich dorthin kamen, um Unterricht und Lehrer zu finden, war dieser kleine und schmächtige, dunkelfarbige und pockennarbige, schwarzäugige und schwarzhaarige junge Musiker von 22 Jahren in aller Stille zur Hauptstadt gereist, um das Studium seiner Kunst bei dem kleinen und schmächtigen, dunkelfarbigen und pockennarbigen, schwarzäugigen und schwarzgelockten alten Meister weiter zu verfolgen. In der bekannten bei Carpani erzählten Anekdote von Haydns Einführung beim Fürsten Anton Esterhazy nennt der Fürst den Komponisten einen Mohren. Beethoven hatte noch mehr von einem Mohren in seinem Aussehen als sein Lehrer. Seine Vorderzähne standen infolge der eigentümlichen Flachheit seines Gaumens vor und drängten dadurch natürlich die Lippen nach außen; seine Nase war breit und platt, die Stirn dagegen merkwürdig voll und rund – nach den Worten des Hofsekretärs Mähler, der zweimal sein Porträt malte, »eine Kugel«.

Beethoven, sagt Junker (S. 213), »gestand, daß er auf seinen Reisen bei den bekanntesten guten Clavierspielern selten das gefunden habe, was er zu erwarten sich berechtigt geglaubt hätte«. Er hatte jetzt Gelegenheit, seine Beobachtungen über Klavierspieler und Komponisten in den wirklichen damaligen Hauptquartieren deutscher Musik anzustellen, sich selbst durch Studium unter den besten derselben auszubilden und allmählich seine Leistungen nach den ihrigen zu messen. Es wurde ihm bald klar, daß auch in diesem Punkte die Entfernung den Erscheinungen hauptsächlich [344] ihren Reiz verleihe; Mozart war nicht mehr, und so fand er auch hier nicht »was er zu erwarten sich berechtigt geglaubt hätte«.

Zunächst haben wir es jedoch nur mit dem jungen Fremdling in einer großen Stadt zu tun, welcher nach Wohnungen sucht und Einrichtungen für die Zukunft trifft, die in einem angemessenen Verhältnisse zu den beschränkten Geldmitteln standen, welche er zu seiner Verfügung hatte. Die kleinen Details, welche hier folgen, mögen vielleicht zu unbedeutend erscheinen, um ein Interesse an sich selbst zu gewähren; doch werden wir finden, daß sie zur Beantwortung einiger im Verfolg auftretender Fragen einen nicht unwesentlichen Beitrag liefern.

Wir wenden uns daher wieder zu dem früher erwähnten Tagebuche zurück. Die ersten Posten, welche auf die Notizen über die Reise von Bonn nach Würges folgen, betreffen lediglich die Anschaffung notwendiger Bedürfnisse, wie »Holz, Perrückenmacher, Kaffee, Ueberrock, Stiefel, Schuhe, Klavierpult, Petschaft, Schreibpult, Klaviergeld« und einiges Unleserliche mit der darauf folgenden Bemerkung: »alles mit dem künftigen Monat angefangen« (S. 4). Die folgende Seite gibt einen Wink über das Datum seiner Ankunft. Sie enthält den Inhalt von zwei Anzeigen der Wiener Zeitung über zu verkaufende Klaviere; eins in der Nähe des Hohen Marktes, und zwei im Kramerschen Breihaus Nr. 257 im Schlossergassel, am Graben. Das letztere erscheint zum letzten Male am 10. November; damals war also Beethoven in Wien.

Doch beabsichtigt er die Grazien ebenso wie die Musen zu pflegen – die nächste Seite beginnt so: »Andreas Lindner, Tanzmeister, wohnt im Stoff am Himmel Nr. 415«, worauf eine Notiz folgt, die sich offenbar auf Geld bezieht, welches er vom Kurfürsten empfangen (vielleicht schon in Bonn, wahrscheinlicher in Wien): »25 Ducaten Einnahme, davon ausgegeben den (?) November einen halben Souverain fürs Clavier oder 6 Gldn. 40 x – 2 Gulden sind dabei von dem meinigen.« Die folgende Seite zeigt ihn, wie er sich auch in Sachen seiner Toilette gerade damals zum Eintritt in die Gesellschaft vorbereitet: »Schwarze seidene Strümpfe – einen Ducaten, ein paar Winter seidene Strümpfe, 1 Gldn. 40 x, Stiefel 6 Gldn., Schuh 1 Gldn. 30 x.« Diese Ausgaben mit Hinzunahme seiner täglichen Bedürfnisse verursachten allerdings eine bedeutende Verminderung seiner Einnahme von 25 Ducaten; und so lesen wir S. 7: »Am Mittwoch den 12ten December hatte ich 15 Ducaten« (der 12. Dez. fiel im Jahre 1792 auf einen Mittwoch). Sehr bezeichnend ist der Inhalt von S. 8: »Alle Nothwendigkeiten, z.B. Kleidung, Leinwand, [345] alles ist auf. In Bonn verließ ich mich darauf, ich würde hier 100 Ducaten empfangen, aber umsonst. Ich muß mich völlig neu equippiren.«

Die folgenden Seiten enthalten, wie man ziemlich deutlich erkennt, die monatlichen Ausgaben von der Zeit an, wo »alles mit dem künftigen Monat angefangen« wurde, von welchen die ersten (nach S. 9) als Probe folgen mögen: »Hauszins 14 Gldn. Klavier 6 G. 40 x. Heizen jedesmal 12 x; Essen mit dem Weine 161/2 Gld.; 3 x für B. und H. Der Hausfrau ist nicht nöthig mehr als 7 Gld. zu geben, das Zimmer ist so auf der Erd1

Beethoven war kaum in seiner Wohnung eingerichtet, und das Neue seiner Lage hatte kaum angefangen, unter dem Einflusse der Gewohnheit sich zu verlieren, als eine erschreckende Nachricht, die ihm das Weihnachtsfest trübte, von Bonn eintraf. Ein Ereignis war eingetreten, welches die Bande, die ihn an die Heimat fesselten, lockerte, seine Sorge für seine Brüder vermehrte und seine pekuniäre Lage völlig veränderte; sein Vater war am 18. Dezember plötzlich gestorben2. Der Kurfürst hörte die Nachricht noch in Münster und widmete dem Andenken des Verstorbenen einen Scherz; am 1. Januar 1793 schrieb er in einem Briefe an den Hofmarschall von Schall: »Die Getränks-Accise hat an Beethovens und Eichhofs Tod einen Verlust erlitten, für die Wittwe des letzteren wird in Anbetracht seiner 40 jährigen Dienste [in der kurfürstl. Küche], wenn es die Umstände leiden, Rücksicht genommen werden.«

Franz Ries war wiederum der einzige, welcher sich Beethovens in seiner Abwesenheit annahm und für ihn handelte, und die am 4. Febr. 1793 (der Anfang des zweiten Monats im Quartal war die herkömmliche Zeit) ausgestellte Quittung über sein erstes vierteljährliches Gehalt (25 Tlr.) ist unterzeichnet: »F. Ries nahmens Ludewig Bethofen.« Der Ausfall der Pension Johanns van Beethoven von 200 Tlrn. war ein [346] ernstliches Mißgeschick für seinen Sohn, zumal da die 100 Dukaten nicht kamen. Da die Korrespondenz zwischen Beethoven und Ries nicht erhalten ist, so sind wir nur auf Vermutung angewiesen, wenn wir annehmen, daß der letztere die geeigneten Schritte tat, um den Teil der Pension zu behalten, welcher durch kurfürstliches Dekret zum Unterhalte der beiden jüngeren Söhne bestimmt worden war. Dies war aber vergebens, da, wie sich zeigte, das Original-Dokument verschwunden war; und deshalb sandte Beethoven, nachdem ihm über diesen Umstand Nachricht gegeben worden war, unmittelbar aus Wien folgende Bittschrift ein, welche, wie die meisten derartigen Dokumente in den Bonner Archiven, ohne Datum ist:


»Hochwürdigst-Durchlauchtigster Kurfürst!

Gnädigster Herr!


Vor einigen Jahren geruhten Ew. Kurfürstliche Durchlaucht, meinen Vater den Hof tenoristen van Beethoven in Ruhe zu setzen, und mir von seinem Gehalte 100 Rtlr. durch ein ggstes Dekret in der Absicht zuzulegen, daß ich dafür meine beide jüngere Brüder kleiden, nähren und unterrichten laßen, auch unsere vom Vater rührende Schulden tilgen sollte.

Ich wollte dieses Dekret eben bei Höchstdero Landrhentmeisterei präsentiren als mich mein Vater innigst bathe, es doch zu unterlaßen, um nicht öffentlich dafür angesehen zu werden, als seye er unfähig seiner Familie selbst vorzustehen, er wollte mir |: fügte er hinzu:|quartaliter die 25 Rtlr. selbst zustellen, welches auch bisher immer richtig erfolgte.

Da ich aber nach seinem Ableben |: so im Dezemb: v: I: erfolgte:| Gebrauch von Höchstdero Gnade, durch präsentirung obbenannten ggsstn Dekrets machen wollte, wurde ich mit Schröcken gewahr, daß mein Vater selbes unterschlagen habe.

In schuldigster Ehrfurcht bitte ich deshalb Eure Kfftle Dchlcht um gnädigste Erneuerung dieses Dekrets, und Höchstdero Landrhentmeisterei anzuzeigen, mir letzhin verflossenes Quartal von dieser ggn Zulage |: so Anfangs Februar fällig waren:| zukommen zu lassen.

Euer Kurfürstlichen Durchlaucht

Unterthänigster Treugehorsamster

Lud: v: Beethowen; Hoforganist.«


Die Bittschrift wurde nur von dem geheimen Rate in Betracht gezogen, und zwar mit folgendem Resultate:


»ad sup. des Hof Organisten L. van Beethoven.


Dem Supplicant wird, auf sein ünthgstes Bitten, zu seinem bereits genießenden ein hundert Rthl. jährlichs, ferner noch ein hundert Rth. in quartalien eingetheilt, und mit dem 1ten Jenner a. c. anzufangen, aus dem, durch den [347] Tod seines Vaters erledigtem Gehalt von 260 Rthl. hiemit ggst zugelegt, und sollen ihm auch, die zu Erziehung seiner Geschwisteren ggst verwilligte drei Mltr. korn, ferner abgereicht werden. Wornach kurfürstle Hofkammer das fernere zu verfügen hat. Urkund. p.


Bonn den 3. May 1793.«


Die Verfügung an die Landrentmeisterei erfolgte am 24. Mai in folgender Weise:

»Demnach Seine Kurfürstle Durchlaucht zu Kölln Max Franz, Erzherzog zu Oestereich p. Unser gnädigster Herr auf unterthänigstes Bitten des Hoforganisten L. van Beethoven Mildest bewogen worden sind, demselben zu seinem bereits geniessenden Gehalt von hundert Rthl. jährlichs noch Ein hundert Rthl. inquartalien eingetheilt und mit dem 1ten Jenner lauf. jahrs anzufangen aus jenem durch den Todt seines Vaters erledigtem Gehalt gnädigst zuzulegen; Als wird demselben hierüber gegenwärtige Fertigung mitgetheilt, wornach sich Kurfle Landrentmeisterey zu achten hat. Sigl. Bonn den 24sten May 1793.


Frhr. von Spiegel zum Diesenberg (Siegel)

Befehl an kurfl. Landrentmstrey.«


Am 15. Juni hatte Franz Ries die Genugtuung, zwei Quittungen zu unterzeichnen, die eine über 25 Tlr. für Januar bis März, und die zweite über 50 Tlr. für das zweite Vierteljahr von 1793; nach den in Düsseldorf noch befindlichen Landrentmeistereirechnungen hat Beethoven das Gehalt von 50 Talern vierteljährlich bis zum März 1794 bezogen3. Seit dieser Zeit hat sich keine Andeutung mehr gefunden, daß Beethoven jemals noch etwas von dem Kurfürsten empfangen hätte, oder daß er irgend eine andere Hilfsquelle gehabt hätte, als seine eigenen Verdienste und die Freigebigkeit neu erworbener Freunde zu Wien.

Diese Hilfsquellen wurden bald nötig. Die Bemerkung, daß zwei Gulden von dem Mietpreise des Klaviers von seinem eigenen Gelde waren, zeigt, daß er eine Summe besaß, die er sich nach und nach durch Unterrichtgeben, aus erhaltenen Geschenken und dergleichen erspart hatte; doch konnte der Betrag derselben nicht groß sein; während die 25 Dukaten [348] und die oben erwähnten Gehaltsquartale zusammengenommen zu wenig waren, um ihn durch den Sommer dieses Jahres 1793 durchzubringen. Die zweite Einzeichnung über notwendige und regelmäßige Monatsausgaben, welche hier folgt, macht dies noch deutlicher: »14 Gldn. [Hauszins]; 6 Gld. 40 x. [Klavier]; Essen mit W. 151/2 Gld.; 3 Gld. [?]; Magd 1.« Seine eigene Addition ergibt die Gesamtsumme von 11 Dukaten und 1/2 Gulden. Und dennoch finden sich gegen Ende des Jahres Notizen, welche beweisen, daß er nicht in Geldverlegenheit war; so zum Beispiel: »den 24sten 8bre. d. i. vom 1. November an gerechnet, hundertzwölf Gldn. 30 x.« – »2 Dukaten ein Petschaft«; – »1 Gld. 25 x. Copist. Dienstag, Samstag von 7 bis 8. Sonntag von 11 bis 12. 3 gldn.« Die letzte Bemerkung (dem Datum nach nicht später wie 1794) ist diese »3 Carolin in Gold, 4 Carolin in Kronenthaler und 4 Ducaten, macht zusammen 7 Carolin und 4 Ducaten und noch viel Kleingeld.« Auf welche Weise Beethoven schon im Jahre 1794 imstande war, »in Wien ohne Gehalt, bis er einberufen wird« (nach den Worten des Kurfürsten) zu bleiben, wird weiter unten mit ziemlicher Sicherheit klar werden: für den Augenblick müssen wir ihm in seinem Verhältnisse als Schüler Haydns und Albrechtsbergers unsere Aufmerksamkeit zuwenden.

Die Worte, die in einem der vorhergehenden Kapitel aus Briefen Neefes und Fischenichs angeführt wurden, lassen den starken Eindruck erkennen, den Beethovens Fähigkeiten sowohl als Virtuose wie als Komponist auf Joseph Haydn unmittelbar nach seinem Eintreffen in Wien gemacht hatten4; und sicher war keiner der damals lebenden Männer besser imstande, über diese Dinge zu urteilen. Ob aber der berühmte Kapellmeister, eben von seinen englischen Triumphen zurückgekehrt, selbst ein kühner und von Erfolg gekrönter Neuerer und gerade eben sehr beschäftigt mit Kompositionen für seine zweite Londoner Reise, der Mann war, um die Studien eines hartnäckigen, eigenwilligen und noch kühneren musikalischen Revolutionärs zu leiten, das war von vornherein eine sehr zweifelhafte Frage; der Erfolg zeigte, daß er es nicht war.

Das Tagebuch enthält einige Notizen, die sich auf Haydn beziehen. [349] Auf S. 7, welche die Einzeichnung der 15 Dukaten vom 12. Dezember (1792) enthält, findet sich eine Reihe von Posten (meist 2 Groschen), deren erster lautet »Haidn 8 Groschen.« Zwei Seiten, welche zufällig das Datum vom 24. und 29. Oktober (1793) tragen, enthalten diese beiden Notizen: »22 x. für Haidn und mich Chokolade«; »Kaffee 6 x. für Haidn und mich.« Diese Angaben bestätigen einfach, was auch aus anderen Quellen bekannt war, daß Beethoven sehr bald nach seiner Ankunft in Wien den Unterricht bei Haydn anfing und sein Schüler blieb bis zum Ende des Jahres 1793 oder Anfang 1794, da Haydn am 19. Januar 1794 Wien verließ. Sie lassen außerdem erkennen, daß der Schüler, was für Gesinnungen gegen seinen Meister er auch im Innern Raum geben mochte, sich doch auf guten Fuß mit ihm zu setzen suchte, und daß ihr Privatverkehr nicht auf die Unterrichtsstunden in Haydns Wohnung (im Hamberger Hause Nr. 992 an der nicht mehr existierenden Wasserkunstbastei) beschränkt war5.

Über den Gang von Beethovens Studien bei Haydn bietet uns wiederum Gustav Nottebohm die erforderliche Belehrung. Er hat die hierauf bezüglichen, aus Beethovens Nachlaß stammenden Handschriften und die sonstigen Aufschluß gebenden Quellen mit größter Genauigkeit geprüft und daraus, von gründlicher biographischer und technischer Kenntnis unterstützt, die Ergebnisse festgestellt, denen der Biograph nur folgen kann6. Gegenstand des Unterrichts war der einfache Kontrapunkt nach den Regeln des strengen Satzes. Haydn hatte auf Grund von Fux'Gradus ad Parnassum, einem Buche, welches er besonders schätzte, einen Auszug (»Elementarbuch«) gemacht, welchen auch Beethoven benutzte. An der Hand dieser Anleitung ließ er nun den Schüler Übungen in den verschiedenen Gattungen des Kontrapunkts anstellen, welchen 6 feste Gesänge (nach den 6 alten Tonarten) zugrunde lagen. »Das war die [350] erste Schule des strengen Satzes, die Beethoven durchmachte7.« 245 solcher Übungen sind vorhanden; es sind aber wohl noch mehr gewesen, da das Manuskript nicht vollständig ist. In 42 dieser Übungen sind Stellen von Haydn geändert oder als fehlerhaft bezeichnet; die bezeichneten Fehler beziehen sich auf Quinten- und Oktavenparallelen, Begleitung der Vorhalte, Querstände, falsche Behandlung des Leittons und anderes, was der strenge Satz nicht zuläßt. Aber Haydn hat nicht konsequent alle derartigen Versehen gerügt; in der weitaus größten Zahl der Übungen, in denen sich entsprechende Versehen finden, fehlt seine bessernde Hand. Es ist offenbar, daß er, durch seine eigenen Arbeiten voll in Anspruch genommen, als Lehrer nicht genau und systematisch verfuhr und der Fortbildung des Schülers nicht die erforderliche Zeit widmete.

Da die vorhandenen Übungen die Zeit, welche der Unterricht dauerte, nicht ausfüllen, so muß angenommen werden, daß denselben noch andere kontrapunktische Übungen vorangegangen waren, zumal Beethoven sich schon in den ersten vorhandenen Übungen mit manchen Grundsätzen der strengen Schreibart wohl vertraut zeigt8. Über die Kenntnisse, welche der junge Komponist der Kantaten und Kammermusikwerke schon aus Bonn mitbrachte, wird man nicht zu vorschnell aburteilen dürfen. Ob Schindlers Äußerung: »es ist gewiß, daß Beethovens Kenntnisse in den harmonischen Wissenschaften zur Zeit, als der Unterricht bei Haydn begann, die Generalbaßlehre nicht überschritten hatte«, als richtig gelten kann, wird der Leser nach dem früher Mitgeteilten selbst entscheiden können. Tatsache scheint zu sein, daß Beethoven, im Bewußtsein des Mangels einer gründlichen und systematischen Unterweisung, ohne Vertrauen auf sich selbst und von dem Wunsche beseelt, mehrere seiner neuen und mit Liebe gehegten Gedanken einer Beurteilung zu unterwerfen, beschlossen hatte, einen vollständigen Kursus des kontrapunktischen Studiums durchzumachen und so die Masse [351] seiner bisher erworbenen theoretischen Kenntnisse einer neuen Durchsicht zu unterwerfen und sie in Ordnung und System zu bringen. Er wollte unter allen Umständen das Regelmäßige gründlich kennen und verstehen, um mit Zuversicht beurteilen zu können, wie weit er seiner Phantasie hinsichtlich des Unregelmäßigen nachgeben dürfe. Dieser Ansicht, welche schon längst gehegt wird, gewähren die Resultate von Nottebohms Untersuchungen neue Bestätigung. Sie erklärt uns auch, wie ein junger Mann, der bisher zu sehr auf die Richtigkeit seiner Anschauungen vertraut hatte, um geneigt zu sein, in seinen Produktionen etwas zu ändern, weil sie Passagen und Wirkungen enthielten, die von seiner Umgebung für abweichend von jenen Mozarts und Haydns erklärt wurden – wie dieser nunmehr bereit war, mit der Bescheidenheit des wirklichen Genies, dieselben in seinem Schreibpulte zu verschließen, bis er durch Studien und Beobachtung das sichere Gefühl erlangt hätte, auf der festen Basis gründlicher Kenntnisse zu stehen, und erst dann nach den Geboten eines erleuchteten Urteils zu behalten oder verwerfen.

Es leidet keinen Zweifel, daß er es mit diesen Studien durchaus ernst genommen und ihnen großen Eifer zugewendet hat.

Beethoven entdeckte jedoch sehr bald selbst, daß er auch in Haydn als Lehrer nicht das gefunden, was er erwartete. Ries erinnerte sich einer von ihm mit Beziehung hierauf gemachten Äußerung. »Haydn hatte gewünscht, daß Beethoven auf den Titel seiner ersten Werke setzen möchte ›Schüler von Haydn‹. Beethoven wollte dieses nicht, weil er zwar, wie er sagte, einigen Unterricht bei Haydn genommen, aber nie etwas von ihm gelernt habe (Not. S. 86).« Diese im Unmut getane Äußerung war nun gewiß ungerecht; wir lassen wieder Nottebohm reden. »Gewiß hat Beethoven von Haydn etwas gelernt, mag auch dieses Etwas weniger dem Lehrer, als der ihm überkommenen Lehre und Methode zuzuschreiben sein. Der Lehrer ist aber von seiner Methode nicht ganz zu trennen. Die Übungen im strengen Satze sind ein radikales Mittel, den Schüler, indem sie ihn nöthigen, die Stimmen ohne harmonischen Stützpunkt von innen heraus zu schreiben, an eine selbständige Stimmführung zu gewöhnen. Hierzu werden die Übungen auch bei Beethoven beigetragen haben.«

Von größerer Wichtigkeit für die Beurteilung dieser Beziehungen ist die Erzählung von dem Verhältnisse, in welches Beethoven bald nachher zu Johann Schenk trat, dem bekannten Komponisten des Dorfbarbiers. Über dieses hat zuerst Seyfried in Gräfers und Schillings Wörterbüchern [352] berichtet, dessen Erzählung von Schindler bestätigt wurde; authentische Nachricht gibt uns die eigene Darstellung Schenks, welcher wir nur folgendes vorauszuschicken haben.

Zu Beethovens frühesten Bekanntschaften in Wien gehörte der Abbé Joseph Gelinek, einer der ersten damaligen Klaviervirtuosen Wiens und ein erstaunlich fruchtbarer und populärer Variationenkomponist. Auf ihn schrieb C. M. v. Weber einige Jahre später das Epigramm:


»Kein Thema auf der Welt verschonte Dein Genie,

Das simpelste allein – Dich selbst – variirst Du nie.«


Czerny erzählte Otto Jahn, daß sein Vater einst Gelinek in großer Parüre begegnete. »Wohin?« fragte er. »Ich soll«, antwortete Gelinek, »mit einem jungen Klavierspieler, der erst angekommen ist, mich messen; den will ich verarbeiten.« Nach einigen Tagen sieht er ihn wieder. »Nun, wie wars?« »Ach, das ist kein Mensch, das ist ein Teufel; der spielt mich und uns alle todt. Und wie er phantasirt!« Auch später blieb Gelinek (nach Czerny) Beethovens geschworener Gegner.

In Gelineks Räumen hörte Schenk zum ersten Male Beethoven phantasieren, »ein Hochgenuß, der lebhaft Mozart's Andenken zurückrief. Unmuthig beklagte sich der lernbegierige Beethoven oftmals gegen Gelinek, wie er in seinen contrapunktischen Studien bei Haydn nicht vorwärts kommen könnte, da dieser Meister, allzu vielseitig beschäftigt, den ihm vorgelegten Elaborationen die gewünschte Aufmerksamkeit zu schenken gar nicht im Stande sei. Jener sprach darüber mit Schenk und befragte ihn, ob er nicht geneigt sei, mit B. die Compositionslehre durchzumachen. Dieser erklärte sich höchst willfährig dazu, jedoch nur unter der Doppelbedingung: ohne irgend eine Vergütung und unter dem Siegel unverbrüchlicher Verschwiegenheit. So wurde denn der gegenseitige Traktat abgeschlossen und mit gewissenhafter Treue gehalten«. So weit Seyfried; wir lassen nunmehr Schenks eigene Darstellung folgen9.


[353] (Aus Schenks Selbstbiographie.)


»1792 geruhten S. K. Hoheit Erzherzog Maximilian, Churfürst von Cölln, Seinen Schützling Louis van Beethoven nach Wien zu geben, um bei Josef Haydn die musikalische Composition zu lernen. Gegen Ende Juli gab mir Abbe Gelinek Kenntniß, daß er mit einem jungen Menschen in Bekanntschaft getreten seye, der auf dem P. F. eine seltne Virtuosität bewährt und [wie er sie?] seit Mozart nicht wieder gehört habe. Inmittest erklärte er sich, daß Beethoven schon vor mehr als 6 Monaten von Haydn die Lehre des Contrapunktes hat angefangen und noch immer bei der ersten Übung sich verweile; und daß auch Se. Excellenz Baron von Swieten ihm das Studium des Contrapunktes ernstlich empfehle und öfter in Frage gestellt, wie weit er schon in seiner Lehre fortgeschritten seye? Zufolge dessen mehrmalenden Anregen und so auch noch immer auf der ersten Stufe seines Unterrichts zu sein, erzeugte in dem wißbegierigen Lehrling ein Mißbehagen, daß er an seinen Freund oft laut werden ließ. Gelinek, dem diese leidige Gemüthsstimmung nah zu Herzen ging, stellte mich in Frage; ob ich wohl geneigt wäre, seinen Freund im Studium des Contrapunkts behülflich wolle sein. Nach besagter Erklärung verlangte mich mit selbigem bald in nähere Bekanntschaft zu tretten. Nun war ein Tag bestimmt, an welchem ich Beethoven in der Wohnung Gelinek's sehen und auf dem P. F. hören werde.

Nun habe ich diesen itzt so hoch berühmten Tonsetzer zum ersten Male gesehen.– und auch gehört. Nachdem die gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen vorüber waren, erboth er sich auf dem Pianoforte zu phantasiren. Er wollte daß ich zunächst seiner sitzen sollte. Nach einigen Anklängen und gleichsam hingeworfenen Figuren, die er unbedeutsam so dahingleiten ließ: entschleierte der selbstschaffende Genius so nach und nach sein tiefempfundenes Seelengemälde. Von den Schönheiten der mannigfaltigen Motive, die er klar und mit überreicher Anmuth so lieblich zu verweben wußte, war mein Ohr zur beständigen Aufmerksamkeit gereitzt, und mit Luft überließ sich mein Herz dem empfangenen Eindrucke, während er sich ganz seiner Einbildungskraft dahingegeben, verließ er allgemach den Zauber seiner Klänge und mit dem Feuer der Jugend, trat er kühn (um heftige Leidenschaften auszudrücken) in weit entfernte Tonleitern. In diesen erschütternden Aufregungen wurde mein Empfindungsvermögen sehr getroffen. Nun begann er unter mancherlei Wendungen, mittelst [354] gefälliger Modulationen, bis zur himmlischen Melodie hinzugleiten, jenen hohen Idealen, die man oft in seinen Werken häufig vorfindet. Nachdem der Künstler seine Virtuosität so meisterhaft beurkundet: verändert er die süßen Klänge in traurig wehmüthige, sodann in zärtlich rührende Affecte, dieselben wieder in freudige bis zur scherzenden Tändeley. Jeder dieser Figuren gab er einen bestimmten Character, und [sie] trugen das Gepräge leidenschaftlicher Empfindung, in denen er das Eigene selbstempfundene rein aussprach. Weder matte Wiederholungen noch gehaltlose Zusammenraffung vielerlei Gedanken, welche gar nicht sich zusammenpassen, noch viel weniger kraftlose Zergliederungen durch fortwährendes arpeggiren (worüber das Gefühl des Hörers ein Schlummer überschleicht) konnte man gewahren. In der Ausführung dieser Phantasie herrschte die größte Richtigkeit; es war ein heller Tag, ein volles Licht. Mehr als eine halbe Stunde war verstrichen als der Beherrscher seiner Töne die Claviatur verließ. Diese unvergeßliche Fantasie, mit der er das Ohr und das Herz zu fesseln und den Geschmack zu reitzen wußte, lebt noch frisch in meiner Seele.

Den darauf folgenden Tag war es mein erstes diesem noch unbekannten Künstler, der seine Meisterschaft so hoch bewährte, meinen ersten Besuch zu machen. Auf seinem Schreibpulte fand ich einige Sätze von der ersten Übung des Contrapunktes vor mir liegen. Nach kurzer Übersicht gewahrte ich bei jeder Tonart (so kurzen Inhalts sie auch war) etwelche Fehler. In Rücksicht dessen haben sich die obenerwähnten Äußerungen Gelineks wahrhaft befunden. Da ich nun gewiß war, daß mein Lehrling mit den vorläufigen Regeln des Contrapunktes unbekannt war, so gab ich ihm das allbekannte Lehrbuch von Joseph Fux Gradus ad Parnassum zur Übersicht der weiter folgenden Übungen. Jos. Haydn, der gegen Ende des vorhergehenden Jahres von London nach Wien zurückgekommen10, war beflissen seine Muße auf neue Compositionen großer Meisterwerke zu verwenden. In diesem rühmlichen Bestreben ist zu erachten, daß sich Haydn mit der Lehre der Grammatik nicht so leicht befassen konnte. Nun war mir's ernstlich angelegen dessen Wißbegierigen Mitgehülfe zu werden. Bevor ich aber meine Lehre angefangen, machte ich ihm bemerkbar, daß unser beiderseitiges Zusammenwirken stets geheim gehalten werde. In Beziehung dessen empfahl ich ihm, jeden Satz, den ich durch meine Hand verbessert, wieder abzuschreiben, damit bei jeder Vorzeigung, Haydn keine fremde Hand gewahren könne. Nach einem [355] Jahr kam Beethoven mit Gelinek in Unfrieden, dessen Ursache mir entfallen ist. Doch scheint mir, daß beide selbst Veranlassung gaben. Zufolge ihrer Uneinigkeit, war Gelinek erboßt, und offenbarte mein Geheimhalten. Beethoven und seine Brüder machten selbst kein Geheimniß mehr daraus.

179211 Anfangs August habe ich bei meinem guten Louis das ehrenvolle Lehramt angetretten und bis zu Ende Mai 179312 ununterbrochen fortgesetzt, als er eben den doppelten Contrapunkt in Octav vollendet hatte und sich nach Eisenstadt begeben. Wenn Se. K. Hoheit seinen Schützling gleich zu Albrechtsbergers Leitung hingegeben hätte, so wäre sein Studium nie unterbrochen und ganz vollendet worden.«

Hier folgt eine Stelle, welche Schenk später selbst durchgestrichen hat. Er wendet sich darin gegen die ihm gemachte Mitteilung, daß Beethoven seine Lehre bei Albrechtsberger ganz vollendet habe. Das wäre wohl rätlich für ihn gewesen, allein wäre es wahr, dann würde sowohl Gelinek wie Beethoven selbst es ihm mitgeteilt haben. »Vielmehr gestand er mir, daß er sich zu Hr. Salieri K. K. Hofkapellmeister hinbegeben um in der Composizion im freyen Styl Unterricht zu nehmen.«

Schenk fährt dann fort:

»Ungefähr nach halbem May that er mir zu wissen, daß er mit Haydn sich bald nach Eisenstadt begeben werde und daselbst bis Anfangs Winter da verweilen werde; den Tag der Abreise wisse er noch nicht. Anfangs Juni kam ich zur gewöhnlichen Stunde wieder – allein mein guter Louis war nicht mehr zu sehen. Er hinterließ mir folgendes Billetchen, welches ich Wort für Wort hier niederschreibe.


›Lieber Schenk!


Ich wünschte nicht daß ich schon heute fort würde reisen nach Eisenstadt. Gerne hätte ich noch mit ihnen gesprochen. Unterdessen rechnen sie auf meine Dankbarkeit für die mir erzeigten Gefälligkeiten. Ich werde mich bestreben Ihnen alles nach meinen Kräften gut zu machen. Ich hoffe Sie bald wieder zu sehen und das Vergnügen Ihres Umgangs genießen zu können. Leben Sie wohl und

vergessen Sie nicht ganz

Ihren

Beethoven.‹


[356] Es war meine Absicht mein Verhältniß zu Beethoven nur sehr kurz zu berühren; allein die obwaltenden Umstände, auf was Art und Weise ich dazu gekommen, sein Wegführer in der musikalischen Composition zu werden, geboten mir mich etwas ausführlicher zu erklären.

Für mein Bemühen (wenn doch das Bemühen heißen sollte) erwarb ich mir von meinem guten Louis, ein köstliches Geschenk, nähmlich: das feste Band der Freundschaft, das bis an seinen Tod noch unverwelkt geblieben – –

Geschrieben im Sommer 183013


Die Erzählung Schenks über das Aufhören dieses Unterrichts ergibt eine chronologische Schwierigkeit. Daß der Anfang desselben Anfang August 1793 fiel, kann nach den zusammentreffenden und sehr bestimmten Angaben Schenks (der sich nur in der Jahreszahl irrt), namentlich nach der Mitteilung, daß der Unterricht bei Haydn schon sechs Monate gedauert habe, nicht bezweifelt werden. Dann hätte Schenks Unterweisung bis Ende Mai 1794 gedauert, und die bestimmte Angabe des Monats macht auch hier einen Irrtum nicht wohl glaublich. Aber erstens war Haydn damals längst in England, während Beethoven doch nach Schenks Erzählung gesagt hatte, er werde mit Haydn nach Eisenstadt gehen; und Beethoven war bereits Albrechtsbergers Schüler, neben welchem eine weitere geheime Hilfe nicht mehr nötig war. Trotzdem ist die Fortdauer der Beziehung zu Schenk wohl möglich, und sie ließ sich wohl, solange Beethoven in Wien war, so leicht nicht abbrechen; darauf deutet auch die Erwähnung des doppelten Kontrapunkts, den Beethoven nicht bei Haydn, sondern bei Albrechtsberger studierte; auch die Wendung bei Schenk: wenn der Kurfürst seinen Schützling »gleich« zu Albrechtsberger gegeben hätte, läßt durchblicken, daß der Unterricht bei letzterem bereits begonnen hatte. Der Brief an Schenk gibt sich, bei aller Freundlichkeit der Form, doch als eine deutliche Absage, als eine Lösung des Schülerverhältnisses zu erkennen, wozu die Reise nach Eisenstadt den willkommenen Anlaß bot. Daß aber Beethoven die Reise mit Haydn machen sollte, erfahren wir nur durch Schenk, der sich hierin, wie in der Jahreszahl, nach einer so langen Zeit wohl geirrt haben kann. An sich ist sehr wohl denkbar, daß Beethoven allein zum Fürsten Esterhazy, der ihn [357] sicher in Wien schon kennen gelernt hatte, eingeladen war. Wer dies nicht annehmen will, müßte den Brief und die Reise in die letzten Monate 1793 verlegen, was in jedem Betracht unwahrscheinlich ist14.

Im übrigen können wir Schenks Darstellung nur für sich selbst sprechen lassen, da anderweitiges Material zu ihrer Kontrolle fehlt. Gewiß hat Beethoven Vorteil aus dem Verkehr gezogen, wie auch aus seiner dankbaren Äußerung hervorgeht. Aber gegenüber seinen weiteren Studien darf man den Einfluß Schenks auch nicht zu hoch anschlagen. In der Erinnerung des gemütvollen alten Mannes mag sich manches erweitert und verschoben haben. Die Äußerung Schenks, welche Grillparzer an Jahn berichtete, »er habe Beethoven im Generalbaß noch sehr unerfahren gefunden«, und die entsprechende in seinem Briefe enthält gewiß eine Übertreibung.

Die Beziehungen zwischen Haydn und seinem Schüler blieben nicht lange wirklich herzliche; doch verbarg Beethoven seine Unzufriedenheit, und es erfolgte kein Bruch. Wenn er auch in späteren Jahren leider oft zu wenig um die Zukunft besorgt war und zu sehr seinem eigenen Willen nachgab, so war er doch damals dem Kurfürsten für sein Verhalten verantwortlich, und Haydn war überdies ein zu wertvoller und einflußreicher Freund, um ihn mutwillig aufzugeben. Welche Gefühle er also auch insgeheim gehegt haben mag, er verschloß sie in sich, ging [358] regelmäßig in die Unterrichtsstunden und traktierte, wie oben bemerkt, gelegentlich seinen Lehrer mit Schokolade und Kaffee. Die Bekanntschaft mit dem Fürsten Esterhazy wurde mutmaßlich durch Haydn vermittelt; und Neefe erzählt uns, daß letzterer Beethoven bei seiner zweiten Reise auch nach England mitzunehmen wünschte. Warum wurde dieser Plan nicht ausgeführt? Verbot es der Kurfürst? Erlaubte es Beethovens Stolz nicht, als Haydns Schüler dorthin zu gehen? Hielt ihn der Eifer für seine kontrapunktischen Studien davon ab? Oder waren seine Beziehungen zum österreichischen Adel schon derartige geworden, daß sie in ihm größere Hoffnungen auf Erfolge in Wien erweckten, als ihm Haydn in London versprechen konnte? Pekuniäre Gründe sind jedenfalls nicht hinreichend, die Nichtausführung des Planes zu erklären; denn Haydn, welcher das Londoner Publikum jetzt kannte, konnte leicht alle Schwierigkeiten nach dieser Seite hin beseitigen. Neefes Brief wurde gegen Ende September 1793 geschrieben, als, wie er sagt, schon mehrere Nachrichten nach Bonn gekommen waren, daß Beethoven große Fortschritte in der Kunst gemacht habe. Diese Nachrichten kamen, wie wir wissen, teilweise von Haydn und zeigen klar, wie grundlos Beethovens Verdacht war, Haydn meine es mit ihm nicht gut (Ries S. 85), was sich ja auch mit dem Plane, ihn mit nach England zu nehmen, nicht vereinigen ließe. Jedenfalls erklärt dieser Verdacht, neben den oben angedeuteten Gründen, hinreichend die Abreise des Meisters nach London ohne die Gesellschaft seines Schülers, welcher jetzt (Januar 1794) Albrechtsberger übergeben wurde15.

Unter den zahlreichen Notizen des mehrfach erwähnten Tagebuches finden sich nur zwei, welche mit einiger Sicherheit auf ein späteres Datum, als 1793, bezogen werden können; eine derselben ist diese:


»Schuppanzigh 3 mal die W. (Woche?) Albrechtsberger 3 mal die W. (Woche?).«


Daraus folgt mit Notwendigkeit, daß Beethoven das Jahr 1794 mit drei wöchentlichen Stunden im Violinspiel bei Schuppanzigh [359] (wenn nicht etwa die Jugend des letzteren eine solche Folgerung ausschließt) und mit drei Stunden im Kontrapunkt bei dem damals berühmtesten Lehrer dieser Wissenschaft, Albrechtsberger, begann. Seyfried versichert, daß die Studien bei letzterem zwei Jahre hindurch mit rastloser Beharrlichkeit fortgeführt wurden. Unsere Darstellung wird aber zeigen, daß andere Dinge einen großen Teil von Beethovens Tätigkeit im Jahre 1795 in Anspruch nahmen, und daß lange vor dem Schlusse dieses Jahres sein Kursus bei Albrechtsberger zu Ende ging.

Über die Gegenstände und die Beschaffenheit des Unterrichts bei Albrechtsberger halten wir uns wieder an die Untersuchungen Nottebohms16. Der Unterricht, welchem vorzugsweise Albrechtsbergers »Anweisung zur Komposition« zugrunde lag, begann wieder mit dem einfachen Kontrapunkt, über welchen Beethoven jetzt genauere Belehrung erhielt, als ihm bei Haydn zuteil geworden war; Albrechtsberger schrieb ihm Regeln auf, Beethoven sich selbst desgleichen und lieferte dann eine große Anzahl von Übungen zu zwei festen Gesängen, die Albrechtsberger nach den Regeln des strengen Satzes verbesserte. Es folgten kontrapunktische Übungen im freien Satze, in der Nachahmung, dann die zwei-, drei- und vierstimmige Fuge, die Choralfuge, der doppelte Kontrapunkt nach seinen verschiedenen Lagen, die Doppelfuge, der dreifache Kontrapunkt, der Kanon; letzterer nur kurz, da hier der Unterricht abbrach. Vielfach arbeitete Beethoven in Gegenwart und unter der unmittelbaren Mitwirkung Albrechtsbergers. Der letztere ist offenbar mit voller Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit zu Werke gegangen und zeigt sich überall bereit, dem Schüler behilflich zu sein. Wenn er uns zuweilen etwas umständlich und schablonenhaft zu verfahren scheint, so ist zu bedenken, daß eine anhaltende Schulung durch feste Regeln, auch wenn sie der selbständige Künstler nicht mehr anwendet, der Entwicklung desselben nottut, und daß nur auf diesem Grunde sich das freie Schaffen aufbauen kann. Das wußte auch der junge Beethoven, und jede Zeile der Übungen zeigt, wie er mit vollem Interesse und in eifriger Arbeit bei der Sache war17. Das war besonders bei den Übungen im Kontrapunkt und in [360] der Nachahmung der Fall, in welchen er bestrebt war, Fehler vermeiden zu lernen, und welche auch in seinem eigenen Schaffen von deutlich erkennbarem Erfolge waren. Mehrere der nach dem Unterricht geschriebenen Kompositionen lassen erkennen, wie er »von einer überwiegend figurativen zu einer mehr kontrapunktischen Schreibart geführt wurde«. Weniger war das bei der Fuge zu bemerken, in welcher der Unterricht selbst nicht ohne Mängel war und der Schüler mehrfach mit geringerer Sorgfalt arbeitete. Die einengenden Regeln verleideten ihm zuweilen die Arbeit; »er befand sich in dem Alter, in dem man gemeiniglich lieber angeregt als unterrichtet sein will«, wobei seine eigensinnige Natur mit im Spiele war; man kann hinzufügen: in welchem er sein geniales Geschick in Erfindung und Gestaltung schon anderweitig betätigt hatte. Wenn er denn auch bei Albrechtsberger eine vollständige Durchbildung in der Fugenform nicht gefunden hat, so hat er doch die Bestandteile der Fuge und die Mittel der fugierten Schreibart anwenden gelernt. Auch hat Beethoven alle diese Lehren in späterer Zeit noch zum Gegenstande eifrigen Selbststudiums gemacht und ist gerade in den Arbeiten seiner letzten Jahre mit Vorliebe zur fugierten Schreibart zurückgekehrt. Nichts ist verkehrter, als bei Beethoven die Mängel der theoretischen Vorbildung zu betonen. Wenn Beethoven schon bei Albrechtsberger, mehr aber noch in seinen selbständigen Werken manche der strengen Regeln nicht beachtete, so geschah das nicht, weil er sie nicht anwenden konnte, sondern weil er sie geflissentlich außer acht ließ. Schon in jenen Übungen kann man Stellen finden, in welchen zwar einzelne jener Regeln verletzt sind, in welchen aber das unbefangene Gehör den Schüler freispricht. Denn jene Regeln sind nicht Selbstzweck, und trotz aller künstlichen Systeme ist es der Entwicklung der Kunstmittel, ist es namentlich dem vorwärts weisenden Genie vorbehalten, zu zeigen, was in denselben bleibende Bedeutung behält, und was als veraltet gelten muß. Beethovens Natur war dahin gerichtet, die Tonkunst als Mittel zur Darstellung der Seelenbewegung zu verwenden, die Melodie freizumachen und das, was ihn bewegte, in den freien Formen zu gestalten, welche durch Ph. Em. Bach, Mozart, Haydn und die neben ihnen schaffenden ausgebildet waren. In diesem Streben hatte er sich bereits, als der theoretische Unterricht in Wien begann, als »starken Streiter« bewährt, und es ist erklärlich, daß ihm das Einengen in starre Regeln nicht selten unbequem war. Er wurde es allmählich [361] müde, »musikalische Gerippe zu schaffen«18. Um so mehr ist es anzuerkennen, ja zu bewundern, daß der schon so hoch gestiegene junge Künstler sich zunächst mit voller Entäußerung seiner Schaffenskraft dem Zwange der Regeln hingab und in gewissenhafter Übung derselben Befriedigung fand.

Nottebohm hat die Wahrnehmungen, welche die Durchforschung des Nachlasses ihm aufdrängte, in folgender Weise zusammengefaßt. Er schickt voraus, daß Beethoven seit 1785 sich die Schreibweise Mozarts immer mehr zu eigen gemacht; dann fährt er fort: »Der Unterricht bei Haydn und Albrechtsberger hat ihm dann neue Formen und Ausdrucksmittel zugeführt, und diese haben eine Umwandelung seiner Schreibart bewirkt. Die Stimmen haben an melodischer Ausbildung und an selbständiger Führung gewonnen. An die Stelle der früheren Durchsichtigkeit ist eine gewisse Dichtigkeit des Stimmgewebes getreten. Aus einer homophonen Zwei- und Mehrstimmigkeit ist eine reale geworden. Das frühere bloße, obligate Accompagnement' ist einer mehr auf Kontrapunktik beruhenden obligaten Schreibart gewichen. Beethoven hat das Prinzip der Polyphonie angenommen. Dabei ist der Satz reiner geworden, und es ist beachtenswerth, daß die bald nach dem Unterricht geschriebenen Werke zu den reinsten gehören, die Beethoven geschrieben hat. – Wohl leuchtet auch jetzt noch das Vorbild Mozarts durch. Wir suchen es aber jetzt weniger in der Art zu figuriren oder zu kontrapunktiren, als in der Form und in anderen Dingen, welche mit der kontrapunktisch obligaten Schreibart nur mittelbar zusammenhängen. In ähnlicher Weise kann von anderen Einflüssen gesprochen werden, so von dem Joseph Haydns. Auch dieser Einfluß ist nicht kontrapunktischer Art. Beethoven hat auf dem Grunde seines erworbenen und ererbten Besitzes weiter gebaut. Er hat die überkommenen Formen und Ausdrucksmittel in sich verarbeitet, fremde Einflüsse allmählich ausgeschieden und, dem Drange seiner subjektiven, aufs Idiale gerichteten Natur folgend, sich einen eigenthümlichen Styl geschaffen.«

Dieses Urteil gewährt einen weiten Ausblick auf Beethovens ferneres Schaffen; es läßt erkennen, wie sehr wir es zu bedauern haben, daß es Nottebohm nicht mehr beschieden gewesen ist, seine grundlegenden Untersuchungen [362] über Beethovens Stil nach der technischen Seite hin fortzusetzen und zu Ende zu führen.

Bekanntlich hat Seyfried in seinem 1832 erschienenen Buche: »Ludwig van Beethovens Studien im Generalbasse u.s.w.« alles, was er in dem erwähnten Teile von Beethovens Nachlaß an Übungen, Auszügen aus Lehrbüchern usw. vorfand, ohne alle Kritik und mit größter Willkür zusammengebracht und in eine Konfusion durcheinandergemengt, welche nur die Kenntnis, der Scharfsinn und die Ausdauer eines Nottebohm19 entwirren konnte. Seyfried stellte die Sache so dar, als ob alles, was darin vorkommt, dem Studium bei Albrechtsberger angehörte. »Man draucht wohl«, sagt Nottebohm S. 198, »weiter keine Worte zu verlieren, um die Unverträglichkeit einer solchen Darstellung mit dem Ergebniß unserer Untersuchungen nachzuweisen. In Wahrheit kann nur der kleinste Theil der, Studien' auf den Unterricht Beethoven's bei Albrechtsberger zurückgeführt werden. Das Meiste, was darin vorkommt, liegt außerhalb dieses Unterrichts und gehört, abgesehen von allen Aenderungen, andern Arbeiten an. Bei jenem kleinsten Theil hat es sich Seyfried nun gar bequem gemacht. Er hat nämlich von den von Beethoven geschriebenen Uebungen nur solche aufgenommen, welche ihm in Reinschrift oder deutlich geschrieben vorlagen. Diejenigen Uebungen, welche in Folge mancher Aenderungen schwer zu lesen sind, hat er weggelassen. So ist es zu erklären, wenn Seyfried von den Uebungen im strengen einfachen Contrapunkt keine einzige aufgenommen hat. Wollte man aus seinem Buche die dem Cursus bei Albrechtsberger angehörenden Stellen zusammenstellen, und könnte man hierbei absehen von allen Unrichtigkeiten: so würde man doch ein lückenhaftes und falsches Bild bekommen. Auch auf die Beethoven beigelegten Randglossen, mit denen das Buch Seyfried's so reich gewürzt ist, brauchen wir nicht näher einzugehen. Thatsache ist, daß in allen Handschriften, welche dem Unterrichte bei Albrechtsberger angehören, keine einzige von jenen ›sarkastisch hingeworfenen Randglossen‹ zu finden ist20. Beethoven's Randbemerkungen, welche darin vorkommen, und welche wir überall, wo es thunlich war, angeführt oder mitgetheilt haben, sind ganz anderer Art, als die von Seyfried gebrachten. Sie zeigen, daß Beethoven bei der Sache war und darauf einging. Es wäre [363] auch unerklärlich, was Beethoven hätte vermögen können, den Unterricht bei einem Lehrer fortzusetzen, mit dem er sich, nach Seyfried's Darstellung, schon beim einfachen Contrapunkt im Widerspruch befand. Stand es doch in seiner Macht, jeden Augenblick abzubrechen.«

Wir deuteten oben einen Zweifel an, ob Beethovens Studien unter Albrechtsberger sich weit über den Anfang des Jahres 1795 hinaus erstreckt hätten. Wenn alle jene Übungen, welche Seyfried zur Grundlage der »Studien« gemacht hat, wirklich in die Periode seiner Lehrjahre gehört hätten, dann würde allein ihre Quantität, in Verbindung mit den sonstigen Beschäftigungen des Schreibers, jene Annahme einer längeren Dauer rechtfertigen. Wenn wir aber bedenken, daß wohl die größere Hälfte dieser Manuskripte in eine um viele Jahre spätere Zeit gehört21, und wenn wir die große Leichtigkeit im Schreiben in Anschlag bringen, die Beethoven schon vor seiner Ankunft in Wien sich erworben hatte22, so deuten dieselben in keiner Weise auf einen Studienkursus, der nicht leicht beendet werden konnte in dem einen Jahre bei Haydn (und Schenk) und dem andern bei Albrechtsberger. Schönfeld (»Jahrbuch der Tonkunst für Wien und Prag«) nimmt an, daß Beethoven noch zu der Zeit, als er. schrieb (im Frühjahr 1795), Schüler des letzteren war, indem er sagt: »Ein redender Beweis seiner wirklichen Kunstliebe ist, daß er sich unserm unsterblichen Haydn übergeben hat, um in die heiligen Geheimnisse des Tonsatzes eingeweihet zu werden. Dieser große Meister hat ihn nun während seiner Abwesenheit unserm großen Albrechtsberger übergeben.« Offenbar liegt in diesen Worten nichts Entscheidendes, und doch sind sie das einzige, was die »zwei Jahre« Seyfrieds zu bestätigen scheint; während andererseits Wegeler, der während des ganzen Jahres 1795 viel mit Beethoven zusammen war, nirgendwo in seinen Notizen die geringste Anspielung auf ein Verhältnis seines Freundes als eines Schülers unter einem Meister macht.

Mit Rücksicht auf die Seitenzahl der für den Unterricht geschriebenen Übungen (160) und die drei wöchentlichen Stunden berechnet Nottebohm [364] die Zeit des Unterrichts auf etwa 15 Monate. Da sich nun unter den Übungen zum doppelten Kontrapunkt in der Dezime ein Entwurf zum zweiten Satze des Trios Op. 1, 2 befindet, diese Trios aber am 9. Mai 1795 als fertig angezeigt wurden, so war damals der Unterricht beendet oder seinem Ende nahe. Hiernach wird das Ende zwischen März und Mai 1795 anzusetzen sein.

Der dritte in der Reihe von Beethovens Wiener Lehrern war der kaiserliche Hofkapellmeister Anton Salieri23; doch war dieser Unterricht kein systematischer und nicht an bestimmte Stunden gebunden; Beethoven machte von der Willfährigkeit Salieris Gebrauch, »wenig bemittelten Musikern unentgeltlich Unterricht zu ertheilen«. Sein Wunsch war, in der Gesangskomposition beraten zu werden. Er legte ihm Kompositionen italienischer Gesangtexte vor, welche dann Salieri mit Rücksicht auf Betonung und Ausdruck der Worte, Rhythmus und metrische Gliederung, Abschnitte des Gedankens, Stimmung, Sangbarkeit und diesem allem entsprechende Führung der Melodie verbesserte. Auch diesen Übungen hat sich Beethoven, wie ja das Verhältnis überhaupt seiner Initiative entsprang, mit Eifer und Fleiß hingegeben, und sie sind in seinem Schaffen von erkennbarem Erfolge gewesen. Er hat fortan auch in seinen deutschen Gesängen den Text »sowohl in seiner prosodischen Beschaffenheit, als in Betreff seines Inhalts und der vorgezeichneten Situation, ungleich sorgsamer behandelt, als in seinen früheren Liedern«, und hat sich die Methode des Deklamierens angeeignet24. Daß freilich auch über die Zeit hinaus, in welcher Beethovens Stil sich selbständig entwickelte, Salieris Einwirkung sich erstreckt habe, wird nicht behauptet werden können, da späterhin noch mannigfache andere Einflüsse sich geltend machten.

Dieser Unterricht begann bald nach Beethovens Ankunft in Wien und dauerte in der angegebenen zwanglosen Weise jedenfalls bis 1802; doch hat er Salieri auch später noch bei der Komposition ähnlicher, namentlich italienischer Gesänge zu Rate gezogen. Nach einer Erzählung Czernys fand Salieri beim Unterricht die Melodie einer Arie nicht passend. Den andern Tag sagte er zu Beethoven: »Ihre Melodie kann ich gar aus dem Kopfe nicht los werden.« »Nun, Herr von Salieri«, antwortete Beethoven, »da kann sie doch nicht so ganz schlecht gewesen sein.« Das mag noch in frühere Zeit fallen; aber aus einer Mitteilung von Moscheles geht hervor, daß er noch um 1809 mit Salieri in Verbindung stand. [365] Moscheles, welcher um jene Zeit in Wien war, fand auf Salieris Tisch einen Zettel, auf welchem mit Lapidarschrift geschrieben stand: »Der Schüler Beethoven war da!«

Ries sagt, wo er von den Beziehungen Beethovens zu Haydn, Albrechtsberger und Salieri als seinen Lehrern spricht (S. 86): »Ich habe sie alle gut gekannt; alle drei schätzten Beethoven sehr, waren aber auch einer Meinung über sein Lernen. Jeder sagte: Beethoven sei immer so eigensinnig und selbstwollend gewesen, daß er manches durch eigene harte Erfahrung habe lernen müssen, was er früher nie als Gegenstand eines Unterrichts habe annehmen wollen. Besonders waren Albrechtsberger und Salieri dieser Meinung; die trockenen Regeln des Erstern und die unwichtigeren des Letzteren über dramatische Kompositionen (nach der ehemaligen Italienischen Schule) konnten Beethoven nicht ansprechen.« Das selbstwollende Wesen Beethovens wird sich gewiß auch jenen Männern gegenüber gelegentlich fühlbar gemacht haben; im übrigen aber muß nach unserer jetzigen Kenntnis betont werden, was Ries zu beobachten nicht Gelegenheit hatte, daß jene »trockenen Regeln« Beethoven recht wohl ansprechen konnten, da sie einen Teil seines theoretischen Studiums bildeten, und daß dieses Studium der musikalischen Theorie, dem er ja sein ganzes Leben hindurch treu blieb, gerade einen besonderen Reiz für ihn hatte. Wenn Beethoven sich selbst im Anschluß an den Unterricht Regeln ausschreibt, oder wenn er einmal bei dem gewagten Eintritte eines Intervalls an den Rand schreibt: »ist es erlaubt?« (s. o. S. 361), so deutet das nicht auf einen widerwilligen Schüler. Allerdings soll Albrechtsberger später zu Doleczalek, der ihm eine Arbeit über ein Quartett von Beethoven brachte, gesagt haben: »gehen Sie mit dem nicht um, der hat nichts gelernt und wird nie etwas ordentliches machen«, wie er ihn auch gelegentlich »einen exaltirten musikalischen Freigeist« nannte. Aus solchen Worten mag der fortwirkende Unmut des verdienten Theoretikers über den, sicher von Beethoven veranlaßten vorzeitigen Abbruch des Unterrichts herausklingen; daß sie den Tatsachen nicht entsprechen, leuchtet ein; und die Bemerkung darf wohl gewagt werden, daß der in der Pflege der Theorie ergraute Meister eine Künstlernatur wie die Beethovens nicht verstanden hat.

Nach der Meinung des Verfassers bringt hier, wie in andern Fällen, die einfache Bezeichnung der Schwierigkeit zugleich deren Lösung mit sich. Beethoven als Schüler folgte bei allem, was er in dem durch dieses Verhältnis bedingten Charakter schrieb, durchaus aufrichtig und gewissenhaft [366] den Vorschriften seiner Lehrmeister; Beethoven als Komponist aber stand auf eigenem Boden, folgte seinem eigenen Geschmack und Triebe, schrieb und schuf, keiner anderen Kontrolle unterworfen. Er bezahlte Albrechtsberger, damit ihn dieser im Kontrapunkt unterrichte, nicht damit er Zensor und Kritiker seiner Kompositionen sei. Daher mag Ries wohl in seiner Erinnerung sich getäuscht haben hinsichtlich jener von dem alten Meister getanen Äußerungen, und er mag auf den Schüler bezogen haben, was volle dreißig Jahre vor her über den Komponisten gesagt war25.

Daß Beethoven mit Salieri auch später freundliche Beziehungen erhielt, wurde bereits erwähnt. Erwähnt sei nur noch, daß ihm die drei ViolinsonatenOp. 12, welche 1799 erschienen, gewidmet sind. Von einer Widmung an Albrechtsberger ist nichts bekannt26. Nach der Erzählung von Albrechtsbergers Enkel Hirsch soll ihn Beethoven einen »Musikpedanten« genannt haben27; doch mag in der Bereitwilligkeit, sich des jungen Hirsch anzunehmen, ein Rest von Dankbarkeit gegen seinen alten Lehrer sich zu erkennen gegeben haben.

Wir haben nunmehr unsere Aufmerksamkeit auf die Beziehungen Beethovens zur Wiener Gesellschaft außerhalb seines Unterrichts zu richten.

Fußnoten

1 In O. Jahns Aufzeichnungen heißt es nach Erinnerung von K. Holz: »Er wohnte zuerst in einem Dachstübchen im Hause des Buchdruckers Strauß in der Alservorstadt, wo es ihm kümmerlich ging.« Durch neuere Ermittlungen hat sich dies als richtig erwiesen. Beethoven wohnte zuerst in einer Dachstube, dann (bald nachher) im Erdgeschoß des Hauses Nr. 45 Alserstraße beim Buchdrucker Strauß; das jetzt an der Stelle stehende Haus trägt die Nummer 30. In demselben Hause wohnte auch Fürst Lichnowsky, der ihn später bei sich aufnahm. Bis Mai 1795 blieb er in diesem Hause. Vgl. den Aufsatz Frimmels »Beethovens Wohnungen in Wien« in der N. Fr. Pr. 1899, 11. August. Anm. d. Herausg.


2 »1792, Dec. 18 obiit Joannes Beethoff« sagt das Sterbebuch der St. Remigiuspfarre.


3 In der Rechnung von 1793–94 findet sich die Bemerkung »cessat in Zukunft« und »vide Beleg p. 116. nro 13«. Diese Belege fehlen jetzt. Anm. d. Herausg.


4 »Haydn hat hieher berichtet, er würde ihm große Opern aufgeben, und bald aufhören müssen zu componiren.« [Vgl. S. 331 Anm. 1, wo bereits angedeutet war, daß Haydns Worte wohl nur ironisch zu verstehen sind. Es mag eine gutmütige Ironie gewesen sein. An ein »Aufhören zu komponieren« hat er gewiß nicht gedacht. Anm. d. Herausg.]


5 Daß Beethoven durch Zmeskall zu Haydn geführt worden wäre, wie das Fischhoffsche Manuskript sagt, ist unwahrscheinlich. Beethoven war ja bereits mit Haydn bekannt. S. auch weiter unten. Anm. d. Herausg.


6 Als Nottebohm die Untersuchungen über Seyfrieds Buch »Beethovens Studien« zusammenstellte, hat er sich bereits über den Unterricht bei Haydn geäußert (Allg. Mus. Ztg. 1863 S. 717, 721, 1864 S. 153. J. Beethov. S. 171, 197). Dann hat er dem Gegenstande eine weitere besondere Untersuchung gewidmet, deren Ergebnisse in seinem Buche »Beethovens Studien« S. 21–43 niedergelegt sind. Die Übungen bei Haydn und Albrechtsberger und die sonstigen theoretischen Auszüge Beethovens besitzt jetzt die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Anm. d. Herausg.


7 »Unter dem strengen Satze verstehe ich den, der für bloße Singstimmen ohne alle Begleitung eines Instruments verfertigt wird. Er hat mehr Regeln als der freye. Die Ursache davon ist, weil ein Sänger die Töne nicht so leicht findet, als ein Instrumentist« usw. Albrechtsberger, Anweisung zur Komposition. (3. Aufl.) S. 17. –


8 Nottebohm hatte früher (Allg. Mus. Ztg. 1864 S. 153, J. Beethov. S. 198) vermutet, der Unterricht bei Haydn habe mit der Harmonielehre und mit Generalbaßübungen begonnen, »wobei dann wohl das System von Ph. E. Bach zu Grunde gelegt werden konnte«. Diese Vermutung hat er in »Beethovens Studien« S. 43 nicht wiederholt; es ist auch bei der bereits vorhandenen Bonner Vorbildung und den schon vorliegenden Kompositionen nicht wohl anzunehmen, daß der Lehrer mit den elementarsten Dingen begonnen habe. Anm. d. Herausg.


9 Was aus Schenks handschriftlicher Selbstbiographie geworden ist, ist uns unbekannt. Sie befand sich in der Sammlung von Fuchs und wurde dort von O. Jahn eingesehen, welcher den auf Beethoven bezüglichen Teil daraus abschrieb. Aus Jahns Nachlaß erhielt nebst vielen anderen Beiträgen der Verfasser dieser Biographie auch diese Erzählung (Abschrift) und machte sie im Anhang des 2. Bandes der ersten Auflage (S. 411) bekannt. Vgl. dort des Verfassers Bem. S. 410. Die Erzählungen bei Schindler (I, S. 27) und im »Freischütz« haben Schenks Mitteilung zur Grundlage und dürfen daher hier jetzt fehlen. Anm. d. Herausg.


10 Haydn kehrte (nach Wurzbach) am 24. Juli 1792 wieder nach Wien zurück. Anm. d. Herausg.


11 Schenk irrt sich in der Jahreszahl, es muß 1793 heißen. Anm. d. Herausg.


12 Auch hier ist die Jahreszahl unrichtig; es muß 1794 heißen. Über die weiteren hieran sich anknüpfenden Fragen s. u. Anm. d. Herausg.


13 Schenk, geboren am 30. Nov. 1761, starb am 29. Dez. 1836. Daß ihm Beethoven noch bis spät seine Zuneigung bewahrt, erfahren wir aus der hübschen Erzählung bei Schindler I, S. 31. Anm. d. Herausg.


14 Der Herausgeber ist hier von Thayers Annahme abgewichen, der (1. Aufl. I, S. 262) den Brief dem Jahre 1793 zuschrieb, den Anfang des Unterrichts bei Schenk in den Anfang (vielleicht Januar) 1793 verlegt, was ganz unmöglich ist, und ihn bis Ende 1793 dauern läßt. Thayer hatte damals noch keine Kenntnis von Schenks eigener Darstellung und würde bei erneuter Bearbeitung seine eigene gewiß geändert haben. Wenn Thayer weiter anführt, Schenk sei im Sommer Gast des Fürsten Auersperg auf dessen Gütern gewesen, so beruht dies (nach einem in seinem Handexemplar beigefügten Blatte) auf einer Mitteilung Seyfrieds in der Neuen Zeitschrift für Musik Bd. XII (1840) S. 180 bei Gelegenheit eines »Commentars« zu Lysers Erzählung über denselben Gegenstand. Seyfried schreibt: »Mehr als Hausfreund, als abhängig von Mäcenaten-Gunst, brachte Schenk den Sommer des Jahres 1794 höchst vergnügt auf den Gütern des kunstsinnigen Fürsten Carl von Auersperg zu, für dessen Schloßtheater er auch einige Operetten in Musik setzte, und bei jedem späteren Besuche stets wie der willkommenste Gast aufgenommen und behandelt wurde.« Der unbestimmte Ausdruck »den Sommer« schließt keineswegs aus, daß Schenk Ende Mai oder Anfang Juni noch in Wien war. – Übrigens hatte bereits Marx (Bd. I, S. 22 der 3. Aufl.) vermutet, daß obiges Briefchen zwischen den Zeilen den Abbruch des Lehrverhältnisses zu Schenk enthalte; ob sogar die Reise selbst zu diesem Zweck angetreten wurde (Nohl II, S. 46) entscheiden wir nicht. Anm. d. Herausg.


15 Johann Georg Albrechtsberger, geboren am 3. Febr. 1736 zu Klosterneuburg, gestorben 7. März 1809 zu Wien, war damals Kapellmeister an S. Stephan. – Die später zu erwähnenden Worte Schönfelds, Haydn habe ihn »nur während seiner Abwesenheit unserm großen Albrechtsberger übergeben«, zeigen, daß der Unterricht bei letzterem unmittelbar auf den bei Haydn folgte. Das Fischhoffsche Manuskript sagt kurz: »Als Haydn 1795 [vielmehr 1794] nach England reiste, wurde B. Schüler des Albrechtsberger.« Anm. d. Herausg.


16 Beethovens Studien S. 47–203. Vgl. auch Nottebohms Beethoveniana S. 173 fg. Jeden, der sich näher unterrichten will, müssen wir auf diese Arbeiten verweisen; die Lebensbeschreibung muß sich auf das Ergebnis beschränken. Anm. d. Herausg.


17 An einer Stelle schreibt Beethoven einen unvorbereiteten Septimenakkord mit einem Vorhalt an den Rand und fügt hinzu: »ist es erlaubt?« Notteb., Beeth. Studien S. 196. Anm. d. Herausg.


18 Diesen Ausdruck braucht Beethoven in einem Schreiben an die Zeitschrift Cäcilia (Vgl. Nohl, Briefe B. Nr. 328) aus dem Jahre 1825 (22. Jan.) in scherzhafter Anspielung auf Albrechtsberger. Es ist unseres Wissens das einzige Mal, daß er Albrechtsberger später brieflich erwähnt hat. Anm. d. Herausg.


19 Vgl. Beethoveniana (1872) XXIX, S. 154f., Wiederholung und Umarbeitung der Artikel in der Allg. Mus. Ztg. von 1863 und 1864. Anm. d. Herausg.


20 Der Verfasser, welcher diese Handschriften zu verschiedenen Zeiten genau untersucht hat, kann das Gesagte vollständig bestätigen.


21 Vgl. Bd. III2, S. 135 u. 150 (1809 gemachte Auszüge zum Gebrauch beim Unterricht des Erzherzogs Rudolf).


22 Der Verfasser meint hierbei wohl die bereits erworbene Geschicklichkeit und Sicherheit, die Formen zu handhaben, und die Schnelligkeit der Auffassung; daß Beethoven nicht schnell arbeitete, wußte er wohl und hat es auch an einer anderen Stelle ausgesprochen. Anm. d. Herausg. [Vgl. Anm. 1 zu S. 188; daß Beethoven schnell schreiben konnte, steht fest. H.R.]


23 Nottebohm, Beethovens Studien S. 207–232. Anm. d. Herausg.


24 Nottebohm, Beeth. St. S. 230, 231.


25 Der Herausgeber hat geglaubt, die vorstehende Äußerung des Verfassers unverkürzt wiedergeben zu sollen, kann aber nicht unterlassen, seinem Bedenken gegen diese scharfe Scheidung des Schülers und des Komponisten Ausdruck zu geben.


26 Nohl, Bd. II, S. 51.


27 Vgl. Frimmel, Neue Beethov. S. 160.

Quelle:
Thayer, Alexander Wheelock: Ludwig van Beethovens Leben. Band 1, 3. Auflage, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1917.
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