34. An Keferstein.

[375] Leipzig, den 8. Februar 1840.


Mein verehrtester Herr und Freund,

Läge es nicht gar so sehr außer der Jahreszeit, so wäre ich nach Ihren freundlichen Zeilen am liebsten gleich selbst zu Ihnen aufgebrochen, mir den bewußten Hut zu holen, und vorzüglich noch Ihnen dies und jenes zu sagen, dies und jenes aus meinem erregten Leben mitzutheilen. Viel Schmerzliches und Freudiges hätte ich Ihnen da zu berichten, wie ich schon in meinem letzten Briefe Ihnen andeutete. Freude giebt mir Klara durch das was sie ist und mir später werden will; die Schmerzen aber ihr Vater,....... Sie wissen vielleicht, daß Klara und ich die Hülfe des Gerichts in Anspruch nehmen mußten, nachdem uns nichts mehr übrig blieb gegen die üble Behandlung. So schwebt die Sache im Augenblick, und ist auch nicht die geringste Besorgniß, daß sie zu unsern Ungunsten enden könnte, so kann es doch wohl noch ein halb Jahr währen, bis wir den Consens erhalten. – – – – So stehen die Sachen, mir traurig genug. – – – – – – – – Nun dachte ich eben, würde mir die Promotion, wegen der ich Sie um gütigen Aufschluß bat, gerade jetzt von großem Nutzen sein, [375] beim Publikum, wie bei dem Alten selbst, der vielleicht einigermaßen dadurch besänftigt und zum Schweigen gebracht würde. Zürnen Sie mir nicht, mein verehrtester Freund, daß ich noch einige Fragen und Bitten an Sie richte.

Die akademische Doktorwürde wünschte ich unter zwei Bedingungen zu erlangen, entweder daß ich mich ihrer durch eine noch zu leistende Arbeit würdig machte, oder daß mir das Diplom mit Hindeutung auf meine früheren Leistungen als Componist und Schriftsteller ausgestellt würde. Das Erstere wäre das Beschwerlichere, das zweite freilich das Erfreulichere und mir am meisten Nutzende. Stehen Sie mir mit gutem Rath noch einmal bei. Lateinisch kann ich nur wenig; aber zu einer tüchtigen deutschen Abhandlung fühl' ich schon eher Kraft. So bin ich jetzt in Vorbereitungen zu einem Aufsatz über Shakespeare's Verhältniß zur Musik, seine Aussprüche, seine Ansichten, die Art, wie er Musik in seinen Dramen anbringt etc. etc., ein äußerst reiches und schönes Thema, dessen Ausarbeitung freilich einige Zeit verlangte, da ich doch den ganzen Shakespeare dazu durchlesen muß. Dielten Sie aber solch eine Arbeit nicht für nöthig oder für passend, so versuchen Sie aus Theilnahme für Klara und mich vielleicht das Andere, ob mir das Diplom nicht mit Hinweis auf meine früheren Arbeiten ausgefertigt werden könnte. Ich bin so frei, Ihnen zu diesem Behufe eine Reihe Aufsätze von mir selbst, und Anderer über mich24 mitzuschicken, beides wie ich es in der Schnelligkeit zusammenbringen konnte, lege Ihnen auch einige Diplome bei, sende später, wenn es verlangt wird, das Sittenzeugniß einer hiesigen Behörde, wie das curriculum vitae, wie auch in jedem Fall die gebräuchlichen Promotionsgebühren, von denen Sie mir schrieben. Wollten Sie nun dann nicht noch einen Gang zu dem Hrn. Dekan für mich thun und ein gutes Wort für mich sprechen, ihm vielleicht von meiner Stellung in der musikalischen Welt sagen, auch, da es kein Geheimniß mehr ist, von der zu Klara, von unsern Leiden, die uns ihr Vater gemacht, wie mir die Erlangung jener Würde gerade jetzt von Bedeutung und Nutzen wäre, wo das Publikum so viel, so verwirrt über uns durcheinander spricht. Mit einem Worte also zu schließen, es liegt mir daran, nicht allein daß es heißt, ich bin das und das geworden, sondern es soll auch ein Grund dazu im Diplom angegeben [376] sein. So habe ich mir sagen lassen, ein hiesiger geschätzter Theolog habe vor Kurzem auf ähnliche Weise bei Ihnen promovirt, nämlich ohne Dissertation, aber mit Berichtigung der üblichen Gebühren. Ist dem so?

Und dann noch die Frage, lautet das Diplom, im Fall ich nun es durch eine Dissertation erlangte oder nicht, auf einen Dr. der Musik? Was mir' freilich das Liebste wäre. Geben Sie mir, wenn Sie so freundlich sein wollen, eine Auskunft über die Form, in der das Diplom, auf eine oder die andere Weise erlangt, ausgestellt sein wird, und sein Sie Klara's und meines Dankes gewiß, den wir Ihnen denke ich, doch bald auch einmal mündlich sagen werden, wenn Sie uns nicht vorher vielleicht in unserer eigenen Behausung aufsuchen wollten.

Klara, der ich Ihren letzten Brief in diesen Tagen schicke (sie ist im Augenblick in Hamburg mit der Mutter), wird Ihnen wohl selbst antworten und danken für das Wohlwollen, mit dem Sie über sie zu mir gesprochen; sie ist so wie Sie sie schildern; ein seltenes Wesen, das eine Fülle von schönen Eigenschaften in sich schließt.

Ihre Erinnerung an mich denke ich durch die Beilage ein wenig aufzufrischen; sehen Sie sich das Bild freundlich an. Es ist nicht ganz getroffen, obwohl von einem Meister gezeichnet; ein Beispiel, daß auch ein Meister einmal fehlen kann. Doch hat es den Grundzug, glaub' ich. Hängen Sie mich auf, so nicht neben den andern rezensirenden DD's hier und in Stuttgard, – lieber zu Sebast. Bach, den ich doch gar zu gern einmal Orgel spielen hören möchte. Da fang' ich an zu phantasiren.

Meine herzlichsten Grüße noch.

Ihr

ergebenster

R. Schumann.


Ueber Anderes in Ihrem Brief nächstens. Das Honorar für die Zeitung ist mein Geschäft. Vielleicht setzen Sie mir ein paar contraktliche Worte auf, die ich dann unterzeichne und besiegele. Senden Sie mir bald für die Zeitung.


Quelle:
Wasielewski, Wilhelm Joseph von: Robert Schumann. Bonn 31880, S. 375-378.
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