[634] »Berlin, den 24. December 1825 (Weihnachtsabend).
Gestern ist Maria von Weber's neueste Oper Euryanthe auf unserm Theater mit vorentschiedenem Beifall gegeben worden.
Zu Wien, Dresden u. a. O. hat das Werk nicht greifen wollen, was seine hundert Ursachen haben mag. Das Gedicht will sich nicht exponiren. Graf Brühl hat es hier so imponirt ausgestattet, wie es dem Freunde, dem Intendanten wohl ziemt und der historisch-romantischen Oper zukommt.
Nach dem Stücke ward Alles gerufen. Zuerst der Componist, der sich schon nach dem ersten Akte zeigen mußte und alle Aufmunterung des angespannten Fleißes verdient, dem ein kranker Körper doppelt lästig ist.
Darauf ist denn noch geschmaust und geschwatzt worden, was [635] endlich völlige Befriedigung, ja Versöhnung wirkt. Mehrere Freunde zogen den Componisten mit sich, die Chöre der Sänger und Hörer folgten und so hat der Saus und Braus bis gegen Morgen hingehalten.
Daß ich altes Stück dabei nun auch immer sein muß, braucht Dich nicht zu wundern, weil ich nicht der Narr sein will, mit den Schmälern zu Winkel zu gehen und mich am Wohlergehen Eines Menschen in der Welt zu ärgern.
Was ich mir kann gefallen lassen, nur darüber kann ich urtheilen, und was mir gefällt, darüber brauch' ich nicht zu urtheilen. Da bleibt man in der Mitte und die Besten stehen einem am nächsten.«
Das Fest bei Jagor, dessen Weber und Zelter Erwähnung thun, sollte ein frohes Zusammensein nach Kampf und Mühe werden. Aber es wollte kein recht heitrer Geist in Seelen, Herzen und Köpfe ziehen. Saß doch der Mann, dem der Lorbeer galt, in der fieberischen Aufregung des heißen Abends, mit der Gluth der Schwindsucht auf den eingefallenen Wangen, fast sprachlos, nur mit heiserer Stimme lispelnd, am Ehrenplatze, und manchen der echten Freunde, die ihn umstanden, überrieselte die Ahnung, daß es das letzte Fest sei, welches sie ihm bereiten konnten.
Schon vor Mitternacht mußte der todtmatte Meister den ihm zu Ehren versammelten Kreis verlassen. –
Auf ganz andern Standpunkt als in Wien stellte sich die Berliner Kritik der großen Tonschöpfung gegenüber.
Marx, Amadeus Wendt, Rellstab, Gubitz lieferten Besprechungen des Werkes, die dasselbe nach allen Seiten hin vollständig würdigten und der öffentlichen Meinung unter allgemeiner Beistimmung so trefflichen Ausdruck liehen, daß dem Künstler das Hochgefühl, verstanden worden zu sein, aus diesen Kundgebungen im reichen Maße zu Theil werden mußte.
Nach mühsam gefahrenen Dank-Visiten verbrachte Weber ein wehmüthiges Weihnachtsfest im Kreise der Beer'schen Familie, deren hohe Liebenswürdigkeit nicht im Stande war, die tiefen Wolken auf der Stirn des kranken Freundes zu verscheuchen, den oft beim Gedanken [636] an Daheim, an den Lichterbaum, um den seine Kinder sprangen und den er ihnen, wie er nur zu gut fühlte, nicht oft mehr anzünden könne, die Thränen in die Augen quollen. – –
Gern wäre er gleich am ersten Weihnachtstage abgereist, wenn Brühl ihm nicht gerathen hätte, noch einige Tage zu bleiben, weil dieß die Abwicklung seiner Geschäfte mit der Intendanz beschleunigen müsse. Und Weber lag jetzt in allen Dingen an Beeilung der Dinge!