Der 80. Geburtstag (26. November 1924)

[136] So ist es eben im Leben!

Je höher man hinaufsteigt, desto einsamer, stiller und kälter wird es um einen her. Einige von denen, welche die Höhenwanderung mitmachen wollten, sind schon unten zurückgeblieben, als es noch über die blumigen Wiesenhänge der Kindheit und Jugendzeit ging. Viele kamen nicht mehr mit, als die Wege steil und steinig über Felsenwände kletterten. Und für die allermeisten wurden die höher gelegenen, wild zerklüfteten Karrenfelder zu den »Gottesackerplateaux« ihres Lebens. Die höchsten Spitzen und Zacken und Grate erreichen nur ganz wenige. Daher ist es auch da oben auf den Firnhöhen so einsam, still und kalt. Und man muß froh[136] sein, wenn man wenigstens noch einen trifft von den vielen, die einst mit roten Pausbacken oder sonst einem Floribus aus dem Jugendgärtlein mit einem am Start des Lebens standen. Ich schaue mich um, ringsum! Aber ich sehe keinen einzigen mehr aus meinem Jugendland. »Vergebens spähe ich umher, ich finde ihre Spur nicht mehr!« ...

Nie tritt die Vereinsamung so schmerzlich in den Brennpunkt der Erinnerung als an großen Gedenktagen, wie z.B. der 80. Geburtstag einer ist. Das muß wohl der Grund dafür sein, daß das achtzigjährige Geburtstagskind gern und zuerst nach den Glückwunschschreiben der Achtzigjährigen greift. Auch an mich dachte einer an meinem 80. Geburtstage, zwar keiner aus dem Jugendland, aber doch ein Achtzigjähriger aus den Mannheimer Bekanntenkreisen. Es war der liebe getreue Nachbar meiner ersten Werkstätte. Der alte Hufschmied schreibt:

»Ich erinnere mich ganz gut, als Sie vor ungefähr vierzig Jahren mir sagten, Herr F., ich muß Ihnen in Ihr Handwerk pfuschen. Ich sagte, und worin besteht das? Da sagten Sie, daß man keine Pferde mehr braucht. Ich gab Ihnen wieder zur Antwort: Lieber heut wie morgen, denn wenn das Pferd beschlagen war, ist mein Geld mit 'nausgelaufen.«

Was der alte Mannheimer Nachbar da schreibt, ist richtig. Er hatte ein zu gutes Herz, und viele, die sich die Pferde beschlagen ließen, vertrösteten den braven Meister auf »Gotteslohn«.

Daß ich damals schon das Ende der »Pferdeepoche« prophezeite, zeigt zum mindesten, wie stark der Glaube an die kulturumwälzende Bedeutung meiner Erfindung war. Heute, wo mehr als 21 Millionen Automobile in der Welt herumfahren[137] und der Lastwagen in scharfem Vorstoß das zu teuer gewordene Pferd als Zugtier mehr und mehr verdrängt, ist der Tag nicht allzu schwer zu berechnen, wo mein Prophetenwort restlos in Erfüllung gehen wird. Dann dürfte man das Roß des Sonntagsreiters wie ein lebendig gewordenes Fossil aus einer früheren Zeit genau so lächelnd bewundern, wie man einst mich und meinen Wagen lächelnd anstaunte – als kämen wir aus Tausendundeiner Nacht.

Ein kleiner Zauberer ist so ein 80. Geburtstag. Was längst schon vergessen und verklungen schien, das zaubert er wieder hervor. Man hört läuten! Und es klingt wie das Glockengeläute an einem Pfingstmorgen draußen auf einsamer Anhöhe, wenn von den Türmen der nahen Dorfkirchen und der entfernten Stadtdome die Töne sich suchen und finden zu einem einzigen harmonischen Festakkord. Ja, an solchen Tagen läutet die Erinnerung mit allen Glocken. Aus jedem Telegramm und aus jedem Briefe- und ich erhielt zu meinem 80. Geburtstage deren mehrere Hunderte aus dem In- und Auslande – klingt und singt eine andere Erinnerung. Ich habe zu lange im Kampf gegen veraltete Zeitmeinungen und öffentliche Vorurteile in vorderster Feuerlinie gestanden, als daß ich mir aus äußeren Ehrungen und Auszeichnungen je viel gemacht hätte. Und der liebste Titel war mir immer der, den mir meine Eltern einst selbst in die Wiege legten. Aber trotz dieser »Immunität« haben die vielen Geburtstagsgrüße, die zwei Tage lang über meinen »Geburtstag« niederrauschten, eine herzhafte Freude ausgelöst – wie brennende Lichtlein am Weihnachtsbaum. Fast jeder Geburtstagsgruß hat wieder ein neues Lichtlein der Erinnerung aufgesteckt und es an einer andern Stelle[138] meines langen Lebenswegs aufleuchten lassen. Da sind zunächst meine einstigen »Lehrbuben«, die heute als tüchtige Meister, Chauffeure und Direktoren glückwünschend zu ihrem alten Lehrmeister kommen.

Zuschriften aus Arbeiter- und Mitarbeiterkreisen haben mich am tiefsten gerührt. Wer so wie ich seinen Weg machte, Stürmen und Unwetter zum Trotz, wer von der Pike auf diente, der hat für die Freuden und Leiden des Arbeiters ein natürlicheres Verständnis als mancher andere, der Not und Sorge in den ärmeren Volkskreisen nur vom Hörensagen kennt. Jeder rechte Arbeiter hatte an mir die beste Stütze. Für jeden setzte ich mich restlos ein, wenn aus irgendeinem Grunde die Gefahr der Entlassung drohte.

Das fühlten die Arbeiter. Und das mag auch der Grund sein, weshalb sie mich – allerdings nur unter sich und ohne daß ich jahrelang eine Ahnung davon hatte – den »Papa Benz« nannten. Aber wenn die Pfälzer das Wort Papa auch wie Baba aussprechen, so glaube ich doch, daß im Hinblick auf meine – keineswegs laxen – Erziehungsmaximen das Wort Papa mindestens mit einem harten P zu schreiben war.

Treue um Treue ist immer einer meiner wichtigsten Lebensgrundsätze gewesen. Treue um Treue – das zeigte sich auch in schöner Weise bei den Ehrungen, die mir anläßlich meiner Geburtstage gerade aus Arbeiterkreisen zuteil wurden.

Es gibt Auszeichnungen und Ehrungen, die einen so gleichgültig und kalt lassen, wie wenn ein Fremder flüchtig grüßt und vorübergeht.

Wenn aber der Benzsche Männerchor sich vor meinem[139] Ladenburger Tuskulum aufstellte und das Lied anstimmte: »Das ist der Tag des Herrn«, wenn dann im Anschluß an eine Rede schwielige Arbeiterhände mit dem Rufe: »Hoch, hoch!« sich in die Höhe reckten, dann war das ein Treugelöbnis, das mich allemal tief bewegte. Diese alte Anhänglichkeit übers biblische Alter hinaus muß wohl in einem anderen Nährboden wurzeln als in den himmelhohen Wolkenkuckucksheimen und grauen Theorien eines bolschewistischen Zeitalters.

Übrigens legte ich großen Wert darauf, daß die Arbeiter sich als lebendige Glieder eines einheitlichen, gemeinsamen Organismus fühlten. Keiner sollte im Notfalle seinen hilfebedürftigen Kollegen im Stiche lassen. Folgender aufregender Zwischenfall mag das im einzelnen dartun.

Es war frühmorgens, kurz nach sechs Uhr. Die Lampen brannten noch, als ich den Fabrikraum betrat. Da hörte ich, wie hinter einem Eisengestell zwei Männer schwer miteinander rangen. Sofort rief ich die Leute auf den nächsten Arbeitsplätzen zu Hilfe. Doch sie stellten sich taub und sahen nicht von der Arbeit auf.

Da trat ich näher und sah, wie ein baumlanger starker Mensch einen Meister an der Kehle hatte.

Ich bin von Natur aus kein Riese, aber in diesem Augenblick höchster Gefahr verlieh mir eine bis heute unerklärliche Macht Riesenkräfte. Wie mit eisernen Titanenarmen umschlang ich den Angreifer und drückte ihn in fester Umklammerung so dicht an mich, daß er – an die Wand gestellt jeden weiteren Angriffsversuch aufgab.

Der Angreifer wurde entlassen und mit ihm auf der Stelle auch die zwei »Tauben«. »Aber, Herr Benz, wir haben[140] Frau und Kinder daheim, und das ist doch der gefährlichste Raufbold von der Welt«, wenden sie ein. »Hilft nichts«, sage ich. »Wer so wenig Nächstenliebe übrig hat, wo Menschenleben auf dem Spiele stehen, den sehe ich bei mir nicht gerne an der Arbeit. Sie sind entlassen.«

Besondere Freude machten mir auch die Glückwunschschreiben der Technischen Hochschulen, von denen mir die in Karlsruhe einst das nötige wissenschaftliche Rüstzeug mitgab auf den Dornenweg des Erfinders.

Ihr Studenten der Technischen Hochschule zu Hannover, wißt ihr denn, daß ein echtes Burschenherz mit 80 Jahren noch so jung sein kann wie das eurige? Glaubt mir, wo Kommerslieder erklingen, da springen längst verschüttete Quellen wieder auf, und der Jubilar wird wieder jung, »so recht von Herzen froh, ein übermütiger Studio«. Eure Geburtstagsgrüße – durch keinen Geringeren übermittelt als durch euren Professor auf dem Lehrstuhl für Kraftwagenbau – haben viele liebe Erinnerungen aus meiner eigenen Studentenzeit wachgerufen. Werdet tüchtige Ingenieure! Denn die Ingenieure – nicht die Philosophierer und Zungenakrobaten – sind die Bahnbrecher einer besseren Zukunft.

Euer Lehrer, Geh. Regierungsrat Prof. Troske, schreibt:

»Als langjähriger Dozent für Kraftwagenbau ist es mir alljährlich im Abschnitt. ›Geschichte des Automobils‹ eine besondere Freude, Sie als den genialen Erfinder des Benzinkraftwagens meinen Hörern zu nennen und gleichzeitig diesen die Bauart Ihres ersten Wagens darlegen zu können, des Wagens, mit dem Sie bereits in den ersten Julitagen 1886, volle neun Monate vor Daimlers erster Ausfahrt, durch Mannheims Straßen gefahren sind.[141]

An Ihrem heutigen Ehrentage habe ich in der programmmäßigen Vorlesung über Kraftwagenbau Ihrer gedacht, und meine Hörer haben dies in studentischer Weise beifällig begrüßt, sich also meinem Glückwunsch angeschlossen.«

Kein vernünftiger Mensch wird es mir übelnehmen, daß ich in meinem biblischen Alter in der scharfen Kurve der Revolution von 1918 steckenblieb und den Ranken nicht mehr fand hinüber ins gelobte Land mit dem neuen Boden »der gegebenen Verhältnisse«. Tief empfunden und herzlich war daher auch die Freude über die Glückwünsche des Großherzogs Friedrich II. von Baden, des Prinzen Heinrich von Preußen und anderer Fürstlichkeiten.

Ich gebe es gerne zu: Die vielen Glück- und Segenswünsche aus allen Schichten des Volkes von Kapstadt bis Stockholm hatten für den einst verspotteten und verkannten Erfinder viel Versöhnliches. Mochten aber auch Liebe und Erinnerung mit allen Glocken läuten, ich weiß es nur zu gut – es ist ein Abendläuten.

Mag es verzittern und verklingen – eines fühle ich heiß: Die Liebe zum Erfinden höret nimmer auf. –

Quelle:
Benz, Carl Friedrich: Lebensfahrt eines deutschen Erfinders. Die Erfindung des Automobils, Erinnerungen eines Achtzigjährigen. Leipzig 1936, S. 136-142.
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