Münchener Jubeltage

[145] Gar oft schon habe ich im stillen gedacht oder es in müder Resignation ausgesprochen: »Mein Wagen steht jetzt im Deutschen Museum in München, ich werde ihn nie mehr sehen in meinem Leben.« Wer seine Last Jahre auf dem Rücken trägt, der entschließt sich nicht mehr so leicht zu einer größeren Reise und zu einem längeren Aufenthalt im Hotel. Als aber die alten »Schnauferlbrüder« kamen und mich in allen Variationen zum Münchener Schnauferlfest einluden, da gab es plötzlich keine Bedenken des Alters mehr – da stand es in mir fest: Ich reise.

»Schnauferl«, wird der Leser denken, »was ist denn das?« Der Name Schnauferl stammt noch aus der Zeit, wo es auf der Legitimationskarte des Motorwagens von Spitznamen wimmelte.

Was der Pariser als »Töff-Töff« begrüßte, das nannte[145] der Rheinländer »Rappelkasten«. Und was der Berliner »Heuldroschke« taufte, das war beim Wiener und Münchner das »Schnauferl«. Es gibt wohl keinen Täufling, dem man so viele Spottnamen schon in die Wiege legte wie dem Motorwagen. Und wenn der Deutsche bei der Festlegung eines den Begriff umschreibenden, vernünftigen Namens ebenso erfinderisch gewesen wäre wie im Erfinden von Spitznamen, dann brauchte der Motorwagen heute nicht als »Automobil« auf der Welt herumzulaufen.

Vor etwa einem Vierteljahrhundert war's. Da sproßten die Autoklubs wie Pilze aus der deutschen Erde.

Den Anfang machte der »Bayrische Automobilklub« unter Führung von Herrn Prof. Poehlmann und Herrn Oertel (14. Januar 1899). Auch bei den Klubgründungen bewahrheitete sich das Sprichwort: »Aller Anfang ist schwer.« Zwei ganze Automobile – es waren zwei Benz-Comfortables – nannte der neugebackene Klub sein eigen.

Bald darauf (15. April 1899) gründete mein Sohn Eugen den »Rheinischen Automobilklub« (mit 60 Mitgliedern), dessen langjähriger Präsident er war. Diese sowie alle anderen im Jahre 1899 gegründeten Automobilklubs hatten in erster Linie sportliche Interessen im Auge. Ganz anders der Schnauferlklub, der am 18. Juni 1900 von Herrn Gustav Braunbeck, Sportschriftsteller und Verleger, Berlin, von Herrn Fritz Held, Mannheim, und anderen gegründet wurde. Schon das Wort »Schnauferl« deutet an, daß in diesem Klub Frohsinn und Freude daheim war, fast so, als hätten die Schnauferlbrüder das Wort Humor in goldenen Lettern auf ihr Vereinsbanner geschrieben.

Und nun standen die großen Tage des Silberjubiläums[146] unseres »Allgemeinen Schnauferlklubs« vor der Türe. Welcher Ort wäre zur Abhaltung des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums geeigneter gewesen als die Stadt, die das »Deutsche Museum« schuf und in diesem Jahre im Zeichen der Verkehrsausstellung stand?

Das Deutsche Museum! Was ich da unter der liebenswürdigen Führung seines Leiters auf einem mehrstündigen Rundgang habe schauen und genießen dürfen, ist für einen Mann, dessen letzter Herzschlag der Technik gehört, einfach überwältigend. Dieser überwältigende Eindruck erinnerte mich unwillkürlich an eine kleine, aber wahre Geschichte.

Ich habe einen Enkel, der in seinem Leben mit nichts anderem spielte als mit selbstgemachten Lokomotiven und mit selbstverfertigten Autos. Den nahm seine Mutter einmal mit in eine der schönsten Barockkirchen Deutschlands. Unter dem mächtigen Eindruck wirst der Kleine die Frage auf: »Warum stellt man so viele Altäre und schöne Säulen in dieses Haus herein?« Antwort: »Das Höchste, was menschliche Kunst zuwege bringt, stellt man in die Kirchen, um Gott zu ehren.« Da fragt der Vierjährige weiter, in vorwurfsvollstem Tone: »Ja, warum stellt man denn dann keine Lokomotiven hinein und Autos?«

Hier, im Deutschen Museum, haben wir den Dom mit den Lokomotiven und Autos und allen technischen Errungenschaften! Es ist nicht ein Dom zur höheren Ehre Gottes, aber es ist ein Dom zur Ehre des ewig sinnenden, ewig erfindenden und gestaltenden, ewig vorwärtsdrängenden Menschengeistes.

Die Vierteljahrhundertfeier war nicht nur ein Fest der Freude und des Wiedersehens, es war auch ein Fest der[147] historischen Rückerinnerung. Ein Markstein am Wege der verkehrsgeschichtlichen Entwicklung sollte die Feier werden. Daher regte Herr Fritz Held, Mannheim, einen historischen Korso an. Man rief nach den Ahnen der Vergangenheit und Vergessenheit. Und siehe da, sie kamen. Im historischen Korso in Reih und Glied gestellt, wurden sie wieder munter und sangen ihr Töff-Töff vor Freude. Selbst mein erster Wagen wurde, auf meine persönliche Bitte hin, aus der Hast des Deutschen Museums für einige Stunden entlassen und mußte sich an die Spitze der Ahnenreihe des Motorwagens stellen und – laufen. Jawohl! Er lief noch und lief tapfer, immerzu. Wie staunte der alte Wagen, vor vierzig Jahren verspottet und verlacht, als der brausende Jubel von Zehntausenden von Menschen über ihn hinwegrauschte! Doch ich will die Schilderung des Eindruckes, den der historische Korso – diese zum Leben erwachte Ahnenkunde des Motorwagens – auf die Menge machte, einem Zuschauer überlassen: Der Berichterstatter der »Münchener Zeitung« schreibt:

»Was die Tausende und aber Tausende, die dicht gedrängt die um die nördliche Theresienwiese sich schlingenden Straßen säumten, am Sonntagvormittag sahen, das hat die Welt noch nicht gesehen und wird es nicht mehr sehen, ganz einfach, weil die Schaugegenstände, die Wagen, kaum jemals wieder in dieser historischen Vollständigkeit zusammenzubekommen sind. Man sah automobile Vehikel ratternd daherkrauchen und dahinter surrend mit unterdrücktem Donnergeroll die allermodernsten hundertzwanzig- und zweihundertpferdigen Rekordwagen der Adler-, Stoewer-, Benz-, Mercedeswerke, sah den Mercedes-Siegerwagen der Targa[148] und Coppa Floria 1924, gesteuert von dem Sieger Christian Werner, den Audi-Siegerwagen, den NAG-Monza-Wagen, modernste Tropfen- und Stromlinienwagen (Rumpler, Benz, Apollo, Dixi, Selve). Man sah nicht nur Maschinen, Motore, Wagen, sondern man sah auch ihren noch lebenden Herrn und Meister, den eigentlichen Schöpfer des Kraftwagens, Dr. Carl Benz, den 81 jährigen Erfinder, neben seinem steuernden Sohn Eugen auf einem seiner ersten Automobile. Man sah das für diesen Tag aus dem Deutschen Museum geholte, 1883 von Benz erdachte erste Benzin-Automobil der Erde, sah die ersten von Benzens Zeitgenossen Daimler erbauten Daimlerwagen, die frühesten Mercedes-, Stoewer- (gesteuert von Generaldirektor Emil Stoewer), Opel-, Adler-, Dixi-, den Maurer-Union-Wagen, das von Daimler konstruierte erste Motor-Niederrad der Erde, sah das in München geistig geschaffene älteste serienmäßig gebaute Motorzweirad und dicht dahinter ein in Frankreich nach deutschem Patent gebautes Phöbus-Aster-Dreirad und das Motorzweirad der NSU-Werke. Man sah und – lachte. Wie stotterten sie verlegen daher, weil man sie aus der Verschollenheit geholt hatte, diese vergangenen Pioniere und nunmehrigen Invaliden des Kraftwagendaseins! Und wie taten sie dennoch, knackend und knarrend die alten Glieder regend, so brav noch einmal – wohl das letztemal! – ihre Pflicht, wie fuhren sie zwar mühsam – asthmatisch, aber sie fuhren, den Berg der Theresienhöhe hinauf! Sie forderten kein Mitleid, sie fuhren tapfer und stolz. Man lachte und staunte, und plötzlich mischte Ehrfurcht sich in das Lachen. Auch diese heute schon gebrechlichen, in der Form komisch anmutenden, bisweilen verstümmelten Kutschen, Bauernschäferln,[149] Stellwagen gleichenden Wagen waren doch schon Automobile, Kraftwagen, die das Pferd verdrängten, ersetzten, die tierische Kraft zuschanden machten! Ja, Lachen, Ehrfurcht und Begeisterung weckte dieser Korso, an dem mancher berühmte Konstrukteur, Erfinder, Erzeuger teilnahm, mancher ruhmgekrönte Fahrer. Die deutschen Automobilkönige zogen in diesem Korso durch unsere Stadt. Welche Gefühle mochten den alten Dr. Benz ergriffen haben, als er auf seinem einst selbstkonstruierten Gefährt an der Spitze aller fuhr, die in emsigem Wettbewerb in der Verfolgung seiner Gedankengänge seine Nachfolger und Konkurrenten geworden waren? Das Publikum, unter dem sich auch die Prinzen Ludwig Ferdinand und Alfons, Staatssekretär v. Frank, Oberpostrat Dr. Janker, Bürgermeister Dr. Küfner, Stadtrat Kommerzienrat Rosa befanden, bereitete, als es bekannt wurde, daß der bescheiden auf dem alten Wägelchen sitzende rüstige Greis mit der Schirmmütze Altmeister Benz sei, dem Erfinder lebhafte Huldigungen.«

Es ist richtig. Mit Huldigungen und Ovationen haben die Münchener nicht gekargt. Und wenn ich nicht schon die Tore des biblischen Alters durchschritten hätte, wäre ich beinahe ein bißchen stolz geworden, als der Präsident der Deutschen Verkehrsausstellung, Herr Staatssekretär v. Frank, in seiner Rede beim Festessen mich als den deutschen Automobilstephenson begrüßte. Gewiß weiß ich es zu schätzen, daß ich zu den wenigen Glücklichen gehöre, die Sieg und Triumph ihres Erfindungsgedankens in diesem kulturumwälzenden Ausmaß erleben durften. Aber trotz alledem muß ich auf die Frage: »Welche Gefühle mochten den alten Dr. Benz ergriffen haben, als er auf seinem einst selbstkonstruierten[150] Gefährt an der Spitze aller fuhr, die in emsigem Wettbewerb in der Verfolgung seiner Gedankengänge seine Nachfolger und Konkurrenten geworden waren?« eine Antwort geben, die nicht ohne Wehmut ist. Glaubt mir: »Erfinden« ist unendlich viel schöner als »Erfunden haben«. Oh! Wie gern würde ich wieder von vorn anfangen. –

Leider war es mir nicht möglich, allen persönlich zu danken, die mir in München – wo ich vor 37 Jahren schon auf dem neuen Motorwagen umjubelt wurde – eine Freude machten. Auf alle möchte ich daher mein Dankesschreiben an den Ehrenvorsitzenden des »Schnauferlklubs«, Herrn Gustav Braunbeck, Berlin, ausdehnen:

»Die Freudentage des Jubiläumsfestes unseres lieben frohsinnigen Schnauferlklubs sind vorüber, ich bin heimgegekehrt in unser kleines, stilles Ladenburg.

Nun drängt es mich, dem hochgeschätzten Präsidium für alle Liebenswürdigkeiten, Mühen und Aufmerksamkeiten meinen allerherzlichsten Dank zum Ausdruck zu bringen. Wie gern hätte ich Ihnen sowie allen lieben Schnauferlbrüdern in einer Rede gedankt und Ihnen das alles gesagt, was in diesen Tagen zitternd durch meine Seele zog. Aber ich war zu tief ergriffen. Ich, der ich jahrzehntelang in vorderster Feuerlinie gegen voreingenommene, veraltete Zeitanschauungen kämpfen mußte und der nur unter Mithilfe begeisterter Pioniere – wie sie sich vor einem Vierteljahrhundert im Schnauferl- und anderen Klubs zusammenschlossen – der automobilen Idee schließlich zum Durchbruch verhalf, ich hätte an einen solchen Höhepunkt der großen allgemeinen Würdigung unserer Sache nie im Traume gedacht.[151]

Und dann das Wiedersehen der lieben, alten Freunde! Wie sehr hat es mich gefreut, ihnen in meinem Leben noch einmal die Hand drücken zu dürfen.

Nun sind die Tage der Freude und des Jubels verrauscht. Geblieben ist nur die Erinnerung! Aber – und das bitte ich allen Schnauferlbrüdern bekanntzugeben – sie gehört zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens!

Mit Schnauferl-Heil!

Ihr

Dr. C. Benz.«


Quelle:
Benz, Carl Friedrich: Lebensfahrt eines deutschen Erfinders. Die Erfindung des Automobils, Erinnerungen eines Achtzigjährigen. Leipzig 1936, S. 145-152.
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