Schleihe (Tinca vulgaris)

[270] Der einzige in Europa vorkommende Vertreter dieser Sippe, die Schleihe, auch Teich- und Goldschleihe, Schleierkarpfen, Schlüpfling, Schlammler, Liewe, Schuster und Schuhmacher genannt (Tinca vulgaris, aurata, chrysitis, maculata und italica, Cyprinus und Leuciscus tinca), erreicht eine Länge von höchstens siebzig Centimeter und ein Gewicht von drei bis vier, in seltenen Fällen wohl auch fünf bis sechs Kilogramm. Die Färbung ändert mehr ab als bei anderen Karpfen, je nach dem Aufenthaltsorte. Gewöhnlich zeigt das Kleid der Schleihe ein dunkles Oelgrün, durch welches ein schimmernder Goldglanz hervorleuchtet; diese Färbung geht an den Seiten in Hell- oder Röthlichgrau mit violettem Schimmer über. Heller gefärbte Stücke mit schwachem Goldglanze kommen nicht selten vor; in einzelnen Gegenden aber, insbesondere in Böhmen und Oberschlesien, züchtet man eine prachtvolle Spielart, welche unbedingt zu den schönsten aller europäischen Fische gezählt werden muß: die Goldschleihe (Tinca chrysitis). Ihre Schuppen sind größer als bei der Teichschleihe, dünn und durchsichtig, die Flossen zart und dünnhäutig; die Lippe ist rosenroth, die Färbung übrigens goldgelb oder roth; die Zeichnung besteht aus mehr oder weniger dicht gedrängten dunklen Flecken, welche sich auch über die Flossen fortsetzen. Bei vielen ist die Nasengegend karminroth, die Stirn schwärzlich, die Wangenseite gelb, der Rücken vor der Flosse schwarz, hinter ihr gelbbraun, die Seite gold- oder messinggelb und, wie bemerkt, gefleckt. In der Rückenflosse stehen vier und acht bis neun, in der Brustflosse ein und funfzehn bis sechzehn, in der Bauchflosse zwei und acht bis neun, in der Afterflosse vier und sechs bis sieben, in der Schwanzflosse neunzehn Strahlen. Männchen und Weibchen unterscheiden sich durch die Bildung der Flossen und durch die Färbung. Erstere sind durchschnittlich heller gefärbt, letztere, namentlich hinsichtlich der Bauchflossen, stärker entwickelt, vor allem der zweite Strahl in ihnen mehr verdickt und verbreitert.

Unter den europäischen Karpfen gehört die Schleihe zu den verbreitetsten. Sie bewohnt den größten Theil Europas, von Süditalien an bis Süd- und Mittelschweden, gehört auch in Rußland zu den gemeinsten Teichfischen, kommt, nach eigenen Wahrnehmungen, ebenso in Westsibirien, namentlich im Ob, und zwar in ausgezeichneten Stücken vor. Im Gebirge steigt sie bis zu eintausend Meter unbedingter Höhe empor, darf jedoch trotzdem als Fisch der Ebenen bezeichnet werden. Flüsse liebt sie weniger als stehende Gewässer; unter diesen bevorzugt sie Seen, Teiche und Sümpfe mit schlammigem oder lehmigem Grunde, in denen Röhricht zwar vorhanden, aber doch nicht vorherrschend geworden ist. In den Flüssen zieht sie sich immer nach solchen Stellen zurück, wo das Wasser langsam fließt und hinlänglichen Schlamm absetzt; denn aus ihm holt sie sich ihre Nahrung hervor. Ganz besonders soll sie in abgebauten und mit Wasser angefüllten Lehmgruben gedeihen. Sie ist ein träger und langweiliger Fisch, welcher sich fast stets nahe dem Boden aufhält, während des Winters hier im Schlamme vergräbt und bloß bei sehr gutem Wetter oder während der Fortpflanzungszeit an die Oberfläche heraufsteigt. Wie der Schlammbeißer befindet sie sich noch in Gewässern wohl, in denen andere Fische und selbst Karpfen abstehen, weil ihr Athembedürfnis, bezüglich der von ihr benöthigte Verbrauch von Sauerstoff außerordentlich gering ist. Yarrell [270] erzählt eine Geschichte, welche die Anspruchslosigkeit der Schleihe in dieser Hinsicht trefflich erläutert. Ein alter Pfuhl, welcher mehr mit Unrathe als mit Wasser gefüllt war, sollte gereinigt und mit Erde zugeworfen werden.


Teichschleihe (Tinca vulgaris). 1/6 natürl. Größe.
Teichschleihe (Tinca vulgaris). 1/6 natürl. Größe.

Keiner der Arbeiter dachte daran, in diesem Wasser außer einigen Aalen Fische zu treffen; als man aber etwas von dem Holze weggeräumt hatte, fand man gegen vierhundert Schleihen und unter ihnen eine, welche derart zwischen dem Gewurzel eines Strauches festgeklemmt war, daß sie sich nicht nur nicht rühren konnte, sondern sogar eine von ihrer natürlichen Körperform abweichende Gestalt angenommen hatte, so wie dies das Innere der Höhlung gestattete. Ihre Länge betrug fünfundachtzig, ihr Umfang in der Schwanzgegend siebzig Centimeter, ihr Gewicht gegen sechs Kilogramm. Dieser wunderbare Fisch, welcher zweifelsohne jahrelang in diesem entsetzlichen Gefängnisse ausgehalten haben mußte, wurde sorgfältig in einen Teich gebracht und lebte zwölf Monate später noch, hatte sich sogar wieder erholt und befand sich wohl.

Während des Winters wühlen sich die Schleihen nach Art anderer Familienverwandten in den Schlamm ein und verbringen so die kalte Jahreszeit in einem halb bewußtlosen Zustande. Aehnliches ereignet sich zuweilen auch im Sommer. Einige Schleihen steckten, wie Siebold beobachtete, am hellen Tage auf dem Grunde des Teiches tief im Schlamme verborgen und ließen sich mit einer Stange aus ihrem Verstecke hervorgraben, ohne daß sie sich rührten. Nachdem sie zu Tage gebracht waren, blieben sie fast wie todt auf der Seite liegen, bis sie, durch mehrere unsanfte Stöße mit der Stange endlich aus ihrem betäubten Zustande erweckt, davonschwammen, um sich wieder in der Tiefe des Schlammes zu verbergen. »Sollte dieses Benehmen der Schleihen«, fragt Siebold, »nicht als eine Art Tag- oder Sommerschlaf bezeichnet werden können?«

Hinsichtlich der Nahrung kommt die Schleihe wohl in allen Stücken mit dem Karpfen überein. Aus dem Thierreiche nimmt sie sich allerlei Gewürm zur Nahrung, außerdem frißt sie vermoderte Pflanzenstoffe und Schlamm.

[271] Die Laichzeit fällt in die Monate März bis Juli, gewöhnlich in die Zeit der Weizenblüte, je nach der Witterung etwas früher oder später. Um diese Zeit sieht man das Weibchen, gewöhnlich von zwei Männchen verfolgt, von einem Binsen- oder Rohrbüschel zum anderen schwimmen, um hier die Eier abzugeben. Beide Geschlechter werden so von dem Fortpflanzungstriebe beeinflußt und beansprucht, daß sie alle Scheu vergessen und oft mit einem gewöhnlichen Hamen aus dem Wasser geschöpft werden können. Nach Blochs Schätzung setzt ein Roggener von zwei Kilogramm gegen dreihunderttausend Eier ab; die Vermehrung ist also eine sehr starke. Die Jungen wachsen ziemlich schnell heran; doch vergehen immerhin gegen vier Jahre, bevor sie fortpflanzungsfähig werden. Im ersten Jahre erreichen sie etwa zweihundert, im zweiten siebenhundertundfunfzig Gramm, im dritten ein bis anderthalb Kilogramm an Gewicht. Ihre Lebensdauer soll sich auf sechs bis zehn Jahre erstrecken: eine Schätzung, welche gewiß zu niedrig gegriffen sein dürfte.

»Das fleisch der Schleyen ist sehr arg, vngesund, eines vnlieblichen geschmacks, dann sie möseln oder schmecken nach den Kaat vnd Lett, haben ein wüst, schlennig fleisch, dann sie an solche orten allein wohnen, geberen vnd vrsachen gern das kalt wehe, frieren oder feber. Ist ein speiß deß gemeinen Pöfels, wie wol etliche mäuler solche sehr begeren.« Zu diesen Mäulern gehören unter anderen die britischen, denen doch andere, bessere Fische sehr oft vorkommen. Yarrell schätzt die Schleihe sehr hoch, Eckström ist derselben Meinung. Ich bekenne, daß ich mich mehr der Geßner'schen Ansicht zuneige, das Fleisch wenigstens dann erst für schmackhaft erklären kann, wenn sein Eigener längere Zeit in reinem, fließendem Wasser gelebt hat und so gleichsam ausgewässert worden ist; ausgezeichneten Geschmack aber besitzt das Fleisch derjenigen Schleihen, welche in Flüssen gelebt haben. Im allgemeinen wird die Schleihe bei uns zu Lande zu wenig gewürdigt und ihre Zucht daher entschieden zu lässig betrieben. Ihr Fleisch erzielt kaum höheren Preis als das der Karausche, übertrifft das letztere jedoch unzweifelhaft in jeder Beziehung; sie selbst zählt zu den anspruchlosesten Fischen des Erdballes. Abgesehen vom Aale eignet sich kein anderer Fisch in demselben Grade wie sie zur Besetzung sumpfiger, sonst höchstens der werthlosen Karausche preisgegebener Gewässer; ihre Zucht verdient schon aus diesem Grunde die wärmste Empfehlung.

Aus den alten Zeiten rühren einige sonderbare Sagen her, welche heutigen Tages noch geglaubt werden. »Die Schleyen vnd der Hecht haben anerborne freundschafft zusammen, dann allerley Fisch pflegen die Hecht zu fressen, außgenommen die Schleyen, man fängt sie auch gemeinglich beyde samhafft; so ist auch die sag, daß der Hecht verwund seine wunden an den leib der Schleyen streiche, vnd mit dem schleim also die wunden heyle, davon das sprichwort kommen ist bey den Frießlendern, die Schleyen sey ein Artzt aller Fisch.« Letztere Ansicht wird heutigen Tages noch von manchen Fischzüchtern geglaubt, auch von solchen, welche anderweitigen Aberglauben schon längst abgestreift haben.


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Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 270-272.
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