Bitterling (Rhodeus amarus)

[276] Wenige unserer Flußfische kommen dem Bitterlinge (Rhodeus amarus, Cyprinus amarus; Abbildung auf Seite 275) an Zierlichkeit der Gestalt und Schönheit der Färbung [276] gleich; ja, man sagt schwerlich zu viel, wenn man behauptet, daß dieser etwa fünf Centimeter lange zwerghafte Karpfen den berühmten Goldfisch an Pracht noch übertrifft. In der Gestalt erinnert der Bitterling an die Karausche. Es spannen die Rückenflosse drei und neun bis zehn, die Brustflosse ein und zehn, die Bauchflosse zwei und sechs, die Afterflosse drei und neun, die Schwanzflosse neunzehn Strahlen. Die Färbung ist verschieden, je nach Geschlecht und Jahreszeit. »Außer der Laichzeit«, sagt Siebold, welcher dieses Fischchen neuerdings am ausführlichsten beschrieben hat, »erscheinen beide Geschlechter gleich gefärbt, nämlich mit graugrünem Rücken und silberglänzenden Seiten. Sehr bezeichnend ist ein grüner, glänzender Längsstreifen, welcher sich zu beiden Seiten des Leibes, von der Mitte desselben bis zum Schwanze erstreckt. Die Flossen sind blaßröthlich gefärbt und die Rückenflosse ganz, die Schwanzflosse am Grunde mit schwärzlichem Farbstoffe bedeckt. Diese einfache Färbung verschwindet zur Brunstzeit an dem männlichen Bitterlinge vollständig und macht einem prächtigen Hochzeitskleide Platz, dessen Farbenglanz sich schwer naturgetreu beschreiben läßt. Die ganze Körperoberfläche der brünstigen Männchen schillert in allen Regenbogenfarben, wobei sich Stahlblau und Violett besonders bemerklich machen und der smaragdgrüne Seitenstreifen noch glänzender hervortritt, während die Brust- und Bauchseite in einem schönen Orangegelb prangen; auch die Rücken- und Afterflosse zeigen sich hochroth gefärbt und schwarz gesäumt.

Mit der Entwickelung dieser Farbenpracht beginnt noch ein anderer Geschlechtsunterschied hervorzutreten, welcher sich auf eine Veränderung der Haut dicht über der Oberlippe bezieht. Hier erhebt sich an den beiden äußeren Enden der Oberkiefer allmählich ein rundlicher Wulst, welcher aus einem Haufen von acht bis dreizehn ungleich großen, kreideweißen Warzen besteht; zwei bis drei diesen ganz ähnliche Warzen kommen noch an dem oberen Rande der beiden Augenhöhlen zum Vorscheine. Jede einzelne ist nichts anderes als eine Anhäufung von dicht über und unter einander gedrängten Oberhautzellen. Nach Beendigung des Fortpflanzungsgeschäfts verlieren sie sich und hinterlassen bleibende Gruben, aus denen bei der Wiederkehr der Brunstzeit von neuem jene warzenähnlichen Gebilde hervorsprossen.

Obgleich die Weibchen der Bitterlinge auch während der Laichzeit ihre Farblosigkeit behalten und so von ihrem prächtig geschmückten Männchen auffallend abstechen, zeichnen sie sich doch während jener Zeit durch ein ganz eigenthümliches äußeres Merkmal aus, welches trotz seiner Augenfälligkeit erst vor kurzem durch Krauß bemerkt wurde. Es ist eine lange röthliche Legeröhre, welche sich an dem weiblichen Bitterlinge beim Eintritte der Laichzeit allmählich entwickelt und, sowie die Eier im Eierstocke ihre Reife erlangt haben, vor der Afterflosse fünf Centimeter langer Bitterlinge als ein bis zu neunzehn Millimeter ausgewachsener wurmförmiger Strang frei am Hinterleibe herabhängt. Ich habe diese Legeröhre bei größeren Bitterlingen vierzig bis fünfundfunfzig Millimeter lang entwickelt gesehen. Dieses Organ ragt dann mit seiner Spitze oft über das Ende der Schwanzflosse hinaus und verleiht dem Fischchen während des Schwimmens ein sonderbares Ansehen; man möchte glauben, es hinge ihm ein verschluckter Regenwurm oder der eigene Darm aus dem After hervor.« Gelegentlich eines Besuches des Straßburger Fischmarktes, auf welchem eine außerordentliche Menge gefangener Bitterlinge zum Verkaufe ausgestellt waren, überzeugte sich Siebold, daß dieser Schlauch eine Legeröhre ist. Viele Weibchen waren eben im Begriffe, ihre gelben Eier abzulegen, und die lange Röhre glich einer Perlenschnur, indem sie von der Wurzel bis zur Spitze mit Eiern angefüllt und von ihnen ausgedehnt war. Die Eier lagen in einfacher Reihe hinter einander, waren infolge der Enge der Röhre der Länge nach zusammengedrückt worden, nahmen jedoch ihre Rundung sofort, nachdem sie aus der Spitze der Legeröhre hervorgetreten waren, wieder an. Die eigenthümliche Bedeutung gedachter Röhre erkannte erst Noll. Mehrere Beobachter der letzten Jahrzehnte des vorigen und der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts hatten in den inneren Kiemenfächern der Malermuschel bald mehr, bald weniger, in einzelnen Fällen bis vierzig Fischeier und aus diesen hervorgegangene Keimlinge in verschiedenen [277] Zuständen der Entwickelung gefunden, ohne jedoch über die Art des Fisches und über die Weise, durch welche dessen Eier in die Kiemen gelangten, sich klar geworden zu sein. Erst, nachdem Siebold die Bitterlingseier als gelbe, eiförmige Gebilde von etwa drei Millimeter Länge und zwei Millimeter Dicke beschrieben hatte, sprach Noll aus, daß unzweifelhaft der Bitterling derjenige Fisch sein müsse, »welcher der Malermuschel seine Eier zur Aufbewahrung, gewissermaßen zum Ausbrüten, unterschiebt«. Versuche, welche der letztgenannte Forscher anstellte, bestätigten diese Behauptung, zuletzt auch die gleichzeitig ausgesprochene Vermuthung, daß die beschriebene Legeröhre das Werkzeug sein müsse, mittels dessen der laichende Fisch die Eier bis in das Innere der Kiemenfalten einzuführen im Stande ist. Mit Fischeiern behaftete Malermuscheln wurden in besonderen Beobachtungsbecken gehalten und erfüllten nach geraumer Zeit das Becken mit jungen, innerhalb ihrer Kiemen gezeitigten und bis dahin vor allem Schaden bewahrten Bitterlingen; gefangenen laichfähigen Fischen wurden im rechten Augenblicke Malermuscheln zur Verfügung gestellt und deren Sitten und Gewohnheiten, deren Treiben und Gebaren bis zum Eierlegen beobachtet, bis jeglicher Zweifel geschwunden und die Frage vollkommen gelöst war.

Nach Nolls trefflichen Beobachtungen gewöhnt sich der Bitterling sehr bald in einem entsprechend hergerichteten Becken ein. Anfänglich verbirgt er sich zwar übertages so viel wie möglich unter der Decke der auf der Oberfläche schwimmenden Blätter und zeigt sich nur des Nachts munter und rege; schon nach wenigen Tagen aber erscheint er, durch Futter gelockt, auch bei Tage außerhalb seines Versteckes, verliert nunmehr binnen kurzem alle Scheu vor dem Menschen und gestattet diesem zuletzt allerlei störende Maßnahmen, ohne deshalb in Aufregung zu gerathen. Gewandt und sicher bemächtigt er sich der ihm gereichten Flohkrebse, geschickt zieht er Bachwürmer aus dem Bodensatze seines Beckens hervor, ohne Umstände nimmt er aber auch mit Ameisenpuppen, Fleischbröcklein und Brodkrümchen vorlieb. Hunger verräth er durch anhaltendes und genaues Untersuchen aller nahrungversprechenden Theile seines Behälters; Futterneid äußert er, und zwar das Weibchen heftiger als das Männchen, indem er andere seinesgleichen durch nach rechts und links geführte Schläge seines Kopfes abzutreiben sucht. Spielend jagen sich Männchen und Weibchen umher, und vergnüglich gefallen sie sich in munteren Sprüngen, welche ihnen im unüberdeckten Becken manchmal freilich auch gefährlich werden können. Reges Leben beginnt mit Eintritte der Fortpflanzungszeit, deren Herannahen durch das geschilderte Farbenkleid des Männchens sowie Vollerwerden der Leibesseiten und Hervortreten der Legeröhre des Weibchens sich kundgibt. Die Legeröhre verlängert sich anfänglich sehr langsam, später rascher, zuletzt ungemein schnell und verkürzt sich nach dem Ablegen der Eier binnen wenigen Stunden bis auf einen geringen Bruchtheil ihrer größten Ausdehnung. Für das Männchen ist die gewöhnlich jählings erfolgende größte Ausdehnung der Legeröhre stets Anlaß zu lebhafter Erregung, welche sich, wie bei anderen Fischen, in erhöheter Färbung und lebhafter Unruhe, auch ausgesprochener Eifersucht bethätigt. Erbost jagt es andere seines Geschlechtes umher; heftig treibt es aber auch das erkorene Weibchen, bis bei diesem die ihm sonst eigene gleichgültige Ruhe ebenfalls lebhafter Erregung weicht und es sich endlich zu der von dem Männchen erkorenen Muschel begibt, um die Eier abzulegen. Sobald das Ei in sie eintritt, steift sich die Legeröhre und verharrt in diesem Zustande, bis jenes ausgestoßen worden ist. Vor dem Laichen stellt sich das Weibchen senkrecht, mit dem Kopfe nach unten gerichtet, über die Muschel, betrachtet dieselbe längere Zeit und fährt in demselben Augenblicke, in welchem ein Ei blitzschnell in die Legeröhre einschießt und sie streckt, auf das als Amme dienende Weichthier herab, um die Spitze der Röhre in dessen Athemschlitz einzuschieben, das Ei abzugeben und die Röhre schleunigst wieder herauszuziehen. Nicht immer gelingt es dem Fischchen, seine Legeröhre einzuführen und das Ei abzulegen; dieses tritt dann wiederum in den Leib zurück, und es währt oft lange, bevor sich neue Erregung bemerklich macht und der Vorgang wiederholt. Das Männchen sieht letzterem aufmerksam zu, stößt unmittelbar, nachdem das Weibchen die Muschel verlassen hat, auf diese herab, bleibt, am ganzen Leibe zitternd [278] und alle Flossen ausgespannt, einen Augenblick über ihr stehen und ergießt endlich den Samen über ihren Athemschlitz, um so das Ei zu befruchten. Nach vollendetem Laichen ziehen sich beide Geschlechter ermattet in das Gewirr der Pflanzen zurück und gebaren sich scheu und ängstlich; das Männchen verliert seine prachtvolle Färbung, und dem Weibchen schrumpft die Legeröhre zusammen: nach einiger Zeit, in Zwischenräumen von mehreren Tagen, wiederholt sich jedoch der Hergang, und so währt es fort, bis die Laichzeit vorüber ist. Im Freien fällt letztere in die Monate April bis Juni, in der Gefangenschaft beginnt sie in der Regel schon früher und pflegt eher beendet zu sein. Wie lange Eier und Keimlinge in der Muschel verweilen, beziehentlich wie lange deren Entwickelung währt, konnte bisher noch nicht festgestellt werden.

So weit bekannt, erstreckt sich der Verbreitungskreis des Bitterlinges über ganz Mittel- und Osteuropa und ebenso über einen Theil Asiens. In der Donau und ihren Zuflüssen, im Rheine, dem Gebiete der Elbe und der Weichsel ist er stellenweise häufig, ebenso in Taurien da, wo sich Gewässer finden, wie er sie liebt. Er bevorzugt reines, fließendes Wasser mit steinigtem Grunde, nach Siebold insbesondere die sogenannten todten Arme der Flüsse und Bäche. Von der Ebene steigt er ins Hügelland und selbst zum Mittelgebirge auf. Ungewöhnliche Lebenszähigkeit gestattet ihm, der Kälte wie der Hitze zu trotzen. Jäckel sah ihn im März unter dem Eise eines seichten Grabens, welcher im vorigen Winter bis auf den Grund gefroren gewesen sein mußte, munter umherschwimmen und beobachtete ebenso, daß es ihm nichts schadete, als er an einem warmen Herbsttage ohne Wasser oder feuchtes Moos in einer Pflanzensammelbüchse eine Gehstunde weit getragen wurde.

Wegen des bitteren Geschmackes, welcher das Fleisch dieses Fischchens für uns fast oder wirklich ungenießbar macht, wird es wenig gefangen und gewöhnlich nur zum Ködern der Angeln benutzt. Wie sehr es als Zierfisch die Beachtung aller Liebhaber verdient, bedarf nach vorstehendem nicht weiterer Auseinandersetzung.


*


Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 276-279.
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