1. Sippe: Umberfische (Sciaena)

[73] Obenan stehen die Umberfische im engeren Sinne (Sciaena), die Riesen der Familie, gekennzeichnet durch gestreckten Leib, zwei Rückenflossen, deren erste tief ausgeschweift ist, gezähnte Kiemenvordeckel und zugespitzte Hinterdeckel, starke, spitzige Kegelzähne neben Sammetzähnen im Oberkiefer und sehr zusammengesetzte Schwimmblase.

Zur Zeit des Papstes Sixtus des Vierten lebte, wie Paul Jovius mittheilt, in Rom ein Schmarotzer, Namens Tamisio, zu dessen wichtigsten Geschäften es gehörte, mit gebührender Ueberlegung für des Leibes Nahrung und Nothdurft zu sorgen, ohne daß der eigene Beutel allzu sehr in Anspruch genommen werde. Sein erfinderischer Kopf kam auf den Gedanken: es könne ersprießlich sein, die Tafel der Freunde schon von Uranfang an zu überwachen. Zu diesem Ende sandte er tagtäglich seinen Bedienten auf den Markt, um auszukundschaften, in welche Häuser man die besten Bissen bringe. Nach geschehener Meldung setzte sich Tamisio selbst in Bewegung, um bei demjenigen seiner Freunde, dessen Koch den besten Treffer gezogen, zu Gaste sich zu laden. Einst hörte er, daß ein Adlerfisch von ungewöhnlicher Größe auf dem Markte gewesen, aber als etwas außerordentliches den Vätern der Stadt überliefert worden sei. Eiligst ging er, um denselben seine Aufwartung zu machen, in der stillen Hoffnung, an dem unfehlbar folgenden Schmause des gedachten Fisches theilnehmen zu können. Leider erwies sich seine Hoffnung als eine vergebliche: bei seinem Weggange sah er den Kopf, gerade das leckerste des Fisches, in den Händen eines Dieners, welcher den Auftrag hatte, ihn zum Kardinal Ricario zu tragen. Erfreut, daß der ihm wohlbekannte Kirchenfürst der glückliche sei, beschloß er, sich dem Diener anzuschließen. Zu seinem Unglücke schickte der Kardinal den Fisch seinem Amtsgenossen Severin, und Tamisio mußte sich aufs neue aufmachen, um des Fisches wegen aufzuwarten. Severin schuldete dem Geldwechsler Chigi eine bedeutende Summe und schenkte diesem den Leckerbissen; Chigi aber sandte ihn unmittelbar nach Empfang an seine Buhlin. So durchlief Tamisio, ein alter und dicker Mann, in glühender Sonnenhitze das ewige Rom, und erst am Tische der Buhldirne gelang es ihm, des sehnlichst erstrebten Leckerbissens sich zu versichern.

Die Erzählung bezweckt nur eins: zu beweisen, wie hoch der Adlerfisch in vergangenen Zeiten geschätzt wurde. Viel merkwürdiger aber als die Geschichte selbst ist die Thatsache, daß man eine Zeitlang denselben Fisch vollständig vergessen, ihn wenigstens mit anderen verwechseln konnte, so sorgfältig die älteren Fischkundigen ihn auch beschrieben hatten, und so voll sie seines Lobes gewesen waren. Noch heutigen Tages fängt man ihn überall an den Küsten Italiens, Südfrankreichs, Spaniens und Portugals, zuweilen sogar in den britischen Meeren, und noch heutigen Tages stimmt jeder, welcher von seinem Fleische kostete, in das Lob der Alten ein.

[73] Duhamel behauptet, daß der Adlerfisch jahrelang die französischen Küsten verlassen und sich mehr der Berberei zugewendet habe, belegt aber diese Behauptung in keiner Weise. Ueber die Lebensweise hat erst Bonaparte wiederum einiges mitgetheilt. Nach ihm kommt der Fisch an den Küsten Italiens, namentlich auf schlammigem Grunde und ganz besonders in der Nähe der Flußmündungen, durchaus nicht selten vor. Gewöhnlich hält er sich truppweise zusammen, und wenn eine solche Gesellschaft schwimmend weiter zieht, vernimmt man ein lauttönendes Geräusch, welches man fast eine Art Brüllen nennen möchte, weil es viel stärker als das Grunzen der Knurrhähne ist und sogar dann gehört werden soll, wenn die Adlerfische in einer Tiefe von zehn bis zwölf Meter unter Wasser sind. Das Geräusch dient den Fischern als Leitfaden; sie legen deshalb ihre Ohren auf den Rand ihrer Boote, um nachzuspüren. Große Adlerfische besitzen eine gewaltige Stärke und sollen im Stande sein, einen Menschen mit einem Schlage des Schwanzes umzuwerfen; die gefangenen werden also, um etwaigem Unheile vorzubeugen, sofort getödtet. Einer, welcher sich im Netze verstrickt hatte, wüthete so stark, daß der ihm zunächst stehende Fischer ins Wasser geworfen wurde und die Genossen um Hülfe rufen mußte, um seiner sich zu bemächtigen.


Adlerfisch (Sciaena aquila). 1/12 natürl. Größe.
Adlerfisch (Sciaena aquila). 1/12 natürl. Größe.

Im Mittelmeere hält man die Ankunft dieser Fische für ein Zeichen des baldigen Erscheinens der [74] Sardellen, was wohl so viel besagen will, daß jene ihren kleinen Klassenverwandten jagend folgen. Mehrere Fischkundige berichten von weiten Wanderungen, welche die Adlerfische behufs der Fortpflanzung unternehmen sollen. Man will nämlich im Norden des Mittelländischen Meeres immer nur große, an den südlichen Küsten aber auch kleine Adlerfische gefangen haben und glaubt deshalb, daß jene von dorther kämen und dahin zurückzögen, um zu laichen; Bonaparte aber hebt ausdrücklich hervor, daß man Stücke von funfzehn Centimeter und zwei Meter an den italienischen Küsten fange.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Achter Band, Dritte Abtheilung: Kriechthiere, Lurche und Fische, Zweiter Band: Fische. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 73-75.
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