Colorado-Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata)

[184] Der Colorado-Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) hat sich seit etwa funfzehn Jahren in Nordamerika eine traurige Berühmtheit erworben und auch in Europa Furcht und Schrecken verbreitet, denn seinetwegen ist zunächst durch den deutschen Reichstag und später von der französischen Regierung die Einführung von Kartoffeln aus Nordamerika in deutschen und französischen Häfen verboten worden. Der Käfer gehört in die nächste Verwandtschaft der eben genannten heimischen Arten, führt die Lebensweise des Pappelblattkäfers, nur mit dem Unterschiede, daß er sich noch stärker vermehrt und für den Puppenstand die Erde aufsucht. Zu der vorliegenden Abbildung sei bemerkt, daß ein schmutziges, rohem Leder vergleichbares Gelb die Grundfarbe des Körpers bildet, welche an Kopf, Halsschild und der ganzen Unterseite fleckenartig, an den Spitzen der Fühler, der Schenkel und an den Füßen durch Schwarz vertreten ist. Außerdem ist jede Flügeldecke mit fünf schwarzen Längsstriemen verziert; dieselben werden, mit alleiniger Ausnahme [184] des unvollkommensten äußeren, in der Oberansicht nicht bemerkbaren Streifens von je zwei unregelmäßigen Reihen tieferer Punkte eingefaßt, deren einzelne sich, namentlich in der Außenhälfte der Deckschilde, in die gelben Zwischenräume verlaufen. Der schwarze Nahtstreifen vereinigt sich nach hinten mit der Naht selbst, mit ihr weitergehend oder auch verlöschend; der zweite und dritte verbinden sich zuletzt gleichfalls mit einander und gehen dann noch eine kurze Strecke weiter, während jeder der beiden folgenden einzeln kurz vor der Deckenspitze aufhört. Die fleischige, feiste Larve ist dem Baue nach denen der heimischen Chrysomelen vollkommen ähnlich, stark glänzend, von Farbe schmutziggelb, am Kopfe, dem Hinterrande des Halskragens und den Beinen pechschwarz; außerdem ziehen an den Seiten zwei Reihen schwarzer runder Flecke entlang, welche am zweiten und dritten Ringe merklich kleiner sind, wenn sie nicht ganz oder theilweise fehlen. Die Stummelfühler sind dreigliederig, die Punktaugen jederseits in Vierzahl vorhanden, die dicken Kiefertaster vier-, die Lippentaster dreigliederig und die kurzen Kinnbacken fünfzähnig.


Colorado-Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) nebst Eiern und Larve. Leptinotarsa juncta. Natürl. Größe.
Colorado-Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) nebst Eiern und Larve. Leptinotarsa juncta. Natürl. Größe.

Der Colorado-Kartoffelkäfer überwintert in der Erde über dreiundsechzig Centimeter tief, wie behauptet wird, denn er findet sich im April bei tiefgehender Ackerarbeit in Mengen. Sobald die Kartoffeläcker grün geworden sind, stellt er sich auf denselben ein, um sich von den Blättern zu ernähren und an deren Unterseite die dottergelben, länglichen Eier in Kuchen von fünfunddreißig bis vierzig Stück anzuleimen. Daß ein Weibchen bis zwölfhundert Eier legen könne, scheint mir eine Uebertreibung zu sein, sind mir schon siebenhundert, von denen man spricht, eine stattliche Zahl. Die aus den Eiern geschlüpften Larven setzen den Fraß der allmählich absterbenden Eltern fort, wachsen schnell, gehen zur Verpuppung in die Erde, aus welcher nach kurzer Puppenruhe die Käfer hervorkommen, deren Brut noch eine dritte zur Entwickelung bringen soll. Selbst dann, wenn wir deren zwei annähmen, würde die Vermehrung eine gewaltige und während des Sommers die Gleichzeitigkeit aller Entwickelungsstufen nichts Befremdendes sein, da ja, besonders in Fällen großer Fruchtbarkeit, das Eierlegen nicht gleichzeitig stattfindet und daher auch die Larven verschiedenalterig sind. Die mir vorliegenden Larven und Käfer waren mit der kurzen Mittheilung versehen, daß bis zum 10. Juni die Käfer, bis zum 20. Juni die Eier und bis zum 10. Juli die Larven anzutreffen seien. Diese Zeitangaben würden sehr wohl die Möglichkeit einer vorangegangenen und einer noch folgenden Brut zulassen. Dem Käfer und seiner Larve haben ursprünglich wild wachsende Nachtschattengewächse (Bocksdorn, Bilsenkraut, Stechapfel, Nachtschatten usw.) im Felsengebirge zur Nahrung gedient. Durch den nach Westen vorrückenden Anbau der Kartoffel ist ihm diese Nachtschattenart nahe gebracht worden, er ist auf sie übergegangen und hat mit ihr in unglaublicher Schnelligkeit seine Ausbreitung nach Osten und Nordosten vollendet. Im Jahr 1859 war er noch hundert Meilen westlich von Omahe in Nebraska entfernt. 1865 überschritt er den Mississippi und brach in Illinois ein, 1870 hatte er sich bereits in Indiana, Ohio, Pennsylvanien, Massachusetts und im Staate New York eingenistet; 1871 bedeckten Schwärme desselben den Detroit-River in Michigan, überschritten den Erie-See auf schwimmenden Blättern, Spänen, Schindeln [185] und anderen Holzstückchen und begannen ihre Verwüstungen in den Landstrichen zwischen den Flüssen St. Clair und Niagara. Da dieser Kartoffelfeind die grünen oberirdischen Theile verschwinden läßt, so können die Pflanzen keine oder nur höchst unvollkommene Wurzelknollen ansetzen, und die Kartoffelernte fällt mehr oder weniger aus.

Bei den bisher vergeblichen Versuchen, sich gegen diesen Eindringling zu wehren, haben sich giftige Eigenschaften desselben gezeigt und das Absuchen mit alten Handschuhen rathsam erscheinen lassen. Wie viele unserer heimischen Arten beim Anfassen einen klebrigen Saft ausfließen lassen, so auch der Kartoffelkäfer nebst Larve; dieser Saft hat aber das Anschwellen der Hände zur Folge. Das Bestreuen oder Bespritzen des mit Wasser vermengten Schweinfurtergrüns (arsenig-essigsaures Kupferoxyd) hat sich ohne Beeinträchtigung der Pflanze verderblich für das Ungeziefer bewährt. Wie überall, wo ein Kerf in auffälliger Menge auftritt, sich natürliche Vertilger desselben einfinden, so auch hier. Eine Raupenfliege (Tachina) legt ihre Eier an die Larven, die Larven gewisser Marienkäferchen zehren die Kartoffelkäferlarven auf, Laufkäfer, Schreitwanzen, Lurche, Krähen betheiligen sich an der Verminderung dieses gefährlichen Feindes. Nachdem man einige Käfer im Kropfe einer Wachtel gefunden, schickte man Enten und Haushühner gegen den Feind zu Felde. Beide thaten ihre Schuldigkeit, über die Hühner lauten aber die Berichte abweichend, und hier und da sollen sie darauf gestorben sein.

Da nach der angeführten Lebensweise der Kartoffelkäfer mit den Kartoffeln selbst nichts zu schaffen hat, sondern sich nur um das Kraut kümmert, bei Nahrungsmangel wohl auch an andere Pflanzen gegangen ist, die nicht den Solaneen angehören (Unkräuter, Gemüsearten aus dem Kohlgeschlechte), da ferner die beobachteten Schwärme nur dem Aufsuchen von Nahrung gelten und bei den Chrysomelen als Ausnahmsfälle zu betrachten sind, so bleibt die Verschleppung der in der Erde überwinternden Käfer durch solche als alleinige Möglichkeit übrig. Sie ist aber darum wenig wahrscheinlich, weil man die eingeschifften Kartoffeln mit sehr viel Schmutz verladen müßte, und weil in Gegenden, wo der Käfer haust, schwerlich so viel Kartoffeln vorhanden sind, um ausgeführt oder auch nur als Nahrungsmittel für die Schiffsmannschaft verwendet werden zu können. Wir halten somit die Furcht vor einer Einschleppung dieses Ungeziefers für grundlos.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 184-186.
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