Gemeine Florfliege (Chrysopa vulgaris)

[493] Die Florfliegen, Blattlausfliegen, Goldaugen (Chrysopa), sind kleinere Netzflügler, welche sich durch die borstigen, an der Spitze nie geknopften Fühler und im Larvenstande durch die ungezähnten Saugzangen wesentlich von den Ameisenlöwen unterscheiden. Wer sollte es nicht kennen, jenes goldäugige Thierchen mit den zarten, in Regenbogenfarben spielenden Flügeln, das so gern in Gartenstuben sein Winterquartier aufschlägt? Mit dachartig den schlanken, lichtgrünen Leib umschleiernden Flügeln wartet es hier oder an anderen geschützten Orten das Frühjahr ab, um dann in seiner wahren Heimat, in dem Garten oder auf den Gebüschen im Walde dem Brutgeschäfte nachzugehen. Von da ab läßt es sich den ganzen Sommer hindurch bis spät in den Herbst hinein sehen, und jetzt fällt es bei der Armut an anderen Kerfen ganz besonders auf Eichengebüsch durch seine Menge in die Augen. Im warmen Jahr 1865 traf ich am 7. November eins an, welches soeben erst seine Puppenhülse abgestreift hatte. Dem geübten Blicke kann indessen nicht entgehen, daß sich die vielen Goldaugen weder an Größe noch in Färbung einander vollkommen gleichen und als mehrere Arten unterschieden werden müssen. Die gemeine Florfliege (Chrysopa vulgaris, Fig. a, S. 494), von Linné mit Beimischung anderer Arten Hemerobius perla genannt, zeichnet sich durch glashelle Flügel, deren Geäder einfarbig grün, grüngelb oder fleischroth ausfällt, durch einen grasgrünen Körper, über den eine weiße oder gelbliche Längslinie läuft, und durch blaßgelbe Fühler, Taster und Fußglieder aus. Die Wurzel der Klauen erweitert sich hakig, die Oberlippe ist nicht ausgeschnitten und zwischen den Fühlern steht kein schwarzer Punkt.

Sonderbar erscheint die Art, wie die Fliege ihre weißen Eier an Blätter (Fig. g) oder Baumstämme legt. Zunächst drückt sie die Hinterleibsspitze an den betreffenden Gegenstand, hebt dieselbe dann so hoch, wie es eben gehen will, ein steifes, weißes Fädchen herausziehend und dasselbe zuletzt mit einem Knötchen, dem Eie, versehend, welches wie ein gestielter Pilz aussieht und früher als solcher unter dem Namen Ascophora ovalis auch beschrieben worden ist. Alsbald spaltet sich das Ei oben, und ein schlankes Thierchen kommt daraus hervor, welches, wenn es erst etwas größer geworden, zwischen Blattläusen nicht schwer aufzufinden ist und darum Blattlauslöwe (Fig. b) genannt wurde. Unsere Abbildung läßt die Aehnlichkeit mit dem Ameisenlöwen nicht verkennen, nur kommen dem Blattlauslöwen, wie bereits erwähnt, ungezähnte Saugzangen zu, und Lippentaster, welche zwischen denselben hervorragen und die Länge der borstigen Fühler nicht erreichen. Der Körper hat schwächere Behaarung, größere Schlankheit und eine als Nachschieber dienende, fortwährend um sich tastende Leibesspitze. Durch schmutziggelbe Grundfarbe mit violettbraunen [493] Flecken stimmen alle Arten überein und nur die Abänderung in den Fleckenzeichnungen, namentlich des Kopfes, kennzeichnet die einzelnen nicht ohne Schwierigkeiten. Wir lernen in diesen Thierchen eine dritte Reihe von Larven kennen, welche sich vorzugsweise von Blattläusen ernähren und in Gemeinschaft mit jenen der übergroßen Vermehrung dieser schädlichen Saftsauger zum Heile der Pflanzenwelt entgegenwirken. Indem sie bei reicher Kost und warmer Witterung schnell wachsen, werden mehrere Bruten im Jahre möglich, und daraus erklärt sich nach einem günstigen Sommer auch die große Anzahl der zur Ueberwinterung bestimmten Fliegen. Die erwachsene Larve spinnt an einem Blatte (Fig. e), zwischen Kiefernnadeln (Fig. f), oder wo sie sich sonst zuletzt aufhielt, aus ihrer Leibesspitze mehrere Seidenfäden und sodann ein ziemlich festes, fast kugeliges Gehäuse um sich, worin sie zur Puppe wird. Beide bedürfen keiner weiteren Erörterung, sondern nur eines Blickes auf unsere Abbildung. Nach meinen Erfahrungen fertigen übrigens nicht alle Arten ein Gespinst. Die gemeine Florfliege ist über ganz Europa ausgebreitet und kommt auch am Kap der Guten Hoffnung vor, andere Arten leben in Europa und wieder andere in den übrigen Erdtheilen.

Man würde die Landjungfern (Hemerobius) falsch beurtheilen, wenn man infolge des wissenschaftlichen Namens ihren Arten eine nur eintägige Lebensdauer zusprechen wollte, vielmehr finden sie sich mit den Goldaugen zusammen, nur nicht so zahlreich, und etwas höher oder versteckter im Gebüsche und zur Ueberwinterung bereit. Die Thierchen tragen ihre breiten, häufig gefleckten oder durchaus gefärbten Flügel ungemein steil dachartig; die Randader der Vorderflügel läuft nicht gleichmäßig neben der Unterrandader hin, sondern bildet nahe der Wurzel nach außen einen Bogen, und die nächste Längsader (der Radius) sendet nach der Innenfläche wenigstens zwei unter sich gleichlaufende Aeste (Sektoren) aus. Je nach der Anzahl dieser und dem Verlaufe der ersten Querader zwischen Rand-und Unterrandader hat man neuerdings mehrere Gattungen aufgestellt.


Gemeine Florfliege (Chrysopa vulgaris). a Fliege, b Larve, c, d Puppe, e geschlossenes, f offenes Gespinst, g, h Eier. (b, c, d, h vergrößert).
Gemeine Florfliege (Chrysopa vulgaris). a Fliege, b Larve, c, d Puppe, e geschlossenes, f offenes Gespinst, g, h Eier. (b, c, d, h vergrößert).

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 493-494.
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