Deutsche Schabe (Blatta germanica)

[534] Preußen nennt in Rußland der gemeine Mann Thiere, welche der oberösterreichische Bauer als Russen bezeichnet und welche hier wie dort und noch anderwärts in den Häusern ungemein lästig fallen. Die Russen meinen, dieselben seien durch die nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges aus Deutschland zurückkehrenden Truppen eingeschleppt worden, bis dahin wenigstens habe man sie in Petersburg noch nicht gekannt. Die Oesterreicher rechtfertigen ihre Benennung mit der Ansicht, die Thiere seien durch Teichgräber aus Böhmen nach Oberösterreich (Traunkreis) gebracht worden und dorthin vorher durch russische Unterthanen gelangt, welche zum Stöckeausrotten von [534] böhmischen Glashüttenbesitzern als Tagelöhner verwendet worden seien. Wie leicht sich die deutsche Schabe (Blatta germanica), um welche es sich hier handelt, von einem Orte zu einem anderen verschleppen lasse, davon legt folgende Thatsache Zeugnis ab. In einer Brauerei zu Breslau hatten die Schaben so überhand genommen, daß sie auf den Tischen der Bierstuben umherliefen, den Gästen an die Kleider krochen und sich besonders gern unter die Rockkragen versteckten. Sie kommen auch in Syrien, Egypten, in dem nördlichen Afrika und in den verschiedensten Gegenden Deutschlands vor. In Nordhausen kennt man sie seit etwa fünfundfunfzig Jahren und findet sie in den Branntweinbrennereien oft recht lästig; in Halle kommen sie in den Francke'schen Stiftungen vereinzelt, in der ungefähr erst zwei Jahrzehnte bestehenden und außerhalb der Stadt gelegenen Zuckerraffinerie massenhaft vor; in Hamburg fallen sie in vielen Häusern sehr lästig, und Waltl in Passau bemerkt, daß sie bei ihm zu Lande ein sehr unangenehmes Hausungeziefer seien, welches nicht selten die Leute zum Ausziehen nöthige. Man geht im kalten Winter von dannen, läßt alles offen, und nach ein paar Tagen findet man die verweichlichten Thiere wahrscheinlich durch den schnellen Uebergang von der Wärme zur Kälte todt und bezieht das Haus wieder.


1 Deutsche Schabe (Blatta germanica), ein Weibchen und ein Männchen. 2 Lappländische Schabe (Blatta lapponica). Alle in natürlicher Größe.
1 Deutsche Schabe (Blatta germanica), ein Weibchen und ein Männchen. 2 Lappländische Schabe (Blatta lapponica). Alle in natürlicher Größe.

Daß eben nur der Temperaturwechsel oder der kalte Luftzug, vor welchem sie empfindlich zu sein scheinen, sie tödtet oder vielleicht nur vertreibt, und nicht die Winterkälte als solche, geht aus ihrem Leben im Freien hervor. Denn sie finden sich vielfach in unseren deutschen Wäldern; ich habe sie einzeln bei Halle, einer meiner Freunde hat sie bei Leipzig gefangen. Das in Rede stehende Thier ist lichtbraun, das Weibchen etwas dunkler als das Männchen und auf dem Halsschilde mit zwei schwarzen Längsstrichen gezeichnet. Der flache, gelbliche Hinterleib des Männchens wird mit Ausschluß der beiden Afterplatten von den Flügeln vollständig bedeckt, während der braune, vorn schwärzliche des Weibchens beiderseits etwas über die Flügel hervorragt und ihre Länge nicht erreicht. Wie es scheint, macht dieses auch weniger Gebrauch von seinen Flugwerkzeugen als das andere Geschlecht. In einem Alter von vierzehn Tagen bewirbt es sich um die Gunst eines Männchens. Beide Geschlechter nähern sich von hinten durch Zurückschieben des Körpers, bleiben aber nicht lange vereinigt. Bald darauf schwillt der Hinterleib des Weibchens merklich an, die Verdickung drängt nach hinten und nach ungefähr einer Woche wird an der Leibesspitze ein gelber, rundlicher Körper sichtbar, welcher das Bestreben zeigt, sich herauszudrängen. Man muß ihn für ein Ei halten, welches allerdings im Vergleiche zu dem Mutterthiere eine befremdende Größe zeigt. Wie lange letzteres dieses vermeintliche Ei sichtbar mit sich herumträgt, ist noch nicht genau ermittelt worden, entschieden mehrere Wochen und länger als die andere, gleich nachher zu besprechende Art. Schließlich läßt es dasselbe in irgend einem Winkel fallen und stirbt bald nachher. Man hat zwar beobachtet, [535] daß Weibchen ein weniger entwickeltes Ei ablegten und darauf noch ein zweites, vollkommeneres; als Regel muß aber angenommen werden, daß sie nur einmal legen. Bei genauerer Untersuchung dieses 6,5 Millimeter langen, halb so breiten und braun gefärbten Eies, welches fast dieselbe Gestalt, wie das weiter hinten abgebildete zeigt, finden sich äußerlich eine geflochtene Naht an dem einen langen Rande, und deutliche Querstreifchen an den Seiten. Im Inneren aber ist es von wunderbarem Baue. Durch eine Längsscheidewand wird es in zwei gleiche Hälften zerlegt, deren jede achtzehn, den äußeren Quereindrücken entsprechende Fächer mit je einem weißlichen, länglichen Eie oder, wenn es schon weiter entwickelt war, mit einem weißen Lärvchen enthält, welches mit seiner Bauchseite der Längsscheidewand zugekehrt liegt. Die Mutter bettet also in dieser Weise ihre sechsunddreißig Kinder in eine große Eikapsel regelmäßig neben einander und dürfte dieselbe nur kurze Zeit vor der Entwickelung der Jungen fallen lassen. Dieselben arbeiten sich, wenn sie reif sind, an der geflochtenen Naht aus der Eikapsel heraus. Hummel in Petersburg bot sich vor Zeiten Gelegenheit zu einer höchst interessanten Beobachtung. Er hatte, um das Leben dieser Schaben kennen zu lernen, bereits länger als eine Woche ein Weibchen, an welchem die Eikapsel hinten schon sichtbar war, in ein Glas eingeschlossen, als man ihm am Morgen des 1. April eine, wie er sagt, anscheinend ganz frische Eikapsel brachte, welche er zu jenem Weibchen in das Glas legte. Kaum war dies geschehen, so näherte sich die Gefangene derselben, betastete und kehrte sie nach allen Seiten um. Schließlich hielt sie dieselbe mit den Vorderfüßen fest und öffnete sie an der gedrehten Naht von vorn nach hinten. Sobald sich der Spalt erweiterte, drangen die weißen Lärvchen hervor, deren immer zwei und zwei auf einander gerollt waren. Mit den Kiefertastern und Fühlern half das Weibchen diesen nach, und in wenigen Sekunden liefen sie munter umher, ohne daß sich die Pflegemutter weiter um sie kümmerte. Es waren ihrer sechsunddreißig, alle weiß mit schwarzen Augen; doch wurden sie alsbald grünlich, dann schwarz und grünlichgelb gemischt. Sie setzten sich an die der Alten zum Futter vorgelegten Brodkrümchen und ließen sich dieselben schmecken. Dies alles war das Werk von zehn Minuten.

Wenn die Larve sechs Häutungen, bei welchen jedesmal die ursprüngliche weiße Farbe auf kurze Zeit wiederkehrt, überstanden hat, ist die fortpflanzungsfähige Schabe geboren. Genau genommen müßte man von sieben Häutungen sprechen, das erste Gewand bleibt nämlich in der Eikapsel zurück und wird daher leicht übersehen. Nach acht Tagen erfolgt die erste (richtiger also zweite) Häutung, nach zehn weiteren Tagen die folgende, ungefähr vierzehn Tage darauf die dritte. Beim Auskriechen aus der alten Haut, welche wie immer auf dem Rücken reißt, erscheint die Larve anfänglich dünn und schmächtig, nimmt aber schnell ihre platte Form, schon weniger rasch die dunklere Färbung an, der gelbe Rand des Halsschildes und die beiden folgenden Ringe des Mittelleibes setzen sich jetzt ab. Mit der vierten Häutung, ungefähr vier Wochen später, prägen sich alle diese Theile noch mehr aus. Nach abermals vier Wochen kommen mit der fünften Häutung die Flügelstümpfe, die Larve wird zur sogenannten Nymphe und lebt als solche eine gleiche Zeit oder sechs Wochen. Nachdem sie das letzte Kleid ausgezogen hat, braucht die Schabe zehn bis zwölf Stunden, um sich, mit Beinen und Fühlern beginnend, auszufärben. Das Wachsthum erfolgt hier, wie bei allen Kerfen, nicht gleichmäßig.

Die deutsche Schabe frißt sozusagen alles, was ein Kerf überhaupt verzehren kann, vornehmlich Brod, weißes lieber als schwarzes, dem Mehle dagegen geht sie nicht nach und auch Fleisch verschmähet sie so lange, als sie etwas anderes hat. Hummel sah sie zu Tausenden in Flaschen stürzen, in denen Oel gewesen war und die Stiefelwichse bis zum Leder vom Schuhwerke abschaben, nie aber, daß eine die andere aufgefressen hätte. Chamisso erzählt, daß man auf offener See Ballen öffnete, welche Reis und Getreide enthalten sollten, und statt dessen deutsche Schaben gefunden habe. Sie können übrigens auch lange hungern.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 534-536.
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