Küchenschabe (Periplaneta orientalis)

[537] Die Küchenschabe, der Kakerlak (Periplaneta orientalis), ist ihrer äußeren Erscheinung nach mindestens allen denjenigen bekannt, welche in einem Bäckerhause, einer Mühle, Brauerei usw. wohnen; im Freien trifft man diese Art niemals an, sondern stets nur in menschlichen Behausungen und zwar zum Leidwesen von deren Bewohnern. Während des Tages kommt sie nicht zum Vorscheine, bleibt vielmehr in Mauerlöchern und dunklen Winkeln verborgen. Beim Reinigen eines wenig gebrauchten Zimmers meiner Wohnung fand sich mitunter ein vereinzeltes Männchen oder Weibchen, oder auch eine Larve, aber immer nur ein Stück unter einem Fußteppiche, und wir wußten uns ihr Erscheinen nicht zu erklären, weil die sämmtlichen übrigen Räume frei davon waren. Immer zum Einfangen herbeigerufen, wenn sich der Besuch zeigte, versah ich es eines Tages und ließ das Thier entwischen. Mit Blitzesschnelle lief es auf der Scheuerleiste einer Wand entlang und verschwand in deren Ecke durch ein bisher unbemerkt gebliebenes, winziges Loch am Ende der Tapete. Wie ein Mäuslein wußte die Schabe ihren Weg wiederzufinden, den sie gekommen war, und wurde so zur Verrätherin ihres eigentlichen Aufenthaltsortes. Unter der Stube befand sich nämlich eine Viktualienhandlung, wo die Schaben ihre Nahrung fanden. Auf ihren nächtlichen Streifzügen hatten sie sich allmählich nach oben durchgearbeitet und ohne Erfolg die ihnen eröffnete Stube durchirrt, einige waren sogar darin verhungert; denn drei- bis viermal fand sich eine todt in den weiten Maschen der Fenstervorhänge. – Des Abends, besonders von elf Uhr ab, kann man da, wo sich diese nichts weniger als liebenswürdigen Thiere einmal eingenistet haben, sie in Scharen herumwandern sehen, gleich den Heimchen, und indem sie, wie diese, die Wärme lieben, sind Küchen und in der Nähe von Backöfen und Braupfannen gelegene Räumlichkeiten ihre liebsten Tummelplätze, sowie Juni und Juli die Hauptmonate ihres Erscheinens. Betritt man zu dieser Zeit einen von ihnen bewohnten Platz, so sieht man sie in allen Größen, zwischen der einer kleinen [537] Bettwanze und der Länge von 26 Millimeter, allerwärts umherschnüffeln und besonders da gruppirt, wo sich ihnen eine feuchte Stelle, Brod oder andere Nahrungsmittel darbieten. Erscheint man nicht sehr geräuschlos, so laufen sie mit einer Eile und Behendigkeit davon, welche ihre Furchtsamkeit beweisen, für den Beschauer bei allen damit verbundenen Nebenumständen aber auch ein unbehagliches, fast unheimliches Gefühl erwecken. Die plötzliche Lichterscheinung jagt sie weniger in Schrecken, als das unerwartete Geräusch des Eintretenden, wie man sich leicht überzeugen kann; denn eine vorbeisummende Fliege, eine plötzlich vorbeilaufende Kellerassel, ein Heimchen können sie gleichfalls außer Fassung und zum Ausreißen bringen. In den kleinen erblickt man die flügellosen Larven, in zwei verschiedenen Formen die erwachsenen Schaben.


Eine Gesellschaft von Küchenschaben (Periplaneta orientalis) auf verschiedenen Altersstufen.
Eine Gesellschaft von Küchenschaben (Periplaneta orientalis) auf verschiedenen Altersstufen.

Diejenigen, deren Hinterleibsrücken, wenn auch nicht vollkommen von pechbraunen, am Hinterende fast fächerförmig geaderten Flügeln bedeckt wird, gehören dem männlichen Geschlechte an, während die durchaus schwarzglänzenden, auf deren Mittelrücken man statt der Flügel nur seitliche Lappen wahrnimmt, die Weibchen vergegenwärtigen. Im wesentlichen unterscheidet sich Periplaneta von Blatta nur dadurch, daß beim Männchen der ersteren Gattung die letzte, ziem lich platte Bauchschuppe mit zwei langen Griffeln versehen und dasselbe Glied beim Weibchen kielartig erhoben ist.

Wenn mit dem April die Zeit zum Eierlegen gekommen ist, schwellen die befruchteten Weibchen an ihrer Hinterleibsspitze merklich an und die vorher erwähnte Eikapsel zeigt sich, rückt in dem Maße weiter aus der Leibesspitze heraus, als sie sich erhärtet und aus der hellbraunen allmählich [538] in die schwarze Farbe übergeht. Dieselbe hat gleichfalls eine Längsscheidewand, in jedem Fache aber nur acht Eizellen; sie wird bis zum August abgelegt und soll nach der Ansicht der Einen sehr bald nachher, wie Andere meinen, denen ich jedoch nicht beipflichten möchte, erst nach fast Jahresfrist die Lärvchen entlassen. Auch bei dieser Art ist mir ein Weibchen vorgekommen, welches zwei Eikapseln legte, die erste am 21., die zweite am 29. Juni; zwei Tage später lag es todt in dem als Gefängnis dienenden Glase. Beim Ausschlüpfen der Jungen bleibt die erste Haut zurück und ein sechsmaliger Wechsel folgt nach, aber in viel größeren Zwischenräumen als bei der deutschen Schabe, wie man behauptet: zunächst nach vier Wochen, dann immer erst nach je einem Jahre, so daß die Larve im zweiten Sommer die dritte Häutung bestände und so fort im sechsten die letzte, die Schabe also fünf Jahre alt werden müßte, ehe sie sich fortpflanzt. Ich habe keine eigenen Erfahrungen darüber angestellt, finde aber die Angabe des Alters etwas sehr hoch.


Eikapsel der Küchenschabe (Periplaneta orientalis), oben in natürlichen Größe, in der Unterreihe vergrößert und in den verschiedenen Ansichten.
Eikapsel der Küchenschabe (Periplaneta orientalis), oben in natürlichen Größe, in der Unterreihe vergrößert und in den verschiedenen Ansichten.

Die Küchenschabe, welche man wohl auch »Schwabe«, »Käfer« nennen hört, müßte ihres wissenschaftlichen Beinamens zufolge aus dem Morgenlande stammen, jedoch fehlen die Beweise dafür, um dies mit voller Bestimmtheit aussprechen zu können. Man weiß nur, daß sie sich in Ostindien wie in Amerika, nicht bloß in Küstenstädten, sondern auch im Binnenlande und in ganz Europa mehr oder weniger häufig findet, daß sie sich gern auf Schiffen aufhält und daß endlich ihre Entwickelungsweise durch die Eikapsel sich ganz vorzüglich dazu eignet, durch Waarensendungen überall hin verschleppt zu werden. Zuverlässige Nachrichten über ihr Vorhandensein in Europa reichen etwa einhundertfünfunddreißig Jahre zurück. Ob es wahr sei, daß sie hier und da durch die deutsche Schabe verdrängt worden, wie man behauptet, wage ich ebenfalls nicht zu entscheiden, weiß nur, daß beispielsweise zur Zeit beide Arten neben einander den Hamburgern lästig fallen. Die Liebhaberei der Thiere, nasse Stellen aufzusuchen und besonders gern Bier zu lecken, kann zu ihrem Verderben benutzt werden, wenn man feuchte Scheuerlappen auslegt, neben und unter welchen sie sich ansammeln, und diese dann mit Holzpantoffeln gründlich bearbeitet. Beim Zertreten eines Schabenweibchens hört man einen kräftigen Knall, dem ähnlich, welchen das Zertreten einer kleinen Fischblase erzeugt.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 537-539.
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