Langgeschwänztes Uferaas (Palingenia longicauda)

[509] Das gemeine Uferaas (Palingenia horaria) hat bei milchweißer Grundfarbe einen schwärzlichen Außenrand der Vorderflügel, schwarze Schenkel und Schienen der Vorderbeine, überdies an allen Beinen die beiden ersten der fünf Fußglieder einander gleich. Die Gattung charakterisirt sich durch licht geaderte, ungefleckte, nicht durchsichtige Flügel und eine kürzere mittlere Schwanzborste, welche beim Männchen mehr in die Augen fällt als beim Weibchen; dieses soll sich, wenigstens bei der langge schwänzten Art (Palingenia longicauda), nicht zum zweiten Male häuten, außerdem bei der Paarung, welche in der Luft oder auf dem Wasser erfolgt, auf dem Männchen sitzen.

Die Ephemeren und unter ihnen vorzugsweise das Uferaas (Palingenia) gehören zu denjenigen Arten, welche durch ihr massenhaftes Auftreten ein allgemeineres Interesse in Anspruch nehmen, und zwar in um so höherem Grade, als die Lebensdauer der Einzelwesen sich auf die kürzeste Zeit beschränkt. Für einige Tage, beziehungsweise Abende des ganzen Jahres wird das Uferaas überhaupt nur sichtbar, um dann spurlos zu verschwinden, bis für jede Art ihre Zeit im [509] nächsten Jahre wieder herbeigekommen ist. Dieselbe hält eine jede so gut ein, daß dem Landwirte die seinige für die verschiedenen Ernten nicht geläufiger sein kann, wie sie den Fischern auf einem bestimmten Flusse für das Schwärmen des Uferaases ist, mögen auch ein größerer Grad von Wärme oder Kälte, das Steigen oder Fallen des Wassers und andere noch unbekannte Umstände die Erscheinungszeit um etwas beschleunigen oder verzögern. Zwischen dem 10. und 15. August werden von den Fischern der Seine und Marne diejenigen erwartet, welche Réaumur als Palingenia virgo beschreibt. Die Fischer nennen sie »Manna«, und wenn ihre Zeit gekommen ist, so pflegen sie zu sagen: »das Manna fängt an sich zu zeigen; das Manna ist diese Nacht häufig, im Ueberflusse gefallen«, wodurch sie entweder auf die erstaunliche Menge von Nahrung, welche die Eintagsfliegen den Fischen bieten, oder auf die reiche Fülle ihrer Netze beim Fischfange anspielen wollen.

Réaumur bemerkte diese Kerfe zuerst im Jahre 1738, in welchem sie sich nicht eher als am 18. August in Menge zeigten. Als er am folgenden Tage von seinem Fischer erfahren, daß die Fliegen erschienen wären, stieg er drei Stunden vor Sonnenuntergang in einen Kahn, löste vom Ufer des Flusses mehrere Erdmassen, welche mit Larven angefüllt waren, und setzte sie in einen großen Kübel mit Wasser.


Weibchen des gemeinen Uferaases (Palingenia horaria).
Weibchen des gemeinen Uferaases (Palingenia horaria).

Als dieser bis gegen acht Uhr in dem Kahne gestanden, ohne daß er eine beträchtliche Menge von Haften geboren hatte, und ein Gewitter im Anzuge war, ließ der berühmte Forscher denselben in seinen Garten bringen, an welchem die Marne vorbeifloß. Noch ehe die Leute ihn an das Land brachten, kroch eine große Menge von Ephemeren aus demselben hervor. Jedes Stück Erde, welches über das Wasser hervorragte, ward von denselben bedeckt, indem einige ihren Schlammsitz zu verlassen begannen, einige zum Fliegen bereit und andere bereits im Fluge begriffen waren; überall unter dem Wasser konnte man sie in einem höheren oder niederen Grade der Entwickelung sehen. Als das Gewitter sich näherte, war er gezwungen, das interessante Schauspiel zu verlassen, kehrte aber sogleich wieder zu demselben zurück, nachdem der Regen aufgehört hatte. Als der Deckel, den man auf den Kübel gelegt hatte, wieder abgenommen worden war, erschien die Anzahl der Fliegen bedeutend vermehrt und wuchs noch immer. Viele flogen hinweg, noch mehr ertranken im Wasser. Die schon Verwandelten und in der Verwandlung Begriffenen würden allein hingereicht haben, den Kübel anzufüllen; doch wurde ihre Zahl bald von anderen, welche das Licht anzog, vergrößert. Um ihr Ertrinken zu verhindern, ließ Réaumur den Kübel wieder bedecken und das Licht darüber halten, welches gar bald vom Schwarme der Anstürmenden verlöscht wurde, die man händeweise von dem Leuchter wegnehmen konnte. – Dies Schauspiel um den Kübel, so neu und anziehend es für den genannten Forscher auch war, wurde noch bei weitem durch dasjenige übertroffen, welches sich seinen Blicken am Flusse selbst darbot, wohin ihn die Bewunderungsrufe des Gärtners riefen.


Gemeines Uferaas (Palingenia horaria).
Gemeines Uferaas (Palingenia horaria).

»Die Myriaden Hafte«, erzählt Réaumur, »welche die Luft über dem Strome des Flusses und auf dem Ufer, wo ich stand, anfüllten, können weder ausgesprochen, noch gedacht werden. Wenn der Schnee in den größten und dichtesten Flocken fällt, so ist die Luft nicht so voll von demselben, als sie hier von Haften war. Kaum stand ich einige Minuten auf einer Stufe, als die Stelle mit einer Schicht derselben von zwei bis vier Zoll in der Dicke bedeckt wurde. Neben der untersten Stufe war eine Wasserfläche von fünf bis sechs Fuß nach allen Seiten gänzlich und dicht von ihnen zugedeckt, und was der Strom wegtrieb, wurde unaufhörlich ersetzt. Mehrere Male war ich gezwungen, meine Stelle zu verlassen, weil ich den Schauer von Haften nicht ertragen konnte, der, nicht so beständig in schiefer Richtung wie ein Regenschauer einfallend, immer und auf eine sehr unangenehme Weise von allen Seiten mir in [510] das Gesicht schlug; Augen, Mund und Nase waren voll davon. Bei dieser Gelegenheit die Fackel zu halten, war eben kein angenehmes Geschäft. Die Kleider des Mannes, der sie trug, waren in wenig Augenblicken von diesen Fliegen bedeckt, gleichsam überschneit. Gegen zehn Uhr war dieses interessante Schauspiel zu Ende. Einige Nächte darauf erneuerte es sich, allein die Fliegen zeigten sich nicht mehr in derselben Menge. Die Fischer nehmen nur drei auf einander folgende Tage für den großen Fall des ›Manna‹ an, doch erscheinen einzelne Fliegen sowohl vor als nach denselben. Wie immer auch die Temperatur der Atmosphäre beschaffen sein möge, kalt oder heiß, diese Thiere schwärmen unveränderlich um dieselbe Stunde des Abends, das heißt zwischen ein Viertel und ein Halb nach acht Uhr; gegen neun Uhr beginnen sie die Luft zu erfüllen, in der folgenden halben Stunde ist ihre Anzahl am größten, und um zehn Uhr sind kaum einige mehr zu sehen, so daß in weniger als zwei Stunden dieses ungeheuere Fliegenheer aus dem Flusse, der sie zur Welt bringt, hervorgeht, die Luft erfüllt, sein bestimmtes Werk verrichtet und – verschwindet. Eine große Anzahl fällt in das Wasser, den Fischen zum reichlichen Mahle, den Fischern zum glücklichen Fange.«

[511] Auch ich hatte zu verschiedenen Malen Gelegenheit, im Vorübergehen das gemeine Uferaas zu beobachten. Zuerst in Leipzig, wo es bekanntlich nicht an fließendem Wasser fehlt. Hier sah ich (Ende der dreißiger Jahre) an den brennenden Straßenlaternen der bewässerten Vorstädte diese Art in Klumpen hängen, welche die halbe Größe einer Laterne erreichten, und sicher hat sich seitdem dieselbe Erscheinung öfter wiederholt. In der ersten Woche des August 1859 bemerkte man hier in Halle dieselbe Art in der Nähe der am Wasser stehenden Laternen wie Schneeflocken umherfliegen und hatte beim Gehen an den Füßen die Empfindung, welche locker gefallener Schnee verursacht. Es war am 26. Juli 1865 abends nach zehn Uhr, als ich an einer mehrarmigen Laterne auf hiesigem Marktplatze ein ähnliches Schauspiel beobachtete, wie es der französische Forscher geschildert hat. Tausende und abertausende der genannten Hafte umkreisten das Licht in größeren und kleineren Zirkeln, im allgemeinen aber ließen sich bestimmte Richtungen, einzelne Gürtel unterscheiden. Merkwürdig war mir dabei, daß auf meinem weiteren Wege an einzelnen Straßenlaternen diese Fliegen nicht beobachtet wurden, selbst nicht an denen, welche sich unmittelbar neben einem Saalarme befanden, während jener Armleuchter weiter vom Wasser entfernt stand als alle übrigen nicht umflatterten Laternen. Am 14. und 15. August 1876 wiederholte sich dieselbe Erscheinung, aber nur an einigen Laternen in der nächsten Nähe des genannten Flusses.

Scopoli erzählt, daß die Schwärme von Haften, die alljährlich im Monate Juni aus dem Laz, einem Flusse in Krain, erstehen, nach ihrem Tode einen Dünger liefern, welchen die Landwirte benutzen, und daß jeder glaube, nur wenig davon gesammelt zu haben, wenn er nicht wenigstens zwanzig Ladungen (?) bekommen hätte. Die in Ungarn unter dem Namen der »Theißblüte« bekannte Erscheinung ist nichts weiter als das massenhafte Auftreten der Palingenia longicauda an den Ufern der Theiß. – Uebrigens wissen sich nicht bloß die Fischer Frankreichs das Erscheinen der Eintagsfliegen (weil es meist im August erfolgt, darum auch Augustfliegen oder in einer bekannteren Abkürzung »Aust« genannt) zu Nutze zu machen, sondern auch anderwärts verstehen die Fischer Nutzen daraus zu ziehen, indem sie auf ihren Kähnen Strohwische anbrennen und damit die Thiere herbeilocken, welche sich die Flügel verbrennen und als den Fischen erwünschte Leckerbissen in das Wasser fallen. Auch sammeln sie dieselben, kneten die Leichname mit etwas Lehm zu Kugeln und bedienen sich dieser beim Fischen als Köder.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 509-512.
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