Reblaus (Phylloxera vastatrix)

[582] Die Reblaus, Wurzellaus der Rebe (Phylloxera vastatrix) hat in neuerer Zeit durch die ungeheueren Verwüstungen in den französischen Weinbergen allgemein die größten Kümmernisse erregt und gleichzeitig das Ansehen der vorigen, sehr nahe verwandten Art gehoben, weil man durch diese letztere der noch nicht hinreichend aufgeklärten Entwickelungsgeschichte des Rebenfeindes auf die Spur zu kommen hoffte, was in jüngster Zeit wirklich gelungen ist. Schon länger in Nordamerika bekannt (1853), erhielt dieses Ungeziefer vom Staats-Entomologen Asa Fitch den Namen Pemphigus vitifolii. Weil die Richtigkeit, es für eine Blattlaus zu erklären, angezweifelt wurde, gründete Schimer auf diese Art die neue Gattung Dactylosphaera, welcher Name die kolbigen Haare an den Füßen andeuten soll, die sich indessen auch bei anderen Schildläusen finden. Nachdem 1863 dasselbe Thierchen in englischen Treibhäusern aufgefunden worden war und dem Altvater in der Kerfkunde, Westwood, als neu galt, so belegte er es mit dem dritten Namen, Peritymbia vitisana, dem 1868 Planchon den vierten, Phylloxera vastatrix, folgen ließ. Letzterer Name ist bereits so volksthümlich geworden, daß hier schwerlich das von den Kerfkennern aufgestellte Gesetz, dem ältesten Namen das Vorrecht einräumen zu wollen, zur Geltung kommen wird.

Als Phylloxera trat das Ungeziefer namentlich in der Gegend von Avignon auf, schritt besonders in den Flußthälern auf- oder abwärts (durchschnittlich zwanzig bis fünfundzwanzig [582] Kilometer in Jahresfrist) und hat sich in einem Zeitraume von acht Jahren so weit verbreitet, daß so ziemlich der dritte Theil (gegen siebenhundertfunfzigtausend Hektar) des gesammten Rebgeländes in Frankreich von demselben heimgesucht und zum Theil bereits zerstört worden ist. Als die Reblaus urplötzlich 1869 weit entfernt von ihrem bisherigen Verbreitungsgebiete bei Genf aufgetreten war, suchte man dieser überraschenden Erscheinung nachzukommen, und begünstigt von dem Umstande, daß sie sich auch in den Versuchsgärten von Annaberg bei Bonn und Klosterneuburg bei Wien gezeigt hatte, stellte man ihre Einschleppung nach Europa durch amerikanische Reben fest. Diesen Ermittelungen folgten sodann bestätigend die bereits erwähnten, von Lichtenstein herausgefundenen über die Namengebung.

Ungeflügelte, noch nicht vollwüchsige Rebläuse von bräunlichgelber Färbung überwintern zwischen Spalten und Rissen meist fingerdicker, aber auch dünnerer Rebwurzeln. Nach ihrem Erwachen, welches von der Bodenwärme abhängt, vertauschen sie ihre runzelige, dunklere Haut mit einer zarteren, reiner gelben, setzen sich saugend an den Zaserwurzeln fest und erreichen bald ihre volle Größe von 0,75 Millimeter und wenig mehr.


Reblaus (Phylloxera vastatrix). 1 Wurzellaus von der Rücken-, 2 von der Bauchseite, 3 von der Seite und saugend, 4 Schnabel, 5 geflügelte Laus. Alles stark vergrößert. 6 Stück einer Rebwurzel, an welcher die Laus sitzt und durch ihr Saugen die Anschwellungen erzeugt hat; 7 älterer Wurzelstock mit bei 8 überwinternden Läusen.
Reblaus (Phylloxera vastatrix). 1 Wurzellaus von der Rücken-, 2 von der Bauchseite, 3 von der Seite und saugend, 4 Schnabel, 5 geflügelte Laus. Alles stark vergrößert. 6 Stück einer Rebwurzel, an welcher die Laus sitzt und durch ihr Saugen die Anschwellungen erzeugt hat; 7 älterer Wurzelstock mit bei 8 überwinternden Läusen.

Aus unserem Bilde (Fig. 1 bis 3) erhellt die Aehnlichkeit mit der Tannenlaus, und es sei nur noch zu seiner Erläuterung hinzugefügt, daß die zusammengesetzten Augen deutlich und die Fühler dreigliederig sind, aus zwei kurzen, dicken [583] Grundgliedern und einem quergefurchten, bedeutend längeren dritten Gliede bestehen, welches am Ende mit einer löffelförmigen Aushöhlung versehen ist. Alsbald enthüllen sich alle diese Läuse als Weibchen, denn unter verschiedenen Windungen ihrer Hinterleibsspitze legt die einzelne dreißig bis vierzig, anfangs schwefelgelbe, später etwas nachdunkelnde Eier, denen in etwa acht Tagen, während der warmen Jahreszeit auch schon früher, gelbe Junge entschlüpfen. Diese zeigen sich anfangs unruhig, haben sie aber an derselben oder einer unmittelbar benachbarten Wurzel ein ihnen zusagendes Plätzchen aufgefunden, so saugen sie sich fest, wachsen unter mehrmaligen (drei) Häutungen schnell heran und legen durchschnittlich nach zwanzig Tagen wieder Eier, gleich ihrer Mutter, ohne Zuthun eines Männchens. In dieser Weise geht die Vermehrung durch fünf bis acht Bruten hintereinander während des Sommers fort, so daß man annimmt, ein überwintertes Weibchen könne unter Voraussetzung der Entwickelung sämmtlicher Eier Stammutter von einigen Milliarden Nachkommen im Laufe eines Sommers werden.

Zwischen den letzten Bruten treten vereinzelte Läuse mit etwas verändertem Aussehen auf. Die Rückenhälfte ihrer Glieder ist mit regelmäßig geordneten Warzen versehen, die nur schwach angedeutet bei den bisherigen erscheinen; der Kopf ist kleiner, das Endglied der Fühler länger; dem Brustkasten entspringen Flügelstümpfe. Die vier Flügel, welche nach der letzten Häutung platt dem Körper aufliegen und ihn weit überragen, haben verhältnismäßig kräftige Adern, die vorderen zwei von der Randader ausgehende Schrägäste, deren hinterster einfach gegabelt ist, die Hinterflügel eine einfache Randader ohne Aeste (Fig. 5). Die geflügelten Läuse, gleichfalls Weibchen, entwickeln sich langsamer als die ungeflügelten und haben im Larvenstande eine größere Beweglichkeit; denn sie verlassen kurz vor ihrer letzten Häutung die Wurzeln und kriechen am Rebstocke in die Höhe, um über der Erde ihre Vollendung zu erhalten. Anfangs hatte man sie übersehen. In diesem Jahre (1876) ist ihnen aber von M.P. Boiteau eine besondere Abhandlung gewidmet worden, welcher wir die folgenden Mittheilungen über den weiteren Entwickelungsgang dieses höchst merkwürdigen Kerfes entnehmen. Die geflügelte Reblaus, welche durch Windströmungen weiter entfernt von ihrem Geburtsorte verschlagen werden kann, als sie freiwillig fliegen würde, legt durchschnittlich vier Eier an die verschiedensten oberirdischen Theile der Rebstöcke, namentlich auch in die Gabeln der Blattrippen, und verendet. Diese Eier unterscheiden sich in Form und sonstiger Beschaffenheit von den an den Wurzeln vorkommenden Eiern und sind von zweierlei Größe. Die 0,23 und 0,15 Millimeter in ihren beiden Haupterstreckungen messenden liefern nach kurzer Frist ungeflügelte, der Befruchtung bedürftige Weibchen, die kleineren, 0,28 und 0,12 Millimeter messenden die selteneren, ungeflügelten Männchen. Letztere sind von Boiteau nicht beobachtet und nur mit der Bemerkung abgefertigt worden, daß Balbiani von einem Männchen hintereinander habe zwei Weibchen befruchten sehen. Das lebhafte, wie suchend umherkriechende Weibchen ist 0,38 Millimeter lang, deren 0,15 breit, etwas gestreckter als die Wurzelbewohner, von hellgelber Farbe und durch Verkümmerung des Schnabels ausgezeichnet. Sein Hinterleib enthält ein einziges, denselben nicht nur ausfüllendes, sondern auch in den Mittelleib vorreichendes Ei, das sogenannte Winterei. Dasselbe wird im hintersten Theile derjenigen Gänge abgelegt, welche an dem Holze durch die Loslösung der alten von der jungen Rinde entstehen, und setzt daher ein gewisses Alter der Reben voraus. An älterem als zehn- bis zwölfjährigem Holze konnte Boiteau keine Wintereier auffinden. Neben befruchteten werden auch unbefruchtete Eier abgesetzt, die glasig gelb bleiben und nach einigen Tagen zusammenschrumpfen, während erstere sich bald olivengrün färben und etwas dunklere Fleckchen zeigen. Sie sind walzig, an den Enden gerundet, halten 0,21 bis 0,27 Millimeter in der größten, 0,10 bis 0,13 Millimeter in der kleinsten Erstreckung und sind jenen Gallerien am Boden, an der Decke oder an den Seitenwänden angeheftet. Im nächsten Frühjahre liefert jedes Ei eine Laus derselben Beschaffenheit, wie wir sie gleich anfangs an den Wurzeln kennen gelernt haben. Balbiani hatte mehrere Geschlechtsthiere an den Wurzeln gefunden und infolge dieser Wahrnehmung auch eine unterirdische geschlechtliche Fortpflanzung angenommen, [584] Boiteau's Beobachtungen machen es wahrscheinlicher, daß nur die rauhe Witterung diese Thierchen von den oberirdischen Rebentheilen nach den mit Erde bedeckten vertrieben hatten. So hätte sich denn bereits bestätigt, was nach Analogie mit der vorigen Art gemuthmaßt worden war.

Einer Erscheinung sei schließlich noch gedacht, welche einer genügenden Erklärung zur Zeit noch entgegensieht. Bald nach der Entdeckung der Reblaus fand man an den angesteckten Oertlichkeiten – auffälligerweise aber doch nur an sehr vereinzelten Stellen in Frankreich, häufiger dagegen in Amerika – die Blattunterseite befallener Stöcke mit zahlreichen, charakteristischen »Gallen« besetzt. Dieselben haben große Aehnlichkeit mit Mißbildungen verschiedener anderen Pflanzen, welche von den noch wenig untersuchten Gallmilben (Phytoptus) herrühren: sie öffnen sich an der Oberseite des Blattes, während sie sich nach unten in Form einer flachen Blase erweitern, und sind außen und innen mit einer Menge zottiger Fortsätze dicht besetzt. Der Innenraum umschließt eine flügellose Reblaus, bisweilen auch eine zweite und dritte, und daneben eine Brut von Eiern oder Jungen, ganz so, wie sie in früherer Jahreszeit an den Wurzeln gefunden worden. Daß man es hier mit keinem anderen Thiere als mit der Phylloxera vastatrix zu thun habe, ist von verschiedenen Seiten nachgewiesen worden, von keiner jedoch schon, welche Bewandtnis es mit diesem Vorkommen habe. Wie die rauhe Jahreszeit die Geschlechtsthiere nach innen treibt, so walten möglicherweise noch ungekannte örtliche Verhältnisse ob, welche zum Verlassen der Wurzeln und zum Ansiedeln auf den Blättern treiben.

Die Zerstörungen, welche die Rebläuse an den gründlich befallenen Weinstöcken hervorbringen, werden meist erst im zweiten Jahre äußerlich sichtbar, indem die Blätter früher gelb werden als die gesunden, sich an den Rändern einrollen und abfallen. Dieselben Stöcke bleiben im nächsten Frühjahre gegen ihre gesunde Umgebung zurück, machen kürzere Triebe, setzen weniger Trauben an, deren schlecht reifende Beeren einen wässerigen Geschmack haben. Untersucht man ihre Wurzeln, so liefern unregelmäßige, immer jedoch längliche, wurstartige Anschwellungen (Fig. 6) an den Enden der Fasern und feineren Verzweigungen oder auch dergleichen Auftreibungen im Verlaufe der feineren Wurzeln den sicheren Nachweis von der Gegenwart der Rebläuse. Diese Mißbildungen entstehen durch das Saugen, am meisten im Vorsommer, wenn nach dem Winterschlafe die Nachfrage nach Nahrungsstoff am lebhaftesten geworden. Gelbe Flecke an solchen Stellen weisen sich sogar dem unbewaffneten Auge als die Rebläuse selbst aus, wenn dieselben in gedrängten Haufen beisammen sitzen. Im Laufe der Zeit faulen die für die Pflanze so wichtigen Saugwurzeln sammt den Anschwellungen ab, die stärkeren Wurzeln fangen gleichfalls an, in Fäulnis überzugehen, die Rinde hängt in Fetzen um sie, und die Reblaus ist dann gewöhnlich schon nach allen Seiten hin in die Nachbarschaft ausgewandert, um gesunde Wurzeln aufzusuchen. Daher breitet sich die Krankheit für gewöhnlich von einem Herde kreisförmig immer weiter aus. In dem Vermögen vieler amerikanischen Sorten, außerordentlich reiches Wurzelwerk rasch zu treiben, liegt die größere Widerstandsfähigkeit dieser im Vergleich zu inländischen Reben gegen die Reblauskrankheit.

Nicht durch das äußere, ganz vortreffliche Ansehen der betreffenden Reben, sondern durch sorgfältige Untersuchungen seitens der vom Reichskanzleramte bestellten Persönlichkeiten, welche Deutschland vor den traurigen Erfahrungen der französischen Weinbergsbesitzer möglichst schützen sollen, ist jüngst (1876) in einigen bedeutenden Handelsgärtnereien Erfurts und Klein-Flottbecks sowie an wenigen amerikanischen Rebsorten in der Stuttgarter Umgebung das Vorkommen der Reblaus festgestellt worden. Obschon an einzelnen dieser Oertlichkeiten der Feind seit mindestens zehn Jahren vorhanden ist, so hat er doch noch keine Herrschaft über seine Futterpflanze erlangt. Aus welchem Grunde, läßt sich zur Zeit noch nicht angeben, und darum ist diese Erfahrung auch nicht dazu angethan, uns sicher zu machen, sondern unseren deutschen Weinbauern die allergrößte Vorsicht auf das dringendste anzurathen! Nach der bisher ermittelten Lebensweise ist eine Verschleppung jenes bösen Feindes erstens durch die geflügelte Form, zweitens durch die [585] ungeflügelten Läuse an den Wurzeln, mittels Schnittlingen und Stecklingen, und drittens durch die Wintereier leicht möglich, und Deutschland durch seine Kulturverhältnisse der Reben sicherlich nicht minder den Gefahren einer Verheerung seitens der Wurzellaus ausgesetzt wie Frankreich, möchte ihm vielleicht die weniger warme Lage dabei auch einigermaßen zu statten kommen. Alle bisher versuchten Mittel, diesem unterirdischen Feinde beizukommen, haben sich auf die Dauer wirkungslos erwiesen, und die von der französischen Regierung ausgesetzte Prämie von dreißigtausend Franken auf ein Universalmittel konnte noch nicht ausgezahlt werden. Vernichtung der befallenen Rebstöcke und Desinfektion des Bodens, oder wenigstens Bebauen desselben mit anderen Gewächsen auf eine Reihe von Jahren, bieten die einzige Möglichkeit, sich an dieser Stelle der Reblaus zu entledigen.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 582-586.
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