[573] Wie die vorhergehende, so vereinigt auch diese Ordnung Kerbthiere, welche in ihrem äußeren Ansehen weit auseinander gehen und nur in der Mundbildung und der unvollkommenen Verwandlung übereinstimmen. Alle Insekten, welche einen Schnabel zum Saugen haben, dessen Einrichtung bereits auf Seite 8 geschildert wurde und deren Larven sich nur durch den Mangel der Flügel, unter Umständen durch einige wenigere und dickere Fühlerglieder vom vollkommenen Kerfe unterscheiden, gehören zu den Schnabelkerfen (Rhynchota). Einer Anzahl von ihnen fehlen die Flügel gänzlich, bei anderen nur den Weibchen, und darum findet bei ihnen, genau genommen, auch keine Verwandlung statt. Die vier Flügel, wo sie vorkommen, sind entweder gleichartig und dann in der Regel dünnhäutig und vorherrschend von Längsadern durchzogen (sie können aber auch in selteneren Fällen alle vier von derberer, mehr lederartiger Haut gebildet sein), oder sie sind ungleichartig, indem festere, wenigstens in der größeren Wurzelhälfte chitinharte, nach der Spitze meist häutige Vorderflügel die dünnhäutigen hinteren verbergen, zu Flügeldecken werden, die man wegen ihrer Beschaffenheit »Halbdecken«, und die ganze Ordnung deshalb Halbdecker genannt hat, jedoch unpassend, weil nur ein kleiner Theil der Ordnungsgenossen mit derartig gebildeten Vorderflügeln ausgestattet ist. Somit wiederholen sich hier dieselben Verhältnisse in Bezug auf die Flügel, wie bei der vorigen Ordnung: Schnabelkerfe mit Flügeldecken und freiem Vorderbrustringe treten anderen Schnabelkerfen mit gleichartigen Flügeln und weniger scharf abgesondertem Vorderbrustringe gegenüber, und beiden stehen vollkommen ungeflügelte zur Seite. Der Kopf sitzt mit seiner Wurzel tiefer oder flacher im Mittelleibe und trägt bald sehr unansehnliche, versteckte, bald deutlich hervortretende Fühler, manchmal nur einfache Augen, häufiger neben diesen mäßig große zusammengesetzte sowie einen entweder dem Grunde oder der Spitze bedeutend näher gerückten Schnabel, dessen sichtbarer Theil wesentlich aus der scheidenartigen Unterlippe besteht. Den Hinterleib setzen sechs bis neun Glieder zusammen, deren Luftlöcher an der Bauchseite liegen. Bei allen erscheinen die Beine ziemlich gleichmäßig entwickelt, mit einem Schenkelringe und zwei oder drei Fußgliedern versehen; obschon sie den meisten zum Schreiten dienen, kommen dann und wann auch Raub-, Spring- und Schwimmbeine vor.

Man kennt zur Zeit an zwölftausend über alle Erdtheile verbreitete Schnabelkerfe. Diese Zahl dürfte jedoch hinter der Wirklichkeit noch weit zurückbleiben, da bisher von den außereuropäischen nur die ansehnlicheren Formen erforscht worden sind. Vorweltliche kommen schon in der Juraformation, mannigfaltigere und an Arten zahlreichere aber in den Tertiärgebirgen und im Bernsteine vor.

[573] Es scheint vollkommen gerechtfertigt, mit denjenigen dieser Thiere zu beginnen, welche lange Zeit hindurch in der Vereinigung der eben besprochenen von den Systematikern abgehandelt worden sind und von manchen zur Zeit noch vereinigt werden, mit den echten Läusen, jenen Quälgeistern auf Menschen und Säugethieren – alle sechsbeinigen Schmarotzer auf Vögeln, obschon sie im gewöhnlichen Leben denselben schreckenerregenden Namen führen, saugen kein Blut, sondern gehören den Federlingen an. – Die Läuse (Pediculina) haben keine Flügel, fadenförmige, fünfgliederige Fühler, mit Ausnahme der Affenlaus (Pediculus eurygaster), wo sie nur drei gliederig sind, zweigliederige Füße, deren letztes, hakiges Glied gegen das angeschwollene vorletzte zurückgeschlagen werden kann und ihnen hierdurch die Fähigkeit zum Klettern sichert. Der Kopf steht wagerecht nach vorn, trägt keine oder sehr kleine, einfache Augen und weit vorn die nur beim Gebrauche sichtbar werdenden Mundtheile. Dieselben bestehen aus einem weichen, einstülpbaren kurzen Kegel, dessen Vorderrand von Häkchenreihen eingefaßt wird. In dieser Röhre finden sich, wie in einer Scheide, vier hornige Halbröhren, welche sich zu zwei und zwei zu einer engeren und weiteren Röhre vereinigen.


Männliche Kopflaus (Pediculus capitis), vergrößert.
Männliche Kopflaus (Pediculus capitis), vergrößert.

Das innerste Rohr wird aus dem umschließenden äußeren weiter herausgestreckt, in die Haut eingebohrt und dient bei der Aufnahme des Blutes als Saugrohr; der Hakenkranz der äußeren Schnabelscheide bewirkt das Festhalten und den luftdichten Verschluß des Pumpenwerkes und verursacht ohne Zweifel die fressende Empfindung; denn jedermann wird seinem Gefühle nach behaupten, die Laus fresse, und steche nicht. Der kleine Mittelleib enthält nur schwache Andeutung von drei Ringen und setzt sich bei der artenreichen Gattung Haematopinus deutlich gegen den eiförmigen oder runden Hinterleib ab, während er bei Pediculus ganz unmerklich in denselben übergeht. Der in den Umrissen meist eiförmige Hinterleib läßt durch Einschnürung mehr oder weniger deutlich neun Abschnitte erkennen und bleibt ziemlich durchsichtig, so daß der Darmkanal, besonders wenn er mit Nahrung gefüllt ist, wahrgenommen werden kann. Die Läuse vermehren sich durch birnförmige Eier, die sogenannten Nisse oder Knitten, stark. Sie kleben dieselben an den Grund der Haare an, und die Wärme der thierischen Ausdünstung brütet sie nach acht Tagen aus. Durch ein Deckelchen kommt das Läuschen am oberen Ende herausspaziert und wird in längerer oder kürzerer Zeit, aber immer schnell genug und wahrscheinlich ohne Häutungen, zu der fortpflanzungsfähigen Laus. Leeuwenhoek hat aus gerechnet, daß ein Weibchen nach acht Wochen Zeuge der Geburt von fünftausend Abkömmlingen sein könne, wonach also nach dem Eierlegen der Tod nicht einträte. Eine Menge von Säugern, wie Schweine, Wiederkäuer, Einhufer, Nager, Affen werden von Läusen bewohnt, jedes von einer bestimmten, auch von mehreren Arten zugleich, selbst der Mensch ernährt deren drei.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 573-574.
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