Sippe: Singzirpen (Cicadidae, Stridulantia)

[598] Die Singzirpen (Stridulantia) endlich rechtfertigen, einigermaßen wenigstens, die deutsche Bezeichnung der ganzen Reihe; denn ihre Männchen bringen Töne hervor, welche als Gesang, Gezirp, Geschwirr, Geknarr, kurz in der verschiedensten Weise vom Ohre des Hörers aufgefaßt werden können. Wahrhaft poetisch gestaltet sich die Auffassung bei den alten Griechen. Nach einer ihrer Sagen hatten sich zwei Tonkünstler, Eunomus und Ariston, in einen Wettstreit eingelassen. Eine Cikade flog zu dem ersteren, setzte sich auf seine Harfe an Stelle einer gesprungenen Saite und verschaffte ihm den Sieg. Daher galt den Griechen eine auf einer Harfe sitzende Cikade als das Sinnbild der Musik. Ihre Dichter verherrlichten die Thierchen in ihren Gesängen und priesen sie als die glücklichsten und unschuldigsten Geschöpfe. So widmete ihnen Anakreon seine 43. Ode, welche Ramler wiedergibt wie folgt:


Glücklich nenn' ich dich, Cikade!

Daß du auf den höchsten Bäumen,

Von ein wenig Thau begeistert,

Aehnlich einem König! singest.

Dein gehöret all' und jedes,

Was du in den Feldern schauest,

Was die Jahreszeiten bringen;

Dir sind Freund die Landbewohner,

Weil du keinem lebst zu Leide,

Und die Sterblichen verehren

Dich, des Sommers holden Boten;

Und es lieben dich die Musen,

Und es liebt dich Phöbos selber;

Er gab dir die klare Stimme; –

Auch das Alter dich nicht dränget,

Seher, Erdgeborene, Sänger,

Leidenlos, ohn' Blut im Fleische –

Schier bist du den Göttern ähnlich!


Weniger zart erscheint die Glücklichpreisung von Seiten des Xenarchos aus Rhodos, wenn er sagt:


Glücklich leben die Cikaden,

Denn sie haben stumme Weiber.


Virgil hatte weniger Sinn für die Cikaden, denn er seufzte über ihre Töne, welche durch das Gebüsch »gällen«, und Berichterstatter späterer Zeiten waren ebensowenig von ihnen erbaut. Wenigstens geht dies aus den Worten Shaws hervor, welche annähernd also lauten: »In [598] den heißen Sommermonaten verursachen besonders vom Mittag an bis gegen Abend die Cikaden ein so unbändiges Gezirp und einen so unangenehmen Lärm, daß die Ohren davon gällen. Sie sind in dieser Hinsicht die lästigsten und unverschämtesten Kerfe, welche, auf einem Zweige sitzend, oft zwei oder drei Stunden ohne Aufhören fortqueilen und das Nachdenken oder die kurze Ruhe stören, denen man sich in diesen heißen Himmelsstrichen (Berberei) um diese Stunden zu überlassen pflegt. Die Tettix der Griechen muß einen wesentlich anderen, sanfteren und ohne Zweifel melodischeren Laut gehabt haben, sonst könnten Homers vortreffliche Redner, welche man mit den Cikaden verglichen hat, nichts anderes als laute, schwatzhafte Schreier gewesen sein«. So weit Shaw. Es gilt hier genau dasselbe, was bereits früher von unseren heimischen Grashüpfern gesagt wurde, jede Art spielt ihre Weise auf, von der Menge der Musikanten, der zeitweiligen Stimmung und der musikalischen Bildung des Hörers hängt der Eindruck ab, welchen das Konzert auf ihn hervorbringt. Man nannte sie, wie eben erwähnt, Tettix, welche Bezeichnung die heutigen Forscher den kleinen Dornheuschrecken beigelegt haben, und hielt sie ihres Gesanges wegen in Käfigen, verspeiste sie aber auch; denn Aristoteles bemerkt, daß die Cikadenlarven am wohlschmeckendsten seien, bevor ihre Hülle platzt, daß anfangs die Männchen, später die mit Eiern angefüllten Weibchen besser schmeckten.

Lernen wir jetzt das musicirende Werkzeug selbst kennen, von dem schon die Alten eine Ahnung hatten, wenn Aristoteles meint, daß die Töne vermittels eines, an einem Leibesringe ausgespannten Häutchens durch Zusammenpressen der Luft erzeugt würden, und Aelian sagt: »Andere Singvögel singen, wie der Mensch, mit dem Munde, die Cikaden aber mit den Hüften«. Zwei große, lederartige Schuppen, welche dem Hinterbrustbeine ohne Einlenkung angewachsen sind, nehmen den ganzen Bauch in seinem Wurzeltheile ein. Jede derselben bedeckt eine große, im Grunde von zarter Trommelhaut geschlossene Ringöffnung des ersten Hinterleibsgliedes. Oben an der Außenseite eines jeden Ringes setzt sich nach dem Rücken desselben hin ein horniger, mehrfach mit den inneren Wandungen verwachsener Rahmen an, welcher eine festere, längsfaltige Haut spannt. Nach außen schützen dieses Organ die Seitenflügel des auf dem Rücken vorn dreilappig auslaufenden Ringes, ohne es zu berühren. Am Grunde jener erstgenannten Deckschuppen, unter den angezogenen Hinterschenkeln verborgen, liegt nun jederseits das Luftloch als eine sehr lange, mit Wimpernhaaren besetzte Spalte. Im steifen Chitinrande sind die Stimmbänder angebracht, deren Innenränder durch eingepreßte Luft in tönende Schwingungen versetzt werden. Diesem, auf die angegebene Weise in eine Stimmritze umgewandelten Luftloche gerade gegenüber liegt die Trommelhöhlung mit dem eingerahmten Faltenhäutchen. Durch das Ein- und Ausathmen der Luft werden mithin die Stimmbänder in tönende Bewegung versetzt und das muschelförmige Häutchen im Rahmen, wie das Trommelfell im Grunde der großen Höhle hallen die bedeutend verstärkten Töne wieder. Bei den Fliegen wurde früher im sogenannten »Brummringe« eine ganz ähnliche Einrichtung besprochen. Die Weibchen bedürfen des Trommelapparates nicht, für sie reicht es aus, die Locktöne der Männchen zu vernehmen; dies können sie auch, wie aber, weiß man noch nicht. In Ansehung des Körperbaues verlängert sich bei den Cikaden der Kopf selten nach vorn, vielmehr beschreiben gewöhnlich der Vorder- und Hinterrand des Scheitels gleiche Bogen, und zwei Querfurchen theilen seine schmale Fläche in drei Felder, auf deren mittlerem drei Nebenaugen stehen. Vorn grenzt dieses an den oberen Rand der blasigen und querriefigen Stirn. Zwischen den stark vorquellenden Netzaugen entspringen die kurzen, siebengliederigen Borstenfühler. Am Vorderrücken finden sich außer einigen Furchen keine Auszeichnungen, dagegen fällt am mittleren das wulstige, ausgeschnittene Schildchen auf. Von den vier Flügeln, welche dachartig über dem kegelförmigen Leibe liegen, erreichen die vorderen eine bedeutendere Länge, als die hinteren, sind entweder glasartig und unbehaart oder gefärbt und behaart, letzteres besonders bei den afrikanischen Arten; das Geäder breitet sich gabelästig über die Fläche aus. Ein verdickter, unterwärts mit einigen Zähnen bewehrter Vorderschenkel bleibt den Beinen als einzige Auszeichnung und als Vermächtnis der plumpen,[599] glatten und harthäutigen Larven. Diesen dienen die Vorderbeine zum Graben in der Erde, wo die einen während ihres ganzen, einige Jahre dauernden Lebens, die anderen nur im reiferen Alter, noch andere während des Winters zubringen sollen, indem sie an der Wurzel holziger Gewächse saugen.

Die Cikaden sind scheue und träge Thiere, welche nur dann mehr Beweglichkeit annehmen, wenn sie von der brennenden Mittagssonne beschienen werden. Sie bohren mit ihrem Schnabel die jungen Triebe holziger Gewächse an und saugen den Saft. Auch nach dem Stiche fließt dieser noch aus, trocknet durch die Luft und liefert an gewissen Pflanzen das Manna. In gleicher Weise bohren die Weibchen mit dem in einer Längsspalte des Bauches verborgenen Legstachel bis zum Marke, um ihre Eier abzulegen. Die ausgeschlüpften Jungen verlassen alsbald ihre Geburtsstätte und saugen äußerlich am Baume.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 598-600.
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