Rosenblattlaus (Aphis rosae)

[587] Wenn von Blattläusen die Rede, so hat man die nahezu aus dreihundertfunfzig europäischen Arten bestehende Gattung Aphis im Sinne und erkennt die Mitglieder derselben an den siebengliederigen Fühlern, welche den Körper an Länge übertreffen, an dem spindelförmigen, aus seiner Mitte die Randader entsendenden Flügelmale, an der dreitheiligen Unterrandader sowie an den Saftröhren und meist einem Schwänzchen des Hinterleibes. Sie sitzen an den Triebspitzen, Knospen und Blättern holziger wie krautartiger Gewächse, sind meist nach der Futterpflanze benannt, ohne deshalb der den Namen gebenden ausschließlich anzugehören, und kräuseln vielfach die Blätter, an denen sie gesellschaftlich saugen. So lebt beispielsweise in dieser Art an dem Schneeballe die Schneeballblattlaus (Aphis viburni), an Apfel- und Birnbäumen wie am Schwarzdorne die grüne Apfelblattlaus (A. mali des Fabricius), wiederum an Apfelbäumen und Ebereschen die röthliche Apfelblattlaus (A. sorbi), an Kirschen die Kirschblattlaus (A. cerasi), an Johannisbeerblättern die Johannisbeerblattlaus (A. ribis), die Erbsenblattlaus (A. ulmariae Schranks) an Erbsen, Wicken, Blasenstrauch und zahlreichen wild wachsenden Schmetterlingsblümlern usw. usw. Ich versuche es nicht, auch nur eine einzige Art durch Wort oder Bild hier näher vorzuführen, verweise vielmehr auf die grüne Rosenblattlaus (A. rosae), welche der erste beste Rosenstock besser als alles zur Anschauung bringen kann, wenn das Gedächtnis einer solchen bedürfen sollte. Von dem größten Interesse dürfte es dagegen sein, die übereinstimmende Lebensweise der Aphis-Arten in der Kürze darzulegen.

Im Frühjahre, je nach der Witterung früher oder später, kommen aus Eiern, welche unter Laub und anderen geschützten Stellen, an den Holzgewächsen auch frei den Zweigen angeklebt überwintert hatten, flügellose Blattläuse hervor. Sie häuten sich viermal, ehe sie erwachsen sind, ändern aber dabei ihre Körpergestalt nur insoweit, als das oben erwähnte Schwänzchen nach der letzten Häutung schärfere Umrisse erhält und die Farben zuletzt entschiedener, wohl auch verändert auftreten. Das Wachsthum wird begünstigt durch reichlichen Saftzufluß, durch schwüle, feuchte, gleichzeitig ruhige Luft und kann, wenn diese Bedingungen zutreffen, in zehn bis zwölf Tagen vollendet sein. Die so erwachsene, flügellose Blattlaus legt keine Eier, sondern bringt lebendige Junge zur Welt, und zwar ohne jegliche Zuthat eines Männchens. Die kleine Larve kommt mit an ihren Leib angedrückten Gliedmaßen, das Hintertheil voran, aus der eben genannten Stelle ihrer Mutter hervor; aber noch ist der Kopf nicht frei, so streckt sie lebhaft die Beinchen von sich, faßt Fuß und entschlüpft vollkommen dem mütterlichen Schoße; jene erachtet es nicht einmal der Mühe werth, währenddem ihre Saugborsten aus der Lebensquelle zu ziehen, und mag kaum unter den Geburtswehen zu leiden haben. Der junge Ankömmling befindet sich genau in der Lage der Mutter, als diese dem Eie entschlüpft war, saugt sich fest, wächst schnell, häutet sich viermal und gebiert, wenn erwachsen, lebendige Junge. Man nimmt an, daß jede »Amme«, wie diese lebendig gebärenden Blattläuse genannt worden sind, durchschnittlich dreißig bis vierzig Junge gebiert, ehe sie stirbt. Fehlen zeitweilig die oben näher bezeichneten Lebensbedingungen, so verzögern sich [587] natürlich auch die Geburten, und jene Zahlen werden nicht erreicht. Bald müßte die Wohnstätte von den immer dürstenden Saugern überfüllt und ernährungsunfähig werden, da jene infolge ihrer Trägheit keine Wanderungen zu weiterer Ausbreitung unternehmen; auch könnte durch einen Unglücksfall die ganze Gesellschaft auf einmal zu Grunde gehen. Um dem Einzelwesen seine Erhaltung und der ganzen Art das Fortbestehen zu sichern, hat Mutter Natur weise Fürsorge getroffen. Wenn die Blattlauskolonie zahlreicher geworden, so bekommt sie ein verändertes Ansehen, indem zwischen den Ammen vereinzelte geflügelte Blattläuse umherkrabbeln und größere Abwechselung in die einförmige Gesellschaft bringen. Sie wurden als flügellose Larven geboren, bekamen mit der Zeit die Flugwerkzeuge, die ihnen anfangs in Form kurzer Stäbchen an den Rückenseiten anlagen, und benutzen sie nun, um entfernt von der Heimat neue Kolonien zu gründen. Haben sie sich aber anderswo angesiedelt, so wiederholen sich genau dieselben Verhältnisse wie vorher. Auch sie sind Ammen und schenken zunächst ungeflügelten, später auch geflügelten Blattläusen das Leben.

Diese Einrichtung zu weiterer Verbreitung erinnert an das Schwärmen der Bienen und Ameisen, welches zwar anders zu Stande kommt, aber demselben Endzwecke, der örtlichen Verbreitung der Art, dient. Auf solche wunderbare Weise leben unsere Blattläuse den ganzen Sommer und Herbst hindurch, so lange dieser ihnen Nahrung bietet. Dann aber werden die Ammengeburten sparsamer, es entstehen meist ungeflügelte größere Weibchen und weit vereinzelter kleinere, in der Regel geflügelte Männchen, selbstverständlich gleichfalls durch lebendige Geburten. Beide nun paaren sich und jene legen Eier an die Pflanzenstengel oder an andere geschützte Stellen, je nach der Art. Diese eierlegenden Blattläuse sind wirkliche weibliche Geschlechtsthiere, auch dem inneren Baue nach wesentlich verschieden von den Ammen und können keine lebendigen Junge erzeugen. Steenstrup vergleicht diese Fortpflanzungsweise mit derjenigen zahlreicher niederer Thiere, bei denen sich zwischen die geschlechtliche Fortpflanzung eine oder mehrere Formen einschieben, die geschlechtslos bleiben, sich auch sonst mehr oder weniger von den Geschlechtsthieren unterscheiden, zugleich aber die Fähigkeit einer geschlechtslosen Vermehrung besitzen. Der berühmte dänische Forscher hat diese Art der Vermehrung unter dem Namen des Generationswechsels in die Wissenschaft eingeführt.

Weil bei den besprochenen Blattläusen erst mit Eintritt der rauhen Jahreszeit die geschlechtliche Fortpflanzung durch Eierlegen stattfindet und nach so und so viel vorangegangenen ungeschlechtlichen Geburten erst die allgemeine Regel der Insektenvermehrung eintritt, so scheint das rauhe Wetter auch allein die Veränderung in den Verhältnissen zu bedingen. Für diese Annahme spricht auch noch der Umstand, daß in unseren wärmeren Gewächshäusern die geschlechtliche Fortpflanzung ausfallen kann, und daß es dem Pastor Küber zu Anfang dieses Jahrhunderts gelungen ist, eine Blattlauskolonie vier Jahre hindurch nur durch Ammengeburten zu erhalten. Auch fehlt es nicht an Beispielen, wo an besonders geschützten Stellen im Freien einzelne Aphis-Arten in einem anderen als dem Eistande überwintert haben.

Gleich anderen Kerfen, welche ausnahmsweise manchmal in unzähligen Mengen erscheinen und durch ihre Schwärme die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken, haben auch die zarten Blattläuse dann und wann die Luft wolkenartig erfüllt, so die Pappel-Gallenlaus (Pemphigus bursarius) am 7. Oktober 1846 in Schweden. Zwischen Brügge und Gent erschienen am 28. September 1834 Wolken von Blattläusen und ließen sich in Gent den folgenden Tag scharenweise von morgens 7 Uhr bis zum Abend in solchen Massen sehen, daß das Tageslicht verfinstert wurde; am 5. Oktober war die ganze Straße von dort bis Antwerpen schwarz von ihnen. Um dieselbe Zeit zogen sie nach Emkloo zu und nöthigten die Menschen, zum Schutze Brillen aufzusetzen und Taschentücher vor Mund und Nase zu halten. Am 9. Oktober befand sich Mooren bei Alast mitten in einem Schwarme der Pfirsichblattlaus (Aphis persicae), von welcher drei Tage später zahlreiche Schwärme, durch den Wind nach allen Richtungen hingetragen, auch Brüssel berührten.

[588] Zwischen dem 17. und 21. Juni 1847 schwärmte in verschiedenen Gegenden Englands die Bohnenblattlaus (Aphis fabae). Diese Beispiele mögen als Belege für diese höchst merkwürdige, nicht weiter zu erklärende Erscheinung dienen.

Was die schädlichen Einflüsse der Blattläuse auf die Pflanzen betrifft, so ist es klar, daß die fortwährende Entziehung der Säfte, namentlich an den jungen und jüngsten Theilen ausgeführt, eine Schwächung nicht nur dieser, sondern der ganzen Pflanze zur Folge haben muß. Durch das gestörte Wachsthum entstehen Mißbildungen mancherlei Art (Gallen), von denen das Krauswerden der Blätter, wie wir es beispielsweise an den Kirschbäumen, Johannisbeersträuchern usw. beobachten können, noch zu den geringsten gehören; die Blätter, die Früchte fallen ab, ohne nur annähernd zur Reife zu gelangen, in anderen Fällen wird die Rinde oder die Wurzel angegriffen und theilweises oder gänzliches Absterben ist die unausbleibliche Folge solcher Angriffe. Neben der Saftentziehung wirken meist auch die kleberigen, alle Spaltöffnungen verstopfenden Auswürfe der Blattläuse im höchsten Grade nachtheilig auf die Pflanzen. Indem jene unaufhörlich flüssige Nahrung aufnehmen, scheiden sie reichlich Flüssigkeit wieder aus. Sie spritzen dieselbe als eine ziemlich wasserhelle, kleberige Masse weit von sich, besudeln damit die unter ihnen befindlichen Pflanzentheile, am augenfälligsten die Blätter, welche wie mit einem Firnisse überzogen erscheinen. Der Regen löst diesen Ueberzug zum Theil wieder auf, führt ihn weiter, verändert ihn wohl auch in seiner Farbe, so daß er z.B. am Eichengebüsche als schwarze Flecke zur Erscheinung kommt, unter allen Umständen aber für die Blätter die notwendige Wechselwirkung derselben mit der umgebenden Luft mehr oder weniger lahm legt. Also hierdurch, nicht durch die tausenderlei herbeigelockten Immen und anderen süßmäuligen Kerfe, unter denen die Ameisen am häufigsten wiederkehren, erwächst den verlausten Pflanzen der Nachtheil. Sollte diese allbekannte Erscheinung, welche stets von den Blattläusen (mit Beihülfe der Schildläuse) herrührt, selbst wenn dieselben als höher sitzend übersehen werden, als Honigthau bezeichnet werden, wie ich dies anzunehmen allen Grund habe, so verdient ein sehr ähnliches, selteneres, den Blattläusen fernstehendes Vorkommen jenen Namen mit größerem Rechte, weshalb hier vor Begriffsverwechselungen gewarnt sein mag. In dem eben beregten Falle treten nämlich aus bisher noch unerklärten Gründen glasige Honigtröpfchen, den Thauperlen vergleichbar, aus der Haut der Blattoberseite und der jungen Stengel und locken gleichfalls honigleckende Kerfe, niemals jedoch Blattläuse, herbei.

Die auf die eben geschilderte Weise unmittelbar oder mittelbar von den Blattläusen beeinträchtigten Gewächse bieten in diesem unnatürlichen Zustande eine Pflanzstätte für die mit der Luft fortgeführten Pilzsporen. Dieselben bleiben dort kleben, finden die Bedingungen zu ihrer Weiterentwickelung und erzeugen die verschiedenen Pilzkrankheiten, welche als Rost, Brand usw. bezeichnet werden. Obschon nicht behauptet werden soll, daß diese Pilzkrankheiten alle durch Blattläuse vermittelt seien, so befördern doch Blattläuse entschieden manche Formen derselben. Ob ein Pilzüberzug von weißer Farbe von diesem als Mehlthau bezeichnet worden ist, während ein anderer die wolligen Ueberreste gehäuteter Blattläuse als solchen ansah, wollen wir dahin gestellt sein lassen und auch bei diesem Begriffe vor Verwirrung warnen.

Wenn nun die große Schädlichkeit der Blattläuse für die Pflanzen über jedem Zweifel erhaben ist, so liegt es entschieden in unserem eigenen Vortheile, unsere Kulturen, namentlich die Obstbäume wie die Rosen unserer Gärten, möglichst rein von diesem Ungeziefer zu halten. Ein Rosenfreund, welcher in meiner »Entomologie für Gärtner und Gartenfreunde« ein Mittel zur Erreichung obigen Zweckes vermißt haben mochte, schrieb mir, wenn auch nicht dem Wortlaute, so doch dem Sinne nach folgendes: »Ich stehe jeden Morgen eine Stunde früher auf, sehe meine Rosenstöcke nach und zerdrücke die Blattläuse mit den Fingern, wo ich sie antreffe. Die Seife reinigt jene nach gethaner Arbeit wieder vollständig. Vergleichen nun meine Nachbarn ihre Rosenstöcke mit den meinigen, so drücken sie ihre größte Verwunderung über deren gesundes Aussehen aus.« Wer die Zeit und die zu bewältigende Anzahl an Pfleglingen hat, der gehe hin und thue desgleichen, wo [589] aber diese Voraussetzungen fehlen, wo namentlich größere Obstanpflanzungen in Betracht kommen; reicht jenes Mittel nicht aus, da ist fleißiges Spritzen mit Seifenwasser (von Schmierseife), und zwar sobald sich die Blattläuse zu zeigen anfangen, das einfachste und wirksamste Mittel, hier aber nicht der Ort, dem Gegenstande näher zu treten.

Außer Aphis gibt es noch mehrere Gattungen, die man der Familie bisher zugezählt hat, sie aber, wenn man erst die Lebensweise einzelner genauer studirt und gefunden haben wird, daß die Entwickelung eine wesentlich verschiedene ist, davon trennen wird, wie dies mit einigen von uns bereits geschehen ist und vielleicht mit noch einigen anderen hätte geschehen können.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 587-590.
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