Violettflügelige Holzbiene (Xylocopa violacea)

[225] Die Holzbienen bauen ihre Zellenreihen in Holz und leben vorzugsweise in den heißen Theilen Amerikas, Afrikas und Asiens; mehrere unter sich sehr ähnliche und seither sehr häufig verwechselte Arten kommen auch im südlichen Europa vor, die eine davon nördlich bis zu einigen deutschen Landen (Nassau, Bamberg). Es ist die violettflügelige Holz biene (Xylocopa violacea), eine der mittelgroßen Arten von durchaus schwarzer Färbung und veränderlicher Größe; das dritte Fühlerglied ist an der Wurzel stielartig verdünnt und so lang wie die drei folgenden zusammengenommen. Beim Männchen, dessen Hinterleib kürzer und eiförmig erscheint, sind die Fühler an der Spitze S-förmig gebogen und die beiden vorletzten Glieder rothgelb gefärbt, die Hüften der Hinterbeine mit einem abwärts gerichteten Dorn bewehrt, der Innenrand der Schienen regelmäßig S-förmig gebogen, gleichmäßig bewimpert und in einen rothbraunen Fortsatz ausgezogen, welcher breitgedrückt, lanzettförmig und gekerbt ist. Nach Schenck fliegen im ersten Frühlinge (bei Weilburg) überwinterte Weibchen; von Juli bis in den Herbst kommen, besonders an Schmetterlingsblüten, junge Bienen beiderlei Geschlechts zum Vorscheine. Gerstäcker hat in zwei verschiedenen Jahren bei Bozen in der Mitte des August an Veronica spicata die beiden Geschlechter dieser Art frisch gefangen, Kriechbaum ebenso bei Triest und Fiume in den ersten Frühlingsmonaten. Hieraus schließt ersterer, daß es nicht den Reaumur'schen Beobachtungen widerspreche, wenn zwei Bruten im Jahre angenommen würden, eine Entwickelungsweise, welche [225] bei den nördlicher lebenden Bienen allerdings noch nicht beobachtet worden ist, für die milderen Verhältnisse jener südlichen Länder aber nicht eben Wunder nehmen darf. Merkwürdigerweise ist 1856 eine einzelne Holzbiene in England gefangen worden, und Newman meint, daß vielleicht die starke Einfuhr von Orangebäumen bei Gelegenheit der Industrieausstellung die Veranlassung dazu gegeben habe.

Mit kräftigem Gesumme fliegt das seinem Brutgeschäfte obliegende Weibchen an Latten, Breterwänden, Pfosten umher, läßt sich von der Sonne bescheinen und summt wieder davon. Diese Bewegungen dürften vor allem der Auswahl eines geeigneten Ortes gelten, wohin es seine Nachkommenschaft bette, da das kurze Leben nicht ihm, sondern dieser angehört. Altes Holz, eine morsche Pfoste, ein mürber Baumstamm, dem fetzenweise die Borke schon fehlt, eignet sich dazu am besten und ermöglicht die schwere Arbeit. Mit Eifer nagt die Biene ein Loch von dem Umfange ihres Körpers, dringt einige Millimeter in das Innere ein und wendet sich nun nach unten. Hierzu bedarf sie eines Meißels (jede Kinnbackenhälfte dient ihr dazu) und einer Zange, als solche wirken beide in Gemeinschaft. Die Späne werden herausgeschafft, und tiefer und tiefer dringt die Arbeit vor, bis eine gleichmäßige Röhre entsteht, welche einundreißig Centimeter lang sein kann und sich am Ende wieder etwas nach außen biegt. Die sorgsame Mutter gönnt sich nur so viel Ruhe bei dieser Beschäftigung, als zu einem und dem anderen Ausfluge nach Blumen nöthig ist, wo sie durch Aufnahme von Honig neue Kräfte sammelt.


Violettflügelige Holzbiene (Xylocopa violacea) nebst bloßgelegten Zellenröhren in einem Baumstamme; letztere etwas verkleinert.
Violettflügelige Holzbiene (Xylocopa violacea) nebst bloßgelegten Zellenröhren in einem Baumstamme; letztere etwas verkleinert.

In den unteren Theil wird nun Honig mit Blütenstaub vermischt in einer ganz bestimmten Menge eingetragen, ein Ei darauf gelegt und etwa in der Höhe, welche der Dicke des Rohrs gleichkommt, ein Deckel aus koncentrischen Ringen von gekneteten Sägespänen aufgesetzt. Die erste Zelle ist geschlossen und damit der Boden für die zweite, höher liegende, gewonnen. Diese bekommt eine gleiche Futtermenge und wieder ein Ei. In solcher Weise geht es fort ohne Unterbrechung, wenn nicht unfreundliches Wetter dieselbe gebietet, bis der Raum mit einer Zellensäule erfüllt ist. Hiermit hat entschieden die sorgsame Mutter das möglichste geleistet und ihre Kräfte vollständig aufgerieben. Nehmen wir an, daß sie im ersten Frühjahre ihre Thätigkeit begann, so legte sie wahrscheinlich unter sonst gleichen Verhältnissen die Grundlage für mehr Nachkommen, als in der Zeit vom August an; will sagen: die Nachkommen der ersten Brut sind wohl, wie bei anderen, immer zahlreicher als die der zweiten.

Nach wenigen Tagen schlüpft die junge Made aus, die sich im äußeren Ansehen in nichts von den Maden unterscheidet, wie sie in der allgemeinen Uebersicht zu dieser Familie beschrieben wurden. Sie liegt gekrümmt und füllt, wenn sie nach ungefähr drei Wochen erwachsen ist, die Höhlung der Zelle ziemlich aus, in welcher man schwarze Körnchen, ihre Auswürfe, neben ihr finden kann. Jetzt spinnt sie ein Gehäuse und verpuppt sich. Da die unterste die älteste ist, muß sie natürlich auch zuerst zur Entwickelung gelangen, die zweite zunächst, die oberste zuletzt. Wird sie nun wohl so lange warten, bis die letzte ihrer Schwestern bereit ist, den Weg aus dem Kerker zu bahnen? Von der zweiten Brut – ja, denn da verhindert sie der Winter am Hervorkommen; von der ersten, die während des August vollendet ist, aber nicht. Es wurde ihr der kürzeste Weg gezeigt, auf dem [226] sie sich aus dem Kerker befreien kann. Sie steht auf dem Kopfe, braucht also nur etwas beweglich zu werden und nach vorn zu drängen, so wird sie finden, daß der Raum sich nachgiebig zeigt. Sie gelangt so an das Ende der Biegung, welches mit Spänen lose gefüllt ist; indem sie ihre Zangen instinktmäßig kennt, prüft sie dieselben zum erstenmal und nagt die dünne Schicht zwischen sich und der warmen Sommerluft durch. Dies nimmt wenigstens Lepeletier an; Réaumur dagegen berichtet, daß die Mutterbiene das Loch am Ende der Röhre nage, bisweilen auch in der Mitte noch ein drittes. Die zweite, welche auskriecht, folgt der ersten nach, bis endlich die ganze Gesellschaft ausgeflogen ist und das Nest leer steht. In Gegenden, wo Holzbienen sich einmal eingebürgert haben, benutzen sie ohne Zweifel jahrelang die alten Brutplätze und gewinnen bei sonst günstigen Witterungsverhältnissen mehr Zeit, um einer reicheren Nachkommenschaft das Leben zu geben, als wenn sie stets aufs neue in der eben beschriebenen Weise Kinnbacken und Geduld auf so harte Proben stellen müssen.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Neunter Band, Vierte Abtheilung: Wirbellose Thiere, Erster Band: Die Insekten, Tausendfüßler und Spinnen. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1884., S. 225-227.
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