Walroß (Trichechus Rosmarus

[643] Die letzte Familie der Ordnung (Trichechina) besteht nur aus einer einzigen Sippe (Trichechus) und Art, dem Walroß oder »Morse«, »Seahorse« der englischen, »Rosmar« der norwegischen Robbenschläger, »Morsk« der Lappen, »Awuk« der Grönländer, »Diud« der Sibirier (Trichechus Rosmarus, Tr. obesus und divergens, Rosmarus arcticus und obesus, Odobaenus Rosmarus), wohl der ungeheuerlichsten aller Robben. Vollkommen erwachsen, erreicht dieses gewaltige Thier eine Länge von 6 bis 7 Meter bei einem Gewichte von 1000 bis 1500 Kilogramm, [643] obschon gegenwärtig so große und schwere Stücke zu den Seltenheiten gehören. Wie bei den Seehunden ist der langgestreckte Leib in der Mitte am dicksten, spitzt sich jedoch von hier an nicht so stark nach hinten zu wie bei anderen Robben. Aus diesem mächtigen Leibe ragen die Gliedmaßen wie große Lappen nach außen und unten hervor, so daß sowohl das Elnbogen- wie das Kniegelenk zu erkennen ist. Alle Füße haben fünf Zehen und diese kurze, stumpfe Krallen, welche hinter jeder Zehenspitze liegen. Der Schwanz erscheint als ein unbedeutender Hautlappen.


Geripp des Walrosses. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
Geripp des Walrosses. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

Allein nicht der Leib, sondern der verhältnismäßig kleine, runde und durch zwei kugelig aufgetriebene Zahnhöhlen am Oberkiefer unförmlich verdickte Kopf kennzeichnet das Walroß. Die Schnauze ist sehr kurz, breit und stumpf, die Oberlippe fleischig, nach den Seiten zu bogig, die untere Lippe dagegen wulstig. Zu beiden Seiten der Schnauze stehen in Querreihen von schwankender Anzahl runde, abgeflachte, hornige, von vorn nach rückwärts an Länge zunehmende Schnurrborsten, von denen die stärksten Rabenkieldicke und sieben bis acht Centimeter Länge haben. Die Nasenlöcher sind halbmondförmig, die weit zurückliegenden Augen klein, glänzend, durch vorragende Lider geschützt. Die Ohren, denen jede äußere Muschel fehlt, liegen weit hinten am Kopfe. Das merkwürdigste ist das Gebiß. Am vorderen Theile der Schnauze verdrängen zwei ungeheuere, 60 bis 80 Centim. lange Eckzähne, welche weit aus dem Maule hervorragen, die sechs Vorder- und die zwei Eckzähne, welche bei sehr jungen Thieren vorhanden sind. Schon in den ersten Lebenstagen des Wallrosses fallen die unteren Schneidezähne aus, dann folgen die oberen, und nur die Eckzähne bilden sich fort; denn auch im Unterkiefer wird der erste bleibende als Eckzahn gedeutet, weil er durch seine Gestaltung von den übrigen Backenzähnen abweicht. Von letzteren besitzt das junge Walroß in jedem Oberkiefer vier oder fünf; es fallen jedoch die kleinsten hinteren zeitig aus, so daß bei sehr alten Thieren an der Innenseite des großen Stoßzahnes gewöhnlich nur noch zwei eigentliche Backenzähne und der äußere, in der Form übereinstimmende Schneidezahn vorhanden sind. Der Unterkiefer trägt in der Jugend vier Backenzähne, von denen der letzte, kleinste ebenfalls früh verschwindet. Die gewöhnlich nach außen und etwas nach innen gekrümmten Stoßzähne sind anfangs hohl, füllen sich aber bei zunehmendem Alter bis zur Wurzel aus. Die Wirbelsäule besteht aus sieben sehr beweglichen Halswirbeln, vierzehn Rücken-, sechs Lenden-, vier Kreuzbein- und acht bis neun Schwanzwirbeln. Neun wahre und fünf falsche Rippen umschließen die Brust. Das Schulterblatt ist schmal, die Arm- und Schenkelknochen aber sind sehr stark und kurz. Das Weibchen trägt vier Zitzen in den Weichen. Die fast gänzlich nackte, sehr dicke Haut ist nicht allein faltig, sondern förmlich knorrig, zeigt auch häufig aussatzähnliche Erhöhungen, welche vielleicht nichts anderes sind als Narben, herrührend von Kämpfen zwischen zwei Walrossen selbst oder solchen mit dem Eisbären, ihrem Hauptfeinde, oder endlich von Schrammen, welche scharfe [644] Eiskanten eingeritzt haben.


Walroß (Trichechus Rosmarus). 1/40 natürl. Größe.
Walroß (Trichechus Rosmarus). 1/40 natürl. Größe.

Ein mehr oder minder lebhaftes Leder- oder Hautbraun ist die vorherrschende Färbung der Alten wie der Jungen, obwohl man bei ersteren nicht selten bemerkt, daß das Braun einigermaßen in Grau übergeht. Nach Browns Untersuchungen vieler Walrosse beiderlei Geschlechtes und aller Altersstufen gleicht das Weibchen dem Männchen und das Junge beiden Alten. Zwar behaupten die Waljäger, daß das weibliche Walroß keine Hauzähne habe, und es finden sich in der That auch solche, für welche die Angabe Gültigkeit hat; Brown aber hat andere gesehen, bei denen die Hauzähne wohl entwickelt waren. Ebenso ist früher gesagt worden, daß die Muffel, die Handteller und Sohlen bei Jungen behaart wären, und die Behaarung mit zunehmendem Alter verschwinde; aber auch diese Angabe hat nach den Untersuchungen unseres Gewährsmannes als hinfällig sich erwiesen.

Wir kennen das Walroß seit Jahrhunderten durch Bild und Wort, aber freilich weder in seiner wahren Gestalt, noch hinsichtlich seiner Lebensweise. Die alten Bilder, mit denen uns Geßner, Olaus Magnus, Martens und Buffon beglückt haben, sind entweder Ausgeburten einer mehr als lebhaften Einbildungskraft oder erbärmliche Darstellungen zusammengedorrter Häute. Jene wurden offenbar nur nach Hörensagen gezeichnet, und den Künstlern schwebten dabei wunderbare Ungeheuer vor, wie sie eine Zeit hervorbrachte, in welcher Hölle, Teufel und anderweitige Mißgeburten des Aberglaubens auf Bauwerken wie auf Bildern lebendigen Ausdruck [645] fanden. Einzelne dieser Abbildungen, namentlich das »Seeroß« und die »Seekuh« Geßners, das »ungeheuerliche Schwein des deutschen Meeres« von Olaus Magnus, sind wahrhaft ergötzliche Erzeugnisse der damaligen glaubensstarken Zeit, und selbst die offenbar nach getrockneten Häuten gezeichneten Abbildungen, ja sogar das in Buffons Werk befindliche Bild ermöglichen kaum eine Vorstellung des betreffenden Thieres. Gleichwohl findet sich schon lange vor Buffon und Martens eine von Hessel nach dem Leben gezeichnete, im Jahre 1613 veröffentliche Abbildung, welche, unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse, wenig oder nichts zu wünschen übrig läßt und heutigen Tages noch manchen Abbildungen, beispielsweise der von Pöppig aufgenommenen und von Giebel noch im Jahre 1859 anstandslos nachgedruckten Zeichnung, unbedingt vorgezogen werden muß. Den Bildern entsprechen die Beschreibungen der älteren Berichterstatter, welche ebenfalls weit zurückreichen. Bereits Albertus Magnus gibt eine mit vielen Sagen und Märchen gewürzte Beschreibung, welcher Olaus Magnus dreißig Jahre später kaum noch etwas hinzuzufügen weiß. Der erstere sagt, daß in den nordischen Meeren ein großer Walfischelefant lebe, welcher zwei bis drei Fuß lange, nach unten gerichtete Hauzähne habe, mit denen er sich an die Felsenhänge, um sich empor zu helfen, und welche er auch zum Kampfe zu benutzen wisse. Die Fischer nähern sich dem schlafenden Thiere, lösen am Schwanze das Fell vom Specke ab, stecken ein Seil durch, binden dieses an einen Felsblock und werfen nun mit Steinen nach dem Thiere. Wenn es entfliehen will, zieht es das Fell über Schnauze und Kopf und läßt es liegen und stürzt ins Meer, wo es jedoch bald schwach und halb leblos gefunden wird. Aus seinem Leder verfertigt man Riemen, welche auf dem Markte zu Köln beständig zu verkaufen sind. Olaus Magnus gibt dem Walroß bereits den noch heute gültigen Namen »Mors« und erzählt, daß es mittels seiner Zähne auf die Gipfel der Felsen wie auf einer Leiter emporsteige und sich von der Höhe wieder ins Meer wälze, falls es nicht, vom Schlafe überrascht, an den Felsen hängen bleibe. Ein Bischof von Drontheim ließ den Kopf eines Walrosses einsalzen und sandte ihn im Jahre 1520 an den Papst Leo X. nach Rom. Dieser Kopf wurde in Straßburg abgebildet, und der alte Geßner hat nach ihm eine ziemlich richtige Beschreibung geliefert. Inzwischen gaben auch ein Russe und der Freiherr von Herberstain, welcher zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts kaiserlicher Gesandter in Moskau war, eine leidliche Beschreibung. Sie erwähnen z.B. schon, daß die Walroßherden Wachen ausstellen, daß die Thiere ihrer Zähne wegen verfolgt werden, und daß aus diesen Zähnen die Türken, Tataren und Russen geschätzte Degen- und Dolchhefte verfertigen. Endlich liefert Martens aus Hamburg, welcher Ende des siebzehnten Jahrhunderts das Walroß im Eismeere selbst zu sehen bekam, einen guten und ausführlichen Bericht, und von nun an mehren sich die Beschreibungen und vervollständigt sich unsere Kenntnis des Thieres durch die genauen Schilderungen der Lebensweise und der Jagdarten, welche wir Scoresby, Cook, Parry, Kane, Brown, Scammon und unseren deutschen Nordfahrern verdanken.

Wie so viele andere Thiere ist auch das Walroß durch den Menschen allmählich weiter gegen den Nordpol hin gedrängt worden und vermag sich bloß da noch zu halten, wo nur in einzelnen Jahren zu überwindende Schwierigkeiten das Vordringen der Walschiffe hindern. Gewichtige Gründe sprechen dafür, daß zu Zeiten der Römer das Thier die Küsten von Schottland bevölkerte, und daß von ihnen die aus Elfenbein gefertigten Schmuck- und Gebrauchsgegenstände herrührten, welche die ersten Besucher Großbritanniens bei den alten Briten vorfanden. Hector Boece, bekannter unter dem Namen Boethius, führt das Walroß noch zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts als einen regelmäßigen Bewohner oder doch Besucher der schottischen Küsten auf, und spätere Berichte gedenken wiederholt verirrter Walrosse, welche an den Küsten Norwegens oder Großbritanniens beobachtet wurden; Brown hält es sogar für möglich, daß die etwas fabelhaften »Seerosse« und »Seekühe«, welche dann und wann die Fischer der von wilder Brandung umtosten Küsten des nordwestlichen Schottland beobachtet haben wollen, auf hier noch heutigen Tages zuweilen sich zeigende Walrosse zurückzuführen sind, da solche erwiesenermaßen in den Jahren [646] 1817 und 1825, ja sogar noch im Jahre 1857 an der Küste von Harris und auf den Orkneyinseln erlegt wurden. Für ein so schwimmfähiges Thier, wie das Walroß es ist, würde die verhältnismäßig kurze Seereise von Spitzbergen bis Finnmarken, Island, den Färöerinseln und Großbritannien wenig Schwierigkeiten bereiten, wäre es seiner Nahrung halber nicht mehr als alle übrigen Ordnungsgenossen an die Küsten gebunden. Dem entsprechend gehört ein Ueberschreiten seiner heutigen Verbreitungsgrenzen zu den Seltenheiten, und ebenso steht es im Einklange mit seiner geringen Wanderlust, daß es überall, wo es ausgerottet wurde, für immer verschwindet. Gegenwärtig zerfällt der Verbreitungskreis nicht allein in eine östliche und westliche Hälfte, sondern auch in verschiedene, oft auf weithin unterbrochene Aufenthaltsorte. Im allgemeinen kann man sagen, daß es in allen rings um den Nordpol gelegenen Gewässern noch heutigen Tages vorkommt, keineswegs aber überall hier auftritt. Man begegnet ihm während des ganzen Jahres in den nördlichen Theilen Ost- und Westgrönlands, in der Baffinsbai und allen mit ihr in Verbindung stehenden Straßen, Sunden und Buchten bis zur Behringsstraße hin, welche sein östliches und westliches Verbreitungsgebiet verbindet; ebenso findet es sich mit Bestimmtheit um Nowaja Semlja und Spitzbergen und wahrscheinlich längs der ganzen Nordküste Sibiriens. In der Behringsstraße und im Behringsmeere tritt es verhältnismäßig noch häufig auf, reicht hier auch weiter nach Süden herab als im Eismeere, da man es an den Küsten von Alaska und auf den Aleuten ziemlich regelmäßig beobachtet. Vor wenigen Jahrzehnten traf man es innerhalb des umschriebenen Verbreitungsgebietes wenigstens hier und da noch in sehr bedeutender Anzahl, zuweilen in Herden von vielen tausenden, deren Gewicht nach Versicherung der Robbenschläger und Jäger große, sonst hoch über das Wasser hervorragende Treibeismassen bis zur Oberfläche des letzteren herabdrückten; gegenwärtig sieht man nur unter sehr günstigen Umständen dann und wann hunderte auf einer und derselben Stelle versammelt. Noch vor wenigen Jahren gehörte es zu den zahlreichsten Thranthieren Spitzbergens; heutzutage ist es, laut Heuglin, auch hier schon sehr selten geworden, und seine gänzliche Ausrottung binnen kurzem mit Sicherheit zu erwarten.

Im allgemeinen darf man das Walroß ansehen als entschiedenen Küstenbewohner, welcher soviel als möglich die hohe See meidet und, ganz gegen Art der Robben insgemein, ausgedehntere Reisen nur selten unternimmt. Alle Walfischfänger wissen, daß sie in nächster Nähe des Landes sich befinden, wenn sie Walrosse sehen; denn die Erfahrung hat sie belehrt, daß letztere wenigstens die Grenze des um die Inseln gelagerten festen oder angetriebenen Packeises nicht zu überschreiten pflegen. Nach Browns Ansicht zieht das Thier höchstens von einem seiner Weidegründe zum anderen und zeigt sich einzig und allein deshalb während der einen Jahreszeit hier, während der anderen dort. Unter Umständen entschließt es sich aber doch auch zu weitergehenden Wanderungen. So beobachtete James Mac Bain in der Nähe der Pondsbucht unermeßliche Herden, welche dieselbe Straße zogen wie ihnen wenige Tage vorher vorausgegangene Grönlandswale und entschieden auf der Reise begriffen waren. Viele Stunden nach einander schwammen sie vorüber, tausende nach tausenden, ohne zu rasten, ohne Nahrung zu nehmen, alle in derselben Richtung, dem Eingange des Lancastersundes zustrebend. Wenige Tage später war nicht ein einziges mehr zu sehen, ebensowenig als man vorher eins bemerkt oder auch nur ein Anzeichen seiner Gegenwart wahrgenommen hatte. Auch Heuglin erwähnt, Berichte der auf Spitzbergen überwinternden Jäger wiedergebend, daß man zur Zeit, wenn die Küsten gedachter Inselgruppe von festem Eise umschlossen sind, Walrosse nicht findet, sie vielmehr erst eintreffen, wenn das Eis bricht und durch Wind und Strömung weggetrieben wird. Tiefeinschneidende Meerbusen und Buchten meiden sie, wie die meisten übrigen Robben auch, und man begegnet ihnen daher auf Spitzbergen im Hochsommer und Spätherbste entweder auf gewissen Strandniederungen oder auf angetriebenen Eismassen längs der Küste. Auf einem günstigen Stande pflegen sie ungestört lange Zeit zu verweilen, auch zu solchem immer wieder zurückzukehren, wenn sie durch das vordringende Eis genöthigt worden waren, zeitweilig einen günstigeren Weidegrund sich aufzusuchen.

[647] Der erste Eindruck, welchen das Walroß auf den Menschen macht, ist kein günstiger. Die ältesten Seefahrer wie unsere heutigen Schiffer und Reisenden finden es gleich abschreckend und häßlich. Unsere Nordfahrer sagen, daß, wenn irgend einem Thiere der Name »Ungeheuer« gebühre, dieses Thier das Walroß sein müsse, ebenso was sein Aussehen als was seine dämonische Stimme und sein unangenehmes Wesen anlange. Andere überbieten diese Schilderung noch durch die ihrige. »Unter dem östlichen Strande von Bäreneiland«, erzählt Keilhau, »gewahrte ich einen großen Haufen röthlichgrauer, sackförmiger Massen, welche einige Aehnlichkeit mit schlafenden Schweinen von riesenhafter Größe hatten. Noch nicht ganz mit mir selber einig in Betreff dieser Erscheinung, sah ich einen großen, grauen Körper, welcher in der Bucht selbst dicht unter dem Wasserspiegel sich bewegte. Derselbe erhob den Kopf über das Wasser, und ich hatte ein Walroß mit seinen zwei Ellen langen Zähnen vor mir. Die liegende Gruppe bestand aus zehn bis zwölf Stück dieser Thiere, welche nun gleichfalls die Köpfe erhoben und verschiedene Bewegungen machten, um ihre Lage zu ändern. Diese Gruppe hatte etwas ekelhaftes an sich; wenn die nackten, rohen Fettmassen, welche fast ohne alle äußeren Gliedmaßen zu sein schienen, sich zwischen einander bewegten, sah das ganze aus wie ein Klumpen ungeheuerer, großer Maden. Die träge Lebensäußerung dieser Seeungeheuer, welche viele Tage hindurch unbeweglich liegen können, dazu das rohe und gewissermaßen wirre ihrer Massen schien in der That geschaffen, gewissen dreisten Forschern Veranlassung geben zu können, sie als bloße Keimlinge von Thieren zu betrachten.« Keilhau fügt hieran einige Bemerkungen über die neuerliche Umwandlungslehre und schließt mit den Worten: »Die rohe Masse der ungeheuerlichen Thiere schien nur ein vom Meere ausgeworfener organischer Stoff ohne irgend welches bestimmtes organisches Leben zu sein«. Weit entfernt, irgend jemandem die Freiheit solcher und ähnlicher Ausdrücke verkümmern zu wollen, muß ich doch bemerken, daß die Walrosse an dem letzterwähnten Satze unschuldig sind, sich auch in den Schriften aller mir bekannten übrigen Beobachter nicht die geringste Andeutung einer solchen Uebertreibung findet. Schon der alte Martens, auf welchen sie offenbar einen sehr bedeutenden Eindruck gemacht haben, gibt ein im allgemeinen richtiges Lebensbild von ihnen. »Sie liegen«, sagt er, »auf dem Eise, unflätig wie Seehunde in großer Menge und brüllen erschröcklich. Sie schlaffen, daß sie schnarchen, nicht allein auff den Eisfeldern, sondern auch im Wasser, da man sie mannigmahl vor todt ansiehet. Sie seynd behertzte Thiere, stehen einander bei biß im Tode, und wenn einer verwundet wird, wie wohl die Menschen in den Slupen das Beste thun mit schlagen, stechen und hauen, tauchen die Wal-Rosse unter Wasser bei den Slupen, und schlagen mit den langen Zähnen unter Wasser Löcher darein, die anderen ungescheuet schwimmen hart auff die Slupen, und stehen mit dem halben Leib aus dem Wasser, und wollen zu den Slupen ein. So sie brüllen, und die Menschen es ihnen wieder also nachmachen, daß sie wie Ochsen brüllen, wil einer vor dem anderen der erste unter Wasser sein, und können Menge halber einander nicht weichen, deßwegen sie sich untereinander beissen, daß sie bluten, und klappern mit den Zähnen, andere wollen den gefangenen Wall-Roß bei der Slupen entsetzen, und wil einer vor dem anderen der erste dabei seyn, da geht es wieder an ein Beissen, Klappern der Zähne und schröckliches Brüllen, und weichen auch nicht, weil einer lebet, und so man ihnen umb der Menge weichen muß, folgen sie den Slupen nach, bis man sie aus dem Gesicht verlieret, weil wegen der Menge sie nicht so hart schwimmen können, und einer den anderen hindert, daß sie zu den Slupen nicht gelangen können, wie wirs erfahren vor dem Weihegat in Spitsbergen, da sie sich je länger je mehr versammelten, und die Slupen rinnend machten, daß wir ihnen weichen mußten, sie folgten uns so lange, als wir sie sehen konnten.« So kurz die Schilderung des alten Seefahrers ist, so trefflich kennzeichnet sie das Walroß. Kein einziger von den späteren Berichterstattern widerspricht Martens, und alle, auch die besten Beobachter, wissen ihm verhältnismäßig wenig hinzuzufügen. Das Leben der Morse scheint ein sehr einförmiges zu sein, vielleicht schon aus dem Grunde, weil die Erbeutung ihrer Nahrung ihnen weniger Mühe verursacht und weniger Zeit kostet als anderen Robben. In kurze[648] Worte zusammengefaßt, läßt sich über ihr Thun und Treiben im Laufe des Tages und Jahres etwa folgendes sagen:

Je nach der Beschaffenheit der Küste vereinigen sich mehr oder minder zahlreiche Gesellschaften der Thiere, und zwar sollen die erwachsenen in gesonderten Herden leben, also die Männchen mit ihres Gleichen, die Weibchen mit ihren säugenden Jungen sich vereinigen. Ein einziges Eisfloß trägt, wie unsere Nordfahrer sagen, oft zwanzig und mehr Walrosse. Ihre dunklen Leiber lagern dicht nebeneinander, den Kopf, der langen Zähne wegen, zur Seite geneigt oder auf dem Leibe des Nachbars ruhend: »so pflegen sie, von dem monatelangen Anblicke der Sonne oder dem rauschenden Einerlei der Brandung gelangweilt, den größten Theil ihres Daseins zu verschlafen«. Nicht allzu selten begegnet man einer Gesellschaft, welche sich auf einem schwimmenden Eisfelde gelagert hat und mit demselben gemächlich treibt, anscheinend ohne sich viel um die Richtung der Reise zu kümmern. Unter den schlafenden Walrossen hält stets mindestens eins Wache und erweckt bei Wahrnehmung einer Gefahr die übrigen durch Ausstoßen seiner kräftigen Stimme, laut Scammon, nöthigenfalls auch durch einen gelinden Stoß mit den Hauzähnen, worauf die ganze Gesellschaft entweder zur Flucht oder zur Vertheidigung sich rüstet. Da, wo das Walroß den Menschen noch nicht kennen gelernt hat, erregt ein fremdes Schiff kaum die Aufmerksamkeit der Wache oder der Herde überhaupt, und nicht einmal ein Kanonenschuß stört sie, weil alle an das Knallen gewöhnt sind in den nördlichen Meeren, wo das Eis unter donnerähnlichem Getöse oft auf weite Strecken hin borstet. Auch kommt es wohl vor, daß ein ihnen geltender Schuß sie nicht aus ihrer Ruhe schreckt; schwerlich aber dürfte die Angabe einzelner Berichterstatter richtig sein, daß sie, selbst wenn sie verwundet wurden, nur überrascht sich umsehen und bald darauf wieder zur Ruhe niederlegen sollen. Allerdings lassen sie sich, wenn sie einmal auf dem Lande oder dem Eise liegen und schlafen, ungern stören, und es kann nach dem, was von anderen Robben bekannt geworden ist, nicht überraschen, daß sie zeitweilig wirklich tage- oder wochenlang nicht von der Stelle sich rühren: die Mehrzahl der Nordfahrer, Walfänger und Robbenschläger stimmt jedoch darin überein, daß sie eine ernstere Behelligung jederzeit mit ebensoviel Muth als Nachdruck von sich abzuweisen suchen. Hinsichtlich ihrer Bewegungen scheinen sie am meisten mit den Ohrenrobben übereinzustimmen, beziehentlich der übrigen Begabungen kaum eine tiefere Stelle als letztere und andere Robben einzunehmen. Auf dem Lande fördert sich das Walroß schwerfällig und ungeschickt, aber doch noch gehend, nicht kriechend, indem es die Füße gleichzeitig übers Kreuz bewegt und sich nur darin von anderen, ebenso gehenden Thieren unterscheidet, daß es am Vorderfuße die Zehen, am Hinterfuße aber die Ferse nach vorn richtet. Beim Erklettern steiler Eisblöcke soll es stets seine beiden langen Eckzähne zu Hülfe nehmen, mit ihnen in Klüfte und Spalten sich einhaken, den schweren Leib nachziehen, hierauf den Hals von neuem ausstrecken und so fortfahren, bis es die gewünschte Lagerstelle erklommen hat. Als notwendige Hülfsmittel zum Gehen kann man besagte Zähne jedoch kaum betrachten, da die nicht minder schwerleibigen Ohren- und Rüsselrobben auch ohne solche ähnliche Wege zurücklegen und ebensogut wie jenes Höhen von zehn bis funfzehn Meter und darüber erklimmen, um hier im Strahle der Sonne sich zu recken und zu dehnen. Eher noch halte ich es für wahrscheinlich, daß es sich mit Hülfe der Hauzähne einen Weg durch das Treibeis bahnt und jene dabei zuweilen ausbricht oder doch stark beschädigt; aber auch einer solchen Ausnutzung der Zähne scheint eine Angabe unserer Nordfahrer zu widersprechen. Sie heben wohl die außerordentliche Kraft des Thieres hervor und behaupten, auf ihre Beobachtungen gestützt, daß dasselbe, von unten aufstoßend, bis funfzehn Centimeter dickes Eis zu zertrümmern vermöge, gedenken jedoch der Mithülfe der Zähne bei solchem Unternehmen mit keiner Silbe. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es sich durch derartige Kraftanstrengungen auch die Athemlöcher bildet, welche es ebensogut wie die anderen Seehunde benutzt und offen hält: Brown wenigstens bemerkte im Eise um diese Löcher herum mehr strahlenförmig auslaufende Sprünge, als man bei den Athemlöchern der übrigen Seehunde wahrzunehmen pflegt. Vom Lande ins Wasser begibt sich das Walroß, indem [649] es über abschüssige Stellen gleitend rutscht, oder aber, indem es, wie andere Robben auch, mit einem Sprunge in die Fluten sich stürzt. Hier nun schwimmt es nach Art seiner ganzen Verwandtschaft ebenso rasch und behend dahin, wie es auf dem Lande oder Eise langsam sich förderte, taucht in beträchtliche Tiefen hinab und ist im Stande, mehrere Minuten unter Wasser zu verweilen. »Die Tauchzeit«, heißt es im Berichte unserer Nordfahrer, »ist unsicher bestimmt, wird aber, glaube ich, hauptsächlich bedingt durch die Zeit, welche das Thier gehabt hat, um auf das Tauchen sich vorzubereiten. Jagt man ein aus dem Schlafe plötzlich aufgeschrecktes Walroß ins Wasser, so muß es sofort wieder auf die Oberfläche kommen, und jetzt holt es tief Athem; jagt man es sogleich wieder unter, so kommt es alsbald noch einmal zum Vorscheine. Wiederholt man dies etwa fünf- bis sechsmal, so scheint das Walroß sich mit einem genügen den Vorrathe von Sauerstoff versehen zu haben; denn nunmehr taucht es im wahren Sinne des Wortes, und man sieht es gewöhnlich nicht wieder.« Im Schwimmen überbietet das Thier jedes Ruderboot und bethätigt dabei auch eine kaum ermattende Ausdauer. Die Stimme soll bald dem Blöken einer Kuh, bald dem Bellen eines Hundes ähneln, im Zorne aber in ein furchtbares Gebrüll übergehen, welches, von fern gehört, an das Wiehern der Pferde erinnert. Während der Paarungszeit vernimmt man es so weit, daß Kapitän Cook und seine Leute bei Nacht und Nebel dadurch immer auf die Nähe der Küste aufmerksam gemacht wurden und das Schiff vor einem Zusammenstoße mit dem Eise sichern konnten.

Ueber das geistige Wesen läßt sich nach den bis jetzt vorliegenden Beobachtungen schwer ein Urtheil fällen, wohl aber annehmen, daß das Walroß nicht minder klug als andere Robben ist. So gleichgültig es beim ersten Zusammentreffen mit dem Menschen diesem gegenüber sich zeigt, sobald ändert es, infolge gesammelter Erfahrungen, sein Betragen, und so thatkräftig und verständig tritt es alsdann dem Gebieter der Erde entgegen. Unter den hervorragenden Eigenschaften ist nicht allein die allen Robben eigene Neugier, sondern auch ein für Flossenfüßler ungewöhnlicher Muth zu verzeichnen. Von jener bleichen Furcht, welche die riesenhaften Seelefanten beschleicht, wenn ihr furchtbarster Feind, der Mensch, ihnen sich gegenüberstellt, wissen die Walrosse nichts, nehmen es vielmehr ohne Besinnen auch mit wohl bewaffneten Leuten auf und achten den Tod ihrer Genossen höchstens insofern, als sie durch ihn zu wilderer Wuth entflammt werden. Wie mit ihren Feinden kämpfen sie auch unter sich auf das heftigste, jedoch nur während der Paarungszeit, welche in die letzten Frühlingsmonate zu fallen pflegt. Um diese Zeit brüllen und toben die Männchen nicht allein zu jeder Stunde des Tages, sondern greifen sich auch gegenseitig an und reißen mit den Zähnen so tiefe Schrammen in das Fell des Gegners, daß sie zuweilen einen kaum weniger abschreckenden Anblick gewähren als andere infolge ihrer Zweikämpfe zerfetzte Robben.

Nach etwa neunmonatlicher Tragzeit bringt das Weibchen sein einziges Junges zur Welt und gibt sich demselben nunmehr mit treuester Mutterliebe hin, sorgt in aufopfernder Weise für seine Ernährung und Erziehung und vertheidigt es bei Gefahren mit allem Muthe und Ingrimme, deren sein Geschlecht fähig ist. So lange als möglich sucht es sich und sein Kind allerdings der Gefahr zu entziehen, packt, wenn es eine solche wahrnimmt, das Kleine mit der Vorderflosse und stürzt sich mit ihm ins Meer, nimmt es hier auf den Rücken, um es in dieser Weise bestmöglichst zu sichern, und tritt nunmehr jedem Feinde mit Todesverachtung gegenüber. Das Kleine hängt mit innigster Zärtlichkeit an seiner Mutter und verläßt dieselbe auch im Tode nicht. Tödtet man das Junge, so hat man auf den zähesten Widerstand und unsühnbaren Rachedurst seitens der Alten zu rechnen. Selbst wenn eine Herde weiblicher Walrosse in die Flucht geschlagen werden sollte, tauchen die Mütter von Zeit zu Zeit unter fürchterlichem Gebrüll aus der Tiefe auf, schwimmen nach ihren getödteten, auf den Wellen treibenden Jungen hin, erfassen sie und verschwinden mit ihnen unter dem Wasser. Man kennt Beispiele, daß sie solche Leichname den Robbenschlägern noch in dem Augenblicke wegnahmen, als diese eben beschäftigt waren, sie in das Boot zu ziehen. Ein dem Jäger entrissenes junges Walroß ist verloren, wenn die Mutter nicht auch erlegt wird; denn diese schleift es meilenweit fort, versucht es sogar dann noch zu bergen, [650] wenn sie auf dem Eise überrascht wurde. Schwerverwundete Junge sollen, damit sie Gelegenheit zum Athemholen finden, aus dem Wasser emporgehoben und hierauf wieder in der sicheren Tiefe versenkt werden. Erlegt man eine mit ihrem jungen Sprößlinge getrennt von der Herde schwimmende Walroßmutter, so ergibt sich das junge Ungeheuer widerstandslos seinen Feinden, kann sich wenigstens nicht entschließen, die Alte zu verlassen. Kapitän Williams, ein alter wohlerfahrener Walfänger und Robbenschläger, tödtete ein weibliches Walroß und schleppte dasselbe im Boote dem etwa zwei Meilen entfernten Schiffe zu. Das Junge folgte dem Leichname bis zum Fahrzeuge und gab sich, als man die Beute an Bord bringen wollte, die größte Mühe, auch dahin zu gelangen. Als man ihm eine Schlinge um den Leib gelegt und es ebenfalls an Bord gebracht hatte, watschelte es augenblicklich auf seine todte Mutter zu, erkletterte deren Rücken und verweilte hier, bis man es zwang, wiederum ins Meer sich zu stürzen. Aber auch jetzt noch blieb es, laut klagend über den Verlust seiner Erzeugerin, in der Nähe des Schiffes.

Wie die Forschungen Malmgreens und Browns ergeben haben, nährt sich das Walroß ausschließlich von thierischen Stoffen. Mehrere der älteren Berichterstatter hatten angenommen, daß die hauptsächlichste Aesung der Thiere in Tangen bestehe, weil man in dem Magen der erlegten Reste solcher Pflanzen gefunden oder zu finden gemeint hatte. »Was ihre Speisen seynd«, sagt der alte Martens, »kann ich nicht eigendlich wissen; vielleicht essen sie Kräuter und Fische. Daß sie Kräuter essen, schlisse ich daher, weil ihr Unflat wie Pferdemist aussiehet, aber nicht so rund.« Dieser Meinung widerspricht schon Fabricius, welcher Muscheln als Hauptnahrung angibt. Malmgreen und Brown bestätigen die Beobachtungen des letzteren vollständig; beide fanden hauptsächlich eine Miesmuschel (Mya truncata), welche in den nördlichen Theilen des Eismeeres alle Bänke und Riffe bedeckt, und eine Steinbohrmuschel (Saxicava rugosa), welche bei zehn bis funfzehn Faden Tiefe in den Schlick des Meeresbodens sich eingräbt, in dem Magen der von ihnen untersuchten Stücke und kamen zu dem Schlusse, daß das Walroß seine mächtigen Zähne hauptsächlich dazu verwenden werde, um diese Muscheln von den Felsen abzulösen und aus dem Schlamme hervorzuwühlen. Die bloßgelegte Muschel dürfte ihrer Meinung nach dann mit den Lippen und der Zunge ergriffen, zwischen den Backenzähnen leicht zermalmt, das Weichthier selbst herausgeschält und zum Verschlingen zurecht gemacht werden. Hierbei verschluckt das Walroß nicht allein andere niedere Seethiere, sondern auch an den Schalen der Muscheln haftende Algen und sonstige Seepflanzen, ebenso ferner, wie so viele Robben insgemein, Sand und Kiesel, und hiermit erklärt sich der Irrthum der früheren Beobachter zur Genüge. Der Sand, welchen man, nach Browns Beobachtungen, besonders in der Nähe der auf Grönland »Atluk« genannten Athemlöcher findet, dient möglicherweise zur Erleichterung der Verdauung. Außer niederen Seethieren frißt das Thier übrigens auch Fische und unter Umständen Fleisch von größeren Seesäugethieren, widerlegt somit auf das schlagendste die Ansicht Bells, welcher nach Untersuchungen des Gebisses annehmen zu dürfen glaubte, daß es nicht im Stande sei, einen so schlüpferigen Gegenstand, wie der Fisch es ist, mit den Zähnen festzuhalten. Zur Vervollständigung der Angaben Scoresby's, welcher Fisch- und Seehundsreste aus dem Magen getödteter Walrosse genommen hat, fügt Brown noch bei, daß ein von ihm befragter, erfahrener, mit der Streitfrage unbekannter norwegischer Robbenschläger ein Walroß mit einem Fische im Maule aus dem Wasser aufsteigen sah, und daß er selbst die Mägen aller in der Nähe eines Walfischaases erlegten Walrosse bis zum Bersten mit Walfleische gefüllt fand.

Für die hochnordischen Völkerschaften, zumal für die Eskimos, hat das Walroß mindestens dieselbe, wenn nicht eine höhere Bedeutung als die Seehunde, und nicht selten zieht, wie unsere Nordfahrer versichern, die Unmöglichkeit, wegen zunehmender Vereisung der Küste desselben habhaft zu werden, den Untergang der armseligen Leute oder doch Hungersnoth nach sich. Aus diesem Gründe überwindet der Eskimo seine Furcht vor dem riesigen Thiere, welches in seinen Augen dasselbe ist, was dem Innerafrikaner der Löwe oder dem Hindu der Tiger, und in der That die[651] Achtung, in welcher es steht, vollkommen verdient. Die Jagd auf Walrosse bleibt selbst für den Europäer ein gewagtes, weil immer mit Gefahr verbundenes Unternehmen, erfordert aber den kühnsten Mannesmuth eines schlecht bewehrten Gegners, wie der Eskimo es ist. Nach Versicherung unserer Nordfahrer ist der Jäger, wenn er den Ungethümen nicht auf ganz festem Eise begegnet, gezwungen, beständig den Platz zu wechseln, um sie zu täuschen und ihren Angriffen zu entgehen. Unsere muthigen Landsleute hatten öfters Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß die gereizten Walrosse ihre Gegner genau beobachten, die Richtung und Entfernung des Standes derselben sehr wohl abzumessen verstehen und dann im Emportauchen die Stelle, auf welcher jene zuletzt gestanden haben, bestimmt zu treffen und das Eis unter ihr zu zertrümmern wissen. Bei der gefährlichen Schlittenreise nach der Claveringinsel wurden die Nordfahrer in dem von ihnen entdeckten Tiroler Fjord durch einige Walrosse, welche wiederholt dicht vor ihnen durch das Eis brachen, nicht allein erschreckt, sondern in hastige Flucht getrieben. »Jeder Versuch, sich zu vertheidigen, wäre sinnlos gewesen; die Walrosse schwammen ebenso rasch unter dem Eise nach, brachen neben uns durch dasselbe und trugen offenbar Verlangen, in unserer Gesellschaft zu schwimmen. Wir zerstreuten uns möglichst und liefen eiligst über den verdichteten Eisschlamm, gejagt von dem Rauschen und Prasseln der durchbrechenden Ungeheuer. Zum Glück befreite uns endlich eine Decke alten Eises von der Zudringlichkeit unserer Verfolger.« Am Strande oder auf einem Eisfelde gelagerte Walrosse sind allerdings wenig zu fürchten, weil ihre Unbehülflichkeit erfolgreiche Angriffe verwehrt. Bei Annäherung eines Menschen brüllen sie zwar entsetzlich, erheben sich zum Kampfe, schlagen wüthend mit den Zähnen um sich, scheinen aber doch zu fühlen, daß es hier schwerlich gelingen könne, ihren Feinden etwas anzuhaben, und suchen deshalb baldmöglichst das Wasser auf, in welchem sie ihre volle Gewandtheit, Behendigkeit und Stärke zur Geltung bringen und ihrer Kampflust und nachhaltigen Wuth genügen können. »Gegenüber dieser Furchtbarkeit im Wasser«, so bemerken unsere Nordfahrer, »kann es nichts unschuldigeres und harmloseres geben als eine sich auf einer Eisscholle oder am Strande sonnende Herde dieser Thiere oder endlich ein im Wasser schlafendes Walroß; leider aber ist der Vergleich mit einem Torpedo, den man, um Unheil zu verhüten, nicht berühren darf, nur zu gerechtfertigt.« Unglücksfälle bei solcher Jagd sind nicht selten: alte Robbenschläger oder Nordfahrer wissen von solchen wie von der Reizbarkeit und Rachsucht der Walrosse genug zu erzählen. In vielen Fällen greifen diese muthigen und unerschrockenen Robben sogar ohne alle Veranlassung an und zwingen die Schiffer zu unfreiwilligen Kämpfen. Unsere Nordfahrer geben hiervon eine ebenso lebendige als anschauliche Schilderung: »Erblickt ein solches Ungeheuer ein Boot, so erhebt es sich verwundert über die Wasserfläche, beginnt sofort den Lärmruf, ein stoßweise fortgesetztes Bellen, und schwimmt so rasch als möglich auf das Fahrzeug zu. Seine Rufe locken andere herbei, wecken die Schläfer, an welche mit dem Boote anzustoßen sorgfältig vermieden wird, und in kurzer Zeit zieht diesem tobend und mit scheinbarem oder wirklichem Grimme eine Menge der unheimlich häßlichen Riesen nach. Es mag sein, daß die Thiere dabei nur von Neugierde geleitet werden; allein die Form, in welcher sie diese zum Ausdrucke bringen, wäre dann recht unglücklich gewählt, und es liegt der Verdacht sehr nahe, daß sie das Boot, um es gründlich kennen zu lernen, umstürzen wollen. Man muß also zur Kampfbereitschaft schreiten, zumal man bald die Ueberzeugung gewinnt, ihnen auch durch das schnellste Rudern von fünf Mann nicht entkommen zu können. Die brüllende, spritzende und tauchende Walroßherde ist nunmehr wenige Schritte vom Boote entfernt. Es fallen die ersten Schüsse, und dieser Augenblick entflammt ihre Wuth. Ein wilder Kampf beginnt, in welchem die einen den greulichen Sphinxen mit Aexten auf die Brustflossen schlagen, weil sie mit ihnen das Boot umzuwerfen und zu zertrümmern drohen, die anderen mit Spießen sich vertheidigen oder mit der Schneide der Ruder Hiebe auf die riesigen Dickschädel führen oder endlich schwer verdauliche Pillen in den weit aufgesperrten Abgrund der ununterbrochen brüllenden Rachen werfen. Eine wüstes Geschrei erfüllt die Luft; Boot und Vertheidiger kämpfen mit dem Gleichgewichte; das Wasser schäumt und gelangt in heftige Bewegung; [652] neue Ungeheuer tauchen plötzlich empor oder schwimmen heran; andere sinken, tödtlich getroffen und die Wasserfläche mit ihrem Blute färbend, in die Tiefe. Die drohende Gefahr, daß das Boot durch die Wucht eines mit den Zähnen über die Bordwand schlagenden Walrosses umgerissen oder schwer beschädigt werde, vermag oft nur tödtliche Verwundung des Anführers dieser ebenso tapferen als ausdauernden Thiere zu beschwören. Der Schuß in den Rachen ist in solchen Fällen der einzig anwendbare; denn der Kopf erscheint mit Ausnahme der Augenhöhlen unverletzlich, und Verwundungen am Körper sind fast wirkungslos. Oft lassen die Thiere, durch irgend einen Umstand erschreckt, plötzlich vom Kampfe ab, tauchen spritzend unter und erst in einiger Entfernung wieder empor, wenden die häßlichen Köpfe zurück und erfüllen dann die Luft abermals mit ihrem Rachegebrüll.«

Daß diese Schilderung in keiner Weise übertrieben ist, wird durch verschiedene Zeugnisse anderer glaubwürdigen Berichterstatter verbürgt. »Das Walroß«, sagt Scoresby, »ist ein unerschrockenes Thier. Ein Boot, welches sich ihm nähert, betrachtet es neugierig, aber nicht furchtsam. Nicht immer kann der Fang im Wasser ohne Gefahr ausgeführt werden. Der Angriff auf ein einziges zieht gewöhnlich alle übrigen zur Vertheidigung herbei. In solchen Fällen versammeln sie sich rund um das Boot, von welchem der Angriff geschah, durchbohren seine Planken mit ihren Hauzähnen, heben sich bisweilen, wenn man auch noch so nachdrücklich widersteht, bis auf den Rand des Bootes empor, und drohen dieses umzuwerfen. Die beste Vertheidigung in solcher Gefahr ist Seesand, welchen man den wüthenden Thieren in die Augen wirft; er nöthigt sie gewiß, sich zu entfernen, während man die Büchse oft vergeblich gebraucht. Mein Vater erlegte einmal ein Walroß mit einer Lanze, auf welches er vorher mit der Büchse geschossen hatte. Nachdem er den Kopf, den die Kugel getroffen hatte, untersuchte, fand er, daß sie bis auf den Schädel gedrungen war, sich aber hier platt geschlagen hatte.« Kapitän Beezhey erzählt, daß eine Walroßschar, welche seine Leute ins Wasser jagten und dort verfolgten, sich plötzlich gegen die Kähne wandte, Axthiebe und Lanzenstiche nicht achtete und erst nachließ, als der Anführer durch einen Schuß in den Rachen getödtet war. Der Anblick der wüthenden Seethiere soll fürchterlich sein. Ihr steifer Hals verwehrt es ihnen, mit Leichtigkeit sich umzuschauen; aber die Beweglichkeit ihrer Augen ersetzt diesen Mangel, und sie verdrehen letztere so arg, daß ihr Blick dadurch etwas ungemein abschreckendes erhält. Auch Brown, dessen Angaben durchaus verläßlich erscheinen, bestätigt die vorstehenden Berichte. »Einst«, sagt er, »befand ich mich selbst in einem Boote, von welchem aus ein einzeln auf einem Eisblocke schlafendes Walroß harpunirt wurde. Unmittelbar darauf tauchte es in die Tiefe hinab, aber auch sofort wieder auf und stieß, ungeachtet unserer Abwehr mit Lanzen, Aexten und Büchsen, seine Zähne wüthend in die Seite des Bootes, so daß wir nichts eiligeres zu thun hatten, als die Wurfspießleine zu kappen, und von Glück sagen konnten, daß wir im Stande waren, uns auf dasselbe Eisstück zu retten, welches das Walroß eben verlassen hatte. Zu unserem Heile war das Thier großmüthig genug, uns nicht weiter zu verfolgen, sondern entfernte sich unwillig grunzend, die in seiner blutenden Seite steckende Harpune nebst der Walleine mit sich schleppend.« Unsere Nordfahrer fügen ihrer Schilderung noch einige Belege hinzu. So entging eins ihrer Boote nur mit Mühe und Noth der Zertrümmerung durch Walrosse; so wurde ein anderes, dem es, vor einer verfolgenden Herde flüchtend, gelang, nach dem Strande einer Insel zu entkommen, daselbst, obschon nur für kurze Zeit, förmlich belagert. »Je länger man unter diesen Thieren lebt, um so mehr gewöhnt man es sich ab, sie in ihrem Elemente, dem Wasser, selbst anzugreifen, es sei denn, daß irgend ein zwingender Umstand, Nahrungs- oder Oelmangel, dies erheischte.« Auch ist es unter allen Umständen rathsam, bei Bootfahrten sich ausreichend mit Schießbedarf zu versehen, um sich gegen derartige Angriffe sichern zu können.

Die erfolgreichste Jagd findet nach Erfahrung unserer Nordfahrer dann statt, wenn man Walrosse auf Eisschollen schlafend überrascht. Im letzten Augenblicke der Annäherung werden die Riemen eingenommen, die Boote geräuschlos angelegt, und die Jäger betreten die Scholle im [653] Rücken der Thiere. Kaum erblickt eins derselben die Feinde, so richtet es den Kopf wüthend und scheinbar verachtungsvoll in die Höhe, weckt alle anderen auf, und die ganze Herde drängt nun, die Jungen mitschiebend, unaufhaltsam gerade vor zum Schollenrande und stürzt kopfüber in das Wasser. Nur diese Zeit bleibt dem Jäger, und seine Schüsse müssen rasch und sicher fallen. Ein getödtetes Walroß wird, bevor es sinkt, an die Leine genommen und am Boote befestigt. Wird einem weiblichen Walroß das Junge getödtet, so packt es, wie schon oben bemerkt, dasselbe mit den Brustflossen und fordert seine Feinde mit dem grimmigsten Glanze der Augen zum Kampfe heraus. Aber nur die Mütter bleiben bei ihren Kindern zurück; die übrigen verlassen ihre verwundeten und dadurch in die äußerste Wuth versetzten Gefährten ohne Bedenken.

Ebenso wie die Europäer jagen alle Eskimos und andere Eingeborene der hochnordischen Länder, welche gewohnt sind, das Feuergewehr zu führen; in wesentlich verschiedener Weise diejenigen, welche noch heutigen Tages der Sitte ihrer Väter getreu geblieben sind. Wie Kane erzählt, greifen die Eskimos das Walroß im Wasser und auf dem Eise an. In ersterem Falle nähern sie sich ihm soviel als möglich, indem sie, während es taucht, rasch herbeirudern, während es schwimmt, dagegen sich verstecken, um den günstigen Augenblick abzuwarten, ihm beim neuen Emporkommen die Harpune in den Leib zu werfen. Die Verwundeten tauchen sofort unter; der Jäger schlägt schnell einen mit Eisen beschlagenen Pflock in das Eis und bindet die Leine an diesem fest. Das Thier tobt und wüthet, bis es endlich ermattet und dann durch Lanzenstiche getödtet werden kann. Nach Godman suchen diese muthigen Jäger im Hochsommer eine auf Eisschollen schlafende Herde in listiger Weise zu beschleichen, indem sie sich zuerst auf ein anderes kleineres Eisstück begeben, an diesem ihre Boote befestigen und nun ihr krystallenes Floß an die Herde heranzubringen suchen. Glücklich am Platze angekommen, erwählt sich jeder einzelne oder je zwei von ihnen nach Verabredung eine bestimmte Beute, und aller Harpunen durchsausen in einem und demselben Augenblicke die Luft. Die getroffenen Walrosse stürzen sofort ins Wasser und versuchen zu entrinnen, werden aber durch die Speerleinen festgehalten und ermatten um so eher, je größere Anstrengungen es ihnen kostet, das Eisfloß der Jäger, an welches die Leinen befestigt wurden, mit sich fortzuschleppen; die Jäger selbst warten die Ermattung jener in ihren Booten ab, nähern sich im rechten Augenblicke und machen ihnen mit ihren Lanzen den Garaus. Von den Aleuten aus begeben sich die Eingeborenen zu rechter Zeit alljährlich an die nördliche Küste der Halbinsel Alaska, suchen hier Walrosse auf, bemühen sich, die gelagerten Thiere zu umgehen und stürzen plötzlich unter heftigem Geschrei, mit Spießen und schweren Aexten bewaffnet, auf sie los, in der Hoffnung, sie derart zu erschrecken, daß sie ihren Weg landeinwärts nehmen. In diesem Falle ist die Jagd ergiebig, wogegen sie vereitelt wird, wenn es einem Walrosse gelingt, die Jägerlinie zu durchbrechen; denn hierauf stürzen alle übrigen dem Führer nach und bergen sich in den sicheren Fluten.

Obwohl die Jagd auch von den Europäern, und zwar zuerst von den Norwegern, schon seit tausend Jahren betrieben wird, ist sie doch erst seit wenigen Jahrzehnten für den Bestand der Thiere verhängnisvoll geworden. So lange der Walfang sich lohnte, ließ man die Walrosse ziemlich unbehelligt oder verfolgte sie doch erst dann, wenn man alle Hoffnung aufgegeben hatte, Wale zu erbeuten. In der Neuzeit ist dies anders geworden, obwohl der Gewinn der Walroßjagd noch immer in keinem Verhältnisse zu den Gefahren stehen soll, deren sich die Jäger aussetzen. In früheren Zeiten tödtete man das Walroß einzig und allein der kostbaren Zähne wegen, hieb dem erlegten den Kopf ab und ließ alles übrige schwimmen; neuerdings zieht man den erbeuteten die Haut ab, um diese und den unter ihr liegenden, nicht eben in reichlicher Menge vorhandenen Speck zu gewinnen. Aus den Hauzähnen, welche hart, weiß und so dicht wie Elfenbein sind, schneidet man ihrer Güte halber hochgeschätzte falsche Zähne und erlöst durch den Verkauf der beiden Hauer ebensoviel wie durch Verwerthung des Speckes und der Haut zusammen. Letztere läßt sich zwar auch von uns zu mancherlei Zwecken verwenden, steht jedoch der Haut anderer Robben bedeutend nach. Das Fleisch wird von den Europäern nur im Nothfalle gegessen, der Speck, [654] wie üblich, zu Thran gesotten. Für die hochnordischen Völkerschaften liegen die Verhältnisse anders; denn sie benutzen jeden einzelnen Theil des Walrosses mit alleiniger Ausnahme der Zähne welche sie, weil sie mit ihnen wenig anzufangen wissen, nur als Tauschartikel zu verwerthen pflegen. Haut und Knochen, Fleisch und Thran bringen ihnen um so höheren Nutzen. Aus der Haut, welche sich durch Gerben in ein weiches, lockeres Fell verwandeln läßt, fertigen sie Ueberzüge für ihre Segelstangen und ihre sonst nur noch aus dem Holzgerüste bestehenden Kähne oder Riemen, Taue, Seile und Fischnetze, benutzen sie auch wohl zur Bedeckung ihrer Sommerwohnungen; aus den Knochengestalten sie sich allerlei Werkzeuge; aus den Sehnen zwirnen sie sich Fäden zum Nähen; das schwarze Fleisch dient ihnen als beliebtes Nahrungsmittel und der Speck zum Fetten ihrer Speisen oder zum Brennen, so daß eigentlich kein einziger Theil des Thieres verloren geht.

Abgesehen vom Menschen, hat das Walroß auch noch von anderen Feinden zu leiden oder wird wenigstens von solchen arg gepeinigt. Eskimos wie Walfischfänger behaupten, daß es mit dem Eisbären schwere Kämpfe zu bestehen habe, indem dieser nicht allein die Jungen bedrohe, sondern auch dann und wann ein altes überfalle. Die Eskimos erzählen allerlei Geschichten von solchen Zweikämpfen, aus denen bald das Walroß, bald der Eisbär als Sieger hervorgehen soll. So versichern sie, daß die Schrammen und Wunden auf der Haut der Walrosse von den Klauen des Bären herrühren, jene aber auch nicht selten ihren Feind für immer unschädlich machen, indem sie sich, noch nachdem er sie gepackt, mit ihm in das Wasser werfen, untertauchen und ihn ertränken. Es fragt sich, wie viel und ob überhaupt wahres an diesen Berichten ist. Brown hat niemals etwas von solchen Kämpfen gesehen und glaubt berechtigt zu sein, die meisten Beobachtungen hierüber in das Gebiet der Fabel verweisen zu dürfen, obwohl er nicht in Abrede stellen will, daß die Walrosse nichts weniger als in Freundschaft mit den Bären leben. Scammon ist gläubiger und erzählt ziemlich ausführlich, wie sich der Eisbär raublustig unter eine auf dem Eise gelagerte Herde stürzt, ein junges schwächliches Walroß aussucht und dasselbe, noch bevor es das Wasser zu erreichen vermag, durch einige rasch wiederholte Tatzenschläge betäubt und tödtet, es hierauf mit den scharfen Krallen enthäutet, zerreißt und das saftige Fleisch gierig verschlingt. Derselbe Berichterstatter weiß noch von einem anderen Feinde und zwar dem Butskopfe zu erzählen, welcher den jungen Walrossen womöglich noch gefährlicher werden soll als der Eisbär, obgleich er nur im freien Wasser jagt. Bei seinem Erscheinen soll die Walroßmutter ihr Junges sofort auf den Rücken nehmen und so eilig als möglich auf einer dicken Eisscholle Rettung suchen, ihr Vorhaben jedoch nicht immer ausführen können, weil der Butskopf, noch ehe sie die sichere Scholle erreicht, plötzlich in die Tiefe tauche und mit solcher Kraft von unten herauf gegen ihren Bauch stoße, daß das Junge vom Rücken herabgeschleudert und einen Augenblick später ergriffen und verschlungen werde. Anderseits soll aber auch der Butskopf solch frevelndes Gelüst zuweilen büßen müssen und von der gerechtfertigten Rachsucht der wüthenden Robbe zu leiden haben, indem diese die gewaltigen Hauer in den Leib des Feindes bohre. Ich brauche wohl kaum zu versichern, daß mir letztere Erzählung noch weniger glaublich erscheinen will als die oben erwähnten Berichte der Eskimos. Wahrscheinlich spielt ein kleiner lausartiger Schmarotzer dem wüsten Ungeheuer der Nordens viel ärger mit als Eisbär und Butskopf zusammen genommen. Nach Browns Beobachtung setzt sich die eine Art dieser Thiere an der Wurzel der Schnurrborsten, die andere auf dem übrigen Körper fest, und beide peinigen das Walroß derart, daß es zuweilen wie in Verzweiflung bald vom Eise in das Wasser springt, bald wieder vom Wasser heraus auf das Eis klettert, heftig brüllt und taumelnde oder rollende Bewegungen ausführt, welche darauf hindeuten, daß es sich bemüht, die lästigen Schmarotzer abzustreifen. Als Brown einmal längere Zeit eine in dieser Weise sich geberdende Herde der ungeschlachten Thiere beobachtet hatte, erschien bald darauf ein Flug von Steinschmätzern auf der von jenen verlassenen Stelle und begann eifrig etwas aufzulesen. Hierdurch aufmerksam geworden, begab sich auch unser Gewährsmann auf das Eisfloß und fand daselbst eine Menge der erwähnten Schmarotzer, welche von den Walrossen glücklich abgeschüttelt worden waren.

[655] Obgleich sein selbstbewußtes und reizbares Wesen das Walroß durchaus nicht geeignet erscheinen läßt, mit dem Menschen in ein freundliches Verhältnis zu treten, zeigten sich doch die Jungen, welche man gefangen hielt, fast ebenso leitsam wie andere Robben. Gefangene Walrosse sind trotz der wenig geeigneten Pflege, welche ihnen auf dem Schiffe zu theil werden konnte, wiederholt nach Europa, namentlich nach Norwegen und England gebracht worden: das erste erweislich im Jahre 1608 von Thomas Welten. »Am 12. Juli«, so erzählt er, »nahmen wir zwei junge lebende Walrosse, ein Männchen und ein Weibchen, an Bord. Das Weibchen starb, bevor wir England erreichten; das Männchen hingegen lebte ungefähr zehn Wochen. Am 20. August kamen wir in London an und brachten unser lebendes Walroß an den Hof, woselbst der König und viele hochehrbare Leute es mit um so größerer Bewunderung betrachteten, als vorher noch niemals ein derartiges Thier lebend in England gesehen worden war. Nicht lange Zeit darauf wurde es krank und starb. So auffallend die Gestalt dieses Thieres ist, ebenso auffallend ist auch seine Gelehrigkeit und seine Lust, etwas zu lernen, wie wir davon uns oft überzeugt haben.« Andere lebende Walrosse gelangten im vorigen Jahrhunderte, die letzten in den Jahren 1853 und 1867, nach England, nach Hammerfest und Ullapool, andere wurden längere Zeit auf Schiffen gehalten. Eins von diesen konnte Brown beobachten. Man hatte seine Mutter auf dem Eise getödtet und es, da es noch zu jung war, um das Wasser zu erreichen, ohne Schwierigkeit ergriffen. Seine Gefangennahme mußte wenige Stunden nach seiner Geburt erfolgt sein; gleichwohl hatte es bereits eine Länge von ungefähr einem Meter, und seine Hauzähne brachen schon durch das Zahnfleisch. »Als ich es zuerst sah«, sagt Brown, »lag es grunzend auf dem Deck und saugte bald an einem Stücke von dem Fette seiner Mutter, bald an deren Felle, in der Gegend der Zitzen.« Man fütterte es mit Hafer, Mehlbrei und Erbsensuppe, und es schien bei diesem außergewöhnlichen Futter auch zu gedeihen. Fische vermochte man ihm nicht zu verschaffen; die einzige thierische Nahrung, welche es erhielt, bestand in kleinen Stückchen ausgewässerten Rind- oder Kalbfleisches oder auch frischen Bärenfleisches, welche Stoffe es bereitwillig annahm. Es zeigte Gefallen und Mißfallen an gewissen Leuten und Dingen und erkor sich Freunde und Lieblinge, welche es stets wieder erkannte. Wenn man ein Zeitungsblatt vor seinem Gesichte schüttelte, erregte man es auf das heftigste; denn es pflegte dann, sichtlich erzürnt, das Maul weit geöffnet, dem Störenfriede über das ganze Deck nachzufolgen. Wenn der »Fall« eines Walfisches ausgerufen wurde, rannte es, so eilig seine Schwerfälligkeit es erlaubte, zuerst in die Kajüte des Wundarztes, dann in die auf dem Quarterdeck gelegene des Kapitäns, anscheinend um sich zu vergewissern, daß beide munter seien, und lief hierauf, sein »Awuk awuk« grunzend, längere Zeit auf dem Decke umher; mußte das Schiff vom Eise geklärt werden, was dadurch zu geschehen pflegt, daß die gesammte Mannschaft bald an die Wände des Steuerbordes, bald an die des Backbordes rennt, um so das Schiff in eine schaukelnde Bewegung zu setzen, so versuchte es die Bewegungen der Mannschaft nachzuahmen, durchmaß dabei jedoch selten mehr als seine eigene Leibeslänge. Sonst lag es über Tags in der Regel behaglich in der Sonne, lässig eine um die andere seiner Flossen in die Luft streckend, in dieser Lage dem Anscheine nach außerordentlich wohl sich fühlend. Als der Kapitän es zum erstenmale in das Wasser warf, benahm es sich hier überaus ungeschickt, kam sofort unter die Eisschollen und bemühte sich vergeblich, die Höhe derselben wieder zu gewinnen. Geleitet durch sein klägliches Geschrei, begab sich sein Pfleger an die betreffende Stelle des Eises und versuchte, es durch Rufen an sich zu locken. Sogleich erschien es freiwillig am Rande der Scholle und bekundete die größte Freude, als es glücklich wieder an Bord gebracht worden war, schien auch des Elementes seiner Mutter herzlich überdrüssig geworden zu sein. Leider erreichte es England nicht lebend, sondern starb wenige Tage vor Ankunft des Schiffes im Hafen, nachdem es etwa drei Monate in Gefangenschaft gewesen war.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Dritter Band, Erste Abtheilung: Säugethiere, Zweiter Band: Raubthiere, Kerfjäger, Nager, Zahnarme, Beutel- und Gabelthiere. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1883., S. 643-657.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Seltsame Leiden eines Theaterdirektors

Seltsame Leiden eines Theaterdirektors

»Ein ganz vergebliches Mühen würd' es sein, wenn du, o lieber Leser, es unternehmen solltest, zu den Bildern, die einer längst vergangenen Zeit entnommen, die Originale in der neuesten nächsten Umgebung ausspähen zu wollen. Alle Harmlosigkeit, auf die vorzüglich gerechnet, würde über diesem Mühen zugrunde gehen müssen.« E. T. A. Hoffmann im Oktober 1818

88 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon