[466] An der nördlichen und östlichen Grenze des Verbreitungskreises unseres Eichelhehers beginnt das Wohngebiet des Unglückshehers (Perisoreus infaustus, Pica infausta, Corvus infaustus, russicus und sibiricus, Lanius und Garrulus infaustus, Bild S. 447), welcher mit drei anderen, nordamerikanischen Arten die Sippe der Flechtenheher (Perisoreus) vertritt. Von den vorstehend beschriebenen Verwandten unterscheiden ihn vor allem der sehr schlanke, auf der Firste bis gegen die Spitze hin gerade, vor ihr sanft abwärts, längs der Dillenkante stärker gebogene, vor der Spitze schwach gezahnte Schnabel, sodann der kurzläufige Fuß, der etwas gesteigerte Schwanz und das sehr weiche, strahlige, auf dem Kopfe nicht verlängerte Gefieder. Letzteres ist auf Oberkopf und Nacken rußbraun, auf Rücken und Mantel düster bleigrau, auf Hinterrücken und Bürzel fuchsroth, auf Kinn, Kehle und Brust schwach grünlichgrau, auf Bauch und Steiß röthlich; die Federn, welche die Nasenlöcher decken, sind schmutzig gelbbraun, die Schwingen innen rußbraun, außen bräunlichgrau, an der Wurzel meist röthlich, die größeren Flügeldeckfedern mehr oder minder vollständig lebhaft rothbraun, die kleinen Deckfedern bräunlichgrau, die Steuerfedern, mit Ausnahme der beiden mittleren bleigrauen, lebhaft fuchsroth, die beiden Paare zunächst der Mittelfedern an der Spitze bleigrau. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Die Länge beträgt einunddreißig, die Breite siebenundvierzig, die Fittig- wie die Schwanzlänge vierzehn Centimeter.
Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Finnmarken bis zur Insel Sachalin und von der nördlichen Baumgrenze bis zum sechzigsten Breitengrade, in Sibirien wohl noch etwas weiter nach Süden hinab. Von hier aus besucht er dann und wann niedere Breiten und hat sich bei dieser Gelegenheit wiederholt auch in Deutschland eingefunden. Innerhalb seines Wohngebietes ist er nicht gerade selten, kaum irgendwo aber so häufig wie der Heher. In den Waldungen zu beiden [467] Seiten des unteren Ob kann er keine seltene Erscheinung sein, da wir ihm bei unserem flüchtigen Durchstreifen der Gegend mehrere Male begegneten. Seinen Aufenthalt scheint er besonders da zu nehmen, wo die Bäume sehr dicht und auf feuchtem Grunde stehen, auch mit langen Bartflechten behangen sind. Hier macht sich der Vogel durch seinen Ruf bald bemerklich. Paarweise oder in kleinen Gesellschaften durchzieht er den Wald, nirgends längere Zeit auf einer und derselben Stelle sich aufhaltend, durchsucht rasch die Bäume und fliegt weiter. Sein Betragen ist höchst anmuthig, aber mehr dem eines Heherlings (Garrulax) als dem unseres Hehers ähnelnd, der Flug von dem des letztgenannten gänzlich verschieden, ungemein leicht und sanft, meist gleitend, wobei die rothen Schwanz- und Flügelfedern sehr zur Geltung kommen. Weite Strecken durchmißt auch der Unglücksheher nicht, fliegt vielmehr, so viel ich habe beobachten können, immer nur von einem Baume zum anderen oder höchstens über eine Lichtung hinweg dem nächsten dichten Bestande zu. Im Gezweige hüpft er mit jedesmaliger Zuhülfenahme der Flügel überaus rasch und gewandt umher, indem er entweder mit weiten Sprüngen auf und nieder klettert, oder aber förmlich rutschend längs eines Zweiges dahinläuft; geschickt hängt er sich auch, obschon meist in schiefer Richtung zur Längsaxe des Baumes, nach Art eines Spechtes an die Stämme, um hier etwas auszuspähen. Auf dem Boden habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen, als eine kleine Gesellschaft am Waldrande an dem steil abfallenden Ufer erschienen war. Aber auch hier hing er sich an die fast senkrechte Wand, arbeitete ein wenig mit dem Schnabel und flog sodann wiederum zum nächsten Baume auf. Der Lockton ist ein klangvolles »Güb, güb«; laute, kreischende Laute vernahm ich nur von verwundeten, die jammervoll klagenden, welche ihm zu seinem Namen verholfen haben, dagegen niemals.
Beide Gatten eines Paares wie auch die Glieder eines Trupps hängen treu aneinander. Das erste Männchen, welches ich schoß, nachdem ich das Weibchen gefehlt, fiel flügellahm vom Baume herab und erhob, als ich es aufnehmen wollte, ein ziemlich lautes, wie »Gräe, geräe« klingendes Kreischen. Sofort eilte das Weibchen, beständig lockend, herbei, setzte sich in meiner unmittelbaren Nähe auf einen Baum, kam aber, als ich den schreienden Gefährten ergriffen hatte, bis auf zwei Meter an mich heran, lockte fortwährend und verharrte so zähe in der Nähe seines unglücklichen Genossen, daß ich diesen endlich wieder auf den Boden werfen mußte, um zurückgehend die richtige Entfernung zum Schusse nehmen zu können; anderenfalls würde ich es in Fetzen zerschossen haben. Als aus der bereits erwähnten Gesellschaft einer erlegt wurde, kamen alle übrigen sofort zur Stelle, um sich über das Schicksal ihres Gefährten zu vergewissern, und verließen erst, nachdem noch ein zweiter Schuß gefallen war, den Unglücksort.
Von anderen Beobachtern, welche weit mehr Gelegenheit zur Beobachtung des Vogels hatten als ich während unserer eiligen Reise durch Westsibirien, erfahren wir wenig mehr als genaue Angaben über das Vorkommen; alle aber stimmen darin überein, daß sie den Unglücksheher als einen überaus zutraulichen und neugierigen Gesellen bezeichnen. Nilsson behauptet, daß er Holzmachern zuweilen auf den Hut fliege; Schrader erzählt, daß er mit den Renthierlappen auf vertrautestem Fuße lebe und sie oder ihre Herden zu den Ruheplätzen geleite, die harmlosen Hirten aber bestimmt vom Jäger unterscheide. Am eingehendsten berichten Wolley über Fortpflanzung und Gefangenleben, Sommerfelt, Collett und Sundström über die Nahrung.
Hinsichtlich letzterer erweist sich unser Vogel als echter Heher, weil Allesfresser im vollsten Sinne des Wortes. Im Herbste und Winter bilden Beeren und Sämereien, namentlich solche der Arve und anderer Nadelholzbäume, wohl den Haupttheil seiner Mahlzeiten. Die von uns erlegten Unglücksheher hatten fast ausschließlich Beeren und Kerbthierreste im Magen. Später, wenn hoher Schnee die Beerengesträuche verdeckt, nimmt er zu den Nadelholzzapfen seine Zuflucht. Er klettert wie eine Meise im Gezweige herum, zerbricht die Zapfen auf einem stärkeren Aste und hämmert und klaubt den Samen heraus. Gegen den Winter hin legt er sich Vorrathskämmerchen an und speichert in ihnen oft eine Menge von Körnern auf, muß aber freilich häufig genug erfahren, daß Eichhörnchen und Mäuse oder Spechte und Meisen seine Schätze plündern. Während der Brutzeit [468] des Kleingeflügels wird er zu einem ebenso grausamen Nesträuber wie der Heher, verzehrt auch erwachsene kleine Vögel und kleine Säugethiere, welche er erlangen kann, frißt von dem zum Trocknen aufgehängten Renthierfleische oder den in Schlingen gefangenen Rauchfußhühnern, soll sogar Aas angehen.
Nordvy theilte mir mit, daß der Unglücksheher, welcher am Varangerfjord nicht selten ist, bereits im März zum Nestbaue schreite, spätestens aber in den ersten Tagen des April brüte. Das Nest, welches er mir gab, war ein großer Bau, welcher äußerlich aus Reisern, Gräsern, Moos und dürren Flechten bestand, innen aber eine außerordentlich dichte Lage von Haaren und vor allem von Schneehuhnfedern enthielt, welche eine ebenso weiche wie warme Nestmulde bildeten. Alle Nester, welche durch Wolley's Jäger gesammelt wurden, standen auf Fichten, nahe am Stamme und meist so niedrig, daß man sie vom Boden aus mit der Hand erreichen konnte. Die drei bis fünf Eier sind etwa einunddreißig Millimeter lang, einundzwanzig Millimeter dick und auf schmutzigweißem bis blaß grünlichweißem Grunde mit röth lichgrauen Schalen- und lichter oder dunkler braunen Oberflecken verschiedener Größe gezeichnet. Beide Eltern lieben ihre Brut sehr, verhalten sich am Neste ganz still, um dasselbe nicht zu verrathen, und suchen bei Gefahr durch Verstellung den Feind zu täuschen und abzulenken, hüpfen oder gaukeln auf dem Boden dahin, als ob ihre Flügel gelähmt wären und sie so leicht eine Beute des Jägers werden könnten, führen diesen dann ein Stück fort, heben sich plötzlich auf und fliegen davon, um im weiten Bogen zu den Jungen zurückzukehren. Wolley's Leute fanden um die Mitte des Mai in den meisten Nestern mehr oder weniger erwachsene Junge. Eine Brut, welche sie in einen Käfig setzten, um sie von den Alten auffüttern zu lassen, wurde von diesen befreit, indem die klugen Vögel den Verschluß des Bauers öffneten.
Nach mancherlei Mühen gelang es Wolley, fünf lebende Unglücksheher zu erhalten und glücklich nach London zu bringen. Sie mit Schlingen zu fangen, verursachte keinerlei, die Eingewöhnung im Käfige um so mehr Schwierigkeiten. Lebhaftere und listigere Vögel als sie kann es, wie der genannte glaubt, nicht geben. In Stockholm erregten die gedachten Gefangenen Bewunderung. Ihre weittönenden und mannigfaltigen Stimmlaute hielten alle Buben in beständiger Aufregung. Die Knaben versuchten die Stimmlaute der Heher nachzuahmen, und diese antworteten wiederum jenen. Nachbarn und Wohlfahrtsbeamte erwiesen sich duldsam, weil auch sie durch die Vögel unterhalten wurden. Leider lebten letztere in London nicht lange.