[476] Das Urbild der Sippe und Unterfamilie ist der Saxaulheher (Podoces Panderi, Corvus, Pica und Garrulus Panderi). Seine Länge beträgt ungefähr fünfundzwanzig, die Fittiglänge zwölf, die Schwanzlänge zehn Centimeter. Alle Obertheile sind schön hell aschgrau, Kehle und Vorderhals etwas lichter, die Untertheile weißlichgrau, licht weinroth überflogen, die unteren Schwanzdecken fast weiß, ein breiter, bis zum weiß umrandeten Auge reichender Zügelstrich und ein dreieckiger, nach unten verbreiterter Fleck am Unterhalse schwarz, die Schwingen weiß, die ersten beiden außen und an der Spitze, die übrigen nur im Spitzendrittel schwarz, alle auch eben so geschaftet, stahlblau glänzend, die Armschwingen und großen Flügeldecken an der Wurzel schwarz, übrigens weiß, die letzten Schulterfedern bis auf einen nach hinten zu mehr und mehr sich verschmälernden Endrand schwarz, wodurch zwei weiße und ebensoviele schwarze Binden gebildet werden, die Steuerfedern schwarz mit grünlichem Metallglanze.
Das Auge hat braune, der Schnabel wie der Fuß bleigraue Färbung. Männchen und Weibchen unterscheiden sich nicht, junge Vögel durch schmutzig hellbräunlichgraue Hauptfärbung, Fehlen des schwarzen Zügelstreifens und des Halsfleckes, Glanzlosigkeit der Schwingen und schwächeren Glanz der Steuerfedern.
Obwohl der Saxaulheher bereits im Jahre 1823 von Eversmann entdeckt und später von einzelnen Reisenden wiederholt beobachtet wurde, danken wir doch erst Bogdanow eine im Jahre 1877 veröffentlichte Lebensschilderung desselben. Seine Heimat ist die im Osten des Aralsees, zwischen Sir- und Amu-Darja gelegene Einöde Kysil-Kum, eine Sandwüste im vollen Sinne des Wortes, »eben und grenzenlos wie ein offenes, aber im Sturmesschwunge erkaltetes Meer«, in [477] welcher außer seltsamem Gethier nur wenige wunderbare Pflanzen, insbesondere aber der Saxaul- oder Widderholzstrauch, dürftiges Leben fristen. Hier, auf dem Sande, lebt der Vogel; selten nur verläuft er sich bis auf den Lehmboden, niemals auf steinigen Grund dieser Wüste; in der Nähe von Flüssen und Seen begegnet man ihm ebensowenig. Mit Bestimmtheit kann man sagen, daß er niemals trinkt und keines Wassers bedarf (?). In der Sandwüste sucht er solche Stellen auf, wo die Sandhügel mit sehr spärlichem Wachsthume bedeckt sind, wo die Wüstensträucher einzeln zerstreut und von einander weit entfernt stehen. Wahrscheinlich aber rückt er nach Norden hin vor, hat wenigstens den Sir-Darja bereits überschritten.
Einzeln und ungesellig verlebt der Saxaulheher den größten Theil des Jahres in einem und demselben Gebiete, ohne zu wandern. Den ganzen Tag überläuft er, in der Nähe der Sträucher und im Sande Nahrung suchend, mit weiten Schritten, weder springend noch hüpfend, sondern nach Art der Hühnervögel eilfertig und ungewöhnlich rasch dahinrennend, innerhalb seines Wohnkreises umher. Kein einziger Rabe schreitet so weit aus wie er. Bei Gefahr eilt er von einem Saxaulstrauche zum anderen, versteckt sich hinter jedem und lugt bald von der einen, bald von der anderen Seite hinter dem dicken Stamme hervor. Zum Auffliegen entschließt er sich selten und kaum ohne Zwang; fliegt er wirklich einmal, so läßt er sich sobald als möglich wieder nieder, um wie zuvor zu laufen. Ebenso selten und wohl nur, um von einem erhöhten Punkte weitere Umschau zu halten, setzt er sich auf die Spitzen eines Strauches. Sein Flug erinnert an den der Elster, des Hehers und des Würgers. Für gewöhnlich betreibt er seine Geschäfte schweigsam; doch vernimmt man dann und wann auch einen aus mehreren grellen, hohen, abgerissenen, dem Jauchzen der Spechte nicht unähnlichen Tönen bestehenden Schrei von ihm.
Ungestört beschäftigt er sich fast beständig mit Aufnahme seiner Nahrung, welche er entweder vom Boden aufliest, oder zwischen dem Gewurzel der Gesträuche hervorwühlt. Im Frühlinge und Sommer fand Bogdanow fast nur Käferlarven in dem Magen der von ihm getödteten Stücke, wahrscheinlich die verschiedener Trauerkäfer (Blaps), welche die Wüste in Menge bewohnen, seltener die Reste dieser Käfer selbst. Bereits im August muß sich der Vogel, weil die Käfer um diese Zeit zu verschwinden beginnen, nach anderer Nahrung umsehen und mit den Samen des Saxaul und anderer Wüstensträucher begnügen. Diese Sämereien bilden wahrscheinlich sein ausschließliches Winterfutter. Im Spätherbste gesellt er sich den Viehherden der Kirgisen und untersucht jener Mist, um irgendwelche Nahrung zu erlangen. Bei dieser Gelegenheit nähert er sich nicht allein den Karawanenstraßen, sondern auch den Jurten der Kirgisen, ohne irgendwie Scheu vor dem Menschen zu verrathen.
Schon im Winter, wahrscheinlich im Februar, vereinigen sich die so ungeselligen Vögel zu Paaren, um zur Fortpflanzung zu schreiten. Bis dahin hatte ein Begegnen zweier Saxaulheher, besonders zweier eines und desselben Geschlechtes, stets einen Kampf zur Folge, nach dessen Beendigung beide wiederum aus einander liefen. Wie es sich nunmehr verhält, vermag Bogdanow nicht zu sagen, da er weder das eheliche Leben des Vogels beobachten, noch dessen Nest und Eier auffinden konnte. Letztere, mit denen uns Fedtschenko bekannt gemacht hat, sind etwa dreißig Millimeter lang, zwanzig Millimeter dick und auf graugrünlichem Grunde überall, gegen das dicke Ende hin kranzartig, mit verschieden großen, dunkel graugrünen und feinen blaßrothen Punkten gezeichnet. Die Nester, welche nicht weiter beschrieben werden, standen in Manneshöhe über dem Boden auf den oben genannten Sträuchern. Fedurin, ein Begleiter Bogdanows, fand am dreiundzwanzigsten April ein Saxaulheherpaar mit zwei ausgeflogenen Jungen, und letzterer schließt daraus, daß die Legezeit schon in den ersten Tagen des Märzbeginnen muß.