[444] Der Zwerg unter unseren deutschen Raben ist die Dohle, Thurmkrähe, Thalke, Thalicke, Dachlücke, Geile, Kaike, Elke und Tschokerle (Corvus monedula, collaris und spermologus, Monedula turrium, arborea, septentrionalis und spermologos, Coloeus monedula, Lycus monedula und collaris), welche des kurzen und starken, oben wenig gebogenen Schnabels wegen ebenfalls als Vertreter einer besonderen Sippe oder Untersippe (Lycus) angesehen wird. Die Länge beträgt dreiunddreißig, die Breite fünfundsechzig, die Fittiglänge zweiundzwanzig, die Schwanzlänge dreizehn Centimeter. Das Gefieder ist auf Stirn und Scheitel dunkelschwarz, auf Hinterkopf und Nacken aschgrau, auf dem übrigen Oberkörper blauschwarz, auf der Unterseite schiefer- oder grauschwarz, der Augenring silberweiß, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Die Jungen unterscheiden sich durch schmutzigere Farben und graues Auge.
Auch die Dohle findet sich nicht bloß im größten Theile Europas, sondern ebenso in vielen Ländern Asiens, nach Norden hin mindestens soweit, als der Getreidebau reicht, sich verbreitend. Im Süden Europas ist sie seltener als in Deutschland, nirgends aber so häufig wie in Rußland und Sibirien. Bei uns zu Lande tritt sie keineswegs allerorten, sondern nur hier und da auf, ohne daß man hierfür einen stichhaltigen Grund zu finden wüßte. Wo sie vorkommt, bewohnt sie hauptsächlich die alten Thürme der Städte oder andere hohe Gebäude, deren Mauern ihr passende Nistplätze gewähren; außerdem begegnet man ihr in Laubwäldern, namentlich in Feldgehölzen, in denen hohle Bäume stehen. In Rußland und Sibirien bevölkert sie alle Dörfer in Menge, wird den Blockhäusern zum reizenden Schmucke und nistet unter Schindeldächern, hinter den zurückgeklappten Fensterladen und wo sie sonst noch eine Höhlung oder Lücke findet, welche ihrem Neste Raum gewährt. In Spanien trafen wir die wenigen Flüge, denen wir begegneten, unter eigenthümlichen Umständen an. Ungeachtet die vielen und in jeder Hinsicht geeigneten Kirchen dieses Landes ihr die passendsten Wohnplätze bieten, sahen wir sie doch niemals in Städten oder Dörfern, sondern einzig und allein in den öden, fast unbewohnten Theilen des sogenannten Campo oder des nicht der Bewässerung unterworfenen Landstriches. Hier herbergten ihre Schwärme in steil abfallenden Wänden der vom Wasser ausgewaschenen Schluchten. Ein dort hausender Bauer erzählte uns, daß vor wenigen Jahren ein Paar Dohlen in der Nähe seines Gehöftes erschienen sei und sich in einer jener Schluchten angesiedelt habe. Die ausgeflogenen Jungen wären bei den Alten geblieben und hätten das nächste Jahr mit diesen gebrütet. Von Jahr zu Jahr habe der Schwarm zugenommen, bis er die jetzt bedrohliche Stärke erreicht habe; denn keine Frucht gäbe es in der Nähe seiner Behausung, welche von diesen ungebetenen Gästen verschont bliebe. Kein Thier auf der weiten Erde sei so hungrig und gefräßig wie die Dohle. Ihr sei alles recht und nichts vor ihr sicher, nicht einmal die Stachelfeigen, welche sie geschickt aus ihrer Stachelhülle herauszuschälen wisse.
Die Dohle ist ein munterer, lebhafter, gewandter und kluger Vogel. Unter allen Umständen weiß sie ihre muntere Laune zu bewahren und die Gegend, in welcher sie heimisch ist, in wirklich anmuthiger Weise zu beleben. Außerordentlich gesellig, vereinigt sie sich nicht nur mit anderen ihrer Art zu starken Schwärmen, sondern mischt sich auch unter die Flüge der Krähen, namentlich der Saatkrähen, tritt sogar mit diesen die Winterreise an und fliegt ihnen zu Gefallen möglichst langsam; denn sie selbst ist auch im Fluge sehr gewandt und gleicht hinsichtlich des letzteren mehr [445] einer Taube als einer Krähe. Das Fliegen wird ihr so leicht, daß sie sich sehr häufig durch allerhand kühne Wendungen zu vergnügen sucht, ohne Zweck und Ziel steigt und fällt und die mannigfachsten, anmuthigsten Schwenkungen in der Luft ausführt. Sie ist ebenso klug wie der Rabe, zeigt aber nur die liebenswürdigen Seiten desselben. Lockend stößt sie ein wirklich wohllautendes »Jäk« oder »Djär« aus; sonst schreit sie »Kräh« und »Krijäh«. Ihr »Jäk jäk« ähnelt dem Lockrufe der Saatkrähe auf das täuschendste, und dies mag wohl auch mit dazu beitragen, beide Vögel so häufig zu verbinden. Während der Zeit ihrer Liebe schwatzt sie allerliebst, wie überhaupt ihre Stimme biegsam und wechselreich ist. Dies erklärt, daß sie ohne sonderliche Mühe menschliche Worte nachsprechen oder andere Laute, z.B. das Krähen eines Hahnes, nachahmen lernt.
Hinsichtlich der Nahrung kommt die Dohle am nächsten mit der Saatkrähe überein. Kerbthiere aller Art, Schnecken und Würmer bilden unzweifelhaft die Hauptmasse ihrer Mahlzeiten. Die Kerbthiere liest sie auf den Wiesen und Feldern zusammen oder von dem Rücken der größeren Hausthiere ab; dem Ackersmanne folgt sie, vertrauensvoll hinter dem Pfluge herschreitend; auf den Straßen durchstöbert sie den Mist und vor den Häusern den Abfall; Mäuse weiß sie geschickt, junge Vögel nicht weniger gewandt zu fangen, und Eier gehören zu ihren besonderen Lieblingsgerichten. Nicht minder gern frißt sie Pflanzenstoffe, namentlich Getreidekörner, Blattspitzen von Getreide, Wurzelknollen, keimende und schossende Gemüse, Früchte, Beeren und dergleichen, kann daher in Gärten und Obstpflanzungen, wenn nicht empfindlich, so doch merklich schädlich werden, plündert in Rußland und Sibirien auch Getreidefeimen und Tennen. Ob man deshalb berechtigt ist, sie als überwiegend schädlichen Vogel zu bezeichnen, erscheint mir zweifelhaft; ich möchte im Gegentheile annehmen, daß der von ihr auf Flur und Feld gestiftete Nutzen den von ihr verursachten Schaden mindestens ausgleicht, falls nicht übersteigt.
Die Dohle zieht im Spätherbste mit den Saatkrähen von uns weg und erscheint zu derselben Zeit wie diese wieder im Vaterlande; nicht wenige ihres Geschlechtes überwintern jedoch auch in Deutschland, insbesondere in unseren Seestädten; ebensowenig verlassen alle Dohlen Rußland und Sibirien, so streng der Winter hier auch auftreten möge. Ihre Winterreise dehnt sie bis Nordwestafrika, Nordwestasien und Indien aus. In Egypten haben sie weder Heuglin noch ich jemals beobachtet, obgleich Rüppell sie dort häufig gefunden haben will; in den Atlasländern dagegen kommt sie vor, und in Spanien, Süditalien, Griechenland, Kleinasien, Armenien, Kaukasien und Kaschmir, woselbst sie freilich überall auch brütet, ist sie regelmäßiger Wintergast. Sobald der Frühling wirklich zur Herrschaft gelangt ist, haben alle Paare die altgewohnten Brutplätze wieder bezogen, und nun regt sich hier tausendfältiges Leben. Einzelne Dohlen nisten unter Saatkrähen, die große Mehrzahl aber auf Gebäuden. Hier findet jede Mauerlücke ihre Bewohner; ja es gibt deren gewöhnlich mehr als Wohnungen. Deshalb entsteht viel Streit um eine geeignete Niststelle, und jede baulustige Dohle sucht die andere zu übervortheilen, so gut sie kann. Nur die schärfste Wachsamkeit schützt ein Paar vor den Diebereien des anderen; ohne die äußerste Vorsicht wird Baustelle und Nest erobert und gestohlen. Das Nest selbst ist verschieden, je nach dem Standorte, gewöhnlich aber ein schlechter Bau aus Stroh und Reisern, welcher mit Heu, Haaren und Federn ausgefüttert wird. Vier bis sechs, fünfunddreißig Millimeter lange, fünfundzwanzig Millimeter dicke, auf blaß blaugrünlichem Grunde schwarzbraun getüpfelte Eier bilden das Gelege. Die Jungen werden mit Kerbthieren und Gewürm groß gefüttert, äußerst zärtlich geliebt und im Nothfalle auf das muthigste vertheidigt. »Läßt sich«, sagt Naumann, »eine Eule, ein Milan oder Bussard blicken, so bricht die ganze Armee mit gräßlichem Geschrei gegen ihn los und verfolgt ihn stundenweit. Wenn sich die Jungen einigermaßen kräftig fühlen, machen sie es wie die jungen Krähen, steigen aus den Nestern und setzen sich vor die Höhlen, in welchen sie ausgebrütet sind, kehren aber abends wieder ins Nest zurück, bis sie sich endlich stark genug fühlen, die Alten aufs Feld zu begleiten.«
Ungeachtet der starken Vermehrung nehmen die Dohlenscharen nur in einzelnen Städten erheblich, in anderen dagegen nicht oder doch nicht merklich zu, ohne daß hierfür die Ursache erkenntlich [446] wäre. »Was wird aus den zahlreichen Jungen?« fragt Liebe. »Wanderfalken und Uhus sind jetzt in Mitteldeutschland viel zu selten geworden, als daß sie wesentlich schaden könnten, und die Unbilden der Witterung thun den abgehärteten und klugen, in den Ortschaften angesiedelten Allesfressern sicher nichts.« Der Mensch befehdet sie bei uns zu Lande nicht, thut aber auch denen, welche wandern, wenig zu Leide, und die außerdem noch zu nennenden Feinde, Hauskatze, Marder, Iltis und Habicht, können dem Bestande doch ebenfalls so erhebliche Verluste nicht zufügen, daß sich ihr geringer Zuwachs erklären ließe.
Kein Rabe wird häufiger gefangen gehalten als die Dohle. Ihr heiteres Wesen, ihre Gewandtheit und Klugheit, ihre Anhänglichkeit an den Gebieter, ihre Harmlosigkeit und ihre Nachahmungsgabe endlich sind wohl geeignet, ihr Freunde zu erwerben. Ohne Mühe kann man jung aufgezogene gewöhnen, aus-und einzufliegen. Sie gewinnen das Haus ihres Herrn bald lieb und verlassen es auch im Herbste nicht oder kehren, wenn sie wirklich die Winterreise mit anderen ihrer Art antreten, ihm nächsten Frühjahre nicht selten zu ihm zurück.
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