[453] Unter den europäischen Vögeln gehört die Blauelster (Pica Cookii, Cyanopolius, Cyanopica und Dolometis Cookii) zu den schönsten. Kopf und der obere Theil des Nackens sind sammetschwarz, Rücken und Mantel blaß bräunlichgrau, Kehle und Wangen grauweiß, die Untertheile licht fahlgrau, Flügel und Schwanz licht blaugrau, die Handschwingen außen weiß gesäumt. Das Auge ist kaffeebraun, Schnabel und Füße sind schwarz. Die Länge beträgt sechsunddreißig, die Breite zweiundvierzig, die Fittiglänge vierzehn, die Schwanzlänge einundzwanzig Centimeter. Das Weibchen ist um drei Centimeter kürzer und ein wenig schmäler. Bei den Jungen sind alle Farben matter; das Schwarz des Kopfes und das Blau der Schwung- und Steuerfedern ist unscheinbar, das Grau des Unterkörpers unrein und der Flügel durch zwei graue, wenig in die Augen fallende Binden gezeichnet.
Man begegnet der Blauelster in allen Theilen Süd-und Mittelspaniens, da, wo die immergrüne Eiche zusammenhängende Waldungen bildet. Sie ist fast undenkbar ohne diesen Baum, dessen dichte Krone ihr Obdach und Schutz gewährt, dessen dunkles Laub sie trotz ihres Prachtgewandes versteckt und dem Auge entzieht. Deshalb auch wird sie da, wo diese Eiche nur vereinzelt auftritt, nicht gefunden: in den östlichen Provinzen fehlt sie gänzlich, und nach Norden hin reicht sie nicht über Kastilien hinaus. In Nordwestafrika, namentlich in Marokko, lebt sie ebenfalls; in Ostsibirien wird sie durch eine nah verwandte Art (Pica cyana) vertreten. Wo sie vorkommt, ist sie häufig. Sie ist geselliger als die Elster und deshalb stets zu zahlreichen Banden vereinigt; aber sie meidet die Nähe des Menschen und findet sich daher nur ausnahmsweise in der Nähe von bewohnten Gebäuden. Dagegen besucht sie sehr oft, hauptsächlich des Pferdemistes halber, die Straßen. In ihrem Betragen ähnelt sie der gemeinen Elster sehr. Sie geht und fliegt, ist klug und vorsichtig und leistet im Verhältnisse zu ihrer Größe dasselbe wie diese. Ihre Stimme aber ist ganz verschieden von der unserer Elster; sie klingt ungefähr wie »Krrih« oder »Prrih«, langgezogen und abgebrochen, und wenn der Vogel schwatzt, wie »Klikklikklikkli«, dem heiteren Rufe des Grünspechtes entfernt ähnlich. Verfolgt, benimmt sich die Blauelster wie der Heher: sie verläßt das Gebiet nicht, hält sich aber immer außerhalb Schußweite, fliegt von Baum zu Baum, zeigt sich fortwährend, läßt sich aber niemals nahe genug kommen. Ihre Jagd verursacht deshalb besondere Schwierigkeiten, und diese wachsen, sobald sie einmal mißtrauisch geworden ist. Ueberhaupt zeigt sie etwas außerordentlich unstetes. Sie ist thatsächlich keinen Augenblick ruhig, sondern fortwährend in Bewegung. Ein Flug dieser anmuthigen Vögel durchsucht und durchstöbert das ganze Gebiet, welches er beherrscht. Einige sind auf dem Boden, andere in den dichten Wipfeln der Eichen, diese in niedrigen, jene in hohen Gebüschen beschäftigt. Auf freien Plätzen zeigt sich die Gesellschaft nur dann, wenn kein Mensch in der Nähe ist; jedes Fuhrwerk scheucht sie in das Gebüsch zurück. So kommt es, daß man Blauelstern zwar fortwährend sehen, jedoch vielleicht nicht eine einzige von ihnen erlegen kann.
Die Brutzeit fällt erst in die mittleren Frühlingsmonate: in der Umgegend Madrids brütet die Blauelster nicht vor Anfang des Mai. Zum Standorte des Nestes wählt sie gern hohe Bäume, nicht ihre sonst so heiß geliebten immergrünen Eichen, sondern regelmäßig Ulmen und andere hochstämmige Waldbäume. Es kann vorkommen, daß mehrere Nester auf einem und demselben Baume stehen; in einem sehr kleinen Umkreise werden gewiß alle Nester gefunden, welche[454] eine Gesellschaft überhaupt erbaut; denn die Blauelster gibt auch während der Brutzeit ihren geselligen Verband nicht auf. Das Nest ist von dem unserer Elster durchaus verschieden und ähnelt mehr einem Heher- oder richtiger vielleicht einem Würgerneste. Nur der Unterbau besteht aus dürren Reisern, das eigentliche Nest hingegen aus grünen und weichen Pflanzenzweigen, Stengeln von Heidegras und Kräutern aller Art, welche nach innen zu immer sorgfältiger ausgesucht, auch wohl mit Ziegenhaaren und Wolle ausgelegt werden. Das Gelege zählt fünf bis neun durchschnittlich siebenundzwanzig Millimeter lange, zwanzig Millimeter dicke Eier, welche auf graugelblichem Grunde mit dunkleren verwaschenen Flecken und gleichsam darüber noch mit olivenbraunen Punkten und Tüpfeln, am dickeren Ende zuweilen kranzartig, gezeichnet sind.
Nach Rey's Erfahrungen legt der Heherkukuk seine Eier auch in die Nester dieser Art.
Gefangene Blauelstern sind seltene, aber allerliebste Erscheinungen in unseren Käfigen, halten sich sehr gut und werden, freundlich gepflegt, ebenso zahm wie andere Raben.