Heher (Garrulinae)

[454] Die Baumkrähen oder Heher (Garrulinae) unterscheiden sich von den bisher beschriebenen Raben durch kurzen und stumpfen Schnabel mit oder ohne schwachen Haken am Oberkiefer, schwache Füße, sehr kurze, stark gerundete Flügel, verhältnismäßig langen, schwach gesteigerten Schwanz und reiches, weiches, zerschlissenes, buntfarbiges Gefieder.

[455] Alle hierher gehörigen Vögel leben weit mehr auf Bäumen und viel weniger auf dem Boden als die eigentlichen Raben. Sie vereinigen sich höchst selten zu zahlreichen Flügen, bilden vielmehr kleine Trupps oder Familien und schweifenden ganzen Tag über im Walde umher, von einem Baume zum anderen streichend. Ihr Flug ist infolge der kurzen Schwingen schwankender und unsicherer als der der Raben; sie sind nicht im Stande, sich in bedeutende Höhen zu erheben, und denken niemals daran, nach Art der letztgenannten fliegend sich zu vergnügen. Ebenso sind sie auf dem Boden ungeschickt; denn ihr Gang ist gewöhnlich ein erbärmliches Hüpfen. Das Gezweige der Bäume bildet ihr Gebiet: in ihm bewegen sie sich mit größerer oder geringerer Behendigkeit. Hinsichtlich ihrer Sinnesfähigkeiten stehen sie kaum hinter den Raben zurück: Gesicht, Gehör und Geruch sind auch bei ihnen wohl entwickelt; die geistige Begabung dagegen erreicht bloß ausnahmsweise die Höhe, welche die Raben im allgemeinen auszeichnet. Auch die Heher sind klug, aber mehr listig als verständig, wie denn überhaupt nur die niederen Eigenschaften besonders hervortreten. Sie zeigen in ihrem Wesen viele Aehnlichkeit mit den Würgern, sind so grausam und raubgierig wie diese, ohne aber den Muth derselben oder die Kühnheit der Raben zu bekunden. Ihre Nahrung entnehmen sie ebensowohl dem Pflanzen- wie dem Thierreiche. Früchte aller Art bilden zeitweilig fast ausschließlich ihre Speise, während zu anderen Jahreszeiten Nester und Eier von ihnen aufs unbarmherzigste geplündert werden. Sie gehören deshalb mit Recht zu den nicht beliebten Vögeln, obwohl sich wiederum auch nicht verkennen läßt, daß sie durch andere Eigenschaften, namentlich durch eine große Nachahmungsgabe verschiedener Stimmen, für sich einzunehmen wissen. Hinsichtlich des Nestbaues unterscheiden sie sich wesentlich von den Raben. Sie brüten nicht gesellschaftlich, sondern einzeln, und ihre Nester sind kleiner und immer anders gebaut als die eigentlichen Rabennester. Das Gelege zählt fünf bis sieben Eier.

Jung aus dem Neste genommen, werden alle Heher zahm. Viele lassen sich zum Aus- und Einfliegen gewöhnen, andere zum Nachplappern von Worten oder Nachpfeifen von Liedern abrichten. Die Sucht, glänzende Dinge zu entwenden und zu verstecken, theilen sie mit den Raben, und deshalb, wie auch wegen ihrer Unverträglichkeit und Raublust, können sie im Käfige recht unangenehm werden.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 454-455.
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