[561] Bei weitem der größte und hervorragendste Theil der Pflanzenwelt Neuhollands, so ungefähr schildert Gould, besteht aus Gummibäumen und Banksien, welche wiederum mehreren Vogelfamilien behaglichen Aufenthalt bieten, so den Papageien und den ungemein zahlreichen Pinselzünglern. Ihr Haushalt hängt so innig mit diesen Bäumen zusammen, daß man die einen ohne die anderen sich nicht denken könnte. Die Pinselzüngler fressen Kerbthiere, Blütenstaub und Honig aus den daran so reichen Blüten der Gummibäume und genießen die Nahrung mit Hülfe ihrer langen, an der Spitze pinselförmigen und deshalb hierzu wunderbar geeigneten Zunge. Nur wenige steigen von den Bäumen herab und suchen auf dem Boden Käfer und andere Kerbthiere auf, die meisten Arten leben nur auf den Bäumen, die einen auf diesen, die anderen auf jenen.
Die Kennzeichen der Pinselzüngler (Meliphagidae), zu denen etwa einhundertundneunzig, ausschließlich in Neuholland einheimische Arten zählen, sind ziemlich langer, dünner, leicht gebogener, abgerundeter Schnabel, dessen Oberkiefer den unteren etwas überragt, mittellange, kräftige Füße mit starken Hinterzehen, mittellange, abgerundete Flügel, in denen gewöhnlich die vierte Schwungfeder die längste ist, und mehr oder minder langer, meist auch abgerundeter Schwanz. Die Nasenlöcher liegen unter einer knorpeligen Schwiele verborgen; die Rachenspalte ist eng, die Zunge vorn an der Spitze mit feinen, borstenähnlichen Fasern besetzt, so daß sie zu einer wirklichen Bürste wird, der Magen sehr klein und wenig muskelig. Das Gefieder ist verschiedenartig, bald dichter, bald [562] glatter anliegend, auch in eigenthümlicher Weise verlängert, so namentlich in der Ohr- und Halsgegend, bald sehr bunt, bald wieder ziemlich einfarbig, nach dem Geschlechte wenig verschieden.
In ihrem Wesen und Betragen bekunden die Pinselzüngler große Uebereinstimmung. Sie sind fast ohne Ausnahme sehr lebhafte und unruhige, größtentheils auch redselige Vögel. Im Gezweige nehmen sie, je nach ihrer zeitweiligen Beschäftigung, die verschiedensten Stellungen an. Kletterkünste wissen sie, wenn auch nicht nach Art der Spechte, so doch wenigstens nach Art unserer Meisen vortrefflich auszuführen. Sie hüpfen geschickt von einem Zweige zum anderen, laufen rasch längs der Aeste dahin und hängen sich häufig kopfunterst an ihnen an, um in dieser Stellung nach unten sich öffnende Blüten zu durchsuchen. Ihr Flug ist wellenförmig, wird aber bei der Mehrzahl nicht weit ausgedehnt, während andere wiederum treffliche Flieger zu sein und sich zu ihrem Vergnügen in der Luft umherzutummeln scheinen. Die Stimme ist reichhaltig: einige sind vorzügliche Sänger, andere wenigstens lebhafte Schwätzer. Wenige Arten lieben die Geselligkeit; die Mehrzahl lebt paarweise, wenn auch dicht nebeneinander. Einzelne werden als sehr kampflustige Vögel geschildert, welche sich kühn auf Krähen, Falken oder überhaupt auf alle anderen großen Vögel stürzen, von denen sie nichts gutes erwarten. Vor dem Menschen scheuen sich die wenigsten; viele kommen im Gegentheile bis dicht an die Wohnungen heran und nisten ungescheut selbst inmitten der Städte und auf den belebtesten öffentlichen Plätzen, falls hier ihre Lieblingsbäume wachsen. Das Nest ist verschieden gebaut, die Anzahl der Eier gering.
Für die Gefangenschaft scheinen sich nur wenige Arten zu eignen; ihre Haltung im Käfige ist aber nicht unmöglich. Einzelne Glieder der Familie sind sogar nach Europa gebracht worden.
»Ein durch seine Stimme bezeichnender Bewohner der romantischen Wildnisse Neuseelands«, sagt Rochelas, »ist der Poë oder Tui. Es ist von diesem Wundervogel nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß keiner der Sänger in den europäischen Wäldern sich mit ihm messen kann. Die Einhelligkeit und die sanfte Lieblichkeit seines Gesanges erscheint mir wirklich unvergleichlich. Den Schlag der europäischen Nachtigall, wie sehr ich sie auch liebe, finde ich dennoch von dem Gesange dieses Vogels bei weitem übertroffen, und ich gestehe es, nie in meinem Leben habe ich von einem so bezaubernden, klangreichen Vogel eine Vorstellung gehabt.« Die Reisenden, welche später des Poë Erwähnung thun, spenden ihm zwar kein so begeistertes Lob; aber auch sie rühmen ihn übereinstimmend als einen der besten Sänger Oceaniens, und deshalb ist es wohl gerechtfertigt, wenn ich ihn als Vertreter seiner Familie zu schildern versuche.