[479] Die Würger (Laniidae) bilden eine mehr als zweihundert Arten zählende, über die ganze Erde verbreitete Familie, deren Merkmale in dem kräftigen, seitlich zusammengedrückten, deutlich gezahnten und hakig übergebogenen Schnabel, den starken, verhältnismäßig langzehigen, mit scharfen Nägeln bewehrten Füßen, den kurzen, breiten, abgerundeten Flügeln, in denen die dritte oder vierte Schwinge über alle anderen verlängert zu sein pflegt, und dem ziemlich oder sehr langen, abgestuften, aus zwölf Federn bestehenden Schwanze liegen. Das Gefieder ist regelmäßig reich, etwas locker und weich, die Zeichnung eine angenehme und wechselvolle, bei gewissen Arten aber[480] sehr übereinstimmende. Nach den Untersuchungen von Nitzsch weicht der innere Bau der Würger kaum von dem anderer Singvögel ab.
Kleine Waldungen, welche von Feldern und Wiesen umgeben sind, Hecken und Gebüsche in den Feldern, Gärten und einzeln stehende Bäume bilden die Aufenthaltsorte der Würger, die höchsten Zweigspitzen hier ihre gewöhnlichen Ruhe- und Sitzpunkte. Die meisten nordischen Arten sind Sommervögel, welche regelmäßig wandern und ihre Reisen bis Mittelafrika ausdehnen. Lebensweise und Betragen erinnern ebenso sehr an das Treiben der Raubvögel wie an das Gebaren mancher Raben. Sie gehören ungeachtet ihrer geringen Größe zu den muthigsten, raubsüchtigsten und mordlustigsten aller Vögel. Ihre Begabungen sind nicht besonders ausgezeichnet, aber sehr mannigfaltig. Ihr Flug ist schlecht und unregelmäßig, ihr Gang hüpfend, ihre Stimme eintönig und ihr eigentlicher Gesang kaum der Rede werth; gleichwohl überraschen und fangen sie gewandtere Vögel, als sie selbst sind, ebenso wie sie ihren Gesang wesentlich verbessern, indem sie, scheinbar mit größter Mühe und Sorgfalt, anderer Vögel Lieder oder wenigstens einzelne Strophen und Töne derselben ablauschen und das nach und nach erlernte, in sonderbarer Weise vereinigt und verschmolzen, zum besten geben. Einzelne Arten sind, Dank dieser Gewohnheit, wahrhaft beliebte Singvögel, die Freude und der Stolz einzelner Liebhaber.
Auch die Würger sind eigentlich Kerbthierfresser; die meisten Arten aber stellen ebenso dem Kleingeflügel nach und werden um so gefährlicher, als sie von diesem meist nicht gewürdigt und mit ungerechtfertigtem Vertrauen beehrt werden. Ruhig sitzen sie minutenlang unter Sing- und Sperlingsvögeln, singen wohl auch mit diesen und machen sie förmlich sicher: da plötzlich erheben sie sich, packen unversehens einen der nächstsitzenden und würgen ihn ab, als ob sie Raubvögel wären. Sonderbar ist ihre Gewohnheit, gefangene Beute auf spitzige Dornen zu spießen. Da, wo ein Pärchen dieser Vögel haust, wird man selten vergeblich nach derartig aufbewahrten Kerbthieren und selbst kleinen Vögeln oder Kriechthieren und Lurchen suchen. Von dieser Gewohnheit her rührt der Name »Neuntödter«, welchen das Volk gerade diesen Räubern gegeben hat.
Das Nest ist gewöhnlich ein ziemlich kunstreicher Bau, welcher im dichtesten Gestrüppe oder wenigstens im dichtesten Geäste angelegt und meist mit grünen Pflanzentheilen geschmückt ist. Das Gelege besteht aus vier bis sechs Eiern, welche vom Weibchen allein ausgebrütet werden, während das Männchen inzwischen die Ernährung seiner Gattin übernimmt. Die ausgeschlüpften Jungen werden von beiden Eltern geatzt, ungemein geliebt und bei Gefahr auf das muthigste vertheidigt, auch nach dem Ausfliegen noch längere Zeit geführt, geleitet und unterrichtet und erst spät im Herbste, ja wahrscheinlich sogar erst in der Winterherberge der elterlichen Obhut entlassen.