Hesperidenwürger (Lanius meridionalis)

[482] Der Hesperidenwürger (Lanius meridionalis, Collyrio meridionalis), aus Südeuropa, ist oberseits tief aschgrau, unterseits hell weinröthlich, an den Kopfseiten, Kinn und Kehle sowie den Unterschwanzdecken weiß, der schwarze Zügel oberseits schmal weiß gesäumt; die Schwingen sind schwarz, die dritte bis fünfte Handschwinge an der Wurzel, die hinteren Armschwingen am Ende, die längsten Schulterfedern ganz weiß, die Schwanzfedern schwarz, die äußerste bis über die Hälfte, die zweite weniger, die dritte und vierte nur noch am Ende weiß. Die Länge beträgt vierundzwanzig, die Breite zweiunddreißig, die Fittig- und Schwanzlänge elf Centimeter.

Unser Raubwürger lebt, vielleicht mit Ausnahme des äußersten Südens, in allen Ländern Europas und in einem großen Theile Asiens als Stand- oder Strichvogel, in Nordafrika und Südasien als Zugvogel. In den Monaten September bis November und Februar bis April sieht man ihn am häufigsten, weil er dann streicht. Im Winter kommt er gern bis in die Nähe der Ortschaften; im Sommer hält er sich paarweise an Waldrändern oder auf einzeln stehenden Bäumen des freien Feldes auf. Feldhölzer oder Waldränder, welche an Wiesen oder Viehweiden grenzen, sind seine Lieblingsplätze; hier pflegt er auch sein Nest anzulegen. Er ist, wie es scheint, im Gebirge ebenso häufig wie in der Ebene und fehlt nur den Hochalpen oder sumpfigen Gegenden. Wer ihn einmal kennen gelernt hat, wird ihn mit keinem seiner deutschen Verwandten verwechseln; denn er zeichnet sich vor allen ebenso durch sein Wesen wie durch seine Größe aus. Gewöhnlich sieht man ihn auf der höchsten Spitze eines Baumes oder Strauches, welcher weite Umschau gestattet, bald aufgerichtet mit gerade herabhängendem Schwanze, bald mit wagerecht getragenem Körper ziemlich regungslos sitzen. Sein Blick schweift rastlos umher, und seiner Aufmerksamkeit entgeht ein vorüberfliegender Raubvogel ebensowenig wie ein am Boden sich bewegendes Kerbthier, Vögelchen oder Mäuschen. Jeder größere Vogel und namentlich jeder falkenartige wird mit Geschrei begrüßt, muthig angegriffen und neckend verfolgt. Nicht mit Unrecht trägt er den Namen des Wächters; denn sein Warnungsruf zeigt allen übrigen Vögeln die nahende Gefahr an. Erblickt er ein kleines Geschöpf, so stürzt er sich von oben herunter und versucht es aufzunehmen, rennt auch wohl einem dahinlaufenden Mäuschen eine Strecke weit auf dem Boden nach. Nicht selten sieht man ihn rüttelnd längere Zeit auf einer und derselben Stelle verweilen und dann wie ein Falk zum Boden stürzen, um erspähte Beute aufzunehmen. Im Winter sitzt er oft mitten unter den Sperlingen, sonnt sich mit ihnen, ersieht sich einen von ihnen zum Mahle, fällt plötzlich mit jäher Schwenkung über ihn her, packt ihn von der Seite und tödtet ihn durch Schnabelhiebe und Würgen mit den Klauen, schleppt das Opfer, indem er es bald mit dem Schnabel, bald mit den Füßen trägt, einem sicheren Orte zu und spießt es hier, wenn der Hunger nicht allzu groß ist, zunächst auf Dornen oder spitze Aeste, auch wohl auf das Ende eines dünnen Stockes. Hierauf zerfleischt er es nach und nach vollständig, reißt sich mundrechte Bissen ab und verschlingt diese, einen nach dem [483] anderen. Seine Kühnheit ist ebenso groß wie seine Dreistigkeit. Vom Hunger gequält, ergreift er, so vorsichtig er sonst zu sein pflegt, angesichts des Menschen seine Beute und setzt dabei zuweilen seine Sicherheit so rücksichtslos auf das Spiel, daß er mit der Hand gefangen werden kann. Mein Vater sah ihn eine Amsel angreifen, Naumann beobachtete, daß er die Krammetsvögel verfolgte, ja sogar, daß er die in Schneehauben gefangenen Rebhühner überfiel. Junge Vögel, welche eben ausgeflogen sind, haben viel von ihm zu leiden. Besäße er ebensoviel Gewandtheit wie Muth und Kühnheit: er würde der furchtbarste Räuber sein. Zum Glück für das kleine, schwache Geflügel mißlingt ihm sein beabsichtigter Fang sehr häufig; immerhin aber bleibt er in seinem Gebiete ein höchst gefährlicher Gegner aller schwächeren Mitglieder seiner Klasse.

Der Flug des Raubwürgers ist nicht besonders gewandt. »Wenn er von einem Baume zum anderen fliegt«, sagt mein Vater, »stürzt er sich schief herab, flattert gewöhnlich nur wenige Meter über dem Boden dahin und schwingt sich dann wieder auf die Spitze eines Baumes oder Busches empor. Sein Flug zeichnet sich sehr vor dem anderer Vögel aus. Er bildet bemerkbare Wellenlinien, wird durch schnellen Flügelschlag und weites Ausbreiten der Schwungfedern beschleunigt und ist ziemlich rasch, geht aber nur kleine Strecken in einem fort. Weiter als einen halben Kilometer fliegt er selten, und weiter als einen ganzen nie. Eine solche Strecke legt er auch nur dann in einem Zuge zurück, wenn er von einem Berge zum anderen fliegt und also unterwegs keinen bequemen Ruhepunkt findet.« Die Sinne sind scharf. Namentlich das Gesicht scheint in hohem Grade ausgebildet zu sein; aber auch das Gehör ist vortrefflich: jedes leise Geräusch erregt die Aufmerksamkeit des wachsamen Vogels. Daß er klug ist, unterliegt keinem Zweifel; in noch höherem Grade aber zeichnet er sich durch Leidenschaftlichkeit aus. Er ist ungemein zänkisch, beißt sich gern mit anderen Vögeln herum, sucht jeden, welcher sich naht, aus seinem Gebiete zu vertreiben und zeigt sich gegen Raubvögel sehr feindselig, gegen den Uhu überaus gehässig. Mit seinesgleichen lebt er ebensowenig in Frieden als mit anderen Geschöpfen. Nur so lange die Brutzeit währt, herrscht Einigkeit unter den Gatten eines Paares und später innerhalb des Familienkreises; im Winter lebt der Würger für sich und fängt mit jedem anderen, welchen er zu sehen bekommt, Streit an. Das gewöhnliche Geschrei, Erregung jeder Art, freudige wie unangenehme, bezeichnend, ist ein oft wiederholtes »Gäh, gäh, gäh, gäh«. Außerdem vernimmt man ein sanftes »Truü, truü« als Lockton, an schönen Wintertagen, namentlich gegen den Frühling hin aber einen förmlichen Gesang, welcher aus mehreren Tönen besteht, bei verschiedenen Vögeln verschieden und oft höchst sonderbar, weil er, wie es scheint, nichts anderes ist, als eine Wiedergabe einzelner Stimmen und Töne der in einem gewissen Gebiete wohnenden kleineren Singvögel. Dieser zusammengesetzte Gesang wird nicht bloß vom Männchen, sondern auch vom Weibchen vorgetragen. Zuweilen vernimmt man eine hell quiekende Stimme, wie sie von kleinen Vögeln zu hören ist, wenn sie in großer Gefahr sind. Der Würger sitzt dabei ganz ruhig, und es scheint fast, als wollte er durch sein Klagegeschrei neugierige Vögel herbeirufen, möglicherweise, um sich aus ihrer Schar Beute zu gewinnen.

Im April schreitet das Paar zur Fortpflanzung. Es erwählt sich in Vor- oder Feldhölzern, in einem Garten oder Gebüsche einen geeigneten Baum, am liebsten einen Weißdornbusch oder einen wilden Obstbaum, und trägt sich hier trockene Halmstengel, Reiserchen, Erd- und Baummoos zu einem ziemlich kunstreichen, verhältnismäßig großen Neste zusammen, dessen halbkugelige Mulde mit Stroh und Grashalmen, Wolle und Haaren dicht ausgefüttert ist. Das Gelege besteht aus vier bis sieben, achtundzwanzig Millimeter langen, zwanzig Millimeter dicken, auf grünlichgrauem Grunde ölbraun und aschgrau gefleckten Eiern, welche funfzehn Tage lang bebrütet werden. Zu Anfange des Mai schlüpfen die Jungen aus, und beide Eltern schleppen ihnen nun Käfer, Heuschrecken und andere Kerbthiere, später kleine Vögel und Mäuse in Menge herbei, vertheidigen sie mit Gefahr ihres Lebens, legen, wenn sie bedroht werden, alle Furcht ab, füttern sie auch nach dem Ausfliegen noch lange Zeit und leiten sie noch im Spätherbste. Mein Vater hat beobachtet, wie vorsichtig und klug sich alte Würger benehmen, wenn sie ihre noch unerfahrenen Jungen bedroht sehen. »In [484] einem Laubholze«, erzählt er, »verfolgte ich eine Familie dieser Vögel, um einige zu schießen. Dies glückte aber durchaus nicht; denn die Alten warnten die Jungen durch heftiges Geschrei jedesmal, wenn ich mich ihnen näherte. Endlich gelang es mir, mich an ein Junges anzuschleichen; als ich aber das Gewehr anlegte, schrie das Weibchen laut auf, und weil das Junge nicht folgte, stieß es dasselbe, noch ehe ich schießen konnte, im Fluge mit Gewalt vom Aste herab.« Dieselbe Beobachtung ist viele Jahre später noch einmal von meinem Vater, inzwischen aber auch von anderen Forschern gemacht worden.

Habicht und Sperber, grausam wie der Würger selbst, sind die schlimmsten Feinde unseres Vogels. Er kennt sie wohl und nimmt sich möglichst vor ihnen in Acht, kann es aber doch nicht immer unterlassen, seinen Muthwillen an ihnen auszuüben, und wird bei dieser Gelegenheit die Beute der stärkeren Räuber. Außerdem plagen ihn Schmarotzer verschiedener Art. Der Mensch bemächtigt sich seiner mit Leichtigkeit nur vor der Krähenhütte und auf dem Vogelherde. Da, wo es auf weithin keine Bäume gibt, kann man ihn leicht fangen, wenn man auf eine mittelhohe Stange einen mit Leimruthen bespickten Busch pflanzt, und ebenso bekommt man ihn in seine Gewalt, wenn man seine beliebtesten Sitzplätze erkundet und hier Leimruthen geschickt anbringt.

In der Gefangenschaft wird der Raubwürger bald zahm, lernt seinen Gebieter genau kennen, begrüßt ihn mit freudigem Rufe, trägt seine drolligen Lieder mit ziemlicher Ausdauer vor, dauert aber nicht so gut aus wie seine Verwandten. Früher soll er zur Baize abgerichtet worden sein; häufiger aber noch wurde er beim Fange der Falken gebraucht.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 482-484.
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