[490] In Griechenland, viel häufiger aber noch in Egypten und Nubien, lebt neben dem genannten noch eine Art der Familie, der Maskenwürger (Lanius nubicus, personatus und leucometopon, Enneoctonus nubicus und personatus, Leucometopon nubicus). Oberseite, Zügel, [491] Flügel und Schwanz sind bläulichschwarz, die Untertheile rostgelblich, die Seiten roströthlich, Stirn und Brauen, Schultern, Kehle und Bürzel, die Handschwingen an der Wurzel, die Armschwingen und kleinen Handdecken schmal am Ende weiß, die mittelsten sechs Schwanzfedern ganz schwarz, die äußersten reinweiß mit schwarzem Schaft, die übrigen weiß und schwarz. Das Auge ist braun, Schnabel und Fuß sind schwarz. Die Länge beträgt sechzehn, die Fittiglänge neun, die Schwanzlänge acht Centimeter.
Der Maskenwürger gehört zu den seltensten Vögeln Griechenlands, ist aber in Kleinasien und Palästina ebenso häufig wie in Südegypten und Mittelnubien. Hier verweilt er nach meinen Beobachtungen jahraus, jahrein; in den übrigen Ländern, welche als seine Heimat bezeichnet werden müssen, erscheint er früher oder später im Jahre, so in Palästina bereits im März, in der Umgegend von Smyrna zu Anfange des April, in Griechenland »mit dem Rosenstaare als letzter Zugvogel«. Auf seiner Wanderung besucht er Habesch und die oberen Nilländer, streift auch wohl bis jenseit des Gleichers hinüber. In Griechenland bewohnt er während des Sommers heideartige, mit einzelnen Oelbäumen bestandene Strecken, in Kleinasien die Oelbaumpflanzungen der Ebene wie die Kieferwaldungen der Gebirge, in Egypten und Nubien die kleinen Mimosengehölze zwischen Feldern und Weiden des Nilthales oder aber reine Dattelpalmenwälder.
Mehr als jeder andere europäische Würger bevorzugt er hohe Bäume zu seinen Warten. Hier sitzt er, und von hier ausfliegt er, ganz nach Art der Verwandten, auf Beute aus; von den Spitzen solcher Bäume herabträgt er auch sein ansprechendes Liedchen vor. Letzteres ist, ebenso wie der Gesang seiner Verwandten, größtentheils erborgtes Eigenthum anderer Sänger, daher reichhaltiger oder eintöniger, je nachdem das von ihm bewohnte Gebiet mehr oder weniger verschiedenartige Singvögel beherbergt. Nach meinen und anderer Beobachtungen ist er minder raubgierig als die Verwandten und läßt sich für gewöhnlich an allerlei Kerbthieren genügen; doch dürfte auch er ein Nest oder ein kleines unbehülfliches Vögelchen ebensowenig verschonen wie ein anderer seines Geschlechtes. Tristram fand ihn scheu; ich und alle übrigen Beobachter lernten ihn im Gegentheile als auffallend vertrauensseligen Vogel kennen.
Das Nest steht, nach Lindermeyer, auf der Spitze des höchsten Oelbaumes seines Brutgebietes, nach Krüper und Tristram dagegen entweder in einer Astgabel oder auf der Mitte eines wagerechten, halbtrockenen Astes, so, daß es von oben durch einen aufsteigenden Ast oder herabhängende Blätter gedeckt ist, oft so weit vom Stamme entfernt, daß man es mit der Hand nicht erreichen kann. Es besteht ebenfalls zumeist aus frischen Pflanzenstengeln, ist aber, weil in der äußeren Umwandung des zierlichen Napfes aufgesammelte Faden und Lumpen verwebt werden, so fest gebaut, daß es ein oder zwei Jahre im Freien aushält. Sechs bis sieben Eier bilden das Gelege der ersten, drei bis vier das der zweiten Brut; erstere findet im Mai, letztere zu Ende des Juni statt. Die Eier sind merklich kleiner als die des Rothkopfwürgers, manchmal auch ebenso groß und auf lehmfarbenem, ins Weißliche ziehendem Grunde mit größeren oder kleineren, nahe dem stumpfen Ende zu einem Kranze zusammenfließenden, ölbraunen Tupfen und Brandflecken gezeichnet. Nachdem auch die Jungen der zweiten Brut erwerbs- und wanderfähig geworden sind, verläßt der Maskenwürger seine nördlichen Brutgebiete, Griechenland bereits im August, Kleinasien erst im September, wandert wahrscheinlich über die in Südegypten und Nubien weilenden Artgenossen hinweg und gelangt so allmählich in die angegebene Winterherberge.
Ein jung eingefangener Maskenwürger, welchen Krüper pflegte, ließ sich ebenso leicht an Gebauer und Futter gewöhnen wie andere Sippschaftsverwandte.