Vierte Familie: Schlüpfern (Troglodytidae)

[176] Gestalt und Wesen, Lebensweise und Betragen lassen uns in den Schlüpfern (Troglodytidae) Verwandte der Wasserschwätzer erkennen. Was diese für die Flut, sind jene für das Land.

Die Schlüpfer, von denen man mehr als neunzig Arten kennt, sind kleine, gedrungen gebaute, kurzflügelige und kurzschwänzige Singvögel, mit sehr übereinstimmendem Federkleide. Der Schnabel ist kurz oder mittellang, schwach, pfriemenförmig, seitlich zusammengedrückt und längs der Firste gebogen, der Fuß mittelhoch, ziemlich schwach und kurzzehig, der Flügel kurz, abgerundet und gewölbt, in ihm die vierte oder fünfte Schwinge die längste, der Schwanz sehr kurz, keilförmig oder wenigstens zugerundet. Die Grundfärbung des Gefieders ist ein röthliches Braun; die Zeichnung wird durch schwärzliche Querlinien und Bänder bewirkt.

Die Schlüpfer sind Weltbürger, vornehmlich aber in Europa, Asien und Amerika zu Hause. Sie bewohnen buschreiche Gegenden, am liebsten solche, welche auch reich an Wasser sind und ihnen möglichst viele Versteckplätze gewähren. Im Gebirge steigen sie bis zur Baumgrenze empor, nach Norden hin treten sie noch innerhalb des kalten Gürtels auf. Eigentlich wählerisch sind sie nicht; denn sie finden, sozusagen, allerorten ein Plätzchen, welches ihnen behagt. Deshalb trifft man sie inmitten des Waldes wie in den Gärten der Dörfer und Städte oder an den Ufern der Gewässer wie an den Wänden der Gebirge. Nur das freie, buschlose Feld meiden sie ängstlich. Alle Arten sind muntere, regsame, bewegliche und überaus heitere Thiere. Sie fliegen schlecht und deshalb niemals weit, hüpfen aber außerordentlich rasch und sind im Durchkriechen von filzigem Gestrüpp oder Höhlungen geschickter als andere Sänger. Soviel bis jetzt bekannt, zeichnen sich alle Arten durch einen mehr oder minder vortrefflichen Gesang aus. Einzelne gehören zu den besten Sängern ihrer Heimat; eine Art, der Flageoletvogel (Cypsorhinus musicus), gilt sogar als der ausgezeichnetste aller Singvögel der Wendekreisländer Amerikas: man vergleicht ihren Gesang mit dem Schlage kleiner Glasglocken, welche, vielfach abgestimmt, aber mit richtigster Beobachtung der Tonabstände, in eine regelrechte Weise vereinigt, langsam und leise aus den Baumwipfeln herabhallen, und versichert, so klangvolle und doch so sanfte, zarte, einschmeichelnde, gleichsam überirdische Töne [177] weder anderswo gehört noch für überhaupt möglich erachtet zu haben. Alle Begabungen werden durch das Wesen der Vögel noch besonders gehoben Die Schlüpfer scheuen sich nicht vor dem Menschen und verkehren ohne Furcht in seiner Nähe, dringen selbst in das Innere des Hauses ein, genießen auch allerorten die Liebe des Menschen und einzelne besonderen Schutz. Zu Gunsten eines südamerikanischen Schlüpfers hängt man hier und da unter den Dächern der Häuser leere Flaschen aus, welche vom Vogel schnell in Besitz genommen werden. Er erkennt die Freundschaft des Menschen und wird so zahm, daß er, wie Schomburgk erfuhr, »ungescheut durch die offenen Fenster in die Stube kommt und, auf dem Fensterbrett sitzend, den Bewohnern sein liebliches Liedchen vorsingt«. Anderen Schlüpfern kommt man zwar nicht mit ähnlichen Dienstleistungen entgegen; aber auch sie werden von jedermann gern gesehen und wenigstens nicht vernichtet. Man darf behaupten, daß das Wesen dieser liebenswürdigen Geschöpfe einen unwiderstehlichen Reiz auf uns ausübt; daraus erklären sich meiner Ansicht nach auch die vielen und anmuthigen Sagen, durch welche die Dichtung verschiedener Völker ihr Leben verherrlicht hat.

Ich muß mir versagen, der reichhaltigen Familie nach Verdienst und Gebühr Rechnung zu tragen, vielmehr auf eine einzige Art mich beschränken.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 176-177.
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