Fadenhopf (Seleucides niger)

[420] Eine der prachtvollsten und erst durch Rosenbergs Forschungen einigermaßen bekannt gewordene Art dieser Gruppe ist der Fadenhopf (Seleucides niger, alba, resplendens und ignota, Paradisea nigra, alba, nigricans, violacea und Vaillanti, Epimachus albus, Falcinellus resplendens, Nematophora alba), Vertreter einer gleichnamigen Sippe, welche sich kennzeichnet durch seicht gebogenen, an der Spitze des Obertheils schwach ausgekerbten Schnabel, durch Halsbüschel, welche aus großen, rundlich abgestutzten, glänzend gesäumten Federn bestehen, und sehr lange Büschelfedern an den Brustseiten, welche bis zur Hälfte ihrer Länge flaumig, von da an aber nacktschaftig sind. Die Länge dieses wunderbaren Vogels beträgt zweiunddreißig, die Fittiglänge sechzehn, die Schwanzlänge acht Centimeter. Die sammetartigen Federn des Kopfes, Halses und der Brust sind schwarz, dunkelgrün und purpurviolett schillernd, die verlängerten Brustseitenfedern, bis auf einen glänzenden oder schillernden smaragdgrünen Saum, ebenso gefärbt, die langen, zerfaserten Seitenfedern prächtig goldgelb, welche Farbe aber, wenn der Balg auch nur kurze Zeit der Einwirkung von Licht und Rauch ausgesetzt wird, verbleicht und in Schmutzigweiß sich umwandelt, Flügel und Schwanz violett, herrlich glänzend, unter gewissem Lichte gebändert. Das merkwürdigste sind offenbar die langen Seitenfedern. Die längsten von ihnen reichen bis über den Schwanz hinaus, und die letzten untersten verwandeln sich in ein langes nacktes Gebilde von der Stärke eines Pferdehaares, welches am Ursprunge goldgelb, von da an aber braun gefärbt ist. Das Auge ist scharlachroth, der Schnabel schwarz,[421] der Fuß fleischgelb.


Fadenhopf (Seleucides niger). 1/3 natürl. Größe.
Fadenhopf (Seleucides niger). 1/3 natürl. Größe.

Beim Weibchen sind Oberkopf, Unterhals und Oberrücken schwarz, die sammetartigen Kopffedern hellpurpur glänzend, der Unterrücken, die Flügel und der Schwanz rostbraun, die großen Schwungfedern an der Innenseite schwarz. Die ganze Unterseite ist auf grauweißem oder hell schmutziggelbbräunlichem Grunde mit kleinen, schwarzen Streifen in die Quere gewellt. Der junge Vogel gleicht vollkommen dem Weibchen. Bei zunehmendem Alter erscheint zuerst der Hals grau; bei der nächsten Mauser kommt sodann die gelbe Bauchfarbe, gleichzeitig mit den Federbüscheln an den Seiten zum Vorscheine; die zwölf länger hervorragenden Schäfte oder Fäden sind aber noch nicht nach außen, sondern gerade nach hinten gerichtet. Erst mit der dritten Mauser krümmen sich die genannten Schäfte nach außen.

»Obgleich von diesem Vogel«, sagt Rosenberg, »jährlich eine ziemlich große Anzahl Bälge in verstümmeltem Zustande nach Mangkassar und Ternate gebracht werden, kann doch noch nicht [422] eine einzige Sammlung in Europa oder anderswo ein unversehrtes Stück davon aufweisen. Deshalb sind auch alle bis jetzt vorhandenen Beschreibungen und Abbildungen unvollständig und unrichtig. Während meines Aufenthaltes auf Salawati im Monat August 1860 war ich so glücklich, ein halbes Dutzend dieser unvergleichlich schönen Vögel zu erhalten. Sie leben in kleinen Trupps oder Familien, sind kräftige Flieger und lassen, nach Futter suchend, ein scharf klingendes ›Scheck, scheck‹ hören. Die Ost- und Westküste Neuguineas und die Insel Salawati bilden ihre ausschließliche Heimat; hier aber sind sie in bergigen Strecken, welche sie bevorzugen, durchaus nicht selten.


Kragenhopf (Epimachus speciosus). 2/5 natürl. Größe.
Kragenhopf (Epimachus speciosus). 2/5 natürl. Größe.

Bei Kalwal, einem kleinen, vor kurzem angelegten Stranddörfchen an der Westküste der Insel, sah ich im August eine aus zehn Stück bestehende Familie im hohen Walde nahe der Küste. Sechs davon fielen mir in die Hände; die übrigen waren zwei Tage später nicht mehr zu sehen: das wiederholte Schießen und ein starker, auf die Küste zu wehender Wind hatten sie nach dem Gebirge zurückgescheucht. In dem Magen der getödteten fand ich Früchte, vermischt mit einzelnen Ueberbleibseln von Kerbthieren. In der Brutzeit richtet der Vogel den Brustkragen ringförmig und vom Leibe abstehend nach vorn auf und öffnet die [423] verlängerten Seitenfedern zu einem prachtvollen Fächer.« Laut Wallace besucht der Fadenhopf blühende Bäume, namentlich Sagopalmen und Pisang, um die Blüten auszusaugen. Selten verweilt er länger als einige Augenblicke auf einem Bäume, klettert, durch seine großen Füße vortrefflich hierzu befähigt, rasch und gewandt zwischen den Blüten umher und fliegt sodann mit großer Schnelligkeit einem zweiten Baume zu. Sein lauter und auf weithin hörbarer, der Silbe »Kah« vergleichbarer Ruf wird etwa fünfmal rasch nach einander, meist vor dem Wegfliegen ausgestoßen. Bis gegen die Brutzeit hin lebt das Männchen einsiedlerisch; später mag es sich, wie seine Familienverwandten, mit anderen seiner Art auf gewissen Sammelplätzen zusammenfinden. Alle Fa denhopfe, welche erlegt wurden, hatten nichts anderes als einen braunen Saft, wahrscheinlich Blumennektar, im Magen; ein gefangener Vogel dieser Art aber, welchen Wallace sah, fraß begierig Schaben und Melonen.

Nest und Eier sind zur Zeit noch unbekannt. Jagd und Fang geschehen wesentlich in derselben Weise, wie weiter oben (S. 315) beschrieben.


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Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 420-423.
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