Pirol (Oriolus galbula)

[531] Der Pirol, Pfingst-, Kirsch- und Gottesvogel, Bülow, Schulz von Milo, Widewal, Weihrauch, Berolft, Bieresel, Pirreule, Goldamsel, Golddrossel, Regenkatze, Gelbling usw. (Oriolus galbula, aureus und garrulus, Coracias oriolus), vertritt die nach ihm benannte, etwa vierzig Arten zählende, über das nördlich altweltliche, indische und äthiopische Gebiet verbreitete Familie (Oriolidae), deren Merkmale in dem kräftigen, fast kegelförmigen, auf der seitlich abgerundeten Firste seicht gebogenen, mit der Spitze ein wenig überragenden Ober- und beinahe gleich starken Unterschnabel, den kurzläufigen Füßen, langen und ziemlich spitzigen Flügeln, unter deren Schwingen die dritte die längste zu sein pflegt, dem mittellangen, gerade abgeschnittenen Schwanze und dem dichten, meist prachtvoll, nach Geschlecht und Alter verschieden gefärbten Kleide liegen. Unser Pirol, Vertreter [531] der zahlreichsten gleichnamigen Sippe (Oriolus), ist prachtvoll licht orange- oder gummiguttgelb; Zügel, Schultern und Flügeldeckfedern haben schwarze Färbung; die Schwingen sind schwarz, schmal weiß, die hinteren Armschwingen schmal gelblich gerandet, die Handdecken in der Endhälfte gelb, die Schwanzfedern schwarz und mit breitem, von außen nach innen abnehmendem, auf den beiden mittelsten bis auf einen Spitzensaum verschmälertem gelben Endbande geziert. Weibchen, Junge und einjährige Männchen sind oberseits gelblichgrün, unterseits graulichweiß, die Federn dunkel geschaftet, am Bauche rein weiß, an den Schenkeln und Unterschwanzdecken hochgelb, ihre Schwingen olivenschwärzlich, außen weißfahl gesäumt, die Schwanzfedern olivengelblichgrün, innen am Ende mit einem gelben Flecke geschmückt. Das Auge ist karminroth, der Schnabel schmutzigroth, bei Weibchen und Jungen grauschwärzlich, der Fuß bleigrau. Die Länge beträgt fünfundzwanzig, die Breite fünfundvierzig, die Fittiglänge vierzehn, die Schwanzlänge neun Centimeter.


Pirol (Oriolus galbula). 1/2 natürl. Größe.
Pirol (Oriolus galbula). 1/2 natürl. Größe.

Der Name Pfingstvogel ist insofern passend gewählt, als der Pirol erst gegen Pfingsten hin, in der ersten Hälfte des Mai, bei uns eintrifft. Er ist ein Sommergast, welcher nur kurze Zeit in seiner Heimat verweilt und schon im August davonzieht. Diese Angabe gilt für ganz Europa, mit Ausnahme des höchsten Nordens, und für den größten Theil Westasiens, welche Erdstrecken als die Heimat des Pirols betrachtet werden müssen. Auf seinem Winterzuge besucht er ganz Afrika, einschließlich Madagaskars. Seinen Aufenthalt wählt er in Laubwäldern und namentlich in solchen der Ebene. Eiche und Birke sind seine Wohnbäume, Feldgehölze, welche aus beiden bestehen, daher seine Lieblingsplätze. Eine einzige Eiche zwischen anderen Bäumen vermag ihn zu fesseln, eine Eichengruppe im Parke seine Scheu vor dem Treiben des Menschen zu besiegen. Nächstdem liebt er Schwarz- und Silberpappel, Rüster und Esche am meisten. Im Nadel-, zumal im Kieferwalde, kommt er ebenfalls vor, immer aber nur dann, wenn in dem Bestande auch Eichen oder Birken vorhanden sind. Das Hochgebirge meidet er.

[532] Der Pirol erinnert ebenso an die Drosseln wie an die Fliegenfänger, zuweilen auch an die Raken, unterscheidet sich jedoch auch wiederum von allen genannten. »Er ist«, sagt Naumann, »ein scheuer, wilder und unsteter Vogel, welcher sich den Augen der Menschen stets zu entziehen sucht, ob er gleich oft in ihrer Nähe wohnt. Er hüpft und flattert immer in den dichtest belaubten Bäumen umher, verweilt selten lange in dem nämlichen Baume und noch weniger auf demselben Aste; seine Unruhe treibt ihn bald dahin, bald dorthin. Doch nur selten kommt er in niedriges Gesträuch und noch seltener auf die Erde herab. Geschieht dies, so hält er sich nur so lange auf, als nöthig ist, ein Kerbthier und dergleichen zu ergreifen. Ausnahmsweise bloß thut er dann auch einige höchst ungeschickte, schwerfällige Sprünge; denn er geht nie schrittweise. Er ist ein muthiger und zänkischer Vogel. Mit seinesgleichen beißt und jagt er sich beständig herum, zankt sich aber auch mit anderen Vögeln, so daß es ihm, zur Begattungszeit besonders, nie an Händeln fehlt. Er hat einen dem Anscheine nach schweren, rauschenden, aber dennoch ziemlich schnellen Flug, welcher, wenn es weit über das Freie geht, nach Art der Staare in großen, flachen Bogen oder in einer seichten Schlangenlinie fortgesetzt wird. Ueber kurze Räume fliegt er in gerader Linie, bald schwebend, bald flatternd. Er fliegt gern, streift weit und viel umher, und man sieht oft, wie einer den anderen viertelstundenlang jagt und unablässig verfolgt.« Die Lockstimme ist ein helles »Jäck, jäck« oder ein rauhes »Kräk«, der Angstschrei ein häßlich schnarrendes »Querr« oder »Chrr«, der Ton der Zärtlichkeit ein sanftes »Bülow«. Die Stimme des Männchens, welche wir als Gesang anzusehen haben, ist volltönend, laut und ungemein wohlklingend. Der lateinische und deutsche Name sind Klangbilder von ihr. Naumann gibt sie durch »Ditleo« oder »Gidaditleo« wieder; wir haben sie als Knaben einfach mit »Piripiriol« übersetzt: die norddeutschen Landleute aber übertragen sie durch »Pfingsten Bier hol'n; aussaufen, mehr hol'n«, oder »Hest Du gesopen, so betahl och«, und scheinen in Anerkennung der Bedeutung dieser Wahrsprüche an dem »Bieresel« ein ganz absonderliches Wohlgefallen zu haben. In Thüringen weiß man von derartigen Redensarten nichts; demungeachtet ist der Pirol ein überaus gern gesehener, überall willkommener Vogel. Er gehört zu den fleißigsten Sängern unseres Waldes. Man hört ihn bereits vor Sonnenaufgange und mit wenig Unterbrechung bis gegen Mittag hin und vernimmt ihn von neuem, wenn die Sonne sich neigt. Aber auch an schwülen Tagen ist er, abweichend von anderen Vögeln, rege und laut. Ein einziges Pirolpaar ist fähig, einen ganzen Wald zu beleben.

Wenige Tage nach seiner Ankunft beginnt der Pirol mit dem Baue seines künstlichen Nestes, welches stets in der Gabel eines schlanken Zweiges aufgehängt wird. Es besteht aus halbtrockenen Grasblättern, Halmen, Ranken, aus Nesselbast, Werch, Wolle, Birkenschale, Moos, Spinnengewebe, Raupengespinst und ähnlichen Stoffen, ist tief napfförmig und wird inwendig mit feinen Grasrispen oder mit Wolle und Federn ausgepolstert. In der Regel wählt der Pirol einen höheren Baum zur Anlage desselben; doch kann es auch geschehen, daß er es in Manneshöhe über dem Boden aufhängt. Die langen Fäden werden mit dem Speichel auf den Ast geklebt und mehrere Male um denselben gewickelt, bis die Grundlage des Baues hergestellt worden ist, die übrigen Stoffe sodann dazwischen geflochten und gewebt. Beide Geschlechter sind in gleicher Weise am Baue thätig; nur die innere Auspolsterung scheint vom Weibchen allein besorgt zu werden. Anfang Juni hat das Weibchen seine vier bis fünf glattschaligen und glänzenden Eier, welche durchschnittlich dreißig Millimeter lang, einundzwanzig Millimeter dick und auf hellweißem Grunde mit aschgrauen und röthlichschwarzbraunen Punkten und Flecken gezeichnet sind, gelegt und beginnt nun eifrig zu brüten. Es läßt sich schwer vertreiben; denn beide Geschlechter lieben die Brut außerordentlich. »Ich besuchte«, sagt Päßler, »ein Nest täglich, jagte das Weibchen vom Neste und bog die Zweige herab um bequemer in das Innere sehen zu können. Da stieß das Weibchen ein lang gehaltenes, kreischendes Geschrei, ein wahres Kampfgeschrei aus, stürzte sich von dem nahestehenden Baume auf mich hernieder, flog dicht an meinem Kopfe vorbei und setzte sich auf einen anderen, mir im Rücken stehenden Baum. Das Männchen eilte herzu: derselbe Schrei, derselbe [533] Versuch, mich zu vertreiben. Beide zeigten sich gleich muthig, beide gleich besorgt um Nest und Eier.« In den Mittagsstunden löst das Männchen das brütende Weibchen ab, und dieses eilt nun förmlich durch sein Gebiet, um sich so schnell wie möglich mit der nöthigen Nahrung zu versorgen. Nach vierzehn bis funfzehn Tagen sind die Jungen ausgebrütet und verlangen nun mit einem eigenthümlichen »Jüddi, jüddi« nach Nahrung. Sie wachsen rasch heran und mausern sich bereits im Neste, entfliegen demselben also nicht in dem eigentlichen Jugendkleide. Wird einem Pirolpaare seine erste Brut zerstört, so lange es Eier enthält, so nistet es zum zweiten Male; werden ihm jedoch die Jungen geraubt, so schreitet es nicht zur zweiten Brut.

Kerbthiere der verschiedensten Art, namentlich aber Raupen und Schmetterlinge, Würmer und zur Zeit der Fruchtreife Kirschen und Beeren, bilden die Nahrung des Pirols. Er bedarf viel und kann deshalb einzelnen Fruchtbäumen schädlich werden; doch überwiegt der Nutzen, welchen er leistet, den geringen Schaden, den er durch seine Plündereien in den Gärten uns zufügt, bei weitem, und er verdient daher Schutz, nicht Verfolgung, wie er sie, schon seiner Schönheit halber, leider noch vielfach erdulden muß.

Gefangene Pirole dauern nur bei bester Pflege mehrere Jahre im Käfige aus, überstehen die Mauser schwer und erlangen nach ihr ihre Schönheit meist nicht wieder, werden daher auch nur von sachkundigen Liebhabern im Gebauer gehalten. Naumanns Vater zog Pirole allen anderen Stubenvögeln vor und erlebte an ihnen die Freude, daß einige von ihnen ihm das Futter aus den Händen und aus dem Munde nahmen oder ihn, wenn er ihnen nicht sogleich etwas gab, mahnend bei den Haaren rauften.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 531-534.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Christen, Ada

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Gedichte. Lieder einer Verlorenen / Aus der Asche / Schatten / Aus der Tiefe

Diese Ausgabe gibt das lyrische Werk der Autorin wieder, die 1868 auf Vermittlung ihres guten Freundes Ferdinand v. Saar ihren ersten Gedichtband »Lieder einer Verlorenen« bei Hoffmann & Campe unterbringen konnte. Über den letzten der vier Bände, »Aus der Tiefe« schrieb Theodor Storm: »Es ist ein sehr ernstes, auch oft bittres Buch; aber es ist kein faselicher Weltschmerz, man fühlt, es steht ein Lebendiges dahinter.«

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon