Dreizehnte Ordnung: Die Ruderfüßler[578] (Steganopodes)

Mein Vater war, soviel mir bekannt, der erste, welcher die Vögel, mit denen wir uns nunmehr beschäftigen werden, in einer besonderen Ordnung vereinigte. Die Ruderfüßler haben auch in der That mit anderen Schwimmvögeln nur entfernte Aehnlichkeit; nicht bloß der Ruderfuß, sondern das Gesammtgepräge ihres Baues überhaupt trennt sie von allen übrigen, welche schwimmen. Einige erinnern noch an die Langflügler, andere mögen mit gewissen Tauchern verglichen werden: wirkliche Verwandtschaft aber findet zwischen ihnen und jenen nicht statt.

Ihr Leib ist gestreckt, der Hals mittellang, der Kopf klein, der Schnabel lang oder kurz, breit oder rundlich, hakig oder spitzig, übereinstimmend bloß insofern, als sich zwischen den Unterkieferästen eine nackte, mehr oder weniger sackartig erweiterte Haut befindet, der Fuß immer kurzläufig und langzehig, wegen der Schwimmhäute, welche alle Zehen verbinden, von dem Schwimmfuße anderer Vögel durchaus verschieden, der Flügel lang und rundlich oder sehr lang und spitzig, der Schwanz verschieden gestaltet, stets aber eigenthümlich und von dem anderer Schwimmer abweichend gebaut. Das Kleingefieder liegt knapp an, ist bei einigen derb und hart, bei anderen seidig weich, seine Färbung nach dem Geschlechte wenig oder nicht, nach dem Alter meist sehr verschieden.

Auch die Ruderfüßler dürfen Bewohner des Meeres genannt werden, obwohl nur die Glieder zweier Familien der Ordnung den Weltmeervögeln insofern ähneln, als sie sich freiwillig niemals von der See entfernen. Die übrigen streichen gern tiefer ins Land, siedeln sich an geeigneten Stellen hier auch an; ja, einzelne erscheinen nur ausnahmsweise am oder auf dem Meere: alle aber sind, wenn sie sich hier einfinden, heimisch, alle können sich monatelang hier aufhalten und, wenn auch nicht das Land, so doch das Süßwasser entbehren. Einzelne rasten, um auszuruhen oder um zu schlafen, auf felsigen Inseln und Küsten, andere am Strande, die meisten, falls sie können, auf Bäumen; gewisse Arten sind wahre Waldvögel. Im Norden ihres Verbreitungsgebietes zwingt sie der Winter zu regelmäßigen Wanderungen; im Süden streichen sie, dem Laufe der Gewässer oder der Meeresküste folgend, unregelmäßig auf und nieder.

Man darf sagen, daß die Glieder dieser Ordnung alle Bewegungsarten der Schwimmvögel überhaupt in sich vereinigen. Es gibt Stoß- und Schwimmtaucher unter ihnen; sie fliegen vortrefflich, einzelne mit den Seefliegern um die Wette, gehen zwar schlecht, je doch immer noch besser als viele andere Schwimmvögel und wissen sich auch im Gezweige der Bäume zu benehmen. Ihre Sinne sind gut entwickelt, ihre geistigen Kräfte dagegen ziemlich gering; doch zeigen sich einzelne bildsam und abrichtungsfähig. Im Wesen spricht sich, trotz aller Liebe zur Geselligkeit, wenig Friedfertigkeit, im Gegentheile Neid, Habgier und Rauflust, auch Bosheit und Tücke und dabei entschiedene [579] Feigheit aus, wenn es sich um ein Zusammentreffen mit anderen Geschöpfen handelt. Einmüthiges Zusammengehen, Eintreten der Gesammtheit zu gunsten des einzelnen, wie die Seeflieger es uns kennen lehrten, kommt unter den Ruderfüßlern nicht vor: sie helfen sich gegenseitig beim Fischfange, nicht aber bei nöthig werdender Vertheidigung gegen Feinde. Um andere Thiere bekümmern sie sich wenig, einzelne jedoch auch wieder sehr genau, obschon nur in dem Sinne, in welchem sich ein Schmarotzer mit seinem Tischgeber beschäftigt. Mehrere Arten nisten unter Reihern und Angehörigen anderer Ordnungen überhaupt, vertreiben diese auch dreist aus ihren Nestern oder rauben ihnen die Niststoffe weg, treten aber durchaus nicht in ein geselliges Verhältnis mit den Genossen der Brutansiedelung.

Das Nest steht entweder auf Bäumen oder in Spalten des Gesteines, auf Felsgesimsen und Berggipfeln, seltener auf Inselchen in Sümpfen und Brüchen. Wo es irgend angeht, lassen unsere Vögel andere für sich arbeiten, mindestens den Grund zu ihrem Neste legen und bauen es dann einfach nach ihrem Geschmacke aus; außerdem schleppen sie selbst die nöthigen Stoffe herbei und schichten sie kunstlos über einander. Das Gelege zählt ein einziges Ei oder deren zwei bis vier. Diese Eier sind verhältnismäßig klein, sehr länglich und gewöhnlich mit einem kalkigen Ueberzuge bedeckt, welcher die lebhafter, aber gleichmäßig gefärbte eigentliche Schale hier und da vollständig überkleidet, seltener glattschalig und auf lichterem Grunde dunkler gefleckt. Beide Eltern brüten, und zwar so eifrig, daß sie sich kaum verscheuchen lassen, beide schleppen auch dem oder den geliebten Jungen überreichlich Atzung zu. Einzelne Arten scheinen oft zwei Bruten in einem Sommer heranzuziehen.

Wenige andere Schwimmvögel nähren sich so ausschließlich wie die Ruderfüßler von Fischen. Einzelne Arten nehmen gelegentlich allerdings auch noch andere Wirbelthiere, vielleicht auch Weichthiere und Würmer zu sich, immer aber nur nebenbei, mehr zufällig als absichtlich. Sie fischen, indem sie sich aus einer gewissen Höhe auf und ins Wasser stürzen, also stoßtauchen, indem sie, schwimmend, ihren langen Hals in das seichtere Wasser einsenken, oder endlich, indem sie ihre Beute unter Wasser verfolgen. Alle Ruderfüßler leisten erstaunliches in der Vertilgung von Fischen, würden deshalb auch ohne Ausnahme zu den schädlichsten Vögeln gezählt werden, wüßten sie den Reichthum des Meeres uns nicht in eigenthümlicher Weise nutzbar zu machen. Ihnen dankt Peru den größten Theil seiner Einnahmen; sie beschäftigen seit Jahren bereits eine zahlreiche Flotte: denn sie sind die Erzeuger des Guano oder Vogeldüngers, die »reinlichen Vögel«, deren fromme Beschaulichkeit und gesegnete Verdauung Scheffel gebührend gerühmt hat. In ihrer Gefräßigkeit beruht ihre Bedeutung für uns: sie beeinträchtigt unseren Fischstand in den Gewässern des Binnenlandes und speichert uns Schätze auf öden Felsriffen auf. Einen anderweitigen Nutzen gewähren die Ruderfüßler uns nicht. Einige Arten von ihnen halten wir als Schaustücke in Gefangenschaft, andere berauben wir ihrer Eier und Jungen, um sie zu verspeisen: der auf diese Weise erzielte Gewinn ist jedoch bedeutungslos. Die Chinesen richten ein Mitglied der Ordnung zum Fischfange ab, die Araber essen das schlechte Fleisch anderer Arten, und die Südseeinsulaner endlich nutzen die langen Schwanzfedern eines dieser Vögel: hierauf beschränken sich die Vortheile, welche der Mensch ihnen dankt.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Sechster Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Dritter Band: Scharrvögel, Kurzflügler, Stelzvögel, Zahnschnäbler, Seeflieger, Ruderfüßler, Taucher. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 578-579.
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