Oken zerfällt die Klasse der Vögel in zwei Hauptabtheilungen oder »Stufen«: in die der Nesthocker und die der Nestflüchter. »Ich sehe«, sagt er, »auf die Entwickelung der Vögel. Die einen kommen nackt und blind aus dem Eie und müssen daher lange geatzt werden. Sie nenne ich Nesthocker. Die anderen kommen schon ziemlich befiedert und sehend aus dem Eie und können fast sogleich laufen und ihre Nahrung suchen. Sie nenne ich Nestflüchter. Der Gang der ersteren ist hüpfend, der der zweiten schreitend; man könnte sie Hüpfer und Schreiter nennen. Jene halten sich hoch, und ihre Hauptbewegung ist der Flug, diese halten sich immer auf der Erde und im Wasser auf und fliegen nur, wenn es noth thut; man könnte sie Flieger und Läufer nennen. Jene sind an allerlei Nahrung gebunden, leben von Samen und Früchten auf dem Stengel oder von schnell beweglichen Thieren, diese leben von allem möglichen, von abgefallenen Samen und Früchten und meist von langsam kriechenden Thieren, wie von Schnecken und Gewürm, Fischen, Lurchen, Vögeln und Säugethieren, von gekochtem Fleische und Gemüse; man könnte sie Einerlei- und Allesfresser nennen. Jene sind ferner fast durchgängig klein, und die Mehrzahl erreicht nicht die Größe des Raben, diese dagegen sind meistens größer als ein Huhn; jene schlafen stehend, diese hockend usw.« Es läßt sich nicht verkennen, daß diese Unterschiede thatsächlich begründet und gewichtig sind; für die Aufstellung eines Systems haben sie jedoch nur untergeordnete Bedeutung. Viele »Schreiter, Läufer, Allesfresser, Fußgänger, Schlafsteher« und wie Oken die Mitglieder einer seiner Stufen sonst noch genannt hat, sind Nesthocker, nicht Nestflüchter; wir würden also nahe Verwandte trennen müssen, wollten wir der Oken'schen Auffassung dem Wortlaute nach huldigen. Immerhin verdienen die von dem geistreichen Forscher entwickelten Ansichten Berücksichtigung, und jedenfalls darf ich es hier nicht unerwähnt lassen, daß wir uns fortan vorzugsweise mit Nestflüchtern zu beschäftigen haben werden. Ausgesprochene Nestflüchter sind auch die Glieder der nachstehend zu beschreibenden Ordnung, so verschiedenartig sie uns erscheinen mögen. »Keine Vogelgruppe gleichen Ranges nämlich zeigt«, wie Burmeister richtig hervorhebt, »bei einer so allgemeinen Verbreitung über die Erdoberfläche eine solche Verschiedenheit des Körperbaues, wie die hier zu behandelnde der Scharrvögel oder Hühner im weitesten Sinne. Hühner gibt es überall, nicht bloß als Hausgeflügel, von den Menschen über die Erdoberfläche verbreitet: auch ursprünglich ist eine Hühnergestalt an allen bewohnbaren Theilen der Erde vorhanden. Aber freilich, der bezeichnende Ausdruck des Huhnes ist in der äußeren Erscheinung oft so versteckt, daß es Mühe kostet, die Hühnerverwandtschaft im Vogel nachzuweisen.« Giebel behauptet nun zwar das Gegentheil, da er der Ansicht ist, alle Scharrvögel böten in Betragen, Lebensweise und Leibesbau so bezeichnende allgemeine Merkmale, daß selbst [4] die äußersten Glieder der Gruppe noch leicht und sicher erkannt werden; aber Giebel ist eben kein Burmeister. Es ist sehr schwierig, allgemein gültige Kennzeichen für diese Ordnung aufzustellen.
Die Scharrvögel sind kräftig, selbst schwerfällig gebaut, kurzflügelig, starkfüßig und reich befiedert. Ihr Leib ist gedrungen, kurz und hochbrüstig, der Hals kurz, höchstens mittellang, der Kopf klein. Der vielfach abändernde Schnabel ist in der Regel kurz, kaum halb so lang wie der Kopf, zuweilen aber auch sehr lang, die Kopfeslänge beinahe erreichend, im ersteren Falle breit und hoch, mehr oder weniger stark gewölbt und an der Spitze hakig herabgebogen, mindestens zu einem kuppenförmigen Hornnagel ausgezogen, der hintere Theil meist mit Federn bekleidet, zwischen dem eine schmale häutige, das Nasenloch deckende, auch wohl in das Stirngefieder eingreifende Schuppe sitzt, ausnahmsweise aber mit einer, vor der Paarungszeit knollig anschwellenden, nach ihr wieder zusammensinkenden Wachshaut überzogen. Die Beine, das wichtigste Bewegungswerkzeug der Scharrvögel, sind stets sehr kräftig gebaut, meist mittelhoch, die Füße langzehig, die Nägel kurz. Der Schenkeltheil des Beines erscheint wegen der kräftigen Muskeln, welche hier an die Knochen sich ansetzen, dickfleischig, der Lauf stark, der Fuß mehr oder weniger entwickelt. In der Regel sind seine vier Zehen wohl ausgebildet; zuweilen aber verkümmert die Hinterzehe bis auf den Nagel, welcher selten vermißt wird. Bei den meisten der auf dem Boden lebenden Scharrvögel ist die höher als die übrigen angesetzte Hinterzehe klein, bei den Baumhühnern hingegen ziemlich groß, bei einer Gruppe die Zehenentwickelung auffallend. Die Krallen, welche bei einzelnen Arten zeitweilig abgeworfen und neu ersetzt werden, sind meist kurz, breit und stumpf, zuweilen aber auch lang und schmal, stets jedoch wenig gebogen. Der Flügel ist in der Regel kurz und dann stark und schildartig gewölbt, ausnahmsweise aber auch sehr lang, sein Handtheil mit zehn oder elf, sein Armtheil mit zwölf bis zwanzig Schwingen besetzt. Der sehr verschieden gebildete und gestaltete Schwanz, welcher auch gänzlich fehlen kann, besteht aus zwölf bis zwanzig Steuerfedern, ist bald kurz, bald mittel-, bald sehr lang und dann seitlich stark verkürzt. Das Kleingefieder steht dicht auf scharf begrenzten Fluren: einer Rückenflur, welche vom Nacken an ungetheilt bis zur Bürzeldrüse verläuft oder, hinter den Schulterblättern sich theilend, ein eiförmiges Feld in sich aufnimmt, einer Unterflur, welche sich am Halse in zwei die Brustflächen fast gänzlich deckende Zweige auflöst und jederseits einen der Achselflur gleichlaufenden Ast abgibt, am Bauche aber wiederum zu einem Mittelstreifen zusammenläuft, und ungewöhnlich starken Lendenfluren. Der Schaft der im allgemeinen derben und großfederigen, an der Wurzel dunigen Außenfedern verdickt sich, und von der Spule geht ein zweiter, sehr großer, aber nur duniger, sogenannter Afterschaft aus. Beachtung verdient die ungewöhnliche Entwickelung der Bürzel- oder Schwanzdeckfedern, welche gewissen Hühnern zum hauptsächlichsten Schmucke werden, ebenso ferner die merkwürdige Ausbildung und Entfaltung, welche bei einzelnen Arten die Oberarmschwingen zeigen. Das Gefieder bekleidet Leib und Hals sehr reichlich, bei zwei Familien auch die Fußwurzeln bis zu den Zehen herab, läßt dagegen oft kleinere oder größere Stellen am Kopfe und an der Gurgel frei. Hier wuchert dann die Haut ebenso wie an anderen Stellen das Gefieder; es bilden sich schwielige Auftreibungen, Warzen, Lappen, Kämme, Klunkern und andere Anhängsel, sogar kleine Hörnchen, und alle diese nackten Theile glänzen und leuchten in den lebhaftesten Farben. An Pracht und Farbenschönheit stehen die Scharrvögel überhaupt wenig anderen nach, und viele von ihnen können mit den glänzendsten aller Klassenverwandten wetteifern. Die Verschiedenheit der Kleider zeigt sich bei keinem Vogel größer als bei den Hühnern; die Männchen unterscheiden sich wenigstens bei vielen so auffallend von den Weibchen, welche hier als der bescheidenere Theil erscheinen, daß es für die Unkundigen schwer sein kann, in dem einen den Gatten des anderen zu erkennen. Das Jugendkleid weicht stets von dem der alten Vögel ab und durchläuft oft und meist in überraschend kurzer Zeit mehrere Stufen der Entwickelung, bevor es zum Alterskleide wird.
Das Gerippe ist massig und das Luftfüllungsvermögen der einzelnen Knochen gering. Der Schädel ist in seinem Hirntheile mäßig gewölbt, der Schnabeltheil meist nicht länger als der Hirntheil. [5] Die Gaumenfortsätze der Oberkiefer sind klein, die Gaumenbeine verhältnismäßig lang und schmal. Zwölf bis funfzehn Hals-, sechs bis acht Rücken-, zwölf bis siebzehn Kreuzbein- und fünf bis sechs Schwanzwirbel setzen die Wirbelsäule zusammen. Der Brustbeinkörper ist nicht eigentlich knöchern, sondern häutig, nach hinten jederseits doppelt ausgebuchtet; die innere dieser Buchten erstreckt sich so weit nach vorn, daß der Brustbeinkörper selbst bis auf einen schmalen Knochenstreifen verkümmert erscheint; ein zweiter Knochenstreifen trennt die eine Bucht von der anderen. Der Kamm des Brustbeines ist nicht besonders hoch, vorn verbreitet, in seinem Verlaufe stark gewölbt, das Gabelbein dünn und schmächtig. Die Vorderglieder zeichnen sich durch die Breite des Vorderarmes und die bogenförmige Krümmung der Elnbogenröhre aus. Die Zunge ist ziemlich gleich breit, oben flach und weich, vorn kurz gespitzt und meist ausgezasert, der Zungenkern einfach, vorn knöcherig, hinten knorpelig, der Zungenbeinkörper schmal und länglich. Der Schlund erweitert sich zu einem wahren Kropfe von ansehnlicher Größe. Der Vormagen ist dickwandig und drüsenreich, der Magen starkmuskelig. Die Blinddärme sind sehr lang und keulenförmig gestaltet. Die Leber ist mäßig groß, ungleichlappig, die Gallenblase klein, die Milz klein und rundlich. Die Luftröhre ist weich, wird nur aus knorpeligen Ringen gebildet und bei den Männchen gewisser Arten in ihrem unteren Theile mit einer zelligen, gallertartigen Masse überkleidet usw.
Die Scharrvögel, von denen man ungefähr vierhundert Arten kennt, sind, wie bereits angedeutet, Weltbürger, in Asien aber am reichsten entwickelt. Jeder Erdtheil oder jedes Gebiet beherbergt gewisse Familien mehr oder weniger ausschließlich. Als bevorzugte Wohnstätte darf man den Wald ansehen, die einzige aber ist er nicht; denn auch die pflanzenlose Ebene, die nur mit dürftigem Gesträuche und Gräsern bedeckten Berggehänge der Alpen unter der Schneegrenze und die ihnen entsprechenden Moossteppen des Nordens werden von Scharrvögeln bevölkert. So weit man nach Norden hin vordrang: ein Schneehuhn hat man auf jedem größeren Eilande gefunden, und wo man auch sein mag in der Wüste: ein Flughuhn wird man schwerlich vermissen. Fast die ganze Erde ist in Besitz genommen worden von den Mitgliedern dieser Ordnung; wo die einen verzweifeln, ihr Leben zu fristen, finden andere das tägliche Brod. Wie sie es ermöglichen, ihren Unterhalt zu erwerben an den Orten, wo entweder die Glut der Sonne oder die Kälte der monatelangen Nacht unserer Erde Oede und Armut bringen, vermögen wir nicht zu sagen, kaum zu begreifen, obgleich wir wissen, daß ihnen eigentlich alles genießbare recht, daß sie zwar vorzugsweise Pflanzenfresser, aber doch auch tüchtige Räuber sind, daß sie mit Stoffen sich begnügen, welche nur Raupen mit ihnen theilen oder höchstens einzelne Wiederkäuer zur Atzung nehmen.
Man kann die Scharrvögel nicht als besonders begabte Geschöpfe bezeichnen. Ihre Fähigkeiten sind gering. Die wenigsten vermögen im Fluge mit anderen Vögeln zu wetteifern; die meisten sind mehr oder weniger fremd auf den Bäumen, weil sie sich hier nicht zu benehmen wissen, und alle ohne Ausnahme scheuen das Wasser. Ihr Reich ist der flache Boden. Sie sind vollendete Läufer; ihre kräftigen und verhältnismäßig hohen Beine gestatten ihnen nicht nur einen ausdauernden, sondern auch einen sehr schnellen Lauf. Reicht die Kraft der Beine allein nicht aus, so werden auch die Flügel mit zu Hülfe genommen, mehr um den Leib im Gleichgewichte zu halten, als um ihn vorwärts zu treiben. Zum Fliegen entschließt sich der Scharrvogel in der Regel nur, wenn er es unbedingt thun muß, wenn er laufend das Ziel seiner Wünsche und Absichten entweder nicht rasch oder nicht sicher genug erreichen zu können glaubt. Der Flug der meisten Arten erfordert viele, rasche Schläge der kurzen, runden Fittige, gestattet den sie bewegenden Muskeln keine Ruhepausen und ermüdet daher sehr bald. Aber auch in dieser Hinsicht gibt es Ausnahmen. Die Stimme ist stets eigenthümlich. Wenige Arten dürfen schweigsam genannt werden; die meisten schreien gern und viel. Von angenehmen Tönen wird aber wenig vernommen, falls man von dem Ausdrucke der Zärtlichkeit, welchen die Hühnermutter ihren Küchlein gegenüber anwendet, absieht und den eigentlichen Liebesruf des Hahnes allein berücksichtigt. Dieser Ruf wird zwar von den wortarmen Welschen Gesang genannt; wir hingegen wenden zu seiner Bezeichnung Ausdrücke, meist Klangbilder, [6] an, welche treffender sind: unsere Sprache läßt die Hähne »krähen, kollern, knarren, balzen, schleifen, wetzen, schnalzen, schnappen, worgen, kröpfen«; an Gesang denkt nicht einmal der Waidmann, in dessen Ohre die Laute mancher Hähne angenehmer klingen als der Schlag der Nachtigall.
Ueber die höheren Fähigkeiten läßt sich ebensowenig ein günstiges Urtheil fällen. Gesicht und Gehör scheinen scharf, Geschmack und Geruch wenigstens nicht verkümmert zu sein; über das Gefühl müssen wir uns des Urtheiles enthalten. Ein gewisses Maß von Verstand läßt sich nicht in Abrede stellen; bei sorgfältiger Beobachtung bemerkt man aber bald, daß derselbe nicht weit reicht. Die Scharrvögel beweisen, daß sie zwar ein gutes Gedächtnis, aber wenig Urtheilsfähigkeit haben. Sie lernen verstehen, daß auch sie von Feinden bedroht werden, selten aber zwischen diesen unterscheiden; denn sie benehmen sich den gefährlichen Thieren oder Menschen gegenüber nicht anders als angesichts ungefährlicher: ein Thurmfalk flößt ihnen dasselbe Entsetzen ein wie ein Adler, der Ackersmann dieselbe Furcht wie der Jäger. Fortgesetzte Verfolgung macht sie nur scheuer, nicht aber vorsichtiger, mißtrauischer, jedoch nicht klüger. Und wenn die Leidenschaft ins Spiel kommt, ist es mit ihrer Klugheit vorbei. Leidenschaftlich in hohem Grade zeigen sich alle, auch diejenigen, welche wir als die sanftesten und friedlichsten bezeichnen. Den Hennen wird nachgerühmt, daß sie sich zu ihrem Vortheile von den Hähnen unterscheiden; sie verdienen diesen Ruhm jedoch nur theilweise: denn auch sie sind zänkisch und neidisch, wenn nicht wegen der Hähne, so doch wegen der Kinder. Sie, welche ihre Küchlein mit erhabener Liebe behandeln, ihretwegen der größten und augenscheinlichsten Gefahr sich aussetzen, ihnen zu Liebe hungern und entbehren, welche selbst fremdartigen Wesen zur treuen Mutter werden, wenn dieselben durch die Wärme ihres Herzens zum Leben gerufen wurden, kennen kein Mitgefühl, keine Barmherzigkeit, kein Wohlwollen gegen die Kinder anderer Vögel, die Küchlein anderer Hennen: sie tödten dieselben durch Schnabelhiebe, wenn sie auch nur argwöhnen, daß die eigene Brut beeinträchtigt werden könnte. Im Wesen der Hähne tritt der Widerspruch zwischen guten und schlechten Eigenschaften noch schärfer hervor. Ihre Geschlechtsthätigkeit ist die lebhafteste, welche man unter Vögeln überhaupt beobachten kann: sie leisten in dieser Hinsicht erstaunliches, unglaubliches. Die Paarungslust wird bei vielen von ihnen zu einer förmlichen Paarungswuth, wandelt ihr Wesen gänzlich um, unterdrückt, wenigstens zeitweilig, alle übrigen Gedanken und Gefühle, läßt sie geradezu sinnlos erscheinen. Der paarungslustige Hahn kennt nur ein Ziel: eine, mehrere, viele Hennen. Wehe dem Gleichgesinnten! Ihm gegenüber gibt es keine Schonung, ihm zum Leide werden alle Mittel angewendet. Kein anderer Vogel bekämpft seinen Nebenbuhler mit nachhaltigerer Wuth, wenige streiten mit derselben nie ermattenden Ausdauer. Alle Waffen gelten; jedes Mittel scheint im voraus gerechtfertigt zu sein. Zum Kampfe reizen Schönheit und Stimme, Stärke, Gewandtheit und sonstige Begabung; gekämpft wird mit einer Erbitterung ohne gleichen, unter gänzlicher Mißachtung aller Umstände und Verhältnisse, unter Geringschätzung erlittener Wunden, glücklich überstandener Gefahr; gekämpft wird im buchstäblichen Sinne auf Leben und Tod. Im Herzen beider Kämpen herrscht nur das eine Gefühl: den anderen zu schädigen an Leib und Leben, an Ehre und Selbstbewußtsein, an Liebesglück und Liebeslöhnung. Alles wird vergessen, so lange der Kampf währt, auch die Willigkeit der Henne, welche dem Ausgange des Kampfes scheinbar mit der größten Gemüthsruhe zusieht. Die Eifersucht der Scharrvögel ist furchtbar, freilich auch begründet. Eheliche Treue ist selten unter den Hühnern. Die Henne verhält sich den Liebesbewerbungen des Hahnes gegenüber leidend, aber sie macht in ihrer Hingabe ebensowenig einen Unterschied zwischen diesem und jenem Hahne wie der Hahn zwischen ihr und anderen Hennen. Vielweiberei gibt es nicht unter den Thieren, vielmehr bloß Ein- oder Vielehelichkeit; wenn gesündigt wird gegen die Gesetze, welche wir heilige nennen, geschieht es von beiden Seiten. Der Hahn der Scharrvögel erscheint uns nur als der begehrlichere Theil; streng genommen treibt er es nicht ärger als die Henne: funfzehn bis zwanzig Eier im Jahre, welche befruchtet sein wollen, sind genug für einen weiblichen Vogel! Der Hahn aber bleibt, während die [7] Henne brütet, sich selbst überlassen, und die Versuchung tritt oft an ihn heran in Gestalt anderer Hennen, welche noch unbemannt sind; sein Gemüth ist empfänglich für jeden Vorzug des sanfteren Geschlechtes; er vergißt die eifrig brütende Mutter, und damit ist alles übrige erklärt.
Es wird später ersichtlich werden, daß vorstehende Schilderung nur für den Kern der Ordnung gilt. Alle Scharrvögel, welche zu Zweifeln hinsichtlich ihrer Verwandtschaft mit den Hühnern veranlassen, beweisen durch ihre Lebensweise, daß diese Bedenken gerechtfertigt sind. Ihr Wesen während der Paarung und ihr Fortpflanzungsgeschäft ist durchaus verschieden von dem soeben geschilderten; ich würde mich aber wiederholen müssen, wenn ich hierauf eingehen wollte.
Bei vielen Hühnern bekümmert sich der Hahn wenig um das Schicksal seiner Brut, bei anderen nimmt auch er am Brutgeschäfte regen Antheil. Im ersteren Falle überläßt er der Henne, die Eier zu bebrüten und die Jungen zu führen, stellt sich wenigstens erst dann wieder bei der Familie ein, wenn das langweilige Geschäft des Bebrütens glücklich beendet ist, und dient nunmehr als Warner und Leiter der jetzt zusammengehörigen Schar oder gesellt sich erst dann zu den Jungen, wenn diese erwachsen sind; im letzteren Falle wacht er vom erstgelegten Eie an für die Sicherheit der Mutter wie der Brut und setzt sich mit Vatertreue ersichtlichen Gefahren aus, in der Hoffnung, jene zu retten.
Weitaus die meisten Scharrvögel brüten auf dem Boden. Ihr Nest kann verschieden sein, wird jedoch niemals künstlerisch angelegt. Die Mutter beweist gewisse Sorgfalt in der Auswahl des Platzes, scheint es aber für unnöthig zu halten, das Nest selbst auszubauen. Da, wo die Gegend buschreich ist, wird die seichte Vertiefung, welche die Eier aufnehmen soll, unter einem Busche, da, wo es an Gebüsch mangelt, wenigstens zwischen höherem Grase oder im Getreide, jedenfalls an einem möglichst versteckten Orte, angelegt, so daß das Nest immer schwer aufzufinden ist. Viele Arten verwenden einige Reiserchen und auch wohl Federn zur Auskleidung, andere füttern die Mulde gar nicht aus. Das Gelege pflegt vielzählig zu sein. Die Eier sind verschieden, aber doch übereinstimmend gezeichnet. Viele Hühner legen einfarbige, reinweiße, grauliche, braungilbliche, bläuliche Eier, andere solche, welche auf ebenso gefärbtem oder röthlichem Grunde entweder mit seinen Pünktchen und Tüpfelchen oder mit größeren Flecken und Punkten von dunkler, oft lebhafter Färbung gezeichnet sind. Es will scheinen, als ob die Hühnermutter durch ihre treue Hingebung der Brut auch die Liebe des Vaters ersetzen wolle; denn es gibt keinen Vogel, welcher sich mit größerem Eifer seiner Nachkommenschaft widmet als eine Henne, und das schöne Bild der Bibel ist also ein in jeder Hinsicht wohlgewähltes. Die brütende Henne läßt sich kaum Zeit, ihre Nahrung zu suchen, vergißt ihre frühere Scheu und gibt sich bei Gefahr ohne Bedenken preis.
Die jungen Scharrvögel verlassen das Ei als sehr bewegungsfähige und überhaupt begabte Wesen. Sie nehmen vom ersten Tage ihres Lebens an Futter auf, welches die Alte ihnen bloßlegt, folgen deren Rufe und werden von ihr gehudert, wenn sie ermüdet sind oder gegen rauhe Witterung Schutz finden sollen. Ihr Wachsthum geht ungemein rasch vor sich. Wenige Tage nach dem Ausschlüpfen erhalten sie Schwingen, welche sie in den Stand setzen, zu fliegen, mindestens zu flattern; in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit erwachsen auch an anderen Stellen des Leibes Federn, anstatt der ersten buntfarbigen, immer aber dem Boden entsprechend gefärbte Dunen. Die Schwingen erweisen sich bald als ungenügend, die inzwischen größer gewordene Last des Leibes zu tragen, werden aber so oft gewechselt, daß sie ihre Dienste niemals versagen: der Fittig eines Huhnes, welches zum ersten Male die Tracht der ausgewachsenen Vögel seiner Art anlegt, hat einen drei- bis viermaligen Federwechsel zu erleiden. Bei den meisten Arten geht die Umkleidung schon vor Beendigung des ersten Jahres in die der alten Vögel über; andere hingegen bedürfen eines Zeitraumes von zwei und selbst drei Jahren, bevor sie als ausgefiedert gelten können. Jene pflegen sich bereits im ersten Herbste ihres Lebens zu paaren, brechen mindestens schon eine Lanze zu Ehren des anderen Geschlechtes; diese bekümmern sich, bevor sie erwachsen sind, wenig um die Weibchen.
[8] Die Scharrvögel haben so viele Feinde, daß nur ihre ungewöhnlich starke Vermehrung das Gleichgewicht zwischen Vernichtung und Ersetzung herzustellen vermag. Alle Raubthiere, große und kleine, stellen den Hühnern eifrig nach, und der Mensch gesellt sich überall als der schlimmste Feind zu den sozusagen natürlichen Verfolgern. Die Hühner sind es, welche allerorten zuerst und mehr gejagt werden als die übrigen Vögel zusammen genommen. Aber der Mensch hat auch bald einsehen gelernt, daß diese wichtigen Thiere sich noch ganz anders verwerthen lassen. Er hat schon seit altersgrauer Zeit wenigstens einige von ihnen an sich zu fesseln gesucht und sie von den Waldungen Südasiens über die ganze Erde verbreitet, unter den verschiedensten Himmelsstrichen, unter den verschiedensten Umständen heimisch gemacht. Es ist wahrscheinlich, daß er sich die brauchbarsten unter allen ausgewählt; es unterliegt aber auch keinem Zweifel, daß er viele von denen, welche gegenwärtig noch wild leben, unter seine Botmäßigkeit zwingen und in ihnen nützliche Hausthiere gewinnen können wird. Das Bestreben der Neuzeit, fremdländische Thiere bei uns einzubürgern, kann durch keine Thierordnung besser gerechtfertigt und glänzender belohnt werden als durch die Scharrvögel, deren Schönheit, leichte Zähmbarkeit und Nützlichkeit von keiner anderen Vogelgruppe übertroffen wird.